»Da ist etwas gewesen, das sehr viel Kraft hatte.«
Seit mehr als zwei Jahren ist das einst so lebendige Umfeld rund um die Sternbrücke eine Baustelle. Die Fotografin und Filmemacherin Helga Bahmer hat das Verschwinden dieses Orts mit der Kamera festgehalten. Ab dem 22. Mai sind ihre Arbeiten in der giraffentoast Gallery zu sehen. Wir zeigen schon jetzt eine Auswahl der Fotos und haben mit der Künstlerin gesprochen.
Untiefen: Unter dem Titel Krümmungsruck Sternbrücke nimmst du fotografisch die Transformation des Umfelds der Sternbrücke in den Blick. Was gab den Anstoß für dieses Projekt?
Helga Bahmer: Ich verbinde persönlich sehr viel mit der Sternbrücke. Als ich im Jahr 2000 aus der Provinz nach Hamburg kam, war ich von diesem Ort geflasht: Die kleinen Läden, die geschichtsträchtigen Backsteingebäude, die Kreuzung, die Menschen und die Clubs – das war für mich der Inbegriff von Urbanität. Ich habe London geliebt, und das sah für mich aus wie London. Vor etwa sechs Jahren wurde dann ja beschlossen, dass die Clubs da wegmüssen. Für mich war aber eher der Moment entscheidend, als vor zwei Jahren die Pfeiler für die Kabelhilfstrasse aufgestellt wurden. Für mich waren diese Pfeiler wie Aliens, die das ganze Stadtbild dort verändert haben. Das war der Moment, in dem ich dachte: Jetzt müsste ich anfangen zu fotografieren und diese Veränderung festzuhalten.
Das heißt, dir ging es nicht darum, den Zustand vor dem Abriss zu dokumentieren, sondern die Transformation selbst?
Ja, künstlerisch hat mich nicht das Schließen der Clubs interessiert, und auch der Abriss der Brücke interessiert mich nicht. Mich faszinierte diese Zwischenzeit, in der alles schon leer stand und immer mehr weggenommen worden ist von der Geschichte des Orts und von seiner Patina. Jetzt fotografiere ich den Ort nicht mehr, denn diese Zwischenzeit ist vorbei. Nur den Transport der neuen Brücke möchte ich gern noch aufnehmen, aber dann vermutlich eher auf Film, nicht mit Fotos.
Im Ankündigungstext zu deiner Ausstellung heißt es, »dass das Alte zur Nostalgie wird und das Neue noch ungewiss ist«. Welche Rolle spielt für dich das bewahrende Moment, das die Fotografie als Medium auszeichnet? Sind deine Fotos nostalgisch?
Nein, die sollen nicht nostalgisch sein. Ich will auch keine Nostalgie auslösen. Ich bin keine Nostalgikerin und auch nicht gegen Veränderung. Wenn so ein Infrastruktur-Knotenpunkt saniert werden muss, dann stehe ich dem gar nicht negativ gegenüber – auch wenn die Gründe im Fall der Sternbrücke natürlich sehr fragwürdig sind. Aber wenn Orte, die für die Stadtkultur wichtig waren oder sind, ausgemerzt oder verdrängt werden, wenn an ihrer Stelle so eine Art Leere entsteht, dann fühle ich mich berufen, das zu dokumentieren, damit nicht eine Art Amnesie eintritt. Die Räume, die Steine, die Kasematten, die noch die Spuren dessen tragen, was daraus einmal gemacht worden war, bilden ein Archiv. Dieses Archiv will ich weitertragen – und zwar so, wie ich das interpretiere: nicht rein dokumentarisch, sondern mit einer künstlerischen Haltung. Und ich will schließlich auch abfeiern, dass es diese Gegenräume gab.
Mit dem Archiv Sternbrücke der Fotografin Johanna Klier, das dieses Jahr mit dem Georg-Koppmann-Preis für Hamburger Stadtfotografie ausgezeichnet wurde, gibt es ein Projekt, das einen ähnlichen Ausgangspunkt nimmt, aber ästhetisch ganz anders vorgeht: Ihre Arbeit mit einer analogen Großbildkamera, ohne erhöhte Kontraste, Unschärfen oder extreme Perspektiven, nimmt einen genau registrierenden, objektiven Blick ein. Deine Fotos dokumentieren zwar auch, wählen aber eine viel stärker subjektive Perspektive. Wie bist du da vorgegangen?
Ich habe einen Blick gesucht, den nicht andere schon gefunden haben, einen eigenen Standpunkt und eine eigene Aussagekraft. Mir waren die Emotionen, die ich mit dem Ort verbinde, sehr wichtig. Und was mich sehr anzieht, ist eben das Gelebte, das Dreckige, das Verschlossene, manchmal auch das Skurrile. Das setzt sich dann oft in Farben um, ich habe aber auch viel mit Tiefenunschärfe gearbeitet. In der dokumentarischen Fotografie legt man sehr viel Wert darauf, dass der ganze Fotoraum scharf ist, von vorne bis hinten. Der subjektive Blick hingegen stellt manche Dinge scharf, andere nicht. Außerdem habe ich auch mit Abstraktionen gearbeitet. Und mich hat die Patina interessiert, die Oberflächen, die eben nicht glatt und super-HD sind, sondern die man auch erspüren kann und die, das hoffe ich jedenfalls, die Tiefenstruktur der Zeit transportieren.
Hervorstechend sind auch die ungewöhnlichen Perspektiven der Fotos: zum Beispiel, wenn auf einem Bild eine Art Matte sich wie ein Gletscher oder eine Lawine vom rechten oberen Bildrand in Falten nach links unten schiebt und man schwer ausmachen kann, aus welchem Material dieser Gegenstand ist und welche Funktion er eigentlich hat. Steckt darin eine Faszination nicht nur für das, was da einmal war, sondern auch für die teils bizarren Formen, die nur in diesem Moment der Transformation für kurze Zeit entstehen?
Das Bild, das du ansprichst, zeigt den Abriss des Sterngartens. Die Bilder von diesem Moment sind die einzigen Abrissbilder, die ich überhaupt aufgenommen habe, weil mich das persönlich so sehr mitgenommen hat. Noch ein paar Wochen zuvor hatte ich zusammen mit einer Freundin im Inneren des Gebäudes fotografiert und wir hatten festgestellt, dass es in gar keinem so schlechten Zustand war, man hätte es gut sanieren können. Es hat mir wirklich wehgetan, das abgerissen zu sehen, und dafür fand ich dieses Bild. Es ist eine Matte, die beim Abriss dazu diente, dass keine Trümmer auf die Straße fallen, sie sieht aber aus wie eine Welle, die das Haus überrollt hat.
Menschen sind auf deinen Bildern nur selten zu sehen. Warum?
Weil der Ort seine Lebendigkeit verloren hat. Die einzigen Momente, in denen da meinem Gefühl nach noch Leben existiert, sind die Kreiselkonzerte der Initiative Sternbrücke. Ansonsten ist da nicht mehr viel los. Leute stehen nicht mehr vor den Clubs oder vorm Kiosk, sie laufen nur noch vorbei. Für mich ist das inzwischen ein leerer Ort.
Deine Ausstellung trägt den Titel Krümmungsruck Sternbrücke. Im Begleittext wird erläutert, es handele sich um einen »Begriff aus der Trassierung«. Wofür steht dieser Titel?
Ein Krümmungsruck tritt auf, wenn man eine gekrümmte mit einer geraden Trasse verbindet und der Übergang dabei abrupt einsetzt. Mit Blick auf die Sternbrücke verstehe ich den Krümmungsruck als den Effekt des Versuchs, eine Krümmung, also einen subkulturellen oder alternativen Raum, zu begradigen. Ich habe in Mainz Fotografie und Umweltgestaltung am Fachbereich Kunst studiert und bin da mit Mike Davis und seiner kritischen Theorie der Stadtplanung und Urbanität in Kontakt gekommen. Das Studium ist lang her, die Details hatte ich vergessen, aber mir ist jetzt aufgefallen, dass ich von diesen Theorien immer noch imprägniert bin. Zum Beispiel von Davis’ These, dass die Bereinigung von Orten mit Geschichte, Orten, an denen soziale Aneignung passiert und an denen Subkultur entstehen kann, dazu dient, dass eine Stadt umfassender wirtschaftlich ausgenutzt werden kann. Wozu diese Ausnutzung führt, sieht man in Hamburg an der Elbtower-Ruine oder am brachliegenden Holstenareal. Orte wie die Sternbrücke stehen einer wirtschaftlichen Ausnutzung in dieser Form im Weg, die sind nicht clean genug. Im Begriff »Krümmungsruck« steckt die gewisse Aggressivität, die Gewalt dieser Begradigung, ähnlich wie in dem Lawinenbild.
Die neu zu planenden Flächen rund um die neue Sternbrücke (Ausschnitt). Quelle: Bezirksamt Altona
Nun wird an der Sternbrücke ja aber voraussichtlich kein Investor bauen. Die Grundstücke gehören dem Bezirk Altona, Anfang Mai begann ein öffentliches Beteiligungsverfahren. Gibt es nicht eine Chance, dass das Neue hier nicht notwendigerweise das Schlechte sein muss?
Es wird zwei nutzbare Flächen unter der neuen Brücke geben und drei Grundstücke im Umfeld der Brücke. Es gibt zwar ein Beteiligungsverfahren, aber was mit den Ideen und Wünschen der Anwohner:innen wirklich passiert, ist unklar. Vielleicht läuft es ja gut, die Stadt lernt aus ihren Fehlern und versucht, etwas Neues aufzubauen, das auch subversives Potential birgt. Und trotzdem finde ich es traurig, dass die alten Kasematten mit ihren Geschichtsspuren weg sind. Man hätte sie ja retten können. Ein Zweck meiner Ausstellung ist es auch, darauf hinzuweisen, dass es diese Räume gab und dass wir solche Räume, wo es sie in Hamburg noch gibt, erhalten können. Denn wenn wir sie verlieren, verlieren wir nicht nur Räume – wir verlieren die Ideen, wie wir leben wollen.
Sind deine Bilder also zwar nicht nostalgisch, aber traurig?
Traurigkeit kann schnell in Nostalgie kippen, und das will ich nicht unbedingt transportieren. Ich trauere natürlich um den Verlust dieses Ortes und es gibt manche Bilder, vor allem vielleicht die schwarz-weißen, die das auch zum Ausdruck bringen. Aber trotzdem ist es für mich vor allem ein Fest, dass es den Ort gab, dass der eine Energie hat, die immer noch ausstrahlt und Menschen bewegt. Da ist etwas gewesen, das sehr viel Kraft hatte.
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»KRÜMMUNGSRUCK STERNBRÜCKE« von Helga Bahmer Ausstellung in der giraffentoast Gallery (Kleiner Schäferkamp 28, 20357 Hamburg) 22. Mai – 6. Juni 2026
Vernissage: Freitag, 22.05.2026, ab 19 Uhr, mit Live-Musik von Deer Anna Am 30.05.2026 um 14 Uhr gibt es eine Führung (nur mit Anmeldung)
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Helga Bahmer lebt und arbeitet in Hamburg. Sie studierte Kunstfotografie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und spezialisierte sich später auf Dokumentarfilm an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Ihre Arbeit untersucht die Schnittstellen zwischen Identität, Stadtplanung und Architektur. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Frage: Wie prägen Orte und Politik die Menschen?
Interview zum Buch: »Versammlung der Mikropolitiken«
Ein neues Buch aus der Hamburger Recht-auf Stadt-Bewegung versammelt stadtpolitische Ideen zur Arbeit auf nachbarschaftlicher Ebene. Wir haben mit Lisa Zander und Marius Töpfer über das Buch gesprochen. Sie haben es gemeinsam mit Kayoung Kim und Thies Warnke herausgegeben und sind zugleich aktiv im Stadtteilzentrum Mikropol in Rothenburgsort.
»Versammlung der Mikropolitiken« erschien Ende 2025 beim Hamburger adocs-Verlag. Foto: adocs.
Vom Hamburger Netzwerk »Recht auf Stadt« ist in den letzten Jahren wenig zu hören gewesen. Jüngere Kampagnen zur Wohnungsfrage wie »Hamburg Enteignet« scheinen wenig Mobilisierungswirkung zu haben. Und das obwohl die Miet‑, Bau- und Grundstückspreise allein einen großen Teil der Stadtbevölkerung täglich ärmer machen. Ganz zu schweigen von immer unzuverlässiger werdender urbaner Infrastruktur, verdrängten Clubs und dem Verschwinden selbstgestalteter Räume und Freiflächen. Ist also die Bewegung für ein Recht auf Stadt in Hamburg auf dem Rückzug? Ein kürzlich von Hamburger Stadtteilaktivist:innen herausgebrachtes Buch bestreitet das. Im Hamburger adocs-Verlag erschien im Dezember 2025 »Versammlung der Mikropolitiken«. Es geht zurück auf ein Treffen internationaler stadtpolitischer Initiativen, das 2023 aus dem Mikropol in Rothenburgsort heraus organisiert wurde. Auf gut 200 Seiten vereint es Stadttheorie, Bewegungs-Selbstreflektion und photographische Einblicke in die verschiedenen Praktiken.
Den Herausgeber:innen zu Folge ist der stadtpolitische Aktivismus keineswegs verschwunden, er hat nur seine Form verändert. Er tritt nicht mehr offensiv politisch, sondern in Form von Nachbarschaftsinitiativen, Gesundheitszentren, Genossenschaften auf, die in ihren jeweiligen Vierteln ansetzen. Diese Form nennen sie mit den französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari »Mikropolitik«. Der in den 1960er Jahren geprägte Begriff brachte damals eine Kritik an den etablierten linken Politikansätzen zum Ausdruck. Statt Massenorganisationen wie kommunistische Parteien oder sozialistische Gewerkschaften rückte er die Bedeutung des alltäglichen Handelns für gesellschaftliche Veränderung in den Mittelpunkt. Wir haben mit Lisa Zander und Marius Töpfer, zwei der Herausgeber:innen, im Mikropol über ihr Buch gesprochen und darüber, was diese Kritik für heutige Stadtpolitik bedeuten kann.
Untiefen: Lisa und Marius, mit dem Projekt Mikropol in Rothenburgsort betreibt ihr Stadtaneignung abseits der Szeneviertel und außerhalb der erprobten linken politischen Formen. Mit eurem Buch spannt ihr über diese lokale Arbeit hinaus einen größeren Rahmen und verortet euer nachbarschaftliches Handeln international und auch theoretisch. Das Buch vereint sehr konkrete Berichte und Beschreibungen lokaler stadtpolitischer Praktiken mit theoretischen Reflektionen, darunter ein weitreichender Beitrag des spanischen Stadttheoretikers Kike España. Was war die Motivation, jetzt dieses Buch zu machen?
Lisa Zander: Die Versammlung, die in dem Buch dokumentiert wird, ist aus einem Buchclub rund um das Buch »Die sanfte Stadt« von Kike España entstanden. Kike schreibt dort in der Einleitung, dass er die theoretische Reflexion nicht höher bewerten möchte als das Aufräumen nach Veranstaltungen oder das Klo zu putzen – dass er es aber wichtig findet, Dinge festzuhalten und etwas zu haben, woran man diskutieren kann. Auch ein Buch von »rotor« aus Graz war wichtig für uns. Die haben auch nach einem Kongress Texte zusammengesammelt, die für uns plötzlich Praktiken von entfernten Leuten nah und zugänglich gemacht haben. Zum Beispiel vom Atelier d’Architecture Autogérée (AAA) aus Paris. Letztendlich war es bei uns auch so: Wir wollten unsere Arbeit reflektieren, festhalten und diskutieren was Mikropolitik ist und sein kann, damit andere anknüpfen können.
Marius Töpfer: Wie du anfangs sagtest, sind wir hier nicht in einem Szeneviertel. Auch deshalb liegt uns die theoretisch-konzeptionelle Arbeit am Herzen. Das was hier im Kleinen und etwas Abseits passiert, läuft ohne diese Reflexion vielleicht Gefahr, isoliert zu bleiben. Das theoretische Reflektieren und auch das in In-Beziehung-Setzten mit internationalen Projekten macht das Eigene dann auch größer und wirkmächtiger. Die Versammlung, zu der wir international eingeladen haben, hatte jedenfalls diesen Effekt auf unser eigenes Tun. Leute merkten auf einmal, was das für eine Dimension haben kann, in einem Toilettenhaus Nachbarschaftsarbeit zu machen. Weil wir unsere Arbeit in Beziehung gesetzt haben mit beispielsweise Initiativen wie »L’Après M«, die in Marseille einen McDonald’s besetzt haben und ihn jetzt selber betreiben.
Eröffnungstag der »Versammlung der Mikropolitiken«, 2023 am Mikropol. Foto: Miguel Ferraz.
Untiefen: Die Beiträge in eurem Buch betonen insgesamt sehr stark das Alltägliche und das Lokale als Ansatzpunkt der politischen Arbeit. Es geht viel um Nachbarschaften, um das Sich-Kennenlernen. Was ist für euch das Wichtige daran?
Marius Töpfer: Ich glaube, für uns ist das so wichtig, weil wir im Jetzt eine andere Zukunft herstellen wollen, eine andere Form des Stadtbewohnens, des Weltbewohnens. Das ist sehr stark im Alltag verankert. Und wir haben das hier in diesem Stadtteil als guten Modus gefunden, um zusammen zu arbeiten. Politisch zu arbeiten, obwohl man das vielleicht gar nicht von vornherein denkt, dass man das tut.
Lisa Zander: Wir glauben: wenn eine Veränderung nicht auf der kleinen Ebene funktioniert, dann funktioniert sie auch nicht im Großen. Für uns war in dieser Hinsicht auch »Beziehungsweise Revolution« von Bini Adamczak ein wichtiger Bezugspunkt. Wenn wir über andere Zukünfte nachdenken, dürfen wir nicht nur mit großen Würfen hantieren, sondern müssen prozesshaft denken und die Beziehungen im Kleinen verändern.
Marius Töpfer: Die großen Ziele sind bei uns natürlich trotzdem im Fokus. Wir wollten beispielsweise nie nur dieses kleine Toilettenhaus, sondern wir wollen ein großes Stadtteilzentrum für die Nachbarschaft. Das wollen wir von hier aus zusammen erproben, erstreiten, erleben. Und nicht zuletzt: der Fokus aufs Alltägliche ändert auch einfach etwas am Leben, es macht auch unser Leben besser.
Untiefen: À propos Stadtteilzentrum Rothenburgsort: Wenn ich die Entstehungsgeschichte des Mikropol richtig verstehe, wurde das Zentrum »Rothenburg« abgerissen, ohne einen Ersatz. Dort habt ihr eingehakt. Jetzt kommt aber ein neues Haus, habe ich das richtig gesehen? Wann wird das sein? Wie weit ist das?
Uns war noch etwas klar: statt nur zu fordern, organisieren wir das selbst.
Marius Töpfer: Das wird hoffentlich 2029 fertiggestellt. Es wird etwa 300 Meter Luftlinie von hier entstehen, beim Entenwerder Park, zwischen Branntwein Monopol und Holiday Inn. Ja, der Abriss war der Ausgangspunkt des Mikropol. Die »Rothenburg« wurde abgerissen, wir haben die Möbel genommen und auf dem Marktplatz wieder aufgebaut. Wie in einer Performance haben wir jeden Samstag dort gesessen, zusammen Platten gehört, Tee getrunken und uns ausgetauscht, wie es weitergeht. Eins war klar: es braucht ein Stadtteilzentrum in Rothenburgsort. Einen Ort, an dem sich Menschen begegnen, austauschen, organisieren können. Wir hatten unterschiedliche Ideen, wie bspw. das denkmalgeschützte und schon lange leerstehende Ensemble der ehemaligen Bundesmonopolverwaltung für Branntwein. Und uns war noch etwas klar: statt nur zu fordern, organisieren wir das selbst. Dafür brauchte es einen Ort. Das leerstehende Toilettenhaus war ideal. Seit dem ist das Mikropol ein Miniatur-Stadtteilzentrum, aber auch ein Testort, an dem wir rausfinden, was ein Stadtteilzentrum ausmacht und wie es organsiert sein kann. Wir halten das fest, bringen es auf eine neue Ebene und entwickeln so auch das Raumprogramm für das neue Haus.
Lisa Zander: Wir sind zwischendrin natürlich auch gut gescheitert. Es gab schon richtige Tiefpunkte. Seit Ende letzten Jahres aber sind die Architekten, die den Wettbewerb für sich entschieden haben, beauftragt, es wird gebaut werden.
Untiefen: Seid ihr am neuen Zentrum denn irgendwie beteiligt?
Lisa Zander: Eigentlich viel mehr als das. Wir konnten das Raumprogramm schreiben und wir haben einen Letter of Intent unterschrieben, dass wir den Betrieb organisieren werden. Uns war es wichtig, dass unsere Arbeit und das Engagement aus der Nachbarschaft auch in den Betrieb des Hauses mündet. Neben den Architekten arbeitet der Bezirk als späterer Eigentümer mit dem städtischen Immobilienunternehmen Sprinkenhof an der Umsetzung. Parallel dazu erarbeiten wir die soziale Struktur des Hauses und beschäftigen uns mit der Übersetzung des nachbarschaftlichen Zusammenlebens in das neue Haus.
Marius Töpfer: Und wir haben sogar eine kleine Finanzierung von der Stadt dafür, das die nächsten drei Jahre zu begleiten.
Untiefen: Das klingt sehr erfolgreich! Ich möchte nochmal auf das Verhältnis von »kleiner« und »großer« Politik kommen. Die Beiträge im Buch klammern das, was wir gewöhnlich unter Politik verstehen, weitgehend aus. Stadtplanung, Parlamente oder das Organisieren von Mehrheiten spielen keine Rolle im mikropolitischen Ansatz mit seinem starken Fokus auf das Alltägliche, den Stadtteil, die Nachbarschaft. Dabei ist Stadtteilarbeit doch, ob sie will oder nicht, Objekt von Stadtplanung, von Entscheidungen der Bürgerschaft, der Bezirksversammlung, und braucht in diesen Verhältnissen wohl oder übel Parteien, die ihre Anliegen aufgreifen. Der Diskurs um Mikropolitik scheint mir regelrecht politikfeindlich. Ist das nicht ein Irrweg, diese politischen Arenen einfach auszublenden, obwohl sie doch zur Herrschaftsstruktur in dieser Gesellschaft dazugehören?
Lisa Zander: Wir wollen uns gar nicht gegen große Versammlungen oder gegen soziale Politik aussprechen. Eher zeigt das Buch auf, dass es noch andere politische Formen gibt. Natürlich setzen wir uns permanent damit auseinander, was entscheidet die Bürgerschaft oder die Bezirksversammlung. Was ich wichtig finde, ist zu versuchen, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Die Parteien sind hier manchmal verwirrt davon, dass sich super viele Leute einig sind, dass das Mikropol wichtig ist und dass es so einen Ort in der Nachbarschaft braucht. Für solche Orte ist es sehr gefährlich, sich parteipolitisch festzulegen. Da kann man nur verlieren und gewinnen tun nur die Parteien. Als politikfeindlich würde ich den Diskurs aber auf keinen Fall bezeichnen.
Marius Töpfer: Um diesen Ort am Laufen zu halten, sind wir wahnsinnig viel mit Politik konfrontiert, müssen mit den Parteien sprechen, Anträge schreiben usw. Carola Veit, die Bürgerschaftspräsidentin, hat ihr Büro hier in Rothenburgsort. Mit ihr sprechen wir viel und sind im guten Austausch. Hauptsächlich aber als Nachbarin. Wir haben hier wenig Grundsätze, aber einer ist, dass im Mikropol keine Parteiveranstaltungen stattfinden. Alle sind aber eingeladen, als Nachbarn da zu sein.
Lisa Zander: Ich muss einfach nochmal ergänzen. Hier in der Nachbarschaft ist es auch so, dass wenig Leute überhaupt wahlberechtigt sind. Also dieses Versprechen, auf Parteipolitik einzuwirken, ist hier nicht unbedingt die Realität.
Untiefen: Ich verstehe, dass ein Nachbarschaftsort wie hier, wo es darum geht, sich kennenzulernen, sich nicht sofort in politische Spaltungslinien sortieren kann. Gleichzeitig spielt ja so ein Text wie der von Kike España doch mit einer größeren, radikalen gesellschaftlichen Veränderung. Es wird aber nicht klar, wie das Erzeugen von kleinen »Löchern« in der Stadt, wie er und ihr das nennt, mit einem Kampf um Hegemonie oder um radikale Veränderung in Zusammenhang steht. Da fehlt für mein Verständnis die politische Ebene. Es ist nachvollziehbar, auf Politik keine Lust zu haben, denn Politik bedeutet Konflikt. Drückt sich in dieser Politikferne der Mikropolitik eine Konfliktmüdigkeit aus, oder das Gefühl, dass politisch nur eine Katastrophe auf die nächste folgt?
Lisa Zander: Solche Fragen haben wir mit Kike nie disktutiert, da würde mich seine Antwort auch interessieren. Er schreibt ja vor dem Hintergrund der spanischen Munizipalismusbewegung. Daher kommt die Idee, aus kleinen Versammlungen die größeren Veränderungen zu erzeugen. Ich bin davon überzeugt, dass es Veränderungen in der Stadt zum Beispiel in Barcelona rund um diese Bewegung gab, z.B. dass AirBnB verdrängt wurde.
Untiefen: Weil du gerade Barcelona angesprochen hast: Dort ist auch das Konzept der »Sorgenden Stadt« entstanden, dass Reproduktionsarbeit und Sorge in den Mittelpunkt der Stadtplanung stellt. Ist das für euer Verständnis von Mikropolitik ein Bezugspunkt?
Lisa Zander: Ja, für mich ist das ein Bezugspunkt, ich habe mich viel auch theoretisch mit Reproduktionsarbeit beschäftigt und damit, wie die Stadtplanung die Teilung von Öffentlich und Privat beeinflusst. Deswegen funktioniert das Mikropol auch an dieser Schnittstelle von öffentlichem Raum und privatem Raum: es braucht diese Räume, die irgendwas dazwischen sind und die auch sorgende Arbeit ermöglichen – und sei es, miteinander Tee zu trinken. Aber die Idee einer »sorgenden Stadt« geht natürlich noch viel mehr an die Substanz der Stadt.
Untiefen: In eurer Einleitung schreibt ihr, dass die Recht auf Stadt-Bewegung sich erschöpft hat, nicht mehr mobilisieren kann, und es jetzt andere Formen gibt, in denen sich emanzipatorisch mit Stadt auseinandersetzt wird. Verfolgt Mikropolitik auch andere Ziele als die Recht auf Stadt-Bewegung oder ist sie Teil von ihr und hat sich nur in der Form gewandelt?
Marius Töpfer: Lisa, widersprich mir gern, aber ich denke, Mikropolitik ist Teil der Recht auf Stadt-Bewegung. Wir sind da schon lange dabei. Wir schreiben auch nicht, dass sich die Recht auf Stadt Bewegung erschöpft hat, sondern, dass es ruhiger geworden ist und, dass sich die Formen gewandelt haben. Die Formen haben sich aber auch deswegen gewandelt, weil uns jetzt auf einmal Häuser gehören. Und jetzt muss sich um diese Häuser gekümmert werden. Das Gängeviertel existiert, ist gesichert, muss aber betrieben werden, die Fux-Kaserne existiert, muss aber betrieben werden. Die Bewegung für ein Recht auf Stadt ist nicht weg, nur weil es nicht mehr jedes Wochenende die Riesenbanner im Pauli-Stadion gibt oder die Demoraves durch St. Pauli ziehen. Das hat etwas mit dem angesprochenen Care-Gedanken zu tun. Vielleicht können wir Mikropolitiken als Care im Rahmen dieser etablierten Strukturen und Versammlungen verstehen. Und andersherum: Wenn es diese Sorgearbeit nicht gegeben hätte, hätte es die großen Versammlungen auch nicht gegeben.
Lisa Zander: Liz und Petra, die ich für das Buch interviewt habe, sagen immer, wenn nicht alle wüssten, wie man sich umeinander sorgt bzw. es nicht tun würden, dann hätten die großen Demonstrationen auch nicht stattgefunden. Und deswegen haben Mikropolitik und Bewegung miteinander zu tun. Aber es gibt einen anderen Fokus: Weniger »Was wollen wir fordern?«, sondern: »Wie sind wir miteinander?«
2024 lief der Dokumentarfilm Antifa – Schulter an Schulter, wo der Staat versagte im Kino. Jetzt ist er auf DVD erschienen. Der Film bietet einen Einblick in die Geschichte der Antifa-Bewegung der Neunziger. Die Zeit vor 1990, in die auch Hamburgs ›Baseballschlägerjahre‹ fallen, kommt dabei jedoch zu kurz.
»Bis zur Wiedervereinigung zeigten nur Schrebergärtner und Neonazis Deutschlandfahnen, dann liefen plötzlich fast alle mit Schwarz-Rot-Gold rum«, erinnert sich Navid, der sich schon vorher, in den Achtzigern, als Kind mit Rassismus auseinandersetzen musste: »Ich bin ja ein Schwarzkopf.« Dazu wird ein altes Ausweisfoto eingeblendet. Navid ist aktiv in der radikalen Linken, war seit dem Gründungsjahr 1990 bis zur Auflösung der Gruppe 2004 Mitglied in der Göttinger Autonomen Antifa M, die in den neunzigre Jahren sehr präsent war.
Fünf antifaschistische Perspektiven
Navid ist einer von fünf in den neunziger Jahren in staatsfernen antifaschistischen Selbstorganisierungen Aktiven, die für den Dokumentarfilm Antifa – Schulter an Schulter, wo der Staat versagte interviewt wurden. Alle fünf sind bis heute politisch aktiv, die Interviews mit ihnen sind das Rückgrat des Films. Sie reden offen darüber, was sie gemacht haben und warum. Die meisten von ihnen sind dabei auch selbstkritisch, alle fünf sind daran interessiert, ihre Erfahrungen zu teilen, und machen sich Gedanken über eine Weiterentwicklung antifaschistischer Aktivitäten.
Da ist Torsten, der sich als Jugendlicher in Quedlinburg in Sachsen-Anhalt gegen die Nazis im Ort organisierte, um sich ihrer Angriffe erwehren zu können. Laura ist in Ostberlin aufgewachsen und »von Geburt an politisch, weil ich in eine jüdische Familie geboren wurde«. Ein paar Monate nach dem Zusammenbruch der DDR stand an die Wand des Konsums bei ihr im Stadtteil der Name ihres Großvaters geschrieben, mit dem Zusatz: »Vergessen in Auschwitz zu vergasen«. Sie warnte bereits Jahre vor der Selbstenttarnung des NSU 2011 in einem Artikel vor kleinen Terrorzellen aus der Neonaziszene. Kessy ist seit 1998 in Kreuzberg in den Bereichen Recherche und Archivierung im apabiz tätig, dem Mitte der achtziger Jahre in Berlin gegründeten Antifa-Pressearchiv. Auf dessen Materialien griffen viele Medien zurück, als der NSU plötzlich auch in der weiteren Öffentlichkeit Thema war. Nina war bis 1995 in der schleswig-holsteinischen Kreisstadt Rendsburg in der Antifa aktiv, auch in der Vernetzung im nördlichsten Bundesland. Seitdem wohnt sie in Hamburg, und ist dort aktiv. Im Film ist sie auf antirassistischen Demonstrationen in Hamburg in der Jetztzeit zu sehen: All refugees welcome. Und dann ist da der bereits erwähnte Navid, der von Göttingen aus auch an der AA/BO beteiligt war, der ab 1992 von Gruppen aus elf Städten getragenen Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation.
Die fünf Interviewten geben gerade durch ihre Unterschiedlichkeit gute Einblicke in die Sichtweisen und das Herangehen staatsferner Antifagruppen in den neunziger und nuller Jahren. Schade ist, dass dabei nicht das gesamte Spektrum radikal-linker Antifa zu sehen ist – die eigenständige migrantische Antifaorganisierung rund um Antifaşist Gençlik kommt ebenso wenig vor wie die feministische Fantifa, traditionslinks, gewerkschaftlich oder antideutsch orientierte Zusammenhänge. Aber das große Verdienst des Filmes ist es, an die Antifa der Neunziger zu erinnern und Protagonist:innen selbst zu Wort kommen zu lassen.
»dann liefen plötzlich fast alle mit Schwarz-Rot-Gold rum«: Navid (Filmstill).
Im Visier von Staat und Nazis
Darüber hinaus waren die Filmmacher in linken Film-und Videoarchiven unterwegs und haben einiges auf Magnetbändern in VHS-Kassetten aufgenommenes Material und analoge Schwarz-Weiß-Fotos in ihre Dokumentation montiert. Antifa-Aktivitäten stehen dabei nicht im Zentrum – von denen gibt es nur wenig Filmmaterial, weil immer die Verfolgung durch den Staat oder durch als »Anti-Antifa« tätige Neonazis drohte. Die gegenüber Neonazis meist untätige Staatsgewalt fand die Aktivitäten linker Antifagruppen oft verdächtig.
Navid schildert etwa das Ermittlungsverfahren gegen die Autonome Antifa M. Die war in Göttingen und Südostniedersachsen mit ihrer verbindlichen Organisierung, offensiven Bündnispolitik und Öffentlichkeitsarbeit erfolgreich und initiierte die größte autonome Organisierung der neunziger Jahre: die AA/BO, ein bundesweiter Zusammenschluss mit Ortsgruppen in vielen Städten. Im Juli 1994 wurden 15 Wohnungen, der linke Buchladen Rote Straße (der sich, wie sich gerade gezeigt hat, offenbar immer noch im Visier des Verfassungsschutzes befindet) und ein Büro des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) in Göttingen durchsucht und Unmengen von Material beschlagnahmt.
Zunächst ermittelte die Polizei wegen des haltlosen Vorwurfs der Bildung einer terroristischen Vereinigung, der später in den Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung umgewandelt wurde. Ermittlungen nach dem zugrunde liegenden § 129 StGB ermöglichen den Einsatz verdeckter Ermittler:innen und die umfassende Ausforschung der Verdächtigten. Gegen erst 34, dann doch ’nur‹ 17 Antifas wurde Anklage erhoben. Die Verfahren wurden allerdings gegen Zahlungen von Geldstrafen eingestellt. Navid schildert die Ermittlungen und die Anklage als massive Beeinträchtigung antifaschistischer Arbeit: Man telefonierte nur noch aus Telefonzellen, es gab vereinbarte Codewörter, schriftlich wurde so wenig wie möglich festgehalten, fotografisch/filmisch überhaupt nichts Internes.
Antifaschistischer Selbstschutz
Die Ostberlinerin Laura ist leider nicht selbst zu sehen, sondern wird von einer Schauspielerin nachgesprochen. Denn Laura sagt selbst über sich im nachgesprochenen Text: »Wenn ich vor die Tür ging, war ich immer bewaffnet, denn ich war klein und schmächtig.« An anderer Stelle erklärt sie, dass sie, wenn sie in Brandenburg in etwas außerhalb von Berlin gelegenen Kleinstädten wie Ludwigsfelde oder Königswusterhausen aus dem Zug stieg, »sofort 50 Nazis an der Backe hatte«. Sie beschäftigte sich selbst damit, Nazistrukturen auszuforschen, ihre Treffen zu beobachten und zu fotografieren. Und sie gab sich unter falschem Namen als Nazisympathisantin aus.
Um mit Nazis schreiben zu können, ohne ihre wirkliche Adresse preiszugeben, klebte sie ihren falschen Namen auf ungenutzte Briefkästen leerstehender Wohnungen. Auf diesem Weg kam sie auch an Listen der Anti-Antifa mit Namen und Anschriften von Nazi-Gegner:innen. Diese Listen waren gefährlich – öfters kam es dazu, dass Nazis dort Genannte an ihren Adressen angriffen, Autos beschädigten, Wohnungsfenster einwarfen.
Torsten schildert die Angriffe von Neonazis in seinem Alltag als Jugendlicher in den neunziger Jahren in Quedlinburg so anschaulich, dass die Selbstverständlichkeit, mit der er vom organisierten Selbstschutz spricht, absolut naheliegend ist. Um nicht darauf zu warten, wieder angegriffen zu werden, fingen Torsten und andere Antifas an, in Gruppen sofort dorthin zu fahren, wo ihnen ein Überfall in der Kleinstadt gemeldet wurde, um dort »eine Ansage zu machen«. Einmal wurde ein Konzert im Nachbarort abgebrochen, als eine größere Naziansammlung das Jugendzentrum überfallen wollte. Alle Konzertbesucher:innen kamen den Überfallenen zu Hilfe und prügelten sich mit den Nazis. Diese Gegenwehr hinterließ bei den Angreifern Eindruck, »davon konnten wir eine Zeitlang zehren«, meint Torsten.
Kessy, die beim apabiz Material über und von Nazis sammelt und auswertet, erinnert sich an eine fantasievolle Aktion, mit der sie Daten von Nazis herausbekamen, von denen sie bis dahin nicht die Namen, sondern nur die Wohnadressen kannten: Ein Kollege war für die Berliner Morgenpost als Abowerber unterwegs und kam an deren Werbejacken ran. Dann »bastelten wir uns ein Formular, wo man für ein halbes Jahr ein Gratisabo der Morgenpost gewinnen konnte – und die Nazis gaben in der Hoffnung auf einen Gewinn ihre Adressen an«.
»weiterhin richtig, Antifaschistin zu sein«: Nina (Filmstill).
Die Debatte um Militanz
Kessy spricht aber auch an, dass manchmal einige Antifas »frei drehten«, wenn es um Militanz gegen Nazis ging: »Da fragte ich mich schon, wissen die eigentlich, wogegen und wofür sie jetzt da stehen?« Sie sei froh gewesen, wenn sich andere in Konfrontationen körperlich wehren konnten – was sie nicht konnte. Aber die Gewaltfrage, sie ging eben über das Verhalten zur Selbstverteidigung hinaus. Navid erzählt, dass sie einmal ein Mitglied ausschließen mussten – es hatte bei einer Auseinandersetzung noch auf den Kopf eines am Boden liegenden Nazis eingetreten. Er betont den Gruppenkonsens: niemandem einen bleibenden Schaden zufügen, niemanden körperlich fürs Leben schädigen.
Auch Torsten betont die Grenze zwischen militantem Selbstschutz und Selbstverteidigung einerseits, Schädigung und Erniedrigung andererseits. Als einmal ein bereits entkleideter Nazi, der orientierungslos durch ein Gleisbett lief, weiter beworfen worden sei, sei er dazwischen gegangen. Torsten zieht hier auch eine Linie zu den Vorwürfen, die vor Gericht gegen die angebliche Gruppe um die angeklagte Antifa Lina aus Leipzig erhoben wurden: Nazis angreifen um sie zu schädigen. Selbstjustiz. Überschreitet man mit solchen körperlichen Angriffen nicht eine Grenze?, fragt sich Thorsten. Und er erklärt nachdenklich: Heute kann ich keine Nazis jagen – dann müsste ich mich ja durch die Stadt prügeln, bei den ganzen AfD-Wählern. Leider bremsen die Regisseure eine Debatte hierzu aus – und schneiden hinter Torstens Nachdenklichkeit eine von Nina geäußerte Plattitüde: Natürlich sei es weiterhin richtig, Antifaschistin zu sein.
Migrantische Selbstorganisierung
Dass das Thema hier nicht vertieft wird, ist eine verpasste Gelegenheit, schließlich wurde die Debatte um Gewalt und Gegengewalt in der Antifa der neunziger Jahre schon intensiv geführt. Auch deshalb wäre es lohnend gewesen, die Perspektive der damaligen Berliner Antifaşist Gençlik einzubeziehen. Am 4. April 1992 attackierten Antifaschist:innen in Berlin ein Treffen der neofaschistischen Partei Deutsche Liga für Volk und Heimat (DLVH). Im Laufe der Auseinandersetzung wurde deren Funktionär Gerhard Kaindl erstochen. Mehrere andere Nazis wurden verletzt.
Polizei und Staatsschutz ermittelten gegen das Umfeld von Antifaşist Gençlik wegen Mordes und sechsfachen Mordversuchs. Die Gruppe löste sich unter dem Repressionsdruck auf. 1994 wurden sieben Antifas angeklagt; drei wurden wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu jeweils drei Jahren Haft verurteilt, zwei weitere zu Bewährungsstrafen. »Der ›Fall Kaindl‹ wurde in der autonomen Antifa-Bewegung der 1990er-Jahre breit diskutiert – mehrere Antifa-Broschüren befassten sich intensiv mit den politischen und juristischen Folgen sowie mit ethischen Fragen von antifaschistischem Selbstschutz, von Militanz und ihren Grenzen«, heißt es dazu prägnant auf dem Blog anarchismus.at.
Die Perspektive von Antifaşist Gençlik hätte aber auch darüber hinaus einen tieferen Einblick in die migrantische Selbstorganisierung gegen Neonazis und rassistische Gewalt ermöglicht, die im Film mehr Raum verdient gehabt hätte. Eine gute Ergänzung zum Film ist daher die von Gürsel Yıldırım kuratierte Wandzeitung »Migrantischer Widerstand im Hamburg der 90er Jahre«, die auf zwölf Tafeln auch über Hamburg hinaus kompakt informiert und als Wanderausstellung schon in vielen deutschen Städten zu sehen war. Aktivistischer Antirassismus und Antifaschismus sind hier miteinander verbunden.
»davon konnten wir eine Zeitlang zehren«: Torsten (Filmstill).
Recherche oder Kampfsport?
Ein großes Verdienst des Films ist es, die antifaschistische Recherchearbeit in den Vordergrund zu stellen, die stets mehr war und ist als mühsame Aufklärung, nämlich Analyse der Nazinetzwerke und Kritik der Untätigkeit des Staates. Im öffentlichen Bild der Antifa gerät dieser meist wenig spektakuläre Aspekt fast nie in den Blick. Wenn sich Gruppen auf Antifatreffen gegenseitig Fotoalben zeigen, um Informationen zu den Gesichtern auszutauschen, kann das etwas von Briefmarkensammlervereinen haben und entspricht nicht dem verbreiteten Bild vom militanten Antifaschismus. Antifa-Arbeit ist zum allergrößten Teil gewaltfrei.
Im Film wird allerdings mehr über Kampfsportübungen geredet als über diese wichtige Frage. Die Darstellung, dass sich aktive Antifas häufig an Kampfsporttraining zur Selbstverteidigung beteiligen würden, verstärkt der Film noch dadurch, dass Navid in einem Kampfsporttrainingsraum interviewt wird. So vermittelt der Film den fatalen Eindruck, dass aktive Beteiligung an Antifagruppen nur etwas für junge, sportliche Leute sei und reproduziert ein vor allem aus feministischer Perspektive seit Langem kritisiertes Selbst- und Fremdbild der Antifa.
Hamburgs Baseballschlägerjahre
Ärgerlich ist, wie der Film mit Archivmaterial linker Medienzentren und Ausschnitten aus Dokus umgeht: Da werden etwa Aufnahmen aus dem Film »Red Cops« des selbstorganisierten Medienpädagogischen Zentrums (MPZ) aus Hamburg hineinmontiert. Die Red Cops waren eine Jugendgruppe aus Bergedorf, in den achtziger Jahren ein Schwerpunkt der Naziskinhead-Szene. Dagegen organisierten sie sich als Gegenwehr. Die Red Cops waren Teil einer Jugendbewegung in Hamburg, die sich nach der Ermordung Mehmet Kaymakçıs im Juli 1985 und Ramazan Avcıs im Dezember desselben Jahres durch Naziskins herausbildete – und die, anders als die Naziskinbewegung, von der Hamburger Polizei noch vor 1989 zerschlagen wurde.1An die für die Community der Eingewanderten aus der Türkei bis heute präsente Ermordung von Ramazan Avcı erinnert eine Initiative und ein Gedenkort, vgl. dazu das Interview des Autors mit Perihan und Ünal Zeran: »Die Ermordung von Ramazan Avcı war ein Wendepunkt in der Migrationsgeschichte.« Graswurzelrevolution 357, März 2011.
Diese Kontextualisierung des Archivmaterials wäre wichtig gewesen, weil sie zeigt, dass es in Westdeutschland auch schon vor 1989 Terror von Neonazis gab. Nicht ohne Grund war hier bei Untiefen und danach auch im Buch von Felix Krebs und Florian Schubert von »Hamburgs Baseballschlägerjahren« die Rede. Es war der – in Hamburg besonders virulente – rechte Terror der achtziger Jahre, auf den Nazikader dann im nationalen Coming Out nach der Wiedervereinigung und dem Ende der alliierten Aufsicht über Deutschland aufbauten.
Eine historische Einordnung fehlt auch zu den im ersten Teil des Films gezeigten Filmausschnitten von Naziversammlungen, so dass nicht deutlich wird, dass Naziaktivitäten von Beginn an zur Bundesrepublik Deutschland (und unterschwellig auch zur DDR) gehörten. Auch die Antifa-Aktivitäten insbesondere der siebziger und achtziger Jahre werden nicht benannt, obwohl die Ansätze der Neunziger im Westen daran anschlossen. So ging etwa die Antifa-Aktivität des Kommunistischen Bundes (KB) in Hamburg in den siebziger Jahren kontinuierlich gegen die von Michael Kühnen mit seinen Adjutanten Christian Worch und Thomas Wulff geführte »Hansabande« vor, die 1983 verbotene »Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten« (ANS/NA). Nachzulesen ist dieses wichtige Kapitel der Antifa-Geschichte in der von der Antifa-Kommission des 1991 aufgelösten KB 1994 veröffentlichten Broschüre 1974–1994: 20 Jahre Neonazis in Hamburg.
»wissen die eigentlich, wogegen und wofür sie jetzt da stehen?«: Kessy (Filmstill).
Rassistische Pogrome
Den thematischen Einstieg des Films bilden die pogromartigen Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und Wohnheime für migrantische Arbeitende Anfang der Neunziger. Zu den Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991 ist ein Ausschnitt aus einem Videointerview mit einem damaligen Bewohner zu sehen: Er schildert die Ablehnung durch die eingesessene Bevölkerung. Und wie er und die anderen Bewohner:innen sich gegen von Nachbar:innen unterstützte Angriffe von Nazis verteidigen.
Der Film beginnt mit der über Tage andauernden gewalttätigen Belagerung der Zentralen Aufnahmestelle (ZASt) und dem direkt angrenzenden Arbeiterwohnheim in Rostock-Lichtenhagen 1992. Gezeigt werden auch die schockierenden Bilder des brennenden Hochhauses mit der prägnanten Sonnenblumenseitenfassade, wo Nazis unter dem Beifall von versammelter Nachbarschaft Molotow-Cocktails in die unteren Wohnungen werfen.
Nina erzählt im Interview, wie sie im Fernsehen die Bilder der Angriffe gesehen habe und wie sie mit ein paar Antifas in zwei Autos kurzentschlossen aus Rendsburg nach Rostock gefahren seien. Hier wird deutlich, was praktische antifaschistische Solidarität bedeutet. Was im Film aber völlig fehlt, ist die Erfahrung der Ohnmacht, die sowohl die örtlichen Antifas vom 1991 gegründeten Jugendalternativzentrum (JAZ) als auch die wenigen Angereisten machten.
Rostock-Lichtenhagen als Zäsur
Zu diesen angereisten Antifas gehörte auch der Autor. Mit drei Autos waren Aktive des »Antirassistischen Telefons« und der Gruppe K aus Hamburg losgefahren. Vor Ort war die Situation niederdrückend. Tagsüber traute sich kein Antifa, in Rostock-Lichtenhagen zu demonstrieren: gegen große Teile der Bevölkerung, die, auch durch die Passivität der aus Hamburg angereisten Hundertschaften der Polizei, des aus Hamburg stammenden Rostocker Polizeipräsidenten und des Innenministers von Mecklenburg-Vorpommern motiviert, ungehemmt rassistisch agierten?
Für mich war Rostock-Lichtenhagen eine Zäsur. Davor richtete sich Antifa gegen Nazikadergruppen und ‑schläger. Danach ging es gegen die nationale deutsche Mehrheitsmeinung. Am Sonntagabend, dem 23. August 1992, standen rund 3000 Deutsche vor der ZASt und dem Arbeiterwohnheim, grölend und klatschend, während Steine und Molotowcocktails geworfen wurden. In der Nacht auf Montag, nachdem die Angriffe abgeflaut waren und die Belagerung zum Schlafen unterbrochen wurde, gab es dann eine kleine Antifa-Demo, vielleicht 200 Leute. Die Einzigen, die von uns Notiz nahmen, war die Polizei, die einige Antifas verhaftete.2Über die ganze Entwicklung in Rostock-Lichtenhagen hat eine Gruppe aus dem JAZ Rostock 1992/93 mit Unterstützung des alternativen englischen Fernsehsenders Channel Four den Film „The Truth Lies in Rostock“ gedreht und montiert, der auf YouTube kostenfrei streambar ist.
Danach ging es gegen die nationale deutsche Mehrheitsmeinung. Rostock-Lichtenhagen, 2013. Foto: Timur Y/Wikimedia Commons.
Rostock-Lichtenhagen nicht als Niederlage gegen die deutsch-nationale, übermächtige Gewalt zu benennen, ist ein Fehler, durch den die Erzählung des Films zu glatt wird. Für die Herausbildung einer antideutschen Orientierung bei vielen radikalen Linken und Antifas in den neunziger Jahren war die Debatte um Konsequenzen aus dieser Niederlage prägend. Die Debatte um antideutsch oder antiimperialistisch grundierten Antifaschismus führte 2004 zur Aufteilung der Göttinger Autonomen Antifa M in zwei Nachfolgegruppen.3Beide Gruppen bestehen bis heute: die antinationale Antifagruppe redical M und die Antifaschistische Linke International. Schon 2001 hatte sich die AA/BO aufgelöst, es folgten inhaltliche und organisatorische Neuorientierungen, oft entweder in Richtung Interventionistische Linke oder zum ebenfalls bundesweiten Bündnis Ums Ganze.
Obwohl der Film manche Aspekte der Antifa-Geschichte zu glatt zieht und der historischen Genese des rechten Terrors der neunziger Jahre zu wenig Aufmerksamkeit schenkt, ist er ein lohnender und bewegender Blick zurück. Dass vieles im Film nur angerissen werden kann, was sich zu vertiefen lohnt, ist auch den Filmemachern des linken Kollektivs leftvision bewusst. Es ist sehr daran interessiert, den Film für Veranstaltungen in linken Räumen zu verleihen, damit er auch im Rahmen von Debatten zur Auseinandersetzung mit der Geschichte der Antifa-Bewegung gezeigt wird. Jetzt kann der Film außerdem auch zur privaten Nutzung auf DVD erworben und für wenig Geld als Stream geliehen werden.
Gaston Kirsche, März 2026
Der Autor bewegte sich seit 1976 bis 1991 organisiert im Milieu des Kommunistischen Bundes in Hamburg und war in den neunziger Jahren in der antideutschen Gruppe K aktiv, danach in der gruppe demontage, ebenfalls in Hamburg.
An die für die Community der Eingewanderten aus der Türkei bis heute präsente Ermordung von Ramazan Avcı erinnert eine Initiative und ein Gedenkort, vgl. dazu das Interview des Autors mit Perihan und Ünal Zeran: »Die Ermordung von Ramazan Avcı war ein Wendepunkt in der Migrationsgeschichte.« Graswurzelrevolution 357, März 2011.
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Über die ganze Entwicklung in Rostock-Lichtenhagen hat eine Gruppe aus dem JAZ Rostock 1992/93 mit Unterstützung des alternativen englischen Fernsehsenders Channel Four den Film „The Truth Lies in Rostock“ gedreht und montiert, der auf YouTube kostenfrei streambar ist.
Seit der Präsentation des Entwurfs für den Opernneubau scheint die Kritik an den Plänen verstummt zu sein. Offenbar überzeugt die Oper auch durch das Angebot eines öffentlichen Parks. Unter dem Grün verschwindet jedoch nicht nur die NS-Vergangenheit Kühne + Nagels. Auch sind – wie der sogenannte »Grüne Bunker« zeigt – erhebliche Zweifel an dem Versprechen einer Freifläche für alle angebracht.
Wer die öffentliche Ausstellung im sogenannten Infocenter der HafenCity Hamburg GmbH betritt, möchte meinen, sich in der Tür geirrt zu haben. Das dortige Gruselkabinett stadtplanerischen Scheiterns wirkt doch eher wie eine Schauergeschichte aus dem nicht weit entfernten Hamburger Dungeon. So begrüßt die Ausstellung ihre Besucher:innen mit einem Aufsteller über eine prominente Bauruine: »Mit 245 Metern wird der Elbtower der SIGNA Prime Selection AG das höchste Gebäude in Hamburg«, heißt es dort nach wie vor – obwohl SIGNA längst insolvent ist und die Turmbaupläne schon auf 199 Meter gestutzt wurden. Rechts davon lobt ein weiterer Aufsteller die »Neuintepretation Hamburger Werte und Kultur«, die das Westfield Einkaufszentrum vorgenommen hätte. Feierte es zwar nach einiger Verzögerung im Frühjahr 2025 seine Eröffnung, gab es doch reichlich Kritik an dem Bau – nicht nur an seinem »gestalterische[n] Stumpfsinn« (Die ZEIT), sondern auch und vor allem an den katastrophalen Arbeitsbedingungen auf der Baustelle, denen mindestens sechs Arbeiter zum Opfer fielen.
Nun zeigt das Infocenter die Entwürfe des Architekturwettbewerbs für die Oper, die auf dem nahegelegenen Baakenhöft entstehen soll. Und es wäre zu hoffen, dass dieses Projekt sich bald in das Gruselkabinett stadtplanerischen Scheiterns einreiht, idealiter gar nicht erst gebaut wird. Seit der umjubelten Präsentation des Siegerentwurfs scheint das jedoch in weite Ferne gerückt zu sein. Die zuvor noch lautstark zu vernehmende Kritik an der Oper ist nahezu verstummt. Weder waren auf der Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag kritische Fragen zu hören, noch überwog in der anschließenden Berichterstattung der Zweifel daran, ob Hamburg eine neue Oper braucht. Und – wird letzteres bejaht – ob sie an dem vorgesehenen Ort errichtet und dann auch noch von Klaus-Michael Kühne beziehungsweise von dessen Stiftung finanziert werden sollte.
Karte aus dem Jahr 1912 (Ausschnitt): Markiert sind rechts der Schuppen 25, oben der Hannoversche Bahnhof und unten links der Baakenhöft, auf dem heute die Oper gebaut werden soll.
Neben dem undemokratischen Verständnis einer Stadtplanung im Hinterzimmer und der kolonialen Vergangenheit des Ortes, an dem die Oper gebaut werden soll, war insbesondere die nichtaufgearbeitete GeschichteKühne + Nagels ins Blickfeld der Debatte um die Opernpläne geraten. Nachweislich hatte das Logistikunternehmen im Nationalsozialismus von der Verfolgung der europäischen Jüdinnen und Juden profitiert. Teile des von Kühne + Nagel transportierten Raubguts wurden sogar im Schuppen 25 zwischengelagert, der sich seinerzeit in unmittelbarer Nähe zum Baakenhöft befand. All das scheint nun vergessen: In seinem Kommentar für den Norddeutschen Rundfunk etwa bewertet der Theaterkritiker Peter Helling den Entwurf als »Gamechanger«. Hätte er die Opernpläne bislang aufgrund der NS-Verstrickungen von Kühnes Vater abgelehnt, sei er nun trotz »Bauchschmerzen« von dem Entwurf – »ein gebautes Bekenntnis zu Demokratie und Toleranz« – überzeugt. Im Verlauf der weiteren Planung müsse nur der »Umgang großer Hamburger Mäzene und Stiftungen mit ihrer NS-Vergangenheit« debattiert werden.
Das Versprechen – ein öffentlicher Park
Auch insgesamt waren die Reaktionen seitens Presse und Politik auf den mit großem Aufwand visualisierten Opernhausentwurf geradezu überschwänglich. Jedoch stand dabei gar nicht so sehr das Gebäude selbst als vielmehr das geplante Grün drumherum im Mittelpunkt. Auf der Pressekonferenz etwa betonten sowohl Peter Tschentscher und Carsten Brosda als auch ein Vertreter der Kühne-Stiftung, dass um und auf der Oper ein Park als öffentlicher Freiraum entstünde. Andreas Kleinau, Vorsitzender der Geschäftsführung der HafenCity Hamburg GmbH, verwies darauf, dass die Parkanlage nicht nur für alle begeh- und erlebbar sein, sondern dass sie auch einen Beitrag zur Biodiversität leisten werde. Katharina Fegebank meldete sich auf Instagram zu Wort: »So frisch, so grün!« Auch sie sprach von »Nachhaltigkeit und Biodiversität« sowie einer »Einladung […] an alle Menschen«.
Diese Reaktionen zeugen natürlich zunächst einmal vor allem von der Suggestivkraft, die von der Hochglanzästhetik des hyperrealistischen Renderings ausgeht. Aber tatsächlich verschwindet in dem gefälligen Entwurf des Architekten Bjarke Ingels das eigentliche Opernhaus hinter einem Park, der eine norddeutsche Küstenlandschaft imitiert. Auf einem sich um das Gebäude herum schwingenden Pfad würden die Besucher:innen emporsteigen sowie Ein- und Ausblicke erleben können, Terrassen mit Sitzgelegenheiten sollen zum Verweilen einladen. Die Oper wäre damit ein Ort für alle Hamburger:innen, wie es nahezu einstimmig vom Architekten sowie von Presse und Politik zu hören ist.
Falsche Versprechen – von grünen Bunkern und Opernhäusern
Unter dem Grün des Parks verschwindet jedoch nicht nur das Opernhaus, sondern auch die gerechtfertigte Kritik an dem Bau. Im wahrsten Sinne des Wortes scheint nun Gras – und Strandhafer – über die NS-Vergangenheit Kühne + Nagels sowie die Kolonialgeschichte des Ortes zu wachsen: Keine Geschichtsspur, kein Mahnmal stört die allseits betonte »Harmonie« des Entwurfs. Im von Fegebank so euphorisch begrüßten ›frischen Grün‹ sollen keine Erinnerungen an Vergangenes wach werden. Weder daran, dass von hier vor gut 120 Jahren die Kolonialtruppen zum Völkermord in Deutsch-Südwestafrika aufbrachen, noch daran, dass nur rund 500 Meter Luftlinie entfernt der ehemalige Hannoversche Bahnhof liegt, von dem unter anderem auch Adolf und Käthe Maass deportiert wurden.
Erstaunlich ist jedoch auch, dass das mit Verve vorgetragene Versprechen eines öffentlichen Parks bislang nicht auf eine gehörige Portion Skepsis gestoßen ist. Schließlich erinnert der Opernentwurf an den sogenannten »Grünen Bunker« an der Feldstraße, der seit vergangenem Sommer das Gruselkabinett stadtplanerischen Scheiterns erweitert.
Auch der Bunker war einst, um das Jahr 2015, als öffentlicher Park versprochen worden, von einem »Garten vieler« und sogar einer »völlig neuen Stadtnatur« war seinerzeit die Rede. Nun führt zwar in der Tat – ähnlich zum Opernentwurf – ein zumindest leicht begrünter Pfad um den Bunker herum und an dessen Ende wartet auch ein Dachgarten auf die Besucher:innen. Ein öffentlicher Park ist dort jedoch nicht entstanden: Nicht nur finden sich wenige Sitzgelegenheiten, die tatsächlich zum Verweilen einladen, wie es ebenfalls versprochen worden war, auch sind mitgebrachte Getränke und Speisen verboten, sodass der Weg recht bald wieder nach unten führen muss. Die Macher:innen des Bunkers hatten diese Verbote damit begründet, dass die Besucher:innen zu viel Müll hinterließen, doch hingen die Verbotsschilder spätestens am Tag nach der Eröffnung am Eingang. Letzterer wartet wiederum mit martialischen Toren auf, die von einem Sicherheitsdienst bewacht werden – der Zutritt ist stark begrenzt, häufig bilden sich lange Schlangen. Und auch die üppige Vegetation, wie sie auf ersten Visualisierungen des »Grünen Bunkers« und baldigen Planungsentwürfen zu sehen war, ist noch nicht in der versprochenen Form gewachsen.
Zur Marke gemacht – der »Grüne Bunker« im Sommer 2024, Foto: privat.
Vieles, was ansässige Initiativen am »Grünen Bunker« bereits um das Jahr 2015 kritisiert hatten, bewahrheitete sich also. Dazu gehört nicht zuletzt die Kritik an der weiteren Gentrifizierung des Viertels sowie der Aufwertung des Gebäudes über dessen Begrünung. Von dem wenigen Gestrüpp auf dem nach wie vor weitestgehend grauen Bunker profitieren heute weniger die Anwohner:innen als vielmehr der Investor, der die im Inneren des Bunkers und durch den Aufbau deutlich erweiterten Flächen vermietet und vermarktet.
Wer profitiert?
Wer profitiert also von einer begrünten Oper? Die Natur, wie es vonseiten der HafenCity GmbH oder auch von Fegebank zu hören ist, wohl nur bedingt: Ginge es tatsächlich um Biodiversität, bedürfte es anderer landschaftsgestalterischer Initiativen. Mit dem sogenannten »Platin-Standard des Hafencity Umweltzeichen« wurde übrigens auch das Betonungetüm Elbtower zertifiziert. Ob die Stadtgesellschaft tatsächlich eine neue Freifläche erhält, wie es von allen Beteiligten mit Nachdruck betont wird, ist mit Blick auf den »Grünen Bunker« zumindest fragwürdig: Wird man wirklich dort, wie es ein öffentlicher Park ermöglichen sollte, mit einem mitgebrachten Getränk die Aussicht genießen können? Skepsis ist zumindest angebracht.
Die Stadt hofft nicht nur auf einen kostengünstigen Opernneubau, der gerne als »Geschenk« Kühnes bezeichnet wird, sondern verspricht sich von dem aufsehenerregenden Entwurf auch, Hamburg als Kulturstadt in der Welt bekannt zu machen, wie es etwa Peter Tschentscher bei der Pressekonferenz ausdrückte. Dabei spielen sowohl spektakuläre Bauten – mittlerweile wird mit Bezug auf das von Frank Gehry gestaltete Guggenheim-Museum auch vom Bilbao-Effekt gesprochen – als etwa auch große Kultur- und Sportevents wie die Olympischen Spiele eine zentrale Rolle in der seit einigen Jahrzehnten zu beobachtenden globalen Konkurrenz der Metropolen um Human- und Finanzkapital.
Ob das wohl Strandkiefernholz ist? Modell des Siegerentwurfs der geplanten Kühne-Oper, Foto: privat.
Das Versprechen des öffentlichen Parks und damit einer Freifläche für alle dient insofern auch dazu, der lauten Kritik an der Kühne-Oper eine positive Vision entgegenzusetzen. Das begrünte Dach vermag – wie beim Bunker – ein Vehikel zu sein, der Stadtgesellschaft ein unbeliebtes Projekt schmackhaft zu machen. Damit hatte der Entwurf des Opernhauses offensichtlich bereits Erfolg. Das Problem ist nur: Hier geht es nicht allein um die Interessen von Investor:innen, sondern auch um erinnerungskulturelle Fragen und den Umgang der Stadt mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ansässiger Firmen und ihrer Inhaber:innen.
Kein grüner Schlussstrich
Wer es einmal trotz langer Schlangen und Einlasskontrollen auf den »Grünen Bunker« schafft und von dort aus gen Südosten schaut, könnte bei gutem Wetter und mit einem Fernglas bewaffnet womöglich Teile des Baakenhöfts sehen. Zwischen dem Ort der projektierten Oper und dem grüngrauen Dachgarten liegen wiederum die Großen Wallanlagen – mittlerweile ein Teil von Planten un Blomen. Sie lassen sich auch ganz ohne Fernglas vom Bunkerdach beobachten. Dieser tatsächlich öffentliche Park wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aus nicht weiter verwertbaren Trümmern der zerbombten Stadt modelliert. Wie an vielen Orten dieser und weiterer deutscher Großstädte entstanden aus Schuttmassen öffentliche Grünflächen. In den Augen der seinerzeitigen Planer waren die aus den Trümmern wachsenden Pflanzen nicht nur ein Zeichen der Hoffnung, sondern auch eine Möglichkeit des Vergessens. Unter Bäumen, Sträuchern und Gräsern verschwand so manches, was an Schuld und Krieg erinnerte. Einen weiteren grünen Schlussstrich sollten wir nicht zulassen.
Johannes Radczinski, November 2025
Der Autor empfiehlt eine (Re-)Lektüre des im vergangenen Sommer auf Untiefen erschienenen Artikels über den sogenannten »Grünen Bunker« und weist auf die Petition gegen die geplante Oper hin.
Dem Überlebenden des rechtsterroristischen Anschlags von Mölln, İbrahim Arslan, wurde auf der Bühne des Zeise Kinos Antisemitismus vorgeworfen, weil er ein propalästinensisches T‑Shirt trug. Ein jüdischer Kinogast ergriff das Wort und verteidigte ihn. Für viele ein klarer Fall: Überhebliches deutsches »Aufarbeitungsweltmeister«-Gebaren at its worst. Aber ist es wirklich so einfach? Ein Gastbeitrag der Innenrevision Kulturbetrieb.
Im Ottenser Zeise Kino kam es am vergangenen Dienstag zu einem Eklat: İbrahim Arslan, Opfer und Überlebender des neonazistischen Brandanschlags von Mölln im Jahr 1992, war im Rahmen einer Sondervorstellung des Films »Die Möllner Briefe« im Zeise Kino zu Gast. Als Hauptprotagonist des Films sollte er an einer Podiumsdiskussion teilnehmen. Er hatte sich zu diesem Anlass ein T‑Shirt angezogen, das das ehemalige Mandatsgebiet Palästina – also das heutige Gebiet Israels, des Westjordanlands und des Gaza-Streifens – in palästinensischen Nationalfahnen zeigt. Der Zeise-Chef Matthias Elwardt wollte das nicht unkommentiert lassen. In einer am darauffolgenden Tag veröffentlichten Stellungnahme erklärt er: »Ich habe ihn vor dem Film zusammen mit dem Produzenten des Films angesprochen, dass ich das als antisemitisch und unpassend empfinde. Daraufhin ist İbrahim Arslan auf die Bühne gegangen und hat meine Kritik vor einer Begrüßung öffentlich gemacht.«
Der Eklat
Ein Video der darauffolgenden Situation wurde von der Journalistin und BDS-Aktivistin Alena Jabarine bei Instagram veröffentlicht. Darin ist zu sehen, wie Elwardt seine Kritik an dem Motiv begründet, begleitet von Johlen und aufgebrachten Zwischenrufen aus dem Publikum: »Wir sind in dem Land, in dem es den Holocaust gab. Ich kann doch nicht jemanden auf die Bühne stellen, der sagt, Juden dürfen kein Land haben. Wir sind in Deutschland und haben eine Verpflichtung, und es [i.e. »ein Land zu haben«] ist ein Recht von jüdischen Menschen.« Im Verlauf der Situation kommt ein Mann aus dem Publikum nach vorne: Joram Bejarano, der Sohn der vor vier Jahren gestorbenen Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano. Arslan entreißt Elwardt das Mikro und gibt es Bejarano, der bekundet, er habe »überhaupt nichts gegen dieses T‑Shirt«: »Sie kommen daher und sagen, Juden fühlen sich diskriminiert? Nein, ich fühle mich nicht diskriminiert.« Jubel im Saal.
Das Video wurde mittlerweile mehrere hunderttausendmal angeschaut und erhielt mehr als 11.000 Likes. In den allermeisten Kommentaren ebenso wie in einem Artikel, den Mohamed Amjahid im Freitag veröffentlicht hat, verbinden sich Empörung und Genugtuung: Empörung über Elwardts Verhalten als Ausdruck von »german white supremacy« und deutschem »Versöhnungstheater«. Und Genugtuung darüber, dass sich in diesem Fall migrantische und jüdische Perspektiven zusammen die Deutungshoheit wieder erkämpft hätten. Oder, wie es die Theaterregisseurin und Autorin Ayşe Güvendiren ausdrückt: »Ein Überlebender nimmt sich den Raum zurück und übergibt ihn bewusst einer jüdischen Perspektive.«
Matthias Elwardt veröffentlichte am Tag darauf eine Stellungnahme. Er gesteht darin ein, von der Situation überrumpelt worden zu sein und den falschen Ton gewählt zu haben. Und er bittet İbrahim Arslan um Entschuldigung. Die Einnahmen aus allen Vorführungen von »Die Möllner Briefe« verspricht er, an Arslans Organisation »reclaim&remember« zu spenden. Auch Arslan meldete sich noch einmal zu Wort. In einem auf Instagram veröffentlichten Video bekundet er, er sei empört, traurig und wütend über den Vorfall, und deutet ihn als Beispiel für eine rassistische Missachtung der Perspektiven Betroffener. Für dieses Video erhält er viel Zuspruch, Solidaritätsbekundungen kommen u.a. von Amnesty International Deutschland, von Deborah Feldman und Hanno Hauenstein.
Der Nahe Osten ohne Israel
Auslöser des Eklats: Der Nahe Osten ohne Israel. Quelle: Instagram
Die Rückseite des Shirts zeigt Handala, das Hauptsymbol der BDS-Kampagne.
Was allerdings weder in Arslans Stellungnahme noch in sonstigen Kommentaren noch eine Rolle spielt, ist der Auslöser des Eklats. Das ist eine fatale Verschiebung. Auf Arslans T‑Shirt, das er selbstverständlich auch nach dem Eklat für den gesamten Rest des Abends trug, war das Gebiet des heutigen Israel und der palästinensischen Gebiete in den palästinensischen Nationalfarben zu sehen. Dieses Motiv kann als bildlicher Ausdruck der Parole »From the river to the sea – Palestine will be free« gelten, des Wunsches also, dass Israel von der Landkarte verschwinden möge.1Vgl. dazu z.B. die Broschüre »Welcher Fluss und welches Meer?« der Bildungsstätte Anne Frank. Es imaginiert einen Nahen Osten ohne jüdischen Staat und das heißt – solange der mörderische Antisemitismus von Hamas, Hizbollah, iranischen Mullahs und Co. nicht endgültig Geschichte ist – einen Nahen Osten ohne Jüdinnen und Juden. Kurz: Dieses T‑Shirt ist antisemitisch.
İbrahim Arslan betont in seiner Stellungnahme, dass er sich seit Jahren nicht nur gegen Rassismus, sondern auch gegen Antisemitismus einsetzt, und plädiert »für eine Erinnerungskultur, die nicht spaltet, sondern verbindet«. Mit seinem politischen Engagement und seiner Bildungsarbeit hat er tatsächlich genau das seit vielen Jahren auf bewundernswerte Weise gemacht. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Überlebende und Angehörige von Opfern rassistischen und antisemitischen Terrors wie in Halle, in Hanau oder beim Münchner OEZ-Anschlag sich vernetzt haben, er hat dafür gekämpft, dass die Stimmen der Betroffenen gehört und ihre Perspektiven berücksichtigt werden. Auch in Hamburg hat er mit Redebeiträgen auf Kundgebungen immer wieder seine Solidarität in diesem Sinne ausgedrückt, z.B. bei der Initiative zum Gedenken an Châu und Lân.
Selektive Solidarität
Umso bestürzender ist es, dass die Perspektive der Betroffenen in diesem Fall nicht zu gelten scheint. Denn auch wenn es in diesem konkreten Fall ein nichtjüdischer Deutscher war, der die Kritik formuliert hat: Primär sind es Jüdinnen und Juden, die die Landkarte Palästinas ohne Israel als Bedrohung wahrnehmen, als Aberkennung des Existenzrechts nicht nur des israelischen Staates, sondern auch der in ihm lebenden Jüdinnen und Juden. Dass Joram Bejarano diese Ansicht nicht teilt oder »kein Problem« damit hat, wenn Jüdinnen und Juden in Israel das Recht auf Selbstbestimmung aberkannt wird, kann schlecht als Gegenargument angeführt werden. Es gibt Roma, die kein Problem mit dem Z‑Wort haben, es gibt Schwarze Republikaner:innen, die Donald Trump von jeglichem Rassismus freisprechen, und es gibt Schwule und Lesben in der AfD. Führt man solche Stimmen als Rechtfertigung ins Feld und ignoriert alle anderen, offenbart sich darin genau der instrumentelle und selektive Umgang mit Betroffenheit, den Arslan ansonsten zu Recht scharf kritisiert.
Arslan hat sich entschieden, das Gros der von Antisemitismus Betroffenen (und im Übrigen auch der Antisemitismusforschung) zu ignorieren, das in dem Motiv auf seinem T‑Shirt einen Ausdruck von Antisemitismus sieht. Würde er seinem eigenen erinnerungspolitischen Anspruch gerecht werden wollen, müsste er auch diesen Stimmen Gehör schenken und nicht nur jenen, die (wie Joram Bejarano oder die erwähnte Deborah Feldman) israelbezogenen Antisemitismus nicht erkennen können oder wollen.
In seiner Stellungnahme behauptet Arslan, er habe das T‑Shirt »als Zeichen der Solidarität mit einer von Völkermord betroffenen Bevölkerung« getragen. An solchen Zeichen gibt es nun ja allerdings keinen Mangel: Es gibt alle möglichen Kleidungsstücke und Accessoires in den palästinensischen Nationalfarben, es gibt Symbole wie Wassermelonen, Granatäpfel und Friedenstauben, es gibt die Handala-Figur und natürlich die Kufiya und ihr charakteristisches Muster. Nicht alles davon ist völlig unproblematisch.2Zu Handala etwa schreibt Sebastian Leber: »In dessen Geschichten werden Israelis grundsätzlich mit Hakennase dargestellt. Sie begehen jüdische Ritualmorde, verführen arabische Frauen, können bloß durch Maschinengewehre gestoppt werden.« Aber wohl gegen keines dieser »Zeichen der Solidarität« hätte der Geschäftsführer des Zeise Kinos etwas eingewendet. Arslan jedoch hat ein Symbol gewählt, das die Auslöschung Israels impliziert.
Kritik – nicht »silencing«
Dass er dafür kritisiert worden ist, sieht er als Symptom dafür, dass »man uns immer wieder zum Schweigen bringen will, gerade dann, wenn unsere Perspektiven unbequem sind«. Er stellt den Vorfall im Zeise Kino damit in eine Reihe mit Situationen, in denen Betroffene rechter Gewalt herablassend und empathielos behandelt wurden, in denen sie zurechtgewiesen und ihre Perspektiven missachtet wurden (wie es etwa Anfang dieses Jahres in Hanau geschehen ist). Aber die Kritik an einem antisemitischen Motiv ist kein »tone policing« und auch kein »silencing« unbequemer Perspektiven. Vielmehr geht es darum, dass der bildlich ausgedrückte Wunsch, den Judenstaat von der Landkarte verschwinden zu lassen, eben keine akzeptable »Perspektive« ist, sondern: Antisemitismus. Wer diesen Wunsch äußert, spielt da keine Rolle. Zudem kann keine Rede davon sein, dass man Arslan »zum Schweigen bringen« wollte. Er selbst hat den Konflikt mit Elwardt auf die Bühne des Kinosaals verlegt, weil er wusste, dass er mit lautstarker Zustimmung rechnen konnte – nicht nur von Bejarano, mit dem er gut bekannt ist, sondern auch von vielen Gästen.
Man muss außerdem davon ausgehen, dass Arslan das Symbol in genauem Wissen seines Gehalts trug. Schließlich wurde er schon mehrfach mit der Kritik daran konfrontiert. Erst vor wenigen Wochen wurde zeitweilig ein Fernsehbeitrag mit Arslan aus der Mediathek entfernt. Der Grund: Betroffene hatten den Sender darauf hingewiesen, dass Arslan in dem Beitrag deutlich sichtbar eine Halskette mit einem Anhänger in den Umrissen des ehemaligen Mandatsgebiets trug. Arslan wusste also, dass das Motiv als antisemitische Chiffre kritisiert wird. Und trotzdem hat er für die Veranstaltung im Zeise Kino erneut genau dieses Symbol gewählt.
Das lässt sich nur als eine strategische Entscheidung verstehen, mit der er diejenigen, die ihn einladen, bewusst vor die Wahl stellt: Entweder sie tolerieren kommentarlos ein antisemitisches Symbol und tragen damit zur Normalisierung und Bagatellisierung des Antisemitismus bei, oder sie produzieren einen Eklat, der vom Thema des Films ablenkt – dem rechten Terror der neunziger Jahre und dem unempathischen, strukturell rassistischen Umgang des deutschen Staates mit den vom Terror Betroffenen – und für Arslan selbst zweifellos auch verletzend wirkt. Die Empörung darüber, dass Elwardt Arslan die Bühne genommen habe, greift darum ins Leere. Eher ist es so: Um ein antiisraelisches Statement zu setzen, nimmt Arslan in Kauf, dass dieses Statement seine Erinnerungsarbeit verdrängt oder überlagert.
Unbequeme Antisemitismuskritik
Deshalb gilt: Der Zeise-Geschäftsführer verdient für sein Verhalten Unterstützung. Er hat Antisemitismus erkannt und benannt und ihn nicht, was der bequemere Weg gewesen wäre, ignoriert. In diesem Sinne hat sich nun auch das Netzwerk jüdischer Hochschullehrender in einer Stellungnahme geäußert, in der es unter anderem heißt: »Für uns steht fest: Zivilcourage und die klare Benennung von Antisemitismus sind keine Verfehlungen, sondern Ausdruck demokratischer Verantwortung.«
Wie Elwardt die Situation gehandhabt hat, lässt sich allerdings im Einzelnen problematisieren. Dass er etwa ein Opfer neonazistischen Terrors daran erinnert, dass es sich im Land der Täter der Shoah befinde, ist unangebracht und muss in Arslans Ohren zynisch klingen. Der Verweis auf die deutsche Spezifik geht hier außerdem am Kern des Problems vorbei. Das T‑Shirt wäre ja auch dann antisemitisch, würde Ottensen noch zu Dänemark gehören. Und die an Joram Bejarano gerichtete Frage »Wo sollen Juden denn Ihrer Meinung nach leben?«, ist eine sehr ungelenke Art, nach dem Schicksal der jüdischen Israelis in einem angestrebten, mehrheitlich arabischen Palästina zu fragen. Bei allen Vorbehalten gegenüber konkreten Formulierungen gilt es hier aber zu berücksichtigen, dass Elwardt nicht vorhatte, das Thema öffentlich anzusprechen, und von der Situation verständlicherweise überfordert war.
Die Reaktionen auf den Eklat illustrieren, wie die berechtigte Kritik am deutschen »Versöhnungstheater« (Max Czollek), dem es mehr um die Wiedererlangung einer positiven nationalen Identität geht als um Aufarbeitung und Eingedenken, in Erinnerungsabwehr und Relativierung des Antisemitismus umschlagen kann. Vor allem in Mohamed Amjahids Freitag-Artikel mit dem Titel »Der Deutsche zeigt, wie deutsches Erinnern geht« wird das deutlich: Er bezeichnet die Episode im Zeise Kino als Beispiel für die »Absurdität deutscher Erinnerungskultur«, für eine Erinnerungskultur, die »ein Kulturgut geworden« sei und bei der das »positive Feeling« im Zentrum stehe. Elwardt wirft er vor, »pfauenhaft ein Versöhnungstheater auf[zu]führen«.
Aber das ist ein haltloser Vorwurf: Ein »positives Feeling« wäre ja gerade dann garantiert gewesen, wenn Elwardt nichts gegen das T‑Shirt gesagt hätte; wenn er sich zusammen mit Publikum und Podium einig und auf der richtigen Seite hätte wähnen können. Amjahid fasst seine Kritik am Versöhnungstheater mit den Worten zusammen: »Hauptsache, der Deutsche wird wieder gut.« Doch dieser Satz trifft weniger Elwardt als vielmehr das johlende Kinopublikum und die zahllosen empörten Stimmen, die nun beispielsweise den Boykott des Zeise Kinos fordern. Voller Inbrunst »Free Palestine from German Guilt« zu rufen, den Staat Israel als koloniales oder gar genozidales Projekt zu dämonisieren, Antisemitismus zu leugnen oder als Lappalie abzutun und sich dabei zusammen mit großen Teilen der Welt auf der »richtigen Seite der Geschichte« zu wähnen – wenn das keine deutsche »Wiedergutwerdung« ist, was dann?
Abgesehen vom Netzwerk jüdischer Hochschullehrender und vom Hamburger Antisemitismusbeauftragten hat bisher niemand öffentlich den Auslöser des Eklats, das T‑Shirt-Motiv, als antisemitisch benannt. Das zeigt, wie einsam und leise die Antisemitismuskritik inzwischen ist. Ausnahmslos jedes Thema scheint mittlerweile dem Kampf gegen Israel untergeordnet zu werden. Antisemitismus wird dabei entweder schlicht geleugnet oder zum Nebenwiderspruch erklärt.
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Die Innenrevision Kulturbetrieb ist ein Hamburger Zusammenschluss von Menschen der Kunst- und Kulturszene gegen Antisemitismus.
Am 2. September präsentierte der Senat die aktualisierten Pläne für den Opernneubau in der HafenCity. Nun hat eine Initiative, an der auch wir beteiligt sind, ein Positionspapier gegen den Opernbau veröffentlicht. Wir dokumentieren hier die Petition und rufen dazu auf, sie zu unterstützen: für eine demokratische, geschichtsbewusste und nachhaltige Stadtentwicklung!
Im Februar dieses Jahres stellten Senat, Kühne-Stiftung und Kühne Holding AG bei einer Pressekonferenz ihren Plan für ein neues Opernhaus auf dem Baakenhöft in der HafenCity vor. Seitdem ist viel Kritik an diesem Vorhaben und dem undemokratischen Verfahren formuliert worden. Dennoch steht zu erwarten, dass die Pläne schon bald unverändert der Bürgerschaft zur Abstimmung vorgelegt werden. In diesem Positionspapier haben wir die Kritikpunkte gebündelt. Wir laden alle ein, es zu unterschreiben und damit Einfluss auf das weitere Vorgehen des Senats und der Bürgerschaft zu nehmen!
Für eine transparente Öffentlichkeitsbeteiligung! Ob Hamburg Bedarf an einer neuen Oper hat und wie das letzte freie, für eine öffentliche Nutzung vorgesehene Grundstück in der HafenCity genutzt und gestaltet wird, sollten nicht der Milliardär Klaus-Michael Kühne und die Regierenden entscheiden, die er für seine Idee gewinnen konnte, sondern die Hamburger:innen im Rahmen eines grundlegenden Beteiligungsverfahrens. Das bisherige, völlig intransparente Verfahren schadet dem Vertrauen in Politik und Demokratie.
Erinnerung und Aufarbeitung sind keine Worthülsen! Klaus-Michael Kühnes Logistik-Unternehmen Kühne + Nagel hat im NS massiv von »Arisierungen« und vom Raub jüdischen Eigentums profitiert – das Raubgut wurde unter anderem am Baakenhafen zwischengelagert. Der jüdische Teilhaber Adolf Maass wurde 1933 geschasst und später in Auschwitz ermordet. Kühne verhindert die unabhängige Aufarbeitung dieser Unrechtsgeschichte und hält unliebsame Forschungsergebnisse unter Verschluss. Mit der Oper würde Kühne sich in Hamburg ein riesiges Denkmal setzen, während nichts an die aktive Beteiligung von Unternehmen, Stadt und Bevölkerung an Enteignungen und »Arisierungen« erinnert.
Für die Bewahrung von Erinnerungsorten! Der Baakenhafen war Drehscheibe für den Transport von Soldaten und Waffen für die deutschen Kolonien und ab 1904 für den Völkermord an den Herero und Nama in der Kolonie »Deutsch-Südwestafrika« (heute Namibia). Das macht den Baakenhöft zum erinnerungskulturell wichtigsten unbebauten Grundstück dieser Stadt. Diesen bedeutenden Erinnerungsort mit einem Operngebäude zu bebauen, während die Stadt Hamburg nach wie vor keinen Gedenkort für die Geschichte des kolonialen Völkermords hat, käme einer Überschreibung der Erinnerung an die Kolonialverbrechen gleich und steht im Widerspruch zu dem Beschluss der Hamburgischen Bürgerschaft aus dem Jahr 2014, das koloniale Erbe Hamburgs stadtweit aufzuarbeiten.
Für eine Oper in der Innenstadt! Das denkmalgeschützte Gebäude der Staatsoper an der Dammtorstraße ist im Vergleich zum geplanten Opernneubau in der HafenCity sehr gut an den Nah- und Fernverkehr angebunden. Außerdem spielt die Oper eine wichtige Rolle für die Innenstadt und belebt sie in Zeiten, wenn die Geschäfte längst geschlossen sind. Ein Gutachten aus dem Jahr 2020 hat ergeben, dass die Staatsoper für rund 150 Mio. Euro an heutige Anforderungen des Opernbetriebs angepasst und saniert werden kann.
Für klimafreundliches Bauen im Bestand! Ein Neubau auf dem Baakenhöft würde viele CO2-Emissionen verursachen. In Zeiten des Klimawandels sollten wir uns gut überlegen, für welche Zwecke wir wirklich neu bauen sollen und was wir besser im Bestand lösen können. Eine Sanierung und Anpassung der Staatsoper an der Dammtorstraße ist umwelt- und klimafreundlicher als ein Neubau und lässt Platz auf dem Baakenhöft für andere Nutzungen.
Die neue Oper ist kein selbstloses Geschenk! Kühne erhielte mit der Oper ein Denkmal, für die Stadt entstünden dabei hohe Kosten.In dem Vertrag mit Kühne-Stiftung und Kühne Holding AG hat der Senat die Stadt dazu verpflichtet, das wertvolle Grundstück für das Bauvorhaben zur Verfügung zu stellen und die Kosten von bis zu 147,5 Mio. Euro für Gründung und Hochwasserschutz des Neubaus zu übernehmen. Hinzu kommen Kosten für die Räumung des Grundstücks, die Planung und Herstellung der öffentlichen Freiräume rings um die Oper, den Betrieb und die Instandhaltung eines zusätzlichen Hauses. Die denkmalgeschützte Staatsoper an der Dammtorstraße müsste trotz Neubaus weiter von der Stadt instandgehalten werden.
Nicht noch so ein »Leuchtturm«-Projekt! Die HafenCity zieht schon heute Massen von Besucherinnen an, was Bewohner:innen zunehmend belastet. Unweit der geplanten Oper wurde mit der Elbphilharmonie erst 2017 nach jahrelangen Verzögerungen und Kostenexplosionen eine Sehenswürdigkeit fertiggestellt. In Sichtweite des Baakenhöfts steht die Bauruine des Elbtowers, an dem der Senat sich nicht finanziell beteiligen wollte. Nun prüft er die Anmietung oder den Ankauf von hochpreisigen Flächen für ein Naturkundemuseum, damit das Hochhaus an den Elbbrücken zu Ende gebaut werden kann.
Für eine lebendige Kultur und eine breite Kulturförderung! Die geplante Oper soll Hamburg zum Anziehungsort für die »Weltspitze« der Kultur machen. Aber Kultur ist nicht Leistungssport. Eine reiche Kulturlandschaft zeichnet sich nicht durch Superlative und Starkult aus, sondern durch Breite und Vielstimmigkeit.
Erstunterzeichner:innen:
Organisationen: anna elbe
Arbeitskreis Hamburg Postkolonial
Arca – Afrikanisches Bildungszentrum e.V.
AStA HafenCity Universität Hamburg
Berlin Postkolonial
Bielefeld Postkolonial
Bismarck’s Critical Neighbors
Die Linke Hamburg
FSR Stadtplanung der HafenCity Universität Hamburg
FSR Urban Design der HafenCity Universität Hamburg
fux eG
Gängeviertel e.V.
Genocide and Reparative Justice Pursuits, Namibia with a Global mandate and stewardship
Der Senat ist in Feierlaune. Auf der Sonderpressekonferenz zum spektakulären Opern-Deal mit der Kühne-Stiftung herrschte penetrante Selbstgewissheit: Niemand könne doch ernsthaft etwas gegen dieses Projekt haben! Doch was hier als »Glücksfall für Hamburg« gefeiert wird, offenbart in Wahrheit ein undemokratisches Verständnis von Stadt und Kultur. Und es ist in doppelter Hinsicht geschichtsvergessen.
Nicht genug Glanz: 2017 fand auf dem Baakenhöft das internationale Festival »Theater der Welt« statt. Foto: Pauli-Pirat | Wikimedia Commons
Der Multimilliardär und Mäzen Klaus-Michael Kühne will Hamburg eine neue Oper schenken. Bürgermeister Peter Tschentscher und Kultursenator Carsten Brosda waren erkennbar stolz, als sie auf einer Sonderpressekonferenz am Freitag, den 7. Februar, gemeinsam mit Vertretern der Kühne-Stiftung und der Kühne Holding verkünden konnten, dass der Vertrag unterschrieben sei. In der »ersten Hälfte des nächsten Jahrzehnts« soll die Oper eröffnen. Zwar muss die Entscheidung noch von der (dann neu konstituierten) Bürgerschaft bestätigt werden, doch der rot-grüne Senat macht sich da wohl zu Recht keine Sorgen. Erste Reaktionen aus den Parteien signalisierten durchweg Unterstützung für das Projekt. Einzig Die Linke übte Kritik an der Entscheidung.
Aber was ist da eigentlich geplant? Entstehen soll ein Opernneubau am Baakenhöft, einer Landspitze im Zentrum der HafenCity, fast genau in der Mitte zwischen Elbphilharmonie und Elbtower. Die Nähe zum Elbtower ist dabei kein Zufall. Im Mai 2022, als Kühne seine Idee eines neuen Opernhauses erstmals in einem Porträt im Spiegel präsentierte, war klar: Das Opernhaus sollte zusammen mit seinem inzwischen gescheiterten Hochhausprojekt ein Wahrzeichenensemble bilden. Nicht nur den Elbtower, auch die Oper plante Kühne zu dieser Zeit gemeinsam mit René Benko, dem mittlerweile inhaftierten Immobilieninvestor. Der Deal, den er vorschlug, war dabei in mehrfacher Hinsicht vergiftet: Die Stadt sollte den neuen Opernbau nicht geschenkt bekommen, sondern leasen. Und das bisherige Operngebäude – in unmittelbarer Nähe zur ehemaligen Gänsemarkt-Passage, die Benko durch einen Komplex aus Wohnungen, Büros und Einzelhandel ersetzen wollte – sollte abgerissen und durch ein »modernes Immobilienprojekt« ersetzt werden.
Der Senat winkte ab: Nein, ein Mietkaufmodell wolle man nicht, und ein Abriss des bisherigen Operngebäudes komme auch nicht infrage. Doch der Senatssprecher ergänzte damals bereits: »Eine Schenkung durch Herrn Kühne beziehungsweise seine Stiftung nach dem Vorbild der Kopenhagener Oper wäre dagegen ein bemerkenswertes mäzenatisches Engagement.« Genau so ist es nun auch gekommen. Wohl auch im Angesicht der andauernden Querelen um den Elbtower war die Freude vergangenen Freitag groß, als die Kühne-Stiftung nach kurzzeitigem Hin und Her die Opernpläne doch noch besiegelte.
Ein Deal ohne Haken?
Schließlich bleiben bei diesem Deal, glaubt man dem Senat, keine Fragen offen. Der Bau werde auf jeden Fall fertiggestellt, versicherte man. Und abgesehen von 147,5 Mio. Euro für die Erschließung würden unter keinen Umständen zusätzliche öffentliche Gelder fließen. Das gesamte Risiko trägt die Kühne-Stiftung. Die fertige Oper bekommt die Stadt Hamburg dann (fast) ohne Bedingungen geschenkt. Tatsächlich ist der Vertrag für die Stadt, verglichen mit Kühnes ursprünglichem Vorschlag, geradezu verblüffend vorteilhaft. Und: Der bisherige Opernbau bleibt, so versicherte Carsten Brosda, als Spielstätte erhalten – wie genau die Nachnutzung aussehen könne, werde man in den nächsten Jahren überlegen. Das heißt: Weder für besorgte Denkmalschützer:innen noch für strenge Wächter über städtische Ausgaben gäbe es etwas zu mäkeln. Alles also ein einziger Grund zur Freude?
Keineswegs. In mindestens dreierlei Hinsicht ist der Plan nämlich ein Skandal: Er ist ein Gipfel undemokratischer und intransparenter Stadtplanung, er offenbart einen undemokratischen und zutiefst verdinglichten Begriff von Kultur und er ist – aufgrund der Kolonialgeschichte des Baakenhafens und der NS-Geschichte von Kühne + Nagel – geschichtsvergessen, wenn nicht gar ‑revisionistisch.
Zwar gibt es für den Baakenhöft noch keinen Bebauungsplan, doch dass es sich um ein besonderes Grundstück handelt, ist schon lange klar. Das betonten auch alle Beteiligten der Pressekonferenz. Carsten Brosda nannte es gar »eines der herausragendsten Grundstücke Nordeuropas«. Und solch ein Grundstück befindet sich hier in öffentlichem Besitz. Eigentlich sollte es sich von selbst verstehen, dass damit auch ein besonderes öffentliches Interesse verbunden ist, dass damit also die Verpflichtung einherginge, eine transparente und offene Diskussion über die Nutzung des Grundstücks zu ermöglichen.
Doch eine Diskussion fand nicht statt. Statt in der Öffentlichkeit Nutzungsmöglichkeiten zu entwickeln und zu diskutieren, wurde nun, nachdem Kühne seine »Idee« im Spiegel bekannt gegeben hatte, fast drei Jahre lang hinter geschlossenen Türen verhandelt. Dass sich im Lauf dieser Verhandlungen die Bedingungen für die Stadt verbessert haben – geschenkt! Entscheidend ist: Die Frage, ob überhaupt eine Oper auf dem Baakenhöft gebaut werden sollte, stand nie zur Debatte. Umtausch nicht gestattet!
Dieses de-facto-Diktat des Kapitals wird vom Hamburger Senat nun in eine Sprache offenen Austauschs verkleidet: Kühne habe ein »Angebot« gemacht, der Senat habe es »geprüft«, man hat die Bedingungen nachverhandelt und ist sich nun »einig geworden«. 1Ganz ähnlich klang es auf der Pressekonferenz, als die Sprache auf den Elbtower kam. Der neue Investor, Dieter Becken, habe den »Vorschlag« gemacht, das geplante Naturkundemuseum, für das es noch keine anderen Räume gebe, im Elbtower unterzubringen. Auch dieser »Vorschlag« wird »geprüft« – man könne ihn ja nicht »aus Prinzip ablehnen«, so Tschentscher. Für die Prognose, dass die Prüfung positiv ausfallen wird, braucht es freilich keine besonderen hellseherischen Fähigkeiten. Der Investor kann ja schließlich stets mit einem erneuten Bauabbruch drohen.
Kühne calls the tune
Andere undemokratische Aspekte wurden nicht verschleiert, sondern auf Dimensionen des Alltagsverstands zurechtgestutzt, wo sie dann plötzlich völlig ganz harmlos und nachvollziehbar klingen. Das betrifft etwa den Architekturwettbewerb. Es wird zwar eine Jury geben, die unter fünf Entwürfen auswählen würde, doch Kühne hat ein Vetorecht. Im Abendblatt kann man erfahren, dass sogar schon ein Entwurf bereitliege, den Kühne sich wünsche, und zwar – wie offenbar durchgestochen wurde – vom Architekturbüro Snøhetta. »Es gibt den schönen Entwurf eines ausländischen Architekten, der wunderbar zu dem Standort passt«, sagte Kühne der Zeitung: »Die Stadt hätte gern noch eine Art Wettbewerb. Ich finde den Entwurf schon sehr überzeugend.«
Undemokratisch? Nein: Dass Kühne (mit)entscheide, was gebaut werde, sei doch völlig normal, meinte Peter Tschentscher, schließlich stamme von ihm ja das Geld. In der Sphäre des Politischen nennt man diese Logik Plutokratie. Bei Tschentscher hingegen klingt alles ganz unbedenklich. Denn weiß nicht auch der Volksmund: »Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt die Musik?«
Das könnte in diesem Fall auch ganz wörtlich gelten. Nicht ausgeschlossen, dass Kühne, sollte er die Fertigstellung des Opernbaus noch erleben, sich eine Eröffnungsoper wünschen darf. Solche Mutmaßungen werden Politik und Opernintendanz sicher zurückweisen. Aber man kann Wetten darauf abschließen, dass die erste Oper im neuen Haus nichts von György Ligeti oder Hans Werner Henze sein wird, sondern etwas »richtig Schönes«. Wie wär’s mit Giacomo Puccini?
Die Stadt des Kapitals
Der Denkmalverein Hamburg, der eine Petition gegen den Opernneubau und für den Verbleib der Staatsoper an der Dammtorstraße initiiert hat, schreibt daher zu Recht: »Eine so wichtige Entscheidung zur Architektur, Stadtentwicklung und Denkmalpflege wie die Zukunft der Oper auf einem öffentlichen Grundstück sollte in einem ergebnisoffenen Prozess und auf der Grundlage einer breiten fachlichen, zivilgesellschaftlichen und politischen Diskussion getroffen werden – und nicht nach den Wünschen eines einzelnen privaten Geldgebers.« Die Gestaltung der Stadt darf nicht einigen wenigen Investoren, Milliardären und Mäzenen überlassen werden – auch wenn dabei weder mit einer Bauruine (Elbtower) noch mit einer Kostenexplosion zulasten der öffentlichen Hand (Elbphilharmonie) zu rechnen ist.
Stadtplanerische Entscheidungen – und insbesondere solche, die die Stadt jahrzehntelang prägen werden, bedürfen der demokratischen Legitimation. Die wird im Falle des Opernneubaus zwar formal durch einen Bürgerschaftsbeschluss hergestellt werden. Doch von tatsächlicher Demokratie kann nur dann die Rede sein, wenn sie sich auch auf den Planungsprozess bezieht. So hingegen zeigt der Prozess um Kühnes Oper exemplarisch den undemokratischen Charakter einer »Stadt des Kapitals«.
»Topspitzenweltklassekultur«
Aber das ist nicht das einzige Problem mit der Oper. Auch und gerade das, was durch diesen Opernneubau angeblich gefördert wird, gerät unter die Räder: die Kultur. Wenn man den vier Herren bei der Sonderpressekonferenz zugehört hat, konnte man nämlich den Eindruck erlangen, es gehe nicht um Kunst, sondern um einen Sportverein oder ein Dax-Unternehmen.
Man wolle eine »Oper von Weltrang« bauen, bekundete Peter Tschentscher. Jörg Dräger von der Kühne-Stiftung sekundierte, mit dem Opernneubau schaffe man in Hamburg einen Ort für »exzellente Musik, exzellente Oper und exzellentes Ballett«. Und Carsten Brosda brüstete sich damit, dass Hamburg hinsichtlich der öffentlichen Zuschüsse bereits jetzt »in einer Liga mit den großen Opernhäusern der Welt« spiele.2Dass Tobias Kratzer, der im Abendblatt schon die Devise ausgab, mit der Hamburger Oper in die »Champions League« zu wollen, die Baupläne euphorisch begrüßte, verwundert daher nicht. Eine ganz ähnliche Sprache wurde zudem schon zur Begründung des Baus der Elbphilharmonie ins Feld geführt.
Die Sprache, die hier verwendet wird, versteht Kultur als Leistungswettbewerb. Eine Stadt wie Hamburg muss sich dieser Logik zufolge darum bemühen, die Weltspitze der Kultur für sich zu gewinnen, um dann im Ranking der »besten Kulturmetropolen der Welt« einen Topplatz zu ergattern; muss die größten internationalen Künstler:innen in die Stadt holen, die hier dann ihre Bestleistungen abliefern und die Konkurrenz neidisch machen.
Kultur als Hochgenuss
Nun ist es wenig verwunderlich, dass in einer Kaufmannsstadt wie Hamburg so gedacht wird. Aber Kultur ist weder Spitzensport noch ist sie ein Kampf um einen der ersten Plätze in der Weltmarktkonkurrenz. Kultur ist eine Praxis. Eine reiche Kulturlandschaft zeichnet sich nicht durch Superlative und marktförmigen Starkult aus, sondern durch Breite und Vielstimmigkeit, durch Widersprüche und Störgeräusche.
Die superlativische Marketingsprache, mit der über den geplanten Opernneubau gesprochen wird, reduziert Kunst außerdem auf ein Genussmittel. Sie macht zum Maß der Kultur, was der Konsument ›davon hat‹. Kultur wird zum Luxuskonsumgut verdinglicht. Der Opernbau wird so zu einer »Investition«, die »ihr Geld wert sein wird«. Diejenigen, die derlei Sprache verwenden, offenbaren sich als Kleingeister und Banaus:innen. Sie wollen den exquisitesten Hörgenuss, die größten Gefühle und die berühmtesten Stars erleben; bloß nichts, was sie beunruhigen, irritieren oder gar abstoßen könnte.
Neubau? – »Alternativlos«
Umso anmaßender ist es, dass in der Darstellung Tschentschers und Brosdas gerade den Kritiker:innen des Opernneubaus implizit Banausentum vorgeworfen wird. Denn, so wird suggeriert, ist es nicht kleingeistig, angesichts großer Visionen über die Zukunft großer Kunst nun Bürokratenforderungen wie die nach demokratischer Beteiligung oder auch nur nach einem offenen Architekturwettbewerb aufzuwerfen? Ist es nicht kunstfeindlich, zu fordern, die Oper müsste sich mit dem bisherigen Gebäude und seinen Möglichkeiten begnügen?
Auf die Frage, wozu in aller Welt die Stadt ein neues Opernhaus brauche, antwortete Brosda: Die bisherige Oper sei zu alt, zu klein, einfach unterdimensioniert, um den Ansprüchen eines gegenwärtigen Opernbetriebs gerecht zu werden. Sanieren müsste man ohnehin, das ist klar. Aber, so Brosdas Behauptung, eine Sanierung würde noch viel teurer als ein Neubau. Während vor drei Jahren, als Kühne den Vorschlag erstmals aufbrachte, noch niemand so recht den Bedarf nach einem neuen Opernhaus sehen konnte, präsentierte Brosda den Umzug der Staatsoper in ein neues Haus nun als letztlich alternativlos.
Es ist diese Alternativlosigkeitsrhetorik – und nicht der elitäre Charakter der Oper als Kunstform, wie Benno Schirrmeister in der taz kommentierte –, die das Kulturverständnis hinter dem Opernneubau als undemokratisch ausweist. Denn natürlich wäre es möglich, weiterhin Oper im bisherigen Opernhaus zu betreiben. Laura Weissmüller hat in der SZ schon vor fünf Jahren anlässlich der Debatte um den geplanten Abriss und Neubau der Städtischen Bühnen in Frankfurt betont, dass die horrenden Sanierungskosten der letzten Jahre eben nicht alternativlos sind: »Muss es wirklich immer die aufwendigste Technik sein? Brauchen all unsere Gebäude überall und zu jeder Tages- und Nachtzeit den höchsten Komfort, die beste Ausstattung, das neueste Equipment?«
Mit Verweis auf verschiedene Off-Spielstätten konstatierte Weissmüller außerdem: »Vielleicht würde es dem deutschen Kulturleben guttun, mehr solcher rauen, unpolierten, unperfekten Spielorte zu haben.« Tatsächlich befand sich auch auf dem Baakenhöft schon ein solcher Spielort, »eine überaus produktive, selten interessante und authentische Kulturstätte«, wie Stephan Maus in einem (äußerst sehens- und lesenswerten) Foto-Essay auf seinem Blog betont. »An diesem besonderen Ort im Hafen finden schon seit Jahren kreative Auseinandersetzungen mit Gesellschaft, Ort und Geschichte statt.« Aber Leute, die – siehe oben – in der »Weltspitzenklasse« der Kultur mitspielen wollen, fördern eben keine »Auseinandersetzung mit Gesellschaft, Ort und Geschichte«, sondern: die größte Bühne, die modernste Technik und die beste Akustik.
Überschreibung eines Geschichtsorts
Opernhafter Jubel. Abfahrt eines Truppentransporters von Hamburg nach »Deutsch-Südwestafrika«. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146‑2008-0180 / Spenker, Franz / CC-BY-SA 3.0
Der geplante Opernneubau muss schließlich als geschichtsvergessenes, ja, revisionistisches Projekt begriffen werden. Das hängt zunächst mit dem Standort zusammen. Der Baakenhafen, jener Ort, den Kühne für seine Oper ausgewählt hat, wurde im Deutschen Kaiserreich nämlich zur »logistischen Drehscheibe des kolonialen Völkermordes«, wie der Historiker Kim Todzi schreibt. Die Woermann-Linie hatte seit 1891 einen regelmäßigen Schiffsverkehr zwischen Hamburg und »Deutsch-Südwestafrika« (so der Name des heutigen Namibias unter deutscher Kolonialherrschaft) eingerichtet und den Petersenkai im Baakenhafen gepachtet. Zwischen 1904 und 1908 machte sie ihn zum wichtigsten Ort der Kriegslogistik: »Über 90 Prozent aller Abfahrten« von Schiffen mit Kolonialsoldaten erfolgten von dort, so Todzi.
Für ein Gedenken an die deutschen Kolonialverbrechen, insbesondere den Völkermord an den Herero und Nama, ist der Baakenhafen daher ein wichtiger Ort und sollte, darin ist dem Einspruch der ehemaligen Forschungsstelle »Hamburgs (post-)koloniales Erbe« zuzustimmen, nicht mit einer Oper überbaut werden, ohne dass an die Vergangenheit des Orts – etwa durch ein Dokumentationszentrum – erinnert würde.
Es zeugt jedoch von zweifelhaftem Opportunismus, dass die Forschungsstelle nicht für den Baustopp der Oper plädiert, sondern die Stadt auffordert, »die finanzielle Förderung des Opernprojekts durch den Stifter mit der Bedingung [zu] verbinden, die Errichtung eines solchen Dokumentationszentrums substanziell mitzufördern« . So als spräche an sich nichts gegen diesen Opernbau, sofern nur auch ein Dokumentationszentrum dabei abfiele.
Kämpfe um Erinnerung
Solch eine Forderung blendet vor allem die zweite Dimension der Geschichtsvergessenheit des Opernplans aus: die Quellen von Klaus-Michael Kühnes Vermögen. Der Multimilliardär verdankt die Grundlage seines Reichtums nämlich bekanntermaßen dem Unternehmen Kühne + Nagel, das an der Verfolgung, Vernichtung und Ausplünderung der europäischen Jüdinnen und Juden massiv und direkt verdiente. Zuerst drängte die damalige Unternehmensführung – Klaus-Michael Kühnes Vater Alfred und sein Onkel Werner – den jüdischen Anteilseigner Adolf Maass aus dem Unternehmen, dann stieg Kühne + Nagel zum NS-Musterbetrieb auf und nahm eine Schlüsselstellung in der M‑Aktion ein.
Klaus-Michael Kühne hat seit jeher eine historische Aufarbeitung dieser Geschichte sabotiert. Seit dem 125-jährigen Jubiläum von Kühne + Nagel vor zehn Jahren jedoch wird die Geschichte (und Kühnes verweigerte Aufarbeitung) immer wieder öffentlich diskutiert. Die Vorwürfe wurden mit immer weiteren Belegen unterfüttert – zuletzt im September letzten Jahres in einem Investigativartikel von David de Jong.
In Bremen, wo Kühnes Großvater das Unternehmen 1890 gegründet hat, wurden aus dieser öffentlichen Debatte Konsequenzen gezogen: Im Jahr 2023 wurde dort ein Mahnmal eingeweiht, das in Sichtweite von der Deutschlandzentrale von Kühne + Nagel an die Arisierung und Enteignung im Nationalsozialismus erinnert und insbesondere ihre Akteure und Profiteure in den Blick nimmt.
Hamburg: Kulturförderung als Schweigegeld
In Hamburg hingegen gibt es nichts dergleichen – obwohl es auch hier, etwa anlässlich des Eklats um den »Klaus-Michael Kühne Preis« 2022 – Anlässe dafür gegeben hätte. Die Hamburger Politik gibt sich, als hätte es diese Debatte nie gegeben. Peter Tschentscher war sich auf der Pressekonferenz nicht einmal zu blöd, eine kritische Nachfrage mit dem Pseudoargument zu beantworten, dass Kühne während des Nationalsozialismus ja noch ein Kind gewesen sei.
Aber Kühne wird nicht nur – mit den dümmsten Phrasen – vor Kritik in Schutz genommen. Die Hamburger Politik versäumte in den letzten Jahren auch kaum eine Gelegenheit, um dem reichsten Sohn der Stadt Honig ums Maul zu schmieren. Zuletzt etwa überreichte Tschentscher Kühne im September den »Gründerpreis« für sein Lebenswerk und würdigte ihn in seiner Laudatio als einen Unternehmer, »der im wahrsten Sinne des Wortes viel bewegt hat«.3Verliehen wird der Preis von der Hamburger Sparkasse, dem »Hamburger Abendblatt«, der Handels- und Handwerkskammer, dem Lokalsender »Hamburg 1« und der Filmproduktionsfirma Studio Hamburg. Egal ob in diesem Fall oder beim Eklat um den Kühne-Preis: Der Senat hat kritische Nachfragen aus Presse und Öffentlichkeit konsequent ignoriert.
Der Operndeal offenbart das Kalkül hinter diesem Verhalten. Denn auch wenn es, etwa im Falle der Gründerpreis-Verleihung, kein offenes »quid pro quo« gibt: Es ist klar, dass der Senat auf jeglichen kritischen Ton verzichtet, wenn es darum geht, einen (auch im Wahlkampf nützlichen) Deal kurz vorm Abschluss nicht noch zu gefährden.
Hanseatische Beutegemeinschaft
Unser Redakteur Lukas Betzler schrieb im Oktober im nddazu: »Zu vermuten ist, dass die Hofierung Kühnes vor allem Kalkül ist. Kühne hat keine Erben. Sein Vermögen wird nach seinem Tod vollständig an seine Stiftung übergehen. Die Stadt Hamburg versucht wohl sicherzustellen, dann von einem möglichst großen Teil dieses Vermögens profitieren zu können.« Wer hätte gedacht, dass sich die Wahrheit dieses Urteils so schnell und so offen zeigen würde.
Der Preis für diese Art des Kalküls jedoch ist hoch. Denn indem die Stadt Kühne im Gegenzug für sein mäzenatisches »Engagement« derart den Hof bereitet, trägt sie dazu bei, dass das so produzierte Bild Kühnes als generöser Stifter jenes des Arisierungs-Profiteurs überdeckt oder gar verdrängt. Der VVN-BdA warnte schon Mitte letzter Woche, dass der Opern-Deal »zur Verdrängung historischer Schuld und der persönlichen Verantwortung für einen angemessenen Umgang damit« beitrage. Und der Verband machte auch deutlich, wessen Stimmen im einvernehmlichen Jubel von Senat, Kühne und der Mehrheit der Bürgerschaft wieder einmal untergehen: »Wer fragt die Nachfahren der damals in West- und Osteuropa ausgeraubten jüdischen Familien, was sie von diesem verschwiegenen Umgang mit dem Naziprofiteur Alfred Kühne halten?«
Redaktion Untiefen
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Ganz ähnlich klang es auf der Pressekonferenz, als die Sprache auf den Elbtower kam. Der neue Investor, Dieter Becken, habe den »Vorschlag« gemacht, das geplante Naturkundemuseum, für das es noch keine anderen Räume gebe, im Elbtower unterzubringen. Auch dieser »Vorschlag« wird »geprüft« – man könne ihn ja nicht »aus Prinzip ablehnen«, so Tschentscher. Für die Prognose, dass die Prüfung positiv ausfallen wird, braucht es freilich keine besonderen hellseherischen Fähigkeiten. Der Investor kann ja schließlich stets mit einem erneuten Bauabbruch drohen.
2
Dass Tobias Kratzer, der im Abendblatt schon die Devise ausgab, mit der Hamburger Oper in die »Champions League« zu wollen, die Baupläne euphorisch begrüßte, verwundert daher nicht. Eine ganz ähnliche Sprache wurde zudem schon zur Begründung des Baus der Elbphilharmonie ins Feld geführt.
3
Verliehen wird der Preis von der Hamburger Sparkasse, dem »Hamburger Abendblatt«, der Handels- und Handwerkskammer, dem Lokalsender »Hamburg 1« und der Filmproduktionsfirma Studio Hamburg.
Chronik antisemitischer Vorfälle in Hamburg seit dem 7. Oktober 2023
Seit dem Massaker der Hamas am 07. Oktober 2023 gibt es auch in Hamburg eine Welle antisemitischer Vorfälle. Wir haben gemeinsam mit dem Bildungsverein Bagrut e.V. eine Chronik über das vergangene Jahr erstellt, um das Ausmaß und die Formen des Antisemitismus sichtbar zu machen.
Antisemitische Bilder, Tags und Graffiti aus Hamburg nach dem 07.10.2023. Bild: Untiefen
Am 7.10.2023 verübte die islamistische Terrororganisation Hamas auf israelischem Boden ein genozidales, antisemitisches und misogynes Massaker. Die grausame und wahllose Ermordung von 1.200 Menschen, die Vergewaltigung zahlreicher Frauen und die Entführung von 250 Personen bedeuteten eine Zäsur selbst in der an gewaltvollen Ereignissen kaum armen Geschichte des Judenhasses. Die libanesische, vom Iran gesteuerte Miliz Hisbollah startete am 8.10.2023 in Solidarität mit der Hamas eine neue Angriffswelle gegen Israels Norden; die Houthi-Milizen im Jemen schlossen sich mit ähnlichen Angriffsversuchen an. Die militärische Reaktion der israelischen Streitkräfte dauert bis heute an. Die Kämpfe haben im Gazastreifen bereits viele Tausend zivile Opfer gefordert und große Teile der dortigen Infrastruktur zerstört.
Weltweit, und auch in Hamburg, formierte sich nach einer nur kurzen Schockstarre eine Welle antisemitischer und israelfeindlicher Gewalt in Wort und Tat – auf Wänden, auf den Straßen, in den Hörsälen, in den digitalen Medien. Die Gewalt richtet sich gegen (vermeintliche) Jüdinnen und Juden, gegen (vermeintlich) jüdische und israelische Einrichtungen, gegen mit Israel solidarische oder auch lediglich antisemitismuskritische Demonstrierende, Aktivist:innen oder Künstler:innen, Kulturzentren, Clubs oder Bars und viele weitere.
Die Folgen für jüdisches Leben in Hamburg
Welche Folgen dieses gewalttätige Klima für Jüdinnen und Juden in Hamburg hat, berichtete uns eindrücklich Rebecca Vaneeva. Sie ist derzeit Präsidentin des Verbands jüdischer Studierender Nord. Die Zunahme antisemitischer Anfeindungen führt ihr zu Folge unter den Mitgliedern ihres Verbandes zu einem Rückzug in die Anonymität. Jüdische Identität wird versteckt. Im öffentlichen Auftreten zensieren Jüdinnen und Juden sich zunehmend selbst, um keine Angriffsfläche zu bieten: »Besonders an den Hochschulen war die ständige Präsenz israelfeindlicher und antisemitischer Proteste schwer erträglich«, so Vaneeva.
Besonders an den Hochschulen war die ständige Präsenz israelfeindlicher und antisemitischer Proteste schwer erträglich
Gegenüber dem Zeitraum vor dem 07. Oktober hat sich in ihrer Wahrnehmung die Lage »auf jeden Fall verschlimmert«. Vaneeva kritisiert gegenüber Untiefen: »Jüdische Studierende und unser Verband erfahren zwar vereinzelt Solidarität, aber es gibt keine aktive Gegenbewegung gegen Antisemitismus.« Woran fehlt es aus ihrer Sicht konkret? »Es bräuchte Safe Spaces, Anlaufstellen, die konsequente Moderation von Online-Inhalten und auch strafrechtliche Konsequenzen für Terror-Propaganda. Würde das ähnliche engagiert verfolgt wie etwa die rassistischen Gesänge in dem berüchtigten ›Sylt-Video‹, wäre schon viel gewonnen«. Die Hochschulen machen es sich ihrer Meinung nach etwa bei antisemitischen und israelfeindlichen Verstaltungen zu bequem. Terror-relativierende Seminare und Vorträge, die unter dem Deckmantel von Hochschulgruppen nahezu anonym organisiert werden können, werden fast immer toleriert, selbst wenn einschlägige Aktivist:innen beteiligt sind.
Es gibt einen verbreiteten Selbstbetrug über die Komplexität des Phänomens Antisemitismus.
Den Umgang mit den verschiedenen Formen von Antisemitismus bezeichnet Rebecca Vaneeva insgesamt als »selektiv«, denn: »Es gibt einen verbreiteten Selbstbetrug über die Komplexität des Phänomens Antisemitismus. Rechtsextremer Antisemitismus wird zum Glück weitgehend verurteilt. Es handelt sich aber auch um ein muslimisches und ein linkes Phänomen. Unsere Mitglieder berichten uns, dass sogar die Mehrzahl der Anfeindungen, die sie erleben, aus muslimischen und linken Milieus kommen«.
Wie ist die Datenlage in Hamburg?
Dieser »selektive Umgang« wird in Hamburg auch dadurch gestützt, dass es, anders als in anderen Bundesländern, keine öffentliche Dokumentation antisemitischer Vorfälle gibt. Abseits der v.a. durch Kleine Anfragen in der Hamburgischen Bürgerschaft[1] veröffentlichten Daten der Polizei, die auf zur Anzeige gebrachten Delikten von Hasskriminalität basieren, existiert offenbar keine systematische Sammlung. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum haben sich laut diesen Daten die Fälle antisemitischer Hasskriminalität im 4. Quartal 2023 verfünffacht. Bundesweite Zahlen des Bundeskriminalamts zur „politisch motivierten Kriminalität“ (PMK) und des Bundesverbands Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) weisen in dieselbe Richtung.
Das zivilgesellschaftliche Monitoring betreibt in Hamburg die 2021 gegründete, öffentlich geförderte digitale Hinweis- und Meldestelle memo. Sie veröffentliche allerdings bislang die Fallzahlen für rechte, rassistisch und antisemitisch motivierte Angriffe nur zusammengefasst. In einem im Sommer 2024 vorgelegten Bericht veröffentlichte die Trägerin der Meldestelle, die Beratungsstelle empower, für 2023 genauere Zahlen und berichtete 282 dort bekannt gewordene Fälle von Antisemitismus in Hamburg. Nach dem 7. Oktober verzeichnete man auch hier einen starken Anstieg.
Aber: Alle verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass es ein großes Dunkelfeld gibt. In einer ebenfalls im Sommer 2024 veröffentlichten Studie der Akademien der Polizei Hamburg und Niedersachsen gaben 77 % der befragten Hamburger Jüdinnen und Juden an, innerhalb des vergangenen Jahres Antisemitismus erfahren zu haben. Die Studie schätzt den Anteil unbekannter Fälle auf 80 %. Und: die Daten verraten nichts über die konkreten Fälle. Wer sind die Täter, wer die Geschädigten? Welche Ideologien stehen jeweils dahinter?
Eine öffentliche Chronik für das Jahr nach 07/10
Aufgrund dieser offenen Fragen haben wir uns entschlossen, selbst eine Chronik antisemitischer Vorfälle in Hamburg seit dem 7. Oktober 2023 anzulegen. Damit wollen wir einen Eindruck vom Ausmaß und den verschiedenen Formen des Antisemitismus in Hamburg vermitteln. Und Entgleisungen in Erinnerung halten, die meist allzu schnell in Vergessenheit geraten. Wir haben dazu aus verschiedenen Quellen eine Liste von derzeit 187 antisemitischen Vorfällen für den Zeitraum 7.10.2023 bis 7.10.2024 zusammengestellt. Darunter sind Presseberichte, online dokumentierte Vorfälle, persönliche Berichte aus der jüdischen Community und von anderen Betroffenen sowie die genannten, durch die Anfragen in der Bürgerschaft veröffentlichten Quartalszahlen zu Hasskriminalität. Diese Momentaufnahme für das Jahr nach dem 7. Oktober kann und will aber natürlich nicht eine systematische Erhebung und ein entsprechendes institutionalisiertes Monitoring ersetzen. Das bleibt notwendig.
Was wir erfasst haben – und was nicht
Bekanntlich ist die Frage, was als antisemitisch einzuordnen ist, durchaus umstritten. Wir haben uns an der Arbeitsdefinition Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) von 2019 sowie der Systematik des Bundesverbands RIAS orientiert. Diese unterscheidet „verletzendes Verhalten“, „Bedrohung“, „Angriff“, „(extreme) Gewalt“, „(gezielte) Sachbeschädigung“ und „Massenzuschriften“. Das bedeutet, die Fälle reichen potenziell von einschlägigen Äußerungen oder antisemitisch motivierten Veranstaltungen bis hin zu körperlicher Gewalt.
Bei einigen Vorfällen, die wir recherchieren konnten, ist nicht ohne Weiteres zu klären, ob sie nach der verwendeten Systematik antisemitisch genannt werden können.[2] Meist deshalb, weil über den Kontext und/ oder den konkreten Ablauf wenig bekannt ist. Wir haben daher nur Fälle aufgenommen, bei denen der antisemitische Gehalt bzw. eine entsprechende Intention deutlich erkennbar ist. Um unserer Verfahren transparent zu machen, haben wir in Anhang 1 (unter der Tabelle) drei Beispiele für Fälle, deren Kategorisierung wir intensiver diskutiert haben, zusammengestellt und unsere Entscheidung kurz skizziert.
Nicht aufgenommen haben wir etwa einige Fälle von – gleichwohl eindeutigem – Israelhass. Das meint die Dämonisierung Israels, z.B. als »Apartheidstaat« oder als »kolonial«, die durchaus in der Praxis meist antisemitisch, d.h. judenfeindlich gemeint sein kann bzw. die praktisch oft eine solche Wirkung hat. Ähnlich sind wir mit einigen offensichtlich falschen Darstellungen des 7. Oktobers (etwa als bloße Verteidigung, als Widerstand o.Ä.) umgegangen. Unser Hauptaugenmerk lag darauf, eine möglichst konsistente Liste zu erzeugen.
Das bedeutet auch: nicht nur gab es mit Sicherheit in Hamburg seit dem 7. Oktober 2023 mehr Fälle der Art, wie wir sie zusammengetragen haben. Sondern Antisemitismus bedient sich im gegenwärtigen kulturellen Klima noch weiterer Sujets und Techniken. Dass sie nicht immer eindeutig als antisemitisch erkennbar sind, ist dabei durchaus beabsichtigt – und Teil des Problems im Umgang mit dem Antisemitismus. Er ist nach Auschwitz in der BRD – noch – mit einem öffentlichen Tabu belegt und wird eher indirekt geäußert. Die Kommunikation auf Umwegen, in Codes, Schlagworten und auf Einverständnis zielenden Andeutungen dient dazu, dieses Tabu zu umgehen. Kaum jemand bezeichnet sich selbst als Antisemiten. Im Gegenteil wird der Hinweis auf antisemitische Gehalte und Wirkungen in der Praxis allzu oft als „Antisemitismusvorwurf“ abgewehrt.[3]
Schlussfolgerungen
Unsere Liste bestätigt die politische Einschätzung Rebecca Vaneevas: bei den von uns recherchierten Fällen handelt es sich, soweit erkennbar, vielfach um selbsterklärt „pro-palästinensisch“, also nationalistisch und/oder antiimperialistisch gerechtfertigte Taten. Der rechtsextreme Antisemitismus mit positivem Bezug auf den Nationalsozialismus oder als Relativierung des Holocausts sowie ein Alltagsantisemitismus aus der „Mitte der Gesellschaft“ (z.B. Juden seien „ganz anders als wir“) spielen allerdings nach wie vor eine nicht zu unterschätzende Rolle.
In der untenstehenden Tabelle haben wir nicht alle 187 Fälle aufgenommen, sondern nur exemplarische, die die verschiedenen Formen des Antisemitismus und ihre Gewichtung in Hamburg möglichst gut illustrieren. Der vollständige Datensatz kann auf Anfrage zugänglich gemacht werden.
Unsere Sammlung für das Jahr nach dem 7. Oktober 2023 kann aus den genannten Gründen keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Repräsentativität erheben. Die allermeisten Vorfälle werden nie gemeldet oder öffentlich bekannt. Daher möchten wir Sie herzlich bitten: Bringen Sie entsprechende Fälle ggf. zur Anzeige und melden Sie sie in jedem Fall einer Meldestelle wie dem Bundesverband RIAS. Falls Sie von weiteren Vorfällen im zurückliegenden Jahr in Hamburg wissen, berichten Sie uns bitte davon. Wir werden die Chronik dann aktualisieren.
Ein gemeinsames Projekt von Untiefen und dem Bildungsverein Bagrut e.V., bearbeitet von Felix Breuning und Florian Hessel.
Wann?
Was?
Wo?
Quelle
10/8/2023
Antisemitischer Kommentar auf der Instgram-Seite von Bagrut e.V.: »Dann verpisst euch einfach aus deren Gebieten! Wieso müsst ihr weiterhin solche kolonialisten [sic!] sein! Apartheids Südafrika und Nazi Deutschland können von euch noch ne Menge lernen [weinendes Emoji]«
Ottensen
Instagram
10/9/2023
Übergriff auf israelsolidarische Demonstrantinnen »In Hamburg sind nach einer Solidaritätskundgebung für Israel zwei Teilnehmerinnen angegriffen worden. […] Die beiden 32 und 47 Jahre alten Frauen waren nach der Kundgebung mit dem Abbau beschäftigt, als sie plötzlich attackiert wurden. Zwei junge Männer griffen sie von hinten an, schlugen und traten auf die Frauen ein. Dabei rissen sie ihnen auch eine Israel-Flagge aus der Hand und trampelten auf ihr herum.«
Altstadt
NDR
10/20/2023
Antisemitische Flyer in St. Georg »Einige Menschen verteilten dort [vor den gut besuchten Moscheen im Stadtteil St. Georg] Flyer, auf denen die Angriffe Israels auf den Gaza-Streifen kritisiert wurden.« Darauf verwendete Ausdrücke sind u.a.: »Verbrecherische Zionisten«, »Zionistengebilde«, »Genozid«. (Anm.: Der Begriff »Zionistengebilde« ruft das antisemitische Klischee auf, Juden wären nicht zum Aufbau eines »normalen« Staates fähig und/oder spricht dem Staat grundsätzlich das Existenzrecht ab.)
St. Georg
NDR
10/20/2023
NDR-Moderator und Centralcongress-Betreiber Michel Abdollahi nutzt in IG-Video antisemitische Stereotype, behauptet u.a., Israel wolle den Menschen im Gaza-Streifen »bis zum letzten Blutstropfen alles wegnehmen«.
Altstadt
X (Twitter)
10/23/2023
Ausschreitungen und Parolen in Harburg: »Am Montagabend hat es in Hamburg-Harburg Randale von Jugendlichen und jungen Männern gegeben. Vor Ort wurden rechtsextreme und israelfeindliche Botschaften verbreitet. Nach Angaben der Polizei versammelten sich ab 18 Uhr rund 40 Jugendliche und junge Männer am Harburger Ring. Bis 1 Uhr nachts sollen sie dort für Unruhe gesorgt haben. Unter anderem sprayten die Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 21 Jahren israelfeindliche Parolen und zündeten offenbar auch Böller. Die Polizei spricht von politisch motivierten Straftaten im Zusammenhang mit den Nahost-Konflikt. Vor Ort äußerten sich einige Jugendliche rechtsextrem und israelfeindlich. Andere sagten, sie wollten ein Zeichen dafür setzen, dass sie auf der Seite von Palästina stünden und sich solidarisch zeigen.«
Harburg
NDR
10/24/2023
Plakatzerstörung an der Roten Flora: »Unbekannte [haben] das riesige Solidaritätsplakat [für die Opfer des Massakers am 7. Oktober] an der Flora-Fassade überklebt, die Worte „Jüdinnen“ und „Juden“ wurden entfernt. Viele Betrachter sind empört.«
Sternschanze
Mopo
10/27/2023
Die organisierenden Gruppen einer geplanten »Anti-Repressionsparty« im Centro Sociale (u.a. das Offene Antifaschistische Treffen Hamburg (OAT)), wollen sich nicht von den mitorganisierenden »Young Struggle« distanzieren, obwohl diese zuvor auf ihrer Website einen Artikel veröffentlicht haben, der das Massaker vom 07. Oktober 2023 als »Gefängnisausbruch des palästinensischen Volkes« verharmlost und legitimiert. Das Nutzer:innenplenum sagt daraufhin die Veranstaltung ab.
Sternschanze
Jungle World
10/28/2023
Islamistische Versammlung in St. Georg: »Etwa 500 Menschen haben sich am Sonnabend auf dem Steindamm im Hamburger Stadtteil St. Georg versammelt. Angeblich um für die Palästinenser und Palästinenserinnen im Gazastreifen zu demonstrieren. Doch hinter dem gewaltsamen Protest steckten offenbar radikale Islamisten. […] Die ausschließlich männlichen Demonstranten hätten außerdem dazu aufgerufen, auch in Deutschland die Scharia, das islamische Recht, einzuführen. Darüber hinaus sei die Rede davon gewesen, das Blut der Palästinenser und Palästinenserinnen in Gaza auch hier in Deutschland zu rächen.«
St. Georg
NDR
11/1/2023
Anruf in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme: »Anrufer meldet sich mit ›Adolf Hitler‹ und verstellter Stimme… ›Steht denn die Dusche noch?‹, auf Nachfrage Wiederholung«
Neuengamme
Mitteilung Gedenkstätte
11/9/2023
Ganzseitiger Eintrag “Free Palestine” im Besucherbuch der Gedenkstätte Bullenhuser Damm (erinnert an 20 jüdische Kinder und mindestens 28 Erwachsene, die am 20. April 1945 im Keller des Gebäudes von SS-Männern ermordet wurden)
Mitte
Zeug*in
11/11/2023
Bombendrohung gegen Jüdisches Bildungszentrum (»Vor dem Jüdischen Bildungszentrum an der Rothenbaumchaussee hat ein unbekannter Mann per App ein Taxi bestellt; über die Chatfunktion schickt er dem Fahrer mehrere Nachrichten, behauptet unter anderem, er habe Sprengstoff in der Synagoge Hohe Weide platziert; er spricht von angeblichen erfolgten Straftaten, droht Taten an. Der Taxifahrer alarmiert die Polizei. Auf dem von der Polizei bewachten Gelände der Synagoge befindet sich zu dieser Zeit eine kleine Gruppe jüdischer Menschen; sie verbringen nach Abendblatt-Informationen eine Stunde voller Angst in einem Keller, bis die Polizei Entwarnung gibt. […] Es hätten sich keine Hinweise auf ›konkrete Gefährdungssituationen‹ ergeben, teilt die Polizei auf Anfrage mit. Gleichwohl laufen strafrechtliche Ermittlungen, geführt von der Staatsschutzabteilung des Landeskriminalamts.«
Rotherbaum
Abendblatt
11/21/2023
Antisemitische, nationalsozialistische Schmiererei (»NSDAP«) auf Plakatwand, die über jüdisches Leben (»Ist Chanukka das jüdische Weihnachten?«) informiert
Altona
X (Twitter)
11/26/2023
Großflächig rote Farbe auf das Synagogenmahnmal und Gestecke in Harburg gesprüht
Harburg
Zeug*in
1/19/2024
Rote-Hände Graffito in Kombination mit einer Palästinaflagge. (Die roten Hände beziehen sich positiv auf einen Lynchmord an israelischen Soldaten zu Beginn der Zweiten Intifada im Jahr 2000)
St. Pauli
Zeug*in
1/25/2024
Palästinaflagge mit Aufschrift »Free Gaza from Wiedergutmachung« (Der Slogan fordert ein Ende der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und/ oder suggeriert, diese würde im Dienste Israels bzw. gegen die Palästinenser geschehen)
Winterhude
ZEIT/Elbvertiefung Newsletter
1/25/2024
Keynote der antizionistisch-antisemitischen Klimaaktivistin Zamzam Ibrahim im Rahmen der Klima-Tagung »How Low Can We Go« auf Kampnagel. Ibrahim unterstützte zuvor bekanntermaßen die antisemitische BDS-Kampagne gegen Israel, setzte Israel mit dem NS gleich und legitimierte öffentlich den Terror von Hamas und Huthi-Rebellen. Sie trat u.a. im iranischen Staatsfernsehen auf.
Winterhude
Bericht Untiefen
1/25/2024
Gegendemonstration zu einer israelsolidarischen Demonstration vor Kampnagel, skandiert wird laut der ZEIT u.a. »Free Palestine from Wiedergutmachung«
Winterhude
Bericht Untiefen, ZEIT Newsletter
1/28/2024
»Der Verurteilten wurde vorgeworfen, am 28. Januar 2024 im Valentinskamp einer pro-israelischen Versammlungsteilnehmerin u.a. eine mitgeführte Israel-Flagge entrissen zu haben. Im Strafbefehlswege wurde sie zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen wegen Nötigung verurteilt.«
Neustadt
Mitteilung Staatsanwaltschaft
1/31/2024
Im Rahmen einer Podiumsdiskussion in den Bücherhallen tritt ein Störer auf, beleidigt nach Aufforderungen, den Raum zu verlassen, die jüdischen Diskutantinnen als »Nazis« und proklamiert, er lasse sich von ihnen »nicht ins KZ sperren«. Ein physischer Übergriff kann vom Moderator verhindert werden.
St. Georg
Zeug*in
2/4/2024
Parolen an einem Privathaus: »We stand with Palestine – Genocide apologists – zionists + other racists not welcome«; nach Mitteilung zuvor bereits angebracht: »Israels Staatsräson: Völkermord!«
Lokstedt
Zeug*in
2/8/2024
Störung der Jahresausstellungseröffnung der HfbK und Morddrohung gegen Besucher: »HFBK-Präsident Martin Köttering hatte gerade mit seiner Eröffnungsrede begonnen, als plötzlich Flugblätter durch die Eingangshalle flogen und eine Gruppe von circa zehn Menschen ›Free Palestine‹ (deutsch: Befreit Palästina) skandierte. Als jener Besucher sich daraufhin entschied, die Veranstaltung zu verlassen, und beim Hinausgehen mit den Worten ›from the Hamas Murders‹ (deutsch: von den Hamas-Mördern) auf die Rufe reagierte, wurde er von einem der Anwesenden mit dem Tod bedroht. Der Unbekannte hatte auf die Aussage des Besuchers mit der Drohung ›I will follow and kill you‹ (Ich werde dich verfolgen und töten) reagiert und sein Opfer damit erreicht.«
Barmbek-Süd
Abendblatt
2/9/2024
Verletzung eines Studierenden an der Uni Hamburg: »Ein jüdischer Studierender der Universität Hamburg [wurde] bei einem Handgemenge an der Hand verletzt. […] Nach Informationen des Abendblatts kam es zu dem Handgemenge wegen pro-palästinensischer Flugblätter, die in der Mensa verteilt worden waren. Der jüdische Studierende sammelte diese ein, der Flugblattverteiler konfrontierte ihn; es kam zum Streit, dann zum Gerangel – bei diesem Handgemenge wurde der Studierende an der Hand verletzt.« Der Betroffene wurde zudem als »Zionist« beschimpft.
Rotherbaum
Abendblatt; Zeug*in
2/19/2024
Heil Hitler‹-Schmiererei an Wand der Hauptausstellung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme
Neuengamme
Mitteilung Gedenkstätte
3/2/2024
Beleidigung auf der Mönckebergstraße: »Dem Verurteilten wurde vorgeworfen, am 2. März 2024 auf der Mönckebergstraße die Teilnehmer einer Mahnwache für Israel u.a. als „Scheiß Juden“ beschimpft zu haben. Er wurde deshalb wegen Volksverhetzung und Beleidigung zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen verurteilt.«
Altstadt
Mitteilung Staatsanwaltschaft
4/10/2024
Transparent auf einer pro-palästinensischen Demonstration: »Free Gaza from Wiedergutmachung«
Zeug*in;
4/15/2024
Antisemitischer und israelfeindlicher Shitstorm gegen den Veranstalter des unabhängigen Musikfestivals »Booze Cruise«
St. Pauli
Jungle World
4/27/2024
Islamistische Demo der Gruppe Muslim Interaktiv (Tarnorganisation der verbotenen Hizb ut-Tahrir) am Steindamm, u.a. Forderung nach einem Kalifat in Deutschland.
St. Georg
Zeug*in
4/28/2024
Zahlreiche Plakate der Partei DIE GRÜNEN mit »Zionismus = Faschismus« beschmiert
Eimsbüttel
Zeug*in
5/2/2024
Aktivist*in »Heal d Wrld« filmt als Instagram Reel in einem Edeka im Grindelviertel »Hass-Avocados« mit der Herkunft Israel. Das Preisschild ist mit »IsraHell« beschmiert und mit einem »Fuck Zionism«-Sticker beklebt.
Rotherbaum
Hamburger Initiative gegen Antisemitismus
5/3/2024
Graffito rotes Zieldreieck (Hamas-Propaganda) und Parole »All Eyes on Gaza«
St. Pauli
Instagram
5/6/2024
Einrichtung eines »Protest-Camps« auf der Moorweide (Nähe Universität) unter Beteiligung der palästinensisch-nationalistischen Gruppe »Thawra«. Aus dem Camp gehen bis September 2024 verschiedene antisemitische Aktionen hervor (siehe u.a. Eintrag »Tätlicher Angriff…« am 08.05.2024). Das rote Dreieck der Hamas-Propaganda ist immer wieder am Camp und im Umfeld zu sehen.
Rotherbaum
ZEIT; taz; Bürgerschafts-Drucksache 22/15817
7/5/2024
Sticker mit dem Motiv eines Panzers: »Widerstand ist Leben. Panzer für Palestina.«
Mitte
Zeug*in
5/7/2024
Graffito der genozidalen Parole »From the River to the Sea«
Rotherbaum
Instagram
5/8/2024
Tätlicher Angriff auf ein Vorstandsmitglied der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft nach einer Veranstaltung zu Antisemitismus an der Universität Hamburg; laut Presseberichten ist eine Täterin Mitanmelderin des „Protest-Camps“
Rotherbaum
ZEIT
5/8/2024
Auf einer Kundgebung des linken »Bündnis 8. Mai« auf dem Rathausmarkt wird eine Teilnehmerin, die ein Plakat hochhält (»Bring them home now«) von Menschen aus dem »Jugendblock« (bei dem auch »Young Struggle« mitläuft) angegriffen. Ihr Plakat wird ihr aus den Händen gerissen. Auch ein Antifaschist, der zu vermitteln versucht, wird beiseite gedrängt. Die Kundgebungsleitung bedauert den Zwischenfall.
Altstadt
Zeug*in
5/11/2024
Islamistische Demo der Gruppe Muslim Interaktiv (Tarnorganisation der verbotenen Hizb ut-Tahrir) am Steindamm, u.a. Forderung nach einem Kalifat im Nahen Osten (ca. 2300 Teilnehmer)
St. Georg
Hagalil
5/13/2024
Auf das Graffito einer palästinensischen Fahne wurde »Islamic Jihad muss sein« geschmiert
Rotherbaum
Instagram
5/14/2024
Aktion vor dem autonomen, besetzten Zentrum Rote Flora, gestreamt und beworben von pro-russischen, pro-islamistischen Medienkanälen (RedStream; Salah Said). Legitimiert wird die Aktion mit einer grundsätzlichen Ablehnung der Antisemitismuskritik, die von der Roten Flora zu verschiedenen Anlässen formuliert wurde. Diese wird als »antideutsch« diffamiert.
Sternschanze
taz
5/14/2024
Plakat im »Protest-Camp« Moorweide (»Zionism is Racism is Fascism«)
Rotherbaum
ZEIT/Elbvertiefung Newsletter
5/14/2024
Aufkleber zur Erinnerung an israelische Geisel mit »Israel Terror« beschmiert
Mitte
Instagram
5/15/2024
»Nakba«-Demonstration unter Beteiligung der palästinensisch-nationalistischen Gruppe Thawra. Laut ZEIT bleiben bei den Reden »die Opfer des Terroranschlags vom 7. Oktober unerwähnt. Auf der Bühne ist immer wieder von ›Besatzung, Kolonialisierung und Genozid‹ die Rede. Einmal wird Israel als ›genozidaler Staat‹ bezeichnet.«
St. Georg
ZEIT
5/15/2024
Antisemitische Parolen auf dem Campus der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW). Die Pressestelle der Universität schreibt: »Heute Morgen waren sie auf dem Campus am Berliner Tor zu lesen: Mit Sprühfarbe an den Mauern hinterlassene Parolen zum Krieg in Gaza mit antisemitischem Hintergrund. Die Sachbeschädigung wurde zur Anzeige gebracht, die Parolen dokumentiert, nun werden sie entfernt bzw. überstrichen.«
St. Georg
HAW
5/18/2024
Aufkleber mit rotem Dreieck angebracht
Mitte
Instagram
5/18/2024
Antisemitische Tafel des Künstlerkollektivs »New Red Order« in der Ausstellung »SURVIVAL IN THE 21ST CENTURY« in den Deichtorhallen. Bericht des NDR: »Auf einer Tafel neben dem eigentlichen Kunstwerk wird Israel die alleinige Schuld am Nahost-Konflikt gegeben und mit Nazi-Deutschland in eine Reihe gestellt. […] es ist nichts anderes als eine antisemitische Verschwörungserzählung, die da in der Ausstellung hängt. Der Massenmord an den Indigenen in den USA, die Shoa in Nazideutschland und die israelische Politik von heute seien strukturell alles dasselbe. Israel trage allein die Verantwortung für den Nahostkonflikt. Vom Hamas-Terror kein Wort. Von den iranischen Auslöschungsfantasien keine Silbe.«
Altstadt
NDR
5/19/2024
Antisemitisches und israelfeindliches Plakat in Planten un Blomen (»Zionismus = Kolonialismus, Rassismus, Terrorismus.«)
Mitte
Instagram
5/20/2024
Antisemitisches und israelfeindliches Plakat am Kulturzentrum B5 (»Israels Genozid, 83% der Grundwasserbrunnen […] zerstört.«)
St. Pauli
Instagram
5/24/2024
Pro-Palästina Aktivisten und Aktivistinnen hatten im Gebäude der Hochschule für bildende Künste (HfbK) antisemitische Graffitis und Plakate angebracht. Die Hochschule hat diese entfernt.
Barmbek-Süd
NDR/Meldung Hamburg Journal
5/27/2024
Kundgebung Thawra unter dem Motto »Israel sofort entwaffnen« bzw. »Boykottiert Israel«
St. Georg
Hamburger Initiative gegen Antisemitismus
5/28/2024
Instagram Story der Gruppe Thawra aus dem »Protest-Camp«, mit Aufkleber »Free Gaza from German Antifa!«
Rotherbaum
Hamburger Initiative gegen Antisemitismus
5/30/2024
Auf Instagram filmen sich Aktivist*innen von Thawra, wie sie im Auto über die Grindelallee fahren, aus den Seitenfenstern halten sie eine palästinensische Fahne, aus dem Autoradio tönt der Song »Free Palestine« vom Interpreten SEB!, in dem das Ende Israels herbeigesehnt wird.
Rotherbaum
Hamburger Initiative gegen Antisemitismus
5/30/2024
Holocaustleugnung an der Universität Hamburg: »Ein Mann soll auf dem Campus der Universität Hamburg volksverhetzende Äußerungen gemacht haben. Was bekannt ist. Im Internet kursiert ein Video des Vorfalls. Darauf ist zu hören, wie der Mann die Frage, ob er den Holocaust leugne, bejaht. In einer anderen Aufnahme sagt er, Adolf Hitler habe versucht, Juden zu schützen. Laut Pressestelle der Polizei ermittelt das Landeskriminalamt gegen ihn. Der Vorfall soll sich gegen Mittag vor dem Audimax der Universität ereignet haben. Auf Fotos von Studierenden ist zu sehen, wie der 43-Jährige mit drei Flaggen vor dem Gebäude steht: mit einer Israelflagge, einer Reichsflagge mit Davidstern und einer Fahne, auf der ein Eisernes Kreuz abgebildet ist. Eine Gruppe von Studierenden soll den mutmaßlichen Holocaustleugner angesprochen haben, dabei sei auch das Video entstanden, erklärt die Gruppe Students for Palestine Hamburg, die die Aufnahmen online verbreitet hat. Laut einer Pressesprecherin der Polizei wurde der Mann von Studierenden angezeigt.«
Rotherbaum
Eimsbütteler Nachrichten
6/2/2024
Ehrenamtlicher Guide der Stiftung Historische Gedenkstätten und Lernorte berichtet von antisemitischen Äußerungen einer Besucherin in der Gedenkstätte Fuhlsbüttel
Fuhlsbüttel
Mitteilung Gedenkstätte
6/3/2024
Transparente mit roten Zieldreiecken (der Hamas-Propaganda) sowie »Yallah Intifada« am »Protest-Camp« Moorweide
Rotherbaum
Instagram
6/6/2024
Michel Abdollahi suggeriert als Moderator auf einer auf Kampnagel-Veranstaltung zu »Canceln und Boykott« eine proisraelische Lobby in Deutschland, die eine mccarthyistische Diskursverengung betreibe. Raunt verschwörungsideologisch, dass Theatermacher im Fokus einer »politischen Kampagne« stünden »weil bestimmte Institutionen Sorge haben, dass hier etwas apassiert, was ihnen nicht passt«. Jeder Protest dagegen würde als antisemitisch diffamiert etc. Die israelsolidarische Kundgebung gegen Zamzam Ibrahim vom 25.01.2024 auf Kampnagel bezeichnet er als »Neonazis in Israelfahnen«.
Winterhude
Zeug*in
6/8/2024
Thawra Aktivist »einfach_tarik« markiert Olaf Scholz in Instagram Story mit rotem Dreieck; schreit ihm »Kindermörder« zu
online
Hamburger Initiative gegen Antisemitismus
6/9/2024
Instagram Story von Students4palestinehh dokumentiert »Zionism = Racism« Graffiti an der UHH Gebäude
Rotherbaum
Hamburger Initiative gegen Antisemitismus
6/13/2024
Sticker zur Erinnerung an die Geiseln in Gaza wurde mit Sticker »Jüdische Stimme – Juden gegen Genozid« überklebt
Mitte
Hamburger Initiative gegen Antisemitismus
6/26/2024
Unangemeldete Demonstration gegenüber dem Eingang Ostflügel Hauptgebäude UHH gegen die dort stattfindende Veranstaltung zu »Antisemitismus & Kampf gegen Antisemitismus aus jüdischer Perspektive«. Teilnehmende rufen lautstark Parolen, u.a. »Unsere Kinder, Frauen, Männer wollen leben – Uni Hamburg ist dagegen« und »Gegen Zionismus – gegen Faschismus«.
Rotherbaum
Zeug*in
6/26/2024
Störungen der Veranstaltung »Antisemitismus & Kampf gegen Antisemitismus aus jüdischer Perspektive«: »Offenbar hatten sich im Hörsaal mehrere Aktivisten verteilt. Bei sich trugen sie kleine Lautsprecherboxen, aus denen sie dann – einer nach dem anderen – etwas abspielten. Ob es sich dabei um Parolen handelte, sei kaum zu verstehen gewesen, erzählt die schon erwähnte Besucherin, die ebenfalls anonym bleiben möchte. ›Es war in erster Linie laut und plärrend.‹ Immer wieder habe die Veranstaltung unterbrochen werden müssen. Die von der Universität engagierten Sicherheitsleute hätten einen Störenden nach dem anderen aus dem Saal geführt. Dann sei etwas geschehen, das für einen ›Schreckmoment‹ im Publikum gesorgt habe: In den Reihen seien zwei Männer mit Palästinensertüchern aufgestanden und langsam nach vorne gegangen. Dort hätten sie sich in der ersten Reihe neben einem weiteren Aktivisten niedergelassen – direkt vor dem Rednerpult. Einige im Publikum hätten gerufen: ›Jenny, pass auf!‹ Es sei eine ganz offensichtliche Drohgebärde gewesen, so die erwähnte Besucherin gegenüber dem Abendblatt.«
Die Sicherheitsleute hätten sich dann nahe bei den drei Männern postiert. Diese seien sitzen geblieben. Die sich an den Vortrag anschließende Gesprächsrunde habe einer der Männer mit Zwischenrufen gestört. Als die Veranstaltung endete, seien einige Besucher gebeten worden, den Saal über einen Seiteneingang zu verlassen.« (Abendblatt)
Rotherbaum
Abendblatt
6/26/2024
Einer Person, die ein T‑Shirt mit hebräischer Aufschrift trägt, wird am Dammtorbahnhof von einem Mann mehrmals der Hitlergruss gezeigt.
Rotherbaum
Betroffener
6/28/2024
Plakate zur Erinnerung an Hamas Geiseln wurden abgerissen und beschädigt
Ottensen
Zeug*in
7/1/2024
Aufkleber »Bring them home to Europe! Decolonize Palestine« (auf rotem Dreieck)
Eimsbüttel
Instagram
7/3/2024
Demonstration Haupteingang Universität, nähe Vorlesungsreihe zu Judenfeindschaft
Rotherbaum
Zeug*in
7/8/2024
Rotes Dreieck auf dem »Thawra Kalender« (Instagram)
Rotherbaum
Instagram
7/10/2024
Demonstration Haupteingang Universität, nähe Vorlesungsreihe zu Judenfeindschaft; ca. 150 Personen; Parolen u.a. »Gegen den Faschismus! Gegen Antisemitismus! Gegen Zionismus!«
Rotherbaum
Zeug*in
7/15/2024
Angriff, antisemitische Beleidigung: »Die 56 Jahre alte Fußgängerin hatte sich über die Radfahrerin, die auf dem Gehweg fuhr, geärgert und sie angesprochen. Der Polizei sagte sie später, die Radfahrerin habe sie daraufhin zunächst antisemitisch beleidigt. Und dann nach ihrer markanten Halskette gegriffen und sie gewürgt. Die Radfahrerin soll auch noch auf die bereits am Boden liegende Fußgängerin eingetreten haben.« (NDR)
Bahrenfeld
NDR
7/17/2024
Demonstration von Thawra von der Roten Flora nach Altona; auf Transparenten steht u.a.: »Intifada Generation«, »Das einzig rote an der Flora ist das Blut an ihren Händen«.
Sternschanze
Instagram; Abendblatt; Zeug*innen
7/17/2024
Eine Kundgebung gegen die zuvor genannte Demo (Rote Flora nach Altona) wird attackiert. Ein Mann versucht, eine Israel Fahne zu erobern, stürzt sich zwischen die TN der Kundgebung und verletzt TN. Er wird von der Polizei, die die Kundgebung absichert, festgenommen.
Sternschanze
Zeug*in
7/26/2024
Graffiti »Free Gaza« und Hammer und Sichel an einem von orthodoxen Juden bewohnten Haus
Eimsbüttel
Instagram; Auskunft Zeug*in
7/26/2024
Schmiererei an der Meinungswand der Hauptausstellung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme: »Man muss wohl die Öfen wieder anschmeißen«
Neuengamme
Mitteilung Gedenkstätte
8/3/2024
Auftritt der u.a. antisemitischen, verschwörungstheoretischen Deutsch-Rap-Crew »Rapbellions« in Bramfeld
Bramfeld
Instagram
9/19/2024
In einem Aufruf von »ahrar.de« (Instagram) zu einer Demonstration am 5. Oktober wird das Massaker vom 7. Oktober relativiert und gerechtfertigt, Israel dämonisiert, die Zerstörung Israels gefordert (»Wir werden nicht aufhören, wir werden nicht ruhen, bis jeder Zentimeter Palästinas frei ist.«
Altstadt
Instagram
10/5/2024
Palästinensisch-nationalistische »Massendemonstration« nach Aufruf von »ahrar.de« (siehe Eintrag 19.09.2024); u.a. Plakat »Deutsche Staatsräson: Palästinenser und Libanesen müssen heute für die deutschen Verbrechen von damals büßen. WARUM???«
Altstadt
Zeug*in
10/5/2024
Während der palästinensisch-nationalistischen »Massendemonstration« versuchen ca. 20 junge Männer zur »Mahnwache für Israel« durchzubrechen, wird von der Polizei verhindert, Ordner greifen ein
Altstadt
Zeug*in
10/5/2024
Im Umfeld der palästinensisch-nationalistischen »Massendemonstration« werden Sticker mit dem Davidstern in den ein rotes Dreieck integriert ist und der Aufschrift »Liberate Judaism from Zionism»gefunden
Altstadt
Instagram
Anhang – Erläuterungen
Beispiel 1:
18.10.2023
Am Mittwoch sind in der Hamburger Innenstadt erneut pro-palästinensische Demonstrierende auf die Straße gegangen. Unterdessen wurde das Verbot solcher Kundgebungen bis Sonntag verlängert. Auf dem Jungfernstieg hatten zunächst etwa 20 Menschen gegen die Angriffe Israels protestiert – unter anderem mit Pappplakaten auf denen eine Wassermelone zu sehen war, das altbekannte Zeichen der Palästina-Proteste. Vier junge Männer wurden von der Polizei in Gewahrsam genommen, wie NDR 90,3 berichtete. Laut Augenzeugen sollen sie zwei Palästina-Flaggen mit dem Abbild des irakischen Diktators Saddam Hussein gezeigt haben.«
Altstadt
NDR
In diesem Fall stehen uns keine ausreichenden Informationen für eine Kategorisierung zur Verfügung. Es ist aller Erfahrung nach wahrscheinlich, dass es im Rahmen dieser sog. pro-palästinensischen Kundgebung zu diesem Zeitpunkt zu Israel dämonisierenden, antisemitischen Aussagen kam; das Zeigen eines Bilds des ehemaligen irakischen Diktators Saddam Hussein, der 1991 im Rahmen des zweiten Golfkriegs Raketen auf Israel – das keine Kriegspartei darstellte – abfeuern ließ, kann so interpretiert werden. Kundgebungen stellen ein demokratisches Grundrecht dar. Wir folgen der Systematik der Recherche und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) und ordnen entsprechende Versammlungen nur als antisemitische Versammlungen ein, wenn „in Reden, Parolen, auf mitgeführten Transparenten oder in Aufrufen antisemitische Inhalte festgestellt“ werden. In diesem Fall „wird die gesamte Versammlung als ein antisemitischer Vorfall vom Typ verletztendes Verhalten registriert. Ereignen sich bei oder am Rande einer solchen Versammlung Angriffe oder Bedrohungen, so werden diese jeweils als zusätzliche antisemitische Vorfälle dokumentiert.“ (RIAS 2024)
Beispiel 2:
20.10.2023
Israelfeindliche, terrorrelativierende Aussage gegenüber NDR Kamerateam: »Israel hat zuerst Palästina angegriffen und Palästina hat sich verteidigt, meiner Meinung nach.»
St. Georg
NDR
Dieser Fall wurde von uns nicht als antisemitisch kategorisiert. Die im Interview mit dem NDR getätigte Aussage kann plausibel als Rechtfertigung antijüdischer Aggression und des Massakers vom 7. Oktober interpretiert werden. Allerdings stehen uns nicht genügend Informationen (insbesondere zum Gesprächsverlauf und ‑kontext) zur Verfügung, die eine seriöse Entscheidung absichern würden. In der ethnozentristischen Wahrnehmung zweier homogener Kollektive („Israel hat…“, „Palästina hat…“) liegt eine Logik absoluter Feindbestimmung, die auch ein Element des Antisemitismus darstellt.
Beispiel 3:
26.07.2024
Graffiti »Free Gaza« und Hammer und Sichel an einem von orthodoxen Juden bewohnten Haus
Eimsbüttel
Zeug*in
Dieser Fall wurde als antisemitisch eingeordnet. Es handelt sich um eine (gezielte) Sachbeschädigung, d.h. „die Beschädigung oder das Beschmieren jüdischen Eigentums“ (RIAS 2024). Obwohl der Gehalt der Schmierereien selbst nicht antisemitisch ist, werden hier praktisch deutsche Bürger:innen jüdischen Glaubens für ein (vermeintliches) Handeln des israelischen Staats verantwortlich gemacht. Auch dieser Vorfall illustriert exemplarisch, wie Antisemitismus als ein kulturelles Klima von Bedrohung und Ausschluss von Jüd:innen in Deutschland sowie der Rechtfertigung antijüdischer Aggression wirkt.
[1] Stellvertretend für alle engagierten Parlamentarier:innen sei hier die Arbeit von Cansu Özdemir und Deniz Celik (beide Mitglieder der Bürgerschaftsfraktion der Linkspartei) hervorgehoben, die durch ihre regelmäßigen Kleinen Anfragen dabei helfen, die notwendige Transparenz und Öffentlichkeit im Bereich Hasskriminalität herzustellen.
[2] Nach Mitteilung der Pressestelle der Staatsanwaltschaft Hamburg arbeitet die Zentralstelle Staatsschutz mit der Arbeitsdefinition Antisemitismus der IHRA; entsprechende Bewertungen könnten sich allerdings im Laufe von Ermittlungen und Verfahren ändern.
[3] In diesem Zusammenhang weisen wir nochmals auf den an dieser Stelle vor einigen Wochen erschienenen Text „Klima der Judenfeindschaft“ zum Antisemitismus in Hamburg von Florian Hessel hin; die dort skizzierten Überlegungen Begriffe und Analysen formulieren einige der Grundlagen und Grundannahmen des vorliegenden Chronikprojekts aus und geben weitere Literaturhinweise.
Der Überfall der radikal-islamischen Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und das folgende Massaker mit über 1.200 Todesopfern sind eine Zäsur, selbst in der an grauenvollen Ereignissen keineswegs armen Geschichte des Antisemitismus. Ihre globalen Nachwirkungen – keine Ächtung anti-humanistischer Ideologien und Politik, sondern im Gegenteil eine Enthemmung der aggressiven Dämonisierung des Judenstaats und der Bedrohung von Jüdinnen und Juden – sind auch in Hamburg zu spüren.
Nichts Abweichendes mag noch ertragen werden: Plakate, die an die von der Hamas festgehaltenen Geiseln erinnern, werden auch in Hamburg abgerissen. Foto: privat
Schon der Blick auf die Zahlen ist erschreckend: Bundesweit ist die Zahl antisemitischer Vorfälle nach dem 7. Oktober dramatisch gestiegen, dasselbe gilt für Hamburg. Hier machte Antisemitismus 2023 24% aller erfassten Fälle von Hasskriminalität aus – wobei weniger als 0,2% der Hamburger:innen jüdischen Glaubens sind. Im vierten Quartal hat sich die Fallzahl gegenüber dem Vorjahreszeitraum verfünffacht, auf 67 gegenüber 12 Fällen (siehe die Kleinen Anfragen der Linksfraktion zur Hasskriminalität in Hamburg in 2022 und 2023). Im Rahmen einer im Sommer 2024 erschienenen Studie unter anderem der Hochschule der Akademie der Polizei Hamburg gaben mehr als drei Viertel der befragten Hamburger Jüdinnen und Juden an, innerhalb der letzten zwölf Monate Antisemitismus erfahren zu haben.
Nach allen Erkenntnissen bleibt ein großer Teil der dahinter liegenden Fälle antisemitischer Diskriminierung und Gewalt außerhalb der Wahrnehmung von Öffentlichkeit und Behörden – die erwähnte Studie schätzt den Anteil auf 80%. Zivilgesellschaftlich gesammelte Daten, die dieses große Dunkelfeld erfahrungsgemäß erhellen könnten, standen für Hamburg allzu lange nicht zur Verfügung: Die 2021 gegründete, öffentlich geförderte digitale Hinweis- und Meldestelle memo veröffentlicht im Gegensatz zu den Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) in anderen Bundesländern keine Fälle oder (aussagekräftige) Zahlen. Ein nun vom Träger der Meldestelle, der Beratungsstelle für Betroffene rassistischer, antisemitischer und rechter Gewalt Empower, vorgelegter Bericht gibt 282 Fälle von Antisemitismus in Hamburg für 2023 an – mehr als ein Drittel der ingesamt dort bekannt gewordenen menschenfeindlichen Taten; im Zeitraum nach dem 7. Oktober verdoppelten sich auch hier die Fälle.
Plakativer Judenhass
Die Wände und die Öffentlichkeit der Stadt erlauben uns einen weiteren Einblick in die Realität des Antisemitismus. Wenige Tage nach dem 7. Oktober beginnend, werden auf Hauswänden und Laternen fortlaufend sogenannte pro-palästinensische Slogans, Aufkleber etc. angebracht. Neben die seit Jahrzehnten obligatorischen nationalistischen Parolen wie »Free Palestine« treten immer wieder auch Israel dämonisierende, manifest antisemitische Bilder: So wurde laut Bericht eines Anwohners auf St. Pauli z.B. nach dem 7. Oktober ein Graffito mit blutroten Handabdrücken platziert – eine Chiffre, die sich zustimmend auf den Lynchmord an zwei israelischen Soldaten zu Beginn der Zweiten Intifada ab 2000 bezieht; aus Eimsbüttel meldeten Anwohner:innen der Instagramseite Civil-Watch against Anti-Semitism Anfang Juli 2024 Aufkleber mit dem roten Dreieck (der Zielmarkierung der Hamas-Propaganda) und dem Slogan »Bring Them Back to Europe – Decolonize Palestine«. Israelsolidarische oder auch nur antisemitismuskritische Botschaften, sogar Plakate, die an die von der Hamas festgehaltenen Geiseln erinnern, werden abgerissen, beschädigt oder übermalt.
Jegliche israelsolidarische Kundgebung und antisemitismuskritische Veranstaltung hat mit Störungen und mit mindestens verbalen Bedrohungen zu rechnen
Jegliche israelsolidarische Kundgebung und antisemitismuskritische Veranstaltung hat mit Störungen und mit mindestens verbalen Bedrohungen zu rechnen: Im Anschluss an eine Solidaritätskundgebung mit Israel Mitte Oktober 2023 etwa wurden zwei Organisator:innen beschimpft und physisch angegriffen, eine israelische Fahne wurde gewaltsam entwendet; auf einer Podiumsdiskussion in den Bücherhallen Ende Januar 2024 wurden die jüdischen Podiumsteilnehmerinnen als »Nazis« und »KZ-Wächter« beschimpft und physisch bedroht.
Boykotte und alltäglicher Antisemitismus
Konkrete Positionierungen sind dabei zunehmend irrelevant: So war z.B. das Punkfestival Booze Cruise massiven Anfeindungen im Netz und international einem faktischen Boykott ausgesetzt, weil der Veranstalter als »Zionist« und »Gen0cide-Supporter« [sic!] markiert wurde. Seit Anfang Mai 2024 konnte nach US-amerikanischem Vorbild von palästinensisch-nationalistischen Gruppen und Aktivist:innen ein »Protest-Camp« am Rande der Universität Hamburg etabliert werden. Aus dessen Umfeld kam es am 8. Mai im Anschluss an eine antisemitismuskritische Vortragsveranstaltung in der Universität zu einer wohl spontanen, aber gezielten verbalen und physischen Attacke auf ein Vorstandsmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, wenige Tage später zu einer als Angriff zu verstehenden kurzzeitigen Besetzung der Roten Flora.
Nach einer kurzen Phase medialer Diskussion direkt nach dem 7. Oktober sind die Hamburger Schulen aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden. Die Zahl von Anfragen für Antisemitismus-Workshops an Akteure der politischen Bildung ist jedoch seither weiter gestiegen und zumindest an einigen Schulen ist das Niveau der Vorfälle hoch. Wie Lehrer:innen von Harburger Schulen gegenüber Untiefen berichteten reichen diese Vorfälle bis hin zu demonstrativer Verherrlichung des antisemitischen Massenmords und der Bedrohung engagierter Lehrkräfte. Nur Weniges überschreitet die Schwelle der öffentlichen Wahrnehmung: In der Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage in der Bürgerschaft vom November 2023 werden vier Bombendrohungen gegen Schulen »im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt« erwähnt, die von der Polizei jedoch als »keine Gefährdungslage« eingestuft worden seien.
Wie sich deutlich zeigt, eröffnet die Dynamik der Ereignisse – von den Morden, Vergewaltigungen und Entführungen am 7. Oktober in Israel bis hin zum grausamen Kriegsgeschehen in Gaza und dessen medialer Dauerpräsenz – auch in Hamburg Möglichkeitsräume und Gelegenheitsstrukturen für judenfeindliche Aggressionen und Affekte. Gefüllt und genutzt werden diese Räume ebenso im persönlichen Umgang und Umfeld – offline oder online – wie von öffentlichen Akteur:innen.
In der Sache geeint: IslamistInnen und autoritäre Linke
Antisemitismus bezeichnet Judenhass – eine auf Jüdinnen und Juden bezogene Praxis der Gewalt in Wort und Tat und deren gleichzeitige Rechtfertigung, und tritt in allen gesellschaftlichen Schichten und politischen Spektren auf. Der Aussage, Israel mache im Prinzip mit den Palästinensern dasselbe wie die Nazis mit den Juden, stimmte zuletzt 2022 43% der deutschen Wohnbevölkerung zu. Gleichwohl sind es bestimmte Milieus, die gegenwärtig eine hervorgehobene Rolle spielen. Namentlich sind dies islamistische Milieus, Teile der autoritären Linken sowie aktivistische, selbsterklärt »pro-palästinensische« Kreise. Die Chiffre »Palästina« sowie Israelhass und Antisemitismus dienen hier – in jeweils unterschiedlicher Weise – als Agitationsmittel, die einen großen emotionalen Rückhall in postmigrantischen und/oder aktivistischen Milieus versprechen, vor allem unter Jugendlichen und bis in die bürgerlich-liberale Mitte hinein.
Vorfeldorganisationen der islamistischen Hizb ut-Tahrir hatten bereits kurz nach dem 7. Oktober in St. Georg eine »spontane« anti-israelische Kundgebung organisiert. 2024 folgten zwei weitere, angemeldete Demonstrationen, die bundesweit breit thematisiert wurden. Über Social Media als Bilder der Stärke inszeniert, sollen darüber Anhänger mobilisiert und Sympathisanten für eine misogyne, juden- und minderheitenfeindliche, insgesamt islamistische, demokratiefeindliche Agenda gewonnen werden. Autoritär-linke, »rote« oder »kommunistische« Gruppen veröffentlichten zügig Israel dämonisierende Statements (»Der Terrorist heißt Israel» u.ä.) und agitieren entsprechend. Die Bündnisdemo dieses Spektrums zum 1. Mai 2024 wurde weitgehend von palästinensisch-nationalistischen Parolen und Symbolen dominiert. Neben der Mobilisierung dient diese Positionierung als Instrument, um anti-autoritäre Linke im Kampf um Einfluss, Deutungen (v.a. von Antisemitismus) und Kontrolle von Räumen unter Druck zu setzen.
Gegenüber den islamistischen und autoritär-linken Gruppen ist das als aktivistisch umschriebene Milieu deutlich heterogener in Zusammensetzung und Ausrichtung. Anders als diese kann man eine Wirkung in die weitere politische Öffentlichkeit hinein entfalten. Dies gilt auch für organisierte Gruppen der »Palästina-Solidarität« wie Thawra, deren Grundstrukturen bereits länger etabliert sind und die mindestens ideologisch auch Überschneidungen mit den zuvor beschriebenen Gruppen aufweisen. Sie betreiben Kampagnenpolitik und radikalisieren sich in widerspruchsfreien Echokammern wie dem »Protest-Camp«. Wie bereits skizziert, werden entgegen der Selbstbeschreibung als sich der ganzen Macht von Staat und Gesellschaft entgegenstellenden Widerstandskämpfer:innen, vor allem »weiche«, nicht-staatliche und in diesem Sinn ungeschützte Ziele aus Subkultur und Bildungssektor gewählt: Man versucht jedweden linken Protest und jede Struktur vereinnahmend zu kapern und bedroht ein besetztes autonomes Zentrum; man demonstriert regelmäßig gegen eine universitäre Vorlesungsreihe zu Judenfeindschaft und stört diese mehr oder weniger organisiert. (Alles praktischerweise meist nur einen kurzen Fußweg oder eine S‑Bahnstation vom »Protest-Camp« entfernt.)
Von jeder Wand muss es herunterschreien: Anti-Israelische Raumnahme durch Graffiti. Foto: privat
Israelhass als kultureller Code
Eine wesentliche Zielgruppe dieser nationalistischen Kampagnenpraxis ist ein weiteres, eher diffuses, formal unorganisiertes, aktivistisch-künstlerisches Milieu von Personen an oder im Umfeld von Kulturinstitutionen oder Hochschulen, die sich mehrheitlich als links oder linksliberal verstehen würden. Im Fokus standen in jeweils anderer Weise die Hochschule für bildende Künste Hamburg (HfBK), das Kulturzentrum Kampnagel und seit dem Frühjahr 2024 zunehmend die Universität Hamburg.
Der Kampagnenpolitik im Sinne eines undifferenzierten, kompromisslosen palästinensischen Nationalismus wird im weiteren künstlerisch-aktivistischen Milieu von einer Haltung Raum gegeben, in der das Ressentiment gegen Israel (als Schlagwort: »die Israelkritik«) affektiv verankert ist. Durchaus auch aufgrund dieser jahrzehntealten nationalistischen Kampagnen wie des entsprechenden Erbes der Neuen Linken nach 1968, fungieren die »Israelkritik«, der »Anti-Zionismus«, die Dämonisierung Israels als ein kultureller Code, wie dies die Historikerin Shulamit Volkov benannt hat (2000: 84ff.), d.h. als »Erkennungszeichen der Zugehörigkeit zu einem bestimmten, subkulturellen Milieu« und einer emotionalisierten moralisch-politischen Haltung: Im Mittelpunkt, so Volkovs Analyse, stehen nicht die tatsächlichen Fragen, sondern »der symbolische Wert, ihnen gegenüber einen Standpunkt zu beziehen.« Und heute gilt umso deutlicher was Volkov bereits in den 1980er Jahren festgehalten hatte, dass global anscheinend »die Juden oft zum Symbol für all das geworden [sind][…], was man am Westen gehaßt und verabscheut hat«: namentlich Kolonialismus, Nationalismus und Rassismus, Ausbeutung, Ausgrenzung und Unterdrückung.[1]
Dämonisierender Israelhass muss nicht selbst propagiert werden, sondern dessen Normalisierung als ein kultureller Orientierungspunkt ist das entscheidende Moment, wie es Lukas Betzler an dieser Stelle anhand des Klimafestivals im Januar auf Kampnagel exemplarisch beschrieben hat. In diesem kulturellen Klima aus offener Aggression und bestenfalls verunsicherter Derealisierung angesichts eines »kontroversen Themas« – Antisemitismus und ein politisch komplexer, historisch aufgeladener Konflikt – bilden sich die Möglichkeitsräume und Gelegenheitsstrukturen, die ein Medium von Judenhass in der Gegenwart darstellen.
»Berechtigter« Antisemitismus?
Aufrufe zu Gewalt gegen Jüdinnen und Juden, Israelis, »Zionisten« – auf Social Media oder zumindest einigen Hamburger Schulhöfen immer weniger codiert zu hören –, sind dabei ein Moment. Entscheidender sind die Derealisierung und Konsequenzlosigkeit der für sich sprechenden Taten und Tatsachen, die Verschiebung der Debatte auf den »Antisemitismusvorwurf« statt den Antisemitismus, und die Verweigerung von Empathie gegenüber den Erfahrungen von Jüdinnen und Juden. Entscheidender ist das Misstrauen, das derart entsteht. Die immer hemmungslosere Aggression zieht ihre Ziele – Jüdinnen und Juden; Akteure, die sich gegen Antisemitismus und Israelhass positionieren; beliebige Festivalveranstalter, die ein unterwerfendes Bekenntnis verweigern – mit in Verdacht. In diesem kulturellen Klima prägt sich Antisemitismus als sogenannter sekundärer aus, als Entlastungs- oder Schuldabwehrantisemitismus: Die Opfer werden für Gewalt, Hass und Verfolgung, die auf sie gerichtet werden, verantwortlich gemacht. Oder wie der Soziologe Detlev Claussen in Grenzen der Aufklärung sarkastisch formulierte (2005, XIV): »Unter Antisemitismus wird eine unberechtigte Aggression gegen Juden verstanden; aber berechtigte Angriffe sind denk- und artikulierbar geworden.«
Die Wände und Räume der Stadt sind ein passendes Bild für das, was heute Antisemitismus heißt, die aktuellste Rechtfertigung von antijüdischer Aggression in Wort und Tat: Von jeder Wand muss es herunter schreien. Jeder Raum soll mit der absoluten Gewissheit besetzt werden. Nichts Abweichendes mag noch ertragen werden. Der sich stetig selbst radikalisierende, kompromissunfähige, hoch emotionalisierte Modus der anti-israelischen Camps, Graffitis, Kampagnen und Bekenntnisse enthält das Ressentiment gegen Geist, Dialog und Reflexion und zwingt die unübersichtliche Welt in sein eindeutiges Schema von Gut und Böse. Und von solcher in widerspruchslosen Räumen verstärkten (Selbst-)Gewissheit ist es nur noch ein kurzer Weg dahin, den von den eigenen martialischen Parolen erzeugten Mythos als Rechts- und Machtanspruch in die (Gewalt-)Tat umsetzen zu dürfen, ja geradezu: umsetzen zu müssen.
Man wäge genau ab, wo man hingehe, berichtet eine aus der Ukraine geflüchtete Hamburger Jüdin der taz: »Ich frage mich: Wann werde ich angegriffen?« Die allgegenwärtige, Israel dämonisierende Propaganda, die Vereinnahmung des Raums der Stadt, das kulturelle Klima erzeugen für Jüdinnen und Juden eine Atmosphäre der Bedrohung und des Ausschlusses von Orten ihres Alltags. Gegen die allzu breit akzeptierte, falsche Wahrnehmung zweier gleichermaßen kompromiss- und dialogunfähiger »Gegner« ist festzuhalten: Während die anti-israelischen Aktivist:innen selbsterklärt für ein politisches Anliegen eintreten und die Freiheit reklamieren, Menschen mit abweichenden Haltungen zu bedrohen, wollen Jüdinnen und Juden einfach in Freiheit von solcher Drohung in ihrer Stadt leben.
– Dieser Artikel erschien in einer früheren Version auf vernetztgegenrechts.hamburg –
Der Autor dankt Janne Misiewicz und Olaf Kistenmacher sowie der Redaktion Untiefen.
[1] Ähnliches gilt auch für einige postmigrantische, stärker türkisch- oder arabisch-nationalistisch geprägte Milieus. Hier verbindet sich ähnlich wie im Islamismus der einigende, dämonisierende Israelhass mit Ressentiments gegen Minderheiten wie Kurd:innen oder Yezid:innen – gerade wo diese ihre eigene Verfolgungserfahrung im Massaker vom 7. Oktober und dessen Relativierung reflektiert sehen.
Zamzam Ibrahim durfte auf Kampnagel sprechen. Während draußen eine propalästinensische Demo antizionistische Parolen brüllte, eröffnete sie das Klima-Festival online per Zoom – und setzte mit ihrer Mischung aus Esoterik und raunender ›Systemkritik‹ den Ton fürs Wochenende. Jüdische und antisemitismuskritische Stimmen wurden von diesem ›vielstimmigen‹ Chor übertönt.
»There is no climate justice with the muderers of Iranian women.« Demonstrant:innen am Donnerstag vor Kampnagel. Foto: Screenshot Instagram
»Ich sollte nicht hier sein.« Diesen Satz äußerte Dor Aloni in einem so persönlichen wie politischen Statement, das er seiner Performance Atlantis am Donnerstagabend im Saal K4 auf Kampnagel voranstellte und in dem er seiner Kritik an der Einladung Zamzam Ibrahims deutlichen Ausdruck verlieh. Alonis Satz lässt sich auf zwei Arten verstehen: als Feststellung, dass er als jüdisch-israelischer Theatermacher auf einem Klimafestival, das von einer antisemitischen Rednerin eröffnet wurde, fehl am Platze ist; und als Hadern mit seiner Entscheidung, nun auf Kampnagel aufzutreten, obwohl Zamzam Ibrahim nicht ausgeladen wurde.
Denn seit Aloni Anfang der Woche erfahren hatte, wessen Keynote-Vortrag den Klimaschwerpunkt »How Low Can We Go?« eröffnen solle, in dessen Rahmen auch er auftreten würde, konnte er nicht mehr ruhig schlafen. Auch davon sprach er in seinem Statement. Für ihn, dessen Familie in Israel lebt und der durch den antisemitischen Terror der Hamas vom 7. Oktober auch Kolleg:innen verloren hat, war der Gedanke unerträglich, einen (Diskurs-)Raum mit einer Aktivistin zu teilen, die den Terror der Huthi im Jemen und der Hamas in Israel als ›Widerstand‹ verklärt. Am Dienstag hatte er daher bei der Kampnagel-Leitung interveniert und deutlich gemacht, dass für ihn hier eine rote Linie überschritten ist: Entweder Ibrahim wird ausgeladen, oder er sagt seine Auftritte ab.
Kampnagel befand sich dadurch in einer misslichen Lage: Dass ein jüdischer Künstler sich aus Protest gegen die Tolerierung antisemitischer Positionen und aus Sorge um sein Wohlbefinden zurückzieht, wäre für ein – laut Selbstdarstellung »diskriminierungssensibles« – deutsches Theater gelinde gesagt problematisch. Aber eine antiisraelische Aktivistin auszuladen, zumal eine, die Schwarz und muslimisch ist, hätte Kampnagel wohl ebenso geschadet, insbesondere in der internationalen ›freien Szene‹, in der Terrorapologie weithin als ›Israelkritik‹ zu gelten scheint und jede Kritik daran als ›Silencing‹ und ›Cancel Culture‹ beklagt wird.
Um wessen Sicherheit geht es?
Man kann sich vorstellen, wie der »empathische Dialog« (Kampnagel-Leitbild) aussah, in dem Aloni unter Druck gesetzt wurde, Kampnagel doch nicht in diese Lage zu bringen. Und tatsächlich ließ er sich auf einen Alternativvorschlag ein: Am Mittwoch verkündete Kampnagel, dass man Zamzam Ibrahim nicht auslade, dass sie aber nur online, per Zoom-Zuschaltung, sprechen werde. Dies als Kompromiss oder salomonische Lösung zu bezeichnen, wäre jedoch völlig verfehlt. Denn erstens bot man Ibrahim so weiterhin eine Bühne (und sogar eine größere als zuvor); und zweitens wurde in der am Mittwochabend veröffentlichten Erklärung der Antisemitismus konsequent entnannt, während Ibrahim zum Opfer einer rassistischen Kampagne stilisiert wurde.
Zu den »Antisemitismusvorwürfen« gegen Ibrahim äußert Kampnagel sich in der Erklärung mit einer Distanzierung, die sich schwächer nicht formulieren ließe: »In der Tat sind von der Speakerin Äußerungen bekannt geworden, die auch wir so nicht teilen können.« Nicht ›antisemitische Äußerungen‹ oder wenigstens ›Äußerungen, die wir nicht teilen‹, sondern: ›Äußerungen, die wir so nicht teilen können.‹ Was mag das heißen – so nicht, aber in anderer Form schon? Kampnagel wollte dazu auf Nachfrage nichts antworten.1Wenn Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard gegenüber Untiefen lediglich allgemein proklamiert: »Wir distanzieren uns in aller Deutlichkeit von antisemitischen und israelfeindlichen Haltungen«, muss sie sich die Frage gefallen lassen: Wo war diese Deutlichkeit im konkreten Falle Zamzam Ibrahims?
Als verantwortlich für die Verlegung ins Internet präsentiert die Erklärung nicht Ibrahims Antisemitismus, sondern zum einen das mangelnde Vertrauen »Einzelner« in die Versicherung Kampnagels, »dass es im Rahmen des Klimaschwerpunktes zu keiner antisemitischen Äußerung kommen wird«, und zum anderen die mediale Verbreitung der Kritik und die dadurch laut werdenden »Aufrufe zum Verhindern der Keynote«. Beklagt wird schließlich noch, die Berichterstattung habe »rassistische und islamfeindliche Narrative« hervorgerufen. Auch wenn vage von der »Sicherheit aller Anwesenden« geschrieben wird, ist der Tenor deutlich: Weil Ibrahim von einem aufgeheizten Mob bedroht werde, könne sie zu ihrem eigenen Schutz nur online sprechen.
Es ist eine klassische Form des relativierenden Umgangs mit Antisemitismus: Als Problem gilt nicht der Antisemitismus selbst, sondern der Umstand, dass er benannt und kritisiert wird – und dass Konsequenzen aus dieser Kritik gefordert werden.2Auch in Ihren Eröffnungsworten nannte Amelie Deuflhard die Debatte als Grund für die Verlegung ins Internet: »The controversy around the keynote made us decide to place it online.« Als Problem gilt nicht der Antisemitismus, sondern der ›Antisemitismusvorwurf‹, gelten also Menschen, die es für falsch halten, eine Antisemitin unwidersprochen öffentlich reden zu lassen. Und weil es nun einmal oft die Betroffenen selbst sind, die gegen Antisemitismus einstehen, heißt das: Als Problem gelten Jüdinnen und Juden. Vom Kampnagel-Statement zum am Donnerstag in antiisraelischen Kreisen zirkulierenden Aufruf, die »Hetze« gegen Ibrahim zu stoppen, ist es nur ein kleiner Schritt. Man nennt das Täter-Opfer-Umkehrung.
Nicht gar so offene Debattenräume
Symptomatisch war hierfür das Bild, das sich am Donnerstagabend vor Kampnagel bot. Etwa dreißig Kritiker:innen des Antisemitismus – darunter Mitglieder des Jungen Forums der DIG Hamburg und der jüdischen Gemeinde sowie Exiliraner:innen – versammelten sich dort gegen halb sechs, um gegen die Einladung Ibrahims zu protestieren. Zahlenmäßig überlegen war jedoch eine spontan angemeldete antiisraelische Gegenkundgebung, die von der Polizei in Sicht- und Hörweite vorgelassen wurde.
Dank Lautsprecheranlage übertönten deren Sprechchöre zudem diejenigen der Kundgebung gegen Antisemitismus. Und im Gegensatz zum Anti-Antisemitismus konnte der Israelhass auf ein großes Repertoire griffiger Slogans zurückgreifen – neben dem notorischen »From the river to the sea« gehörte dazu am Donnerstag etwa »Alle zusammen gegen Zionismus«. Die antisemitismuskritischen Demonstrant:innen wurden als ›Verteidiger eines Genozids‹ verleumdet.
Drinnen, in der Installation »Cruise Tentare«, eröffnete Amelie Deuflhard währenddessen kurz angebunden den Klima-Schwerpunkt vor ca. vierzig etwas desorientierten Gästen. Die eigentlich für 18:15 Uhr angekündigte Keynote von Zamzam Ibrahim war wenige Minuten vor dem geplanten Beginn auf 19:45 Uhr verlegt worden. Der Hintergrund dieser Verschiebung ist brisant: Die Kampnagel-Leitung wollte dem Radiosender NDR 90,3 untersagen, O‑Töne aus Ibrahims Keynote-Vortrag für die Berichterstattung zu nutzen. Die Kulturredaktion von NDR 90,3 wandte sich in der Sache an ihr Justiziariat, das ein derartiges Verbot als unzulässig erachtete. Auch das daraufhin kontaktierte Justiziariat von Kampnagel folgte dieser Einschätzung. Kampnagel entschied sich vor diesem Hintergrund gegen eine Live-Übertragung und stellte – anderthalb Stunden später als eigentlich geplant – eine Aufzeichnung des Gesprächs online.3Das Video ist nun auch wieder aus dem Internet verschwunden – samt vieler kritischer Kommentare. Ein erstaunliches Verhalten für ein Haus, das stets die Notwendigkeit offener Debatten betont.
Auf Nachfrage erläutert Amelie Deuflhard, Ibrahim habe zunächst nur einer einmaligen Veröffentlichung ihrer Rede zugestimmt, nicht aber einer Aufzeichnung; erst nach erneuter Rücksprache habe Ibrahim die Zustimmung, O‑Töne zu verwenden, erteilt. »Zu keiner Zeit wurde die freie Presseberichterstattung über die Rede Zamzam Ibrahims beschränkt oder sollte beschränkt werden.« Doch wie sonst soll man es bezeichnen, wenn einem Radiojournalisten untersagt werden soll, O‑Töne aus einem öffentlichen Vortrag für seine Berichterstattung zu verwenden?
Climate Justice lies with God?
Ibrahims Keynote-Vortrag war dann eine Mischung aus religiös-esoterischem Pathos und raunender ›Systemkritik‹. Zur Klimagerechtigkeit hatte sie nur Gemeinplätze zu bieten. Stattdessen war ihre Rede voll von Anspielungen auf das Thema, über das zu sprechen ihr ›verboten‹ worden war: »I wouldn’t be me without talking about the pain and suffering that is happening this very second«, proklamierte sie, und sprach sodann von »Genoziden«, die wir alle live auf unseren Bildschirmen verfolgen könnten. Zu diesem raunenden Sprechen in Anspielungen passte auch ihr Outfit – ein weißer Pullover mit einem Print der Jerusalemer al-Aqsa-Moschee, der gerade deutlich genug zu sehen war, um die Botschaft erkennen zu lassen, und gerade unauffällig genug, um sich keinen Bruch der Abmachung vorwerfen lassen zu können.
Zamzam Ibrahim atmet in ihrem Vortrag good vibes ein. Foto: Screenshot Youtube
In politischer Hinsicht offenbarte Ibrahim ein mit religiösem Pathos aufgeladenes Schwarz-Weiß-Denken – Gerechtigkeit vs. Unterdrückung, Gut vs. Böse, Globaler Süden vs. Globaler Norden, ›wir‹ gegen ›die‹. Eine Anerkennung von Widersprüchen suchte man vergeblich: »You are either part of the problem or part of the solution. There is no other side to this coin.« Dieses dichotome Denken verband sich mit einer raunenden Verdammung ›des Systems‹, das jede Kritik mundtot zu machen und jeden Widerstand im Keim zu ersticken versuche.4»You see, when you stand on the side of justice, the systems of oppression that we seek to break down will try to deplatform you, but no sensations headlines or lies can ever win against you.« Gegen eine politisch-ökonomische Ordnung, die auf white supremacy, Rassismus, Ausbeutung und Gier beruhe und »profit over people« stelle, brachte Ibrahim die Vorstellung einer »green economy« in Anschlag, die den Bedürfnissen der Menschen und unseres Planeten diene.5Wörtlich heißt es in der Rede: »See, the fight against climate change is a fight against all systems that fuel the climate crisis: white supremacy, racism, economic exploitation, greed – I could be here all day.« Und weiter: »We need a green economy, financial systems that exist to serve the needs of people and our planet.« Diese von Gier befreite »green economy« klingt auffällig ähnlich wie das Programm des »Islamic Banking«, das als ein mit der Scharia konformes Finanzwesen etwa im Iran propagiert wird.
Mögen diese Ausführungen auch nicht explizit antisemitisch gewesen sein – ihre Nähe zu dem, was der Künstler Leon Kahane in einem Interview mit dem Ausdruck ›Antisemitismus als Kulturtechnik‹ bezeichnet, ist evident: »Antisemiten positionierten sich immer gegen das Establishment und gesellschaftliche Zwänge und für etwas vermeintlich Fortschrittliches. Der Antisemitismus als Kulturtechnik ist der Versuch, Widersprüche aufzulösen – zur Not mit Gewalt. Die eigenen Konflikte und das eigene Böse werden externalisiert und auf Jüdinnen und Juden oder den jüdischen Staat Israel projiziert.«
Aloe Vera streicheln für mehr Klimagerechtigkeit – ein Workshop auf Kampnagel. Foto (Ausschnitt): Screenshot Instagram.
Es fragt sich zudem, was genau Ibrahims Rede zum Problem der Klimagerechtigkeit beizutragen hatte. Wenn es in der Erklärung von Kampnagel heißt, »Ibrahims Perspektive bleibt für den Diskursschwerpunkt des Festivals ein wichtiger Bestandteil«, bleibt offen, worin genau diese ›Perspektive‹ liegt. Mit ihrem Denken in Dichotomien und ihrer religiös-esoterisch verbrämten Systemkritik gab Ibrahim aber zumindest einen Vorgeschmack darauf, was im Rest des Diskursprogramms passierte – etwa die Beschwörung eines Olivenbaums als Zeuge oder das »öko-intime« Streicheln von Aloe-Vera-Pflanzen. Wenn das die von Kampnagel versprochenen neuen »Strategien im Klimadiskurs« sind, ist wenig Grund zur Hoffnung.
Antisemit:innen mit Grund zum Jubeln
Draußen vor Kampnagel hatte sich die antisemitismuskritische Kundgebung derweil aufgelöst, die Gegenkundgebung blieb jedoch noch eine Weile vor Ort, um in ausgelassener Stimmung bei lauter Musik zu tanzen und ihren Sieg zu feiern. Man feiere, »dass Kampnagel nicht vor den Zionisten eingeknickt ist«, erklärte eine Demonstrantin. Und bevor die Lautsprecheranlage abgebaut wurde, rief der Versammlungsleiter zum Abschluss noch einmal ins Mikro: »Danke, Kampnagel!«
Die Hamasfans vor Kampnagel hatten Grund zum Feiern. Foto (Ausschnitt): Screenshot Instagram.
»Danke, Kampnagel!« ist auch der Tenor der propalästinensischen Kommentare in den sozialen Medien. Die Verlegung von Zamzam Ibrahims Vortrag ins Internet wird hier keineswegs als ›Einknicken‹ verstanden.6Daher ist auch der Bericht im Hamburger Abendblatt irreführend, der behauptet, die propalästinensische Demo habe gegen die Verlegung von Ibrahims Vortrag ins Internet demonstriert, und die Situation also so darstellt, als werde Kampnagel von zwei Seiten gleichermaßen angegriffen. Richtig ist: Diejenigen, die für Zamzam Ibrahim demonstrierten, sahen sich mit Kampnagel auf derselben Seite – und das zu Recht. Davon zeugen vor allem viele Kommentare zur Erklärung von Kampnagel auf Instagram.7Ein Statement der im Workshopprogramm von »How Low Can You Go« auftretenden Künstlerin Niya B brint diese Sicht auf den Punkt: »[…] they [Kampnagel] are refusing to cancel speakers who are falsely branded as antisemitic. In the current climate, this is a bold public statement for a German cultural institution.« Und auch Ibrahim selbst präsentierte sich nach ihrem Auftritt als Siegerin. In ihrer Instagram-Story zeigt sie sich mit Siegerlächeln, Victoryzeichen und dem nun in Gänze sichtbaren al-Aqsa-Moschee-Pullover, den sie auch schon bei der Keynote trug. Ergänzt ist dieses Bild um die Worte: »Just Germanys most hated climate activist reporting in let you all know, I’m doing great and also to remind ya’ll… Ain’t Climate Justice without a FREE PALESTINE«.
Zamzam Ibrahim feiert nach ihrer Keynote… Fotos: Screenshot Instagram
… und zeigt ihre Haltung nochmal überdeutlich.
Kampnagel ›verlernresistent‹
Für all jene, die gegen Antisemitismus einstehen, endete die Debatte um Ibrahims Auftritt so in einer Niederlage. Und hegte man die Hoffnung, dass man zumindest auf Kampnagel etwas aus den Vorfällen gelernt (oder eher, wie es im Jargon heißt, verlernt) habe, wurde man ebenfalls enttäuscht. Gegenüber Untiefen sagte Amelie Deuflhard zwar: »Den Prozess rund um den Schwerpunkt zur Klimagerechtigkeit werden wir gründlich aufarbeiten. Dabei nehmen wir die geäußerte Kritik ernst und setzen uns damit auseinander, was der Vorgang für jüdisches und antisemitismuskritisches Publikum hervorgerufen hat.« Bisher deutet aber nichts darauf hin, dass man sich auf diese Ankündigung verlassen könnte.
Eher das Gegenteil ist der Fall: Deuflhard zeigte sich nach der Keynote in ihrer Entscheidung bestärkt. Ibrahims Vortrag bezeichnete sie gegenüber NDR 90,3 als »ausgewogene, gemäßigte und kämpferische Rede für alle«. Und auf die Frage, ›ob es das wert war‹, antwortete sie: »Es war’s vielleicht wert dafür, dass es keine gute Idee ist, dass wir unterschiedliche Stimmen von schwarzen Aktivistinnen, von muslimischen Aktivistinnen verstummen lassen. Wir müssen ohne solche harten Anwürfe diskutieren können«. Mit den »harten Anwürfen« ist fraglos die vornehmlich von Jüdinnen und Juden geäußerte Benennung von Ibrahims Positionen als antisemitisch gemeint. Die Botschaft ist also deutlich: Kampnagel will den ›vielstimmigen Diskurs‹ gerne ohne antisemitismuskritische jüdische Stimmen führen.
Diese Erkenntnis ist bitter enttäuschend. In Enttäuschung aber steckt zumindest immer auch die aufklärerische Dimension einer Desillusionierung. Die Vorgänge um den Auftritt Zamzam Ibrahims waren gut geeignet, Illusionen zu verlieren – allen voran die Illusion, dass man Kampnagel im Kampf gegen Antisemitismus zu den Verbündeten zählen könne.
Anti-Antisemitismus bleibt Handarbeit
Enttäuscht in diesem Sinne sind auch einige Kampnagel-Künstler:innen. Dor Aloni fand in einem Interview mit Zeit Online am Dienstag klare Worte: »Für mich ist das eine politische Frage, ich finde, die Relativierung des Holocaust und die Rechtfertigung des Hamas-Massaker keine Position, die man mit anderen konträren Positionen diskutieren kann. Kampnagel hat den Anspruch, sichere Räume für bedrohte und marginalisierte Gruppen zu bieten. Ich habe den Eindruck, dass das für Juden so nicht gilt.«
Und der Performancekünstler Tucké Royale kommentierte auf Instagram, das Verhalten Kampnagels zeige die gefährliche Tendenz, dass in Sachen Antisemitismus aufs Bauchgefühl gehört wird statt auf die Antisemitismusforschung und auf Jüdinnen und Juden: »Ein absoluter Irrtum zu denken, dass sich Antisemitismuskritik und Antirassismus ausschließen.« Ansonsten aber wurde Ibrahims Antisemitismus von Künstler:innen aus dem Kampnagel-Umfeld geleugnet oder legitimiert – oder es herrschte Schweigen. Das zeigt: Sich hier offen gegen Antisemitismus und Israelhass zu stellen, macht schnell einsam.
In ihrer Eröffnungsrede am Donnerstag sagte Amelie Deuflhard: »Ich bin mir sicher, dass uns diese Kontroverse auch in den nächsten Wochen und Monaten beschäftigen wird.« Damit das keine leeren Worte bleiben, gilt es, diesen Satz als Aufforderung zu verstehen. Hätte es keine kritische Öffentlichkeit gegeben, wäre der Antisemitismus Zamzam Ibrahims nicht einmal Thema geworden; ohne eine weiterhin kritische Öffentlichkeit wird die Debatte auch keine Konsequenzen haben.
Lukas Betzler
Der Autor hat vor einer Woche eine ausführliche Recherche zum Antisemitismus Zamzam Ibrahims veröffentlicht.
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Wenn Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard gegenüber Untiefen lediglich allgemein proklamiert: »Wir distanzieren uns in aller Deutlichkeit von antisemitischen und israelfeindlichen Haltungen«, muss sie sich die Frage gefallen lassen: Wo war diese Deutlichkeit im konkreten Falle Zamzam Ibrahims?
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Auch in Ihren Eröffnungsworten nannte Amelie Deuflhard die Debatte als Grund für die Verlegung ins Internet: »The controversy around the keynote made us decide to place it online.«
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Das Video ist nun auch wieder aus dem Internet verschwunden – samt vieler kritischer Kommentare.
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»You see, when you stand on the side of justice, the systems of oppression that we seek to break down will try to deplatform you, but no sensations headlines or lies can ever win against you.«
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Wörtlich heißt es in der Rede: »See, the fight against climate change is a fight against all systems that fuel the climate crisis: white supremacy, racism, economic exploitation, greed – I could be here all day.« Und weiter: »We need a green economy, financial systems that exist to serve the needs of people and our planet.« Diese von Gier befreite »green economy« klingt auffällig ähnlich wie das Programm des »Islamic Banking«, das als ein mit der Scharia konformes Finanzwesen etwa im Iran propagiert wird.
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Daher ist auch der Bericht im Hamburger Abendblatt irreführend, der behauptet, die propalästinensische Demo habe gegen die Verlegung von Ibrahims Vortrag ins Internet demonstriert, und die Situation also so darstellt, als werde Kampnagel von zwei Seiten gleichermaßen angegriffen. Richtig ist: Diejenigen, die für Zamzam Ibrahim demonstrierten, sahen sich mit Kampnagel auf derselben Seite – und das zu Recht.
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Ein Statement der im Workshopprogramm von »How Low Can You Go« auftretenden Künstlerin Niya B brint diese Sicht auf den Punkt: »[…] they [Kampnagel] are refusing to cancel speakers who are falsely branded as antisemitic. In the current climate, this is a bold public statement for a German cultural institution.«