»Da ist etwas gewesen, das sehr viel Kraft hatte.«
Seit mehr als zwei Jahren ist das einst so lebendige Umfeld rund um die Sternbrücke eine Baustelle. Die Fotografin und Filmemacherin Helga Bahmer hat das Verschwinden dieses Orts mit der Kamera festgehalten. Ab dem 22. Mai sind ihre Arbeiten in der giraffentoast Gallery zu sehen. Wir zeigen schon jetzt eine Auswahl der Fotos und haben mit der Künstlerin gesprochen.

Untiefen: Unter dem Titel Krümmungsruck Sternbrücke nimmst du fotografisch die Transformation des Umfelds der Sternbrücke in den Blick. Was gab den Anstoß für dieses Projekt?
Helga Bahmer: Ich verbinde persönlich sehr viel mit der Sternbrücke. Als ich im Jahr 2000 aus der Provinz nach Hamburg kam, war ich von diesem Ort geflasht: Die kleinen Läden, die geschichtsträchtigen Backsteingebäude, die Kreuzung, die Menschen und die Clubs – das war für mich der Inbegriff von Urbanität. Ich habe London geliebt, und das sah für mich aus wie London. Vor etwa sechs Jahren wurde dann ja beschlossen, dass die Clubs da wegmüssen. Für mich war aber eher der Moment entscheidend, als vor zwei Jahren die Pfeiler für die Kabelhilfstrasse aufgestellt wurden. Für mich waren diese Pfeiler wie Aliens, die das ganze Stadtbild dort verändert haben. Das war der Moment, in dem ich dachte: Jetzt müsste ich anfangen zu fotografieren und diese Veränderung festzuhalten.
Das heißt, dir ging es nicht darum, den Zustand vor dem Abriss zu dokumentieren, sondern die Transformation selbst?
Ja, künstlerisch hat mich nicht das Schließen der Clubs interessiert, und auch der Abriss der Brücke interessiert mich nicht. Mich faszinierte diese Zwischenzeit, in der alles schon leer stand und immer mehr weggenommen worden ist von der Geschichte des Orts und von seiner Patina. Jetzt fotografiere ich den Ort nicht mehr, denn diese Zwischenzeit ist vorbei. Nur den Transport der neuen Brücke möchte ich gern noch aufnehmen, aber dann vermutlich eher auf Film, nicht mit Fotos.
Im Ankündigungstext zu deiner Ausstellung heißt es, »dass das Alte zur Nostalgie wird und das Neue noch ungewiss ist«. Welche Rolle spielt für dich das bewahrende Moment, das die Fotografie als Medium auszeichnet? Sind deine Fotos nostalgisch?
Nein, die sollen nicht nostalgisch sein. Ich will auch keine Nostalgie auslösen. Ich bin keine Nostalgikerin und auch nicht gegen Veränderung. Wenn so ein Infrastruktur-Knotenpunkt saniert werden muss, dann stehe ich dem gar nicht negativ gegenüber – auch wenn die Gründe im Fall der Sternbrücke natürlich sehr fragwürdig sind. Aber wenn Orte, die für die Stadtkultur wichtig waren oder sind, ausgemerzt oder verdrängt werden, wenn an ihrer Stelle so eine Art Leere entsteht, dann fühle ich mich berufen, das zu dokumentieren, damit nicht eine Art Amnesie eintritt. Die Räume, die Steine, die Kasematten, die noch die Spuren dessen tragen, was daraus einmal gemacht worden war, bilden ein Archiv. Dieses Archiv will ich weitertragen – und zwar so, wie ich das interpretiere: nicht rein dokumentarisch, sondern mit einer künstlerischen Haltung. Und ich will schließlich auch abfeiern, dass es diese Gegenräume gab.
Mit dem Archiv Sternbrücke der Fotografin Johanna Klier, das dieses Jahr mit dem Georg-Koppmann-Preis für Hamburger Stadtfotografie ausgezeichnet wurde, gibt es ein Projekt, das einen ähnlichen Ausgangspunkt nimmt, aber ästhetisch ganz anders vorgeht: Ihre Arbeit mit einer analogen Großbildkamera, ohne erhöhte Kontraste, Unschärfen oder extreme Perspektiven, nimmt einen genau registrierenden, objektiven Blick ein. Deine Fotos dokumentieren zwar auch, wählen aber eine viel stärker subjektive Perspektive. Wie bist du da vorgegangen?
Ich habe einen Blick gesucht, den nicht andere schon gefunden haben, einen eigenen Standpunkt und eine eigene Aussagekraft. Mir waren die Emotionen, die ich mit dem Ort verbinde, sehr wichtig. Und was mich sehr anzieht, ist eben das Gelebte, das Dreckige, das Verschlossene, manchmal auch das Skurrile. Das setzt sich dann oft in Farben um, ich habe aber auch viel mit Tiefenunschärfe gearbeitet. In der dokumentarischen Fotografie legt man sehr viel Wert darauf, dass der ganze Fotoraum scharf ist, von vorne bis hinten. Der subjektive Blick hingegen stellt manche Dinge scharf, andere nicht. Außerdem habe ich auch mit Abstraktionen gearbeitet. Und mich hat die Patina interessiert, die Oberflächen, die eben nicht glatt und super-HD sind, sondern die man auch erspüren kann und die, das hoffe ich jedenfalls, die Tiefenstruktur der Zeit transportieren.
Hervorstechend sind auch die ungewöhnlichen Perspektiven der Fotos: zum Beispiel, wenn auf einem Bild eine Art Matte sich wie ein Gletscher oder eine Lawine vom rechten oberen Bildrand in Falten nach links unten schiebt und man schwer ausmachen kann, aus welchem Material dieser Gegenstand ist und welche Funktion er eigentlich hat. Steckt darin eine Faszination nicht nur für das, was da einmal war, sondern auch für die teils bizarren Formen, die nur in diesem Moment der Transformation für kurze Zeit entstehen?
Das Bild, das du ansprichst, zeigt den Abriss des Sterngartens. Die Bilder von diesem Moment sind die einzigen Abrissbilder, die ich überhaupt aufgenommen habe, weil mich das persönlich so sehr mitgenommen hat. Noch ein paar Wochen zuvor hatte ich zusammen mit einer Freundin im Inneren des Gebäudes fotografiert und wir hatten festgestellt, dass es in gar keinem so schlechten Zustand war, man hätte es gut sanieren können. Es hat mir wirklich wehgetan, das abgerissen zu sehen, und dafür fand ich dieses Bild. Es ist eine Matte, die beim Abriss dazu diente, dass keine Trümmer auf die Straße fallen, sie sieht aber aus wie eine Welle, die das Haus überrollt hat.
Menschen sind auf deinen Bildern nur selten zu sehen. Warum?
Weil der Ort seine Lebendigkeit verloren hat. Die einzigen Momente, in denen da meinem Gefühl nach noch Leben existiert, sind die Kreiselkonzerte der Initiative Sternbrücke. Ansonsten ist da nicht mehr viel los. Leute stehen nicht mehr vor den Clubs oder vorm Kiosk, sie laufen nur noch vorbei. Für mich ist das inzwischen ein leerer Ort.
Deine Ausstellung trägt den Titel Krümmungsruck Sternbrücke. Im Begleittext wird erläutert, es handele sich um einen »Begriff aus der Trassierung«. Wofür steht dieser Titel?
Ein Krümmungsruck tritt auf, wenn man eine gekrümmte mit einer geraden Trasse verbindet und der Übergang dabei abrupt einsetzt. Mit Blick auf die Sternbrücke verstehe ich den Krümmungsruck als den Effekt des Versuchs, eine Krümmung, also einen subkulturellen oder alternativen Raum, zu begradigen. Ich habe in Mainz Fotografie und Umweltgestaltung am Fachbereich Kunst studiert und bin da mit Mike Davis und seiner kritischen Theorie der Stadtplanung und Urbanität in Kontakt gekommen. Das Studium ist lang her, die Details hatte ich vergessen, aber mir ist jetzt aufgefallen, dass ich von diesen Theorien immer noch imprägniert bin. Zum Beispiel von Davis’ These, dass die Bereinigung von Orten mit Geschichte, Orten, an denen soziale Aneignung passiert und an denen Subkultur entstehen kann, dazu dient, dass eine Stadt umfassender wirtschaftlich ausgenutzt werden kann. Wozu diese Ausnutzung führt, sieht man in Hamburg an der Elbtower-Ruine oder am brachliegenden Holstenareal. Orte wie die Sternbrücke stehen einer wirtschaftlichen Ausnutzung in dieser Form im Weg, die sind nicht clean genug. Im Begriff »Krümmungsruck« steckt die gewisse Aggressivität, die Gewalt dieser Begradigung, ähnlich wie in dem Lawinenbild.

Nun wird an der Sternbrücke ja aber voraussichtlich kein Investor bauen. Die Grundstücke gehören dem Bezirk Altona, Anfang Mai begann ein öffentliches Beteiligungsverfahren. Gibt es nicht eine Chance, dass das Neue hier nicht notwendigerweise das Schlechte sein muss?
Es wird zwei nutzbare Flächen unter der neuen Brücke geben und drei Grundstücke im Umfeld der Brücke. Es gibt zwar ein Beteiligungsverfahren, aber was mit den Ideen und Wünschen der Anwohner:innen wirklich passiert, ist unklar. Vielleicht läuft es ja gut, die Stadt lernt aus ihren Fehlern und versucht, etwas Neues aufzubauen, das auch subversives Potential birgt. Und trotzdem finde ich es traurig, dass die alten Kasematten mit ihren Geschichtsspuren weg sind. Man hätte sie ja retten können. Ein Zweck meiner Ausstellung ist es auch, darauf hinzuweisen, dass es diese Räume gab und dass wir solche Räume, wo es sie in Hamburg noch gibt, erhalten können. Denn wenn wir sie verlieren, verlieren wir nicht nur Räume – wir verlieren die Ideen, wie wir leben wollen.
Sind deine Bilder also zwar nicht nostalgisch, aber traurig?
Traurigkeit kann schnell in Nostalgie kippen, und das will ich nicht unbedingt transportieren. Ich trauere natürlich um den Verlust dieses Ortes und es gibt manche Bilder, vor allem vielleicht die schwarz-weißen, die das auch zum Ausdruck bringen. Aber trotzdem ist es für mich vor allem ein Fest, dass es den Ort gab, dass der eine Energie hat, die immer noch ausstrahlt und Menschen bewegt. Da ist etwas gewesen, das sehr viel Kraft hatte.
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»KRÜMMUNGSRUCK STERNBRÜCKE«
von Helga Bahmer
Ausstellung in der giraffentoast Gallery (Kleiner Schäferkamp 28, 20357 Hamburg)
22. Mai – 6. Juni 2026
Vernissage: Freitag, 22.05.2026, ab 19 Uhr, mit Live-Musik von Deer Anna
Am 30.05.2026 um 14 Uhr gibt es eine Führung (nur mit Anmeldung)
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Helga Bahmer lebt und arbeitet in Hamburg. Sie studierte Kunstfotografie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und spezialisierte sich später auf Dokumentarfilm an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Ihre Arbeit untersucht die Schnittstellen zwischen Identität, Stadtplanung und Architektur. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Frage: Wie prägen Orte und Politik die Menschen?





