Schlechte Karten in Steilshoop

Schlechte Karten in Steilshoop

Der Stadt­teil Steil­shoop, des­sen Bild vor allem von der Groß­wohn­sied­lung aus den sieb­zi­ger Jah­ren geprägt ist, gehört zu den ärms­ten Stadt­tei­len Ham­burgs. Immer wie­der wer­den die Zustände im »Pro­blem­stadt­teil« beklagt – zuletzt in einer Repor­tage von SPIEGEL TV. Doch wer die Miss­stände nicht bloß insze­nie­ren, son­dern tat­säch­lich ver­ste­hen möchte, muss die stadt­po­li­ti­schen Stra­te­gien hin­ter­fra­gen, die das all­täg­li­che Leben der Bewohner:innen bis heute prägen.

Von Beginn an durch die Logik von Masse und Dichte geprägt – Wohn­haus am Schrey­er­ring, Wiki­me­dia Com­mons: Gun­nar Klack, CC BY-SA 4.0.

»Wer in Ham­burg Steil­shoop wohnt, hat schlechte Kar­ten. Frü­her am Rand, jetzt außer­halb der han­sea­ti­schen Gesell­schaft«, lau­tet der erste Satz einer im Mai erschie­ne­nen Spiegel-TV-Repor­tage über den Stadt­teil. Der Bei­trag mit dem Titel Brenn­punkt Steil­shoop: arm, abge­hängt, aus­sichts­los zeigt den All­tag der Bewohner:innen, ver­wahr­loste Hoch­häu­ser, feh­lende Arzt­pra­xen und ein nahezu leer­ste­hen­des Ein­kaufs­zen­trum als zen­trale Ver­sor­gungs­in­fra­struk­tur. Es ist eine Brenn­punkt­re­por­tage, die die Linse auf die Miss­stände in Steil­shoop rich­tet und die Poli­tik auf­ruft, sich um den Stadt­teil zu „küm­mern“. Doch was in der Repor­tage bloß kon­sta­tiert wird, ist das Ergeb­nis einer Reihe stadt­pla­ne­ri­scher und woh­nungs­po­li­ti­scher Ent­schei­dun­gen. Bei die­sen Ent­schei­dun­gen geht es nicht zuletzt um die Frage, wer Ver­ant­wor­tung für ein Quar­tier trägt – und wer davon ent­bun­den wird.

Das fordistische Steilshoop

Steil­shoop ent­stand Anfang der sieb­zi­ger Jahre nach dem for­dis­ti­schen städ­te­bau­li­chen Leit­bild »Urba­ni­tät durch Dichte«. Ziel war es, schnell preis­güns­ti­gen Wohn­raum für die wach­sende Stadt­be­völ­ke­rung zu schaf­fen. Mit rund 6.400 Wohn­ein­hei­ten in 21 kon­zen­tri­schen Beton­rin­gen ent­lang einer zen­tra­len V‑förmigen Achse ent­stand eine der größ­ten Groß­wohn­sied­lun­gen der Ham­bur­ger Nachkriegszeit.

Ein zen­tra­les Merk­mal des for­dis­ti­schen Leit­bilds war, so die Stadt­for­scher Die­ter Läpple und Gerd Wal­ter, die strikte Ent­kop­pe­lung von Arbeit und Nicht-Arbeit [1]. Diese Berei­che wur­den sowohl zeit­lich, in Arbeits­zeit und Frei­zeit, als auch räum­lich, in Betriebs­stätte und Wohn­ort, strikt von­ein­an­der geschie­den. Der Arbeits­platz war ein klar defi­nier­ter Ort, an dem eine pro­duk­tive Leis­tung erbracht wurde. Das ›eigent­li­che‹ Leben fand nach Fei­er­abend statt. Diese Grenz­zie­hung war die Basis für Repro­duk­tion, Frei­zeit und die Orga­ni­sa­tion von Fami­lie. Das Leit­bild fußte auf dem unbe­fris­te­ten Vollzeit-Normalarbeitsverhältnis des Man­nes als Ernäh­rer, dem unbe­zahlte Care­ar­beit als repro­duk­ti­ver Coun­ter­part gegenüberstand.

Pla­nung in der for­dis­ti­schen Stadt – Modell von Steil­shoop am Bor­chert­ring, Wiki­me­dia Com­mons, Min­der­bin­der, CC BY-SA 4.0.

Die soziale Zusam­men­set­zung Steil­sho­ops wurde von Beginn an poli­tisch gesteu­ert. Über 70 Pro­zent des Woh­nungs­be­stands waren Sozi­al­woh­nun­gen, fast die Hälfte gehörte kom­mu­na­len Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten und rund 30 Pro­zent Genos­sen­schaf­ten. Ins­be­son­dere finanz­schwa­che und migran­ti­sche Men­schen fan­den hier Wohn­raum. Diese bedarfs­ge­rechte Woh­nungs­ver­gabe ist prin­zi­pi­ell ein soli­da­ri­sches und not­wen­di­ges Kon­zept. Doch gerade die Kopp­lung die­ses sozia­len Anspruchs mit der star­ren for­dis­ti­schen Raum­ord­nung legte den Grund­stein für die Span­nun­gen, die das Quar­tier bis heute prägen.

Wäh­rend die poli­ti­sche Steue­rung für eine hohe soziale Dichte und Diver­si­tät sorgte, bot die struk­tu­relle Nut­zungs­tren­nung kaum Mög­lich­kei­ten, diese Viel­falt in einem orga­ni­schen, leben­di­gen Mit­ein­an­der zu ent­fal­ten. Begeg­nungs­räume sind haupt­säch­lich auf die jewei­li­gen Innen­höfe der Wohn­blö­cke beschränkt, Gemein­schaf­ten wer­den so von­ein­an­der abgrenzt. Anders als im klein­tei­li­gen Schan­zen­vier­tel mit sei­ner sozia­len und kul­tu­rel­len Hete­ro­ge­ni­tät führt die Diver­si­tät in Steil­shoop daher nicht zu einer »pro­duk­ti­ven Rei­bung« [2].

Hinzu kommt, dass die Mobi­li­tät inner­halb Ham­burgs seit Grün­dung des Stadt­teils beschränkt ist. Der Schnell­bahn­an­schluss, der ursprüng­lich Teil der Pla­nung war, wurde nie gebaut. Statt­des­sen beschloss der Senat 2009 trotz eines ungüns­ti­gen Nutzen-Kosten-Quotienten, die Hafen­City durch die U‑Bahnlinie U4 anzu­bin­den. Wäh­rend die U4 seit 2012 fährt, wird Steil­shoop frü­hes­tens 2033 durch die U5 an das U‑Bahn-Netz ange­schlos­sen. Die so vor­ge­nom­mene poli­ti­sche Prio­ri­sie­rung zeigt, wel­che Stadt­teile und wel­che Bewohner:innen im Mit­tel­punkt städ­ti­scher Inves­ti­tio­nen ste­hen: nicht das for­dis­ti­sche, staat­lich geför­derte Steil­shoop, son­dern die neo­li­be­rale, ren­di­te­ori­en­tierte HafenCity.

Die groß­maß­stäb­li­che Pla­nung Steil­sho­ops – von Beginn an durch die Logik von Masse und Dichte geprägt – zielte auf die effi­zi­ente Unter­brin­gung vie­ler Men­schen. Anders als in gewach­se­nen Stadt­quar­tie­ren fehl­ten dadurch jene räum­li­chen Vor­aus­set­zun­gen, die zufäl­lige Begeg­nun­gen, viel­fäl­tige Aneig­nun­gen und eine pro­duk­tive Durch­mi­schung des All­tags begüns­ti­gen. Die Kon­se­quenz ist eine sozi­al­räum­li­che Struk­tur, in der Viel­falt zwar vor­han­den ist, sich jedoch nur begrenzt in eine gemein­same Öffent­lich­keit über­setzt. Zudem basierte die Idee der Groß­sied­lung auf einem for­dis­ti­schen Ansatz, der nicht mehr griff, sobald der öko­no­mi­sche Boom der Nach­kriegs­zeit mit den Ölkri­sen der sieb­zi­ger Jahre erlosch. Die Folge war, dass von nun an markt­wirt­schaft­li­che Ver­wer­tungs­in­ter­es­sen die städ­te­bau­li­chen Leit­bil­der sowie die poli­ti­sche Ent­schei­dungs­lo­gik prägten.

Wenn Wohnungen zur Ware werden

In den acht­zi­ger und neun­zi­ger Jah­ren wurde Steil­shoop als Sanie­rungs­ge­biet ein­ge­stuft. Woh­nun­gen wur­den reno­viert, Sozi­al­ar­beit aus­ge­baut, För­der­pro­gramme auf­ge­legt. Als die Pro­gramme aus­lie­fen, kehr­ten die Pro­bleme zurück. Das Mus­ter von befris­te­ter Auf­merk­sam­keit, aus­blei­ben­den struk­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen, neuen För­der­pa­ke­ten und deren erneu­tem Aus­lau­fen wie­der­holte sich.

Nicht alles im grü­nen Bereich – Wohn­block in Steil­shoop, Foto: privat.

Mit der Eta­blie­rung neo­li­be­ra­ler Stadt­po­li­tik wan­delte sich in den Nuller­jah­ren die Stra­te­gie der öffent­li­chen Hand. Anstatt den Woh­nungs­markt wei­ter­hin aktiv zu steu­ern, begrif­fen Stadt­re­gie­run­gen sich zuneh­mend als unter­neh­me­ri­sche Akteure, die auf Markt­kon­for­mi­tät und Pri­va­ti­sie­rung set­zen. Diese Ver­än­de­rung machte sich in Steil­shoop ins­be­son­dere auf dem Woh­nungs­markt bemerk­bar. Weil der Woh­nungs­be­stand zuneh­mend pri­va­ti­siert wurde, diente er immer mehr als Ren­di­te­ob­jekt für Eigentümer:innen, des­sen Wert sich aus Knapp­heit und Markt­po­si­tion bestimmt, und immer weni­ger als Gebrauchs­wert, also als Zuhause für die Bewohner:innen. Der Ber­li­ner Stadt­for­scher Andrej Holm hat gezeigt, wie aus die­ser Ver­schie­bung Phä­no­mene wie stei­gende Mie­ten ohne Qua­li­täts­ver­bes­se­rung, Ver­drän­gung als Vor­aus­set­zung für Inves­ti­ti­ons­ren­di­ten oder struk­tu­rel­ler Man­gel an preis­wer­ten Woh­nun­gen als Aus­druck typi­scher kapi­ta­lis­ti­scher Markt­lo­gi­ken erwachsen.

Sied­lun­gen wie Steil­shoop sind auf kom­mu­nale Unter­stüt­zung ange­wie­sen. Doch die öffent­li­che Hand, die ursprüng­lich als Garant sozia­ler Sta­bi­li­tät fun­gierte, reagierte auf die per­sis­ten­ten Her­aus­for­de­run­gen wie Van­da­lis­mus und Instand­hal­tungs­stau nicht mit einer ver­stärk­ten sozia­len Inves­ti­tion, son­dern mit einem Para­dig­men­wech­sel zur unter­neh­me­ri­schen Stadt. Anstatt die Ver­ant­wor­tung für den Wohn­raum zu behal­ten und Markt­lo­gi­ken durch eige­nes Eigen­tum aus­zu­glei­chen, ent­zog sie sich der sozia­len Ver­pflich­tung und über­trug den Bestand in pri­vate Hände.

Das Experiment Steilshoop

Mit dem Ver­kauf der 2.100 GAGFAH-Wohnungen an die Fort­ress Invest­ment Group im Jahr 2004 ver­lor die Stadt Ham­burg eines ihrer wich­tigs­ten Steue­rungs­in­stru­mente in Steil­shoop. Der Bestand unter­lag fortan den Inter­es­sen eines bör­sen­no­tier­ten Immo­bi­li­en­kon­zerns, die mit dem Gemein­wohl struk­tu­rell unver­ein­bar sind. Diese Pri­va­ti­sie­rung war kein Ein­zel­fall, son­dern Teil eines bun­des­wei­ten Trends, der zu frag­men­tier­ten Eigen­tü­mer­struk­tu­ren und schwin­den­dem kom­mu­na­len Ein­fluss führte.

Pri­va­ti­sie­rung als Ant­wort auf poli­ti­sche Pro­bleme – die Gründ­gen­straße in Steil­shoop, Wiki­me­dia com­mons, gemeinfrei.

Als poli­ti­sche Ant­wort eta­blierte der Bund 2007 den § 171f im Bau­ge­setz­buch, der die Quar­tiers­ent­wick­lung zuneh­mend in pri­vate Ver­ant­wor­tung dele­gierte, aller­dings an die städ­te­bau­li­chen Ziele und Kon­zepte der Kom­mu­nen bin­det. In Ham­burg mün­dete dies Ende 2007 in das Neigh­bour­hood Impro­ve­ment Dis­trict-Modell (NID). Mit dem »Gesetz zur Stär­kung von Wohn­quar­tie­ren durch pri­vate Initia­ti­ven« sollte das aus­ge­wie­sene »Inno­va­ti­ons­quar­tier« in Steil­shoop pri­vat finan­ziert und orga­ni­siert wer­den. Ein Len­kungs­aus­schuss aus allen Eigentümer:innen sollte den Stadt­teil voranbringen.

Doch das NID krän­kelte von Beginn an, denn es basierte auf dem Modell des Busi­ness Impro­ve­ment Dis­tricts (BID) für Geschäfts­stra­ßen und konnte daher den Gege­ben­hei­ten eines Wohn­quar­tiers nicht gerecht wer­den. Da es an gemein­sa­men wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen und einer ver­bind­li­chen Finan­zie­rungs­be­reit­schaft unter den Eigentümer:innen fehlte, blieb eine for­melle Ein­rich­tung des NID aus. Zudem ver­schärfte sich das Pro­blem auf demo­kra­ti­scher Ebene. Im NID-Verfahren hat­ten aus­schließ­lich Eigentümer:innen ein for­mel­les Stimm­recht. Mieter:innen, also die Men­schen, die in Steil­shoop leben, die den Stadt­teil nut­zen, die von Ent­schei­dun­gen über ihre Ver­sor­gungs­in­fra­struk­tur unmit­tel­bar betrof­fen sind, waren for­mal aus dem Pro­zess ausgeschlossen.

Improvement? Eine Bilanz

Eine pau­schale Bewer­tung des »Inno­va­ti­ons­quar­tiers Steil­shoop« als geschei­ter­tes Pro­jekt greift jedoch zu kurz. Meh­rere der vor­ge­se­he­nen Maß­nah­men wur­den erfolg­reich umge­setzt, etwa die Neu­ge­stal­tung der zen­tra­len Fuß­gän­ger­achse, die Erneue­rung von Geh­we­gen und Möblie­rungs­ele­men­ten, ein Ori­en­tie­rungs­kon­zept sowie Maß­nah­men der Rei­ni­gung und des Stadt­teil­mar­ke­tings. Nach Anga­ben der Eva­lua­tion ent­wi­ckelte sich der zuvor vor allem funk­tio­nal genutzte Fuß­weg zu einem groß­zü­gi­gen Bou­le­vard und die Wohn­um­feld­qua­li­tät konnte ver­bes­sert wer­den [3].

Zugleich wurde fest­ge­stellt, dass zen­trale Her­aus­for­de­run­gen des Stadt­teils außer­halb des Ein­fluss­be­reichs der pri­va­ten Initia­tive lagen. Pro­bleme im Bil­dungs­be­reich, die Zukunft des Ein­kaufs­zen­trums oder die ver­kehr­li­che Anbin­dung konn­ten durch das »Inno­va­ti­ons­quar­tier« nicht gelöst wer­den, wes­halb wei­ter­hin öffent­li­che Inves­ti­tio­nen und Städ­te­bau­för­der­mit­tel not­wen­dig waren und blei­ben. Die Erfah­run­gen aus Steil­shoop legen somit nahe, dass pri­vat orga­ni­sierte Quar­tiers­in­itia­ti­ven zwar zu einer Ver­bes­se­rung des Wohn­um­felds bei­tra­gen kön­nen, dass struk­tu­relle Fra­gen der Daseins­vor­sorge und Stadt­ent­wick­lung aber wei­ter­hin auf öffent­li­che Steue­rung ange­wie­sen sind.

Das NID-Experiment hat geleis­tet, wofür es kon­zi­piert war, näm­lich öffent­li­che Ver­ant­wor­tung auf pri­vate Initia­tive zu ver­la­gern. Der Senat dele­gierte Auf­ga­ben, die er zuvor öffent­lich erbracht hatte, an Akteur:innen, die dafür weder die Mit­tel noch gemein­same Inter­es­sen hat­ten. Das NID-Modell weist dem pri­va­ten Kapi­tal eine Gestal­tungs­macht zu, die demo­kra­tisch schwach legi­ti­miert ist. Es ent­springt dem Geist unter­neh­me­ri­scher Stadtpolitik.

Zwischen Experiment und Brennpunkt

»Schlechte Kar­ten« für Steil­shoop lau­tet das Urteil von Spie­gel TV. Das sollte aller­dings nicht ver­de­cken, was in Steil­shoop trotz­dem gewach­sen ist. Heute sind hier eine Viel­zahl an unter­schied­li­chen Ver­bän­den und Orga­ni­sa­tio­nen, wie der Aktiv­spiel­platz, SToP e.V. oder die Alraune. Auch die sozi­al­räum­li­che Frag­men­tie­rung muss dif­fe­ren­ziert betrach­tet wer­den. Über fami­liäre Bin­dun­gen, befreun­dete Kin­der und die vom AGDAZ orga­ni­sier­ten Som­mer­feste fin­den viele Bewohner:innen auch über die eige­nen Wohn­blö­cke hin­aus zueinander.

Trotz­dem domi­niert ein brenn­punkt­ar­ti­ges Nar­ra­tiv über Steil­shoop, denn die soziale Ver­net­zung von Nach­bar­schaf­ten und insti­tu­tio­nelle Expe­ri­mente wie das NID haben nur begrenz­ten Ein­fluss auf die struk­tu­rel­len Miss­stände, die auch Spie­gel TV beleuch­tet hat. Der Ham­bur­ger Stadt­teil ver­deut­licht exem­pla­risch, dass räum­li­che und soziale Ungleich­hei­ten nicht allein durch lokale Auf­wer­tungs­maß­nah­men bear­bei­tet wer­den kön­nen, son­dern eine lang­fris­tige öffent­li­che Ver­ant­wor­tung für Daseins­vor­sorge, Infra­struk­tur und Stadt­ent­wick­lung erfor­dern. Wenn Spie­gel TV also den »Brenn­punkt« insze­niert, ver­schlei­ert die Repor­tage aus­schlag­ge­bende stadt­po­li­ti­sche Entscheidungen.

Die schlech­ten Kar­ten wur­den nicht gezo­gen, son­dern ver­teilt. Ob eine Stadt­po­li­tik mög­lich ist, die Grund­ver­sor­gung als Gerech­tig­keits­frage begreift und nicht in der Ver­ant­wor­tung ren­di­te­ori­en­tierte Orga­ni­sa­tio­nen, bleibt offen. Das, was bis­her ver­sucht wurde, folgte einer ande­ren Logik.

Oli­ver Reese, Juli 2026

Der Autor lebt und arbei­tet in Ham­burg. Er hat Archi­tek­tur und Urban Design stu­diert und beschäf­tigt sich vor allem mit sozio­öko­no­mi­schen Fra­gen der Stadt­ent­wick­lung und wie stadt­po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen den All­tag von Men­schen prägen.

[1] Die­ter Läpple/Gerd Wal­ter, Stadt­quar­tiere und gesell­schaft­li­che Inte­gra­ti­ons­mus­ter, in: Jens S. Dangschat/Alexander Hame­din­ger (Hg.), Lebens­stile, soziale Lagen und Sied­lungs­struk­tu­ren, Han­no­ver 2007, 127.

[2] Ebd., 135.

[3] Minis­te­rium für Wirt­schaft, Ver­kehr, Bauen und Digi­ta­li­sie­rung Nie­der­sach­sen (o. J.) Pra­xis­bei­spiel Ham­burg: Inno­va­ti­ons­quar­tier Steil­shoop. Han­no­ver: MW Nie­der­sach­sen. Ver­füg­bar unter: https://www.mw.niedersachsen.de/download/208109/Praxisbeispiel_Hamburg.pdf (letz­ter Auf­ruf am 23.06.2026).

Untiefen feiert: 5 Jahre Stadtmagazin gegen Hamburg

Untiefen feiert: 5 Jahre Stadtmagazin gegen Hamburg

Vor fünf Jah­ren, am 8. Juli 2021, ging Untie­fen – Das Stadt­ma­ga­zin gegen Ham­burg mit sei­nen ers­ten drei Bei­trä­gen online. Wir laden ein, das mit uns zu fei­ern: am 17. Juli ab 19 Uhr, natür­lich in der Roten Flora (Achidi-John-Platz 1).

Vor fünf Jah­ren, am 8. Juli 2021, ging Untie­fen – Das Stadt­ma­ga­zin gegen Ham­burg mit sei­nen ers­ten drei Bei­trä­gen online. Seit­dem sind bei uns rund sech­zig the­ma­tisch ganz diverse Bei­träge erschie­nen, in denen es um – und gegen – Ham­burg geht. Die Bezeich­nung „Stadt­ma­ga­zin“ mag für einen Blog, auf dem durch­schnitt­lich etwa ein Bei­trag pro Monat erscheint, zwar immer noch etwas hoch gegrif­fen sein. Aber auch wenn wir die Leer­stelle, von der wir aus­gin­gen – das Feh­len eines unab­hän­gi­gen kri­ti­schen Stadt­ma­ga­zins in Ham­burg –, sicher nicht aus­fül­len, haben wir doch man­ches erreicht, was die­sem Anspruch folgt. Um nur ein paar Bei­spiele zu nen­nen: Schon in unse­rem zwei­ten Jahr haben wir mit unse­rer Inter­ven­tion gegen den nach Klaus-Michael Kühne benann­ten Lite­ra­tur­preis einen Eklat (mit-)verursacht, der in der Umbe­nen­nung des Prei­ses resul­tierte; nach dem 7. Okto­ber 2023 haben wir eine viel beach­tete Chro­nik anti­se­mi­ti­scher Vor­fälle in Ham­burg erstellt, weil es sonst nie­mand tat; und unsere Bei­träge zu Stadt­ent­wick­lung und Gen­tri­fi­zie­rung, etwa am Bei­spiel des soge­nann­ten Grü­nen Bun­kers, wur­den on- und off­line viel dis­ku­tiert.

Unser fünf­jäh­ri­ges Bestehen möch­ten wir nun als Anlass nut­zen, mit euch – unse­ren Gastautor*innen, Leser*innen, Freund*innen und Genoss*innen – anzu­sto­ßen und euch für eure Unter­stüt­zung zu dan­ken: für eure Gast­bei­träge, eure Kom­men­tare, eure Kri­tik und euren Sup­port.

Wir laden daher ein, mit uns zu fei­ern: am 17. Juli ab 19 Uhr, natür­lich in der Roten Flora (Achidi-John-Platz 1). Es wird Getränke und Snacks geben, außer­dem Musik und um ca. 20:30 Uhr ein wenig Pro­gramm. Wir freuen uns auf euer Kommen!

Veröffentlicht am
Kategorisiert als Allgemein

»Da ist etwas gewesen, das sehr viel Kraft hatte.«

»Da ist etwas gewesen, das sehr viel Kraft hatte.«

Seit mehr als zwei Jah­ren ist das einst so leben­dige Umfeld rund um die Stern­brü­cke eine Bau­stelle. Die Foto­gra­fin und Fil­me­ma­che­rin Helga Bah­mer hat das Ver­schwin­den die­ses Orts mit der Kamera fest­ge­hal­ten. Ab dem 22. Mai sind ihre Arbei­ten in der giraf­fen­toast Gal­lery zu sehen. Wir zei­gen schon jetzt eine Aus­wahl der Fotos und haben mit der Künst­le­rin gesprochen.

© Helga Bahmer

Untie­fen: Unter dem Titel Krüm­mungs­ruck Stern­brü­cke nimmst du foto­gra­fisch die Trans­for­ma­tion des Umfelds der Stern­brü­cke in den Blick. Was gab den Anstoß für die­ses Projekt?

Helga Bah­mer: Ich ver­binde per­sön­lich sehr viel mit der Stern­brü­cke. Als ich im Jahr 2000 aus der Pro­vinz nach Ham­burg kam, war ich von die­sem Ort geflasht: Die klei­nen Läden, die geschichts­träch­ti­gen Back­stein­ge­bäude, die Kreu­zung, die Men­schen und die Clubs – das war für mich der Inbe­griff von Urba­ni­tät. Ich habe Lon­don geliebt, und das sah für mich aus wie Lon­don. Vor etwa sechs Jah­ren wurde dann ja beschlos­sen, dass die Clubs da weg­müs­sen. Für mich war aber eher der Moment ent­schei­dend, als vor zwei Jah­ren die Pfei­ler für die Kabel­hilfstrasse auf­ge­stellt wur­den. Für mich waren diese Pfei­ler wie Ali­ens, die das ganze Stadt­bild dort ver­än­dert haben. Das war der Moment, in dem ich dachte: Jetzt müsste ich anfan­gen zu foto­gra­fie­ren und diese Ver­än­de­rung festzuhalten.

Das heißt, dir ging es nicht darum, den Zustand vor dem Abriss zu doku­men­tie­ren, son­dern die Trans­for­ma­tion selbst?

Ja, künst­le­risch hat mich nicht das Schlie­ßen der Clubs inter­es­siert, und auch der Abriss der Brü­cke inter­es­siert mich nicht. Mich fas­zi­nierte diese Zwi­schen­zeit, in der alles schon leer stand und immer mehr weg­ge­nom­men wor­den ist von der Geschichte des Orts und von sei­ner Patina. Jetzt foto­gra­fiere ich den Ort nicht mehr, denn diese Zwi­schen­zeit ist vor­bei. Nur den Trans­port der neuen Brü­cke möchte ich gern noch auf­neh­men, aber dann ver­mut­lich eher auf Film, nicht mit Fotos.

Im Ankün­di­gungs­text zu dei­ner Aus­stel­lung heißt es, »dass das Alte zur Nost­al­gie wird und das Neue noch unge­wiss ist«. Wel­che Rolle spielt für dich das bewah­rende Moment, das die Foto­gra­fie als Medium aus­zeich­net? Sind deine Fotos nostalgisch?

Nein, die sol­len nicht nost­al­gisch sein. Ich will auch keine Nost­al­gie aus­lö­sen. Ich bin keine Nost­al­gi­ke­rin und auch nicht gegen Ver­än­de­rung. Wenn so ein Infrastruktur-Knotenpunkt saniert wer­den muss, dann stehe ich dem gar nicht nega­tiv gegen­über – auch wenn die Gründe im Fall der Stern­brü­cke natür­lich sehr frag­wür­dig sind. Aber wenn Orte, die für die Stadt­kul­tur wich­tig waren oder sind, aus­ge­merzt oder ver­drängt wer­den, wenn an ihrer Stelle so eine Art Leere ent­steht, dann fühle ich mich beru­fen, das zu doku­men­tie­ren, damit nicht eine Art Amne­sie ein­tritt. Die Räume, die Steine, die Kase­mat­ten, die noch die Spu­ren des­sen tra­gen, was dar­aus ein­mal gemacht wor­den war, bil­den ein Archiv. Die­ses Archiv will ich wei­ter­tra­gen – und zwar so, wie ich das inter­pre­tiere: nicht rein doku­men­ta­risch, son­dern mit einer künst­le­ri­schen Hal­tung. Und ich will schließ­lich auch abfei­ern, dass es diese Gegen­räume gab.

Mit dem Archiv Stern­brü­cke der Foto­gra­fin Johanna Klier, das die­ses Jahr mit dem Georg-Koppmann-Preis für Ham­bur­ger Stadt­fo­to­gra­fie aus­ge­zeich­net wurde, gibt es ein Pro­jekt, das einen ähn­li­chen Aus­gangs­punkt nimmt, aber ästhe­tisch ganz anders vor­geht: Ihre Arbeit mit einer ana­lo­gen Groß­bild­ka­mera, ohne erhöhte Kon­traste, Unschär­fen oder extreme Per­spek­ti­ven, nimmt einen genau regis­trie­ren­den, objek­ti­ven Blick ein. Deine Fotos doku­men­tie­ren zwar auch, wäh­len aber eine viel stär­ker sub­jek­tive Per­spek­tive. Wie bist du da vorgegangen?

Ich habe einen Blick gesucht, den nicht andere schon gefun­den haben, einen eige­nen Stand­punkt und eine eigene Aus­sa­ge­kraft. Mir waren die Emo­tio­nen, die ich mit dem Ort ver­binde, sehr wich­tig. Und was mich sehr anzieht, ist eben das Gelebte, das Dre­ckige, das Ver­schlos­sene, manch­mal auch das Skur­rile. Das setzt sich dann oft in Far­ben um, ich habe aber auch viel mit Tie­fen­un­schärfe gear­bei­tet. In der doku­men­ta­ri­schen Foto­gra­fie legt man sehr viel Wert dar­auf, dass der ganze Foto­raum scharf ist, von vorne bis hin­ten. Der sub­jek­tive Blick hin­ge­gen stellt man­che Dinge scharf, andere nicht. Außer­dem habe ich auch mit Abs­trak­tio­nen gear­bei­tet. Und mich hat die Patina inter­es­siert, die Ober­flä­chen, die eben nicht glatt und super-HD sind, son­dern die man auch erspü­ren kann und die, das hoffe ich jeden­falls, die Tie­fen­struk­tur der Zeit transportieren.

Her­vor­ste­chend sind auch die unge­wöhn­li­chen Per­spek­ti­ven der Fotos: zum Bei­spiel, wenn auf einem Bild eine Art Matte sich wie ein Glet­scher oder eine Lawine vom rech­ten obe­ren Bild­rand in Fal­ten nach links unten schiebt und man schwer aus­ma­chen kann, aus wel­chem Mate­rial die­ser Gegen­stand ist und wel­che Funk­tion er eigent­lich hat. Steckt darin eine Fas­zi­na­tion nicht nur für das, was da ein­mal war, son­dern auch für die teils bizar­ren For­men, die nur in die­sem Moment der Trans­for­ma­tion für kurze Zeit entstehen?

Das Bild, das du ansprichst, zeigt den Abriss des Stern­gar­tens. Die Bil­der von die­sem Moment sind die ein­zi­gen Abriss­bil­der, die ich über­haupt auf­ge­nom­men habe, weil mich das per­sön­lich so sehr mit­ge­nom­men hat. Noch ein paar Wochen zuvor hatte ich zusam­men mit einer Freun­din im Inne­ren des Gebäu­des foto­gra­fiert und wir hat­ten fest­ge­stellt, dass es in gar kei­nem so schlech­ten Zustand war, man hätte es gut sanie­ren kön­nen. Es hat mir wirk­lich weh­ge­tan, das abge­ris­sen zu sehen, und dafür fand ich die­ses Bild. Es ist eine Matte, die beim Abriss dazu diente, dass keine Trüm­mer auf die Straße fal­len, sie sieht aber aus wie eine Welle, die das Haus über­rollt hat.

Men­schen sind auf dei­nen Bil­dern nur sel­ten zu sehen. Warum?

Weil der Ort seine Leben­dig­keit ver­lo­ren hat. Die ein­zi­gen Momente, in denen da mei­nem Gefühl nach noch Leben exis­tiert, sind die Krei­sel­kon­zerte der Initia­tive Stern­brü­cke. Ansons­ten ist da nicht mehr viel los. Leute ste­hen nicht mehr vor den Clubs oder vorm Kiosk, sie lau­fen nur noch vor­bei. Für mich ist das inzwi­schen ein lee­rer Ort.

Deine Aus­stel­lung trägt den Titel Krüm­mungs­ruck Stern­brü­cke. Im Begleit­text wird erläu­tert, es han­dele sich um einen »Begriff aus der Tras­sie­rung«. Wofür steht die­ser Titel?

Ein Krüm­mungs­ruck tritt auf, wenn man eine gekrümmte mit einer gera­den Trasse ver­bin­det und der Über­gang dabei abrupt ein­setzt. Mit Blick auf die Stern­brü­cke ver­stehe ich den Krüm­mungs­ruck als den Effekt des Ver­suchs, eine Krüm­mung, also einen sub­kul­tu­rel­len oder alter­na­ti­ven Raum, zu begra­di­gen. Ich habe in Mainz Foto­gra­fie und Umwelt­ge­stal­tung am Fach­be­reich Kunst stu­diert und bin da mit Mike Davis und sei­ner kri­ti­schen Theo­rie der Stadt­pla­nung und Urba­ni­tät in Kon­takt gekom­men. Das Stu­dium ist lang her, die Details hatte ich ver­ges­sen, aber mir ist jetzt auf­ge­fal­len, dass ich von die­sen Theo­rien immer noch imprä­gniert bin. Zum Bei­spiel von Davis’ These, dass die Berei­ni­gung von Orten mit Geschichte, Orten, an denen soziale Aneig­nung pas­siert und an denen Sub­kul­tur ent­ste­hen kann, dazu dient, dass eine Stadt umfas­sen­der wirt­schaft­lich aus­ge­nutzt wer­den kann. Wozu diese Aus­nut­zung führt, sieht man in Ham­burg an der Elbtower-Ruine oder am brach­lie­gen­den Hols­ten­areal. Orte wie die Stern­brü­cke ste­hen einer wirt­schaft­li­chen Aus­nut­zung in die­ser Form im Weg, die sind nicht clean genug. Im Begriff »Krüm­mungs­ruck« steckt die gewisse Aggres­si­vi­tät, die Gewalt die­ser Begra­di­gung, ähn­lich wie in dem Lawinenbild.

Die neu zu pla­nen­den Flä­chen rund um die neue Stern­brü­cke (Aus­schnitt). Quelle: Bezirks­amt Altona

Nun wird an der Stern­brü­cke ja aber vor­aus­sicht­lich kein Inves­tor bauen. Die Grund­stü­cke gehö­ren dem Bezirk Altona, Anfang Mai begann ein öffent­li­ches Betei­li­gungs­ver­fah­ren. Gibt es nicht eine Chance, dass das Neue hier nicht not­wen­di­ger­weise das Schlechte sein muss?

Es wird zwei nutz­bare Flä­chen unter der neuen Brü­cke geben und drei Grund­stü­cke im Umfeld der Brü­cke. Es gibt zwar ein Betei­li­gungs­ver­fah­ren, aber was mit den Ideen und Wün­schen der Anwohner:innen wirk­lich pas­siert, ist unklar. Viel­leicht läuft es ja gut, die Stadt lernt aus ihren Feh­lern und ver­sucht, etwas Neues auf­zu­bauen, das auch sub­ver­si­ves Poten­tial birgt. Und trotz­dem finde ich es trau­rig, dass die alten Kase­mat­ten mit ihren Geschichts­spu­ren weg sind. Man hätte sie ja ret­ten kön­nen. Ein Zweck mei­ner Aus­stel­lung ist es auch, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es diese Räume gab und dass wir sol­che Räume, wo es sie in Ham­burg noch gibt, erhal­ten kön­nen. Denn wenn wir sie ver­lie­ren, ver­lie­ren wir nicht nur Räume – wir ver­lie­ren die Ideen, wie wir leben wollen.

Sind deine Bil­der also zwar nicht nost­al­gisch, aber traurig?

Trau­rig­keit kann schnell in Nost­al­gie kip­pen, und das will ich nicht unbe­dingt trans­por­tie­ren. Ich trauere natür­lich um den Ver­lust die­ses Ortes und es gibt man­che Bil­der, vor allem viel­leicht die schwarz-weißen, die das auch zum Aus­druck brin­gen. Aber trotz­dem ist es für mich vor allem ein Fest, dass es den Ort gab, dass der eine Ener­gie hat, die immer noch aus­strahlt und Men­schen bewegt. Da ist etwas gewe­sen, das sehr viel Kraft hatte.

»KRÜMMUNGSRUCK STERNBRÜCKE«
von Helga Bah­mer
Aus­stel­lung in der giraf­fen­toast Gal­lery (Klei­ner Schä­fer­kamp 28, 20357 Ham­burg)
22. Mai – 6. Juni 2026

Ver­nis­sage: Frei­tag, 22.05.2026, ab 19 Uhr, mit Live-Musik von Deer Anna
Am 30.05.2026 um 14 Uhr gibt es eine Füh­rung (nur mit Anmeldung)

Helga Bah­mer lebt und arbei­tet in Ham­burg. Sie stu­dierte Kunst­fo­to­gra­fie an der Johan­nes Gutenberg-Universität Mainz und spe­zia­li­sierte sich spä­ter auf Doku­men­tar­film an der Kunst­hoch­schule für Medien in Köln. Ihre Arbeit unter­sucht die Schnitt­stel­len zwi­schen Iden­ti­tät, Stadt­pla­nung und Archi­tek­tur. Im Mit­tel­punkt ihrer Arbeit steht die Frage: Wie prä­gen Orte und Poli­tik die Menschen?

Never ending Stumpfsinn

Never ending Stumpfsinn*

Dass die Stern­schanze ein Ort der Hyper­gen­tri­fi­zie­rung ist, bedarf kei­ner Erwäh­nung mehr. Nun jedoch wird der Stadt­teil gen­trif­rit­tiert: Immer mehr soge­nannte Food Start­ups bie­ten über­teu­erte Lebens­mit­tel an. In Wahr­heit ver­kau­fen sie jedoch vor allem Con­tent zur sozi­al­me­dia­len Selbst­in­sze­nie­rung. Wieso Zimt­schne­cken, Donuts und Bur­ger den städ­ti­schen in einen sinn­lo­sen Raum verwandeln.

It’s a mood – weg­ge­wor­fe­ner Papp­kar­ton einer Zimt­schne­cken­kette in der Stern­schanze. Foto: privat.

Womög­lich ist es die Suche nach Ent­schleu­ni­gung, die Men­schen dazu ver­lei­tet, sich in lange Schlan­gen zu stel­len, um über­teu­erte Süß­spei­sen zu kau­fen. Zumin­dest ver­spricht das die Zimtschnecken-Kette »Cin­na­mood«, die sich als »Ort der Vor­freude, der Ent­schleu­ni­gung« anpreist. An der Beschleu­ni­gung des All­tags wirkt jedoch aus­ge­rech­net die Zimtschnecken-Kette selbst mit. In hohem Tempo erobern ihre Filia­len in einem Heer aus wei­te­ren Food Start­ups den städ­ti­schen Raum. Jüngst etwa bekam »Cin­na­mood« Kon­kur­renz durch die in Ham­burg gegrün­dete Franchise-Kette »Cin­na­ver­sum«. Neue Mar­ken wer­den kre­iert und erle­ben über die Sozia­len Mei­den einen – mit­un­ter kurz­le­bi­gen – Hype. Neue Geschäfte eröff­nen und schlie­ßen als­bald wie­der, um durch das neue Immer­glei­che ersetzt zu wer­den. Kom­pen­sa­tion dafür sol­len iro­ni­scher­weise die von den Start­ups ver­trie­be­nen Pro­dukte bie­ten: Neben Ent­schleu­ni­gung ver­spre­chen sie etwa Authen­ti­zi­tät, Gemein­schaft und beson­dere Erlebnisse.

Die erste Filiale eröff­nete »Cin­na­mood« im Novem­ber 2022 in der Schan­zen­straße. Jah­re­lang war dort ein Spiel­wa­ren­ge­schäft. Auch andern­orts wird die­ser Wan­del sicht­bar. Wo einst Gemüse- oder Trö­del­lä­den und inha­ber­ge­führte Knei­pen, Cafés und Restau­rants die Stra­ßen­züge säum­ten, trifft man nun – in einem fuß­läu­fi­gen Umkreis – auf eine unüber­schau­bare Viel­zahl an Filia­len der Food Start­ups. Direkt gegen­über der Zimtschnecken-Kette ist »Ley’s Coo­kies« ein­ge­zo­gen, gleich um die Ecke »Brammibal’s Donuts«, nur ein paar Stra­ßen wei­ter die »New York Bagel Bar«. Am Schul­ter­blatt, wo jahr­zehn­te­lang ein grie­chi­sches Restau­rant Gyros ser­vierte, ver­kauft jetzt »Loco Chi­cken« Hähn­chen­flü­gel. Fast end­los könnte diese Liste fort­ge­führt wer­den: »Super­bad«, »Ruff’s Bur­ger«, »Kjeks«, »Schnit­zery«, »Hakan Abi«. Man­che Läden, bei­spiels­weise »Royal Donuts« in der Stern­straße oder auch »Nani’s Cheesecake« am Neuen Pfer­de­markt, sind längst schon wie­der verschwunden.

Selbst die eins­ti­gen Gen­tri­fi­ca­teure der Stern­schanze wer­den von den neuen Food Start­ups ver­drängt. Wir beob­ach­ten eine beschleu­nigte Gen­trif­rit­tie­rung: die Trans­for­ma­tion des städ­ti­schen Raums durch Trend­nah­rung. Dabei ist die­ses Phä­no­men bei wei­tem nicht auf ein ein­zi­ges Vier­tel beschränkt. Jüngst beschwer­ten sich Anwoh­nende und Stand­be­trei­bende des Eims­büt­te­ler Ise­markts dar­über, dass die­ser von Food­trucks und ‑trends und folg­lich von Influen­cern über­rannt werde. Von einem Wochen­markt, auf dem Waren des täg­li­chen Bedarfs ange­bo­ten wer­den, könne kaum noch gespro­chen wer­den. Hier soll jedoch kein Kla­ge­lied ange­stimmt wer­den. Dass sich die Stern­schanze und andere Stadt­teile ver­än­dern und Geschäfte schlie­ßen, ist per se kein Pro­blem. Die Frage jedoch ist, durch was sie ersetzt werden.

Expandierende Food Startups

Die neuen Läden ver­kau­fen zwar unter­schied­li­che Pro­dukte wie Kekse, Donuts, Bagels oder Bur­ger. Doch viele eint die Art und Weise, wie sie diese pro­du­zie­ren (las­sen), ver­wer­ten und ver­mark­ten. Die Geschäfte fol­gen häu­fig dem Prin­zip soge­nann­ter Mono-Konzepte, ver­kau­fen also ein Kern­pro­dukt, bei­spiels­weise Zimt­schne­cken. Diese las­sen sich in der Regel stan­dar­di­sie­ren und kön­nen daher von schnell ange­lern­ten Arbeits­kräf­ten ver­kaufs­fer­tig gemacht wer­den. Die Pro­duk­tion ist ver­gleichs­weise güns­tig, was hohe Mar­gen zulässt. Zugleich wird das Geschäfts­mo­dell über die stan­dar­di­sierte Pro­duk­tion ska­lier­bar. Das wie­derum ermög­licht eine rasche Expan­sion. Einige Ket­ten – wie etwa »Cin­na­mood« – setz­ten dafür auf ein Fran­chise­kon­zept, also schnel­les Wachs­tum bei gerin­gem Kapi­tal­ein­satz. Andere wie das Startup »Lanch«, das unter ande­rem hin­ter »Loco Chi­cken« steckt, sam­mel­ten flei­ßig Mil­lio­nen am Kapi­tal­markt ein.

Etwas anders ver­hält es sich bei »LAP Cof­fee«. Die mitt­ler­weile auch am Schul­ter­blatt mit einer Filiale ver­tre­tene Kette geriet in jüngs­ter Zeit in Kri­tik, da sie güns­ti­gen Kaf­fee anbie­tet und daher inha­ber­ge­führte Cafés unter Druck setze. Zwar ver­folgt auch »LAP Cof­fee« eine rasche Expan­sion durch Risi­ko­ka­pi­tal. Der eigent­li­che Zweck des Unter­neh­mens besteht jedoch wohl weni­ger im Ver­kauf von Kaf­fee, son­dern in der »Ent­wick­lung und Betrieb von digi­ta­li­sier­ten und auto­ma­ti­sier­ten Ver­kaufs­stel­len für den Ein­zel­han­del«, wie das Sur­plus Maga­zin berich­tete. Die der­zei­tige Auf­merk­sam­keit für Trend­nah­rung dient also offen­bar als Vehi­kel, um etwas ganz ande­res zu ent­wi­ckeln und zu verkaufen.

Schmeckt nicht jedem – Reste eines Trend­dö­ners in einem Haus­ein­gang in der Stern­schanze. Foto: privat.

Das Phä­no­men der Food Start­ups lässt sich jedoch nicht allein über die alt­her­ge­brach­ten Pro­dukte sowie die Expan­si­ons­stra­te­gien erklä­ren. Viel­mehr lau­fen in der Gen­trif­rit­tie­rung unter­schied­li­che Stränge zusam­men. Dabei spielt das Inter­net eine zen­trale Rolle. Denn ers­tens las­sen sich die von den Food Start­ups ange­bo­te­nen Pro­dukte nicht wie etwa Mode im Online­han­del ver­trei­ben, der bereits für eine Trans­for­ma­tion des städ­ti­schen Raums gesorgt hat. Viele Geschäfte, die keine ver­derb­li­chen Waren anbie­ten, muss­ten auf­grund der Kon­kur­renz im Inter­net schlie­ßen – das schuf Platz. Dies gilt, zwei­tens, auch für den kapi­tal­ge­trie­be­nen Immo­bi­li­en­markt: Vor allem in popu­lä­ren Stadt­tei­len wie der Stern­schanze sind die Mie­ten der­art gestie­gen, dass sie häu­fig nur noch von sol­ven­ten Ket­ten getra­gen wer­den kön­nen. Ent­schei­dend ist jedoch, drit­tens, das Auf­kom­men neuer Wer­be­stra­te­gien über die Sozia­len Medien. Vor allem Insta­gram und Tik­Tok besche­ren den Food Start­ups ihren Erfolg. Die Bur­ger, Donuts und Zimt­sche­cken ver­kau­fen sich offen­bar weni­ger auf­grund ihrer Qua­li­tät, son­dern vor allem, weil sich über sie ein Lebens­stil aus­drü­cken lässt.

Liebe ist ein Keks

Um ein Pro­dukt zu ver­kau­fen, das hat etwa Wolf­gang Fritz Haug in sei­ner Kri­tik der Waren­äs­the­tik nach­ge­zeich­net, muss es sei­nen Käufer:innen ein plau­si­bles Gebrauchs­wert­ver­spre­chen bie­ten. Mit ande­ren Wor­ten muss die Ware vor dem Kauf über­zeu­gen, dass sie einen Zweck erfüllt. Bei Nah­rungs­mit­teln liegt die­ser in der Regel nach wie vor darin, dass sie bekömm­lich sind, Hun­ger stil­len und gut schme­cken. Geschmack und Genuss sind auch wich­tige Ver­spre­chen der von den Food Start­ups ver­trie­be­nen Pro­dukte. Sie gehen jedoch darin bei Wei­tem nicht auf. Ihr eigent­li­cher Gebrauchs­wert liegt weni­ger in mate­ri­el­len Qua­li­tä­ten, son­dern vor allem darin, dass sie als Zei­chen auf etwas Imma­te­ri­el­les verweisen.

Wer sich durch das Instagram-Konto von »Cin­na­mood« klickt, dem fal­len schnell Begriffe auf wie Pause, Aus­zeit, Freude und Beloh­nung. Haug hat gezeigt, dass die Waren­äs­the­tik sich zunächst der Spra­che der Men­schen bediente, um Pro­dukte zu bewer­ben, die bewor­be­nen Pro­dukte jedoch bald den Men­schen eine Spra­che gaben, um ihre Gefühle und Bedürf­nisse aus­zu­drü­cken. Wer also eine Aus­zeit braucht, der kauft eine Zimt­schne­cke, der belohnt sich. Bei »Schnit­zery«, ansäs­sig am Schä­fer­kamp, kann man, wie es bei Insta­gram heißt, »Freunde tref­fen, zusam­men essen und ein­fach den Moment genie­ßen«. Andere Läden wie die »New York Bagel Bar« ver­an­stal­ten auch Events wie sonn­täg­li­che Lauf­klubs mit Bagelverzehr.

Auch ihnen schmeckt es nicht – Schild generv­ter Anwohner:innen gegen­über von »Hakan Abi«. Foto: privat.

Ein wei­te­res wich­ti­ges Schlag­wort der Instagram-Kanäle ist »Liebe«. Bei »Cin­na­mood« fin­det es sich eben­falls auf der Fir­men­web­seite. Dort wird auch eine kleine Geschichte über die bei­den Gründer:innen, die ein Paar sind, erzählt: »Diese Liebe geht durch den Magen«. Die Zimt­schne­cken seien also nicht nur aus Liebe ent­stan­den, son­dern über deren Erwerb drückt man seine (Selbst-)Liebe aus. »This is me roman­ti­ci­zing my life«, heißt es pas­send auf dem Instagram-Kanal. Direkt gegen­über, bei »Ley’s Coo­kies«, wer­den Kekse gleich zum Lie­bes­be­weis: »Not­hing says ›I love you‹ like a heart cookie«.

Die kleine Geschichte über das »Cinnamood«-Liebespaar hat aber noch eine wei­tere Funk­tion: Sie ver­spricht Authen­ti­zi­tät und Gemein­schaft. Die Firmengründer:innen wer­den nur mit Vor­na­men, Anna und Luca, vor­ge­stellt. Sie wir­ken wie zwei gute Freund:innen, die einem nun etwas von den selbst­ge­ba­cke­nen Zimt­schne­cken abge­ben. Wie belie­big das ist, zeigt sich darin, dass sie nun auch eine Burger-Kette ins Leben geru­fen haben. Eine etwas andere Geschichte prä­sen­tiert die »New York Bagel Bar«, die eine Filiale in der Susan­nen­straße betreibt. Auf ihrem Instagram-Kanal kann man die »vier Freunde« – Laura, Pia, René und Johnny – dabei beob­ach­ten, wie sie mit gro­ßem Spaß Bagels ver­kau­fen. Neben­bei geben sie noch Tipps für soge­nannte Gründer:innen oder laden Influen­cer ein, indi­vi­du­elle Bagels zu kre­ieren. Selbst­ver­ständ­lich tei­len die vier Freunde »die Liebe zu authen­ti­schen New York Bagels«. Fast alle Ket­ten set­zen dabei auf das soge­nannte Influencer-Marketing, das die Pro­dukte im kum­pel­haf­ten »Du« als Ticket zu einer mehr oder weni­ger erle­se­nen Gemein­schaft anpreist.

Dialektik des Pappkartons

Das Influencer-Marketing zeigt auf Sei­ten der Kon­su­mie­ren­den erkenn­bar Wir­kung. Wer ein­mal län­gere Zeit vor einem Zimtschnecken-Laden steht, kann beob­ach­ten, dass so man­che, die dort ein Gebäck kau­fen, nicht dar­auf aus sind, die ver­spro­chene Aus­zeit zu genie­ßen. Viel­mehr zücken sie ihre Smart­phones, um die Zimt­schne­cke zu foto­gra­fie­ren. Sie repro­du­zie­ren die auf Insta­gram insze­nierte Waren­äs­the­tik auf ihren eige­nen Kanälen.

In einer Welt der pri­va­ti­sier­ten Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie posi­tio­nie­ren sich die Kon­su­mie­ren­den über ein ein­ge­kauf­tes Erleb­nis in Form einer Zimt­schne­cke oder auch eines Donuts als trend­be­wusste und genuss­freu­dige Sub­jekte. Dabei hilft wie­derum die Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­tion: Die ver­mark­te­ten Geschich­ten und Gefühle las­sen sich mit der eige­nen Per­sön­lich­keit ver­we­ben. Hinzu kommt, dass Online­ma­ga­zine wie »Ham­burg mit Ver­gnü­gen« die Eröff­nung und den Besuch der neuen Geschäfte zu einem Erleb­nis sti­li­sie­ren, woran nicht zuletzt auch die Online­ma­ga­zine verdienen.

Die Food Start­ups ver­kau­fen inso­fern nicht ein­fach Lebens­mit­tel, sie ver­kau­fen Con­tent. Mit die­sen Inhal­ten kann das auf Insta­gram und anderswo erzählte Leben offen­bar auf­ge­wer­tet wer­den. Dass sich dabei bis­wei­len gar nicht mehr unter­schei­den lässt, ob die vie­len Bil­der von Nah­rungs­mit­teln in den Sozia­len Medien von pro­fes­sio­nel­len und popu­lä­ren Influen­cern oder von Pri­vat­per­so­nen gepos­tet wur­den, ist ebenso wich­tig für das Funk­tio­nie­ren die­ses infor­mel­len Mark­tes. Um wie ein Star zu sein und sich wie ein sol­cher zu füh­len, bedarf es kei­ner beson­de­ren Qua­li­tä­ten mehr, son­dern nur noch eines Bur­gers oder eines Gebäckstücks. 

Ein sub­stan­zi­el­ler Bestand­teil des Gebrauchs­werts der Trend­nah­rung besteht also in der Tat nicht darin, als Lebens­mit­tel ver­zehrt zu wer­den. Die Pro­dukte die­nen viel­mehr als Medien – das Zei­chen­hafte der Ware wird zu ihrer eigent­li­chen Funk­tion. In die­sem Pro­zess geschieht nun wahr­lich Absur­des: Denn mit den Food Start­ups wird die Ver­pa­ckung der Lebens­mit­tel eigen­tüm­lich aufgewertet.

Auch Trend­be­wusste sind nicht immer ziel­si­cher. Foto: privat.

Wer sich bereits dar­über gewun­dert hat, warum ganze Stra­ßen­züge mit glit­zern­den oder auch neckisch bedruck­ten Papp­kar­tons ver­müllt sind, wird bei den Food Start­ups fün­dig. Die Ver­pa­ckung spielt für die Insze­nie­rung eine ent­schei­dende Rolle. Dabei diente ein Papp­kar­ton bis­lang neben sei­ner eigent­li­chen Funk­tion, Ver­pa­ckung zu sein, auch dazu, den Gebrauchs­wert der ent­hal­te­nen Ware anzu­prei­sen. Bei den Food Trends jedoch ist der Papp­kar­ton nicht mehr allein Teil der Waren­äs­the­tik, son­dern erhält selbst einen Gebrauchs­wert. Der Papp­kar­ton oder auch ‑becher ist sowohl ein Acces­soire für den Stadt­bum­mel als auch für die sozi­al­me­diale Insze­nie­rung. Befeu­ert wurde dies sicher­lich durch den Mitte der 2000er Jahre ent­stan­de­nen Online­trend des »Unboxings«, also das Aus­pa­cken von Waren vor der Kamera durch Influen­cer. Aber auch die Ver­pa­ckun­gen der Food­trends schi­cken sich bereits an, zu einem eigen­stän­di­gen pop­kul­tu­rel­len Phä­no­men zu wer­den: »Sag, willst du wirk­lich mit mir sein, Baby? Denn nichts ist umsonst, uh / Also komm bloß nicht nach Haus ohne Brammibal’s in tau­send Kar­tons, uh«, heißt es etwa bei der Musi­ke­rin Shirin David.

Sinnlose Straßenzüge

Man­che Food Start­ups – so unter ande­rem die Zimtschnecken-Kette – wer­ben auch mit dem Begriff des cra­vings, also eines star­ken Ver­lan­gens, das über den Erwerb des jewei­li­gen Lebens­mit­tels zu befrie­di­gen sei. Das ist in einer Welt, in der der Gebrauchs­wert der Waren zwar nicht ver­schwin­det, sich jedoch inso­fern wan­delt, dass er sich weni­ger auf ihre mate­ri­el­len, son­dern reprä­sen­ta­ti­ven Qua­li­tä­ten bezieht, bemerkenswert.

Mit dem Begriff des cra­vings zei­gen die Food Start­ups an, dass sie etwas her­stel­len, was aus einer phy­sio­lo­gi­schen Not­wen­dig­keit, aus einem kör­per­li­chen Bedürf­nis her­aus gebraucht würde. Dass auch diese Geschichte ver­fängt, mag daran lie­gen, dass eine gewisse Sehn­sucht nach eben­sol­chen basa­len Bedürf­nis­sen besteht. Schließ­lich nimmt – im sel­ben Tempo wie die Filia­len der Food Start­ups – die Zahl an Fit­ness­stu­dios zu, die offen­bar ein ähn­li­ches Begeh­ren nach Kör­per­lich­keit in einer Zeit anzei­gen, in der Mus­keln ihre Funk­tion, Arbeit zu ver­rich­ten, wei­test­ge­hend ver­lo­ren haben. Doch so wie auch in Fit­ness­stu­dios der Kör­per pri­mär zu reprä­sen­ta­ti­ven Zwe­cken gestählt wird, basiert auch das Geschäfts­mo­dell der Food Start­ups nicht dar­auf, etwas her­zu­stel­len, das auf­grund eines tat­säch­li­chen kör­per­li­chen Ver­lan­gens gebraucht wird. Es basiert vor allem dar­auf, sozi­al­me­dial teil­bare Inhalte – Erleb­nisse und Geschich­ten – zu verkaufen.

Je mehr sich jedoch der städ­ti­sche Raum durch diese digi­tale Selbst­in­sze­nie­rung ver­än­dert, desto sinn­lo­ser wird er. Orte tat­säch­li­cher Gemein­schaft und sol­che, an denen sich nütz­li­che Dinge erwer­ben las­sen, wer­den ein­ge­tauscht gegen Erzäh­lun­gen von ihnen. Und noch wäh­rend über diese Zei­len nach­ge­dacht wurde, schloss ein offen­bar erfolg­lo­ser Trend-Saftladen am Neuen Pfer­de­markt und wurde durch eine Filiale einer aus Ber­lin stam­men­den Instagram-Café-Kette unter dem Namen »A Never Ending Love Story« ersetzt – ein nicht enden wol­len­der Stumpfsinn.

Johan­nes Rad­c­zinski, April 2026

Beim Schlen­dern durch den Stadt­teil – gerne auch mal mit einer Tüte Eis – ver­folgt der Autor, wie sich die Stern­schanze ver­än­dert. Die­ser eth­no­lo­gi­sche Blick schlug sich auf Untie­fen unter ande­rem in Arti­keln über den soge­nann­ten »Grü­nen Bun­ker« oder auch die hier anzu­tref­fende Rekon­struk­ti­ons­ar­chi­tek­tur nieder.

* Der Titel des Bei­trags wurde geän­dert. Der ursprüng­li­che Titel ent­hielt den Begriff »Schwach­sinn«, der als medizinisch-juristischer Begriff die Aus­gren­zung und Ver­fol­gung von Men­schen mit Behin­de­rung legi­ti­mierte. Um die Behin­der­ten­feind­lich­keit die­ses Begriffs nicht zu repro­du­zie­ren, haben wir den Titel geän­dert. Es tut uns Leid, dass wir den ableis­ti­schen Begriff ursprüng­lich ver­wen­det haben.

Autoritäre Feindmarkierungen

Autoritäre Feindmarkierungen

Meh­rere Vor­fälle der ver­gan­ge­nen Wochen zei­gen, wie aggres­siv anti­zio­nis­ti­sche Linke gegen Anders­den­kende vor­ge­hen. Weil Bünd­nisse oft nicht kon­se­quent gegen auto­ri­täre Grup­pen vor­ge­hen, wer­den Spal­tun­gen unaus­weich­lich: Eman­zi­pa­to­ri­sche Linke bil­den neue Zusammenschlüsse.

»for uni­ver­sal femi­nist soli­da­rity«: Abschluss­kund­ge­bung der Kompliz:innen-Demo an der Flora. Foto: Femi­nism Unlimited.

Am 8. März, dem inter­na­tio­na­len femi­nis­ti­schen Kampf­tag, fan­den in Ham­burg die­ses Jahr zwei Ver­samm­lun­gen par­al­lel statt. Neben der Demons­tra­tion des seit 2019 akti­ven Bünd­nis­ses 8M, die dies­mal etwa 10.000 Teil­neh­mende umfasste, star­tete am Hans-Albers-Platz eine wei­tere Demo: Rund 2.300 Men­schen ver­sam­mel­ten sich dort unter dem Motto »Unsere Kämpfe sind ver­bun­den. Unsere Soli­da­ri­tät auch. Am 8. März auf die Straße!«. Auf­ge­ru­fen hatte das neue Bünd­nis Kompliz*innen zum 8. März, um für uni­ver­sel­len Femi­nis­mus und gegen Faschis­mus, Que­er­feind­lich­keit, Miso­gy­nie, Ras­sis­mus und Anti­se­mi­tis­mus zu demons­trie­ren, – Grund­sätze, die die »Kompliz:innen« auf der 8M-Demo nicht gewahrt sahen.

Bereits im ver­gan­ge­nen Jahr hat­ten die Gewerk­schafts­frauen vom DGB und von ver.di keine Mög­lich­keit mehr gese­hen, sich am Bünd­nis zum 25. Novem­ber zum Tag der Gewalt gegen Frauen zu betei­li­gen, weil die dort ver­tre­te­nen autoritär-linken Grup­pie­run­gen Young Struggle und Zora nicht bereit waren, den miso­gy­nen Ter­ror der Hamas vom 7. Okto­ber 2023 als sol­chen zu ver­ur­tei­len. Im Februar trat auch die Grüne Jugend aus dem Bünd­nis 8M aus. Was ihre Vertreter:innen über die Zustände im Bünd­nis berich­ten, ver­deut­licht die Trag­weite des Problems.

Bündnis 8M: »Me too, unless you’re a jew«?

Aus­lö­ser für den Aus­tritt der Grü­nen Jugend war eine Aus­sage von Mit­glie­dern des Bünd­nis­ses auf einem Tref­fen im Februar zur Vor­be­rei­tung  der 8.-März-Demonstration. »Unsere Vertreter:innen wur­den dort unter ande­rem mit der Aus­sage kon­fron­tiert, dass sich weder israe­li­sche Frauen bei der kom­men­den Demons­tra­tion will­kom­men füh­len sol­len noch jüdi­sche Frauen sich auf der Demo sicher füh­len müs­sen«, erklärt Leon Meyer von der Grü­nen Jugend Ham­burg im Gespräch mit dem Autor. Nach dem Bünd­nis­tref­fen erklärte die Grüne Jugend des­we­gen ihren Aus­tritt aus dem Bünd­nis, wie ihr Lan­des­spre­cher erläu­tert: »Diese anti­se­mi­ti­sche Ent­glei­sung blieb inner­halb des Bünd­nis­ses wei­test­ge­hend unwi­der­spro­chen und ist für uns inakzeptabel.«

Gegen eine wei­tere Mit­ar­beit im Bünd­nis 8M spricht für die Grüne Jugend auch, was unmit­tel­bar nach dem Tref­fen pas­sierte: »Es kam im Nach­gang des Tref­fens zu einem trans­feind­li­chen Über­griff, bei dem unser:e Landessprecher:in Carro, nicht­bi­när, von Vertreter:innen ande­rer Orgas, die zuvor auf dem Bünd­nis­tref­fen anwe­send waren, absicht­lich und her­ab­wür­di­gend mit ›Es‹ ange­spro­chen wurde«, kri­ti­siert Meyer. Die Grüne Jugend erklärte Mitte Februar öffent­lich ihren Aus­tritt aus dem Bünd­nis 8M.

Das Bünd­nis ant­wor­tete mit einer schrift­li­chen Erklä­rung: Die Ent­schei­dung der Grü­nen Jugend, ihre Kri­tik öffent­lich zu for­mu­lie­ren statt den inter­nen Dia­log zu suchen, wird darin als »schade und auch unso­li­da­risch« bezeich­net. Der trans­feind­li­che Über­griff werde auf­ge­ar­bei­tet wer­den, sei aber ohne­hin »außer­halb des Bünd­nis­ses pas­siert, nach dem Bündnistreffen«.

Antisemit:innen, die keine sein wollen

Den Vor­wurf anti­se­mi­ti­scher State­ments auf dem Vor­be­rei­tungs­tref­fen weist das Bünd­nis 8M »ganz klar zurück«: »Die wei­te­ren Grup­pen haben keine der gefal­le­nen Aus­sa­gen als anti­se­mi­tisch wahr­ge­nom­men und hät­ten andern­falls auch klar Posi­tion dage­gen bezo­gen.« Und was nicht als anti­se­mi­tisch wahr­ge­nom­men wird, kann ja wohl nicht anti­se­mi­tisch sein, scheint hier der Kon­sens zu sein. Und über­haupt: »Wozu wir ganz klare Worte fin­den wol­len, ist der Vor­wurf, es wäre eine Aus­sage gefal­len, die sich direkt gegen jüdi­sche Men­schen, kon­kret jüdi­sche Frauen gerich­tet hätte. Eine sol­che Aus­sage hätte für jede Gruppe in unse­rem Kreis eine rote Linie dar­ge­stellt und wäre nicht gedul­det wor­den. Keine der ande­ren Grup­pen inner­halb des Bünd­nis­ses kann sich an eine sol­che Aus­sage erin­nern – im Gegenteil.«

Das Schild ist lila, immer­hin. »Kämp­fe­ri­scher Femi­nis­mus« im anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Block am 8. März. Foto: Screen­shot Insta­gram.

Meint »im Gegen­teil«, sich aktiv um die Teil­nahme jüdi­scher Frauen bemüht zu haben? Die Anfrage des Autors zu den Vor­wür­fen der Grü­nen Jugend wurde vom Bünd­nis 8M lei­der nicht beant­wor­tet. Die Demons­tra­tion des Bünd­nis­ses am 8. März jeden­falls ver­mit­telte einen ande­ren Ein­druck. Im »anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Block« des Offe­nen femi­nis­ti­schen Tref­fens (OFT) und des 2026 neu gegrün­de­ten Offe­nen Tref­fens für Frie­den und Inter­na­tio­na­lis­mus (OTFI) etwa domi­nier­ten Paro­len aus der anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Mot­ten­kiste. Beide Zusam­men­hänge rufen auch zur anti­zio­nis­ti­schen Groß­demo »Stop Nakba Now« am 16. Mai auf, für die bun­des­weit nach Ham­burg mobi­li­siert wird.

Kompliz:innen gegen Antisemitismus

Leon Meyer von der Grü­nen Jugend sagte, man hoffe »auf eine interne kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung und die Zie­hung von Kon­se­quen­zen«.  Die Gruppe Femi­nism Unli­mi­ted Ham­burg, die das Bünd­nis »Kompliz*innen zum 8. März« mit­in­iti­iert hat, hegt sol­che Hoff­nun­gen nicht mehr: »Wir waren nie im Bünd­nis 8M, gerade wegen des­sen Umgang mit Anti­se­mi­tis­mus«, erklärt die Gruppe auf Anfrage. Im Auf­ruf heißt es klar: »Doch anstatt soli­da­risch zusam­men­zu­ste­hen, mobi­li­sie­ren links­au­to­ri­täre Grup­pen gegen selbst­ver­wal­tete Orte wie das Conne Island oder die Rote Flora und neh­men die Quer­front mit Coronaleugner:innen und rech­ten Grup­pen zumin­dest bil­li­gend in Kauf. Umso wich­ti­ger ist es für uns als FLINTA* soli­da­risch und hand­lungs­fä­hig zu bleiben!«

Der Grund­satz der Kompliz:innen-Demo in a nuts­hell. Foto: Femi­nism Unli­mi­ted.

Wäh­rend beim Bünd­nis 8M wie­der Palästina-Flaggen weh­ten, posi­tio­niert sich das Kompliz:innenbündnis ein­deu­tig gegen Natio­na­lis­mus und jeden Anti­se­mi­tis­mus – und wird des­we­gen von links­au­to­ri­tä­ren Grup­pie­run­gen wohl als Feind:in gese­hen. Am 21. Februar kam es zu einem Angriff im Ham­bur­ger Schan­zen­vier­tel. Eine Per­son wurde beim Pla­ka­tie­ren aggres­siv ange­gan­gen, ob sie sich »nicht schäme, eine anti­deut­sche Scheiße zu ver­kle­ben«. Auch die Worte »Israel scheiße« seien gefal­len, berich­tet Toni von den Kompliz:innen im Gespräch mit dem Autor. Die von acht Per­so­nen bedrängte pla­kat­kle­bende Per­son habe dann in einer Kneipe Schutz gesucht. »Anschlie­ßend muss­ten wir fest­stel­len, dass viele der Pla­kate abge­ris­sen wur­den«, sagt Toni. Femi­nism Unli­mi­ted Ham­burg erklärte dazu in einem State­ment: »Wir wer­ten die­sen Vor­fall als anti­fe­mi­nis­ti­schen und anti­se­mi­ti­schen Angriff auf unsere Demonstration.«

Abge­ris­sene Pla­kate für die Kompliz:innen-Demo. Quelle: Femi­nism Unli­mi­ted Hamburg

Wer waren die Angrei­fen­den? »Wir ver­mu­ten, dass zumin­dest eine der Per­so­nen der Gruppe Young Struggle zuzu­ord­nen ist«, erklärt Toni. Nach­dem die Atta­cke auf Insta­gram öffent­lich gemacht wurde, gab es dort viele Soli­da­ri­täts­be­kun­dun­gen in Form von Kom­men­ta­ren und Sto­ries: »Es freut uns sehr zu sehen, wie viele Men­schen uns unter­stüt­zen, das zeigt uns, dass wir nicht alleine sind«, betont Toni: »Unsere große und kraft­volle Demo am 8. März war auch dazu da, ein Zei­chen zu set­zen, dass es immer noch eine femi­nis­ti­sche Bewe­gung gibt, die sich nicht von auto­ri­tä­ren Grup­pen ein­schüch­tern lässt.«

Antisemitismus in der ganzen Stadt

Gleich­zei­tig neh­men in der Ham­bur­ger Stadt­ge­sell­schaft anti­se­mi­ti­sche Angriffe zu: »Anti­se­mi­ti­sche Vor­fälle machen einen rele­van­ten Teil der ins­ge­samt gemel­de­ten Vor­fälle aus, davon ist ein gro­ßer Teil dem israel­be­zo­ge­nen Anti­se­mi­tis­mus zuzu­ord­nen«, betont die Pro­jekt­lei­te­rin von Hint.hamburg im Gespräch mit dem Autor. Hint.hamburg ist eine neue Hin­weis­stelle für ras­sis­ti­sche, anti­se­mi­ti­sche und rechte Vor­fälle und steht unter dem Dach der Lawaetz-Stiftung. Sie löst das Pro­jekt memo des Ver­eins empower ab, das zuvor in der Kri­tik stand, weil es keine Zah­len zu anti­se­mi­ti­scher Gewalt ver­öf­fent­lichte (Untie­fen berich­tete). Auch wenn ihr ers­ter Jah­res­be­richt erst im Som­mer vor­lie­gen wird, kann die Pro­jekt­lei­te­rin, die nicht nament­lich genannt wer­den möchte, schon jetzt die Mel­dung zahl­rei­cher anti­se­mi­ti­scher Vor­fälle bestä­ti­gen, »dar­un­ter vor allem For­men anti­se­mi­ti­scher Mar­kie­rung des öffent­li­chen Raums, durch zum Bei­spiel Sti­cker und Sprühereien«.

Doku­men­ta­tion und Recher­che betrei­ben auch der Ver­ein bag­rut e.V. und der Instagram-Kanal @antisemitismusradarhh. Beide doku­men­tier­ten anti­se­mi­ti­sche Mord­dro­hun­gen wie »Zyklon B gegen Nazio­nis­ten« oder »Hap­oel Hipsters – 9mm für Zios« an Haus­wän­den in Wil­helms­burg und Sankt Pauli. Im Ham­bur­ger Stadt­teil Barm­bek wurde mit einer Sprüh­scha­blone auf zahl­rei­che städ­ti­sche Müll­ei­mer der Text »Israel, du Sau« gesprüht, neben der Sil­hou­ette eines Schwei­nes – unter Ver­wen­dung des alten anti­ju­da­is­ti­schen Motivs der ›Juden­sau‹ also. Zum Unkennt­lich­ma­chen dar­über geklebte Antifa-Aufkleber wur­den an eini­gen Orten abge­ris­sen, oder empört mit dem Kom­men­tar „Linke Nazis!“ versehen.

Der Antisemitismus-Radar macht auch auf anti­se­mi­ti­sche Umtriebe an der Uni auf­merk­sam, die dort vor allem in Form der BDS-Kampagne (Boy­cott, Divest, Sanc­tions) zu beob­ach­ten sind. Im Dezem­ber etwa war­ben die »Stu­dents for Pal­es­tine Ham­burg« für eine BDS-Veranstaltung im stu­den­tisch selbst­ver­wal­te­ten Café Knall­hart und auf dem »AStA Win­ter­markt«. Israel­boy­kott »mit lecke­rem Essen!«.

Diese Auf­zäh­lung ließe sich noch lange fort­set­zen. Seit dem 7. Okto­ber 2023, dem Angriff der Hamas auf Israel, stei­gen die Zah­len anti­se­mi­ti­scher Vor­fälle, in Ham­burg wie deutsch­land­weit. Für Ham­burg heißt das kon­kret: 2023 wur­den 132 anti­se­mi­ti­sche Straf­ta­ten regis­triert, 2024 bereits 249, für 2025 zählte die Poli­zei 110 anti­se­mi­ti­sche Straf­ta­ten, wie die Ant­wor­ten des Senats auf die letz­ten quar­tals­wei­sen Anfra­gen von Deniz Celik, Bür­ger­schafts­ab­ge­ord­ne­ter für Die Linke, erge­ben.1Die Zahl ergibt sich, wenn man die Fälle aus den vier Quar­tals­be­rich­ten addiert. Die Berichte fin­den sich hin­ter fol­gen­den Links: 1.Quartal, 2. Quar­tal, 3. Quar­tal, 4. Quar­tal.

Eine hohe Dunkelziffer

Diese Zah­len zei­gen aber nur einen Teil der Rea­li­tät, »weil vie­les nicht ange­zeigt wird«, so Ste­fan Hen­sel, der kürz­lich zurück­ge­tre­tene ehe­ma­lige Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­tragte Ham­burgs, im Gespräch mit dem Autor. Dies belege die 2024 ver­öf­fent­lichte Stu­die »Jüdi­sches Leben und All­tag in Ham­burg«, für die »das erste Mal eine ganze jüdi­sche Gemeinde befragt wurde«.2Die Stu­die ist als Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der Aka­de­mie der Poli­zei Ham­burg, der Poli­zei­aka­de­mie Nie­der­sach­sen, der Jüdi­schen Gemeinde in Ham­burg und der Gleich­stel­lungs­be­hörde auf Initia­tive des Ham­bur­ger Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten erar­bei­tet wor­den. Ste­fan Hen­sel ist selbst Mit­glied der Jüdi­schen Gemeinde Ham­burg. Im Rah­men einer schrift­li­chen, anony­men Befra­gung in Ham­burg im Zeit­raum vom 13.11.2023 bis 7.2.2024 nah­men 548 der 1.200 voll­jäh­ri­gen Mit­glie­der der jüdi­schen Gemeinde teil.

77 Pro­zent der Befrag­ten gaben an, in den letz­ten zwölf Mona­ten von anti­se­mi­ti­schen Vor­fäl­len betrof­fen gewe­sen zu sein. Etwa 55 Pro­zent der Befrag­ten waren laut Stu­die von straf­recht­lich rele­van­ten anti­se­mi­ti­schen Vor­fäl­len betrof­fen. Dabei wur­den Belei­di­gun­gen und Bedro­hun­gen online und auch außer­halb des Inter­nets häu­fi­ger ange­ge­ben als kör­per­li­che Über­griffe, Beläs­ti­gung oder Ver­fol­gung. Etwa zwei Drit­tel der­je­ni­gen Befrag­ten, die eine anti­se­mi­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung erlebt haben, füh­ren diese auf den Krieg ab dem 7. Okto­ber in Israel und Gaza zurück.

Die über­wie­gende Mehr­heit der­je­ni­gen, die von anti­se­mi­ti­schen Vor­fäl­len berich­ten, zeigt diese nicht an. Das deckt sich auch mit Ste­fan Hen­sels Erfah­run­gen. Ihn als  ehe­ma­li­gen Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten errei­chen viele Berichte von Gemein­de­mit­glie­dern über Belei­di­gun­gen, Bedro­hun­gen, Sach­be­schä­di­gun­gen. Vie­les davon wird nicht bekannt, weil die Betrof­fe­nen nicht an die Öffent­lich­keit gehen.

Wenn jüdi­sches Leben als sol­ches erkenn­bar sei, so Hen­sel, seien die Zah­len ekla­tant höher. »Und Zah­len kön­nen ohne­hin nicht erklä­ren, was hier eigent­lich pas­siert. Wenn der Nach­bar plötz­lich nicht mehr mit dir spricht, weil du Jude bist – dann lässt sich das nicht anzei­gen.« Viele der Ham­bur­ger Gemein­de­mit­glie­der seien als Kon­tin­gent­flücht­linge aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­union gekom­men. »Die sind groß­teils arm und dadurch nicht mobil, sie müs­sen mit ihren Nach­bar­schaf­ten aus­kom­men. Und trauen sich dann auch im 13. Stock­werk nicht, die Cha­nuk­kia ins Fens­ter zu stel­len«, erläu­tert Ste­fan Hensel.

Ein Fall, der öffent­lich wurde, ist die anti­se­mi­ti­sche Beschä­di­gung eines Brief­kas­tens in einem Mehr­fa­mi­li­en­haus im Februar: In ihn wurde das Wort »Jude« geritzt. Hen­sel repos­tete das Foto und schrieb dazu: Wer einen jüdi­schen Haus­halt mar­kiere, setzte »kein poli­ti­sches State­ment«, son­dern »eine Drohmarke«. 

Unverhohlene Drohungen

Eben­falls im Februar hat eine Anwoh­ne­rin aus Otten­sen einen Angriff auf ihre Woh­nung öffent­lich gemacht. Dem Autor schil­derte sie, was pas­siert ist: »Vom 16. auf den 17. Februar wur­den unsere pri­va­ten Woh­nungs­fens­ter groß­flä­chig mit einem Roten Drei­eck besprüht, dem Zei­chen der miso­gy­nen und faschis­ti­schen Hamas, mit dem die Ter­ror­or­ga­ni­sa­tion ihre Feinde mar­kiert und sie bedroht.« Das rote Drei­eck ist mit­tig zwi­schen zwei DIN-A-4-große Pla­kate plat­ziert wor­den. Auf den Pla­ka­ten stand: »Rape is not Resis­tance – In Geden­ken an die Betrof­fe­nen sexua­li­sier­ter Gewalt am 7. Okto­ber und in Krie­gen welt­weit.« Der Opfer des Hamas-Überfalls am 7. Okto­ber 2023 auf einem Woh­nungs­fens­ter zu geden­ken, reichte aus, um bedroht zu werden.

Unver­hoh­lene Dro­hung: Wer der Opfer des 7. Okto­ber gedenkt, wird als Feind mar­kiert. Foto: privat.

»Wir sind scho­ckiert und wütend über die­sen aggres­si­ven Angriff auf unsere Mei­nungs­äu­ße­rung, die auch gegen unsere eigene Per­son, unsere Sou­ve­rä­ni­tät geht«, erklärt die Anwoh­ne­rin. »Die Kom­bi­na­tion der Zei­chen deu­tet dar­auf hin, dass die­ser Sprüh­an­griff aus lin­ken auto­ri­tä­ren Struk­tu­ren erfolgt ist, die sich sta­li­nis­tisch oder kom­mu­nis­tisch ver­or­ten. Das ist keine linke Poli­tik, das ist kon­krete Ein­schüch­te­rung«, betont die Anwoh­ne­rin. »Weil das Rote Drei­eck auch Aus­lö­schungs­fan­ta­sien beinhal­tet, haben wir diese Sprüh­be­dro­hung bei der Poli­zei ange­zeigt, denn das ist nicht irgend­ein Tag oder Spruch.« 

Ihr ist es wich­tig zu beto­nen, dass sie als Wohnungsbewohner:innen mit den Pla­ka­ten im Fens­ter nicht pro­vo­zie­ren, son­dern ihre Hal­tung bekun­den woll­ten. »Denn, sich gegen sexua­li­sierte und patri­ar­chale Gewalt welt­weit und auch gegen die Gewalt an Jüdin­nen und Juden aus­zu­spre­chen, ist für uns ein Mini­mal­kon­sens, der für eine poli­tisch linke Bewe­gung selbst­ver­ständ­lich sein sollte.«

Eine Soli­da­ri­täts­er­klä­rung, die unter ande­rem vom Ham­bur­ger Bünd­nis gegen Rechts und vom anar­chis­ti­schen Bücher­café Incito unter­zeich­net wurde, betont eben­falls die­sen Kon­sens und kri­ti­siert scharf eine auto­ri­täre poli­ti­sche Pra­xis, die auf »Ein­schüch­te­run­gen, Mar­kie­run­gen oder Droh­ge­ba­ren« setzt. Das Plä­doyer für »Kri­tik, Dis­kus­sion und auch kon­tro­verse poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung« scheint aller­dings viele nicht mehr zu errei­chen: Im Stadt­teil Otten­sen im Februar ver­klebte Pla­kate mit dem Text »Rape is not Resis­tance« wur­den schnell abgerissen.

Gas­ton Kirsche

Der Autor schrieb für Untie­fen bereits über das Geden­ken an Rama­zan Avcı und den Film Antifa – Hand in Hand, wo der Staat ver­sagte.

  • 1
    Die Zahl ergibt sich, wenn man die Fälle aus den vier Quar­tals­be­rich­ten addiert. Die Berichte fin­den sich hin­ter fol­gen­den Links: 1.Quartal, 2. Quar­tal, 3. Quar­tal, 4. Quar­tal.
  • 2
    Die Stu­die ist als Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der Aka­de­mie der Poli­zei Ham­burg, der Poli­zei­aka­de­mie Nie­der­sach­sen, der Jüdi­schen Gemeinde in Ham­burg und der Gleich­stel­lungs­be­hörde auf Initia­tive des Ham­bur­ger Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten erar­bei­tet worden.

Interview zum Buch: »Versammlung der Mikropolitiken«

Interview zum Buch: »Versammlung der Mikropolitiken«

Ein neues Buch aus der Ham­bur­ger Recht-auf Stadt-Bewegung ver­sam­melt stadt­po­li­ti­sche Ideen zur Arbeit auf nach­bar­schaft­li­cher Ebene. Wir haben mit Lisa Zan­der und Marius Töp­fer über das Buch gespro­chen. Sie haben es gemein­sam mit Kay­oung Kim und Thies Warnke her­aus­ge­ge­ben und sind zugleich aktiv im Stadt­teil­zen­trum Mikro­pol in Rothen­burg­sort.

»Ver­samm­lung der Mikro­po­li­ti­ken« erschien Ende 2025 beim Ham­bur­ger adocs-Verlag. Foto: adocs.

Vom Ham­bur­ger Netz­werk »Recht auf Stadt« ist in den letz­ten Jah­ren wenig zu hören gewe­sen. Jün­gere Kam­pa­gnen zur Woh­nungs­frage wie »Ham­burg Ent­eig­net« schei­nen wenig Mobi­li­sie­rungs­wir­kung zu haben. Und das obwohl die Miet‑, Bau- und Grund­stücks­preise allein einen gro­ßen Teil der Stadt­be­völ­ke­rung täg­lich ärmer machen. Ganz zu schwei­gen von immer unzu­ver­läs­si­ger wer­den­der urba­ner Infra­struk­tur, ver­dräng­ten Clubs und dem Ver­schwin­den selbst­ge­stal­te­ter Räume und Frei­flä­chen. Ist also die Bewe­gung für ein Recht auf Stadt in Ham­burg auf dem Rück­zug? Ein kürz­lich von Ham­bur­ger Stadtteilaktivist:innen her­aus­ge­brach­tes Buch bestrei­tet das. Im Ham­bur­ger adocs-Verlag erschien im Dezem­ber 2025 »Ver­samm­lung der Mikro­po­li­ti­ken«. Es geht zurück auf ein Tref­fen inter­na­tio­na­ler stadt­po­li­ti­scher Initia­ti­ven, das 2023 aus dem Mikro­pol in Rothen­burg­sort her­aus orga­ni­siert wurde. Auf gut 200 Sei­ten ver­eint es Stadt­theo­rie, Bewegungs-Selbstreflektion und pho­to­gra­phi­sche Ein­bli­cke in die ver­schie­de­nen Praktiken.

Den Herausgeber:innen zu Folge ist der stadt­po­li­ti­sche Akti­vis­mus kei­nes­wegs ver­schwun­den, er hat nur seine Form ver­än­dert. Er tritt nicht mehr offen­siv poli­tisch, son­dern in Form von Nach­bar­schafts­in­itia­ti­ven, Gesund­heits­zen­tren, Genos­sen­schaf­ten auf, die in ihren jewei­li­gen Vier­teln anset­zen. Diese Form nen­nen sie mit den fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Gil­les Deleuze und Félix Guat­tari »Mikro­po­li­tik«. Der in den 1960er Jah­ren geprägte Begriff brachte damals eine Kri­tik an den eta­blier­ten lin­ken Poli­tik­an­sät­zen zum Aus­druck. Statt Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen wie kom­mu­nis­ti­sche Par­teien oder sozia­lis­ti­sche Gewerk­schaf­ten rückte er die Bedeu­tung des all­täg­li­chen Han­delns für gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung in den Mit­tel­punkt. Wir haben mit Lisa Zan­der und Marius Töp­fer, zwei der Herausgeber:innen, im Mikro­pol über ihr Buch gespro­chen und dar­über, was diese Kri­tik für heu­tige Stadt­po­li­tik bedeu­ten kann.


Untie­fen: Lisa und Marius, mit dem Pro­jekt Mikro­pol in Rothen­burg­sort betreibt ihr Stadt­an­eig­nung abseits der Sze­ne­vier­tel und außer­halb der erprob­ten lin­ken poli­ti­schen For­men. Mit eurem Buch spannt ihr über diese lokale Arbeit hin­aus einen grö­ße­ren Rah­men und ver­or­tet euer nach­bar­schaft­li­ches Han­deln inter­na­tio­nal und auch theo­re­tisch. Das Buch ver­eint sehr kon­krete Berichte und Beschrei­bun­gen loka­ler stadt­po­li­ti­scher Prak­ti­ken mit theo­re­ti­schen Reflek­tio­nen, dar­un­ter ein weit­rei­chen­der Bei­trag des spa­ni­schen Stadt­theo­re­ti­kers Kike España. Was war die Moti­va­tion, jetzt die­ses Buch zu machen?

Lisa Zan­der: Die Ver­samm­lung, die in dem Buch doku­men­tiert wird, ist aus einem Buch­club rund um das Buch »Die sanfte Stadt« von Kike España ent­stan­den. Kike schreibt dort in der Ein­lei­tung, dass er die theo­re­ti­sche Refle­xion nicht höher bewer­ten möchte als das Auf­räu­men nach Ver­an­stal­tun­gen oder das Klo zu put­zen – dass er es aber wich­tig fin­det, Dinge fest­zu­hal­ten und etwas zu haben, woran man dis­ku­tie­ren kann. Auch ein Buch von »rotor« aus Graz war wich­tig für uns. Die haben auch nach einem Kon­gress Texte zusam­men­ge­sam­melt, die für uns plötz­lich Prak­ti­ken von ent­fern­ten Leu­ten nah und zugäng­lich gemacht haben. Zum Bei­spiel vom Ate­lier d’Architecture Auto­gé­rée (AAA) aus Paris. Letzt­end­lich war es bei uns auch so: Wir woll­ten unsere Arbeit reflek­tie­ren, fest­hal­ten und dis­ku­tie­ren was Mikro­po­li­tik ist und sein kann, damit andere anknüp­fen können.

Marius Töp­fer: Wie du anfangs sag­test, sind wir hier nicht in einem Sze­ne­vier­tel. Auch des­halb liegt uns die theoretisch-konzeptionelle Arbeit am Her­zen. Das was hier im Klei­nen und etwas Abseits pas­siert, läuft ohne diese Refle­xion viel­leicht Gefahr, iso­liert zu blei­ben. Das theo­re­ti­sche Reflek­tie­ren und auch das in In-Beziehung-Setzten mit inter­na­tio­na­len Pro­jek­ten macht das Eigene dann auch grö­ßer und wirk­mäch­ti­ger.
Die Ver­samm­lung, zu der wir inter­na­tio­nal ein­ge­la­den haben, hatte jeden­falls die­sen Effekt auf unser eige­nes Tun. Leute merk­ten auf ein­mal, was das für eine Dimen­sion haben kann, in einem Toi­let­ten­haus Nach­bar­schafts­ar­beit zu machen. Weil wir unsere Arbeit in Bezie­hung gesetzt haben mit bei­spiels­weise Initia­ti­ven wie »L’A­près M«, die in Mar­seille einen McDonald’s besetzt haben und ihn jetzt sel­ber betreiben.

Eröff­nungs­tag der »Ver­samm­lung der Mikro­po­li­ti­ken«, 2023 am Mikro­pol. Foto: Miguel Ferraz.

Untie­fen: Die Bei­träge in eurem Buch  beto­nen ins­ge­samt sehr stark das All­täg­li­che und das Lokale als Ansatz­punkt der poli­ti­schen Arbeit. Es geht viel um Nach­bar­schaf­ten, um das Sich-Kennenlernen. Was ist für euch das Wich­tige daran?

Marius Töp­fer: Ich glaube, für uns ist das so wich­tig, weil wir im Jetzt eine andere Zukunft her­stel­len wol­len, eine andere Form des Stadt­be­woh­nens, des Welt­be­woh­nens. Das ist sehr stark im All­tag ver­an­kert. Und wir haben das hier in die­sem Stadt­teil als guten Modus gefun­den, um zusam­men zu arbei­ten. Poli­tisch zu arbei­ten, obwohl man das viel­leicht gar nicht von vorn­her­ein denkt, dass man das tut.

Lisa Zan­der:  Wir glau­ben: wenn eine Ver­än­de­rung nicht auf der klei­nen Ebene funk­tio­niert, dann funk­tio­niert sie auch nicht im Gro­ßen. Für uns war in die­ser Hin­sicht auch »Bezie­hungs­weise Revo­lu­tion« von Bini Adamc­zak ein wich­ti­ger Bezugs­punkt. Wenn wir über andere Zukünfte nach­den­ken, dür­fen wir nicht nur mit gro­ßen Wür­fen han­tie­ren, son­dern müs­sen pro­zess­haft den­ken und die Bezie­hun­gen im Klei­nen verändern.

Marius Töp­fer: Die gro­ßen Ziele sind bei uns natür­lich trotz­dem im Fokus. Wir woll­ten bei­spiels­weise nie nur die­ses kleine Toi­let­ten­haus, son­dern wir wol­len ein gro­ßes Stadt­teil­zen­trum für die Nach­bar­schaft. Das wol­len wir von hier aus zusam­men erpro­ben, erstrei­ten, erle­ben. Und nicht zuletzt: der Fokus aufs All­täg­li­che ändert auch ein­fach etwas am Leben, es macht auch unser Leben besser.

Untie­fen: À pro­pos Stadt­teil­zen­trum Rothen­burg­sort: Wenn ich die Ent­ste­hungs­ge­schichte des Mikro­pol rich­tig ver­stehe, wurde das Zen­trum »Rothen­burg« abge­ris­sen, ohne einen Ersatz. Dort habt ihr ein­ge­hakt. Jetzt kommt aber ein neues Haus, habe ich das rich­tig gese­hen? Wann wird das sein? Wie weit ist das?

Uns war noch etwas klar: statt nur zu for­dern, orga­ni­sie­ren wir das selbst.

Marius Töp­fer: Das wird hof­fent­lich 2029 fer­tig­ge­stellt. Es wird etwa 300 Meter Luft­li­nie von hier ent­ste­hen, beim Enten­wer­der Park, zwi­schen Brannt­wein Mono­pol und Holi­day Inn. Ja, der Abriss war der Aus­gangs­punkt des Mikro­pol. Die »Rothen­burg« wurde abge­ris­sen, wir haben die Möbel genom­men und auf dem Markt­platz wie­der auf­ge­baut. Wie in einer Per­for­mance haben wir jeden Sams­tag dort geses­sen, zusam­men Plat­ten gehört, Tee getrun­ken und uns aus­ge­tauscht, wie es wei­ter­geht. Eins war klar: es braucht ein Stadt­teil­zen­trum in Rothen­burg­sort. Einen Ort, an dem sich Men­schen begeg­nen, aus­tau­schen, orga­ni­sie­ren kön­nen. Wir hat­ten unter­schied­li­che Ideen, wie bspw. das denk­mal­ge­schützte und schon lange leer­ste­hende Ensem­ble der ehe­ma­li­gen Bun­des­mo­no­pol­ver­wal­tung für Brannt­wein. Und uns war noch etwas klar: statt nur zu for­dern, orga­ni­sie­ren wir das selbst. Dafür brauchte es einen Ort. Das leer­ste­hende Toi­let­ten­haus war ideal. Seit dem ist das Mikro­pol ein Miniatur-Stadtteilzentrum, aber auch ein Test­ort, an dem wir raus­fin­den, was ein Stadt­teil­zen­trum aus­macht und wie es organ­siert sein kann. Wir hal­ten das fest, brin­gen es auf eine neue Ebene und ent­wi­ckeln so auch das Raum­pro­gramm für das neue Haus.

Lisa Zan­der: Wir sind zwi­schen­drin natür­lich auch gut geschei­tert. Es gab schon rich­tige Tief­punkte. Seit Ende letz­ten Jah­res aber sind die Archi­tek­ten, die den Wett­be­werb für sich ent­schie­den haben, beauf­tragt, es wird gebaut werden.

Untie­fen: Seid ihr am neuen Zen­trum denn irgend­wie beteiligt?

Lisa Zan­der: Eigent­lich viel mehr als das. Wir konn­ten das Raum­pro­gramm schrei­ben und wir haben einen Let­ter of Intent unter­schrie­ben, dass wir den Betrieb orga­ni­sie­ren wer­den.
Uns war es wich­tig, dass unsere Arbeit und das Enga­ge­ment aus der Nach­bar­schaft auch in den Betrieb des Hau­ses mün­det. Neben den Archi­tek­ten arbei­tet der Bezirk als spä­te­rer Eigen­tü­mer mit dem städ­ti­schen Immo­bi­li­en­un­ter­neh­men Sprin­ken­hof an der Umset­zung. Par­al­lel dazu erar­bei­ten wir die soziale Struk­tur des Hau­ses und beschäf­ti­gen uns mit der Über­set­zung des nach­bar­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens in das neue Haus.

Marius Töp­fer: Und wir haben sogar eine kleine Finan­zie­rung von der Stadt dafür, das die nächs­ten drei Jahre zu begleiten.

Untie­fen: Das klingt sehr erfolg­reich! Ich möchte noch­mal auf das Ver­hält­nis von »klei­ner« und »gro­ßer« Poli­tik kom­men. Die Bei­träge im Buch klam­mern das, was wir gewöhn­lich unter Poli­tik ver­ste­hen, weit­ge­hend aus. Stadt­pla­nung, Par­la­mente oder das Orga­ni­sie­ren von Mehr­hei­ten spie­len keine Rolle im mikro­po­li­ti­schen Ansatz mit sei­nem star­ken Fokus auf das All­täg­li­che, den Stadt­teil, die Nach­bar­schaft. Dabei ist Stadt­teil­ar­beit doch, ob sie will oder nicht, Objekt von Stadt­pla­nung, von Ent­schei­dun­gen der Bür­ger­schaft, der Bezirks­ver­samm­lung, und braucht in die­sen Ver­hält­nis­sen wohl oder übel Par­teien, die ihre Anlie­gen auf­grei­fen.
Der Dis­kurs um Mikro­po­li­tik scheint mir regel­recht poli­tik­feind­lich. Ist das nicht ein Irr­weg, diese poli­ti­schen Are­nen ein­fach aus­zu­blen­den, obwohl sie doch zur Herr­schafts­struk­tur in die­ser Gesell­schaft dazugehören?

Lisa Zan­der: Wir wol­len uns gar nicht gegen große Ver­samm­lun­gen oder gegen soziale Poli­tik aus­spre­chen. Eher zeigt das Buch auf, dass es noch andere poli­ti­sche For­men gibt. Natür­lich set­zen wir uns per­ma­nent damit aus­ein­an­der, was ent­schei­det die Bür­ger­schaft oder die Bezirks­ver­samm­lung.
Was ich wich­tig finde, ist zu ver­su­chen, sich nicht ver­ein­nah­men zu las­sen. Die Par­teien sind hier manch­mal ver­wirrt davon, dass sich super viele Leute einig sind, dass das Mikro­pol wich­tig ist und dass es so einen Ort in der Nach­bar­schaft braucht. Für sol­che Orte ist es sehr gefähr­lich, sich par­tei­po­li­tisch fest­zu­le­gen. Da kann man nur ver­lie­ren und gewin­nen tun nur die Par­teien. Als poli­tik­feind­lich würde ich den Dis­kurs aber auf kei­nen Fall bezeichnen.

Marius Töp­fer: Um die­sen Ort am Lau­fen zu hal­ten, sind wir wahn­sin­nig viel mit Poli­tik kon­fron­tiert, müs­sen mit den Par­teien spre­chen, Anträge schrei­ben usw. Carola Veit, die Bür­ger­schafts­prä­si­den­tin, hat ihr Büro hier in Rothen­burg­sort. Mit ihr spre­chen wir viel und sind im guten Aus­tausch. Haupt­säch­lich aber als Nach­ba­rin. Wir haben hier wenig Grund­sätze, aber einer ist, dass im Mikro­pol keine Par­tei­ver­an­stal­tun­gen statt­fin­den. Alle sind aber ein­ge­la­den, als Nach­barn da zu sein.

Lisa Zan­der: Ich muss ein­fach noch­mal ergän­zen. Hier in der Nach­bar­schaft ist es auch so, dass wenig Leute über­haupt wahl­be­rech­tigt sind. Also die­ses Ver­spre­chen, auf Par­tei­po­li­tik ein­zu­wir­ken, ist hier nicht unbe­dingt die Realität.

Untie­fen: Ich ver­stehe, dass ein Nach­bar­schafts­ort wie hier, wo es darum geht, sich ken­nen­zu­ler­nen, sich nicht sofort in poli­ti­sche Spal­tungs­li­nien sor­tie­ren kann. Gleich­zei­tig spielt ja so ein Text wie der von Kike España doch mit einer grö­ße­ren, radi­ka­len gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rung. Es wird aber nicht klar, wie das Erzeu­gen von klei­nen »Löchern« in der Stadt, wie er und ihr das nennt, mit einem Kampf um Hege­mo­nie oder um radi­kale Ver­än­de­rung in Zusam­men­hang steht. Da fehlt für mein Ver­ständ­nis die poli­ti­sche Ebene. Es ist nach­voll­zieh­bar, auf Poli­tik keine Lust zu haben, denn Poli­tik bedeu­tet Kon­flikt. Drückt sich in die­ser Poli­tik­ferne der Mikro­po­li­tik eine Kon­flikt­mü­dig­keit aus, oder das Gefühl, dass poli­tisch nur eine Kata­stro­phe auf die nächste folgt?

Lisa Zan­der: Sol­che Fra­gen haben wir mit Kike nie disk­tu­tiert, da würde mich seine Ant­wort auch inter­es­sie­ren. Er schreibt ja vor dem Hin­ter­grund der spa­ni­schen Muni­zi­pa­lis­mus­be­we­gung. Daher kommt die Idee, aus klei­nen Ver­samm­lun­gen die grö­ße­ren Ver­än­de­run­gen zu erzeu­gen. Ich bin davon über­zeugt, dass es Ver­än­de­run­gen in der Stadt zum Bei­spiel in Bar­ce­lona rund um diese Bewe­gung gab, z.B. dass AirBnB ver­drängt wurde. 

Untie­fen: Weil du gerade Bar­ce­lona ange­spro­chen hast: Dort ist auch das Kon­zept der »Sor­gen­den Stadt« ent­stan­den, dass Repro­duk­ti­ons­ar­beit und Sorge in den Mit­tel­punkt der Stadt­pla­nung stellt. Ist das für euer Ver­ständ­nis von Mikro­po­li­tik ein Bezugspunkt?

Lisa Zan­der: Ja, für mich ist das ein Bezugs­punkt, ich habe mich viel auch theo­re­tisch mit Repro­duk­ti­ons­ar­beit beschäf­tigt und damit, wie die Stadt­pla­nung die Tei­lung von Öffent­lich und Pri­vat beein­flusst. Des­we­gen funk­tio­niert das Mikro­pol auch an die­ser Schnitt­stelle von öffent­li­chem Raum und pri­va­tem Raum: es braucht diese Räume, die irgend­was dazwi­schen sind und die auch sor­gende Arbeit ermög­li­chen – und sei es, mit­ein­an­der Tee zu trin­ken.
Aber die Idee einer »sor­gen­den Stadt« geht natür­lich noch viel mehr an die Sub­stanz der Stadt.

Untie­fen: In eurer Ein­lei­tung schreibt ihr, dass die Recht auf Stadt-Bewegung sich erschöpft hat, nicht mehr mobi­li­sie­ren kann, und es jetzt andere For­men gibt, in denen sich eman­zi­pa­to­risch mit Stadt aus­ein­an­der­setzt wird. Ver­folgt Mikro­po­li­tik auch andere Ziele als die Recht auf Stadt-Bewegung oder ist sie Teil von ihr und hat sich nur in der Form gewandelt?

Marius Töp­fer: Lisa, wider­sprich mir gern, aber ich denke, Mikro­po­li­tik ist Teil der Recht auf Stadt-Bewegung. Wir sind da schon lange dabei. Wir schrei­ben auch nicht, dass sich die Recht auf Stadt Bewe­gung erschöpft hat, son­dern, dass es ruhi­ger gewor­den ist und, dass sich die For­men gewan­delt haben. Die For­men haben sich aber auch des­we­gen gewan­delt, weil uns jetzt auf ein­mal Häu­ser gehö­ren. Und jetzt muss sich um diese Häu­ser geküm­mert wer­den. Das Gän­ge­vier­tel exis­tiert, ist gesi­chert, muss aber betrie­ben wer­den, die Fux-Kaserne exis­tiert, muss aber betrie­ben wer­den. Die Bewe­gung für ein Recht auf Stadt ist nicht weg, nur weil es nicht mehr jedes Wochen­ende die Rie­sen­ban­ner im Pauli-Stadion gibt oder die Demo­ra­ves durch St. Pauli zie­hen.
Das hat etwas mit dem ange­spro­che­nen Care-Gedanken zu tun. Viel­leicht kön­nen wir Mikro­po­li­ti­ken als Care im Rah­men die­ser eta­blier­ten Struk­tu­ren und Ver­samm­lun­gen ver­ste­hen. Und anders­herum: Wenn es diese Sor­ge­ar­beit nicht gege­ben hätte, hätte es die gro­ßen Ver­samm­lun­gen auch nicht gegeben.

Lisa Zan­der: Liz und Petra, die ich für das Buch inter­viewt habe, sagen immer, wenn nicht alle wüss­ten, wie man sich umein­an­der sorgt bzw. es nicht tun wür­den, dann hät­ten die gro­ßen Demons­tra­tio­nen auch nicht statt­ge­fun­den. Und des­we­gen haben Mikro­po­li­tik und Bewe­gung mit­ein­an­der zu tun. Aber es gibt einen ande­ren Fokus: Weni­ger »Was wol­len wir for­dern?«, son­dern: »Wie sind wir miteinander?«

Ver­samm­lung der Mikro­po­li­ti­ken
Kay­oung Kim, Lisa Marie Zan­der, Marius Töp­fer, Thies Warnke (Hg.)
adocs Ver­lag, Ham­burg, 2025
Preis: 22,00 €

Mehr: https://adocs.de/de/buecher/raum-praxis/mikropolitiken

Redak­tion Untie­fen, April 2026

Transkript der Veranstaltung »Vom Mord an Neşet Danış bis heute. Deutsch-türkische extreme Rechte in Hamburg«

Transkript der Veranstaltung »Vom Mord an Neşet Danış bis heute. Deutsch-türkische extreme Rechte in Hamburg«

Am 15.01.2026 spra­chen wir mit Fatma Keser und Kim David Amon über Rechts­extre­mis­mus mit Türkei-Bezug in Ham­burg. Wer wird heute in Ham­burg von »Grauen Wöl­fen« bedroht? Wie weh­ren sich die Betrof­fe­nen? Und wie kön­nen eine enga­gierte Zivil­ge­sell­schaft und anti­fa­schis­ti­sche Linke ihnen soli­da­risch bei­ste­hen? Hier ist das Tran­skript der Ver­an­stal­tung nachzulesen.

Ver­an­stal­tung »Vom Mord an Neşet Danış bis heute. Deutsch-türkische extreme Rechte in Ham­burg«, Januar 2026 in der Locke. Foto: privat

Die Exis­tenz einer deutsch-türkischen extre­men Rech­ten wird in der deut­schen Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft in den letz­ten Jah­ren zuneh­mend deut­li­cher wahr­ge­nom­men. Doch obwohl »Graue Wölfe« in Ham­burg keine neue Erschei­nung sind, sind ihre Ideo­lo­gie, ihre Gewalt und ihre Opfer noch immer viel zu wenig bekannt. Als ers­tes Todes­op­fer die­ser Aus­prä­gung extrem rech­ter, islamistisch-nationalistischer Gewalt in der BRD gilt der tür­ki­sche Arbei­ter Neşet Danış, der Anfang Mai 1974 in Nor­der­stedt von tür­ki­schen Faschis­ten erschla­gen wurde.
Aus­ge­hend von Neşet Danış’ Geschichte haben wir am 15.01.2026 in der Bar Locke dis­ku­tiert: Wer wird heute in Ham­burg von der deutsch-türkischen extre­men Rech­ten bedroht? Wie weh­ren sich die Betrof­fe­nen? Und wie kön­nen enga­gierte Zivil­ge­sell­schaft und anti­fa­schis­ti­sche Linke ihnen soli­da­risch bei­ste­hen?
Unsere Gäste waren Fatma Keser (Mit­grün­de­rin der Initia­tive Migran­tin­nen für Säku­la­ri­tät und Selbst­be­stim­mung und Vor­stands­mit­glied von Pek Koach – Jewish-Kurdish Women’s Alli­ance e.V.) und Kim David Amon (Refe­rent der Fach­stelle Tür­ki­scher Rechts­extre­mis­mus).
Ver­an­stal­tet haben wir die Dis­kus­sion in Koope­ra­tion mit Bag­rut e.V.. Dabei wur­den wir freund­lich geför­dert durch die Leip­zi­ger Monom-Stiftung – Stif­tung für Ver­än­de­rung.

Im Fol­gen­den fin­det sich ein gekürz­tes Tran­skript der Veranstaltung.


Untie­fen: Kim, viel­leicht kannst du uns abho­len. Wer war Neşet Danış und warum wurde er bei Ham­burg Opfer der Grauen Wölfe? Was waren die poli­ti­schen Reak­tio­nen auf die­sen Mord?

Kim David Amon: Neşet Danış kam als soge­nann­ter »Gast­ar­bei­ter« nach Deutsch­land und war in Nord­deutsch­land sowie in Ham­burg als Bau­in­ge­nieur tätig. Er hat sich 1974 mit einer Gruppe von wei­te­ren Mit­strei­tern dafür ein­ge­setzt, dass der Vor­stand des tür­ki­schen Arbeit­neh­mer­ver­eins in Ham­burg und Umge­bung neu besetzt wird. Der Vor­stand war domi­niert von tür­ki­schen Rechts­extre­men, die sich mit Unter­stüt­zung des tür­ki­schen Gene­ral­kon­su­lats dort eta­bliert hat­ten. Sie wur­den abge­wählt, bei einer ver­such­ten Neu­wahl des Vor­stands kam es jedoch zu Tumul­ten. Die Poli­zei hat die Ver­an­stal­tung auf­ge­löst, wor­auf­hin es am 5. Mai 1974 in Nor­der­stedt zum zwei­ten Mal ver­sucht wurde, den Vor­stand neu zu besetzen.

Auch die­ser zweite Anlauf ver­lief tur­bu­lent: Es waren Men­schen aus dem tür­ki­schen Gene­ral­kon­su­lat anwe­send, die ver­such­ten, bestimmte Mit­glie­der im Vor­stand zu instal­lie­ren. Als es daran Kri­tik gab, stürmte auf Geheiß eines Mit­ar­bei­ters des  Kon­su­lats ein Schlä­ger­trupp die Ver­an­stal­tung und griff die Teil­neh­men­den an, die sich zu Wort gemel­det hat­ten. Die Men­schen, die dort teil­weise mit ihren Fami­lien und Kin­dern vor Ort waren, ver­such­ten zu flüch­ten, man­che sind aus dem Fens­ter gesprun­gen. Neşet wurde von sechs bis acht der Angrei­fer zu Boden geschla­gen, mit Stüh­len, Tisch­bei­nen und ande­ren Werk­zeu­gen trak­tiert und so schwer ver­letzt, dass er etwa zwei Wochen spä­ter im Kran­ken­haus Ham­burg Heid­berg ver­starb. Bei dem Angriff hat ein Mit­ar­bei­ter des tür­ki­schen Gene­ral­kon­su­lats die Schlä­ger nicht nur in den Raum gebracht, son­dern sie ange­feu­ert mit Rufen wie: »Wer sei­nen Gott liebt, erschlägt die Kommunisten«.

Neşet Danış (unda­tierte Auf­nahme). Foto: unbekannt

Nach­dem Neşet und wei­tere am Boden lagen, kam die Ham­bur­ger Kri­mi­nal­po­li­zei, die dann offen­bar in Abspra­che mit dem tür­ki­schen Kon­su­lat bestimmte Men­schen fest­ge­nom­men hat. Es wird davon aus­ge­gan­gen, dass die Kon­su­lats­mit­ar­bei­ter Lis­ten mit Kritiker:innen an die Poli­zei wei­ter­ge­ge­ben hatten.

Am Ende war es jeden­falls so, dass Leute aus den Rei­hen der Kritiker:innen teil­weise schwer ver­letzt in Gewahr­sam genom­men wur­den, wäh­rend den Angrei­fern freies Geleit gewährt und sie mit Klein­bus­sen zurück ins Kon­su­lat gefah­ren wurden.

Untie­fen: Die­ser rechts­extreme Mord an Neşet Danış scheint heute nicht mehr vie­len Men­schen bekannt zu sein. Wie war das in den 1970er Jahren?

Kim David Amon: Wir ken­nen seine Geschichte aus Zeu­gen­be­rich­ten, die damals in gewerk­schaft­li­chen und lin­ken Blät­tern erschie­nen sind. Natür­lich ist das eine gefärbte Dar­stel­lung, aber es gibt von der ande­ren Seite keine Gegen­dar­stel­lung. Auch die Poli­zei hat sich nicht geäu­ßert. Es gab jedoch Pro­test­ver­an­stal­tun­gen, etwa im Audi­max an der Uni Ham­burg mit 1200 Teilnehmer:innen, auch die Witwe von Neşet hat dort gespro­chen. Stu­die­ren­den­grup­pen waren inso­fern maß­geb­lich daran betei­ligt, auf das Thema auf­merk­sam zu machen.

Zudem gab es eine Demons­tra­tion mit 2000 Teilnehmer:innen. Schließ­lich hat unter ande­rem auch das Ham­bur­ger Abend­blatt über den Fall berich­tet. Im Unter­schied jedoch zu den lin­ken und gewerk­schaft­li­chen Blät­tern, schrieb das Abend­blatt über eine »Tür­ki­sche Saal­schlacht in Nor­der­sted­ter Lokal«. Man ver­schwieg also, dass es sich hier um rechte Gewalt han­delte und hat – weil migran­ti­sche Com­mu­ni­ties der­art exter­na­li­siert wur­den – so getan, als wären das ein­fach nur ver­fein­dete Grup­pen oder Ban­den aus dem Aus­land, die ihre Kon­flikte jetzt in Deutsch­land austragen.

Untie­fen: Und wie ist das heut­zu­tage? Hat sich die Wahr­neh­mung des tür­ki­schen Rechts­extre­mis­mus inner­halb der Mehr­heits­ge­sell­schaft verändert?

Kim David Amon: Zumin­dest hat das Thema in den letz­ten Jah­ren mehr Auf­merk­sam­keit bekom­men. Ein Doku­men­tar­film über die Grauen Wölfe, wie er vor eini­gen Mona­ten in der ARD lief, wäre in den 1970er Jah­ren noch undenk­bar gewe­sen. Zudem sind Infor­ma­tio­nen ein­fa­cher zugäng­lich, eine Fach­stelle zu tür­ki­schem Rechts­extre­mis­mus exis­tiert seit die­sem Jahr. Wei­ter­hin gibt es in den jewei­li­gen Bun­des­län­dern staat­lich geför­derte Pro­jekte, so auch in Ham­burg, wo das Pro­jekt perspektif:a seit über fünf Jah­ren neben Distan­zie­rungs­ar­beit auch Auf­klä­rungs­ar­beit leis­tet. Das heißt jedoch nicht, dass die Mainstream-Medien nicht nach wie vor über impor­tierte Kon­flikte spre­chen und die Kon­flikte in kri­mi­nel­len Milieus ver­or­ten. Dem tre­ten jedoch heute laute Stim­men, die auch aus der Mehr­heits­ge­sell­schaft stam­men, ver­mehrt entgegen.

Fatma Keser: Ich bin etwas weni­ger posi­tiv gestimmt. Zum einen, weil ich auch der Ansicht bin, dass es diese Art von fal­scher Bericht­erstat­tung auch heute noch gibt. Zum ande­ren ist die Auf­merk­sam­keit für den tür­ki­schen Rechts­extre­mis­mus nach wie vor viel zu gering. Dabei sind die Grauen Wölfe mit geschätz­ten 12.000 Mit­glie­dern die zweit­größte rechts­extreme Bewe­gung in Deutsch­land nach der AfD. Das Pro­blem ist jedoch, dass die Grauen Wölfe eine Bewe­gung und kein Ver­ein sind, des­sen Mit­glie­der man zäh­len könnte. Es ist also davon aus­zu­ge­hen, dass ihre Zahl weit höher ist. Trotz­dem inter­es­sie­ren sich selbst Linke wenig für diese rechts­extreme Bewegung.

Untie­fen: Dann spre­chen wir doch mal über die Grauen Wölfe. Gegen wen het­zen sie, wen neh­men sie ins Visier?

Fatma Keser: Die Grauen Wölfe fol­gen der Idee, ein tür­ki­sches Groß­reich wie­der­her­zu­stel­len. Ein Sym­bol, das sie ver­wen­den, besteht aus drei Halb­mon­den, ein Code ihres ter­ri­to­ria­len Anspruchs. Die Halb­monde ste­hen für Gebiete auf drei Kon­ti­nen­ten, die sie wie­der­ge­win­nen wol­len. Die­ser ter­ri­to­riale Anspruch bedingt die Viel­zahl ihrer Opfer­grup­pen. Die größte, aber immer ver­ges­sene, sind Armenier:innen. Ich glaube, es gibt keine in Deutsch­land lebende Arme­nie­rin, die es noch nicht mit den Grauen Wöl­fen zu tun hatte. Ebenso betrof­fen sind jedoch wei­tere Opfer­grup­pen des Geno­zids der Jung­tür­ken, also Pontusgriech:innen, Assyrer:innen, Aramäer:innen. Zu nen­nen sind auch Kurd:innen, Jesid:innen, Alevit:innen sowie Jüd:innen. Die Liste ist also lang. Und am Ende sind wir alle von Rechts­extre­mis­mus betroffen.

Kim David Amon: Ergän­zen ließe sich, dass die Grauen Wölfe rechts­extreme Ein­stel­lun­gen der deut­schen Rech­ten tei­len wie bei­spiels­weise Anti­fe­mi­nis­mus, Que­er­feind­lich­keit und Anti­zi­ga­nis­mus. Damit ist natür­lich auch eine inter­sek­tio­nale Mehr­fach­dis­kri­mi­nie­rung ver­bun­den, weil diese Grup­pen, die Fatma auf­ge­zählt hat, häu­fig von ver­schie­de­nen For­men von Dis­kri­mi­nie­rung betrof­fen sind. Sie wer­den zum Ziel der tür­ki­schen Rech­ten, sind in Deutsch­land dann aber auch noch etwa von anti­mus­li­mi­schem Ras­sis­mus oder all­ge­mein vom Ras­sis­mus der Mehr­heits­be­völ­ke­rung betroffen.

Untie­fen: Nun sind die Grauen Wölfe kein Ver­ein, son­dern eine Bewe­gung. Wis­sen wir den­noch etwas dar­über, wie sie sich ins­be­son­dere auch in Ham­burg organisieren?

Kim David Amon: Wenn wir uns die Szene in Ham­burg anschauen, dann trifft auch hier zu, was bereits über die bun­des­weite Orga­ni­sa­tion der Grauen Wölfe gesagt wurde. Der Ver­fas­sungs­schutz spricht von etwa 100 bis 130 Mit­glie­dern. Diese Zahl ist aber viel zu gering ange­setzt. Die tür­ki­sche Rechte orga­ni­siert sich in einem Ver­eins­we­sen. Dort gibt es mit tür­ki­schen Sprach­kur­sen sogar Ange­bote für Kin­der. Wei­ter­hin ver­an­stal­ten die Ver­eine etwa Lie­der­abende, wo Sän­ger auch aus der Tür­kei ein­ge­flo­gen wer­den. Genaue Zah­len sind nicht bekannt, aber allein bei einer Ver­an­stal­tung in Wil­helms­burg 2024 kamen rund 500 Sympathisant:innen zusam­men. Wir müs­sen also von einer deut­lich höhe­ren Zahl an Men­schen aus­ge­hen, die in Ham­burg in der tür­ki­schen Rech­ten orga­ni­siert sind. Das zeigt sich auch darin, dass viele Per­so­nen, die den genann­ten Opfer­grup­pen ange­hö­ren, bereits mit dem tür­ki­schen Recht­ex­tre­mis­mus in Berüh­rung gekom­men sind. Ein wich­ti­ger Punkt, den wir in Ham­burg zudem betrach­ten müs­sen: Wir hat­ten es in den letz­ten Jah­ren mit Men­schen zu tun, die mafiös-organisierte Struk­tu­ren mit den Grauen Wöl­fen ver­ban­den. Wir spre­chen etwa von Wett- und Glücks­spiel­bü­ros, da geht es dann auch um Schutz­geld­erpres­sung. Es ist jedoch nicht immer ein­deu­tig, wel­che Rolle rechts­extreme Ideo­lo­gie dabei spielt; Gewalt ist aber immer ein zen­tra­les Element.

Fatma Keser: Was wir zudem in den letz­ten Jah­ren beob­ach­ten, ist, dass sich die Grauen Wölfe ideo­lo­gisch gewan­delt haben. Wäh­rend sie sich lange Zeit als Lai­zis­ten ver­stan­den haben, kön­nen wir in jün­ge­rer Zeit ein stär­ke­res Zusam­men­ge­hen mit dem Isla­mis­mus beobachten. 

Untie­fen: Wech­seln wir noch ein­mal auf die Seite der Betrof­fe­nen. Wie weh­ren sie sich und wie kann man sie dabei unterstützen?

Fatma Keser: Zunächst ist mir wich­tig, dass alle Opfer­grup­pen der Grauen Wölfe genü­gend Auf­merk­sam­keit erfah­ren. Die bekann­ten Opfer, die ein Gesicht, die ein Denk­mal haben, sind tür­ki­sche Linke, meis­tens Män­ner. Andere, wie Kurd:innen, Amenier:innen und Alevit:innen, also ins­be­son­dere auch Men­schen, die mehr­fach dis­kri­mi­niert wer­den, gera­ten schnell in Ver­ges­sen­heit. Wie weh­ren sich die Opfer nun? Es gab zwi­schen den 1970er und 1990er Jah­ren sehr viel Gewerk­schafts­ar­beit gegen die Grauen Wölfe, die vor allem von Kurd:innen, Alevit:innen, tür­ki­schen Lin­ken sowie auch deut­schen Gewerk­scha­fen getra­gen wurde. Das ist heute lei­der ein biss­chen in Ver­ges­sen­heit geraten.

Kim David Amon: Hin­wei­sen möchte ich auf die bun­des­weite Fach­stelle zu tür­ki­schem Rechts­extre­mis­mus, in der ich tätig bin. Sie ist vom Bund der Ale­vi­ti­schen Jugend­li­chen ins Leben geru­fen wor­den, also einem Jun­gen­d­ver­band, der aus der Betrof­fe­nen­per­spek­tive agiert. Es gibt zudem noch viele wei­ter Jugend­ver­bände, die aktiv zu dem Thema arbei­ten. Die Fach­stelle bün­delt jedoch jetzt die ver­schie­dene, zum Teil seit Jahr­zehn­ten geleis­tete Arbeit. Die Fach­stelle kann man natür­lich unter­stüt­zen. Ins­ge­samt aber ist es wich­tig, dass alle ihre Stimme gegen den tür­ki­schen Rechts­extre­mis­mus erhe­ben und nicht aus fal­scher Zurück­hal­tung den Betrof­fe­nen das Feld über­las­sen, die dann ihre Kämpfe doch wie­der alleine kämp­fen müssen. 

Fatma Keser: Wir haben mit unse­rem Ver­ein Pek Koach eine Bro­schüre raus­ge­bracht: »Speak Now. Stim­men gegen den Isla­mis­mus«. Darin haben wir Stim­men der Betrof­fe­nen von Isla­mis­mus gesam­melt. Denn unser Ein­druck war, dass in Deutsch­land häu­fig mit einem Täter­fo­kus gear­bei­tet wird und wir woll­ten dem eine andere Form, Isla­mis­mus zu ana­ly­sie­ren, zur Seite stel­len. Es geht in der Bro­schüre auch um tür­ki­schen Rechts­extre­mis­mus. Eine Arme­nie­rin, eine Kur­din, eine Assy­re­rin sowie eine Pon­tus­grie­chin bespre­chen und ana­ly­sie­ren in der Bro­schüre in unter­schied­li­cher Art und Weise den tür­ki­schen Rechts­extre­mis­mus, Faschis­mus sowie auch den Islamismus.

Untie­fen: Es ist doch bemer­kens­wert, dass ein Thema, wo auch Anti­se­mi­tis­mus eine große Rolle spielt, dazu führt, dass sich ver­schie­dene Grup­pen ver­bin­den – sonst spal­tet es ja die Linke eher. Oder, wie ist das bei euch?

Fatma Keser: Wir haben uns als Ver­ein nach dem 7. Okto­ber gegrün­det. Es war auch der Frust dar­über, dass sich nie­mand ande­res für uns inter­es­siert – außer wir. Ich berichte natür­lich aus mei­ner Per­spek­tive und kann nicht für alle aus dem Ver­ein spre­chen. Aber wann immer etwas in Kur­di­stan pas­siert ist, haben sich bei mir nur meine jüdi­schen oder meine kur­di­schen Freunde gemel­det. Dass aktu­ell zwei von vier Tei­len Kur­di­stans bren­nen, scheint nie­man­den zu inter­es­sie­ren. So ging es, glaube ich, auch vie­len mei­ner jüdi­schen Freun­din­nen. Über diese erfah­rene Ent­so­li­da­ri­sie­rung und Betrof­fen­heit sind wir zusam­men­ge­kom­men und haben ver­sucht eine Alli­anz auf­zu­bauen, die eigent­lich immer schon vor­han­den war.

Redak­tion Untie­fen, April 2026

Antifa: Ein bewegender Blick zurück

Antifa: Ein bewegender Blick zurück

2024 lief der Doku­men­tar­film Antifa – Schul­ter an Schul­ter, wo der Staat ver­sagte im Kino. Jetzt ist er auf DVD erschie­nen. Der Film bie­tet einen Ein­blick in die Geschichte der Antifa-Bewegung der Neun­zi­ger. Die Zeit vor 1990, in die auch Ham­burgs ›Base­ball­schlä­ger­jahre‹ fal­len, kommt dabei jedoch zu kurz.

War das die Antifa-Grundausstattung der Neun­zi­ger? Foto: © Chris­tian Ditsch. 

»Bis zur Wie­der­ver­ei­ni­gung zeig­ten nur Schre­ber­gärt­ner und Neo­na­zis Deutsch­land­fah­nen, dann lie­fen plötz­lich fast alle mit Schwarz-Rot-Gold rum«, erin­nert sich Navid, der sich schon vor­her, in den Acht­zi­gern, als Kind mit Ras­sis­mus aus­ein­an­der­set­zen musste: »Ich bin ja ein Schwarz­kopf.« Dazu wird ein altes Aus­weis­foto ein­ge­blen­det. Navid ist aktiv in der radi­ka­len Lin­ken, war seit dem Grün­dungs­jahr 1990 bis zur Auf­lö­sung der Gruppe 2004 Mit­glied in der Göt­tin­ger Auto­no­men Antifa M, die in den neun­zigre Jah­ren sehr prä­sent war.

Fünf antifaschistische Perspektiven

Navid ist einer von fünf in den neun­zi­ger Jah­ren in staats­fer­nen anti­fa­schis­ti­schen Selbst­or­ga­ni­sie­run­gen Akti­ven, die für den Doku­men­tar­film Antifa – Schul­ter an Schul­ter, wo der Staat ver­sagte inter­viewt wur­den. Alle fünf sind bis heute poli­tisch aktiv, die Inter­views mit ihnen sind das Rück­grat des Films. Sie reden offen dar­über, was sie gemacht haben und warum. Die meis­ten von ihnen sind dabei auch selbst­kri­tisch, alle fünf sind daran inter­es­siert, ihre Erfah­run­gen zu tei­len, und machen sich Gedan­ken über eine Wei­ter­ent­wick­lung anti­fa­schis­ti­scher Aktivitäten.

Da ist Tors­ten, der sich als Jugend­li­cher in Qued­lin­burg in Sachsen-Anhalt gegen die Nazis im Ort orga­ni­sierte, um sich ihrer Angriffe erweh­ren zu kön­nen. Laura ist in Ost­ber­lin auf­ge­wach­sen und »von Geburt an poli­tisch, weil ich in eine jüdi­sche Fami­lie gebo­ren wurde«. Ein paar Monate nach dem Zusam­men­bruch der DDR stand an die Wand des Kon­sums bei ihr im Stadt­teil der Name ihres Groß­va­ters geschrie­ben, mit dem Zusatz: »Ver­ges­sen in Ausch­witz zu ver­ga­sen«. Sie warnte bereits Jahre vor der Selbst­ent­tar­nung des NSU 2011 in einem Arti­kel vor klei­nen Ter­ror­zel­len aus der Neo­na­zi­szene. Kessy ist seit 1998 in Kreuz­berg in den Berei­chen Recher­che und Archi­vie­rung im apa­biz tätig, dem Mitte der acht­zi­ger Jahre in Ber­lin gegrün­de­ten Antifa-Pressearchiv. Auf des­sen Mate­ria­lien grif­fen viele Medien zurück, als der NSU plötz­lich auch in der wei­te­ren Öffent­lich­keit Thema war. Nina war bis 1995 in der schleswig-holsteinischen Kreis­stadt Rends­burg in der Antifa aktiv, auch in der Ver­net­zung im nörd­lichs­ten Bun­des­land. Seit­dem wohnt sie in Ham­burg, und ist dort aktiv. Im Film ist sie auf anti­ras­sis­ti­schen Demons­tra­tio­nen in Ham­burg in der Jetzt­zeit zu sehen: All refu­gees wel­come. Und dann ist da der bereits erwähnte Navid, der von Göt­tin­gen aus auch an der AA/BO betei­ligt war, der ab 1992 von Grup­pen aus elf Städ­ten getra­ge­nen Anti­fa­schis­ti­schen Aktion/Bundesweite Orga­ni­sa­tion.  

Die fünf Inter­view­ten geben gerade durch ihre Unter­schied­lich­keit gute Ein­bli­cke in die Sicht­wei­sen und das Her­an­ge­hen staats­fer­ner Anti­fa­grup­pen in den neun­zi­ger und nuller Jah­ren. Schade ist, dass dabei nicht das gesamte Spek­trum radikal-linker Antifa zu sehen ist – die eigen­stän­dige migran­ti­sche Anti­fa­or­ga­ni­sie­rung rund um Anti­faşist Gen­ç­lik kommt ebenso wenig vor wie die femi­nis­ti­sche Fan­tifa, tra­di­ti­ons­links, gewerk­schaft­lich oder anti­deutsch ori­en­tierte Zusam­men­hänge. Aber das große Ver­dienst des Fil­mes ist es, an die Antifa der Neun­zi­ger zu erin­nern und Protagonist:innen selbst zu Wort kom­men zu lassen.

»dann lie­fen plötz­lich fast alle mit Schwarz-Rot-Gold rum«: Navid (Film­still).

Im Visier von Staat und Nazis

Dar­über hin­aus waren die Film­ma­cher in lin­ken Film-und Video­ar­chi­ven unter­wegs und haben eini­ges auf Magnet­bän­dern in VHS-Kassetten auf­ge­nom­me­nes Mate­rial und ana­loge Schwarz-Weiß-Fotos in ihre Doku­men­ta­tion mon­tiert. Antifa-Aktivitäten ste­hen dabei nicht im Zen­trum – von denen gibt es nur wenig Film­ma­te­rial, weil immer die Ver­fol­gung durch den Staat oder durch als »Anti-Antifa« tätige Neo­na­zis drohte. Die gegen­über Neo­na­zis meist untä­tige Staats­ge­walt fand die Akti­vi­tä­ten lin­ker Anti­fa­grup­pen oft verdächtig.

Navid schil­dert etwa das Ermitt­lungs­ver­fah­ren gegen die Auto­nome Antifa M. Die war in Göt­tin­gen und Süd­ost­nie­der­sach­sen mit ihrer ver­bind­li­chen Orga­ni­sie­rung, offen­si­ven Bünd­nis­po­li­tik und Öffent­lich­keits­ar­beit erfolg­reich und initi­ierte die größte auto­nome Orga­ni­sie­rung der neun­zi­ger Jahre: die AA/BO, ein bun­des­wei­ter Zusam­men­schluss mit Orts­grup­pen in vie­len Städ­ten. Im Juli 1994 wur­den 15 Woh­nun­gen, der linke Buch­la­den Rote Straße (der sich, wie sich gerade gezeigt hat, offen­bar immer noch im Visier des Ver­fas­sungs­schut­zes befin­det) und ein Büro des All­ge­mei­nen Stu­die­ren­den­aus­schus­ses (AStA) in Göt­tin­gen durch­sucht und Unmen­gen von Mate­rial beschlagnahmt.

Zunächst ermit­telte die Poli­zei wegen des halt­lo­sen Vor­wurfs der Bil­dung einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung, der spä­ter in den Vor­wurf der Bil­dung einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung umge­wan­delt wurde. Ermitt­lun­gen nach dem zugrunde lie­gen­den § 129 StGB ermög­li­chen den Ein­satz ver­deck­ter Ermittler:innen und die umfas­sende Aus­for­schung der Ver­däch­tig­ten. Gegen erst 34, dann doch ’nur‹ 17 Anti­fas wurde Anklage erho­ben. Die Ver­fah­ren wur­den aller­dings gegen Zah­lun­gen von Geld­stra­fen ein­ge­stellt. Navid schil­dert die Ermitt­lun­gen und die Anklage als mas­sive Beein­träch­ti­gung anti­fa­schis­ti­scher Arbeit: Man tele­fo­nierte nur noch aus Tele­fon­zel­len, es gab ver­ein­barte Code­wör­ter, schrift­lich wurde so wenig wie mög­lich fest­ge­hal­ten, fotografisch/filmisch über­haupt nichts Internes.

Antifaschistischer Selbstschutz

Die Ost­ber­li­ne­rin Laura ist lei­der nicht selbst zu sehen, son­dern wird von einer Schau­spie­le­rin nach­ge­spro­chen. Denn Laura sagt selbst über sich im nach­ge­spro­che­nen Text: »Wenn ich vor die Tür ging, war ich immer bewaff­net, denn ich war klein und schmäch­tig.« An ande­rer Stelle erklärt sie, dass sie, wenn sie in Bran­den­burg in etwas außer­halb von Ber­lin gele­ge­nen Klein­städ­ten wie Lud­wigs­felde oder Königs­wus­ter­hau­sen aus dem Zug stieg, »sofort 50 Nazis an der Backe hatte«. Sie beschäf­tigte sich selbst damit, Nazi­struk­tu­ren aus­zu­for­schen, ihre Tref­fen zu beob­ach­ten und zu foto­gra­fie­ren. Und sie gab sich unter fal­schem Namen als Nazi­sym­pa­thi­san­tin aus.

Um mit Nazis schrei­ben zu kön­nen, ohne ihre wirk­li­che Adresse preis­zu­ge­ben, klebte sie ihren fal­schen Namen auf unge­nutzte Brief­käs­ten leer­ste­hen­der Woh­nun­gen. Auf die­sem Weg kam sie auch an Lis­ten der Anti-Antifa mit Namen und Anschrif­ten von Nazi-Gegner:innen. Diese Lis­ten waren gefähr­lich – öfters kam es dazu, dass Nazis dort Genannte an ihren Adres­sen angrif­fen, Autos beschä­dig­ten, Woh­nungs­fens­ter einwarfen.

Tors­ten schil­dert die Angriffe von Neo­na­zis in sei­nem All­tag als Jugend­li­cher in den neun­zi­ger Jah­ren in Qued­lin­burg so anschau­lich, dass die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der er vom orga­ni­sier­ten Selbst­schutz spricht, abso­lut nahe­lie­gend ist. Um nicht dar­auf zu war­ten, wie­der ange­grif­fen zu wer­den, fin­gen Tors­ten und andere Anti­fas an, in Grup­pen sofort dort­hin zu fah­ren, wo ihnen ein Über­fall in der Klein­stadt gemel­det wurde, um dort »eine Ansage zu machen«. Ein­mal wurde ein Kon­zert im Nach­bar­ort abge­bro­chen, als eine grö­ßere Nazi­an­samm­lung das Jugend­zen­trum über­fal­len wollte. Alle Konzertbesucher:innen kamen den Über­fal­le­nen zu Hilfe und prü­gel­ten sich mit den Nazis. Diese Gegen­wehr hin­ter­ließ bei den Angrei­fern Ein­druck, »davon konn­ten wir eine Zeit­lang zeh­ren«, meint Torsten.

Kessy, die beim apa­biz Mate­rial über und von Nazis sam­melt und aus­wer­tet, erin­nert sich an eine fan­ta­sie­volle Aktion, mit der sie Daten von Nazis her­aus­be­ka­men, von denen sie bis dahin nicht die Namen, son­dern nur die Wohn­adres­sen kann­ten: Ein Kol­lege war für die Ber­li­ner Mor­gen­post als Abo­wer­ber unter­wegs und kam an deren Wer­be­ja­cken ran. Dann »bas­tel­ten wir uns ein For­mu­lar, wo man für ein hal­bes Jahr ein Gra­tis­abo der Mor­gen­post gewin­nen konnte – und die Nazis gaben in der Hoff­nung auf einen Gewinn ihre Adres­sen an«.

»wei­ter­hin rich­tig, Anti­fa­schis­tin zu sein«: Nina (Film­still).

Die Debatte um Militanz

Kessy spricht aber auch an, dass manch­mal einige Anti­fas »frei dreh­ten«, wenn es um Mili­tanz gegen Nazis ging: »Da fragte ich mich schon, wis­sen die eigent­lich, woge­gen und wofür sie jetzt da ste­hen?« Sie sei froh gewe­sen, wenn sich andere in Kon­fron­ta­tio­nen kör­per­lich weh­ren konn­ten – was sie nicht konnte. Aber die Gewalt­frage, sie ging eben über das Ver­hal­ten zur Selbst­ver­tei­di­gung hin­aus. Navid erzählt, dass sie ein­mal ein Mit­glied aus­schlie­ßen muss­ten – es hatte bei einer Aus­ein­an­der­set­zung noch auf den Kopf eines am Boden lie­gen­den Nazis ein­ge­tre­ten. Er betont den Grup­pen­kon­sens: nie­man­dem einen blei­ben­den Scha­den zufü­gen, nie­man­den kör­per­lich fürs Leben schädigen.

Auch Tors­ten betont die Grenze zwi­schen mili­tan­tem Selbst­schutz und Selbst­ver­tei­di­gung einer­seits, Schä­di­gung und Ernied­ri­gung ande­rer­seits. Als ein­mal ein bereits ent­klei­de­ter Nazi, der ori­en­tie­rungs­los durch ein Gleis­bett lief, wei­ter bewor­fen wor­den sei, sei er dazwi­schen gegan­gen. Tors­ten zieht hier auch eine Linie zu den Vor­wür­fen, die vor Gericht gegen die angeb­li­che Gruppe um die ange­klagte Antifa Lina aus Leip­zig erho­ben wur­den: Nazis angrei­fen um sie zu schä­di­gen. Selbst­jus­tiz. Über­schrei­tet man mit sol­chen kör­per­li­chen Angrif­fen nicht eine Grenze?, fragt sich Thors­ten. Und er erklärt nach­denk­lich: Heute kann ich keine Nazis jagen – dann müsste ich mich ja durch die Stadt prü­geln, bei den gan­zen AfD-Wählern. Lei­der brem­sen die Regis­seure eine Debatte hierzu aus – und schnei­den hin­ter Tors­tens Nach­denk­lich­keit eine von Nina geäu­ßerte Plat­ti­tüde: Natür­lich sei es wei­ter­hin rich­tig, Anti­fa­schis­tin zu sein.

Migrantische Selbstorganisierung

Dass das Thema hier nicht ver­tieft wird, ist eine ver­passte Gele­gen­heit, schließ­lich wurde die Debatte um Gewalt und Gegen­ge­walt in der Antifa der neun­zi­ger Jahre schon inten­siv geführt. Auch des­halb wäre es loh­nend gewe­sen, die Per­spek­tive der dama­li­gen Ber­li­ner Anti­faşist Gen­ç­lik ein­zu­be­zie­hen. Am 4. April 1992 atta­ckier­ten Antifaschist:innen in Ber­lin ein Tref­fen der neo­fa­schis­ti­schen Par­tei Deut­sche Liga für Volk und Hei­mat (DLVH). Im Laufe der Aus­ein­an­der­set­zung wurde deren Funk­tio­när Ger­hard Kaindl ersto­chen. Meh­rere andere Nazis wur­den verletzt. 

Poli­zei und Staats­schutz ermit­tel­ten gegen das Umfeld von Anti­faşist Gen­ç­lik wegen Mor­des und sechs­fa­chen Mord­ver­suchs. Die Gruppe löste sich unter dem Repres­si­ons­druck auf. 1994 wur­den sie­ben Anti­fas ange­klagt; drei wur­den wegen Kör­per­ver­let­zung mit Todes­folge zu jeweils drei Jah­ren Haft ver­ur­teilt, zwei wei­tere zu Bewäh­rungs­stra­fen. »Der ›Fall Kaindl‹ wurde in der auto­no­men Antifa-Bewegung der 1990er-Jahre breit dis­ku­tiert – meh­rere Antifa-Broschüren befass­ten sich inten­siv mit den poli­ti­schen und juris­ti­schen Fol­gen sowie mit ethi­schen Fra­gen von anti­fa­schis­ti­schem Selbst­schutz, von Mili­tanz und ihren Gren­zen«, heißt es dazu prä­gnant auf dem Blog anarchismus.at.

Die Per­spek­tive von Anti­faşist Gen­ç­lik hätte aber auch dar­über hin­aus einen tie­fe­ren Ein­blick in die migran­ti­sche Selbst­or­ga­ni­sie­rung gegen Neo­na­zis und ras­sis­ti­sche Gewalt ermög­licht, die im Film mehr Raum ver­dient gehabt hätte. Eine gute Ergän­zung zum Film ist daher die von Gür­sel Yıl­dırım kura­tierte Wand­zei­tung »Migran­ti­scher Wider­stand im Ham­burg der 90er Jahre«, die auf zwölf Tafeln auch über Ham­burg hin­aus kom­pakt infor­miert und als Wan­der­aus­stel­lung schon in vie­len deut­schen Städ­ten zu sehen war. Akti­vis­ti­scher Anti­ras­sis­mus und Anti­fa­schis­mus sind hier mit­ein­an­der verbunden.

»davon konn­ten wir eine Zeit­lang zeh­ren«: Tors­ten (Film­still).

Recherche oder Kampfsport?

Ein gro­ßes Ver­dienst des Films ist es, die anti­fa­schis­ti­sche Recher­che­ar­beit in den Vor­der­grund zu stel­len, die stets mehr war und ist als müh­same Auf­klä­rung, näm­lich Ana­lyse der Nazin­etz­werke und Kri­tik der Untä­tig­keit des Staa­tes. Im öffent­li­chen Bild der Antifa gerät die­ser meist wenig spek­ta­ku­läre Aspekt fast nie in den Blick. Wenn sich Grup­pen auf Anti­f­a­tref­fen gegen­sei­tig Foto­al­ben zei­gen, um Infor­ma­tio­nen zu den Gesich­tern aus­zu­tau­schen, kann das etwas von Brief­mar­ken­samm­ler­ver­ei­nen haben und ent­spricht nicht dem ver­brei­te­ten Bild vom mili­tan­ten Anti­fa­schis­mus. Antifa-Arbeit ist zum aller­größ­ten Teil gewaltfrei.

Im Film wird aller­dings mehr über Kampf­sport­übun­gen gere­det als über diese wich­tige Frage. Die Dar­stel­lung, dass sich aktive Anti­fas häu­fig an Kampf­sport­trai­ning zur Selbst­ver­tei­di­gung betei­li­gen wür­den, ver­stärkt der Film noch dadurch, dass Navid in einem Kampf­sport­trai­nings­raum inter­viewt wird. So ver­mit­telt der Film den fata­len Ein­druck, dass aktive Betei­li­gung an Anti­fa­grup­pen nur etwas für junge, sport­li­che Leute sei und repro­du­ziert ein vor allem aus femi­nis­ti­scher Per­spek­tive seit Lan­gem kri­ti­sier­tes Selbst- und Fremd­bild der Antifa.

Hamburgs Baseballschlägerjahre

Ärger­lich ist, wie der Film mit Archiv­ma­te­rial lin­ker Medi­en­zen­tren und Aus­schnit­ten aus Dokus umgeht: Da wer­den etwa Auf­nah­men aus dem Film »Red Cops« des selbst­or­ga­ni­sier­ten Medi­en­päd­ago­gi­schen Zen­trums (MPZ) aus Ham­burg hin­ein­mon­tiert. Die Red Cops waren eine Jugend­gruppe aus Ber­ge­dorf, in den acht­zi­ger Jah­ren ein Schwer­punkt der Naziskinhead-Szene. Dage­gen orga­ni­sier­ten sie sich als Gegen­wehr. Die Red Cops waren Teil einer Jugend­be­we­gung in Ham­burg, die sich nach der Ermor­dung Meh­met Kay­mak­çıs im Juli 1985 und Rama­zan Avcıs im Dezem­ber des­sel­ben Jah­res durch Nazis­kins her­aus­bil­dete – und die, anders als die Nazis­kin­be­we­gung, von der Ham­bur­ger Poli­zei noch vor 1989 zer­schla­gen wurde.1An die für die Com­mu­nity der Ein­ge­wan­der­ten aus der Tür­kei bis heute prä­sente Ermor­dung von Rama­zan Avcı erin­nert eine Initia­tive und ein Gedenk­ort, vgl. dazu das Inter­view des Autors mit Peri­han und Ünal Zeran: »Die Ermor­dung von Rama­zan Avcı war ein Wen­de­punkt in der Migra­ti­ons­ge­schichte.« Gras­wur­zel­re­vo­lu­tion 357, März 2011.

Diese Kon­tex­tua­li­sie­rung des Archiv­ma­te­ri­als wäre wich­tig gewe­sen, weil sie zeigt, dass es in West­deutsch­land auch schon vor 1989 Ter­ror von Neo­na­zis gab. Nicht ohne Grund war hier bei Untie­fen und danach auch im Buch von Felix Krebs und Flo­rian Schu­bert von »Ham­burgs Base­ball­schlä­ger­jah­ren« die Rede. Es war der – in Ham­burg beson­ders viru­lente – rechte Ter­ror der acht­zi­ger Jahre, auf den Nazi­ka­der dann im natio­na­len Coming Out nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung und dem Ende der alli­ier­ten Auf­sicht über Deutsch­land aufbauten.

Eine his­to­ri­sche Ein­ord­nung fehlt auch zu den im ers­ten Teil des Films gezeig­ten Film­aus­schnit­ten von Nazi­ver­samm­lun­gen, so dass nicht deut­lich wird, dass Nazi­ak­ti­vi­tä­ten von Beginn an zur Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (und unter­schwel­lig auch zur DDR) gehör­ten. Auch die Antifa-Aktivitäten ins­be­son­dere der sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jahre wer­den nicht benannt, obwohl die Ansätze der Neun­zi­ger im Wes­ten daran anschlos­sen. So ging etwa die Antifa-Aktivität des Kom­mu­nis­ti­schen Bun­des (KB) in Ham­burg in den sieb­zi­ger Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich gegen die von Michael Küh­nen mit sei­nen Adju­tan­ten Chris­tian Worch und Tho­mas Wulff geführte »Han­sa­bande« vor, die 1983 ver­bo­tene »Akti­ons­front Natio­na­ler Sozialisten/Nationale Akti­vis­ten« (ANS/NA). Nach­zu­le­sen ist die­ses wich­tige Kapi­tel der Antifa-Geschichte in der von der Antifa-Kommission des 1991 auf­ge­lös­ten KB 1994 ver­öf­fent­lich­ten Bro­schüre 1974–1994: 20 Jahre Neo­na­zis in Ham­burg.

»wis­sen die eigent­lich, woge­gen und wofür sie jetzt da ste­hen?«: Kessy (Film­still).

Rassistische Pogrome

Den the­ma­ti­schen Ein­stieg des Films bil­den die pogrom­ar­ti­gen Angriffe auf Flücht­lings­un­ter­künfte und Wohn­heime für migran­ti­sche Arbei­tende Anfang der Neun­zi­ger. Zu den Aus­schrei­tun­gen in Hoyers­werda 1991 ist ein Aus­schnitt aus einem Video­in­ter­view mit einem dama­li­gen Bewoh­ner zu sehen: Er schil­dert die Ableh­nung durch die ein­ge­ses­sene Bevöl­ke­rung. Und wie er und die ande­ren Bewohner:innen sich gegen von Nachbar:innen unter­stützte Angriffe von Nazis verteidigen.

Der Film beginnt mit der über Tage andau­ern­den gewalt­tä­ti­gen Bela­ge­rung der Zen­tra­len Auf­nah­me­stelle (ZASt) und dem direkt angren­zen­den Arbei­ter­wohn­heim in Rostock-Lichtenhagen 1992. Gezeigt wer­den auch die scho­ckie­ren­den Bil­der des bren­nen­den Hoch­hau­ses mit der prä­gnan­ten Son­nen­blu­men­sei­ten­fas­sade, wo Nazis unter dem Bei­fall von ver­sam­mel­ter Nach­bar­schaft Molotow-Cocktails in die unte­ren Woh­nun­gen werfen.

Nina erzählt im Inter­view, wie sie im Fern­se­hen die Bil­der der Angriffe gese­hen habe und wie sie mit ein paar Anti­fas in zwei Autos kurz­ent­schlos­sen aus Rends­burg nach Ros­tock gefah­ren seien. Hier wird deut­lich, was prak­ti­sche anti­fa­schis­ti­sche Soli­da­ri­tät bedeu­tet. Was im Film aber völ­lig fehlt, ist die Erfah­rung der Ohn­macht, die sowohl die ört­li­chen Anti­fas vom 1991 gegrün­de­ten Jugend­al­ter­na­tiv­zen­trum (JAZ) als auch die weni­gen Ange­reis­ten machten.

Rostock-Lichtenhagen als Zäsur

Zu die­sen ange­reis­ten Anti­fas gehörte auch der Autor. Mit drei Autos waren Aktive des »Anti­ras­sis­ti­schen Tele­fons« und der Gruppe K aus Ham­burg los­ge­fah­ren. Vor Ort war die Situa­tion nie­der­drü­ckend. Tags­über traute sich kein Antifa, in Rostock-Lichtenhagen zu demons­trie­ren: gegen große Teile der Bevöl­ke­rung, die, auch durch die Pas­si­vi­tät der aus Ham­burg ange­reis­ten Hun­dert­schaf­ten der Poli­zei, des aus Ham­burg stam­men­den Ros­to­cker Poli­zei­prä­si­den­ten und des Innen­mi­nis­ters von Mecklenburg-Vorpommern moti­viert, unge­hemmt ras­sis­tisch agierten?

Für mich war Rostock-Lichtenhagen eine Zäsur. Davor rich­tete sich Antifa gegen Nazi­ka­der­grup­pen und ‑schlä­ger. Danach ging es gegen die natio­nale deut­sche Mehr­heits­mei­nung. Am Sonn­tag­abend, dem 23. August 1992, stan­den rund 3000 Deut­sche vor der ZASt und dem Arbei­ter­wohn­heim, grö­lend und klat­schend, wäh­rend Steine und Molo­tow­cock­tails gewor­fen wur­den. In der Nacht auf Mon­tag, nach­dem die Angriffe abge­flaut waren und die Bela­ge­rung zum Schla­fen unter­bro­chen wurde, gab es dann eine kleine Antifa-Demo, viel­leicht 200 Leute. Die Ein­zi­gen, die von uns Notiz nah­men, war die Poli­zei, die einige Anti­fas ver­haf­tete.2Über die ganze Ent­wick­lung in Rostock-Lichtenhagen hat eine Gruppe aus dem JAZ Ros­tock 1992/93 mit Unter­stüt­zung des alter­na­ti­ven eng­li­schen Fern­seh­sen­ders Chan­nel Four den Film „The Truth Lies in Ros­tock“ gedreht und mon­tiert, der auf You­Tube kos­ten­frei stream­bar ist.

Danach ging es gegen die natio­nale deut­sche Mehr­heits­mei­nung. Rostock-Lichtenhagen, 2013. Foto: Timur Y/Wikimedia Commons.

Rostock-Lichtenhagen nicht als Nie­der­lage gegen die deutsch-nationale, über­mäch­tige Gewalt zu benen­nen, ist ein Feh­ler, durch den die Erzäh­lung des Films zu glatt wird. Für die Her­aus­bil­dung einer anti­deut­schen Ori­en­tie­rung bei vie­len radi­ka­len Lin­ken und Anti­fas in den neun­zi­ger Jah­ren war die Debatte um Kon­se­quen­zen aus die­ser Nie­der­lage prä­gend. Die Debatte um anti­deutsch oder anti­im­pe­ria­lis­tisch grun­dier­ten Anti­fa­schis­mus führte 2004 zur Auf­tei­lung der Göt­tin­ger Auto­no­men Antifa M in zwei Nach­fol­ge­grup­pen.3Beide Grup­pen bestehen bis heute: die anti­na­tio­nale Anti­fa­gruppe redi­cal M und die Anti­fa­schis­ti­sche Linke Inter­na­tio­nal. Schon 2001 hatte sich die AA/BO auf­ge­löst, es folg­ten inhalt­li­che und orga­ni­sa­to­ri­sche Neu­ori­en­tie­run­gen, oft ent­we­der in Rich­tung Inter­ven­tio­nis­ti­sche Linke oder zum eben­falls bun­des­wei­ten Bünd­nis Ums Ganze.

Obwohl der Film man­che Aspekte der Antifa-Geschichte zu glatt zieht und der his­to­ri­schen Genese des rech­ten Ter­rors der neun­zi­ger Jahre zu wenig Auf­merk­sam­keit schenkt, ist er ein loh­nen­der und bewe­gen­der Blick zurück. Dass vie­les im Film nur ange­ris­sen wer­den kann, was sich zu ver­tie­fen lohnt, ist auch den Fil­me­ma­chern des lin­ken Kol­lek­tivs left­vi­sion bewusst. Es ist sehr daran inter­es­siert, den Film für Ver­an­stal­tun­gen in lin­ken Räu­men zu ver­lei­hen, damit er auch im Rah­men von Debat­ten zur Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschichte der Antifa-Bewegung gezeigt wird. Jetzt kann der Film außer­dem auch zur pri­va­ten Nut­zung auf DVD erwor­ben und für wenig Geld als Stream gelie­hen wer­den.

Gas­ton Kir­sche, März 2026

Der Autor bewegte sich seit 1976 bis 1991 orga­ni­siert im Milieu des Kom­mu­nis­ti­schen Bun­des in Ham­burg und war in den neun­zi­ger Jah­ren in der anti­deut­schen Gruppe K aktiv, danach in der gruppe demon­tage, eben­falls in Hamburg.

Eine frü­here Fas­sung die­ses Tex­tes ist im Mai 2025 in Aus­gabe 499 der anar­chis­ti­schen Zei­tung gras­wur­zel­re­vo­lu­tion erschienen.


ANTIFA – Schul­ter an Schul­ter, wo der Staat ver­sagte, Deutsch­land 2024, 97 Min., Regie: Marco Heinig/Steffen Mau­rer, Dreh­buch: Marco Hei­nig, Kamera: Stef­fen Maurer/Arne Büttner/Roman Rohr, Schnitt: Marco Heinig/Luise Bur­chard, Ver­leih: left­vi­sion e.V., FSK: Ab 16, mit War­nung: »Bedro­hung«.
Link zum Strea­ming: https://www.antifa-film.de/stream
Link zur Orga­ni­sa­tion von Vor­füh­run­gen: https://www.antifa-film.de/film-zeigen-plakat-bestellen
Jetzt auch als DVD  mit Bonus­ma­te­rial (Trai­ler und Bil­der­ga­le­rie). Erhält­lich für 12 bis 15 Euro u.a. beim Label des Ver­leihs: https://shop.absolutmedien.de/ANTIFA-Schulter-an-Schulter-wo-der-Staat-versagte-DVD/4884215


PRÜF – Franchise gegen ›Extremismus‹

PRÜF – Franchise gegen ›Extremismus‹

Im ver­gan­ge­nen Herbst grün­dete der Come­dian Nico Sems­rott die PRÜF-Kampagne. Ihre For­de­rung: die Prü­fung aller rechts­extre­men Par­teien durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Auch in Ham­burg wird seit Novem­ber monat­lich für diese For­de­rung demons­triert. Inhalt­lich und orga­ni­sa­to­risch liegt aber eini­ges im Argen.

Die­ses Schild wäre bei PRÜF wohl uner­wünscht. Kund­ge­bung in Ber­lin, 12. Januar 2024. Foto: Leon­hard Lenz/Wikimedia Commons.

Auf Initia­tive des Come­di­ans Nico Sems­rott, von 2019 bis 2024 Euro­pa­par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ter der PARTEI, for­miert sich eine neue poli­ti­sche Bewe­gung in Deutsch­land. Sie nennt sich PRÜF (kurz für »Prü­fung ret­tet übri­gens Frei­heit«) und for­dert, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt alle vom Ver­fas­sungs­schutz als rechts­extre­mer Ver­dachts­fall oder als gesi­chert rechts­extrem beob­ach­te­ten Par­teien auf ihre Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit prü­fen solle. Mit den Mit­teln des Rechts­staats und im Ver­trauen dar­auf, »dass es eine sehr große Mehr­heit gibt gegen Rechts­extre­mis­mus in die­sem Land«, wie Sems­rott in einem Youtube-Video vom Okto­ber 2025 bekun­det, möchte die Kam­pa­gne die Demo­kra­tie ver­tei­di­gen, indem man prüft, durch was und wen sie ange­grif­fen wird.

PRÜF ver­folgt das Ziel, im Bun­des­rat eine Mehr­heit für ein Prüf­ver­fah­ren zusam­men­zu­be­kom­men. Darum fin­den nun an jedem zwei­ten Sams­tag eines Monats Demos in (poten­ti­ell allen) Lan­des­haupt­städ­ten statt – das nächste Mal somit am 14. März. Die Kam­pa­gne rekla­miert es als eige­nen Erfolg, dass schon in meh­re­ren Lan­des­par­la­men­ten ent­spre­chende Beschlüsse ver­ab­schie­det wur­den. Zuletzt stimmte die Ham­bur­gi­sche Bür­ger­schaft am 14. Januar einem von SPD und Grü­nen ein­ge­brach­ten Antrag zu, im Bun­des­rat ein abge­stuf­tes Prüf­ver­fah­ren für die AfD zu for­dern. Aktu­ell sind laut Zäh­lung der Kam­pa­gne nun 14 von 35 nöti­gen Stim­men im Bun­des­rat für das Anlie­gen gesi­chert. Das alles klingt zunächst über­zeu­gend. Doch das Bild trübt sich deut­lich, wenn man ein­mal genauer hinschaut.

Antifaschismus ohne Antifa?

Die For­de­rung nach einem Ver­bots­ver­fah­ren gegen die AfD wird seit Jah­ren erho­ben. Im Januar 2024 etwa ver­öf­fent­lichte die Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schis­tin­nen und Anti­fa­schis­ten (VVN-BdA) die For­de­rung nach einem Ver­bots­an­trag. Im Juni 2024 grün­dete ein brei­tes Bünd­nis – von attac über die VVN-BdA und die Omas gegen Rechts bis hin zum Bun­des­ar­beits­kreis kri­ti­scher Jura­grup­pen – die Kam­pa­gne »Men­schen­würde ver­tei­di­gen – AfD-Verbot jetzt!«. Nach­dem der Ver­fas­sungs­schutz im Mai letz­ten Jah­res öffent­lich die Ein­stu­fung des Bun­des­ver­bands der AfD als »gesi­chert rechts­extrem« ver­kün­dete, brachte das der Kam­pa­gne und ihrer For­de­rung nach einem Ver­bot der Par­tei wei­tere Reso­nanz. In Ham­burg schloss sich nun etwa auch die Zweite Bür­ger­meis­te­rin Katha­rina Fege­bank der For­de­rung an. Am 11. Mai 2025 orga­ni­sierte das Ham­bur­ger Bünd­nis gegen Rechts zusam­men mit ande­ren Grup­pen eine Demo für ein AfD-Verbot und im Juli grün­dete sich eine Ham­bur­ger Lokal­gruppe der Kam­pa­gne »AfD-Verbot jetzt!«.

Man sollte erwar­ten, dass eine bun­des­weite Kam­pa­gne wie PRÜF an diese bestehen­den Struk­tu­ren anknüpft. Doch das Gegen­teil ist der Fall. Zwar lädt die Kam­pa­gne offen zum »Mit­ma­chen« in ihren Lokal­grup­pen ein. Doch eine Ver­net­zung mit ande­ren zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akteu­ren in Ham­burg fand und fin­det nicht statt. Einer Per­son aus dem Umfeld der Ham­bur­ger PRÜF-Lokalgruppe zufolge gab es in einem Telegram-Gruppenchat einen Aus­tausch über die mög­li­che Teil­nahme von Anti­fa­grup­pen. Die Organisator:innen grif­fen die­sen Vor­schlag jedoch nie auf.

Die PRÜF-Auftaktdemo am 8. Novem­ber 2025 in Ham­burg. Foto: privat

Mitmachen als Simulation

Statt auf die lang­jäh­rige Erfah­rung und die poli­ti­sche Exper­tise anti­fa­schis­ti­scher Initia­ti­ven und Orga­ni­sa­tio­nen wie der VVN-BdA zu set­zen, will man Ein­zel­per­so­nen zur Betei­li­gung akti­vie­ren und so die poli­ti­sche ›Mitte‹ anspre­chen. Weg­wei­send für diese Aus­rich­tung war schon der Beginn der Kam­pa­gne.  Im Juni 2025 fand im Ham­bur­ger Cen­tral­ko­mi­tee die Show Sems­rott & Sems­rott statt, in der Nico Sems­rott die Idee regel­mä­ßi­ger Demos erst­mals thematisierte.

Am 12. Okto­ber 2025 gab es dann, erneut im Cen­tral­ko­mi­tee, einen Auf­tritt Sems­rotts mit dem Titel »Mal was ande­res«, den er selbst auf Insta­gram als eine »Mischung aus Comedy und, wenn ihr Bock habt, auch Frei­wil­li­gen­tref­fen« ankün­digte. Auf ein sati­ri­sches Büh­nen­pro­gramm zum AfD-Verbot folgte dort die Ver­kün­di­gung des Kam­pa­gnen­starts der PRÜF-Demos. Damit begann der Teil »Frei­wil­li­gen­tref­fen« des Events. Ein:e Besucher:in der Ver­an­stal­tung berich­tet gegen­über Untie­fen, dass Klein­grup­pen zu ver­schie­de­nen vor­ge­ge­be­nen The­men gebil­det wur­den, in etwa: ›Bünd­nis­ar­beit‹, ›krea­tive Ideen‹, ›Men­schen bewe­gen‹, ›Finan­zen‹, ›Social Media‹ und ›Grö­ßen­wahn‹.

Unter die­sen sechs Schlag­wor­ten soll­ten sich die je Inter­es­sier­ten zu Klein­grup­pen zusam­men­fin­den. Spä­ter ver­netz­ten sie sich über Tele­gram, wo sich die Unter­grup­pen­struk­tur wie­der­fand. Das ver­meint­li­che Par­ti­zi­pa­ti­ons­an­ge­bot ent­puppte sich aller­dings schnell als Schein, denn alle Unter­grup­pen waren einem »Kern­team« von Campaigner:innen unter­ge­ord­net. Wur­den inner­halb der Grup­pen eigene Vor­schläge ein­ge­bracht, wur­den diese oft bewusst aus­ge­bremst und dis­kre­di­tiert, sagt ein ehe­ma­li­ges Mit­glied einer sol­chen Unter­gruppe gegen­über Untie­fen. Inputs und Ideen habe man gerne abge­grif­fen, die Ent­schei­dun­gen habe aber allein das »Kern­team« gefällt. Zu die­ser Intrans­pa­renz passt es, dass eine Anfrage von Untie­fen an PRÜF Ham­burg unbe­ant­wor­tet blieb.

Der zen­tra­lis­ti­sche Franchise-Charakter der Kam­pa­gne redu­ziert die­je­ni­gen, die sich an der Orga­ni­sa­tion der Demos betei­li­gen wol­len, zu aus­füh­ren­den Multiplikator:innen. Das wird auch auf der Mitmach-Website deut­lich: Die Kam­pa­gne prä­sen­tiert Slo­gans und Mitsing-Lieder, bie­tet Sti­cker und »Teil­nah­me­stem­pel­kar­ten« an sowie wei­tere Vor­la­gen im Cor­po­rate Design. Für die Simu­la­tion von Betei­li­gung sorgt die »PRÜF-Community«. Auf die­ser Web­site kann man seine Ideen ein­brin­gen und muss dann dar­auf hof­fen, dass sie von den übri­gen Mit­glie­dern der Com­mu­nity »hoch­ge­vo­tet« wer­den. Am meis­ten Stim­men erhiel­ten zuletzt Vor­schläge wie der, zur Demo am 14. Februar eine Blume mit­zu­brin­gen oder sich Anste­cker und Schil­der in Herz­form zuzu­le­gen, »um zu zei­gen, dass wir die Demo­kra­tie lie­ben – pas­send zum Valentinstag«.

Was hin­ge­gen nicht so gern gese­hen wird, sind poli­ti­sche Ana­ly­sen und expli­zite Kri­tik an der AfD. Ein Musi­ker, der auf der Bühne einer der ver­gan­ge­nen PRÜF-Demos auf­trat und anonym blei­ben will, berich­tete von einer de-facto-Zensur: Er sei vor sei­nem Auf­tritt »gebrieft« wor­den. Dabei habe man ihm expli­zit vor­ge­ge­ben, er solle auf der Bühne die AfD nicht benen­nen. Man will bei PRÜF keine Kam­pa­gne gegen etwas sein, son­dern für etwas: für die Demo­kra­tie, für das Grund­ge­setz, für die Frei­heit und dafür, dass »die Ord­nung ein­ge­hal­ten« wird, wie es ein Mit­glied des Orga­ni­sa­ti­ons­teams in einem Arte-Beitrag sagt. »Ord­nung muss sein« lau­tet einer der Slo­gans der Demos, und es zeigt sich, dass er auch jene anspre­chen soll, die ihn nicht nur augen­zwin­kernd verstehen.

Immer lustig bleiben

Die­sem Wil­len zur Posi­ti­vi­tät ent­spricht auch die Form der Demons­tra­tio­nen. Sie zeich­net sich durch auf­ge­setzte come­dy­hafte Mas­sen­taug­lich­keit aus. Die Demo-Moderation wird oft­mals von Stand-Up-Künstler:innen wie Anna Bart­ling, Flo­ren­tine Osche und Ana Lucía über­nom­men. Die Sprech­chöre – über­wie­gend als von der Demo­mo­de­ra­tion initi­ier­tes Call and Response kon­zi­piert – vari­ie­ren das Prüf-Thema in allen mög­li­chen For­men; Neu­dich­tun­gen auf bekannte Melo­dien sol­len zum Mit­sin­gen und ‑klat­schen ani­mie­ren. Auf die Melo­die von »If you’re happy and you know it« etwa soll man sin­gen: »Wenn du die Prü­fung willst, dann klat­sche bitte jetzt. / Wenn du die Prü­fung willst, dann klat­sche bitte jetzt. / Alles streng nach Pro­to­koll! Ja, das fin­den wir ganz toll! / Wenn du die Prü­fung willst, dann klat­sche bitte jetzt.«

Nico Sems­rott auf der re:publica 2025. Foto: Kaethe17/Wikimedia Com­mons, CC BY-SA 4.0.

Im Gespräch mit der Ham­bur­ger Obdach­lo­sen­zei­tung Hinz & Kunzt begrün­dete Nico Sems­rott diese Stra­te­gie damit, dass »die demo­kra­ti­sche Mehr­heit seit zehn Jah­ren die glei­chen Werk­zeuge nutzt und damit nicht wei­ter­kommt«. Natür­lich spricht nichts dage­gen, neue Wege aus­zu­pro­bie­ren. Allzu oft fol­gen linke Demos ein­ge­fah­re­nen Mus­tern und zei­gen wenig Bereit­schaft, ritua­li­sierte Abläufe kri­tisch zu reflek­tie­ren. Das von Sems­rott aus­ge­ge­bene Ziel, »dass es Spaß macht, an den Demos teil­zu­neh­men«, offen­bart aller­dings eine frag­wür­dige Prio­ri­tä­ten­set­zung ange­sichts der dra­ma­ti­schen poli­ti­schen Lage.

Wenn Sems­rott gegen­über Hinz & Kunzt außer­dem behaup­tet, Faschis­mus setze auf Angst und werde »wir­kungs­los, wenn wir Spaß haben und lachen«, ist das eine ekla­tante Fehl­ana­lyse. Die Rechte setzt min­des­tens ebenso sehr auf ›Spaß‹ wie auf Angst, ob sie nun ras­sis­ti­sche ›Witze‹ erzählt wie der NRW-Fraktionschef der AfD, in sozia­len Medien iro­ni­sche Memes ver­brei­tet oder aber ›lus­tige‹ Lied­texte grölt wie auf der AfD-Wahlparty in Bran­den­burg 2024. Die FAZ hat letz­tes Jahr sogar nach­ge­zählt: »Im Bun­des­tag lacht keine Frak­tion so oft wie die AfD.« Man muss also gar nicht Klaus The­we­leits Stu­die Das Lachen der Täter ken­nen, um zu sehen: Faschis­mus und Lachen gehö­ren zusammen.

Erfolg, wirklich?

An der Auftakt-PRÜF-Demo am 8. Novem­ber 2025 in Ham­burg nah­men rund 5.000 Men­schen teil. Die mediale Reso­nanz war groß – und ist es auch noch vier Monate spä­ter. Doch die Anzahl der Demo­teil­neh­men­den hat sich nicht signi­fi­kant erhöht und sta­gniert laut Poli­zei­an­ga­ben um die 5.000-Marke herum. Das würde Sems­rott aller­dings sicher nicht als Argu­ment gel­ten las­sen. Gegen­über Hinz & Kunzt sagte er über PRÜF: »Eigent­lich ist es Copy-Paste von erfolg­rei­chen Kam­pa­gnen der letz­ten Jahre: Die Bau­ern­de­mos lie­fen auch über Wie­der­ho­lung und an vie­len Orten, ›Fri­days for Future‹ genauso. Das waren erst mal sehr lang sehr wenig Leute und dann ist es groß gewor­den.« Er hätte auch noch PEGIDA erwäh­nen kön­nen, die ab 2014 von Dres­den aus­ge­hende völkisch-rassistische Mobi­li­sie­rung. Dann hätte er aber auch reflek­tie­ren müs­sen, dass PEGIDA und die Bau­ern­pro­teste mit ihren rech­ten For­de­run­gen wirk­sam waren, wäh­rend ‚Fri­days for Future‘ zwar zunächst Erfolge erzielte, inzwi­schen aber poli­tisch über­wie­gend geschei­tert ist.

Ist aber nicht der Beschluss der Ham­bur­gi­schen Bür­ger­schaft ein Erfolg der Kam­pa­gne? Die Schluss­fol­ge­rung der Organisator:innen jeden­falls lau­tet: »PRÜF wirkt«. Doch unab­hän­gig davon, wie groß der Bei­trag der PRÜF-Demos auf den Bür­ger­schafts­be­schluss war, sollte man sich die Frage stel­len, was genau er in der Rea­li­tät bedeu­tet. Der beschlos­sene Antrag ersucht den Senat, sich für eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe ein­zu­set­zen, die mit­hilfe von Unter­la­gen des Ver­fas­sungs­schut­zes prü­fen soll, ob ein Ver­bot der AfD aus­sichts­reich ist. Falls diese Prü­fung ergebe, »dass das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen [für ein Par­tei­ver­bots­ver­fah­ren] trag­fä­hig begrün­det wer­den kann«, solle der Senat sich auch auf Bun­des­ebene für ein Ver­bot einsetzen.

Alles auf Null: Das Kölner Urteil

Aber selbst dafür sind die Bedin­gun­gen inzwi­schen nicht mehr gege­ben. Der Antrag von SPD und Grü­nen war daran geknüpft, dass »das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln den Eil­an­trag der AfD ablehnt und die Ein­stu­fung der AfD als gesi­chert rechts­extrem ohne wei­tere Still­hal­te­zu­sage für ein zweit­in­stanz­li­ches Ver­fah­ren bestä­tigt«. Nun ist aber genau das nicht gesche­hen, dem Eil­an­trag der AfD wurde statt­ge­ge­ben. Der Bür­ger­schafts­be­schluss ist damit hin­fäl­lig. Ein Antrag der Links­frak­tion, der sich an der Bre­mer Bun­des­rats­in­itia­tive ori­en­tiert und den Beschluss nicht vom Köl­ner Urteil abhän­gig gemacht hätte, wurde am 14. Januar mit den Stim­men aller ande­ren Frak­tio­nen abgelehnt.

Was die PRÜF-Kampagne stolz als Erfolg ver­bucht, ist also die Prü­fung der Prü­fung – und selbst die ist durch das Köl­ner Urteil nun noch wei­ter in die Zukunft gerückt. Die Vor­schal­tung eines wei­te­ren Prü­fungs­schritts vor der Prü­fung durch das Ver­fas­sungs­ge­richt kos­tet uns aller­dings nicht nur Zeit, son­dern ver­schwen­det auch zusätz­li­che Res­sour­cen. Denn diese Prü­fung wurde und wird auf unter­schied­li­chen Ebe­nen schon längst durch­ge­führt: zivil­ge­sell­schaft­lich etwa 2023 vom Deut­schen Insti­tut für Men­schen­rechte, vom Zen­trum für poli­ti­sche Schön­heit und von der Gesell­schaft für Frei­heits­rechte; poli­tisch etwa im Rah­men von­Ein­zel­fall­prü­fun­gen und natür­lich in Form des 1.100-seitigen Gut­ach­tens des Ver­fas­sungs­schut­zes. Es bedarf, nach sorg­fäl­ti­ger Prü­fung des Autors, kei­ner wei­te­ren Arbeits­gruppe die­ser Art.

Das Bundesverfassungsgericht prüft

Zieht man die Par­al­lele zu den zwei NPD-Verbotsverfahren (2001–2003 und 2013–2017), fällt auf, dass im öffent­li­chen Dis­kurs damals wesent­lich deut­li­cher von einem geplan­ten Ver­bot gespro­chen wurde. Die Gründe für das Schei­tern der Ver­bots­an­träge lagen im ers­ten Ver­fah­ren ins­be­son­dere bei den vom Ver­fas­sungs­schutz ein­ge­setz­ten V‑Personen. Im zwei­ten Ver­fah­ren stellte das Ver­fas­sungs­ge­richt die Ver­fas­sungs­feind­lich­keit der NPD 2017 zwar fest, lehnte den Ver­bots­an­trag aber trotz­dem ab, weil es »an kon­kre­ten Anhalts­punk­ten von Gewicht« fehle, die es mög­lich erschei­nen lie­ßen, dass die Par­tei ihre Ziele auch erreiche.

Die Indi­zi­en­lage war im Ver­gleich zu heute ähn­lich. Der Grund für das Schei­tern des NPD-Verbots hin­ge­gen fällt bei der AfD ein­deu­tig weg: Die drän­gende Gefahr einer Macht­über­nahme der AfD ist real. Dafür, dass sie ihre ver­fas­sungs­feind­li­chen Ziele errei­chen könnte, gibt es aus­rei­chend »kon­krete Anhalts­punkte«. Das Framing der PRÜF-Kampagne, also die For­de­rung nach einer Prü­fung der Vor­aus­set­zun­gen für ein AfD-Verbot, lenkt somit vom eigent­li­chen Ziel ab und ist irre­füh­rend. Denn auch die For­de­rung nach einem AfD-Verbot beinhal­tet ja not­wen­di­ger­weise eine sol­che Prü­fung durch das Ver­fas­sungs­ge­richt. Daher bedeu­tet die For­de­rung nach einer Prü­fung eine Abschwä­chung der bereits seit Jah­ren von Antifaschist:innen erho­be­nen Ver­bots­for­de­rung. Der erhoffte stra­te­gi­sche Nut­zen solch einer Abschwä­chung, eine gewisse Mas­sen­taug­lich­keit und eine Erwei­te­rung des poli­ti­schen Spek­trums der Unterstützer:innen ins kon­ser­va­tive Lager hin­ein, macht ihre Nach­teile und Gefah­ren bei Wei­tem nicht wett.

Ungeprüfte Hufeisentheorie

Das wohl weit­rei­chendste stra­te­gi­sche Zuge­ständ­nis an die ›Mehr­heits­fä­hig­keit‹ der PRÜF-Demos ist aller­dings der Extre­mis­mus­be­griff, der ihnen unre­flek­tiert zugrunde liegt. Denn ohne den Begriff des (Rechts-)Extremismus kommt eine Kam­pa­gne, deren ein­zige For­de­rung sich allein auf die Ein­ord­nung des Ver­fas­sungs­schut­zes beruft, natür­lich nicht aus. Im PRÜF-FAQ lau­tet daher auch eine Frage: »Warum nicht auch links­extreme Par­teien prü­fen lassen?«

Statt den Extre­mis­mus­be­griff, auf den sich diese Frage beruft, prin­zi­pi­ell zurück­zu­wei­sen, wird die eigene Ant­wort for­mal begrün­det – iro­ni­scher­weise mit exakt dem Argu­ment, das vom Ver­fas­sungs­ge­richt 2017 auf die NPD ange­wen­det wurde: »Aktu­ell gibt es in Deutsch­land nur vier offen links­extre­mis­ti­sche Par­teien, die aber alle­samt bedeu­tungs­los sind, da sie bei Wah­len und im öffent­li­chen Dis­kurs keine Rolle spie­len. Zur­zeit sehen wir in ihnen kein Gefah­ren­po­ten­zial für unsere frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung und damit aktu­ell auch kei­nen Anlass, eine Über­prü­fung zu for­dern.« Das heißt: PRÜF wen­det sich nicht gegen Ver­bote lin­ker Par­teien und Orga­ni­sa­tio­nen, son­dern sieht aktu­ell bloß andere Prioritäten.

Von die­ser Größe ist PRÜF weit ent­fernt: Demons­tra­tion »Ham­burg steht auf«, 19.1.2024. Foto: Gerd-HH/Wikimedia Commons

Man möchte den PRÜF-Verantwortlichen und allen Teil­neh­men­den ein ande­res FAQ emp­feh­len, näm­lich das FAQ des Forums kri­ti­sche poli­ti­sche Bil­dung zum Thema Extre­mis­mus. Die zen­trale Gefahr des Extre­mis­mus­be­griffs und damit auch der PRÜF-Kampagne wird darin prä­zise beschrie­ben: »Behaup­tet wird, ›extre­mis­ti­sche‹ Hal­tun­gen seien ›ver­fas­sungs­feind­lich‹ und daher gegen die Demo­kra­tie oder wahl­weise gegen den Staat gerich­tet. Damit wer­den auch die Unter­schiede zwi­schen Staat, Demo­kra­tie und Gesell­schaft ver­wischt, die ja nicht ein und das­selbe sind.«

Genau diese Ineinsset­zung von Demo­kra­tie, Staat und ›unse­rer freiheitlich-demokratischen Grund­ord­nung‹ betreibt aller­dings die PRÜF-Kampagne, und das mit Sys­tem. Denn um die eigene Behaup­tung einer »gro­ßen Mehr­heit gegen Rechts­extre­mis­mus« zu glau­ben, muss diese Mehr­heit dis­kur­siv her­ge­stellt wer­den: als ›breite Mitte‹ gegen die ›extre­men Rän­der‹. Der gras­sie­rende ›Extre­mis­mus der Mitte‹ gerät so gar nicht in den Blick.

Prüft euch doch selbst

Und so muss man aus anti­fa­schis­ti­scher Per­spek­tive ein ernüch­tern­des Fazit zie­hen. Das Ref­raming der AfD-Verbotsdebatte durch die PRÜF-Kampagne ist ange­sichts der Dring­lich­keit der poli­ti­schen Situa­tion eine kon­tra­pro­duk­tive Ver­zö­ge­rung. Die hier­ar­chi­sche Demo-Organisation und der Aus­schluss poli­ti­scher Bünd­nisse ver­un­mög­li­chen, dass die Demos mehr wer­den als eine Zustim­mung zu ihrer eng gefass­ten For­de­rung. Und der unreflektiert-affirmative Bezug auf das Extre­mis­mus­kon­zept ist gefähr­lich für anti­fa­schis­ti­sches Enga­ge­ment und ver­schließt die Augen vor dem Pro­zess der Faschi­sie­rung, der kein Rand‑, son­dern ein Mehr­heits­phä­no­men ist.

Sti­cker an einem unge­prüf­ten Bau­ge­rüst am Schul­ter­blatt. Foto: privat.

Dabei wäre es gerade ange­sichts die­ser Faschi­sie­rung not­wen­dig, neue Bünd­nisse für eine anti­fa­schis­ti­sche Pra­xis zu schlie­ßen – eine Pra­xis, zu deren Zie­len auch die Zer­schla­gung der AfD gehö­ren sollte. Eine regel­mä­ßige Demons­tra­tion könnte an sich ein geeig­ne­ter Ort dafür sein, sich über unter­schied­li­che Milieus hin­weg ken­nen­zu­ler­nen und sich auch über eine begrenzte Kam­pa­gne hin­aus lang­fris­tig anti­fa­schis­tisch zu orga­ni­sie­ren. Doch die PRÜF-Demos lösen die­ses Poten­tial für die Ent­wick­lung neuer Bünd­nisse nicht ein. Antifaschist:innen jeden­falls kön­nen sich am 14. März und an allen fol­gen­den zwei­ten Sams­ta­gen im Monat eine andere Beschäf­ti­gung suchen.

Nico Paus­tian, März 2026

Der Autor ist Teil der Redak­tion Untie­fen und geht nicht auf Demos, um mit humo­ris­ti­schem Anstrich gegen die gesell­schaft­li­che Ver­schie­bung nach Rechts zu demonstrieren.

Diskriminierung im progressiven Gewand – Wie der AStA der Uni Hamburg die BDS-Bewegung fördert

Diskriminierung im progressiven Gewand – Wie der AStA der Uni Hamburg die BDS-Bewegung fördert

An der Uni Ham­burg for­miert sich eine BDS-Kampagne. Der AStA unter­stützt sie und trägt damit zu einer israel- und juden­feind­li­chen Atmo­sphäre auf dem Cam­pus bei. Wir haben genauer hin­ge­se­hen und nachgefragt.

Der »WiWi-Bunker« auf dem Cam­pus der Uni HH. Unten rechts die AStA-Räumlichkeiten. Foto: Pauli-Pirat, CC BY-SA 4.0

»Boy­cott, Dive­st­ment, Sanc­tions an der Uni Ham­burg« – unter die­sem Titel wurde am 24. Juli die­ses Jah­res per Flyer zu einer Ver­an­stal­tung in das Info­café des All­ge­mei­nen Stu­die­ren­den­aus­schuss (kurz AStA) auf dem Cam­pus ein­ge­la­den. Nor­ma­ler­weise kön­nen Stu­die­rende hier vor­bei­kom­men, um sich bei Pro­ble­men im Stu­di­en­all­tag unab­hän­gig bera­ten zu las­sen. Der AStA sieht sich, wie es auf der Web­site heißt, »ganz den stu­den­ti­schen Inter­es­sen ver­pflich­tet«. Das scheint jedoch frag­lich, denn die BDS-Kampagne, die im AStA offen unter­stützt wird, zielt auf einen aka­de­mi­schen Boy­kott israe­li­scher Uni­ver­si­tä­ten ab und trifft auch all jene, die tat­säch­lich oder ver­meint­lich mit israe­li­schen Insti­tu­tio­nen zusam­men­ar­bei­ten oder mit Israel asso­zi­iert wer­den. Abseits der Kri­tik an der Bewe­gung ins­ge­samt, die den ein­zi­gen jüdi­schen Staat dele­gi­ti­mie­ren und letzt­lich zer­stö­ren will, wirft das die Frage auf: Fühlt sich der AStA auch jüdi­schen Student:innen verpflichtet?

Die Räum­lich­kei­ten für die BDS-Veranstaltung im Juli wur­den aus­ge­rech­net durch das »Refe­rat für Anti­dis­kri­mi­nie­rung« zur Ver­fü­gung gestellt. Das geht aus einer jüngst ver­öf­fent­lich­ten klei­nen Anfrage des RCDS an den AStA her­vor. Das Refe­rat – eine Unter­glie­de­rung des AStA – stellt sich auf sei­ner Web­site als »unab­hän­gige Anlauf­stelle« dar, bei der sich Stu­die­rende »im Falle von Dis­kri­mi­nie­rung im Hoch­schul­kon­text« mel­den kön­nen.
Gegen Dis­kri­mi­nie­rung, aber für einen Boy­kott israe­li­scher Hoch­schu­len? Für die an der BDS Kam­pa­gne an der Uni­ver­si­tät Ham­burg betei­lig­ten Grup­pen ist das kein Wider­spruch. Die maß­geb­li­chen Grup­pen (»Stu­dents for Pal­es­tine Ham­burg« und »Kom­mu­nis­ti­scher Stu­die­ren­den­bund«, der Stu­die­ren­den­ver­band der trotz­kis­ti­schen Gruppe »Arbei­ter­in­nen­macht«) bestrei­ten, dass ihre Kam­pa­gne anti­se­mi­tisch sei. Im Gegen­teil, sie soll ein Kampf für Men­schen­rechte sein, in einem Land, das – so Stu­dents for Pal­es­tine auf Insta­gram – »aktiv einen Völ­ker­mord unter­stützt«. Kern der Argu­men­ta­tion ist stets, dass sich ihr Boy­kott aus­schließ­lich gegen israe­li­sche Insti­tu­tio­nen richte. Was könnte daran anti­se­mi­tisch sein?

BDS in studentischen Räumen

Diese Frage ist auf dem Cam­pus schon längst keine theo­re­ti­sche mehr. Das »BDS-Komitee« der Uni Ham­burg grün­dete sich im Mai 2025. Doch schon zuvor gab es ein­schlä­gige Aktio­nen aus den es tra­gen­den Grup­pen.
Stu­dents for Pal­es­tine hatte allein im Jahr 2024 etli­che Male online gegen Dozie­rende einer Ring­vor­le­sung mit dem Titel »Juden­feind­lich­keit, Anti­se­mi­tis­mus, Anti­zio­nis­mus – aktua­li­sierte For­men anti­jü­di­scher Gewalt« gehetzt, sich an einer Kund­ge­bung gegen diese Ver­an­stal­tung betei­ligt und an meh­re­ren Stör­ak­tio­nen gegen die Ring­vor­le­sung teil­ge­nom­men. In einer der Sit­zun­gen unter­bra­chen aggres­sive Audio­clips aus unter Stüh­len ver­steck­ten Boxen wie­der­holt den Vor­trag. Eine Gruppe jüdi­scher Schü­le­rin­nen konnte das nicht ertra­gen und ver­ließ wei­nend den Raum. Die Eska­la­tion im Rah­men der Ring­vor­le­sun­gen erreichte ihren Höhe­punkt, als die Frau eines Mit­or­ga­ni­sa­tors im Foyer des Haupt­ge­bäu­des nie­der­ge­schla­gen wurde.

Aktivist:innen isra­el­feind­li­cher Grup­pen haben im ver­gan­ge­nen Jahr mehr­fach Räum­lich­kei­ten an der Uni Ham­burg genutzt, meist stu­den­tisch ver­wal­tete Frei­räume wie das Café Hüb­ris oder das Café Knall­hart. Neben den oben genann­ten Grup­pen sind noch wei­tere »mis­sio­nie­rende« Polit­grup­pen aktiv, gegen die es kaum Wider­stand gibt. Das beschreibt Simon, ein jüdi­scher Stu­dent der Uni Ham­burg, der eigent­lich anders heißt, sich aber nur anonym äußern möchte, gegen­über Untie­fen.

Judenfeindliches Klima auf dem Campus

Simon hat laut eige­ner Aus­sage im Novem­ber 2025 einem »Offe­nen BDS-Treffen« im Café Knall­hart, einem wei­te­ren stu­den­tisch ver­wal­te­ten Frei­raum, bei­gewohnt. Gelei­tet wor­den sei die Ver­an­stal­tung von einem Akti­vis­ten des Kom­mu­nis­ti­schen Stu­die­ren­den­bun­des. Dane­ben habe auch ein Mit­glied von Stu­dents for Pal­es­tine gespro­chen sowie eine Per­son, die sich selbst als Mit­glied des AStA vor­ge­stellt und Unter­stüt­zung ange­bo­ten habe, etwa einen Tisch für einen Info­stand des BDS-Komitees bereitzustellen.

Der Kom­mu­nis­ti­sche Stu­die­ren­den­bund soll den Boy­kott israe­li­scher Gastdozent:innen an der Uni vor­ge­schla­gen haben

Dabei soll auch bespro­chen wor­den sein, wie der Boy­kott kon­kret aus­zu­se­hen habe. So soll der Kom­mu­nis­ti­sche Stu­die­ren­den­bund den Boy­kott israe­li­scher Gastdozent:innen an der Uni vor­ge­schla­gen haben. Auf die Nach­frage, ob dies für alle israe­li­sche Dozent:innen gel­ten solle, wurde eine Aus­nahme höchs­tens für Israe­lis ein­ge­räumt, die sich aktiv gegen den israe­li­schen Staat und für Paläs­tina ein­set­zen wür­den. Für Simon ist das eine Gesin­nungs­prü­fung. Und nicht nur das: Simon sagt über das Klima auf dem Uni-Gelände: »Ich fühle mich eigent­lich von jeder Insti­tu­tion auf dem Cam­pus im Stich gelas­sen. Ich weiß als jüdi­sche Per­son nicht, an wen ich mich im Falle einer Dis­kri­mi­nie­rung wen­den soll.«

Es gibt zwar ein offi­zi­el­les »Zen­trum für Anti­dis­kri­mi­nie­rung« des Uni­prä­si­di­ums. Auf Nach­frage ver­si­cherte der Pres­se­spre­cher der Uni­ver­si­tät, Alex­an­der Lemona­kis, gegen­über Untie­fen, dort würde auch israel­be­zo­ge­ner Anti­se­mi­tis­mus ernst genom­men. Zugleich ver­weist er aber in einer schrift­li­chen Stel­lung­nahme auf unsere Fra­gen dar­auf, dass stu­den­ti­sche Frei­räume auf dem Cam­pus »eigen­ver­ant­wort­lich von der Stu­die­ren­den­schaft ver­wal­tet und stu­den­ti­schen Grup­pen sowie Initia­ti­ven zur Nut­zung über­las­sen [wer­den]. Die Ver­ant­wor­tung liegt daher aus­schließ­lich beim AStA.«

Ich fühle mich als Jude abso­lut aus­ge­lie­fert am Cam­pus der UHH.

Das bestä­tigt Simon: »Die offi­zi­elle Stelle gegen Dis­kri­mi­nie­rung hat keine Hand­lungs­macht gegen Anti­se­mi­tis­mus.« Und das Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­re­fe­rat des AStA? »Dort­hin zu gehen, ist für mich sogar gefähr­lich, weil die Gefahr besteht, dass meine Daten und Aus­sa­gen an anti­se­mi­ti­sche und extre­mis­ti­sche Grup­pen wei­ter­ge­ge­ben wer­den.« Simon berich­tet wei­ter, dass er erst kürz­lich auf dem AStA-Weihnachtsmarkt von einer Stand­be­trei­be­rin der Gruppe Stu­dents for Pal­es­tine rassistisch-antisemitisch belei­digt wor­den sei, ohne dass jemand ein­ge­schrit­ten sei. Er resü­miert bit­ter: »Ich fühle mich als Jude abso­lut aus­ge­lie­fert am Cam­pus der UHH.«

Der Anti­se­mi­tis­mus im Anti­zio­nis­mus: Unter dem Hin­weis­schild zu den Ange­bo­ten des AStA auf dem Cam­pus sind Pla­kate in Soli­da­ri­tät mit Gei­seln der Hamas durch isla­mis­ti­sche Sti­cker über­klebt. Foto: privat.

Die Rolle der Hochschulleitung

Dass die offene Dis­kri­mi­nie­rung israe­li­scher Dozent:innen nicht vom Anti­se­mi­tis­mus zu tren­nen ist, mahnte auch der schei­dende Antisemitismus-Beauftragte der Stadt Ham­burg, Ste­fan Hen­sel, Anfang Dezem­ber an. In einem Instagram-Post ver­ur­teilte er die BDS-Aktivitäten an der Uni Ham­burg scharf, da der Auf­ruf zum aka­de­mi­schen Boy­kott »die Gren­zen der legi­ti­men Debat­ten­kul­tur« über­schrit­ten habe und das »Sicherheits- und Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl jüdi­scher und israe­li­scher Stu­die­ren­der, Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler sowie Beschäf­tig­ter« beeinträchtige.

Gegen­über Untie­fen erläu­terte Ste­fan Hen­sel, wie diese Beein­träch­ti­gung funk­tio­niert: »Ein aka­de­mi­scher Boy­kott rich­tet sich zwar for­mal gegen Insti­tu­tio­nen, wirkt jedoch fak­tisch auf Men­schen, da Hoch­schu­len soziale Räume sind. Bei­spiels­weise durch been­dete Koope­ra­tio­nen, zurück­ge­zo­gene Kon­fe­renz­ein­la­dun­gen oder ver­wei­gerte For­schungs­pro­jekte wird die aka­de­mi­sche Zuge­hö­rig­keit israe­li­scher und jüdi­scher Stu­die­ren­der und For­schen­der nicht nach indi­vi­du­el­ler Hal­tung, son­dern nach natio­na­ler oder eth­ni­scher Her­kunft bewer­tet.« Mehr noch, so Hen­sel, beruh­ten aka­de­mi­sche Boy­kotte »auf dem Prin­zip der Kol­lek­tiv­haf­tung, indem alle israe­li­schen Insti­tu­tio­nen pau­schal für staat­li­ches Han­deln ver­ant­wort­lich gemacht wer­den. Stu­die­rende müs­sen sich dadurch recht­fer­ti­gen, obwohl sie ja gar keine poli­ti­schen Akteure sind – ihre bloße Anwe­sen­heit wird poli­ti­siert. Dies führt häu­fig zu Rück­zug, etwa durch das Mei­den uni­ver­si­tä­rer Ver­an­stal­tun­gen, das Ver­ber­gen der eige­nen Her­kunft oder den Aus­tritt aus stu­den­ti­schen Gremien.«

In Reak­tion auf Hen­sels Kri­tik beteu­erte das Prä­si­dium der Uni­ver­si­tät Ham­burg, man habe kon­krete Schutz­maß­nah­men für jüdi­sche Stu­die­rende und Beschäf­tigte ergrif­fen. Gegen­über Untie­fen erläu­tert der Pres­se­spre­cher, neben dem genann­ten Zen­trum für Anti­dis­kri­mi­nie­rung gebe es Ver­trau­ens­per­so­nen für jüdi­sche Hoch­schul­an­ge­hö­rige, Fort­bil­dungs­an­ge­bote und einen inten­si­ven Aus­tausch mit jüdi­schen Insti­tu­tio­nen in Ham­burg. Jedoch enden all diese Bemü­hun­gen an der stu­den­ti­schen Selbst­ver­wal­tung, auf die das Prä­si­dium kei­nen Ein­fluss hat.

Das Verhältnis des AStA zur BDS Bewegung an der Uni Hamburg

Ein­fluss auf den AStA hat jedoch das Stu­die­ren­den­par­la­ment. Jeden Som­mer wird ein neues Stu­die­ren­den­par­la­ment gewählt, wel­ches die Inter­es­sen der Stu­die­ren­den­schafft ver­tre­ten soll und als aus­füh­ren­des Organ den AStA mit sei­nen Refe­ra­ten ein­setzt. Damit ist der AStA an die Wei­sun­gen des Stu­die­ren­den­par­la­men­tes gebun­den, auch bezüg­lich eines bereits bestehen­den Unver­ein­bar­keits­be­schlus­ses mit BDS von 2017.

Ange­sichts der ver­schie­de­nen Ver­an­stal­tun­gen in den Räum­lich­kei­ten des AStA drängt sich jedoch der gegen­tei­lige Ein­druck auf, dass sich näm­lich der All­ge­meine Stu­die­ren­den­aus­schuss offi­zi­ell den Zie­len der BDS-Bewegung ver­schrie­ben hat. Auf eine dies­be­züg­li­che Anfrage des RCDS ließ der AStA ledig­lich ver­lau­ten, dass er weder Kennt­nis vom Anti-BDS-Beschluss des StuPa, noch eine eigene Posi­tion zur BDS Bewe­gung habe.

Wir haben den AStA dar­auf­hin am 15. Dezem­ber gebe­ten, dazu Stel­lung zu neh­men. Warum unter­stützt der AStA die BDS-Bewegung trotz anders­lau­ten­dem Beschluss des StuPa? Und: Wie ver­ein­bart das »Refe­rat für Anti­dis­kri­mi­nie­rung« sei­nen Auf­trag damit, zugleich eine Kam­pa­gne zu unter­stüt­zen, die offen für die Dis­kri­mi­nie­rung von Israe­lis wirbt?
Auf unsere Anfrage konnte der AStA bis zur Ver­öf­fent­li­chung die­ses Bei­trags am 22.12. nur ver­mel­den, dass der zustän­dige Vor­stand lei­der schon im Weih­nachts­ur­laub sei und man daher vor Mitte Januar nicht Stel­lung nehme könne.

Vorbild BDS-Komitee an der FU Berlin

Ganz über­ra­schend dürf­ten die Ant­wor­ten aber ohne­hin nicht aus­fal­len, denn es gibt Vor­bil­der für die Ham­bur­ger Kam­pa­gne. Die Aktivist:innen han­deln offen­bar nach einem Schema, das bereits an der Freien Uni­ver­si­tät in Ber­lin erprobt wurde. Zunächst wer­den allen Ver­bin­dun­gen der Uni mit israe­li­schen Insti­tu­tio­nen erfasst. Info­ti­sche und Pro­pa­gan­da­ma­te­rial ver­fol­gen gleich­zei­tig das Ziel, Sym­pa­thie für das Thema zu erzeu­gen. Zudem wird ins­be­son­dere ver­sucht, Ein­fluss auf die stu­den­ti­sche Selbst­ver­wal­tung zu neh­men. Wie auch in Ham­burg tun sich in der Ber­li­ner BDS-Kampagne Akti­vis­ten der Gruppe Arbei­ter­in­nen­macht her­vor, allen voran der noto­ri­sche Isra­el­feind Georg Ismael, der zum Bei­spiel den im letz­ten Jahr durch die Poli­zei auf­ge­lös­ten Paläs­ti­na­kon­gress orga­ni­sierte.

Diese Par­al­le­len machen deut­lich, dass jüdi­sche Stu­die­rende der Uni Ham­burg nicht nur nicht durch die stu­den­ti­sche Inter­es­sen­ver­tre­tung reprä­sen­tiert sind, son­dern diese Ver­tre­tung aktiv an der Dis­kri­mi­nie­rung jüdi­scher und israe­li­scher Hoch­schul­an­ge­hö­ri­ger betei­ligt ist.

Dabei ist es kein Trost, dass es offen­bar die immer glei­chen isra­el­feind­li­chen und zum Teil anti­se­mi­ti­schen Aktivist:innen und Klein­grup­pen sind, die mit ihren Akti­vi­tä­ten an den Uni­ver­si­tä­ten ein israel- und juden­feind­li­ches Klima erzeu­gen und in eini­gen Fäl­len Juden:Jüdinnen direkt angrei­fen. Denn das ist nur mög­lich, weil ihre anti­zio­nis­ti­sche Stim­mungs­ma­che auf eine (Hochschul-)Gesellschaft trifft, die von Unsi­cher­hei­ten und einem Wunsch nach ein­fa­chen, ver­meint­lich radi­ka­len Erklä­run­gen gelei­tet ist. Und, weil kaum jemand die­sen Klein­grup­pen und Ein­zel­per­so­nen offen­siv entgegentritt.

Anna Meyer und Felix Jacob, Dezem­ber 2025