Editorial

Untiefen – Emanzipatorische Einsprüche gegen Hamburg

Ham­burg gibt sich gedie­gen. Die Stadt gefällt sich als beschei­den groß­bür­ger­lich, in han­sea­ti­scher Kauf­manns­tra­di­tion, aber mit einem sozia­len und grü­nen Gewis­sen. Sie erscheint als eine sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Mus­ter­stadt: Kapi­tal und Arbeit wir­ken an der Ober­flä­che ver­söhnt, es regie­ren Busi­ness und urba­ner Life­style. Doch gerade da, wo Behä­big­keit, Selbst­ge­fäl­lig­keit und Selbst­herr­lich­keit zusam­men­kom­men, lie­gen die Untiefen. 

Ham­burg, das ist: 
… »eine Stadt für alle« (Behörde für Stadt­ent­wick­lung und Woh­nen), die Migrant:innen und Hartz-IV-Empfänger:innen in »Slums« drängt. 

… die »Stadt der guten Arbeit« (SPD), in der ein Drit­tel der Arbeits­kräfte pre­kär beschäf­tigt ist. 

… das »Tor zur Welt« (Ham­burg über sich selbst), in dem einer Gruppe von Flücht­lin­gen seit 2013 das Blei­be­recht ver­wehrt wird und Leib und Leben Schwar­zer Men­schen stän­dig durch die Poli­zei bedroht sind. 

… »schon immer eine libe­rale Stadt« (hamburg.de), wo jüdi­sches Leben seit Anfang der 1990er Jahre unter Poli­zei­schutz steht und den­noch immer wie­der anti­se­mi­ti­sche Angriffe geschehen. 

… die »Haupt­stadt des inter­re­li­giö­sen Dia­logs« (rot-grüner Koali­ti­ons­ver­trag 2020), wo die Europa-Vertretung der ira­ni­schen Mullah-Despotie staat­lich aner­kannt ihr Unwe­sen trei­ben darf. 

… »eine ziem­lich rote Stadt« (FAZ), deren Linke in Sachen Israel­hass Pio­nier­ar­beit leis­tete und anti­zio­nis­ti­sche Polit­sek­ten bis heute nicht los­ge­wor­den ist. 

… »Zukunfts­stadt« (SPD-Bürgermeister Peter Tschent­scher), deren rot-grüne Regie­rung in Moor­burg das »modernste Koh­le­kraft­werk der Welt« von Vat­ten­fall erst anstel­len und nach nur sechs Jah­ren gegen eine kleine Ent­schä­di­gungs­summe in zwei­stel­li­ger Mil­lio­nen­höhe wie­der abstel­len ließ. 

… die »schönste Stadt Deutsch­lands« (Abend­blatt), in der Bau­denk­mä­ler (nicht nur) der Nach­kriegs­mo­derne abge­ris­sen wer­den, wäh­rend für die Sanie­rung deut­scher Reichs­fan­ta­sien 9 Mil­lio­nen Euro drin sind. 

Untie­fen ist ein digi­ta­les Maga­zin für (Anti-)Stadtkultur, das aus und gegen Ham­burg Ein­spruch erhebt. Untie­fen wirft Bli­cke hin­ter die auf Hoch­glanz sanier­ten Fas­sa­den. Untie­fen ver­sam­melt All­täg­lich­kei­ten, Absur­di­tä­ten und Nie­der­träch­tig­kei­ten der Stadt Ham­burg und ihrer Bewohner:innen. Untie­fen schreibt dar­über, was einem guten Leben in die­ser Stadt ent­ge­gen­steht – und über jene, die die Ver­spre­chen der Groß­stadt noch nicht ad acta gelegt haben. 

Redak­tion Untie­fen, Juli 2021