»Da ist etwas gewesen, das sehr viel Kraft hatte.«

»Da ist etwas gewesen, das sehr viel Kraft hatte.«

Seit mehr als zwei Jah­ren ist das einst so leben­dige Umfeld rund um die Stern­brü­cke eine Bau­stelle. Die Foto­gra­fin und Fil­me­ma­che­rin Helga Bah­mer hat das Ver­schwin­den die­ses Orts mit der Kamera fest­ge­hal­ten. Ab dem 22. Mai sind ihre Arbei­ten in der giraf­fen­toast Gal­lery zu sehen. Wir zei­gen schon jetzt eine Aus­wahl der Fotos und haben mit der Künst­le­rin gesprochen.

© Helga Bahmer

Untie­fen: Unter dem Titel Krüm­mungs­ruck Stern­brü­cke nimmst du foto­gra­fisch die Trans­for­ma­tion des Umfelds der Stern­brü­cke in den Blick. Was gab den Anstoß für die­ses Projekt?

Helga Bah­mer: Ich ver­binde per­sön­lich sehr viel mit der Stern­brü­cke. Als ich im Jahr 2000 aus der Pro­vinz nach Ham­burg kam, war ich von die­sem Ort geflasht: Die klei­nen Läden, die geschichts­träch­ti­gen Back­stein­ge­bäude, die Kreu­zung, die Men­schen und die Clubs – das war für mich der Inbe­griff von Urba­ni­tät. Ich habe Lon­don geliebt, und das sah für mich aus wie Lon­don. Vor etwa sechs Jah­ren wurde dann ja beschlos­sen, dass die Clubs da weg­müs­sen. Für mich war aber eher der Moment ent­schei­dend, als vor zwei Jah­ren die Pfei­ler für die Kabel­hilfstrasse auf­ge­stellt wur­den. Für mich waren diese Pfei­ler wie Ali­ens, die das ganze Stadt­bild dort ver­än­dert haben. Das war der Moment, in dem ich dachte: Jetzt müsste ich anfan­gen zu foto­gra­fie­ren und diese Ver­än­de­rung festzuhalten.

Das heißt, dir ging es nicht darum, den Zustand vor dem Abriss zu doku­men­tie­ren, son­dern die Trans­for­ma­tion selbst?

Ja, künst­le­risch hat mich nicht das Schlie­ßen der Clubs inter­es­siert, und auch der Abriss der Brü­cke inter­es­siert mich nicht. Mich fas­zi­nierte diese Zwi­schen­zeit, in der alles schon leer stand und immer mehr weg­ge­nom­men wor­den ist von der Geschichte des Orts und von sei­ner Patina. Jetzt foto­gra­fiere ich den Ort nicht mehr, denn diese Zwi­schen­zeit ist vor­bei. Nur den Trans­port der neuen Brü­cke möchte ich gern noch auf­neh­men, aber dann ver­mut­lich eher auf Film, nicht mit Fotos.

Im Ankün­di­gungs­text zu dei­ner Aus­stel­lung heißt es, »dass das Alte zur Nost­al­gie wird und das Neue noch unge­wiss ist«. Wel­che Rolle spielt für dich das bewah­rende Moment, das die Foto­gra­fie als Medium aus­zeich­net? Sind deine Fotos nostalgisch?

Nein, die sol­len nicht nost­al­gisch sein. Ich will auch keine Nost­al­gie aus­lö­sen. Ich bin keine Nost­al­gi­ke­rin und auch nicht gegen Ver­än­de­rung. Wenn so ein Infrastruktur-Knotenpunkt saniert wer­den muss, dann stehe ich dem gar nicht nega­tiv gegen­über – auch wenn die Gründe im Fall der Stern­brü­cke natür­lich sehr frag­wür­dig sind. Aber wenn Orte, die für die Stadt­kul­tur wich­tig waren oder sind, aus­ge­merzt oder ver­drängt wer­den, wenn an ihrer Stelle so eine Art Leere ent­steht, dann fühle ich mich beru­fen, das zu doku­men­tie­ren, damit nicht eine Art Amne­sie ein­tritt. Die Räume, die Steine, die Kase­mat­ten, die noch die Spu­ren des­sen tra­gen, was dar­aus ein­mal gemacht wor­den war, bil­den ein Archiv. Die­ses Archiv will ich wei­ter­tra­gen – und zwar so, wie ich das inter­pre­tiere: nicht rein doku­men­ta­risch, son­dern mit einer künst­le­ri­schen Hal­tung. Und ich will schließ­lich auch abfei­ern, dass es diese Gegen­räume gab.

Mit dem Archiv Stern­brü­cke der Foto­gra­fin Johanna Klier, das die­ses Jahr mit dem Georg-Koppmann-Preis für Ham­bur­ger Stadt­fo­to­gra­fie aus­ge­zeich­net wurde, gibt es ein Pro­jekt, das einen ähn­li­chen Aus­gangs­punkt nimmt, aber ästhe­tisch ganz anders vor­geht: Ihre Arbeit mit einer ana­lo­gen Groß­bild­ka­mera, ohne erhöhte Kon­traste, Unschär­fen oder extreme Per­spek­ti­ven, nimmt einen genau regis­trie­ren­den, objek­ti­ven Blick ein. Deine Fotos doku­men­tie­ren zwar auch, wäh­len aber eine viel stär­ker sub­jek­tive Per­spek­tive. Wie bist du da vorgegangen?

Ich habe einen Blick gesucht, den nicht andere schon gefun­den haben, einen eige­nen Stand­punkt und eine eigene Aus­sa­ge­kraft. Mir waren die Emo­tio­nen, die ich mit dem Ort ver­binde, sehr wich­tig. Und was mich sehr anzieht, ist eben das Gelebte, das Dre­ckige, das Ver­schlos­sene, manch­mal auch das Skur­rile. Das setzt sich dann oft in Far­ben um, ich habe aber auch viel mit Tie­fen­un­schärfe gear­bei­tet. In der doku­men­ta­ri­schen Foto­gra­fie legt man sehr viel Wert dar­auf, dass der ganze Foto­raum scharf ist, von vorne bis hin­ten. Der sub­jek­tive Blick hin­ge­gen stellt man­che Dinge scharf, andere nicht. Außer­dem habe ich auch mit Abs­trak­tio­nen gear­bei­tet. Und mich hat die Patina inter­es­siert, die Ober­flä­chen, die eben nicht glatt und super-HD sind, son­dern die man auch erspü­ren kann und die, das hoffe ich jeden­falls, die Tie­fen­struk­tur der Zeit transportieren.

Her­vor­ste­chend sind auch die unge­wöhn­li­chen Per­spek­ti­ven der Fotos: zum Bei­spiel, wenn auf einem Bild eine Art Matte sich wie ein Glet­scher oder eine Lawine vom rech­ten obe­ren Bild­rand in Fal­ten nach links unten schiebt und man schwer aus­ma­chen kann, aus wel­chem Mate­rial die­ser Gegen­stand ist und wel­che Funk­tion er eigent­lich hat. Steckt darin eine Fas­zi­na­tion nicht nur für das, was da ein­mal war, son­dern auch für die teils bizar­ren For­men, die nur in die­sem Moment der Trans­for­ma­tion für kurze Zeit entstehen?

Das Bild, das du ansprichst, zeigt den Abriss des Stern­gar­tens. Die Bil­der von die­sem Moment sind die ein­zi­gen Abriss­bil­der, die ich über­haupt auf­ge­nom­men habe, weil mich das per­sön­lich so sehr mit­ge­nom­men hat. Noch ein paar Wochen zuvor hatte ich zusam­men mit einer Freun­din im Inne­ren des Gebäu­des foto­gra­fiert und wir hat­ten fest­ge­stellt, dass es in gar kei­nem so schlech­ten Zustand war, man hätte es gut sanie­ren kön­nen. Es hat mir wirk­lich weh­ge­tan, das abge­ris­sen zu sehen, und dafür fand ich die­ses Bild. Es ist eine Matte, die beim Abriss dazu diente, dass keine Trüm­mer auf die Straße fal­len, sie sieht aber aus wie eine Welle, die das Haus über­rollt hat.

Men­schen sind auf dei­nen Bil­dern nur sel­ten zu sehen. Warum?

Weil der Ort seine Leben­dig­keit ver­lo­ren hat. Die ein­zi­gen Momente, in denen da mei­nem Gefühl nach noch Leben exis­tiert, sind die Krei­sel­kon­zerte der Initia­tive Stern­brü­cke. Ansons­ten ist da nicht mehr viel los. Leute ste­hen nicht mehr vor den Clubs oder vorm Kiosk, sie lau­fen nur noch vor­bei. Für mich ist das inzwi­schen ein lee­rer Ort.

Deine Aus­stel­lung trägt den Titel Krüm­mungs­ruck Stern­brü­cke. Im Begleit­text wird erläu­tert, es han­dele sich um einen »Begriff aus der Tras­sie­rung«. Wofür steht die­ser Titel?

Ein Krüm­mungs­ruck tritt auf, wenn man eine gekrümmte mit einer gera­den Trasse ver­bin­det und der Über­gang dabei abrupt ein­setzt. Mit Blick auf die Stern­brü­cke ver­stehe ich den Krüm­mungs­ruck als den Effekt des Ver­suchs, eine Krüm­mung, also einen sub­kul­tu­rel­len oder alter­na­ti­ven Raum, zu begra­di­gen. Ich habe in Mainz Foto­gra­fie und Umwelt­ge­stal­tung am Fach­be­reich Kunst stu­diert und bin da mit Mike Davis und sei­ner kri­ti­schen Theo­rie der Stadt­pla­nung und Urba­ni­tät in Kon­takt gekom­men. Das Stu­dium ist lang her, die Details hatte ich ver­ges­sen, aber mir ist jetzt auf­ge­fal­len, dass ich von die­sen Theo­rien immer noch imprä­gniert bin. Zum Bei­spiel von Davis’ These, dass die Berei­ni­gung von Orten mit Geschichte, Orten, an denen soziale Aneig­nung pas­siert und an denen Sub­kul­tur ent­ste­hen kann, dazu dient, dass eine Stadt umfas­sen­der wirt­schaft­lich aus­ge­nutzt wer­den kann. Wozu diese Aus­nut­zung führt, sieht man in Ham­burg an der Elbtower-Ruine oder am brach­lie­gen­den Hols­ten­areal. Orte wie die Stern­brü­cke ste­hen einer wirt­schaft­li­chen Aus­nut­zung in die­ser Form im Weg, die sind nicht clean genug. Im Begriff »Krüm­mungs­ruck« steckt die gewisse Aggres­si­vi­tät, die Gewalt die­ser Begra­di­gung, ähn­lich wie in dem Lawinenbild.

Die neu zu pla­nen­den Flä­chen rund um die neue Stern­brü­cke (Aus­schnitt). Quelle: Bezirks­amt Altona

Nun wird an der Stern­brü­cke ja aber vor­aus­sicht­lich kein Inves­tor bauen. Die Grund­stü­cke gehö­ren dem Bezirk Altona, Anfang Mai begann ein öffent­li­ches Betei­li­gungs­ver­fah­ren. Gibt es nicht eine Chance, dass das Neue hier nicht not­wen­di­ger­weise das Schlechte sein muss?

Es wird zwei nutz­bare Flä­chen unter der neuen Brü­cke geben und drei Grund­stü­cke im Umfeld der Brü­cke. Es gibt zwar ein Betei­li­gungs­ver­fah­ren, aber was mit den Ideen und Wün­schen der Anwohner:innen wirk­lich pas­siert, ist unklar. Viel­leicht läuft es ja gut, die Stadt lernt aus ihren Feh­lern und ver­sucht, etwas Neues auf­zu­bauen, das auch sub­ver­si­ves Poten­tial birgt. Und trotz­dem finde ich es trau­rig, dass die alten Kase­mat­ten mit ihren Geschichts­spu­ren weg sind. Man hätte sie ja ret­ten kön­nen. Ein Zweck mei­ner Aus­stel­lung ist es auch, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es diese Räume gab und dass wir sol­che Räume, wo es sie in Ham­burg noch gibt, erhal­ten kön­nen. Denn wenn wir sie ver­lie­ren, ver­lie­ren wir nicht nur Räume – wir ver­lie­ren die Ideen, wie wir leben wollen.

Sind deine Bil­der also zwar nicht nost­al­gisch, aber traurig?

Trau­rig­keit kann schnell in Nost­al­gie kip­pen, und das will ich nicht unbe­dingt trans­por­tie­ren. Ich trauere natür­lich um den Ver­lust die­ses Ortes und es gibt man­che Bil­der, vor allem viel­leicht die schwarz-weißen, die das auch zum Aus­druck brin­gen. Aber trotz­dem ist es für mich vor allem ein Fest, dass es den Ort gab, dass der eine Ener­gie hat, die immer noch aus­strahlt und Men­schen bewegt. Da ist etwas gewe­sen, das sehr viel Kraft hatte.

»KRÜMMUNGSRUCK STERNBRÜCKE«
von Helga Bah­mer
Aus­stel­lung in der giraf­fen­toast Gal­lery (Klei­ner Schä­fer­kamp 28, 20357 Ham­burg)
22. Mai – 6. Juni 2026

Ver­nis­sage: Frei­tag, 22.05.2026, ab 19 Uhr, mit Live-Musik von Deer Anna
Am 30.05.2026 um 14 Uhr gibt es eine Füh­rung (nur mit Anmeldung)

Helga Bah­mer lebt und arbei­tet in Ham­burg. Sie stu­dierte Kunst­fo­to­gra­fie an der Johan­nes Gutenberg-Universität Mainz und spe­zia­li­sierte sich spä­ter auf Doku­men­tar­film an der Kunst­hoch­schule für Medien in Köln. Ihre Arbeit unter­sucht die Schnitt­stel­len zwi­schen Iden­ti­tät, Stadt­pla­nung und Archi­tek­tur. Im Mit­tel­punkt ihrer Arbeit steht die Frage: Wie prä­gen Orte und Poli­tik die Menschen?

Never ending Stumpfsinn

Never ending Stumpfsinn*

Dass die Stern­schanze ein Ort der Hyper­gen­tri­fi­zie­rung ist, bedarf kei­ner Erwäh­nung mehr. Nun jedoch wird der Stadt­teil gen­trif­rit­tiert: Immer mehr soge­nannte Food Start­ups bie­ten über­teu­erte Lebens­mit­tel an. In Wahr­heit ver­kau­fen sie jedoch vor allem Con­tent zur sozi­al­me­dia­len Selbst­in­sze­nie­rung. Wieso Zimt­schne­cken, Donuts und Bur­ger den städ­ti­schen in einen sinn­lo­sen Raum verwandeln.

It’s a mood – weg­ge­wor­fe­ner Papp­kar­ton einer Zimt­schne­cken­kette in der Stern­schanze. Foto: privat.

Womög­lich ist es die Suche nach Ent­schleu­ni­gung, die Men­schen dazu ver­lei­tet, sich in lange Schlan­gen zu stel­len, um über­teu­erte Süß­spei­sen zu kau­fen. Zumin­dest ver­spricht das die Zimtschnecken-Kette »Cin­na­mood«, die sich als »Ort der Vor­freude, der Ent­schleu­ni­gung« anpreist. An der Beschleu­ni­gung des All­tags wirkt jedoch aus­ge­rech­net die Zimtschnecken-Kette selbst mit. In hohem Tempo erobern ihre Filia­len in einem Heer aus wei­te­ren Food Start­ups den städ­ti­schen Raum. Jüngst etwa bekam »Cin­na­mood« Kon­kur­renz durch die in Ham­burg gegrün­dete Franchise-Kette »Cin­na­ver­sum«. Neue Mar­ken wer­den kre­iert und erle­ben über die Sozia­len Mei­den einen – mit­un­ter kurz­le­bi­gen – Hype. Neue Geschäfte eröff­nen und schlie­ßen als­bald wie­der, um durch das neue Immer­glei­che ersetzt zu wer­den. Kom­pen­sa­tion dafür sol­len iro­ni­scher­weise die von den Start­ups ver­trie­be­nen Pro­dukte bie­ten: Neben Ent­schleu­ni­gung ver­spre­chen sie etwa Authen­ti­zi­tät, Gemein­schaft und beson­dere Erlebnisse.

Die erste Filiale eröff­nete »Cin­na­mood« im Novem­ber 2022 in der Schan­zen­straße. Jah­re­lang war dort ein Spiel­wa­ren­ge­schäft. Auch andern­orts wird die­ser Wan­del sicht­bar. Wo einst Gemüse- oder Trö­del­lä­den und inha­ber­ge­führte Knei­pen, Cafés und Restau­rants die Stra­ßen­züge säum­ten, trifft man nun – in einem fuß­läu­fi­gen Umkreis – auf eine unüber­schau­bare Viel­zahl an Filia­len der Food Start­ups. Direkt gegen­über der Zimtschnecken-Kette ist »Ley’s Coo­kies« ein­ge­zo­gen, gleich um die Ecke »Brammibal’s Donuts«, nur ein paar Stra­ßen wei­ter die »New York Bagel Bar«. Am Schul­ter­blatt, wo jahr­zehn­te­lang ein grie­chi­sches Restau­rant Gyros ser­vierte, ver­kauft jetzt »Loco Chi­cken« Hähn­chen­flü­gel. Fast end­los könnte diese Liste fort­ge­führt wer­den: »Super­bad«, »Ruff’s Bur­ger«, »Kjeks«, »Schnit­zery«, »Hakan Abi«. Man­che Läden, bei­spiels­weise »Royal Donuts« in der Stern­straße oder auch »Nani’s Cheesecake« am Neuen Pfer­de­markt, sind längst schon wie­der verschwunden.

Selbst die eins­ti­gen Gen­tri­fi­ca­teure der Stern­schanze wer­den von den neuen Food Start­ups ver­drängt. Wir beob­ach­ten eine beschleu­nigte Gen­trif­rit­tie­rung: die Trans­for­ma­tion des städ­ti­schen Raums durch Trend­nah­rung. Dabei ist die­ses Phä­no­men bei wei­tem nicht auf ein ein­zi­ges Vier­tel beschränkt. Jüngst beschwer­ten sich Anwoh­nende und Stand­be­trei­bende des Eims­büt­te­ler Ise­markts dar­über, dass die­ser von Food­trucks und ‑trends und folg­lich von Influen­cern über­rannt werde. Von einem Wochen­markt, auf dem Waren des täg­li­chen Bedarfs ange­bo­ten wer­den, könne kaum noch gespro­chen wer­den. Hier soll jedoch kein Kla­ge­lied ange­stimmt wer­den. Dass sich die Stern­schanze und andere Stadt­teile ver­än­dern und Geschäfte schlie­ßen, ist per se kein Pro­blem. Die Frage jedoch ist, durch was sie ersetzt werden.

Expandierende Food Startups

Die neuen Läden ver­kau­fen zwar unter­schied­li­che Pro­dukte wie Kekse, Donuts, Bagels oder Bur­ger. Doch viele eint die Art und Weise, wie sie diese pro­du­zie­ren (las­sen), ver­wer­ten und ver­mark­ten. Die Geschäfte fol­gen häu­fig dem Prin­zip soge­nann­ter Mono-Konzepte, ver­kau­fen also ein Kern­pro­dukt, bei­spiels­weise Zimt­schne­cken. Diese las­sen sich in der Regel stan­dar­di­sie­ren und kön­nen daher von schnell ange­lern­ten Arbeits­kräf­ten ver­kaufs­fer­tig gemacht wer­den. Die Pro­duk­tion ist ver­gleichs­weise güns­tig, was hohe Mar­gen zulässt. Zugleich wird das Geschäfts­mo­dell über die stan­dar­di­sierte Pro­duk­tion ska­lier­bar. Das wie­derum ermög­licht eine rasche Expan­sion. Einige Ket­ten – wie etwa »Cin­na­mood« – setz­ten dafür auf ein Fran­chise­kon­zept, also schnel­les Wachs­tum bei gerin­gem Kapi­tal­ein­satz. Andere wie das Startup »Lanch«, das unter ande­rem hin­ter »Loco Chi­cken« steckt, sam­mel­ten flei­ßig Mil­lio­nen am Kapi­tal­markt ein.

Etwas anders ver­hält es sich bei »LAP Cof­fee«. Die mitt­ler­weile auch am Schul­ter­blatt mit einer Filiale ver­tre­tene Kette geriet in jüngs­ter Zeit in Kri­tik, da sie güns­ti­gen Kaf­fee anbie­tet und daher inha­ber­ge­führte Cafés unter Druck setze. Zwar ver­folgt auch »LAP Cof­fee« eine rasche Expan­sion durch Risi­ko­ka­pi­tal. Der eigent­li­che Zweck des Unter­neh­mens besteht jedoch wohl weni­ger im Ver­kauf von Kaf­fee, son­dern in der »Ent­wick­lung und Betrieb von digi­ta­li­sier­ten und auto­ma­ti­sier­ten Ver­kaufs­stel­len für den Ein­zel­han­del«, wie das Sur­plus Maga­zin berich­tete. Die der­zei­tige Auf­merk­sam­keit für Trend­nah­rung dient also offen­bar als Vehi­kel, um etwas ganz ande­res zu ent­wi­ckeln und zu verkaufen.

Schmeckt nicht jedem – Reste eines Trend­dö­ners in einem Haus­ein­gang in der Stern­schanze. Foto: privat.

Das Phä­no­men der Food Start­ups lässt sich jedoch nicht allein über die alt­her­ge­brach­ten Pro­dukte sowie die Expan­si­ons­stra­te­gien erklä­ren. Viel­mehr lau­fen in der Gen­trif­rit­tie­rung unter­schied­li­che Stränge zusam­men. Dabei spielt das Inter­net eine zen­trale Rolle. Denn ers­tens las­sen sich die von den Food Start­ups ange­bo­te­nen Pro­dukte nicht wie etwa Mode im Online­han­del ver­trei­ben, der bereits für eine Trans­for­ma­tion des städ­ti­schen Raums gesorgt hat. Viele Geschäfte, die keine ver­derb­li­chen Waren anbie­ten, muss­ten auf­grund der Kon­kur­renz im Inter­net schlie­ßen – das schuf Platz. Dies gilt, zwei­tens, auch für den kapi­tal­ge­trie­be­nen Immo­bi­li­en­markt: Vor allem in popu­lä­ren Stadt­tei­len wie der Stern­schanze sind die Mie­ten der­art gestie­gen, dass sie häu­fig nur noch von sol­ven­ten Ket­ten getra­gen wer­den kön­nen. Ent­schei­dend ist jedoch, drit­tens, das Auf­kom­men neuer Wer­be­stra­te­gien über die Sozia­len Medien. Vor allem Insta­gram und Tik­Tok besche­ren den Food Start­ups ihren Erfolg. Die Bur­ger, Donuts und Zimt­sche­cken ver­kau­fen sich offen­bar weni­ger auf­grund ihrer Qua­li­tät, son­dern vor allem, weil sich über sie ein Lebens­stil aus­drü­cken lässt.

Liebe ist ein Keks

Um ein Pro­dukt zu ver­kau­fen, das hat etwa Wolf­gang Fritz Haug in sei­ner Kri­tik der Waren­äs­the­tik nach­ge­zeich­net, muss es sei­nen Käufer:innen ein plau­si­bles Gebrauchs­wert­ver­spre­chen bie­ten. Mit ande­ren Wor­ten muss die Ware vor dem Kauf über­zeu­gen, dass sie einen Zweck erfüllt. Bei Nah­rungs­mit­teln liegt die­ser in der Regel nach wie vor darin, dass sie bekömm­lich sind, Hun­ger stil­len und gut schme­cken. Geschmack und Genuss sind auch wich­tige Ver­spre­chen der von den Food Start­ups ver­trie­be­nen Pro­dukte. Sie gehen jedoch darin bei Wei­tem nicht auf. Ihr eigent­li­cher Gebrauchs­wert liegt weni­ger in mate­ri­el­len Qua­li­tä­ten, son­dern vor allem darin, dass sie als Zei­chen auf etwas Imma­te­ri­el­les verweisen.

Wer sich durch das Instagram-Konto von »Cin­na­mood« klickt, dem fal­len schnell Begriffe auf wie Pause, Aus­zeit, Freude und Beloh­nung. Haug hat gezeigt, dass die Waren­äs­the­tik sich zunächst der Spra­che der Men­schen bediente, um Pro­dukte zu bewer­ben, die bewor­be­nen Pro­dukte jedoch bald den Men­schen eine Spra­che gaben, um ihre Gefühle und Bedürf­nisse aus­zu­drü­cken. Wer also eine Aus­zeit braucht, der kauft eine Zimt­schne­cke, der belohnt sich. Bei »Schnit­zery«, ansäs­sig am Schä­fer­kamp, kann man, wie es bei Insta­gram heißt, »Freunde tref­fen, zusam­men essen und ein­fach den Moment genie­ßen«. Andere Läden wie die »New York Bagel Bar« ver­an­stal­ten auch Events wie sonn­täg­li­che Lauf­klubs mit Bagelverzehr.

Auch ihnen schmeckt es nicht – Schild generv­ter Anwohner:innen gegen­über von »Hakan Abi«. Foto: privat.

Ein wei­te­res wich­ti­ges Schlag­wort der Instagram-Kanäle ist »Liebe«. Bei »Cin­na­mood« fin­det es sich eben­falls auf der Fir­men­web­seite. Dort wird auch eine kleine Geschichte über die bei­den Gründer:innen, die ein Paar sind, erzählt: »Diese Liebe geht durch den Magen«. Die Zimt­schne­cken seien also nicht nur aus Liebe ent­stan­den, son­dern über deren Erwerb drückt man seine (Selbst-)Liebe aus. »This is me roman­ti­ci­zing my life«, heißt es pas­send auf dem Instagram-Kanal. Direkt gegen­über, bei »Ley’s Coo­kies«, wer­den Kekse gleich zum Lie­bes­be­weis: »Not­hing says ›I love you‹ like a heart cookie«.

Die kleine Geschichte über das »Cinnamood«-Liebespaar hat aber noch eine wei­tere Funk­tion: Sie ver­spricht Authen­ti­zi­tät und Gemein­schaft. Die Firmengründer:innen wer­den nur mit Vor­na­men, Anna und Luca, vor­ge­stellt. Sie wir­ken wie zwei gute Freund:innen, die einem nun etwas von den selbst­ge­ba­cke­nen Zimt­schne­cken abge­ben. Wie belie­big das ist, zeigt sich darin, dass sie nun auch eine Burger-Kette ins Leben geru­fen haben. Eine etwas andere Geschichte prä­sen­tiert die »New York Bagel Bar«, die eine Filiale in der Susan­nen­straße betreibt. Auf ihrem Instagram-Kanal kann man die »vier Freunde« – Laura, Pia, René und Johnny – dabei beob­ach­ten, wie sie mit gro­ßem Spaß Bagels ver­kau­fen. Neben­bei geben sie noch Tipps für soge­nannte Gründer:innen oder laden Influen­cer ein, indi­vi­du­elle Bagels zu kre­ieren. Selbst­ver­ständ­lich tei­len die vier Freunde »die Liebe zu authen­ti­schen New York Bagels«. Fast alle Ket­ten set­zen dabei auf das soge­nannte Influencer-Marketing, das die Pro­dukte im kum­pel­haf­ten »Du« als Ticket zu einer mehr oder weni­ger erle­se­nen Gemein­schaft anpreist.

Dialektik des Pappkartons

Das Influencer-Marketing zeigt auf Sei­ten der Kon­su­mie­ren­den erkenn­bar Wir­kung. Wer ein­mal län­gere Zeit vor einem Zimtschnecken-Laden steht, kann beob­ach­ten, dass so man­che, die dort ein Gebäck kau­fen, nicht dar­auf aus sind, die ver­spro­chene Aus­zeit zu genie­ßen. Viel­mehr zücken sie ihre Smart­phones, um die Zimt­schne­cke zu foto­gra­fie­ren. Sie repro­du­zie­ren die auf Insta­gram insze­nierte Waren­äs­the­tik auf ihren eige­nen Kanälen.

In einer Welt der pri­va­ti­sier­ten Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie posi­tio­nie­ren sich die Kon­su­mie­ren­den über ein ein­ge­kauf­tes Erleb­nis in Form einer Zimt­schne­cke oder auch eines Donuts als trend­be­wusste und genuss­freu­dige Sub­jekte. Dabei hilft wie­derum die Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­tion: Die ver­mark­te­ten Geschich­ten und Gefühle las­sen sich mit der eige­nen Per­sön­lich­keit ver­we­ben. Hinzu kommt, dass Online­ma­ga­zine wie »Ham­burg mit Ver­gnü­gen« die Eröff­nung und den Besuch der neuen Geschäfte zu einem Erleb­nis sti­li­sie­ren, woran nicht zuletzt auch die Online­ma­ga­zine verdienen.

Die Food Start­ups ver­kau­fen inso­fern nicht ein­fach Lebens­mit­tel, sie ver­kau­fen Con­tent. Mit die­sen Inhal­ten kann das auf Insta­gram und anderswo erzählte Leben offen­bar auf­ge­wer­tet wer­den. Dass sich dabei bis­wei­len gar nicht mehr unter­schei­den lässt, ob die vie­len Bil­der von Nah­rungs­mit­teln in den Sozia­len Medien von pro­fes­sio­nel­len und popu­lä­ren Influen­cern oder von Pri­vat­per­so­nen gepos­tet wur­den, ist ebenso wich­tig für das Funk­tio­nie­ren die­ses infor­mel­len Mark­tes. Um wie ein Star zu sein und sich wie ein sol­cher zu füh­len, bedarf es kei­ner beson­de­ren Qua­li­tä­ten mehr, son­dern nur noch eines Bur­gers oder eines Gebäckstücks. 

Ein sub­stan­zi­el­ler Bestand­teil des Gebrauchs­werts der Trend­nah­rung besteht also in der Tat nicht darin, als Lebens­mit­tel ver­zehrt zu wer­den. Die Pro­dukte die­nen viel­mehr als Medien – das Zei­chen­hafte der Ware wird zu ihrer eigent­li­chen Funk­tion. In die­sem Pro­zess geschieht nun wahr­lich Absur­des: Denn mit den Food Start­ups wird die Ver­pa­ckung der Lebens­mit­tel eigen­tüm­lich aufgewertet.

Auch Trend­be­wusste sind nicht immer ziel­si­cher. Foto: privat.

Wer sich bereits dar­über gewun­dert hat, warum ganze Stra­ßen­züge mit glit­zern­den oder auch neckisch bedruck­ten Papp­kar­tons ver­müllt sind, wird bei den Food Start­ups fün­dig. Die Ver­pa­ckung spielt für die Insze­nie­rung eine ent­schei­dende Rolle. Dabei diente ein Papp­kar­ton bis­lang neben sei­ner eigent­li­chen Funk­tion, Ver­pa­ckung zu sein, auch dazu, den Gebrauchs­wert der ent­hal­te­nen Ware anzu­prei­sen. Bei den Food Trends jedoch ist der Papp­kar­ton nicht mehr allein Teil der Waren­äs­the­tik, son­dern erhält selbst einen Gebrauchs­wert. Der Papp­kar­ton oder auch ‑becher ist sowohl ein Acces­soire für den Stadt­bum­mel als auch für die sozi­al­me­diale Insze­nie­rung. Befeu­ert wurde dies sicher­lich durch den Mitte der 2000er Jahre ent­stan­de­nen Online­trend des »Unboxings«, also das Aus­pa­cken von Waren vor der Kamera durch Influen­cer. Aber auch die Ver­pa­ckun­gen der Food­trends schi­cken sich bereits an, zu einem eigen­stän­di­gen pop­kul­tu­rel­len Phä­no­men zu wer­den: »Sag, willst du wirk­lich mit mir sein, Baby? Denn nichts ist umsonst, uh / Also komm bloß nicht nach Haus ohne Brammibal’s in tau­send Kar­tons, uh«, heißt es etwa bei der Musi­ke­rin Shirin David.

Sinnlose Straßenzüge

Man­che Food Start­ups – so unter ande­rem die Zimtschnecken-Kette – wer­ben auch mit dem Begriff des cra­vings, also eines star­ken Ver­lan­gens, das über den Erwerb des jewei­li­gen Lebens­mit­tels zu befrie­di­gen sei. Das ist in einer Welt, in der der Gebrauchs­wert der Waren zwar nicht ver­schwin­det, sich jedoch inso­fern wan­delt, dass er sich weni­ger auf ihre mate­ri­el­len, son­dern reprä­sen­ta­ti­ven Qua­li­tä­ten bezieht, bemerkenswert.

Mit dem Begriff des cra­vings zei­gen die Food Start­ups an, dass sie etwas her­stel­len, was aus einer phy­sio­lo­gi­schen Not­wen­dig­keit, aus einem kör­per­li­chen Bedürf­nis her­aus gebraucht würde. Dass auch diese Geschichte ver­fängt, mag daran lie­gen, dass eine gewisse Sehn­sucht nach eben­sol­chen basa­len Bedürf­nis­sen besteht. Schließ­lich nimmt – im sel­ben Tempo wie die Filia­len der Food Start­ups – die Zahl an Fit­ness­stu­dios zu, die offen­bar ein ähn­li­ches Begeh­ren nach Kör­per­lich­keit in einer Zeit anzei­gen, in der Mus­keln ihre Funk­tion, Arbeit zu ver­rich­ten, wei­test­ge­hend ver­lo­ren haben. Doch so wie auch in Fit­ness­stu­dios der Kör­per pri­mär zu reprä­sen­ta­ti­ven Zwe­cken gestählt wird, basiert auch das Geschäfts­mo­dell der Food Start­ups nicht dar­auf, etwas her­zu­stel­len, das auf­grund eines tat­säch­li­chen kör­per­li­chen Ver­lan­gens gebraucht wird. Es basiert vor allem dar­auf, sozi­al­me­dial teil­bare Inhalte – Erleb­nisse und Geschich­ten – zu verkaufen.

Je mehr sich jedoch der städ­ti­sche Raum durch diese digi­tale Selbst­in­sze­nie­rung ver­än­dert, desto sinn­lo­ser wird er. Orte tat­säch­li­cher Gemein­schaft und sol­che, an denen sich nütz­li­che Dinge erwer­ben las­sen, wer­den ein­ge­tauscht gegen Erzäh­lun­gen von ihnen. Und noch wäh­rend über diese Zei­len nach­ge­dacht wurde, schloss ein offen­bar erfolg­lo­ser Trend-Saftladen am Neuen Pfer­de­markt und wurde durch eine Filiale einer aus Ber­lin stam­men­den Instagram-Café-Kette unter dem Namen »A Never Ending Love Story« ersetzt – ein nicht enden wol­len­der Stumpfsinn.

Johan­nes Rad­c­zinski, April 2026

Beim Schlen­dern durch den Stadt­teil – gerne auch mal mit einer Tüte Eis – ver­folgt der Autor, wie sich die Stern­schanze ver­än­dert. Die­ser eth­no­lo­gi­sche Blick schlug sich auf Untie­fen unter ande­rem in Arti­keln über den soge­nann­ten »Grü­nen Bun­ker« oder auch die hier anzu­tref­fende Rekon­struk­ti­ons­ar­chi­tek­tur nieder.

* Der Titel des Bei­trags wurde geän­dert. Der ursprüng­li­che Titel ent­hielt den Begriff »Schwach­sinn«, der als medizinisch-juristischer Begriff die Aus­gren­zung und Ver­fol­gung von Men­schen mit Behin­de­rung legi­ti­mierte. Um die Behin­der­ten­feind­lich­keit die­ses Begriffs nicht zu repro­du­zie­ren, haben wir den Titel geän­dert. Es tut uns Leid, dass wir den ableis­ti­schen Begriff ursprüng­lich ver­wen­det haben.

Autoritäre Feindmarkierungen

Autoritäre Feindmarkierungen

Meh­rere Vor­fälle der ver­gan­ge­nen Wochen zei­gen, wie aggres­siv anti­zio­nis­ti­sche Linke gegen Anders­den­kende vor­ge­hen. Weil Bünd­nisse oft nicht kon­se­quent gegen auto­ri­täre Grup­pen vor­ge­hen, wer­den Spal­tun­gen unaus­weich­lich: Eman­zi­pa­to­ri­sche Linke bil­den neue Zusammenschlüsse.

»for uni­ver­sal femi­nist soli­da­rity«: Abschluss­kund­ge­bung der Kompliz:innen-Demo an der Flora. Foto: Femi­nism Unlimited.

Am 8. März, dem inter­na­tio­na­len femi­nis­ti­schen Kampf­tag, fan­den in Ham­burg die­ses Jahr zwei Ver­samm­lun­gen par­al­lel statt. Neben der Demons­tra­tion des seit 2019 akti­ven Bünd­nis­ses 8M, die dies­mal etwa 10.000 Teil­neh­mende umfasste, star­tete am Hans-Albers-Platz eine wei­tere Demo: Rund 2.300 Men­schen ver­sam­mel­ten sich dort unter dem Motto »Unsere Kämpfe sind ver­bun­den. Unsere Soli­da­ri­tät auch. Am 8. März auf die Straße!«. Auf­ge­ru­fen hatte das neue Bünd­nis Kompliz*innen zum 8. März, um für uni­ver­sel­len Femi­nis­mus und gegen Faschis­mus, Que­er­feind­lich­keit, Miso­gy­nie, Ras­sis­mus und Anti­se­mi­tis­mus zu demons­trie­ren, – Grund­sätze, die die »Kompliz:innen« auf der 8M-Demo nicht gewahrt sahen.

Bereits im ver­gan­ge­nen Jahr hat­ten die Gewerk­schafts­frauen vom DGB und von ver.di keine Mög­lich­keit mehr gese­hen, sich am Bünd­nis zum 25. Novem­ber zum Tag der Gewalt gegen Frauen zu betei­li­gen, weil die dort ver­tre­te­nen autoritär-linken Grup­pie­run­gen Young Struggle und Zora nicht bereit waren, den miso­gy­nen Ter­ror der Hamas vom 7. Okto­ber 2023 als sol­chen zu ver­ur­tei­len. Im Februar trat auch die Grüne Jugend aus dem Bünd­nis 8M aus. Was ihre Vertreter:innen über die Zustände im Bünd­nis berich­ten, ver­deut­licht die Trag­weite des Problems.

Bündnis 8M: »Me too, unless you’re a jew«?

Aus­lö­ser für den Aus­tritt der Grü­nen Jugend war eine Aus­sage von Mit­glie­dern des Bünd­nis­ses auf einem Tref­fen im Februar zur Vor­be­rei­tung  der 8.-März-Demonstration. »Unsere Vertreter:innen wur­den dort unter ande­rem mit der Aus­sage kon­fron­tiert, dass sich weder israe­li­sche Frauen bei der kom­men­den Demons­tra­tion will­kom­men füh­len sol­len noch jüdi­sche Frauen sich auf der Demo sicher füh­len müs­sen«, erklärt Leon Meyer von der Grü­nen Jugend Ham­burg im Gespräch mit dem Autor. Nach dem Bünd­nis­tref­fen erklärte die Grüne Jugend des­we­gen ihren Aus­tritt aus dem Bünd­nis, wie ihr Lan­des­spre­cher erläu­tert: »Diese anti­se­mi­ti­sche Ent­glei­sung blieb inner­halb des Bünd­nis­ses wei­test­ge­hend unwi­der­spro­chen und ist für uns inakzeptabel.«

Gegen eine wei­tere Mit­ar­beit im Bünd­nis 8M spricht für die Grüne Jugend auch, was unmit­tel­bar nach dem Tref­fen pas­sierte: »Es kam im Nach­gang des Tref­fens zu einem trans­feind­li­chen Über­griff, bei dem unser:e Landessprecher:in Carro, nicht­bi­när, von Vertreter:innen ande­rer Orgas, die zuvor auf dem Bünd­nis­tref­fen anwe­send waren, absicht­lich und her­ab­wür­di­gend mit ›Es‹ ange­spro­chen wurde«, kri­ti­siert Meyer. Die Grüne Jugend erklärte Mitte Februar öffent­lich ihren Aus­tritt aus dem Bünd­nis 8M.

Das Bünd­nis ant­wor­tete mit einer schrift­li­chen Erklä­rung: Die Ent­schei­dung der Grü­nen Jugend, ihre Kri­tik öffent­lich zu for­mu­lie­ren statt den inter­nen Dia­log zu suchen, wird darin als »schade und auch unso­li­da­risch« bezeich­net. Der trans­feind­li­che Über­griff werde auf­ge­ar­bei­tet wer­den, sei aber ohne­hin »außer­halb des Bünd­nis­ses pas­siert, nach dem Bündnistreffen«.

Antisemit:innen, die keine sein wollen

Den Vor­wurf anti­se­mi­ti­scher State­ments auf dem Vor­be­rei­tungs­tref­fen weist das Bünd­nis 8M »ganz klar zurück«: »Die wei­te­ren Grup­pen haben keine der gefal­le­nen Aus­sa­gen als anti­se­mi­tisch wahr­ge­nom­men und hät­ten andern­falls auch klar Posi­tion dage­gen bezo­gen.« Und was nicht als anti­se­mi­tisch wahr­ge­nom­men wird, kann ja wohl nicht anti­se­mi­tisch sein, scheint hier der Kon­sens zu sein. Und über­haupt: »Wozu wir ganz klare Worte fin­den wol­len, ist der Vor­wurf, es wäre eine Aus­sage gefal­len, die sich direkt gegen jüdi­sche Men­schen, kon­kret jüdi­sche Frauen gerich­tet hätte. Eine sol­che Aus­sage hätte für jede Gruppe in unse­rem Kreis eine rote Linie dar­ge­stellt und wäre nicht gedul­det wor­den. Keine der ande­ren Grup­pen inner­halb des Bünd­nis­ses kann sich an eine sol­che Aus­sage erin­nern – im Gegenteil.«

Das Schild ist lila, immer­hin. »Kämp­fe­ri­scher Femi­nis­mus« im anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Block am 8. März. Foto: Screen­shot Insta­gram.

Meint »im Gegen­teil«, sich aktiv um die Teil­nahme jüdi­scher Frauen bemüht zu haben? Die Anfrage des Autors zu den Vor­wür­fen der Grü­nen Jugend wurde vom Bünd­nis 8M lei­der nicht beant­wor­tet. Die Demons­tra­tion des Bünd­nis­ses am 8. März jeden­falls ver­mit­telte einen ande­ren Ein­druck. Im »anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Block« des Offe­nen femi­nis­ti­schen Tref­fens (OFT) und des 2026 neu gegrün­de­ten Offe­nen Tref­fens für Frie­den und Inter­na­tio­na­lis­mus (OTFI) etwa domi­nier­ten Paro­len aus der anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Mot­ten­kiste. Beide Zusam­men­hänge rufen auch zur anti­zio­nis­ti­schen Groß­demo »Stop Nakba Now« am 16. Mai auf, für die bun­des­weit nach Ham­burg mobi­li­siert wird.

Kompliz:innen gegen Antisemitismus

Leon Meyer von der Grü­nen Jugend sagte, man hoffe »auf eine interne kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung und die Zie­hung von Kon­se­quen­zen«.  Die Gruppe Femi­nism Unli­mi­ted Ham­burg, die das Bünd­nis »Kompliz*innen zum 8. März« mit­in­iti­iert hat, hegt sol­che Hoff­nun­gen nicht mehr: »Wir waren nie im Bünd­nis 8M, gerade wegen des­sen Umgang mit Anti­se­mi­tis­mus«, erklärt die Gruppe auf Anfrage. Im Auf­ruf heißt es klar: »Doch anstatt soli­da­risch zusam­men­zu­ste­hen, mobi­li­sie­ren links­au­to­ri­täre Grup­pen gegen selbst­ver­wal­tete Orte wie das Conne Island oder die Rote Flora und neh­men die Quer­front mit Coronaleugner:innen und rech­ten Grup­pen zumin­dest bil­li­gend in Kauf. Umso wich­ti­ger ist es für uns als FLINTA* soli­da­risch und hand­lungs­fä­hig zu bleiben!«

Der Grund­satz der Kompliz:innen-Demo in a nuts­hell. Foto: Femi­nism Unli­mi­ted.

Wäh­rend beim Bünd­nis 8M wie­der Palästina-Flaggen weh­ten, posi­tio­niert sich das Kompliz:innenbündnis ein­deu­tig gegen Natio­na­lis­mus und jeden Anti­se­mi­tis­mus – und wird des­we­gen von links­au­to­ri­tä­ren Grup­pie­run­gen wohl als Feind:in gese­hen. Am 21. Februar kam es zu einem Angriff im Ham­bur­ger Schan­zen­vier­tel. Eine Per­son wurde beim Pla­ka­tie­ren aggres­siv ange­gan­gen, ob sie sich »nicht schäme, eine anti­deut­sche Scheiße zu ver­kle­ben«. Auch die Worte »Israel scheiße« seien gefal­len, berich­tet Toni von den Kompliz:innen im Gespräch mit dem Autor. Die von acht Per­so­nen bedrängte pla­kat­kle­bende Per­son habe dann in einer Kneipe Schutz gesucht. »Anschlie­ßend muss­ten wir fest­stel­len, dass viele der Pla­kate abge­ris­sen wur­den«, sagt Toni. Femi­nism Unli­mi­ted Ham­burg erklärte dazu in einem State­ment: »Wir wer­ten die­sen Vor­fall als anti­fe­mi­nis­ti­schen und anti­se­mi­ti­schen Angriff auf unsere Demonstration.«

Abge­ris­sene Pla­kate für die Kompliz:innen-Demo. Quelle: Femi­nism Unli­mi­ted Hamburg

Wer waren die Angrei­fen­den? »Wir ver­mu­ten, dass zumin­dest eine der Per­so­nen der Gruppe Young Struggle zuzu­ord­nen ist«, erklärt Toni. Nach­dem die Atta­cke auf Insta­gram öffent­lich gemacht wurde, gab es dort viele Soli­da­ri­täts­be­kun­dun­gen in Form von Kom­men­ta­ren und Sto­ries: »Es freut uns sehr zu sehen, wie viele Men­schen uns unter­stüt­zen, das zeigt uns, dass wir nicht alleine sind«, betont Toni: »Unsere große und kraft­volle Demo am 8. März war auch dazu da, ein Zei­chen zu set­zen, dass es immer noch eine femi­nis­ti­sche Bewe­gung gibt, die sich nicht von auto­ri­tä­ren Grup­pen ein­schüch­tern lässt.«

Antisemitismus in der ganzen Stadt

Gleich­zei­tig neh­men in der Ham­bur­ger Stadt­ge­sell­schaft anti­se­mi­ti­sche Angriffe zu: »Anti­se­mi­ti­sche Vor­fälle machen einen rele­van­ten Teil der ins­ge­samt gemel­de­ten Vor­fälle aus, davon ist ein gro­ßer Teil dem israel­be­zo­ge­nen Anti­se­mi­tis­mus zuzu­ord­nen«, betont die Pro­jekt­lei­te­rin von Hint.hamburg im Gespräch mit dem Autor. Hint.hamburg ist eine neue Hin­weis­stelle für ras­sis­ti­sche, anti­se­mi­ti­sche und rechte Vor­fälle und steht unter dem Dach der Lawaetz-Stiftung. Sie löst das Pro­jekt memo des Ver­eins empower ab, das zuvor in der Kri­tik stand, weil es keine Zah­len zu anti­se­mi­ti­scher Gewalt ver­öf­fent­lichte (Untie­fen berich­tete). Auch wenn ihr ers­ter Jah­res­be­richt erst im Som­mer vor­lie­gen wird, kann die Pro­jekt­lei­te­rin, die nicht nament­lich genannt wer­den möchte, schon jetzt die Mel­dung zahl­rei­cher anti­se­mi­ti­scher Vor­fälle bestä­ti­gen, »dar­un­ter vor allem For­men anti­se­mi­ti­scher Mar­kie­rung des öffent­li­chen Raums, durch zum Bei­spiel Sti­cker und Sprühereien«.

Doku­men­ta­tion und Recher­che betrei­ben auch der Ver­ein bag­rut e.V. und der Instagram-Kanal @antisemitismusradarhh. Beide doku­men­tier­ten anti­se­mi­ti­sche Mord­dro­hun­gen wie »Zyklon B gegen Nazio­nis­ten« oder »Hap­oel Hipsters – 9mm für Zios« an Haus­wän­den in Wil­helms­burg und Sankt Pauli. Im Ham­bur­ger Stadt­teil Barm­bek wurde mit einer Sprüh­scha­blone auf zahl­rei­che städ­ti­sche Müll­ei­mer der Text »Israel, du Sau« gesprüht, neben der Sil­hou­ette eines Schwei­nes – unter Ver­wen­dung des alten anti­ju­da­is­ti­schen Motivs der ›Juden­sau‹ also. Zum Unkennt­lich­ma­chen dar­über geklebte Antifa-Aufkleber wur­den an eini­gen Orten abge­ris­sen, oder empört mit dem Kom­men­tar „Linke Nazis!“ versehen.

Der Antisemitismus-Radar macht auch auf anti­se­mi­ti­sche Umtriebe an der Uni auf­merk­sam, die dort vor allem in Form der BDS-Kampagne (Boy­cott, Divest, Sanc­tions) zu beob­ach­ten sind. Im Dezem­ber etwa war­ben die »Stu­dents for Pal­es­tine Ham­burg« für eine BDS-Veranstaltung im stu­den­tisch selbst­ver­wal­te­ten Café Knall­hart und auf dem »AStA Win­ter­markt«. Israel­boy­kott »mit lecke­rem Essen!«.

Diese Auf­zäh­lung ließe sich noch lange fort­set­zen. Seit dem 7. Okto­ber 2023, dem Angriff der Hamas auf Israel, stei­gen die Zah­len anti­se­mi­ti­scher Vor­fälle, in Ham­burg wie deutsch­land­weit. Für Ham­burg heißt das kon­kret: 2023 wur­den 132 anti­se­mi­ti­sche Straf­ta­ten regis­triert, 2024 bereits 249, für 2025 zählte die Poli­zei 110 anti­se­mi­ti­sche Straf­ta­ten, wie die Ant­wor­ten des Senats auf die letz­ten quar­tals­wei­sen Anfra­gen von Deniz Celik, Bür­ger­schafts­ab­ge­ord­ne­ter für Die Linke, erge­ben.1Die Zahl ergibt sich, wenn man die Fälle aus den vier Quar­tals­be­rich­ten addiert. Die Berichte fin­den sich hin­ter fol­gen­den Links: 1.Quartal, 2. Quar­tal, 3. Quar­tal, 4. Quar­tal.

Eine hohe Dunkelziffer

Diese Zah­len zei­gen aber nur einen Teil der Rea­li­tät, »weil vie­les nicht ange­zeigt wird«, so Ste­fan Hen­sel, der kürz­lich zurück­ge­tre­tene ehe­ma­lige Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­tragte Ham­burgs, im Gespräch mit dem Autor. Dies belege die 2024 ver­öf­fent­lichte Stu­die »Jüdi­sches Leben und All­tag in Ham­burg«, für die »das erste Mal eine ganze jüdi­sche Gemeinde befragt wurde«.2Die Stu­die ist als Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der Aka­de­mie der Poli­zei Ham­burg, der Poli­zei­aka­de­mie Nie­der­sach­sen, der Jüdi­schen Gemeinde in Ham­burg und der Gleich­stel­lungs­be­hörde auf Initia­tive des Ham­bur­ger Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten erar­bei­tet wor­den. Ste­fan Hen­sel ist selbst Mit­glied der Jüdi­schen Gemeinde Ham­burg. Im Rah­men einer schrift­li­chen, anony­men Befra­gung in Ham­burg im Zeit­raum vom 13.11.2023 bis 7.2.2024 nah­men 548 der 1.200 voll­jäh­ri­gen Mit­glie­der der jüdi­schen Gemeinde teil.

77 Pro­zent der Befrag­ten gaben an, in den letz­ten zwölf Mona­ten von anti­se­mi­ti­schen Vor­fäl­len betrof­fen gewe­sen zu sein. Etwa 55 Pro­zent der Befrag­ten waren laut Stu­die von straf­recht­lich rele­van­ten anti­se­mi­ti­schen Vor­fäl­len betrof­fen. Dabei wur­den Belei­di­gun­gen und Bedro­hun­gen online und auch außer­halb des Inter­nets häu­fi­ger ange­ge­ben als kör­per­li­che Über­griffe, Beläs­ti­gung oder Ver­fol­gung. Etwa zwei Drit­tel der­je­ni­gen Befrag­ten, die eine anti­se­mi­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung erlebt haben, füh­ren diese auf den Krieg ab dem 7. Okto­ber in Israel und Gaza zurück.

Die über­wie­gende Mehr­heit der­je­ni­gen, die von anti­se­mi­ti­schen Vor­fäl­len berich­ten, zeigt diese nicht an. Das deckt sich auch mit Ste­fan Hen­sels Erfah­run­gen. Ihn als  ehe­ma­li­gen Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten errei­chen viele Berichte von Gemein­de­mit­glie­dern über Belei­di­gun­gen, Bedro­hun­gen, Sach­be­schä­di­gun­gen. Vie­les davon wird nicht bekannt, weil die Betrof­fe­nen nicht an die Öffent­lich­keit gehen.

Wenn jüdi­sches Leben als sol­ches erkenn­bar sei, so Hen­sel, seien die Zah­len ekla­tant höher. »Und Zah­len kön­nen ohne­hin nicht erklä­ren, was hier eigent­lich pas­siert. Wenn der Nach­bar plötz­lich nicht mehr mit dir spricht, weil du Jude bist – dann lässt sich das nicht anzei­gen.« Viele der Ham­bur­ger Gemein­de­mit­glie­der seien als Kon­tin­gent­flücht­linge aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­union gekom­men. »Die sind groß­teils arm und dadurch nicht mobil, sie müs­sen mit ihren Nach­bar­schaf­ten aus­kom­men. Und trauen sich dann auch im 13. Stock­werk nicht, die Cha­nuk­kia ins Fens­ter zu stel­len«, erläu­tert Ste­fan Hensel.

Ein Fall, der öffent­lich wurde, ist die anti­se­mi­ti­sche Beschä­di­gung eines Brief­kas­tens in einem Mehr­fa­mi­li­en­haus im Februar: In ihn wurde das Wort »Jude« geritzt. Hen­sel repos­tete das Foto und schrieb dazu: Wer einen jüdi­schen Haus­halt mar­kiere, setzte »kein poli­ti­sches State­ment«, son­dern »eine Drohmarke«. 

Unverhohlene Drohungen

Eben­falls im Februar hat eine Anwoh­ne­rin aus Otten­sen einen Angriff auf ihre Woh­nung öffent­lich gemacht. Dem Autor schil­derte sie, was pas­siert ist: »Vom 16. auf den 17. Februar wur­den unsere pri­va­ten Woh­nungs­fens­ter groß­flä­chig mit einem Roten Drei­eck besprüht, dem Zei­chen der miso­gy­nen und faschis­ti­schen Hamas, mit dem die Ter­ror­or­ga­ni­sa­tion ihre Feinde mar­kiert und sie bedroht.« Das rote Drei­eck ist mit­tig zwi­schen zwei DIN-A-4-große Pla­kate plat­ziert wor­den. Auf den Pla­ka­ten stand: »Rape is not Resis­tance – In Geden­ken an die Betrof­fe­nen sexua­li­sier­ter Gewalt am 7. Okto­ber und in Krie­gen welt­weit.« Der Opfer des Hamas-Überfalls am 7. Okto­ber 2023 auf einem Woh­nungs­fens­ter zu geden­ken, reichte aus, um bedroht zu werden.

Unver­hoh­lene Dro­hung: Wer der Opfer des 7. Okto­ber gedenkt, wird als Feind mar­kiert. Foto: privat.

»Wir sind scho­ckiert und wütend über die­sen aggres­si­ven Angriff auf unsere Mei­nungs­äu­ße­rung, die auch gegen unsere eigene Per­son, unsere Sou­ve­rä­ni­tät geht«, erklärt die Anwoh­ne­rin. »Die Kom­bi­na­tion der Zei­chen deu­tet dar­auf hin, dass die­ser Sprüh­an­griff aus lin­ken auto­ri­tä­ren Struk­tu­ren erfolgt ist, die sich sta­li­nis­tisch oder kom­mu­nis­tisch ver­or­ten. Das ist keine linke Poli­tik, das ist kon­krete Ein­schüch­te­rung«, betont die Anwoh­ne­rin. »Weil das Rote Drei­eck auch Aus­lö­schungs­fan­ta­sien beinhal­tet, haben wir diese Sprüh­be­dro­hung bei der Poli­zei ange­zeigt, denn das ist nicht irgend­ein Tag oder Spruch.« 

Ihr ist es wich­tig zu beto­nen, dass sie als Wohnungsbewohner:innen mit den Pla­ka­ten im Fens­ter nicht pro­vo­zie­ren, son­dern ihre Hal­tung bekun­den woll­ten. »Denn, sich gegen sexua­li­sierte und patri­ar­chale Gewalt welt­weit und auch gegen die Gewalt an Jüdin­nen und Juden aus­zu­spre­chen, ist für uns ein Mini­mal­kon­sens, der für eine poli­tisch linke Bewe­gung selbst­ver­ständ­lich sein sollte.«

Eine Soli­da­ri­täts­er­klä­rung, die unter ande­rem vom Ham­bur­ger Bünd­nis gegen Rechts und vom anar­chis­ti­schen Bücher­café Incito unter­zeich­net wurde, betont eben­falls die­sen Kon­sens und kri­ti­siert scharf eine auto­ri­täre poli­ti­sche Pra­xis, die auf »Ein­schüch­te­run­gen, Mar­kie­run­gen oder Droh­ge­ba­ren« setzt. Das Plä­doyer für »Kri­tik, Dis­kus­sion und auch kon­tro­verse poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung« scheint aller­dings viele nicht mehr zu errei­chen: Im Stadt­teil Otten­sen im Februar ver­klebte Pla­kate mit dem Text »Rape is not Resis­tance« wur­den schnell abgerissen.

Gas­ton Kirsche

Der Autor schrieb für Untie­fen bereits über das Geden­ken an Rama­zan Avcı und den Film Antifa – Hand in Hand, wo der Staat ver­sagte.

  • 1
    Die Zahl ergibt sich, wenn man die Fälle aus den vier Quar­tals­be­rich­ten addiert. Die Berichte fin­den sich hin­ter fol­gen­den Links: 1.Quartal, 2. Quar­tal, 3. Quar­tal, 4. Quar­tal.
  • 2
    Die Stu­die ist als Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der Aka­de­mie der Poli­zei Ham­burg, der Poli­zei­aka­de­mie Nie­der­sach­sen, der Jüdi­schen Gemeinde in Ham­burg und der Gleich­stel­lungs­be­hörde auf Initia­tive des Ham­bur­ger Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten erar­bei­tet worden.

Interview zum Buch: »Versammlung der Mikropolitiken«

Interview zum Buch: »Versammlung der Mikropolitiken«

Ein neues Buch aus der Ham­bur­ger Recht-auf Stadt-Bewegung ver­sam­melt stadt­po­li­ti­sche Ideen zur Arbeit auf nach­bar­schaft­li­cher Ebene. Wir haben mit Lisa Zan­der und Marius Töp­fer über das Buch gespro­chen. Sie haben es gemein­sam mit Kay­oung Kim und Thies Warnke her­aus­ge­ge­ben und sind zugleich aktiv im Stadt­teil­zen­trum Mikro­pol in Rothen­burg­sort.

»Ver­samm­lung der Mikro­po­li­ti­ken« erschien Ende 2025 beim Ham­bur­ger adocs-Verlag. Foto: adocs.

Vom Ham­bur­ger Netz­werk »Recht auf Stadt« ist in den letz­ten Jah­ren wenig zu hören gewe­sen. Jün­gere Kam­pa­gnen zur Woh­nungs­frage wie »Ham­burg Ent­eig­net« schei­nen wenig Mobi­li­sie­rungs­wir­kung zu haben. Und das obwohl die Miet‑, Bau- und Grund­stücks­preise allein einen gro­ßen Teil der Stadt­be­völ­ke­rung täg­lich ärmer machen. Ganz zu schwei­gen von immer unzu­ver­läs­si­ger wer­den­der urba­ner Infra­struk­tur, ver­dräng­ten Clubs und dem Ver­schwin­den selbst­ge­stal­te­ter Räume und Frei­flä­chen. Ist also die Bewe­gung für ein Recht auf Stadt in Ham­burg auf dem Rück­zug? Ein kürz­lich von Ham­bur­ger Stadtteilaktivist:innen her­aus­ge­brach­tes Buch bestrei­tet das. Im Ham­bur­ger adocs-Verlag erschien im Dezem­ber 2025 »Ver­samm­lung der Mikro­po­li­ti­ken«. Es geht zurück auf ein Tref­fen inter­na­tio­na­ler stadt­po­li­ti­scher Initia­ti­ven, das 2023 aus dem Mikro­pol in Rothen­burg­sort her­aus orga­ni­siert wurde. Auf gut 200 Sei­ten ver­eint es Stadt­theo­rie, Bewegungs-Selbstreflektion und pho­to­gra­phi­sche Ein­bli­cke in die ver­schie­de­nen Praktiken.

Den Herausgeber:innen zu Folge ist der stadt­po­li­ti­sche Akti­vis­mus kei­nes­wegs ver­schwun­den, er hat nur seine Form ver­än­dert. Er tritt nicht mehr offen­siv poli­tisch, son­dern in Form von Nach­bar­schafts­in­itia­ti­ven, Gesund­heits­zen­tren, Genos­sen­schaf­ten auf, die in ihren jewei­li­gen Vier­teln anset­zen. Diese Form nen­nen sie mit den fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Gil­les Deleuze und Félix Guat­tari »Mikro­po­li­tik«. Der in den 1960er Jah­ren geprägte Begriff brachte damals eine Kri­tik an den eta­blier­ten lin­ken Poli­tik­an­sät­zen zum Aus­druck. Statt Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen wie kom­mu­nis­ti­sche Par­teien oder sozia­lis­ti­sche Gewerk­schaf­ten rückte er die Bedeu­tung des all­täg­li­chen Han­delns für gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung in den Mit­tel­punkt. Wir haben mit Lisa Zan­der und Marius Töp­fer, zwei der Herausgeber:innen, im Mikro­pol über ihr Buch gespro­chen und dar­über, was diese Kri­tik für heu­tige Stadt­po­li­tik bedeu­ten kann.


Untie­fen: Lisa und Marius, mit dem Pro­jekt Mikro­pol in Rothen­burg­sort betreibt ihr Stadt­an­eig­nung abseits der Sze­ne­vier­tel und außer­halb der erprob­ten lin­ken poli­ti­schen For­men. Mit eurem Buch spannt ihr über diese lokale Arbeit hin­aus einen grö­ße­ren Rah­men und ver­or­tet euer nach­bar­schaft­li­ches Han­deln inter­na­tio­nal und auch theo­re­tisch. Das Buch ver­eint sehr kon­krete Berichte und Beschrei­bun­gen loka­ler stadt­po­li­ti­scher Prak­ti­ken mit theo­re­ti­schen Reflek­tio­nen, dar­un­ter ein weit­rei­chen­der Bei­trag des spa­ni­schen Stadt­theo­re­ti­kers Kike España. Was war die Moti­va­tion, jetzt die­ses Buch zu machen?

Lisa Zan­der: Die Ver­samm­lung, die in dem Buch doku­men­tiert wird, ist aus einem Buch­club rund um das Buch »Die sanfte Stadt« von Kike España ent­stan­den. Kike schreibt dort in der Ein­lei­tung, dass er die theo­re­ti­sche Refle­xion nicht höher bewer­ten möchte als das Auf­räu­men nach Ver­an­stal­tun­gen oder das Klo zu put­zen – dass er es aber wich­tig fin­det, Dinge fest­zu­hal­ten und etwas zu haben, woran man dis­ku­tie­ren kann. Auch ein Buch von »rotor« aus Graz war wich­tig für uns. Die haben auch nach einem Kon­gress Texte zusam­men­ge­sam­melt, die für uns plötz­lich Prak­ti­ken von ent­fern­ten Leu­ten nah und zugäng­lich gemacht haben. Zum Bei­spiel vom Ate­lier d’Architecture Auto­gé­rée (AAA) aus Paris. Letzt­end­lich war es bei uns auch so: Wir woll­ten unsere Arbeit reflek­tie­ren, fest­hal­ten und dis­ku­tie­ren was Mikro­po­li­tik ist und sein kann, damit andere anknüp­fen können.

Marius Töp­fer: Wie du anfangs sag­test, sind wir hier nicht in einem Sze­ne­vier­tel. Auch des­halb liegt uns die theoretisch-konzeptionelle Arbeit am Her­zen. Das was hier im Klei­nen und etwas Abseits pas­siert, läuft ohne diese Refle­xion viel­leicht Gefahr, iso­liert zu blei­ben. Das theo­re­ti­sche Reflek­tie­ren und auch das in In-Beziehung-Setzten mit inter­na­tio­na­len Pro­jek­ten macht das Eigene dann auch grö­ßer und wirk­mäch­ti­ger.
Die Ver­samm­lung, zu der wir inter­na­tio­nal ein­ge­la­den haben, hatte jeden­falls die­sen Effekt auf unser eige­nes Tun. Leute merk­ten auf ein­mal, was das für eine Dimen­sion haben kann, in einem Toi­let­ten­haus Nach­bar­schafts­ar­beit zu machen. Weil wir unsere Arbeit in Bezie­hung gesetzt haben mit bei­spiels­weise Initia­ti­ven wie »L’A­près M«, die in Mar­seille einen McDonald’s besetzt haben und ihn jetzt sel­ber betreiben.

Eröff­nungs­tag der »Ver­samm­lung der Mikro­po­li­ti­ken«, 2023 am Mikro­pol. Foto: Miguel Ferraz.

Untie­fen: Die Bei­träge in eurem Buch  beto­nen ins­ge­samt sehr stark das All­täg­li­che und das Lokale als Ansatz­punkt der poli­ti­schen Arbeit. Es geht viel um Nach­bar­schaf­ten, um das Sich-Kennenlernen. Was ist für euch das Wich­tige daran?

Marius Töp­fer: Ich glaube, für uns ist das so wich­tig, weil wir im Jetzt eine andere Zukunft her­stel­len wol­len, eine andere Form des Stadt­be­woh­nens, des Welt­be­woh­nens. Das ist sehr stark im All­tag ver­an­kert. Und wir haben das hier in die­sem Stadt­teil als guten Modus gefun­den, um zusam­men zu arbei­ten. Poli­tisch zu arbei­ten, obwohl man das viel­leicht gar nicht von vorn­her­ein denkt, dass man das tut.

Lisa Zan­der:  Wir glau­ben: wenn eine Ver­än­de­rung nicht auf der klei­nen Ebene funk­tio­niert, dann funk­tio­niert sie auch nicht im Gro­ßen. Für uns war in die­ser Hin­sicht auch »Bezie­hungs­weise Revo­lu­tion« von Bini Adamc­zak ein wich­ti­ger Bezugs­punkt. Wenn wir über andere Zukünfte nach­den­ken, dür­fen wir nicht nur mit gro­ßen Wür­fen han­tie­ren, son­dern müs­sen pro­zess­haft den­ken und die Bezie­hun­gen im Klei­nen verändern.

Marius Töp­fer: Die gro­ßen Ziele sind bei uns natür­lich trotz­dem im Fokus. Wir woll­ten bei­spiels­weise nie nur die­ses kleine Toi­let­ten­haus, son­dern wir wol­len ein gro­ßes Stadt­teil­zen­trum für die Nach­bar­schaft. Das wol­len wir von hier aus zusam­men erpro­ben, erstrei­ten, erle­ben. Und nicht zuletzt: der Fokus aufs All­täg­li­che ändert auch ein­fach etwas am Leben, es macht auch unser Leben besser.

Untie­fen: À pro­pos Stadt­teil­zen­trum Rothen­burg­sort: Wenn ich die Ent­ste­hungs­ge­schichte des Mikro­pol rich­tig ver­stehe, wurde das Zen­trum »Rothen­burg« abge­ris­sen, ohne einen Ersatz. Dort habt ihr ein­ge­hakt. Jetzt kommt aber ein neues Haus, habe ich das rich­tig gese­hen? Wann wird das sein? Wie weit ist das?

Uns war noch etwas klar: statt nur zu for­dern, orga­ni­sie­ren wir das selbst.

Marius Töp­fer: Das wird hof­fent­lich 2029 fer­tig­ge­stellt. Es wird etwa 300 Meter Luft­li­nie von hier ent­ste­hen, beim Enten­wer­der Park, zwi­schen Brannt­wein Mono­pol und Holi­day Inn. Ja, der Abriss war der Aus­gangs­punkt des Mikro­pol. Die »Rothen­burg« wurde abge­ris­sen, wir haben die Möbel genom­men und auf dem Markt­platz wie­der auf­ge­baut. Wie in einer Per­for­mance haben wir jeden Sams­tag dort geses­sen, zusam­men Plat­ten gehört, Tee getrun­ken und uns aus­ge­tauscht, wie es wei­ter­geht. Eins war klar: es braucht ein Stadt­teil­zen­trum in Rothen­burg­sort. Einen Ort, an dem sich Men­schen begeg­nen, aus­tau­schen, orga­ni­sie­ren kön­nen. Wir hat­ten unter­schied­li­che Ideen, wie bspw. das denk­mal­ge­schützte und schon lange leer­ste­hende Ensem­ble der ehe­ma­li­gen Bun­des­mo­no­pol­ver­wal­tung für Brannt­wein. Und uns war noch etwas klar: statt nur zu for­dern, orga­ni­sie­ren wir das selbst. Dafür brauchte es einen Ort. Das leer­ste­hende Toi­let­ten­haus war ideal. Seit dem ist das Mikro­pol ein Miniatur-Stadtteilzentrum, aber auch ein Test­ort, an dem wir raus­fin­den, was ein Stadt­teil­zen­trum aus­macht und wie es organ­siert sein kann. Wir hal­ten das fest, brin­gen es auf eine neue Ebene und ent­wi­ckeln so auch das Raum­pro­gramm für das neue Haus.

Lisa Zan­der: Wir sind zwi­schen­drin natür­lich auch gut geschei­tert. Es gab schon rich­tige Tief­punkte. Seit Ende letz­ten Jah­res aber sind die Archi­tek­ten, die den Wett­be­werb für sich ent­schie­den haben, beauf­tragt, es wird gebaut werden.

Untie­fen: Seid ihr am neuen Zen­trum denn irgend­wie beteiligt?

Lisa Zan­der: Eigent­lich viel mehr als das. Wir konn­ten das Raum­pro­gramm schrei­ben und wir haben einen Let­ter of Intent unter­schrie­ben, dass wir den Betrieb orga­ni­sie­ren wer­den.
Uns war es wich­tig, dass unsere Arbeit und das Enga­ge­ment aus der Nach­bar­schaft auch in den Betrieb des Hau­ses mün­det. Neben den Archi­tek­ten arbei­tet der Bezirk als spä­te­rer Eigen­tü­mer mit dem städ­ti­schen Immo­bi­li­en­un­ter­neh­men Sprin­ken­hof an der Umset­zung. Par­al­lel dazu erar­bei­ten wir die soziale Struk­tur des Hau­ses und beschäf­ti­gen uns mit der Über­set­zung des nach­bar­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens in das neue Haus.

Marius Töp­fer: Und wir haben sogar eine kleine Finan­zie­rung von der Stadt dafür, das die nächs­ten drei Jahre zu begleiten.

Untie­fen: Das klingt sehr erfolg­reich! Ich möchte noch­mal auf das Ver­hält­nis von »klei­ner« und »gro­ßer« Poli­tik kom­men. Die Bei­träge im Buch klam­mern das, was wir gewöhn­lich unter Poli­tik ver­ste­hen, weit­ge­hend aus. Stadt­pla­nung, Par­la­mente oder das Orga­ni­sie­ren von Mehr­hei­ten spie­len keine Rolle im mikro­po­li­ti­schen Ansatz mit sei­nem star­ken Fokus auf das All­täg­li­che, den Stadt­teil, die Nach­bar­schaft. Dabei ist Stadt­teil­ar­beit doch, ob sie will oder nicht, Objekt von Stadt­pla­nung, von Ent­schei­dun­gen der Bür­ger­schaft, der Bezirks­ver­samm­lung, und braucht in die­sen Ver­hält­nis­sen wohl oder übel Par­teien, die ihre Anlie­gen auf­grei­fen.
Der Dis­kurs um Mikro­po­li­tik scheint mir regel­recht poli­tik­feind­lich. Ist das nicht ein Irr­weg, diese poli­ti­schen Are­nen ein­fach aus­zu­blen­den, obwohl sie doch zur Herr­schafts­struk­tur in die­ser Gesell­schaft dazugehören?

Lisa Zan­der: Wir wol­len uns gar nicht gegen große Ver­samm­lun­gen oder gegen soziale Poli­tik aus­spre­chen. Eher zeigt das Buch auf, dass es noch andere poli­ti­sche For­men gibt. Natür­lich set­zen wir uns per­ma­nent damit aus­ein­an­der, was ent­schei­det die Bür­ger­schaft oder die Bezirks­ver­samm­lung.
Was ich wich­tig finde, ist zu ver­su­chen, sich nicht ver­ein­nah­men zu las­sen. Die Par­teien sind hier manch­mal ver­wirrt davon, dass sich super viele Leute einig sind, dass das Mikro­pol wich­tig ist und dass es so einen Ort in der Nach­bar­schaft braucht. Für sol­che Orte ist es sehr gefähr­lich, sich par­tei­po­li­tisch fest­zu­le­gen. Da kann man nur ver­lie­ren und gewin­nen tun nur die Par­teien. Als poli­tik­feind­lich würde ich den Dis­kurs aber auf kei­nen Fall bezeichnen.

Marius Töp­fer: Um die­sen Ort am Lau­fen zu hal­ten, sind wir wahn­sin­nig viel mit Poli­tik kon­fron­tiert, müs­sen mit den Par­teien spre­chen, Anträge schrei­ben usw. Carola Veit, die Bür­ger­schafts­prä­si­den­tin, hat ihr Büro hier in Rothen­burg­sort. Mit ihr spre­chen wir viel und sind im guten Aus­tausch. Haupt­säch­lich aber als Nach­ba­rin. Wir haben hier wenig Grund­sätze, aber einer ist, dass im Mikro­pol keine Par­tei­ver­an­stal­tun­gen statt­fin­den. Alle sind aber ein­ge­la­den, als Nach­barn da zu sein.

Lisa Zan­der: Ich muss ein­fach noch­mal ergän­zen. Hier in der Nach­bar­schaft ist es auch so, dass wenig Leute über­haupt wahl­be­rech­tigt sind. Also die­ses Ver­spre­chen, auf Par­tei­po­li­tik ein­zu­wir­ken, ist hier nicht unbe­dingt die Realität.

Untie­fen: Ich ver­stehe, dass ein Nach­bar­schafts­ort wie hier, wo es darum geht, sich ken­nen­zu­ler­nen, sich nicht sofort in poli­ti­sche Spal­tungs­li­nien sor­tie­ren kann. Gleich­zei­tig spielt ja so ein Text wie der von Kike España doch mit einer grö­ße­ren, radi­ka­len gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rung. Es wird aber nicht klar, wie das Erzeu­gen von klei­nen »Löchern« in der Stadt, wie er und ihr das nennt, mit einem Kampf um Hege­mo­nie oder um radi­kale Ver­än­de­rung in Zusam­men­hang steht. Da fehlt für mein Ver­ständ­nis die poli­ti­sche Ebene. Es ist nach­voll­zieh­bar, auf Poli­tik keine Lust zu haben, denn Poli­tik bedeu­tet Kon­flikt. Drückt sich in die­ser Poli­tik­ferne der Mikro­po­li­tik eine Kon­flikt­mü­dig­keit aus, oder das Gefühl, dass poli­tisch nur eine Kata­stro­phe auf die nächste folgt?

Lisa Zan­der: Sol­che Fra­gen haben wir mit Kike nie disk­tu­tiert, da würde mich seine Ant­wort auch inter­es­sie­ren. Er schreibt ja vor dem Hin­ter­grund der spa­ni­schen Muni­zi­pa­lis­mus­be­we­gung. Daher kommt die Idee, aus klei­nen Ver­samm­lun­gen die grö­ße­ren Ver­än­de­run­gen zu erzeu­gen. Ich bin davon über­zeugt, dass es Ver­än­de­run­gen in der Stadt zum Bei­spiel in Bar­ce­lona rund um diese Bewe­gung gab, z.B. dass AirBnB ver­drängt wurde. 

Untie­fen: Weil du gerade Bar­ce­lona ange­spro­chen hast: Dort ist auch das Kon­zept der »Sor­gen­den Stadt« ent­stan­den, dass Repro­duk­ti­ons­ar­beit und Sorge in den Mit­tel­punkt der Stadt­pla­nung stellt. Ist das für euer Ver­ständ­nis von Mikro­po­li­tik ein Bezugspunkt?

Lisa Zan­der: Ja, für mich ist das ein Bezugs­punkt, ich habe mich viel auch theo­re­tisch mit Repro­duk­ti­ons­ar­beit beschäf­tigt und damit, wie die Stadt­pla­nung die Tei­lung von Öffent­lich und Pri­vat beein­flusst. Des­we­gen funk­tio­niert das Mikro­pol auch an die­ser Schnitt­stelle von öffent­li­chem Raum und pri­va­tem Raum: es braucht diese Räume, die irgend­was dazwi­schen sind und die auch sor­gende Arbeit ermög­li­chen – und sei es, mit­ein­an­der Tee zu trin­ken.
Aber die Idee einer »sor­gen­den Stadt« geht natür­lich noch viel mehr an die Sub­stanz der Stadt.

Untie­fen: In eurer Ein­lei­tung schreibt ihr, dass die Recht auf Stadt-Bewegung sich erschöpft hat, nicht mehr mobi­li­sie­ren kann, und es jetzt andere For­men gibt, in denen sich eman­zi­pa­to­risch mit Stadt aus­ein­an­der­setzt wird. Ver­folgt Mikro­po­li­tik auch andere Ziele als die Recht auf Stadt-Bewegung oder ist sie Teil von ihr und hat sich nur in der Form gewandelt?

Marius Töp­fer: Lisa, wider­sprich mir gern, aber ich denke, Mikro­po­li­tik ist Teil der Recht auf Stadt-Bewegung. Wir sind da schon lange dabei. Wir schrei­ben auch nicht, dass sich die Recht auf Stadt Bewe­gung erschöpft hat, son­dern, dass es ruhi­ger gewor­den ist und, dass sich die For­men gewan­delt haben. Die For­men haben sich aber auch des­we­gen gewan­delt, weil uns jetzt auf ein­mal Häu­ser gehö­ren. Und jetzt muss sich um diese Häu­ser geküm­mert wer­den. Das Gän­ge­vier­tel exis­tiert, ist gesi­chert, muss aber betrie­ben wer­den, die Fux-Kaserne exis­tiert, muss aber betrie­ben wer­den. Die Bewe­gung für ein Recht auf Stadt ist nicht weg, nur weil es nicht mehr jedes Wochen­ende die Rie­sen­ban­ner im Pauli-Stadion gibt oder die Demo­ra­ves durch St. Pauli zie­hen.
Das hat etwas mit dem ange­spro­che­nen Care-Gedanken zu tun. Viel­leicht kön­nen wir Mikro­po­li­ti­ken als Care im Rah­men die­ser eta­blier­ten Struk­tu­ren und Ver­samm­lun­gen ver­ste­hen. Und anders­herum: Wenn es diese Sor­ge­ar­beit nicht gege­ben hätte, hätte es die gro­ßen Ver­samm­lun­gen auch nicht gegeben.

Lisa Zan­der: Liz und Petra, die ich für das Buch inter­viewt habe, sagen immer, wenn nicht alle wüss­ten, wie man sich umein­an­der sorgt bzw. es nicht tun wür­den, dann hät­ten die gro­ßen Demons­tra­tio­nen auch nicht statt­ge­fun­den. Und des­we­gen haben Mikro­po­li­tik und Bewe­gung mit­ein­an­der zu tun. Aber es gibt einen ande­ren Fokus: Weni­ger »Was wol­len wir for­dern?«, son­dern: »Wie sind wir miteinander?«

Ver­samm­lung der Mikro­po­li­ti­ken
Kay­oung Kim, Lisa Marie Zan­der, Marius Töp­fer, Thies Warnke (Hg.)
adocs Ver­lag, Ham­burg, 2025
Preis: 22,00 €

Mehr: https://adocs.de/de/buecher/raum-praxis/mikropolitiken

Redak­tion Untie­fen, April 2026

Transkript der Veranstaltung »Vom Mord an Neşet Danış bis heute. Deutsch-türkische extreme Rechte in Hamburg«

Transkript der Veranstaltung »Vom Mord an Neşet Danış bis heute. Deutsch-türkische extreme Rechte in Hamburg«

Am 15.01.2026 spra­chen wir mit Fatma Keser und Kim David Amon über Rechts­extre­mis­mus mit Türkei-Bezug in Ham­burg. Wer wird heute in Ham­burg von »Grauen Wöl­fen« bedroht? Wie weh­ren sich die Betrof­fe­nen? Und wie kön­nen eine enga­gierte Zivil­ge­sell­schaft und anti­fa­schis­ti­sche Linke ihnen soli­da­risch bei­ste­hen? Hier ist das Tran­skript der Ver­an­stal­tung nachzulesen.

Ver­an­stal­tung »Vom Mord an Neşet Danış bis heute. Deutsch-türkische extreme Rechte in Ham­burg«, Januar 2026 in der Locke. Foto: privat

Die Exis­tenz einer deutsch-türkischen extre­men Rech­ten wird in der deut­schen Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft in den letz­ten Jah­ren zuneh­mend deut­li­cher wahr­ge­nom­men. Doch obwohl »Graue Wölfe« in Ham­burg keine neue Erschei­nung sind, sind ihre Ideo­lo­gie, ihre Gewalt und ihre Opfer noch immer viel zu wenig bekannt. Als ers­tes Todes­op­fer die­ser Aus­prä­gung extrem rech­ter, islamistisch-nationalistischer Gewalt in der BRD gilt der tür­ki­sche Arbei­ter Neşet Danış, der Anfang Mai 1974 in Nor­der­stedt von tür­ki­schen Faschis­ten erschla­gen wurde.
Aus­ge­hend von Neşet Danış’ Geschichte haben wir am 15.01.2026 in der Bar Locke dis­ku­tiert: Wer wird heute in Ham­burg von der deutsch-türkischen extre­men Rech­ten bedroht? Wie weh­ren sich die Betrof­fe­nen? Und wie kön­nen enga­gierte Zivil­ge­sell­schaft und anti­fa­schis­ti­sche Linke ihnen soli­da­risch bei­ste­hen?
Unsere Gäste waren Fatma Keser (Mit­grün­de­rin der Initia­tive Migran­tin­nen für Säku­la­ri­tät und Selbst­be­stim­mung und Vor­stands­mit­glied von Pek Koach – Jewish-Kurdish Women’s Alli­ance e.V.) und Kim David Amon (Refe­rent der Fach­stelle Tür­ki­scher Rechts­extre­mis­mus).
Ver­an­stal­tet haben wir die Dis­kus­sion in Koope­ra­tion mit Bag­rut e.V.. Dabei wur­den wir freund­lich geför­dert durch die Leip­zi­ger Monom-Stiftung – Stif­tung für Ver­än­de­rung.

Im Fol­gen­den fin­det sich ein gekürz­tes Tran­skript der Veranstaltung.


Untie­fen: Kim, viel­leicht kannst du uns abho­len. Wer war Neşet Danış und warum wurde er bei Ham­burg Opfer der Grauen Wölfe? Was waren die poli­ti­schen Reak­tio­nen auf die­sen Mord?

Kim David Amon: Neşet Danış kam als soge­nann­ter »Gast­ar­bei­ter« nach Deutsch­land und war in Nord­deutsch­land sowie in Ham­burg als Bau­in­ge­nieur tätig. Er hat sich 1974 mit einer Gruppe von wei­te­ren Mit­strei­tern dafür ein­ge­setzt, dass der Vor­stand des tür­ki­schen Arbeit­neh­mer­ver­eins in Ham­burg und Umge­bung neu besetzt wird. Der Vor­stand war domi­niert von tür­ki­schen Rechts­extre­men, die sich mit Unter­stüt­zung des tür­ki­schen Gene­ral­kon­su­lats dort eta­bliert hat­ten. Sie wur­den abge­wählt, bei einer ver­such­ten Neu­wahl des Vor­stands kam es jedoch zu Tumul­ten. Die Poli­zei hat die Ver­an­stal­tung auf­ge­löst, wor­auf­hin es am 5. Mai 1974 in Nor­der­stedt zum zwei­ten Mal ver­sucht wurde, den Vor­stand neu zu besetzen.

Auch die­ser zweite Anlauf ver­lief tur­bu­lent: Es waren Men­schen aus dem tür­ki­schen Gene­ral­kon­su­lat anwe­send, die ver­such­ten, bestimmte Mit­glie­der im Vor­stand zu instal­lie­ren. Als es daran Kri­tik gab, stürmte auf Geheiß eines Mit­ar­bei­ters des  Kon­su­lats ein Schlä­ger­trupp die Ver­an­stal­tung und griff die Teil­neh­men­den an, die sich zu Wort gemel­det hat­ten. Die Men­schen, die dort teil­weise mit ihren Fami­lien und Kin­dern vor Ort waren, ver­such­ten zu flüch­ten, man­che sind aus dem Fens­ter gesprun­gen. Neşet wurde von sechs bis acht der Angrei­fer zu Boden geschla­gen, mit Stüh­len, Tisch­bei­nen und ande­ren Werk­zeu­gen trak­tiert und so schwer ver­letzt, dass er etwa zwei Wochen spä­ter im Kran­ken­haus Ham­burg Heid­berg ver­starb. Bei dem Angriff hat ein Mit­ar­bei­ter des tür­ki­schen Gene­ral­kon­su­lats die Schlä­ger nicht nur in den Raum gebracht, son­dern sie ange­feu­ert mit Rufen wie: »Wer sei­nen Gott liebt, erschlägt die Kommunisten«.

Neşet Danış (unda­tierte Auf­nahme). Foto: unbekannt

Nach­dem Neşet und wei­tere am Boden lagen, kam die Ham­bur­ger Kri­mi­nal­po­li­zei, die dann offen­bar in Abspra­che mit dem tür­ki­schen Kon­su­lat bestimmte Men­schen fest­ge­nom­men hat. Es wird davon aus­ge­gan­gen, dass die Kon­su­lats­mit­ar­bei­ter Lis­ten mit Kritiker:innen an die Poli­zei wei­ter­ge­ge­ben hatten.

Am Ende war es jeden­falls so, dass Leute aus den Rei­hen der Kritiker:innen teil­weise schwer ver­letzt in Gewahr­sam genom­men wur­den, wäh­rend den Angrei­fern freies Geleit gewährt und sie mit Klein­bus­sen zurück ins Kon­su­lat gefah­ren wurden.

Untie­fen: Die­ser rechts­extreme Mord an Neşet Danış scheint heute nicht mehr vie­len Men­schen bekannt zu sein. Wie war das in den 1970er Jahren?

Kim David Amon: Wir ken­nen seine Geschichte aus Zeu­gen­be­rich­ten, die damals in gewerk­schaft­li­chen und lin­ken Blät­tern erschie­nen sind. Natür­lich ist das eine gefärbte Dar­stel­lung, aber es gibt von der ande­ren Seite keine Gegen­dar­stel­lung. Auch die Poli­zei hat sich nicht geäu­ßert. Es gab jedoch Pro­test­ver­an­stal­tun­gen, etwa im Audi­max an der Uni Ham­burg mit 1200 Teilnehmer:innen, auch die Witwe von Neşet hat dort gespro­chen. Stu­die­ren­den­grup­pen waren inso­fern maß­geb­lich daran betei­ligt, auf das Thema auf­merk­sam zu machen.

Zudem gab es eine Demons­tra­tion mit 2000 Teilnehmer:innen. Schließ­lich hat unter ande­rem auch das Ham­bur­ger Abend­blatt über den Fall berich­tet. Im Unter­schied jedoch zu den lin­ken und gewerk­schaft­li­chen Blät­tern, schrieb das Abend­blatt über eine »Tür­ki­sche Saal­schlacht in Nor­der­sted­ter Lokal«. Man ver­schwieg also, dass es sich hier um rechte Gewalt han­delte und hat – weil migran­ti­sche Com­mu­ni­ties der­art exter­na­li­siert wur­den – so getan, als wären das ein­fach nur ver­fein­dete Grup­pen oder Ban­den aus dem Aus­land, die ihre Kon­flikte jetzt in Deutsch­land austragen.

Untie­fen: Und wie ist das heut­zu­tage? Hat sich die Wahr­neh­mung des tür­ki­schen Rechts­extre­mis­mus inner­halb der Mehr­heits­ge­sell­schaft verändert?

Kim David Amon: Zumin­dest hat das Thema in den letz­ten Jah­ren mehr Auf­merk­sam­keit bekom­men. Ein Doku­men­tar­film über die Grauen Wölfe, wie er vor eini­gen Mona­ten in der ARD lief, wäre in den 1970er Jah­ren noch undenk­bar gewe­sen. Zudem sind Infor­ma­tio­nen ein­fa­cher zugäng­lich, eine Fach­stelle zu tür­ki­schem Rechts­extre­mis­mus exis­tiert seit die­sem Jahr. Wei­ter­hin gibt es in den jewei­li­gen Bun­des­län­dern staat­lich geför­derte Pro­jekte, so auch in Ham­burg, wo das Pro­jekt perspektif:a seit über fünf Jah­ren neben Distan­zie­rungs­ar­beit auch Auf­klä­rungs­ar­beit leis­tet. Das heißt jedoch nicht, dass die Mainstream-Medien nicht nach wie vor über impor­tierte Kon­flikte spre­chen und die Kon­flikte in kri­mi­nel­len Milieus ver­or­ten. Dem tre­ten jedoch heute laute Stim­men, die auch aus der Mehr­heits­ge­sell­schaft stam­men, ver­mehrt entgegen.

Fatma Keser: Ich bin etwas weni­ger posi­tiv gestimmt. Zum einen, weil ich auch der Ansicht bin, dass es diese Art von fal­scher Bericht­erstat­tung auch heute noch gibt. Zum ande­ren ist die Auf­merk­sam­keit für den tür­ki­schen Rechts­extre­mis­mus nach wie vor viel zu gering. Dabei sind die Grauen Wölfe mit geschätz­ten 12.000 Mit­glie­dern die zweit­größte rechts­extreme Bewe­gung in Deutsch­land nach der AfD. Das Pro­blem ist jedoch, dass die Grauen Wölfe eine Bewe­gung und kein Ver­ein sind, des­sen Mit­glie­der man zäh­len könnte. Es ist also davon aus­zu­ge­hen, dass ihre Zahl weit höher ist. Trotz­dem inter­es­sie­ren sich selbst Linke wenig für diese rechts­extreme Bewegung.

Untie­fen: Dann spre­chen wir doch mal über die Grauen Wölfe. Gegen wen het­zen sie, wen neh­men sie ins Visier?

Fatma Keser: Die Grauen Wölfe fol­gen der Idee, ein tür­ki­sches Groß­reich wie­der­her­zu­stel­len. Ein Sym­bol, das sie ver­wen­den, besteht aus drei Halb­mon­den, ein Code ihres ter­ri­to­ria­len Anspruchs. Die Halb­monde ste­hen für Gebiete auf drei Kon­ti­nen­ten, die sie wie­der­ge­win­nen wol­len. Die­ser ter­ri­to­riale Anspruch bedingt die Viel­zahl ihrer Opfer­grup­pen. Die größte, aber immer ver­ges­sene, sind Armenier:innen. Ich glaube, es gibt keine in Deutsch­land lebende Arme­nie­rin, die es noch nicht mit den Grauen Wöl­fen zu tun hatte. Ebenso betrof­fen sind jedoch wei­tere Opfer­grup­pen des Geno­zids der Jung­tür­ken, also Pontusgriech:innen, Assyrer:innen, Aramäer:innen. Zu nen­nen sind auch Kurd:innen, Jesid:innen, Alevit:innen sowie Jüd:innen. Die Liste ist also lang. Und am Ende sind wir alle von Rechts­extre­mis­mus betroffen.

Kim David Amon: Ergän­zen ließe sich, dass die Grauen Wölfe rechts­extreme Ein­stel­lun­gen der deut­schen Rech­ten tei­len wie bei­spiels­weise Anti­fe­mi­nis­mus, Que­er­feind­lich­keit und Anti­zi­ga­nis­mus. Damit ist natür­lich auch eine inter­sek­tio­nale Mehr­fach­dis­kri­mi­nie­rung ver­bun­den, weil diese Grup­pen, die Fatma auf­ge­zählt hat, häu­fig von ver­schie­de­nen For­men von Dis­kri­mi­nie­rung betrof­fen sind. Sie wer­den zum Ziel der tür­ki­schen Rech­ten, sind in Deutsch­land dann aber auch noch etwa von anti­mus­li­mi­schem Ras­sis­mus oder all­ge­mein vom Ras­sis­mus der Mehr­heits­be­völ­ke­rung betroffen.

Untie­fen: Nun sind die Grauen Wölfe kein Ver­ein, son­dern eine Bewe­gung. Wis­sen wir den­noch etwas dar­über, wie sie sich ins­be­son­dere auch in Ham­burg organisieren?

Kim David Amon: Wenn wir uns die Szene in Ham­burg anschauen, dann trifft auch hier zu, was bereits über die bun­des­weite Orga­ni­sa­tion der Grauen Wölfe gesagt wurde. Der Ver­fas­sungs­schutz spricht von etwa 100 bis 130 Mit­glie­dern. Diese Zahl ist aber viel zu gering ange­setzt. Die tür­ki­sche Rechte orga­ni­siert sich in einem Ver­eins­we­sen. Dort gibt es mit tür­ki­schen Sprach­kur­sen sogar Ange­bote für Kin­der. Wei­ter­hin ver­an­stal­ten die Ver­eine etwa Lie­der­abende, wo Sän­ger auch aus der Tür­kei ein­ge­flo­gen wer­den. Genaue Zah­len sind nicht bekannt, aber allein bei einer Ver­an­stal­tung in Wil­helms­burg 2024 kamen rund 500 Sympathisant:innen zusam­men. Wir müs­sen also von einer deut­lich höhe­ren Zahl an Men­schen aus­ge­hen, die in Ham­burg in der tür­ki­schen Rech­ten orga­ni­siert sind. Das zeigt sich auch darin, dass viele Per­so­nen, die den genann­ten Opfer­grup­pen ange­hö­ren, bereits mit dem tür­ki­schen Recht­ex­tre­mis­mus in Berüh­rung gekom­men sind. Ein wich­ti­ger Punkt, den wir in Ham­burg zudem betrach­ten müs­sen: Wir hat­ten es in den letz­ten Jah­ren mit Men­schen zu tun, die mafiös-organisierte Struk­tu­ren mit den Grauen Wöl­fen ver­ban­den. Wir spre­chen etwa von Wett- und Glücks­spiel­bü­ros, da geht es dann auch um Schutz­geld­erpres­sung. Es ist jedoch nicht immer ein­deu­tig, wel­che Rolle rechts­extreme Ideo­lo­gie dabei spielt; Gewalt ist aber immer ein zen­tra­les Element.

Fatma Keser: Was wir zudem in den letz­ten Jah­ren beob­ach­ten, ist, dass sich die Grauen Wölfe ideo­lo­gisch gewan­delt haben. Wäh­rend sie sich lange Zeit als Lai­zis­ten ver­stan­den haben, kön­nen wir in jün­ge­rer Zeit ein stär­ke­res Zusam­men­ge­hen mit dem Isla­mis­mus beobachten. 

Untie­fen: Wech­seln wir noch ein­mal auf die Seite der Betrof­fe­nen. Wie weh­ren sie sich und wie kann man sie dabei unterstützen?

Fatma Keser: Zunächst ist mir wich­tig, dass alle Opfer­grup­pen der Grauen Wölfe genü­gend Auf­merk­sam­keit erfah­ren. Die bekann­ten Opfer, die ein Gesicht, die ein Denk­mal haben, sind tür­ki­sche Linke, meis­tens Män­ner. Andere, wie Kurd:innen, Amenier:innen und Alevit:innen, also ins­be­son­dere auch Men­schen, die mehr­fach dis­kri­mi­niert wer­den, gera­ten schnell in Ver­ges­sen­heit. Wie weh­ren sich die Opfer nun? Es gab zwi­schen den 1970er und 1990er Jah­ren sehr viel Gewerk­schafts­ar­beit gegen die Grauen Wölfe, die vor allem von Kurd:innen, Alevit:innen, tür­ki­schen Lin­ken sowie auch deut­schen Gewerk­scha­fen getra­gen wurde. Das ist heute lei­der ein biss­chen in Ver­ges­sen­heit geraten.

Kim David Amon: Hin­wei­sen möchte ich auf die bun­des­weite Fach­stelle zu tür­ki­schem Rechts­extre­mis­mus, in der ich tätig bin. Sie ist vom Bund der Ale­vi­ti­schen Jugend­li­chen ins Leben geru­fen wor­den, also einem Jun­gen­d­ver­band, der aus der Betrof­fe­nen­per­spek­tive agiert. Es gibt zudem noch viele wei­ter Jugend­ver­bände, die aktiv zu dem Thema arbei­ten. Die Fach­stelle bün­delt jedoch jetzt die ver­schie­dene, zum Teil seit Jahr­zehn­ten geleis­tete Arbeit. Die Fach­stelle kann man natür­lich unter­stüt­zen. Ins­ge­samt aber ist es wich­tig, dass alle ihre Stimme gegen den tür­ki­schen Rechts­extre­mis­mus erhe­ben und nicht aus fal­scher Zurück­hal­tung den Betrof­fe­nen das Feld über­las­sen, die dann ihre Kämpfe doch wie­der alleine kämp­fen müssen. 

Fatma Keser: Wir haben mit unse­rem Ver­ein Pek Koach eine Bro­schüre raus­ge­bracht: »Speak Now. Stim­men gegen den Isla­mis­mus«. Darin haben wir Stim­men der Betrof­fe­nen von Isla­mis­mus gesam­melt. Denn unser Ein­druck war, dass in Deutsch­land häu­fig mit einem Täter­fo­kus gear­bei­tet wird und wir woll­ten dem eine andere Form, Isla­mis­mus zu ana­ly­sie­ren, zur Seite stel­len. Es geht in der Bro­schüre auch um tür­ki­schen Rechts­extre­mis­mus. Eine Arme­nie­rin, eine Kur­din, eine Assy­re­rin sowie eine Pon­tus­grie­chin bespre­chen und ana­ly­sie­ren in der Bro­schüre in unter­schied­li­cher Art und Weise den tür­ki­schen Rechts­extre­mis­mus, Faschis­mus sowie auch den Islamismus.

Untie­fen: Es ist doch bemer­kens­wert, dass ein Thema, wo auch Anti­se­mi­tis­mus eine große Rolle spielt, dazu führt, dass sich ver­schie­dene Grup­pen ver­bin­den – sonst spal­tet es ja die Linke eher. Oder, wie ist das bei euch?

Fatma Keser: Wir haben uns als Ver­ein nach dem 7. Okto­ber gegrün­det. Es war auch der Frust dar­über, dass sich nie­mand ande­res für uns inter­es­siert – außer wir. Ich berichte natür­lich aus mei­ner Per­spek­tive und kann nicht für alle aus dem Ver­ein spre­chen. Aber wann immer etwas in Kur­di­stan pas­siert ist, haben sich bei mir nur meine jüdi­schen oder meine kur­di­schen Freunde gemel­det. Dass aktu­ell zwei von vier Tei­len Kur­di­stans bren­nen, scheint nie­man­den zu inter­es­sie­ren. So ging es, glaube ich, auch vie­len mei­ner jüdi­schen Freun­din­nen. Über diese erfah­rene Ent­so­li­da­ri­sie­rung und Betrof­fen­heit sind wir zusam­men­ge­kom­men und haben ver­sucht eine Alli­anz auf­zu­bauen, die eigent­lich immer schon vor­han­den war.

Redak­tion Untie­fen, April 2026

Antifa: Ein bewegender Blick zurück

Antifa: Ein bewegender Blick zurück

2024 lief der Doku­men­tar­film Antifa – Schul­ter an Schul­ter, wo der Staat ver­sagte im Kino. Jetzt ist er auf DVD erschie­nen. Der Film bie­tet einen Ein­blick in die Geschichte der Antifa-Bewegung der Neun­zi­ger. Die Zeit vor 1990, in die auch Ham­burgs ›Base­ball­schlä­ger­jahre‹ fal­len, kommt dabei jedoch zu kurz.

War das die Antifa-Grundausstattung der Neun­zi­ger? Foto: © Chris­tian Ditsch. 

»Bis zur Wie­der­ver­ei­ni­gung zeig­ten nur Schre­ber­gärt­ner und Neo­na­zis Deutsch­land­fah­nen, dann lie­fen plötz­lich fast alle mit Schwarz-Rot-Gold rum«, erin­nert sich Navid, der sich schon vor­her, in den Acht­zi­gern, als Kind mit Ras­sis­mus aus­ein­an­der­set­zen musste: »Ich bin ja ein Schwarz­kopf.« Dazu wird ein altes Aus­weis­foto ein­ge­blen­det. Navid ist aktiv in der radi­ka­len Lin­ken, war seit dem Grün­dungs­jahr 1990 bis zur Auf­lö­sung der Gruppe 2004 Mit­glied in der Göt­tin­ger Auto­no­men Antifa M, die in den neun­zigre Jah­ren sehr prä­sent war.

Fünf antifaschistische Perspektiven

Navid ist einer von fünf in den neun­zi­ger Jah­ren in staats­fer­nen anti­fa­schis­ti­schen Selbst­or­ga­ni­sie­run­gen Akti­ven, die für den Doku­men­tar­film Antifa – Schul­ter an Schul­ter, wo der Staat ver­sagte inter­viewt wur­den. Alle fünf sind bis heute poli­tisch aktiv, die Inter­views mit ihnen sind das Rück­grat des Films. Sie reden offen dar­über, was sie gemacht haben und warum. Die meis­ten von ihnen sind dabei auch selbst­kri­tisch, alle fünf sind daran inter­es­siert, ihre Erfah­run­gen zu tei­len, und machen sich Gedan­ken über eine Wei­ter­ent­wick­lung anti­fa­schis­ti­scher Aktivitäten.

Da ist Tors­ten, der sich als Jugend­li­cher in Qued­lin­burg in Sachsen-Anhalt gegen die Nazis im Ort orga­ni­sierte, um sich ihrer Angriffe erweh­ren zu kön­nen. Laura ist in Ost­ber­lin auf­ge­wach­sen und »von Geburt an poli­tisch, weil ich in eine jüdi­sche Fami­lie gebo­ren wurde«. Ein paar Monate nach dem Zusam­men­bruch der DDR stand an die Wand des Kon­sums bei ihr im Stadt­teil der Name ihres Groß­va­ters geschrie­ben, mit dem Zusatz: »Ver­ges­sen in Ausch­witz zu ver­ga­sen«. Sie warnte bereits Jahre vor der Selbst­ent­tar­nung des NSU 2011 in einem Arti­kel vor klei­nen Ter­ror­zel­len aus der Neo­na­zi­szene. Kessy ist seit 1998 in Kreuz­berg in den Berei­chen Recher­che und Archi­vie­rung im apa­biz tätig, dem Mitte der acht­zi­ger Jahre in Ber­lin gegrün­de­ten Antifa-Pressearchiv. Auf des­sen Mate­ria­lien grif­fen viele Medien zurück, als der NSU plötz­lich auch in der wei­te­ren Öffent­lich­keit Thema war. Nina war bis 1995 in der schleswig-holsteinischen Kreis­stadt Rends­burg in der Antifa aktiv, auch in der Ver­net­zung im nörd­lichs­ten Bun­des­land. Seit­dem wohnt sie in Ham­burg, und ist dort aktiv. Im Film ist sie auf anti­ras­sis­ti­schen Demons­tra­tio­nen in Ham­burg in der Jetzt­zeit zu sehen: All refu­gees wel­come. Und dann ist da der bereits erwähnte Navid, der von Göt­tin­gen aus auch an der AA/BO betei­ligt war, der ab 1992 von Grup­pen aus elf Städ­ten getra­ge­nen Anti­fa­schis­ti­schen Aktion/Bundesweite Orga­ni­sa­tion.  

Die fünf Inter­view­ten geben gerade durch ihre Unter­schied­lich­keit gute Ein­bli­cke in die Sicht­wei­sen und das Her­an­ge­hen staats­fer­ner Anti­fa­grup­pen in den neun­zi­ger und nuller Jah­ren. Schade ist, dass dabei nicht das gesamte Spek­trum radikal-linker Antifa zu sehen ist – die eigen­stän­dige migran­ti­sche Anti­fa­or­ga­ni­sie­rung rund um Anti­faşist Gen­ç­lik kommt ebenso wenig vor wie die femi­nis­ti­sche Fan­tifa, tra­di­ti­ons­links, gewerk­schaft­lich oder anti­deutsch ori­en­tierte Zusam­men­hänge. Aber das große Ver­dienst des Fil­mes ist es, an die Antifa der Neun­zi­ger zu erin­nern und Protagonist:innen selbst zu Wort kom­men zu lassen.

»dann lie­fen plötz­lich fast alle mit Schwarz-Rot-Gold rum«: Navid (Film­still).

Im Visier von Staat und Nazis

Dar­über hin­aus waren die Film­ma­cher in lin­ken Film-und Video­ar­chi­ven unter­wegs und haben eini­ges auf Magnet­bän­dern in VHS-Kassetten auf­ge­nom­me­nes Mate­rial und ana­loge Schwarz-Weiß-Fotos in ihre Doku­men­ta­tion mon­tiert. Antifa-Aktivitäten ste­hen dabei nicht im Zen­trum – von denen gibt es nur wenig Film­ma­te­rial, weil immer die Ver­fol­gung durch den Staat oder durch als »Anti-Antifa« tätige Neo­na­zis drohte. Die gegen­über Neo­na­zis meist untä­tige Staats­ge­walt fand die Akti­vi­tä­ten lin­ker Anti­fa­grup­pen oft verdächtig.

Navid schil­dert etwa das Ermitt­lungs­ver­fah­ren gegen die Auto­nome Antifa M. Die war in Göt­tin­gen und Süd­ost­nie­der­sach­sen mit ihrer ver­bind­li­chen Orga­ni­sie­rung, offen­si­ven Bünd­nis­po­li­tik und Öffent­lich­keits­ar­beit erfolg­reich und initi­ierte die größte auto­nome Orga­ni­sie­rung der neun­zi­ger Jahre: die AA/BO, ein bun­des­wei­ter Zusam­men­schluss mit Orts­grup­pen in vie­len Städ­ten. Im Juli 1994 wur­den 15 Woh­nun­gen, der linke Buch­la­den Rote Straße (der sich, wie sich gerade gezeigt hat, offen­bar immer noch im Visier des Ver­fas­sungs­schut­zes befin­det) und ein Büro des All­ge­mei­nen Stu­die­ren­den­aus­schus­ses (AStA) in Göt­tin­gen durch­sucht und Unmen­gen von Mate­rial beschlagnahmt.

Zunächst ermit­telte die Poli­zei wegen des halt­lo­sen Vor­wurfs der Bil­dung einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung, der spä­ter in den Vor­wurf der Bil­dung einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung umge­wan­delt wurde. Ermitt­lun­gen nach dem zugrunde lie­gen­den § 129 StGB ermög­li­chen den Ein­satz ver­deck­ter Ermittler:innen und die umfas­sende Aus­for­schung der Ver­däch­tig­ten. Gegen erst 34, dann doch ’nur‹ 17 Anti­fas wurde Anklage erho­ben. Die Ver­fah­ren wur­den aller­dings gegen Zah­lun­gen von Geld­stra­fen ein­ge­stellt. Navid schil­dert die Ermitt­lun­gen und die Anklage als mas­sive Beein­träch­ti­gung anti­fa­schis­ti­scher Arbeit: Man tele­fo­nierte nur noch aus Tele­fon­zel­len, es gab ver­ein­barte Code­wör­ter, schrift­lich wurde so wenig wie mög­lich fest­ge­hal­ten, fotografisch/filmisch über­haupt nichts Internes.

Antifaschistischer Selbstschutz

Die Ost­ber­li­ne­rin Laura ist lei­der nicht selbst zu sehen, son­dern wird von einer Schau­spie­le­rin nach­ge­spro­chen. Denn Laura sagt selbst über sich im nach­ge­spro­che­nen Text: »Wenn ich vor die Tür ging, war ich immer bewaff­net, denn ich war klein und schmäch­tig.« An ande­rer Stelle erklärt sie, dass sie, wenn sie in Bran­den­burg in etwas außer­halb von Ber­lin gele­ge­nen Klein­städ­ten wie Lud­wigs­felde oder Königs­wus­ter­hau­sen aus dem Zug stieg, »sofort 50 Nazis an der Backe hatte«. Sie beschäf­tigte sich selbst damit, Nazi­struk­tu­ren aus­zu­for­schen, ihre Tref­fen zu beob­ach­ten und zu foto­gra­fie­ren. Und sie gab sich unter fal­schem Namen als Nazi­sym­pa­thi­san­tin aus.

Um mit Nazis schrei­ben zu kön­nen, ohne ihre wirk­li­che Adresse preis­zu­ge­ben, klebte sie ihren fal­schen Namen auf unge­nutzte Brief­käs­ten leer­ste­hen­der Woh­nun­gen. Auf die­sem Weg kam sie auch an Lis­ten der Anti-Antifa mit Namen und Anschrif­ten von Nazi-Gegner:innen. Diese Lis­ten waren gefähr­lich – öfters kam es dazu, dass Nazis dort Genannte an ihren Adres­sen angrif­fen, Autos beschä­dig­ten, Woh­nungs­fens­ter einwarfen.

Tors­ten schil­dert die Angriffe von Neo­na­zis in sei­nem All­tag als Jugend­li­cher in den neun­zi­ger Jah­ren in Qued­lin­burg so anschau­lich, dass die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der er vom orga­ni­sier­ten Selbst­schutz spricht, abso­lut nahe­lie­gend ist. Um nicht dar­auf zu war­ten, wie­der ange­grif­fen zu wer­den, fin­gen Tors­ten und andere Anti­fas an, in Grup­pen sofort dort­hin zu fah­ren, wo ihnen ein Über­fall in der Klein­stadt gemel­det wurde, um dort »eine Ansage zu machen«. Ein­mal wurde ein Kon­zert im Nach­bar­ort abge­bro­chen, als eine grö­ßere Nazi­an­samm­lung das Jugend­zen­trum über­fal­len wollte. Alle Konzertbesucher:innen kamen den Über­fal­le­nen zu Hilfe und prü­gel­ten sich mit den Nazis. Diese Gegen­wehr hin­ter­ließ bei den Angrei­fern Ein­druck, »davon konn­ten wir eine Zeit­lang zeh­ren«, meint Torsten.

Kessy, die beim apa­biz Mate­rial über und von Nazis sam­melt und aus­wer­tet, erin­nert sich an eine fan­ta­sie­volle Aktion, mit der sie Daten von Nazis her­aus­be­ka­men, von denen sie bis dahin nicht die Namen, son­dern nur die Wohn­adres­sen kann­ten: Ein Kol­lege war für die Ber­li­ner Mor­gen­post als Abo­wer­ber unter­wegs und kam an deren Wer­be­ja­cken ran. Dann »bas­tel­ten wir uns ein For­mu­lar, wo man für ein hal­bes Jahr ein Gra­tis­abo der Mor­gen­post gewin­nen konnte – und die Nazis gaben in der Hoff­nung auf einen Gewinn ihre Adres­sen an«.

»wei­ter­hin rich­tig, Anti­fa­schis­tin zu sein«: Nina (Film­still).

Die Debatte um Militanz

Kessy spricht aber auch an, dass manch­mal einige Anti­fas »frei dreh­ten«, wenn es um Mili­tanz gegen Nazis ging: »Da fragte ich mich schon, wis­sen die eigent­lich, woge­gen und wofür sie jetzt da ste­hen?« Sie sei froh gewe­sen, wenn sich andere in Kon­fron­ta­tio­nen kör­per­lich weh­ren konn­ten – was sie nicht konnte. Aber die Gewalt­frage, sie ging eben über das Ver­hal­ten zur Selbst­ver­tei­di­gung hin­aus. Navid erzählt, dass sie ein­mal ein Mit­glied aus­schlie­ßen muss­ten – es hatte bei einer Aus­ein­an­der­set­zung noch auf den Kopf eines am Boden lie­gen­den Nazis ein­ge­tre­ten. Er betont den Grup­pen­kon­sens: nie­man­dem einen blei­ben­den Scha­den zufü­gen, nie­man­den kör­per­lich fürs Leben schädigen.

Auch Tors­ten betont die Grenze zwi­schen mili­tan­tem Selbst­schutz und Selbst­ver­tei­di­gung einer­seits, Schä­di­gung und Ernied­ri­gung ande­rer­seits. Als ein­mal ein bereits ent­klei­de­ter Nazi, der ori­en­tie­rungs­los durch ein Gleis­bett lief, wei­ter bewor­fen wor­den sei, sei er dazwi­schen gegan­gen. Tors­ten zieht hier auch eine Linie zu den Vor­wür­fen, die vor Gericht gegen die angeb­li­che Gruppe um die ange­klagte Antifa Lina aus Leip­zig erho­ben wur­den: Nazis angrei­fen um sie zu schä­di­gen. Selbst­jus­tiz. Über­schrei­tet man mit sol­chen kör­per­li­chen Angrif­fen nicht eine Grenze?, fragt sich Thors­ten. Und er erklärt nach­denk­lich: Heute kann ich keine Nazis jagen – dann müsste ich mich ja durch die Stadt prü­geln, bei den gan­zen AfD-Wählern. Lei­der brem­sen die Regis­seure eine Debatte hierzu aus – und schnei­den hin­ter Tors­tens Nach­denk­lich­keit eine von Nina geäu­ßerte Plat­ti­tüde: Natür­lich sei es wei­ter­hin rich­tig, Anti­fa­schis­tin zu sein.

Migrantische Selbstorganisierung

Dass das Thema hier nicht ver­tieft wird, ist eine ver­passte Gele­gen­heit, schließ­lich wurde die Debatte um Gewalt und Gegen­ge­walt in der Antifa der neun­zi­ger Jahre schon inten­siv geführt. Auch des­halb wäre es loh­nend gewe­sen, die Per­spek­tive der dama­li­gen Ber­li­ner Anti­faşist Gen­ç­lik ein­zu­be­zie­hen. Am 4. April 1992 atta­ckier­ten Antifaschist:innen in Ber­lin ein Tref­fen der neo­fa­schis­ti­schen Par­tei Deut­sche Liga für Volk und Hei­mat (DLVH). Im Laufe der Aus­ein­an­der­set­zung wurde deren Funk­tio­när Ger­hard Kaindl ersto­chen. Meh­rere andere Nazis wur­den verletzt. 

Poli­zei und Staats­schutz ermit­tel­ten gegen das Umfeld von Anti­faşist Gen­ç­lik wegen Mor­des und sechs­fa­chen Mord­ver­suchs. Die Gruppe löste sich unter dem Repres­si­ons­druck auf. 1994 wur­den sie­ben Anti­fas ange­klagt; drei wur­den wegen Kör­per­ver­let­zung mit Todes­folge zu jeweils drei Jah­ren Haft ver­ur­teilt, zwei wei­tere zu Bewäh­rungs­stra­fen. »Der ›Fall Kaindl‹ wurde in der auto­no­men Antifa-Bewegung der 1990er-Jahre breit dis­ku­tiert – meh­rere Antifa-Broschüren befass­ten sich inten­siv mit den poli­ti­schen und juris­ti­schen Fol­gen sowie mit ethi­schen Fra­gen von anti­fa­schis­ti­schem Selbst­schutz, von Mili­tanz und ihren Gren­zen«, heißt es dazu prä­gnant auf dem Blog anarchismus.at.

Die Per­spek­tive von Anti­faşist Gen­ç­lik hätte aber auch dar­über hin­aus einen tie­fe­ren Ein­blick in die migran­ti­sche Selbst­or­ga­ni­sie­rung gegen Neo­na­zis und ras­sis­ti­sche Gewalt ermög­licht, die im Film mehr Raum ver­dient gehabt hätte. Eine gute Ergän­zung zum Film ist daher die von Gür­sel Yıl­dırım kura­tierte Wand­zei­tung »Migran­ti­scher Wider­stand im Ham­burg der 90er Jahre«, die auf zwölf Tafeln auch über Ham­burg hin­aus kom­pakt infor­miert und als Wan­der­aus­stel­lung schon in vie­len deut­schen Städ­ten zu sehen war. Akti­vis­ti­scher Anti­ras­sis­mus und Anti­fa­schis­mus sind hier mit­ein­an­der verbunden.

»davon konn­ten wir eine Zeit­lang zeh­ren«: Tors­ten (Film­still).

Recherche oder Kampfsport?

Ein gro­ßes Ver­dienst des Films ist es, die anti­fa­schis­ti­sche Recher­che­ar­beit in den Vor­der­grund zu stel­len, die stets mehr war und ist als müh­same Auf­klä­rung, näm­lich Ana­lyse der Nazin­etz­werke und Kri­tik der Untä­tig­keit des Staa­tes. Im öffent­li­chen Bild der Antifa gerät die­ser meist wenig spek­ta­ku­läre Aspekt fast nie in den Blick. Wenn sich Grup­pen auf Anti­f­a­tref­fen gegen­sei­tig Foto­al­ben zei­gen, um Infor­ma­tio­nen zu den Gesich­tern aus­zu­tau­schen, kann das etwas von Brief­mar­ken­samm­ler­ver­ei­nen haben und ent­spricht nicht dem ver­brei­te­ten Bild vom mili­tan­ten Anti­fa­schis­mus. Antifa-Arbeit ist zum aller­größ­ten Teil gewaltfrei.

Im Film wird aller­dings mehr über Kampf­sport­übun­gen gere­det als über diese wich­tige Frage. Die Dar­stel­lung, dass sich aktive Anti­fas häu­fig an Kampf­sport­trai­ning zur Selbst­ver­tei­di­gung betei­li­gen wür­den, ver­stärkt der Film noch dadurch, dass Navid in einem Kampf­sport­trai­nings­raum inter­viewt wird. So ver­mit­telt der Film den fata­len Ein­druck, dass aktive Betei­li­gung an Anti­fa­grup­pen nur etwas für junge, sport­li­che Leute sei und repro­du­ziert ein vor allem aus femi­nis­ti­scher Per­spek­tive seit Lan­gem kri­ti­sier­tes Selbst- und Fremd­bild der Antifa.

Hamburgs Baseballschlägerjahre

Ärger­lich ist, wie der Film mit Archiv­ma­te­rial lin­ker Medi­en­zen­tren und Aus­schnit­ten aus Dokus umgeht: Da wer­den etwa Auf­nah­men aus dem Film »Red Cops« des selbst­or­ga­ni­sier­ten Medi­en­päd­ago­gi­schen Zen­trums (MPZ) aus Ham­burg hin­ein­mon­tiert. Die Red Cops waren eine Jugend­gruppe aus Ber­ge­dorf, in den acht­zi­ger Jah­ren ein Schwer­punkt der Naziskinhead-Szene. Dage­gen orga­ni­sier­ten sie sich als Gegen­wehr. Die Red Cops waren Teil einer Jugend­be­we­gung in Ham­burg, die sich nach der Ermor­dung Meh­met Kay­mak­çıs im Juli 1985 und Rama­zan Avcıs im Dezem­ber des­sel­ben Jah­res durch Nazis­kins her­aus­bil­dete – und die, anders als die Nazis­kin­be­we­gung, von der Ham­bur­ger Poli­zei noch vor 1989 zer­schla­gen wurde.1An die für die Com­mu­nity der Ein­ge­wan­der­ten aus der Tür­kei bis heute prä­sente Ermor­dung von Rama­zan Avcı erin­nert eine Initia­tive und ein Gedenk­ort, vgl. dazu das Inter­view des Autors mit Peri­han und Ünal Zeran: »Die Ermor­dung von Rama­zan Avcı war ein Wen­de­punkt in der Migra­ti­ons­ge­schichte.« Gras­wur­zel­re­vo­lu­tion 357, März 2011.

Diese Kon­tex­tua­li­sie­rung des Archiv­ma­te­ri­als wäre wich­tig gewe­sen, weil sie zeigt, dass es in West­deutsch­land auch schon vor 1989 Ter­ror von Neo­na­zis gab. Nicht ohne Grund war hier bei Untie­fen und danach auch im Buch von Felix Krebs und Flo­rian Schu­bert von »Ham­burgs Base­ball­schlä­ger­jah­ren« die Rede. Es war der – in Ham­burg beson­ders viru­lente – rechte Ter­ror der acht­zi­ger Jahre, auf den Nazi­ka­der dann im natio­na­len Coming Out nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung und dem Ende der alli­ier­ten Auf­sicht über Deutsch­land aufbauten.

Eine his­to­ri­sche Ein­ord­nung fehlt auch zu den im ers­ten Teil des Films gezeig­ten Film­aus­schnit­ten von Nazi­ver­samm­lun­gen, so dass nicht deut­lich wird, dass Nazi­ak­ti­vi­tä­ten von Beginn an zur Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (und unter­schwel­lig auch zur DDR) gehör­ten. Auch die Antifa-Aktivitäten ins­be­son­dere der sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jahre wer­den nicht benannt, obwohl die Ansätze der Neun­zi­ger im Wes­ten daran anschlos­sen. So ging etwa die Antifa-Aktivität des Kom­mu­nis­ti­schen Bun­des (KB) in Ham­burg in den sieb­zi­ger Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich gegen die von Michael Küh­nen mit sei­nen Adju­tan­ten Chris­tian Worch und Tho­mas Wulff geführte »Han­sa­bande« vor, die 1983 ver­bo­tene »Akti­ons­front Natio­na­ler Sozialisten/Nationale Akti­vis­ten« (ANS/NA). Nach­zu­le­sen ist die­ses wich­tige Kapi­tel der Antifa-Geschichte in der von der Antifa-Kommission des 1991 auf­ge­lös­ten KB 1994 ver­öf­fent­lich­ten Bro­schüre 1974–1994: 20 Jahre Neo­na­zis in Ham­burg.

»wis­sen die eigent­lich, woge­gen und wofür sie jetzt da ste­hen?«: Kessy (Film­still).

Rassistische Pogrome

Den the­ma­ti­schen Ein­stieg des Films bil­den die pogrom­ar­ti­gen Angriffe auf Flücht­lings­un­ter­künfte und Wohn­heime für migran­ti­sche Arbei­tende Anfang der Neun­zi­ger. Zu den Aus­schrei­tun­gen in Hoyers­werda 1991 ist ein Aus­schnitt aus einem Video­in­ter­view mit einem dama­li­gen Bewoh­ner zu sehen: Er schil­dert die Ableh­nung durch die ein­ge­ses­sene Bevöl­ke­rung. Und wie er und die ande­ren Bewohner:innen sich gegen von Nachbar:innen unter­stützte Angriffe von Nazis verteidigen.

Der Film beginnt mit der über Tage andau­ern­den gewalt­tä­ti­gen Bela­ge­rung der Zen­tra­len Auf­nah­me­stelle (ZASt) und dem direkt angren­zen­den Arbei­ter­wohn­heim in Rostock-Lichtenhagen 1992. Gezeigt wer­den auch die scho­ckie­ren­den Bil­der des bren­nen­den Hoch­hau­ses mit der prä­gnan­ten Son­nen­blu­men­sei­ten­fas­sade, wo Nazis unter dem Bei­fall von ver­sam­mel­ter Nach­bar­schaft Molotow-Cocktails in die unte­ren Woh­nun­gen werfen.

Nina erzählt im Inter­view, wie sie im Fern­se­hen die Bil­der der Angriffe gese­hen habe und wie sie mit ein paar Anti­fas in zwei Autos kurz­ent­schlos­sen aus Rends­burg nach Ros­tock gefah­ren seien. Hier wird deut­lich, was prak­ti­sche anti­fa­schis­ti­sche Soli­da­ri­tät bedeu­tet. Was im Film aber völ­lig fehlt, ist die Erfah­rung der Ohn­macht, die sowohl die ört­li­chen Anti­fas vom 1991 gegrün­de­ten Jugend­al­ter­na­tiv­zen­trum (JAZ) als auch die weni­gen Ange­reis­ten machten.

Rostock-Lichtenhagen als Zäsur

Zu die­sen ange­reis­ten Anti­fas gehörte auch der Autor. Mit drei Autos waren Aktive des »Anti­ras­sis­ti­schen Tele­fons« und der Gruppe K aus Ham­burg los­ge­fah­ren. Vor Ort war die Situa­tion nie­der­drü­ckend. Tags­über traute sich kein Antifa, in Rostock-Lichtenhagen zu demons­trie­ren: gegen große Teile der Bevöl­ke­rung, die, auch durch die Pas­si­vi­tät der aus Ham­burg ange­reis­ten Hun­dert­schaf­ten der Poli­zei, des aus Ham­burg stam­men­den Ros­to­cker Poli­zei­prä­si­den­ten und des Innen­mi­nis­ters von Mecklenburg-Vorpommern moti­viert, unge­hemmt ras­sis­tisch agierten?

Für mich war Rostock-Lichtenhagen eine Zäsur. Davor rich­tete sich Antifa gegen Nazi­ka­der­grup­pen und ‑schlä­ger. Danach ging es gegen die natio­nale deut­sche Mehr­heits­mei­nung. Am Sonn­tag­abend, dem 23. August 1992, stan­den rund 3000 Deut­sche vor der ZASt und dem Arbei­ter­wohn­heim, grö­lend und klat­schend, wäh­rend Steine und Molo­tow­cock­tails gewor­fen wur­den. In der Nacht auf Mon­tag, nach­dem die Angriffe abge­flaut waren und die Bela­ge­rung zum Schla­fen unter­bro­chen wurde, gab es dann eine kleine Antifa-Demo, viel­leicht 200 Leute. Die Ein­zi­gen, die von uns Notiz nah­men, war die Poli­zei, die einige Anti­fas ver­haf­tete.2Über die ganze Ent­wick­lung in Rostock-Lichtenhagen hat eine Gruppe aus dem JAZ Ros­tock 1992/93 mit Unter­stüt­zung des alter­na­ti­ven eng­li­schen Fern­seh­sen­ders Chan­nel Four den Film „The Truth Lies in Ros­tock“ gedreht und mon­tiert, der auf You­Tube kos­ten­frei stream­bar ist.

Danach ging es gegen die natio­nale deut­sche Mehr­heits­mei­nung. Rostock-Lichtenhagen, 2013. Foto: Timur Y/Wikimedia Commons.

Rostock-Lichtenhagen nicht als Nie­der­lage gegen die deutsch-nationale, über­mäch­tige Gewalt zu benen­nen, ist ein Feh­ler, durch den die Erzäh­lung des Films zu glatt wird. Für die Her­aus­bil­dung einer anti­deut­schen Ori­en­tie­rung bei vie­len radi­ka­len Lin­ken und Anti­fas in den neun­zi­ger Jah­ren war die Debatte um Kon­se­quen­zen aus die­ser Nie­der­lage prä­gend. Die Debatte um anti­deutsch oder anti­im­pe­ria­lis­tisch grun­dier­ten Anti­fa­schis­mus führte 2004 zur Auf­tei­lung der Göt­tin­ger Auto­no­men Antifa M in zwei Nach­fol­ge­grup­pen.3Beide Grup­pen bestehen bis heute: die anti­na­tio­nale Anti­fa­gruppe redi­cal M und die Anti­fa­schis­ti­sche Linke Inter­na­tio­nal. Schon 2001 hatte sich die AA/BO auf­ge­löst, es folg­ten inhalt­li­che und orga­ni­sa­to­ri­sche Neu­ori­en­tie­run­gen, oft ent­we­der in Rich­tung Inter­ven­tio­nis­ti­sche Linke oder zum eben­falls bun­des­wei­ten Bünd­nis Ums Ganze.

Obwohl der Film man­che Aspekte der Antifa-Geschichte zu glatt zieht und der his­to­ri­schen Genese des rech­ten Ter­rors der neun­zi­ger Jahre zu wenig Auf­merk­sam­keit schenkt, ist er ein loh­nen­der und bewe­gen­der Blick zurück. Dass vie­les im Film nur ange­ris­sen wer­den kann, was sich zu ver­tie­fen lohnt, ist auch den Fil­me­ma­chern des lin­ken Kol­lek­tivs left­vi­sion bewusst. Es ist sehr daran inter­es­siert, den Film für Ver­an­stal­tun­gen in lin­ken Räu­men zu ver­lei­hen, damit er auch im Rah­men von Debat­ten zur Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschichte der Antifa-Bewegung gezeigt wird. Jetzt kann der Film außer­dem auch zur pri­va­ten Nut­zung auf DVD erwor­ben und für wenig Geld als Stream gelie­hen wer­den.

Gas­ton Kir­sche, März 2026

Der Autor bewegte sich seit 1976 bis 1991 orga­ni­siert im Milieu des Kom­mu­nis­ti­schen Bun­des in Ham­burg und war in den neun­zi­ger Jah­ren in der anti­deut­schen Gruppe K aktiv, danach in der gruppe demon­tage, eben­falls in Hamburg.

Eine frü­here Fas­sung die­ses Tex­tes ist im Mai 2025 in Aus­gabe 499 der anar­chis­ti­schen Zei­tung gras­wur­zel­re­vo­lu­tion erschienen.


ANTIFA – Schul­ter an Schul­ter, wo der Staat ver­sagte, Deutsch­land 2024, 97 Min., Regie: Marco Heinig/Steffen Mau­rer, Dreh­buch: Marco Hei­nig, Kamera: Stef­fen Maurer/Arne Büttner/Roman Rohr, Schnitt: Marco Heinig/Luise Bur­chard, Ver­leih: left­vi­sion e.V., FSK: Ab 16, mit War­nung: »Bedro­hung«.
Link zum Strea­ming: https://www.antifa-film.de/stream
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PRÜF – Franchise gegen ›Extremismus‹

PRÜF – Franchise gegen ›Extremismus‹

Im ver­gan­ge­nen Herbst grün­dete der Come­dian Nico Sems­rott die PRÜF-Kampagne. Ihre For­de­rung: die Prü­fung aller rechts­extre­men Par­teien durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Auch in Ham­burg wird seit Novem­ber monat­lich für diese For­de­rung demons­triert. Inhalt­lich und orga­ni­sa­to­risch liegt aber eini­ges im Argen.

Die­ses Schild wäre bei PRÜF wohl uner­wünscht. Kund­ge­bung in Ber­lin, 12. Januar 2024. Foto: Leon­hard Lenz/Wikimedia Commons.

Auf Initia­tive des Come­di­ans Nico Sems­rott, von 2019 bis 2024 Euro­pa­par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ter der PARTEI, for­miert sich eine neue poli­ti­sche Bewe­gung in Deutsch­land. Sie nennt sich PRÜF (kurz für »Prü­fung ret­tet übri­gens Frei­heit«) und for­dert, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt alle vom Ver­fas­sungs­schutz als rechts­extre­mer Ver­dachts­fall oder als gesi­chert rechts­extrem beob­ach­te­ten Par­teien auf ihre Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit prü­fen solle. Mit den Mit­teln des Rechts­staats und im Ver­trauen dar­auf, »dass es eine sehr große Mehr­heit gibt gegen Rechts­extre­mis­mus in die­sem Land«, wie Sems­rott in einem Youtube-Video vom Okto­ber 2025 bekun­det, möchte die Kam­pa­gne die Demo­kra­tie ver­tei­di­gen, indem man prüft, durch was und wen sie ange­grif­fen wird.

PRÜF ver­folgt das Ziel, im Bun­des­rat eine Mehr­heit für ein Prüf­ver­fah­ren zusam­men­zu­be­kom­men. Darum fin­den nun an jedem zwei­ten Sams­tag eines Monats Demos in (poten­ti­ell allen) Lan­des­haupt­städ­ten statt – das nächste Mal somit am 14. März. Die Kam­pa­gne rekla­miert es als eige­nen Erfolg, dass schon in meh­re­ren Lan­des­par­la­men­ten ent­spre­chende Beschlüsse ver­ab­schie­det wur­den. Zuletzt stimmte die Ham­bur­gi­sche Bür­ger­schaft am 14. Januar einem von SPD und Grü­nen ein­ge­brach­ten Antrag zu, im Bun­des­rat ein abge­stuf­tes Prüf­ver­fah­ren für die AfD zu for­dern. Aktu­ell sind laut Zäh­lung der Kam­pa­gne nun 14 von 35 nöti­gen Stim­men im Bun­des­rat für das Anlie­gen gesi­chert. Das alles klingt zunächst über­zeu­gend. Doch das Bild trübt sich deut­lich, wenn man ein­mal genauer hinschaut.

Antifaschismus ohne Antifa?

Die For­de­rung nach einem Ver­bots­ver­fah­ren gegen die AfD wird seit Jah­ren erho­ben. Im Januar 2024 etwa ver­öf­fent­lichte die Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schis­tin­nen und Anti­fa­schis­ten (VVN-BdA) die For­de­rung nach einem Ver­bots­an­trag. Im Juni 2024 grün­dete ein brei­tes Bünd­nis – von attac über die VVN-BdA und die Omas gegen Rechts bis hin zum Bun­des­ar­beits­kreis kri­ti­scher Jura­grup­pen – die Kam­pa­gne »Men­schen­würde ver­tei­di­gen – AfD-Verbot jetzt!«. Nach­dem der Ver­fas­sungs­schutz im Mai letz­ten Jah­res öffent­lich die Ein­stu­fung des Bun­des­ver­bands der AfD als »gesi­chert rechts­extrem« ver­kün­dete, brachte das der Kam­pa­gne und ihrer For­de­rung nach einem Ver­bot der Par­tei wei­tere Reso­nanz. In Ham­burg schloss sich nun etwa auch die Zweite Bür­ger­meis­te­rin Katha­rina Fege­bank der For­de­rung an. Am 11. Mai 2025 orga­ni­sierte das Ham­bur­ger Bünd­nis gegen Rechts zusam­men mit ande­ren Grup­pen eine Demo für ein AfD-Verbot und im Juli grün­dete sich eine Ham­bur­ger Lokal­gruppe der Kam­pa­gne »AfD-Verbot jetzt!«.

Man sollte erwar­ten, dass eine bun­des­weite Kam­pa­gne wie PRÜF an diese bestehen­den Struk­tu­ren anknüpft. Doch das Gegen­teil ist der Fall. Zwar lädt die Kam­pa­gne offen zum »Mit­ma­chen« in ihren Lokal­grup­pen ein. Doch eine Ver­net­zung mit ande­ren zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akteu­ren in Ham­burg fand und fin­det nicht statt. Einer Per­son aus dem Umfeld der Ham­bur­ger PRÜF-Lokalgruppe zufolge gab es in einem Telegram-Gruppenchat einen Aus­tausch über die mög­li­che Teil­nahme von Anti­fa­grup­pen. Die Organisator:innen grif­fen die­sen Vor­schlag jedoch nie auf.

Die PRÜF-Auftaktdemo am 8. Novem­ber 2025 in Ham­burg. Foto: privat

Mitmachen als Simulation

Statt auf die lang­jäh­rige Erfah­rung und die poli­ti­sche Exper­tise anti­fa­schis­ti­scher Initia­ti­ven und Orga­ni­sa­tio­nen wie der VVN-BdA zu set­zen, will man Ein­zel­per­so­nen zur Betei­li­gung akti­vie­ren und so die poli­ti­sche ›Mitte‹ anspre­chen. Weg­wei­send für diese Aus­rich­tung war schon der Beginn der Kam­pa­gne.  Im Juni 2025 fand im Ham­bur­ger Cen­tral­ko­mi­tee die Show Sems­rott & Sems­rott statt, in der Nico Sems­rott die Idee regel­mä­ßi­ger Demos erst­mals thematisierte.

Am 12. Okto­ber 2025 gab es dann, erneut im Cen­tral­ko­mi­tee, einen Auf­tritt Sems­rotts mit dem Titel »Mal was ande­res«, den er selbst auf Insta­gram als eine »Mischung aus Comedy und, wenn ihr Bock habt, auch Frei­wil­li­gen­tref­fen« ankün­digte. Auf ein sati­ri­sches Büh­nen­pro­gramm zum AfD-Verbot folgte dort die Ver­kün­di­gung des Kam­pa­gnen­starts der PRÜF-Demos. Damit begann der Teil »Frei­wil­li­gen­tref­fen« des Events. Ein:e Besucher:in der Ver­an­stal­tung berich­tet gegen­über Untie­fen, dass Klein­grup­pen zu ver­schie­de­nen vor­ge­ge­be­nen The­men gebil­det wur­den, in etwa: ›Bünd­nis­ar­beit‹, ›krea­tive Ideen‹, ›Men­schen bewe­gen‹, ›Finan­zen‹, ›Social Media‹ und ›Grö­ßen­wahn‹.

Unter die­sen sechs Schlag­wor­ten soll­ten sich die je Inter­es­sier­ten zu Klein­grup­pen zusam­men­fin­den. Spä­ter ver­netz­ten sie sich über Tele­gram, wo sich die Unter­grup­pen­struk­tur wie­der­fand. Das ver­meint­li­che Par­ti­zi­pa­ti­ons­an­ge­bot ent­puppte sich aller­dings schnell als Schein, denn alle Unter­grup­pen waren einem »Kern­team« von Campaigner:innen unter­ge­ord­net. Wur­den inner­halb der Grup­pen eigene Vor­schläge ein­ge­bracht, wur­den diese oft bewusst aus­ge­bremst und dis­kre­di­tiert, sagt ein ehe­ma­li­ges Mit­glied einer sol­chen Unter­gruppe gegen­über Untie­fen. Inputs und Ideen habe man gerne abge­grif­fen, die Ent­schei­dun­gen habe aber allein das »Kern­team« gefällt. Zu die­ser Intrans­pa­renz passt es, dass eine Anfrage von Untie­fen an PRÜF Ham­burg unbe­ant­wor­tet blieb.

Der zen­tra­lis­ti­sche Franchise-Charakter der Kam­pa­gne redu­ziert die­je­ni­gen, die sich an der Orga­ni­sa­tion der Demos betei­li­gen wol­len, zu aus­füh­ren­den Multiplikator:innen. Das wird auch auf der Mitmach-Website deut­lich: Die Kam­pa­gne prä­sen­tiert Slo­gans und Mitsing-Lieder, bie­tet Sti­cker und »Teil­nah­me­stem­pel­kar­ten« an sowie wei­tere Vor­la­gen im Cor­po­rate Design. Für die Simu­la­tion von Betei­li­gung sorgt die »PRÜF-Community«. Auf die­ser Web­site kann man seine Ideen ein­brin­gen und muss dann dar­auf hof­fen, dass sie von den übri­gen Mit­glie­dern der Com­mu­nity »hoch­ge­vo­tet« wer­den. Am meis­ten Stim­men erhiel­ten zuletzt Vor­schläge wie der, zur Demo am 14. Februar eine Blume mit­zu­brin­gen oder sich Anste­cker und Schil­der in Herz­form zuzu­le­gen, »um zu zei­gen, dass wir die Demo­kra­tie lie­ben – pas­send zum Valentinstag«.

Was hin­ge­gen nicht so gern gese­hen wird, sind poli­ti­sche Ana­ly­sen und expli­zite Kri­tik an der AfD. Ein Musi­ker, der auf der Bühne einer der ver­gan­ge­nen PRÜF-Demos auf­trat und anonym blei­ben will, berich­tete von einer de-facto-Zensur: Er sei vor sei­nem Auf­tritt »gebrieft« wor­den. Dabei habe man ihm expli­zit vor­ge­ge­ben, er solle auf der Bühne die AfD nicht benen­nen. Man will bei PRÜF keine Kam­pa­gne gegen etwas sein, son­dern für etwas: für die Demo­kra­tie, für das Grund­ge­setz, für die Frei­heit und dafür, dass »die Ord­nung ein­ge­hal­ten« wird, wie es ein Mit­glied des Orga­ni­sa­ti­ons­teams in einem Arte-Beitrag sagt. »Ord­nung muss sein« lau­tet einer der Slo­gans der Demos, und es zeigt sich, dass er auch jene anspre­chen soll, die ihn nicht nur augen­zwin­kernd verstehen.

Immer lustig bleiben

Die­sem Wil­len zur Posi­ti­vi­tät ent­spricht auch die Form der Demons­tra­tio­nen. Sie zeich­net sich durch auf­ge­setzte come­dy­hafte Mas­sen­taug­lich­keit aus. Die Demo-Moderation wird oft­mals von Stand-Up-Künstler:innen wie Anna Bart­ling, Flo­ren­tine Osche und Ana Lucía über­nom­men. Die Sprech­chöre – über­wie­gend als von der Demo­mo­de­ra­tion initi­ier­tes Call and Response kon­zi­piert – vari­ie­ren das Prüf-Thema in allen mög­li­chen For­men; Neu­dich­tun­gen auf bekannte Melo­dien sol­len zum Mit­sin­gen und ‑klat­schen ani­mie­ren. Auf die Melo­die von »If you’re happy and you know it« etwa soll man sin­gen: »Wenn du die Prü­fung willst, dann klat­sche bitte jetzt. / Wenn du die Prü­fung willst, dann klat­sche bitte jetzt. / Alles streng nach Pro­to­koll! Ja, das fin­den wir ganz toll! / Wenn du die Prü­fung willst, dann klat­sche bitte jetzt.«

Nico Sems­rott auf der re:publica 2025. Foto: Kaethe17/Wikimedia Com­mons, CC BY-SA 4.0.

Im Gespräch mit der Ham­bur­ger Obdach­lo­sen­zei­tung Hinz & Kunzt begrün­dete Nico Sems­rott diese Stra­te­gie damit, dass »die demo­kra­ti­sche Mehr­heit seit zehn Jah­ren die glei­chen Werk­zeuge nutzt und damit nicht wei­ter­kommt«. Natür­lich spricht nichts dage­gen, neue Wege aus­zu­pro­bie­ren. Allzu oft fol­gen linke Demos ein­ge­fah­re­nen Mus­tern und zei­gen wenig Bereit­schaft, ritua­li­sierte Abläufe kri­tisch zu reflek­tie­ren. Das von Sems­rott aus­ge­ge­bene Ziel, »dass es Spaß macht, an den Demos teil­zu­neh­men«, offen­bart aller­dings eine frag­wür­dige Prio­ri­tä­ten­set­zung ange­sichts der dra­ma­ti­schen poli­ti­schen Lage.

Wenn Sems­rott gegen­über Hinz & Kunzt außer­dem behaup­tet, Faschis­mus setze auf Angst und werde »wir­kungs­los, wenn wir Spaß haben und lachen«, ist das eine ekla­tante Fehl­ana­lyse. Die Rechte setzt min­des­tens ebenso sehr auf ›Spaß‹ wie auf Angst, ob sie nun ras­sis­ti­sche ›Witze‹ erzählt wie der NRW-Fraktionschef der AfD, in sozia­len Medien iro­ni­sche Memes ver­brei­tet oder aber ›lus­tige‹ Lied­texte grölt wie auf der AfD-Wahlparty in Bran­den­burg 2024. Die FAZ hat letz­tes Jahr sogar nach­ge­zählt: »Im Bun­des­tag lacht keine Frak­tion so oft wie die AfD.« Man muss also gar nicht Klaus The­we­leits Stu­die Das Lachen der Täter ken­nen, um zu sehen: Faschis­mus und Lachen gehö­ren zusammen.

Erfolg, wirklich?

An der Auftakt-PRÜF-Demo am 8. Novem­ber 2025 in Ham­burg nah­men rund 5.000 Men­schen teil. Die mediale Reso­nanz war groß – und ist es auch noch vier Monate spä­ter. Doch die Anzahl der Demo­teil­neh­men­den hat sich nicht signi­fi­kant erhöht und sta­gniert laut Poli­zei­an­ga­ben um die 5.000-Marke herum. Das würde Sems­rott aller­dings sicher nicht als Argu­ment gel­ten las­sen. Gegen­über Hinz & Kunzt sagte er über PRÜF: »Eigent­lich ist es Copy-Paste von erfolg­rei­chen Kam­pa­gnen der letz­ten Jahre: Die Bau­ern­de­mos lie­fen auch über Wie­der­ho­lung und an vie­len Orten, ›Fri­days for Future‹ genauso. Das waren erst mal sehr lang sehr wenig Leute und dann ist es groß gewor­den.« Er hätte auch noch PEGIDA erwäh­nen kön­nen, die ab 2014 von Dres­den aus­ge­hende völkisch-rassistische Mobi­li­sie­rung. Dann hätte er aber auch reflek­tie­ren müs­sen, dass PEGIDA und die Bau­ern­pro­teste mit ihren rech­ten For­de­run­gen wirk­sam waren, wäh­rend ‚Fri­days for Future‘ zwar zunächst Erfolge erzielte, inzwi­schen aber poli­tisch über­wie­gend geschei­tert ist.

Ist aber nicht der Beschluss der Ham­bur­gi­schen Bür­ger­schaft ein Erfolg der Kam­pa­gne? Die Schluss­fol­ge­rung der Organisator:innen jeden­falls lau­tet: »PRÜF wirkt«. Doch unab­hän­gig davon, wie groß der Bei­trag der PRÜF-Demos auf den Bür­ger­schafts­be­schluss war, sollte man sich die Frage stel­len, was genau er in der Rea­li­tät bedeu­tet. Der beschlos­sene Antrag ersucht den Senat, sich für eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe ein­zu­set­zen, die mit­hilfe von Unter­la­gen des Ver­fas­sungs­schut­zes prü­fen soll, ob ein Ver­bot der AfD aus­sichts­reich ist. Falls diese Prü­fung ergebe, »dass das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen [für ein Par­tei­ver­bots­ver­fah­ren] trag­fä­hig begrün­det wer­den kann«, solle der Senat sich auch auf Bun­des­ebene für ein Ver­bot einsetzen.

Alles auf Null: Das Kölner Urteil

Aber selbst dafür sind die Bedin­gun­gen inzwi­schen nicht mehr gege­ben. Der Antrag von SPD und Grü­nen war daran geknüpft, dass »das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln den Eil­an­trag der AfD ablehnt und die Ein­stu­fung der AfD als gesi­chert rechts­extrem ohne wei­tere Still­hal­te­zu­sage für ein zweit­in­stanz­li­ches Ver­fah­ren bestä­tigt«. Nun ist aber genau das nicht gesche­hen, dem Eil­an­trag der AfD wurde statt­ge­ge­ben. Der Bür­ger­schafts­be­schluss ist damit hin­fäl­lig. Ein Antrag der Links­frak­tion, der sich an der Bre­mer Bun­des­rats­in­itia­tive ori­en­tiert und den Beschluss nicht vom Köl­ner Urteil abhän­gig gemacht hätte, wurde am 14. Januar mit den Stim­men aller ande­ren Frak­tio­nen abgelehnt.

Was die PRÜF-Kampagne stolz als Erfolg ver­bucht, ist also die Prü­fung der Prü­fung – und selbst die ist durch das Köl­ner Urteil nun noch wei­ter in die Zukunft gerückt. Die Vor­schal­tung eines wei­te­ren Prü­fungs­schritts vor der Prü­fung durch das Ver­fas­sungs­ge­richt kos­tet uns aller­dings nicht nur Zeit, son­dern ver­schwen­det auch zusätz­li­che Res­sour­cen. Denn diese Prü­fung wurde und wird auf unter­schied­li­chen Ebe­nen schon längst durch­ge­führt: zivil­ge­sell­schaft­lich etwa 2023 vom Deut­schen Insti­tut für Men­schen­rechte, vom Zen­trum für poli­ti­sche Schön­heit und von der Gesell­schaft für Frei­heits­rechte; poli­tisch etwa im Rah­men von­Ein­zel­fall­prü­fun­gen und natür­lich in Form des 1.100-seitigen Gut­ach­tens des Ver­fas­sungs­schut­zes. Es bedarf, nach sorg­fäl­ti­ger Prü­fung des Autors, kei­ner wei­te­ren Arbeits­gruppe die­ser Art.

Das Bundesverfassungsgericht prüft

Zieht man die Par­al­lele zu den zwei NPD-Verbotsverfahren (2001–2003 und 2013–2017), fällt auf, dass im öffent­li­chen Dis­kurs damals wesent­lich deut­li­cher von einem geplan­ten Ver­bot gespro­chen wurde. Die Gründe für das Schei­tern der Ver­bots­an­träge lagen im ers­ten Ver­fah­ren ins­be­son­dere bei den vom Ver­fas­sungs­schutz ein­ge­setz­ten V‑Personen. Im zwei­ten Ver­fah­ren stellte das Ver­fas­sungs­ge­richt die Ver­fas­sungs­feind­lich­keit der NPD 2017 zwar fest, lehnte den Ver­bots­an­trag aber trotz­dem ab, weil es »an kon­kre­ten Anhalts­punk­ten von Gewicht« fehle, die es mög­lich erschei­nen lie­ßen, dass die Par­tei ihre Ziele auch erreiche.

Die Indi­zi­en­lage war im Ver­gleich zu heute ähn­lich. Der Grund für das Schei­tern des NPD-Verbots hin­ge­gen fällt bei der AfD ein­deu­tig weg: Die drän­gende Gefahr einer Macht­über­nahme der AfD ist real. Dafür, dass sie ihre ver­fas­sungs­feind­li­chen Ziele errei­chen könnte, gibt es aus­rei­chend »kon­krete Anhalts­punkte«. Das Framing der PRÜF-Kampagne, also die For­de­rung nach einer Prü­fung der Vor­aus­set­zun­gen für ein AfD-Verbot, lenkt somit vom eigent­li­chen Ziel ab und ist irre­füh­rend. Denn auch die For­de­rung nach einem AfD-Verbot beinhal­tet ja not­wen­di­ger­weise eine sol­che Prü­fung durch das Ver­fas­sungs­ge­richt. Daher bedeu­tet die For­de­rung nach einer Prü­fung eine Abschwä­chung der bereits seit Jah­ren von Antifaschist:innen erho­be­nen Ver­bots­for­de­rung. Der erhoffte stra­te­gi­sche Nut­zen solch einer Abschwä­chung, eine gewisse Mas­sen­taug­lich­keit und eine Erwei­te­rung des poli­ti­schen Spek­trums der Unterstützer:innen ins kon­ser­va­tive Lager hin­ein, macht ihre Nach­teile und Gefah­ren bei Wei­tem nicht wett.

Ungeprüfte Hufeisentheorie

Das wohl weit­rei­chendste stra­te­gi­sche Zuge­ständ­nis an die ›Mehr­heits­fä­hig­keit‹ der PRÜF-Demos ist aller­dings der Extre­mis­mus­be­griff, der ihnen unre­flek­tiert zugrunde liegt. Denn ohne den Begriff des (Rechts-)Extremismus kommt eine Kam­pa­gne, deren ein­zige For­de­rung sich allein auf die Ein­ord­nung des Ver­fas­sungs­schut­zes beruft, natür­lich nicht aus. Im PRÜF-FAQ lau­tet daher auch eine Frage: »Warum nicht auch links­extreme Par­teien prü­fen lassen?«

Statt den Extre­mis­mus­be­griff, auf den sich diese Frage beruft, prin­zi­pi­ell zurück­zu­wei­sen, wird die eigene Ant­wort for­mal begrün­det – iro­ni­scher­weise mit exakt dem Argu­ment, das vom Ver­fas­sungs­ge­richt 2017 auf die NPD ange­wen­det wurde: »Aktu­ell gibt es in Deutsch­land nur vier offen links­extre­mis­ti­sche Par­teien, die aber alle­samt bedeu­tungs­los sind, da sie bei Wah­len und im öffent­li­chen Dis­kurs keine Rolle spie­len. Zur­zeit sehen wir in ihnen kein Gefah­ren­po­ten­zial für unsere frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung und damit aktu­ell auch kei­nen Anlass, eine Über­prü­fung zu for­dern.« Das heißt: PRÜF wen­det sich nicht gegen Ver­bote lin­ker Par­teien und Orga­ni­sa­tio­nen, son­dern sieht aktu­ell bloß andere Prioritäten.

Von die­ser Größe ist PRÜF weit ent­fernt: Demons­tra­tion »Ham­burg steht auf«, 19.1.2024. Foto: Gerd-HH/Wikimedia Commons

Man möchte den PRÜF-Verantwortlichen und allen Teil­neh­men­den ein ande­res FAQ emp­feh­len, näm­lich das FAQ des Forums kri­ti­sche poli­ti­sche Bil­dung zum Thema Extre­mis­mus. Die zen­trale Gefahr des Extre­mis­mus­be­griffs und damit auch der PRÜF-Kampagne wird darin prä­zise beschrie­ben: »Behaup­tet wird, ›extre­mis­ti­sche‹ Hal­tun­gen seien ›ver­fas­sungs­feind­lich‹ und daher gegen die Demo­kra­tie oder wahl­weise gegen den Staat gerich­tet. Damit wer­den auch die Unter­schiede zwi­schen Staat, Demo­kra­tie und Gesell­schaft ver­wischt, die ja nicht ein und das­selbe sind.«

Genau diese Ineinsset­zung von Demo­kra­tie, Staat und ›unse­rer freiheitlich-demokratischen Grund­ord­nung‹ betreibt aller­dings die PRÜF-Kampagne, und das mit Sys­tem. Denn um die eigene Behaup­tung einer »gro­ßen Mehr­heit gegen Rechts­extre­mis­mus« zu glau­ben, muss diese Mehr­heit dis­kur­siv her­ge­stellt wer­den: als ›breite Mitte‹ gegen die ›extre­men Rän­der‹. Der gras­sie­rende ›Extre­mis­mus der Mitte‹ gerät so gar nicht in den Blick.

Prüft euch doch selbst

Und so muss man aus anti­fa­schis­ti­scher Per­spek­tive ein ernüch­tern­des Fazit zie­hen. Das Ref­raming der AfD-Verbotsdebatte durch die PRÜF-Kampagne ist ange­sichts der Dring­lich­keit der poli­ti­schen Situa­tion eine kon­tra­pro­duk­tive Ver­zö­ge­rung. Die hier­ar­chi­sche Demo-Organisation und der Aus­schluss poli­ti­scher Bünd­nisse ver­un­mög­li­chen, dass die Demos mehr wer­den als eine Zustim­mung zu ihrer eng gefass­ten For­de­rung. Und der unreflektiert-affirmative Bezug auf das Extre­mis­mus­kon­zept ist gefähr­lich für anti­fa­schis­ti­sches Enga­ge­ment und ver­schließt die Augen vor dem Pro­zess der Faschi­sie­rung, der kein Rand‑, son­dern ein Mehr­heits­phä­no­men ist.

Sti­cker an einem unge­prüf­ten Bau­ge­rüst am Schul­ter­blatt. Foto: privat.

Dabei wäre es gerade ange­sichts die­ser Faschi­sie­rung not­wen­dig, neue Bünd­nisse für eine anti­fa­schis­ti­sche Pra­xis zu schlie­ßen – eine Pra­xis, zu deren Zie­len auch die Zer­schla­gung der AfD gehö­ren sollte. Eine regel­mä­ßige Demons­tra­tion könnte an sich ein geeig­ne­ter Ort dafür sein, sich über unter­schied­li­che Milieus hin­weg ken­nen­zu­ler­nen und sich auch über eine begrenzte Kam­pa­gne hin­aus lang­fris­tig anti­fa­schis­tisch zu orga­ni­sie­ren. Doch die PRÜF-Demos lösen die­ses Poten­tial für die Ent­wick­lung neuer Bünd­nisse nicht ein. Antifaschist:innen jeden­falls kön­nen sich am 14. März und an allen fol­gen­den zwei­ten Sams­ta­gen im Monat eine andere Beschäf­ti­gung suchen.

Nico Paus­tian, März 2026

Der Autor ist Teil der Redak­tion Untie­fen und geht nicht auf Demos, um mit humo­ris­ti­schem Anstrich gegen die gesell­schaft­li­che Ver­schie­bung nach Rechts zu demonstrieren.

Diskriminierung im progressiven Gewand – Wie der AStA der Uni Hamburg die BDS-Bewegung fördert

Diskriminierung im progressiven Gewand – Wie der AStA der Uni Hamburg die BDS-Bewegung fördert

An der Uni Ham­burg for­miert sich eine BDS-Kampagne. Der AStA unter­stützt sie und trägt damit zu einer israel- und juden­feind­li­chen Atmo­sphäre auf dem Cam­pus bei. Wir haben genauer hin­ge­se­hen und nachgefragt.

Der »WiWi-Bunker« auf dem Cam­pus der Uni HH. Unten rechts die AStA-Räumlichkeiten. Foto: Pauli-Pirat, CC BY-SA 4.0

»Boy­cott, Dive­st­ment, Sanc­tions an der Uni Ham­burg« – unter die­sem Titel wurde am 24. Juli die­ses Jah­res per Flyer zu einer Ver­an­stal­tung in das Info­café des All­ge­mei­nen Stu­die­ren­den­aus­schuss (kurz AStA) auf dem Cam­pus ein­ge­la­den. Nor­ma­ler­weise kön­nen Stu­die­rende hier vor­bei­kom­men, um sich bei Pro­ble­men im Stu­di­en­all­tag unab­hän­gig bera­ten zu las­sen. Der AStA sieht sich, wie es auf der Web­site heißt, »ganz den stu­den­ti­schen Inter­es­sen ver­pflich­tet«. Das scheint jedoch frag­lich, denn die BDS-Kampagne, die im AStA offen unter­stützt wird, zielt auf einen aka­de­mi­schen Boy­kott israe­li­scher Uni­ver­si­tä­ten ab und trifft auch all jene, die tat­säch­lich oder ver­meint­lich mit israe­li­schen Insti­tu­tio­nen zusam­men­ar­bei­ten oder mit Israel asso­zi­iert wer­den. Abseits der Kri­tik an der Bewe­gung ins­ge­samt, die den ein­zi­gen jüdi­schen Staat dele­gi­ti­mie­ren und letzt­lich zer­stö­ren will, wirft das die Frage auf: Fühlt sich der AStA auch jüdi­schen Student:innen verpflichtet?

Die Räum­lich­kei­ten für die BDS-Veranstaltung im Juli wur­den aus­ge­rech­net durch das »Refe­rat für Anti­dis­kri­mi­nie­rung« zur Ver­fü­gung gestellt. Das geht aus einer jüngst ver­öf­fent­lich­ten klei­nen Anfrage des RCDS an den AStA her­vor. Das Refe­rat – eine Unter­glie­de­rung des AStA – stellt sich auf sei­ner Web­site als »unab­hän­gige Anlauf­stelle« dar, bei der sich Stu­die­rende »im Falle von Dis­kri­mi­nie­rung im Hoch­schul­kon­text« mel­den kön­nen.
Gegen Dis­kri­mi­nie­rung, aber für einen Boy­kott israe­li­scher Hoch­schu­len? Für die an der BDS Kam­pa­gne an der Uni­ver­si­tät Ham­burg betei­lig­ten Grup­pen ist das kein Wider­spruch. Die maß­geb­li­chen Grup­pen (»Stu­dents for Pal­es­tine Ham­burg« und »Kom­mu­nis­ti­scher Stu­die­ren­den­bund«, der Stu­die­ren­den­ver­band der trotz­kis­ti­schen Gruppe »Arbei­ter­in­nen­macht«) bestrei­ten, dass ihre Kam­pa­gne anti­se­mi­tisch sei. Im Gegen­teil, sie soll ein Kampf für Men­schen­rechte sein, in einem Land, das – so Stu­dents for Pal­es­tine auf Insta­gram – »aktiv einen Völ­ker­mord unter­stützt«. Kern der Argu­men­ta­tion ist stets, dass sich ihr Boy­kott aus­schließ­lich gegen israe­li­sche Insti­tu­tio­nen richte. Was könnte daran anti­se­mi­tisch sein?

BDS in studentischen Räumen

Diese Frage ist auf dem Cam­pus schon längst keine theo­re­ti­sche mehr. Das »BDS-Komitee« der Uni Ham­burg grün­dete sich im Mai 2025. Doch schon zuvor gab es ein­schlä­gige Aktio­nen aus den es tra­gen­den Grup­pen.
Stu­dents for Pal­es­tine hatte allein im Jahr 2024 etli­che Male online gegen Dozie­rende einer Ring­vor­le­sung mit dem Titel »Juden­feind­lich­keit, Anti­se­mi­tis­mus, Anti­zio­nis­mus – aktua­li­sierte For­men anti­jü­di­scher Gewalt« gehetzt, sich an einer Kund­ge­bung gegen diese Ver­an­stal­tung betei­ligt und an meh­re­ren Stör­ak­tio­nen gegen die Ring­vor­le­sung teil­ge­nom­men. In einer der Sit­zun­gen unter­bra­chen aggres­sive Audio­clips aus unter Stüh­len ver­steck­ten Boxen wie­der­holt den Vor­trag. Eine Gruppe jüdi­scher Schü­le­rin­nen konnte das nicht ertra­gen und ver­ließ wei­nend den Raum. Die Eska­la­tion im Rah­men der Ring­vor­le­sun­gen erreichte ihren Höhe­punkt, als die Frau eines Mit­or­ga­ni­sa­tors im Foyer des Haupt­ge­bäu­des nie­der­ge­schla­gen wurde.

Aktivist:innen isra­el­feind­li­cher Grup­pen haben im ver­gan­ge­nen Jahr mehr­fach Räum­lich­kei­ten an der Uni Ham­burg genutzt, meist stu­den­tisch ver­wal­tete Frei­räume wie das Café Hüb­ris oder das Café Knall­hart. Neben den oben genann­ten Grup­pen sind noch wei­tere »mis­sio­nie­rende« Polit­grup­pen aktiv, gegen die es kaum Wider­stand gibt. Das beschreibt Simon, ein jüdi­scher Stu­dent der Uni Ham­burg, der eigent­lich anders heißt, sich aber nur anonym äußern möchte, gegen­über Untie­fen.

Judenfeindliches Klima auf dem Campus

Simon hat laut eige­ner Aus­sage im Novem­ber 2025 einem »Offe­nen BDS-Treffen« im Café Knall­hart, einem wei­te­ren stu­den­tisch ver­wal­te­ten Frei­raum, bei­gewohnt. Gelei­tet wor­den sei die Ver­an­stal­tung von einem Akti­vis­ten des Kom­mu­nis­ti­schen Stu­die­ren­den­bun­des. Dane­ben habe auch ein Mit­glied von Stu­dents for Pal­es­tine gespro­chen sowie eine Per­son, die sich selbst als Mit­glied des AStA vor­ge­stellt und Unter­stüt­zung ange­bo­ten habe, etwa einen Tisch für einen Info­stand des BDS-Komitees bereitzustellen.

Der Kom­mu­nis­ti­sche Stu­die­ren­den­bund soll den Boy­kott israe­li­scher Gastdozent:innen an der Uni vor­ge­schla­gen haben

Dabei soll auch bespro­chen wor­den sein, wie der Boy­kott kon­kret aus­zu­se­hen habe. So soll der Kom­mu­nis­ti­sche Stu­die­ren­den­bund den Boy­kott israe­li­scher Gastdozent:innen an der Uni vor­ge­schla­gen haben. Auf die Nach­frage, ob dies für alle israe­li­sche Dozent:innen gel­ten solle, wurde eine Aus­nahme höchs­tens für Israe­lis ein­ge­räumt, die sich aktiv gegen den israe­li­schen Staat und für Paläs­tina ein­set­zen wür­den. Für Simon ist das eine Gesin­nungs­prü­fung. Und nicht nur das: Simon sagt über das Klima auf dem Uni-Gelände: »Ich fühle mich eigent­lich von jeder Insti­tu­tion auf dem Cam­pus im Stich gelas­sen. Ich weiß als jüdi­sche Per­son nicht, an wen ich mich im Falle einer Dis­kri­mi­nie­rung wen­den soll.«

Es gibt zwar ein offi­zi­el­les »Zen­trum für Anti­dis­kri­mi­nie­rung« des Uni­prä­si­di­ums. Auf Nach­frage ver­si­cherte der Pres­se­spre­cher der Uni­ver­si­tät, Alex­an­der Lemona­kis, gegen­über Untie­fen, dort würde auch israel­be­zo­ge­ner Anti­se­mi­tis­mus ernst genom­men. Zugleich ver­weist er aber in einer schrift­li­chen Stel­lung­nahme auf unsere Fra­gen dar­auf, dass stu­den­ti­sche Frei­räume auf dem Cam­pus »eigen­ver­ant­wort­lich von der Stu­die­ren­den­schaft ver­wal­tet und stu­den­ti­schen Grup­pen sowie Initia­ti­ven zur Nut­zung über­las­sen [wer­den]. Die Ver­ant­wor­tung liegt daher aus­schließ­lich beim AStA.«

Ich fühle mich als Jude abso­lut aus­ge­lie­fert am Cam­pus der UHH.

Das bestä­tigt Simon: »Die offi­zi­elle Stelle gegen Dis­kri­mi­nie­rung hat keine Hand­lungs­macht gegen Anti­se­mi­tis­mus.« Und das Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­re­fe­rat des AStA? »Dort­hin zu gehen, ist für mich sogar gefähr­lich, weil die Gefahr besteht, dass meine Daten und Aus­sa­gen an anti­se­mi­ti­sche und extre­mis­ti­sche Grup­pen wei­ter­ge­ge­ben wer­den.« Simon berich­tet wei­ter, dass er erst kürz­lich auf dem AStA-Weihnachtsmarkt von einer Stand­be­trei­be­rin der Gruppe Stu­dents for Pal­es­tine rassistisch-antisemitisch belei­digt wor­den sei, ohne dass jemand ein­ge­schrit­ten sei. Er resü­miert bit­ter: »Ich fühle mich als Jude abso­lut aus­ge­lie­fert am Cam­pus der UHH.«

Der Anti­se­mi­tis­mus im Anti­zio­nis­mus: Unter dem Hin­weis­schild zu den Ange­bo­ten des AStA auf dem Cam­pus sind Pla­kate in Soli­da­ri­tät mit Gei­seln der Hamas durch isla­mis­ti­sche Sti­cker über­klebt. Foto: privat.

Die Rolle der Hochschulleitung

Dass die offene Dis­kri­mi­nie­rung israe­li­scher Dozent:innen nicht vom Anti­se­mi­tis­mus zu tren­nen ist, mahnte auch der schei­dende Antisemitismus-Beauftragte der Stadt Ham­burg, Ste­fan Hen­sel, Anfang Dezem­ber an. In einem Instagram-Post ver­ur­teilte er die BDS-Aktivitäten an der Uni Ham­burg scharf, da der Auf­ruf zum aka­de­mi­schen Boy­kott »die Gren­zen der legi­ti­men Debat­ten­kul­tur« über­schrit­ten habe und das »Sicherheits- und Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl jüdi­scher und israe­li­scher Stu­die­ren­der, Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler sowie Beschäf­tig­ter« beeinträchtige.

Gegen­über Untie­fen erläu­terte Ste­fan Hen­sel, wie diese Beein­träch­ti­gung funk­tio­niert: »Ein aka­de­mi­scher Boy­kott rich­tet sich zwar for­mal gegen Insti­tu­tio­nen, wirkt jedoch fak­tisch auf Men­schen, da Hoch­schu­len soziale Räume sind. Bei­spiels­weise durch been­dete Koope­ra­tio­nen, zurück­ge­zo­gene Kon­fe­renz­ein­la­dun­gen oder ver­wei­gerte For­schungs­pro­jekte wird die aka­de­mi­sche Zuge­hö­rig­keit israe­li­scher und jüdi­scher Stu­die­ren­der und For­schen­der nicht nach indi­vi­du­el­ler Hal­tung, son­dern nach natio­na­ler oder eth­ni­scher Her­kunft bewer­tet.« Mehr noch, so Hen­sel, beruh­ten aka­de­mi­sche Boy­kotte »auf dem Prin­zip der Kol­lek­tiv­haf­tung, indem alle israe­li­schen Insti­tu­tio­nen pau­schal für staat­li­ches Han­deln ver­ant­wort­lich gemacht wer­den. Stu­die­rende müs­sen sich dadurch recht­fer­ti­gen, obwohl sie ja gar keine poli­ti­schen Akteure sind – ihre bloße Anwe­sen­heit wird poli­ti­siert. Dies führt häu­fig zu Rück­zug, etwa durch das Mei­den uni­ver­si­tä­rer Ver­an­stal­tun­gen, das Ver­ber­gen der eige­nen Her­kunft oder den Aus­tritt aus stu­den­ti­schen Gremien.«

In Reak­tion auf Hen­sels Kri­tik beteu­erte das Prä­si­dium der Uni­ver­si­tät Ham­burg, man habe kon­krete Schutz­maß­nah­men für jüdi­sche Stu­die­rende und Beschäf­tigte ergrif­fen. Gegen­über Untie­fen erläu­tert der Pres­se­spre­cher, neben dem genann­ten Zen­trum für Anti­dis­kri­mi­nie­rung gebe es Ver­trau­ens­per­so­nen für jüdi­sche Hoch­schul­an­ge­hö­rige, Fort­bil­dungs­an­ge­bote und einen inten­si­ven Aus­tausch mit jüdi­schen Insti­tu­tio­nen in Ham­burg. Jedoch enden all diese Bemü­hun­gen an der stu­den­ti­schen Selbst­ver­wal­tung, auf die das Prä­si­dium kei­nen Ein­fluss hat.

Das Verhältnis des AStA zur BDS Bewegung an der Uni Hamburg

Ein­fluss auf den AStA hat jedoch das Stu­die­ren­den­par­la­ment. Jeden Som­mer wird ein neues Stu­die­ren­den­par­la­ment gewählt, wel­ches die Inter­es­sen der Stu­die­ren­den­schafft ver­tre­ten soll und als aus­füh­ren­des Organ den AStA mit sei­nen Refe­ra­ten ein­setzt. Damit ist der AStA an die Wei­sun­gen des Stu­die­ren­den­par­la­men­tes gebun­den, auch bezüg­lich eines bereits bestehen­den Unver­ein­bar­keits­be­schlus­ses mit BDS von 2017.

Ange­sichts der ver­schie­de­nen Ver­an­stal­tun­gen in den Räum­lich­kei­ten des AStA drängt sich jedoch der gegen­tei­lige Ein­druck auf, dass sich näm­lich der All­ge­meine Stu­die­ren­den­aus­schuss offi­zi­ell den Zie­len der BDS-Bewegung ver­schrie­ben hat. Auf eine dies­be­züg­li­che Anfrage des RCDS ließ der AStA ledig­lich ver­lau­ten, dass er weder Kennt­nis vom Anti-BDS-Beschluss des StuPa, noch eine eigene Posi­tion zur BDS Bewe­gung habe.

Wir haben den AStA dar­auf­hin am 15. Dezem­ber gebe­ten, dazu Stel­lung zu neh­men. Warum unter­stützt der AStA die BDS-Bewegung trotz anders­lau­ten­dem Beschluss des StuPa? Und: Wie ver­ein­bart das »Refe­rat für Anti­dis­kri­mi­nie­rung« sei­nen Auf­trag damit, zugleich eine Kam­pa­gne zu unter­stüt­zen, die offen für die Dis­kri­mi­nie­rung von Israe­lis wirbt?
Auf unsere Anfrage konnte der AStA bis zur Ver­öf­fent­li­chung die­ses Bei­trags am 22.12. nur ver­mel­den, dass der zustän­dige Vor­stand lei­der schon im Weih­nachts­ur­laub sei und man daher vor Mitte Januar nicht Stel­lung nehme könne.

Vorbild BDS-Komitee an der FU Berlin

Ganz über­ra­schend dürf­ten die Ant­wor­ten aber ohne­hin nicht aus­fal­len, denn es gibt Vor­bil­der für die Ham­bur­ger Kam­pa­gne. Die Aktivist:innen han­deln offen­bar nach einem Schema, das bereits an der Freien Uni­ver­si­tät in Ber­lin erprobt wurde. Zunächst wer­den allen Ver­bin­dun­gen der Uni mit israe­li­schen Insti­tu­tio­nen erfasst. Info­ti­sche und Pro­pa­gan­da­ma­te­rial ver­fol­gen gleich­zei­tig das Ziel, Sym­pa­thie für das Thema zu erzeu­gen. Zudem wird ins­be­son­dere ver­sucht, Ein­fluss auf die stu­den­ti­sche Selbst­ver­wal­tung zu neh­men. Wie auch in Ham­burg tun sich in der Ber­li­ner BDS-Kampagne Akti­vis­ten der Gruppe Arbei­ter­in­nen­macht her­vor, allen voran der noto­ri­sche Isra­el­feind Georg Ismael, der zum Bei­spiel den im letz­ten Jahr durch die Poli­zei auf­ge­lös­ten Paläs­ti­na­kon­gress orga­ni­sierte.

Diese Par­al­le­len machen deut­lich, dass jüdi­sche Stu­die­rende der Uni Ham­burg nicht nur nicht durch die stu­den­ti­sche Inter­es­sen­ver­tre­tung reprä­sen­tiert sind, son­dern diese Ver­tre­tung aktiv an der Dis­kri­mi­nie­rung jüdi­scher und israe­li­scher Hoch­schul­an­ge­hö­ri­ger betei­ligt ist.

Dabei ist es kein Trost, dass es offen­bar die immer glei­chen isra­el­feind­li­chen und zum Teil anti­se­mi­ti­schen Aktivist:innen und Klein­grup­pen sind, die mit ihren Akti­vi­tä­ten an den Uni­ver­si­tä­ten ein israel- und juden­feind­li­ches Klima erzeu­gen und in eini­gen Fäl­len Juden:Jüdinnen direkt angrei­fen. Denn das ist nur mög­lich, weil ihre anti­zio­nis­ti­sche Stim­mungs­ma­che auf eine (Hochschul-)Gesellschaft trifft, die von Unsi­cher­hei­ten und einem Wunsch nach ein­fa­chen, ver­meint­lich radi­ka­len Erklä­run­gen gelei­tet ist. Und, weil kaum jemand die­sen Klein­grup­pen und Ein­zel­per­so­nen offen­siv entgegentritt.

Anna Meyer und Felix Jacob, Dezem­ber 2025

Veranstaltung 15.01.2026: Vom Mord an Neşet Danış bis heute. Deutsch-türkische extreme Rechte in Hamburg

Veranstaltung 15.01.2026: Vom Mord an Neşet Danış bis heute. Deutsch-türkische extreme Rechte in Hamburg

Am 15.01.2026 spre­chen wir mit Fatma Keser und Kim David Amon über Rechts­extre­mis­mus mit Türkei-Bezug in Ham­burg. 18.30 Uhr in der Locke.

Die Exis­tenz einer deutsch-türkischen extre­men Rech­ten wird in der deut­schen Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft in den letz­ten Jah­ren zuneh­mend deut­li­cher wahr­ge­nom­men. Doch obwohl »Graue Wölfe« in Ham­burg keine neue Erschei­nung sind, sind ihre Ideo­lo­gie, ihre Gewalt und ihre Opfer noch immer viel zu wenig bekannt. Als ers­tes Todes­op­fer die­ser Aus­prä­gung extrem rech­ter, islamistisch-nationalistischer Gewalt in der BRD gilt der tür­ki­sche Arbei­ter Neşet Danış, der Anfang Mai 1974 in Nor­der­stedt von tür­ki­schen Faschis­ten erschla­gen wurde.
Aus­ge­hend von Neşet Danış’ Geschichte wol­len wir dis­ku­tie­ren: Wer wird heute in Ham­burg von der deutsch-türkischen extre­men Rech­ten bedroht? Wie weh­ren sich die Betrof­fe­nen? Und wie kön­nen enga­gierte Zivil­ge­sell­schaft und anti­fa­schis­ti­sche Linke ihnen soli­da­risch bei­ste­hen?
Wir spre­chen mit Fatma Keser (Mit­grün­de­rin der Initia­tive Migran­tin­nen für Säku­la­ri­tät und Selbst­be­stim­mung und Vor­stands­mit­glied von Pek Koach – Jewish-Kurdish Women’s Alli­ance e.V.) und Kim David Amon (Refe­rent der Fach­stelle Tür­ki­scher Rechts­extre­mis­mus).
Orga­ni­siert von Bag­rut e.V. und Untie­fen – Stadt­ma­ga­zin gegen Ham­burg. Freund­lich geför­dert durch die Monom-Stiftung – Stif­tung für Ver­än­de­rung.

Wo? Locke (St. Pauli Fisch­markt 27, über Gol­den Pudel Club)
Wann? 15.01.2026, Ein­lass 18 Uhr, Beginn 18.30 Uhr.

Ein­tritt gegen Spende.

Im Anschluss Bar und Musik.

Als Ver­an­stal­tende behal­ten wir uns vor, von unse­rem Haus­recht Gebrauch zu machen und Per­so­nen, die extrem rech­ten Par­teien oder Orga­ni­sa­tio­nen ange­hö­ren, der extrem rech­ten Szene zuzu­ord­nen sind oder bereits in der Ver­gan­gen­heit durch anti­se­mi­ti­sche, ras­sis­ti­sche, völ­ki­sche, natio­na­lis­ti­sche, isla­mis­ti­sche oder sons­tige men­schen­ver­ach­tende Äuße­run­gen in Erschei­nung getre­ten sind, den Zutritt zur Ver­an­stal­tung zu ver­weh­ren oder von die­ser auszuschließen.

Gedenken an Ramazan Avcı

Gedenken an Ramazan Avcı

40 Jahre nach dem Mord an Rama­zan Avcı wird sei­ner in Ham­burg auf viel­fäl­tige Weise gedacht. Das beweist, dass sich erin­ne­rungs­po­li­tisch seit­her eini­ges getan hat – ins­be­son­dere dank migran­ti­scher Selbst­or­ga­ni­sie­rung und poli­ti­scher Initia­ti­ven. Ein Gast­bei­trag von Gas­ton Kirsche. 

Klare Ansage: So in etwa sol­len die Ban­ner auf dem neu gestal­te­ten Ramazan-Avcı-Platz aus­se­hen. Foto: © Antje Sauer. 

Vor 40 Jah­ren, am 21. Dezem­ber 1985, wurde Rama­zan Avcı an der S‑Bahnstation Land­wehr von meh­re­ren Nazi-Skinheads gejagt und fast tot­ge­schla­gen – mit­ten am Tag und auf offe­ner Straße. Drei Tage spä­ter erlag er sei­nen Ver­let­zun­gen. Die Unruhe und der Pro­test unter den Göç­men, den Ein­ge­wan­der­ten und – nach dem Mili­tär­putsch 1980 – aus der Tür­kei Geflüch­te­ten, war danach so groß, dass auch der Ham­bur­ger Senat den Mord nicht mehr als »Ein­zel­fall« klein­re­den konnte (mehr dazu in unse­rem Arti­kel »Ham­burgs Base­ball­schlä­ger­jahre«).

Proteste als Zäsur

Die auf Avcıs Tod fol­gen­den Pro­teste mach­ten ihn zu einer Zäsur: »Der Mord an Rama­zan mar­kiert in der Geschichte der Migra­tion einen Wen­de­punkt, jeden­falls für tür­kei­stäm­mige Men­schen«, so Gür­sel Yıl­dırım von der 2010 gegrün­de­ten Initia­tive zum Geden­ken an Rama­zan Avcı gegen­über dem Autor: »Am 11. Januar 1986 reagier­ten 15.000 Men­schen mit einer Groß­de­mons­tra­tion gegen soge­nannte Aus­län­der­feind­lich­keit und Ras­sis­mus.« Zur bis dahin größ­ten anti­ras­sis­ti­schen Demons­tra­tion in der Geschichte der BRD hat­ten zahl­rei­che auf die Tür­kei ori­en­tierte Ver­eine aus unter­schied­li­chen poli­ti­schen Krei­sen auf­ge­ru­fen, außerdm Sport- und Kul­tur­ver­eine bis hin zu Moscheen. Dem schlos­sen sich die »Grün-Alternative Liste« (GAL) und die gesamte außer­par­la­men­ta­ri­sche Linke an. 

Auch die Gewerk­schaf­ten rie­fen zu der Demons­tra­tion am 11. Januar 1986 auf, erin­nert Tanja Chawla im Gespräch mit dem Autor: »Das Bünd­nis Tür­ki­scher Ein­wan­de­rer wurde damals im DGB-Haus gegrün­det, heute ste­hen wir als Gewerk­schaft immer noch aktiv and der Seite der Opfer von ras­sis­ti­scher Gewalt und ihrer Ange­hö­ri­gen.« In den Ein­zel­ge­werk­schaf­ten waren bereits viele arbei­tende Migrant:innen orga­ni­siert, als die offi­zi­elle Poli­tik gegen­über den »Gast­ar­bei­tern« noch davon aus­ging, dass sie nur für eine begrenzte Zeit und ohne Mit­spra­che ein Auf­ent­halts­recht hät­ten. »Als Gewerk­schaft haben wir gelernt, dass Kon­flikte um Arbeit immer auch von der Debatte um Migra­tion und damit ein­her­ge­hend von Ras­sis­mus mit­ge­prägt wer­den«, betont Chawla: »Wir tra­gen hier eine Ver­ant­wor­tung im gesell­schaft­li­chen Dis­kurs. Und dabei ist für uns klar: Klare Kante gegen rechts und Ras­sis­mus und für eine plu­rale Gesell­schaft der Vielen.«

Wäh­rend in den Gewerk­schaf­ten aktive migran­ti­sche Mit­glie­der sich bereits in den acht­zi­ger Jah­ren gegen Ras­sis­mus enga­gier­ten, ver­sag­ten hier außer der GAL alle Par­teien in der Ham­bur­gi­schen Bür­ger­schaft: »Die eta­blier­ten Par­teien igno­rier­ten die Demo und zuvor lange Zeit auch die Ham­bur­ger Zustände«, betont Gür­sel Yıl­dırım. Sechs Monate zuvor war bereits Meh­met Kay­makçı von Nazis­kins ermor­det wor­den. Im All­tag erleb­ten Migrant:innen eine dras­ti­sche Zunahme rech­ter Gewalt. Aber, so Yıl­dırım, »tür­kisch­stäm­mige Jugend­li­che dreh­ten den Spieß um, besuch­ten Treff­punkte von Nazis und grün­de­ten Selbstverteidigung-Komitees.« Aus den Pro­tes­ten ent­stand außer­dem das Bünd­nis Tür­ki­scher Ein­wan­de­rer, da sich 2004 in Tür­ki­sche Gemeinde Ham­burg und Umge­bung e.V. (TGH) umbe­nannte. Seit 2010 ver­an­stal­tet die Geden­kinitia­tive jedes Jahr am 21. Dezem­ber eine Kund­ge­bung am Tat­ort, der seit 2012 nach Rama­zan Avcı benannt wurde. 

Mit­glie­der der Ramazan-Avcı-Initiative, dar­un­ter Avcıs Witwe, nach der Umbe­nen­nung des Plat­zes. Foto: © Kemal Dogan.

Hamburgs Baseballschlägerjahre

Ver­gan­gene Woche ver­an­stal­te­ten die Bür­ger­schafts­frak­tion der Lin­ken und die Rosa-Luxemburg-Stiftung Ham­burg in Koope­ra­tion mit der Initia­tive zum Geden­ken an Rama­zan Avcı eine Ver­an­stal­tung im Rat­haus. Neben Ünal Zeran von der Geden­kinitia­tive saßen auf dem Podium Felix Krebs und Flo­rian Schu­bert, die Autoren des die­ses Jahr im VSA-Verlag erschie­ne­nen Buchs Ham­burgs ›Base­ball­schlä­ger­jahre‹ über rechte und ras­sis­ti­sche Gewalt in den acht­zi­ger Jah­ren. Drei Kapi­tel des Buchs wid­men sich dem Mord an Rama­zan Avcı und den Reak­tio­nen dar­auf. Im Gespräch mit dem Autor erin­nert Felix Krebs daran, mit wel­cher Begrün­dung sich die damals in Ham­burg allein regie­rende SPD einer Teil­nahme an der Gedenk­demo am 11. Januar 1986 ver­wei­gerte. Der Spre­cher der Lan­des­ge­schäfts­stelle der allein­re­gie­ren­den SPD habe zum beab­sich­tig­ten Fern­blei­ben erklärt: »In die­ser Stadt pas­siert ja jeden Tag viel.« 

»Damit sind wir bei denen, für die der Mord keine Zäsur war: der Poli­zei, der Staats­an­walt­schaft, dem Gericht und den Par­teien SPD, CDU und FDP«, kri­ti­siert Krebs. Für sie sei der Mord nur ein Tot­schlag gewe­sen, also nicht ras­sis­tisch oder poli­tisch moti­viert, son­dern eher ein Pro­blem jugend­li­cher Gewalt­kri­mi­na­li­tät: »Dem­entspre­chend wurde der Staats­schutz auch nicht zu den Ermitt­lun­gen hin­zu­ge­zo­gen, der neo­na­zis­ti­sche Cha­rak­ter der Skin­heads wurde geleug­net. Statt mit einer poli­ti­schen Stra­te­gie gegen Ras­sis­mus und Neo­na­zis ant­wor­tete die regie­rende SPD mit Ver­leug­nung, mit der For­de­rung nach einem här­te­ren Migra­ti­ons­re­gime und mit einem Fan­pro­jekt für Skins.« Die­ses Pro­jekt würde nach heu­ti­gen Stan­dards wohl als »akzep­tie­rende Sozi­al­ar­beit« gel­ten. »Man wollte die Gewalt von der Straße bekom­men, ohne den Ras­sis­mus zu the­ma­ti­sie­ren«, so Krebs: »Das hat­ten dann auch die Neo­na­zis und Skin­heads verstanden.«

Der Pro­zess gegen die Mör­der von Rama­zan Avcı endete mit mil­den Ver­ur­tei­lun­gen wegen Tot­schlags: Ralph Lach, der mit einem Axt­stiel auf den Kopf des am bereits am Boden lie­gen­den Opfers ein­schlug, wurde zu zehn Jah­ren Haft ver­ur­teilt, Uwe Podein zu sechs Jah­ren Jugend­haft, Vol­ker Kumm­row und René Wulff zu je drei Jah­ren und sechs Mona­ten und Nor­bert Batsch­kus zu einem Jahr Jugend­haft. »Obwohl es sich bei den Tätern um bereits mehr­fach auf­ge­fal­lene Skin­heads mit Ver­bin­dun­gen zu Nazi­szene han­delte, schloss Ham­burgs Poli­zei­prä­si­dent Die­ter Hee­ring (SPD) vor­ei­lig einen poli­tisch moti­vier­ten Hin­ter­grund aus und gab damit die Rich­tung vor«, so Gür­sel Yıl­dırım: »Die Täter seien nicht fest orga­ni­siert, eine poli­ti­sche Ziel­set­zung sei erkenn­bar nicht vor­han­den. Dabei musste er als Sicher­heits­chef Ham­burgs gewusst haben, dass die Täter aus dem Umfeld der FAP stam­men und zudem einer der Täter, René Wulff, der Bru­der von Nazi­größe Tho­mas Wulff war.«

Schlag­zeile der Ber­ge­dor­fer Zei­tung, 10.1.1986 (Aus­schnitt).

»Auftrag an unser heutiges Handeln«

Auf der Gedenk­ver­an­stal­tung im Ham­bur­ger Rat­haus kam aus dem Publi­kum die Frage, ob sich seit dem Mord an Rama­zan Avcı etwas geän­dert hätte: »1985 war nur 40 Jahre nach dem Natio­nal­so­zia­lis­mus – so lange, wie der Mord an Rama­zan Avcı jetzt her ist. Viele Ämter waren noch mit alten Nazis besetzt«, so Ünal Zeran: »Es hatte keine wirk­li­che Ent­na­zi­fi­zie­rung statt­ge­fun­den, die alten Nazis hat­ten kein Inter­esse daran, Ras­sis­mus und Neo­na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu bekämpfen.«

Heute habe ein Drit­tel der Bevöl­ke­rung eine Migra­ti­ons­ge­schichte in der Fami­lie, was sich auch in Akti­vi­tä­ten der Zivil­ge­sell­schaft zeige: Trotz Rechts­ent­wick­lung seien auch Erfolge erkämpft wor­den, etwa die Bera­tung für Opfer anti­se­mi­ti­scher oder ras­sis­ti­scher Gewalt. Doch klar sei auch, dass die rea­len Zah­len rech­ter Angriffe »viel höher als die des BKA« seien. Die beste Art, Soli­da­ri­tät mit den Ange­hö­ri­gen und Opfern ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Gewalt zu üben, seien garan­tier­tes Blei­be­recht und finan­zi­elle Absi­che­rung – als kla­res Signal, dass sie in die Gesell­schaft gehören.

Dass Opfer rech­ter Gewalt im öffent­li­chen Dis­kurs heute viel stär­ker wahr­ge­nom­men wer­den als vor 40 Jah­ren, zeigt sich auch beim HSV. Die Mör­der von Rama­zan Avcı tra­ten damals als HSV-Fans auf. In Zusam­men­ar­beit mit der Initia­tive zum Geden­ken an Rama­zan Avcı orga­ni­sierte das Netz­werk Erin­ne­rungs­ar­beit zusam­men mit dem Ver­ein daher schon 2022 eine Aus­stel­lung zur Kri­tik von rechts­extre­men Fan-Aktivitäten. Im Novem­ber wurde die Aus­stel­lung mit dem Titel »Ins rechte Licht gerückt« noch ein­mal in der Zen­tral­bi­blio­thek am Hüh­ner­pos­ten gezeigt. »Der Mord an Rama­zan Avcı beginnt mehr und mehr Teil der geleb­ten Erin­ne­rungs­kul­tur des HSV zu wer­den«, erklärte das HSV-Presseteam auf Anfrage. Der Mord »steht heute stell­ver­tre­tend für die Ver­säum­nisse von Orga­ni­sa­tio­nen und Insti­tu­tio­nen, wie dem HSV, bei der Wahr­neh­mung ihrer gesell­schafts­po­li­ti­schen Ver­ant­wor­tung, dadurch wirkt er als Auf­trag an unser heu­ti­ges Han­deln«. Unter den HSV-Fans herr­sche heute ein ande­res poli­ti­sches Klima als in den acht­zi­ger Jah­ren: »Heute wer­den ras­sis­ti­sche Gewalt und auch dis­kri­mi­nie­rende Äuße­run­gen vom aller­größ­ten Teil der HSV-Fans abge­lehnt«, so das HSV-Presseteam: »Das heißt nicht, dass es kein Poten­zial dafür mehr gibt; es heißt aber, dass nicht mehr unwi­der­spro­chen Gewalt, sei sie ver­bal oder kör­per­lich, aus­ge­übt wer­den kann, und dass eine deut­li­che Mehr­heit sich klar dage­gen posi­tio­niert.« Ein Zei­chen für ein Umden­ken ist ein Graf­fiti im Volks­park­sta­dion des HSV: »Love Ham­burg, Hate Racism«. 

Die Etablierung des Gedenkens

Auch der Umgang der Poli­tik mit dem Thema hat sich ver­än­dert. Wenn am 21. Dezem­ber das neu­ge­stal­tete Denk­mal für Rama­zan Avcı zusam­men mit neuen Gedenk­ta­feln ein­ge­weiht wird, geschieht das mit Unter­stüt­zung des Bezirks­amts Hamburg-Nord unter­stützt. Die von Stu­die­ren­den der Ham­bur­ger Hoch­schule für Bil­dende Künste (HfBK) kon­zi­pier­ten Gedenk­ta­feln wur­den von der Ham­bur­ger Kul­tur­be­hörde geför­dert. Zuvor war am 24. März 2025 im Regio­nal­aus­schuss Barmbek-Uhlenhorst-Hohenfelde-Dulsberg der Bezirks­ver­samm­lung Ham­burg Nord die Umset­zung des Ent­wurfs für die Neu­ge­stal­tung beschlos­sen wor­den – frak­ti­ons­über­grei­fend von SPD, CDU, FDP, den Grü­nen, der Lin­ken und VOLT.

»Mit dem aktu­el­len Ent­wurf wird der Ramazan-Avcı-Platz nicht aus­schließ­lich als Ort eines ras­sis­ti­schen Ver­bre­chens, son­dern auch als Raum der akti­ven anti­ras­sis­ti­schen Erin­ne­rungs­ar­beit und des Wider­stan­des der migran­ti­schen Com­mu­ni­ties seit den 1980er Jah­ren ver­stan­den«, erläu­tert Irini von der Arbeits­gruppe Ramazan-Avcı-Platz der HfBK. Zwei Metall­ta­feln mit einer Höhe von 2 Meter und einer Breite von 3 Meter zei­gen Namen und Lebens­da­ten sowie auf Deutsch und Tür­kisch die Aus­sage »Ras­sis­mus Mor­det«. Die Tafeln sind gra­fisch und for­mal an poli­ti­sche Hoch­trans­pa­rente ange­lehnt. Sie sind zur Straße hin aus­ge­rich­tet und behaup­ten sich durch ihre Größe inner­halb der Infor­ma­ti­ons­fülle des Standorts. 

Zusätz­lich wer­den zwei Metall­pfei­ler instal­liert, um wech­selnde Ban­ner anzu­brin­gen. Diese erin­nern an wei­tere Opfer ras­sis­ti­scher Gewalt in Ham­burg wie den vom NSU erschos­se­nen Süley­man Taş­köprü oder den in Poli­zei­ge­wahr­sam zu Tode gekom­me­nen Ach­idi John. Die Ban­ner zei­gen eine struk­tu­relle Kon­ti­nui­tät auf und for­dern einen akti­ven Anti­fa­schis­mus. Im Zen­trum des Plat­zes soll ein Gedenk­stein des Bild­hau­ers Van Ngan Hoang errich­tet wer­den, der nach den Wün­schen von Gülü­stan Ayas-Avcı gestal­tet wird, Rama­zan Avcıs Witwe. Das inte­grierte Motiv der Rose steht sym­bo­lisch für ihre Her­kunft Isparta in der Türkei. 

»Wir ver­ste­hen Erin­ne­rungs­kul­tur als han­delnde Pra­xis, die Leh­ren aus der Geschichte für die Gegen­wart und Zukunft zieht«, so Irini von der Arbeits­gruppe Ramazan-Avcı-Platz: »Das Sicht­bar­ma­chen der Namen und Geschich­ten im öffent­li­chen Raum kann dem Ver­ges­sen ent­ge­gen­wir­ken. Tafeln und Gedenk­steine kön­nen diese Auf­gabe aber nicht stell­ver­tre­tend über­neh­men. ›Kein Ver­ge­ben, Kein Ver­ges­sen‹ ist der Auf­ruf zum Kampf gegen den Rechts­ruck in Poli­tik und Gesell­schaft.« Rama­zan Avcı wird in Ham­burg nicht ver­ges­sen werden.

Gas­ton Kirsche

Eine kür­zere Fas­sung die­ses Bei­trags erschien am 18.12.2025 im nd.


Gedenk­ver­an­stal­tung mit Kund­ge­bung und Denk­mal­ein­wei­hung: Sonn­tag, 21. 12. 2025, 14 Uhr, Ramazan-Avcı-Platz, S‑Bahn Hal­te­stelle Land­wehr. Bitte Blu­men, Ker­zen und Trans­pa­rente mit­brin­gen. Natio­nal­flag­gen sind unerwünscht.

Nach der Kund­ge­bung stellt die benach­barte Beruf­li­che Schule (BS05) im Rah­men einer Koope­ra­tion ihre Räume für einen Emp­fang zur Verfügung.