Autoritäre Feindmarkierungen

Autoritäre Feindmarkierungen

Meh­rere Vor­fälle der ver­gan­ge­nen Wochen zei­gen, wie aggres­siv anti­zio­nis­ti­sche Linke gegen Anders­den­kende vor­ge­hen. Weil Bünd­nisse oft nicht kon­se­quent gegen auto­ri­täre Grup­pen vor­ge­hen, wer­den Spal­tun­gen unaus­weich­lich: Eman­zi­pa­to­ri­sche Linke bil­den neue Zusammenschlüsse.

»for uni­ver­sal femi­nist soli­da­rity«: Abschluss­kund­ge­bung der Kompliz:innen-Demo an der Flora. Foto: Femi­nism Unlimited.

Am 8. März, dem inter­na­tio­na­len femi­nis­ti­schen Kampf­tag, fan­den in Ham­burg die­ses Jahr zwei Ver­samm­lun­gen par­al­lel statt. Neben der Demons­tra­tion des seit 2019 akti­ven Bünd­nis­ses 8M, die dies­mal etwa 10.000 Teil­neh­mende umfasste, star­tete am Hans-Albers-Platz eine wei­tere Demo: Rund 2.300 Men­schen ver­sam­mel­ten sich dort unter dem Motto »Unsere Kämpfe sind ver­bun­den. Unsere Soli­da­ri­tät auch. Am 8. März auf die Straße!«. Auf­ge­ru­fen hatte das neue Bünd­nis Kompliz*innen zum 8. März, um für uni­ver­sel­len Femi­nis­mus und gegen Faschis­mus, Que­er­feind­lich­keit, Miso­gy­nie, Ras­sis­mus und Anti­se­mi­tis­mus zu demons­trie­ren, – Grund­sätze, die die »Kompliz:innen« auf der 8M-Demo nicht gewahrt sahen.

Bereits im ver­gan­ge­nen Jahr hat­ten die Gewerk­schafts­frauen vom DGB und von ver.di keine Mög­lich­keit mehr gese­hen, sich am Bünd­nis zum 25. Novem­ber zum Tag der Gewalt gegen Frauen zu betei­li­gen, weil die dort ver­tre­te­nen autoritär-linken Grup­pie­run­gen Young Struggle und Zora nicht bereit waren, den miso­gy­nen Ter­ror der Hamas vom 7. Okto­ber 2023 als sol­chen zu ver­ur­tei­len. Im Februar trat auch die Grüne Jugend aus dem Bünd­nis 8M aus. Was ihre Vertreter:innen über die Zustände im Bünd­nis berich­ten, ver­deut­licht die Trag­weite des Problems.

Bündnis 8M: »Me too, unless you’re a Jew«?

Aus­lö­ser für den Aus­tritt der Grü­nen Jugend war eine Aus­sage von Mit­glie­dern des Bünd­nis­ses auf einem Tref­fen im Februar zur Vor­be­rei­tung  der 8.-März-Demonstration. »Unsere Vertreter:innen wur­den dort unter ande­rem mit der Aus­sage kon­fron­tiert, dass sich weder israe­li­sche Frauen bei der kom­men­den Demons­tra­tion will­kom­men füh­len sol­len noch jüdi­sche Frauen sich auf der Demo sicher füh­len müs­sen«, erklärt Leon Meyer von der Grü­nen Jugend Ham­burg im Gespräch mit dem Autor. Nach dem Bünd­nis­tref­fen erklärte die Grüne Jugend des­we­gen ihren Aus­tritt aus dem Bünd­nis, wie ihr Lan­des­spre­cher erläu­tert: »Diese anti­se­mi­ti­sche Ent­glei­sung blieb inner­halb des Bünd­nis­ses wei­test­ge­hend unwi­der­spro­chen und ist für uns inakzeptabel.«

Gegen eine wei­tere Mit­ar­beit im Bünd­nis 8M spricht für die Grüne Jugend auch, was unmit­tel­bar nach dem Tref­fen pas­sierte: »Es kam im Nach­gang des Tref­fens zu einem trans­feind­li­chen Über­griff, bei dem unser:e Landessprecher:in Carro, nicht­bi­när, von Vertreter:innen ande­rer Orgas, die zuvor auf dem Bünd­nis­tref­fen anwe­send waren, absicht­lich und her­ab­wür­di­gend mit ›Es‹ ange­spro­chen wurde«, kri­ti­siert Meyer. Die Grüne Jugend erklärte Mitte Februar öffent­lich ihren Aus­tritt aus dem Bünd­nis 8M.

Das Bünd­nis ant­wor­tete mit einer schrift­li­chen Erklä­rung: Die Ent­schei­dung der Grü­nen Jugend, ihre Kri­tik öffent­lich zu for­mu­lie­ren statt den inter­nen Dia­log zu suchen, wird darin als »schade und auch unso­li­da­risch« bezeich­net. Der trans­feind­li­che Über­griff werde auf­ge­ar­bei­tet wer­den, sei aber ohne­hin »außer­halb des Bünd­nis­ses pas­siert, nach dem Bündnistreffen«.

Antisemit:innen, die keine sein wollen

Den Vor­wurf anti­se­mi­ti­scher State­ments auf dem Vor­be­rei­tungs­tref­fen weist das Bünd­nis 8M »ganz klar zurück«: »Die wei­te­ren Grup­pen haben keine der gefal­le­nen Aus­sa­gen als anti­se­mi­tisch wahr­ge­nom­men und hät­ten andern­falls auch klar Posi­tion dage­gen bezo­gen.« Und was nicht als anti­se­mi­tisch wahr­ge­nom­men wird, kann ja wohl nicht anti­se­mi­tisch sein, scheint hier der Kon­sens zu sein. Und über­haupt: »Wozu wir ganz klare Worte fin­den wol­len, ist der Vor­wurf, es wäre eine Aus­sage gefal­len, die sich direkt gegen jüdi­sche Men­schen, kon­kret jüdi­sche Frauen gerich­tet hätte. Eine sol­che Aus­sage hätte für jede Gruppe in unse­rem Kreis eine rote Linie dar­ge­stellt und wäre nicht gedul­det wor­den. Keine der ande­ren Grup­pen inner­halb des Bünd­nis­ses kann sich an eine sol­che Aus­sage erin­nern – im Gegenteil.«

Das Schild ist lila, immer­hin. »Kämp­fe­ri­scher Femi­nis­mus« im anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Block am 8. März. Foto: Screen­shot Insta­gram.

Meint »im Gegen­teil«, sich aktiv um die Teil­nahme jüdi­scher Frauen bemüht zu haben? Die Anfrage des Autors zu den Vor­wür­fen der Grü­nen Jugend wurde vom Bünd­nis 8M lei­der nicht beant­wor­tet. Die Demons­tra­tion des Bünd­nis­ses am 8. März jeden­falls ver­mit­telte einen ande­ren Ein­druck. Im »anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Block« des Offe­nen femi­nis­ti­schen Tref­fens (OFT) und des 2026 neu gegrün­de­ten Offe­nen Tref­fens für Frie­den und Inter­na­tio­na­lis­mus (OTFI) etwa domi­nier­ten Paro­len aus der anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Mot­ten­kiste. Beide Zusam­men­hänge rufen auch zur anti­zio­nis­ti­schen Groß­demo »Stop Nakba Now« am 16. Mai auf, für die bun­des­weit nach Ham­burg mobi­li­siert wird.

Kompliz:innen gegen Antisemitismus

Leon Meyer von der Grü­nen Jugend sagte, man hoffe »auf eine interne kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung und die Zie­hung von Kon­se­quen­zen«.  Die Gruppe Femi­nism Unli­mi­ted Ham­burg, die das Bünd­nis »Kompliz*innen zum 8. März« mit­in­iti­iert hat, hegt sol­che Hoff­nun­gen nicht mehr: »Wir waren nie im Bünd­nis 8M, gerade wegen des­sen Umgang mit Anti­se­mi­tis­mus«, erklärt die Gruppe auf Anfrage. Im Auf­ruf heißt es klar: »Doch anstatt soli­da­risch zusam­men­zu­ste­hen, mobi­li­sie­ren links­au­to­ri­täre Grup­pen gegen selbst­ver­wal­tete Orte wie das Conne Island oder die Rote Flora und neh­men die Quer­front mit Coronaleugner:innen und rech­ten Grup­pen zumin­dest bil­li­gend in Kauf. Umso wich­ti­ger ist es für uns als FLINTA* soli­da­risch und hand­lungs­fä­hig zu bleiben!«

Der Grund­satz der Kompliz:innen-Demo in a nuts­hell. Foto: Femi­nism Unli­mi­ted.

Wäh­rend beim Bünd­nis 8M wie­der Palästina-Flaggen weh­ten, posi­tio­niert sich das Kompliz:innenbündnis ein­deu­tig gegen Natio­na­lis­mus und jeden Anti­se­mi­tis­mus – und wird des­we­gen von links­au­to­ri­tä­ren Grup­pie­run­gen wohl als Feind:in gese­hen. Am 21. Februar kam es zu einem Angriff im Ham­bur­ger Schan­zen­vier­tel. Eine Per­son wurde beim Pla­ka­tie­ren aggres­siv ange­gan­gen, ob sie sich »nicht schäme, eine anti­deut­sche Scheiße zu ver­kle­ben«. Auch die Worte »Israel scheiße« seien gefal­len, berich­tet Toni von den Kompliz:innen im Gespräch mit dem Autor. Die von acht Per­so­nen bedrängte pla­kat­kle­bende Per­son habe dann in einer Kneipe Schutz gesucht. »Anschlie­ßend muss­ten wir fest­stel­len, dass viele der Pla­kate abge­ris­sen wur­den«, sagt Toni. Femi­nism Unli­mi­ted Ham­burg erklärte dazu in einem State­ment: »Wir wer­ten die­sen Vor­fall als anti­fe­mi­nis­ti­schen und anti­se­mi­ti­schen Angriff auf unsere Demonstration.«

Abge­ris­sene Pla­kate für die Kompliz:innen-Demo. Quelle: Femi­nism Unli­mi­ted Hamburg

Wer waren die Angrei­fen­den? »Wir ver­mu­ten, dass zumin­dest eine der Per­so­nen der Gruppe Young Struggle zuzu­ord­nen ist«, erklärt Toni. Nach­dem die Atta­cke auf Insta­gram öffent­lich gemacht wurde, gab es dort viele Soli­da­ri­täts­be­kun­dun­gen in Form von Kom­men­ta­ren und Sto­ries: »Es freut uns sehr zu sehen, wie viele Men­schen uns unter­stüt­zen, das zeigt uns, dass wir nicht alleine sind«, betont Toni: »Unsere große und kraft­volle Demo am 8. März war auch dazu da, ein Zei­chen zu set­zen, dass es immer noch eine femi­nis­ti­sche Bewe­gung gibt, die sich nicht von auto­ri­tä­ren Grup­pen ein­schüch­tern lässt.«

Antisemitismus in der ganzen Stadt

Gleich­zei­tig neh­men in der Ham­bur­ger Stadt­ge­sell­schaft anti­se­mi­ti­sche Angriffe zu: »Anti­se­mi­ti­sche Vor­fälle machen einen rele­van­ten Teil der ins­ge­samt gemel­de­ten Vor­fälle aus, davon ist ein gro­ßer Teil dem israel­be­zo­ge­nen Anti­se­mi­tis­mus zuzu­ord­nen«, betont Larissa Denk, Pro­jekt­lei­te­rin von Hint.hamburg im Gespräch mit dem Autor. Hint.hamburg ist eine neue Hin­weis­stelle für ras­sis­ti­sche, anti­se­mi­ti­sche und rechte Vor­fälle und steht unter dem Dach der Lawaetz-Stiftung. Sie löst das Pro­jekt memo des Ver­eins empower ab, das zuvor in der Kri­tik stand, weil es keine Zah­len zu anti­se­mi­ti­scher Gewalt ver­öf­fent­lichte (Untie­fen berich­tete). Auch wenn ihr ers­ter Jah­res­be­richt erst im Som­mer vor­lie­gen wird, kann Larissa Denk schon jetzt die Mel­dung zahl­rei­cher anti­se­mi­ti­scher Vor­fälle bestä­ti­gen, »dar­un­ter vor allem For­men anti­se­mi­ti­scher Mar­kie­rung des öffent­li­chen Raums, durch zum Bei­spiel Sti­cker und Sprühereien«.

Doku­men­ta­tion und Recher­che betreibt auch der Instagram-Kanal @antisemitismusradarhh. Er doku­men­tierte anti­se­mi­ti­sche Mord­dro­hun­gen wie »Zyklon B gegen Nazio­nis­ten« oder »Hap­oel Hipsters – 9mm für Zios« an Haus­wän­den in Wil­helms­burg und Sankt Pauli. Im Ham­bur­ger Stadt­teil Barm­bek wurde mit einer Sprüh­scha­blone auf zahl­rei­che städ­ti­sche Müll­ei­mer der Text »Israel, du Sau« gesprüht, neben der Sil­hou­ette eines Schwei­nes – unter Ver­wen­dung des alten anti­ju­da­is­ti­schen Motivs der ›Juden­sau‹ also. Zum Unkennt­lich­ma­chen dar­über geklebte Antifa-Aufkleber wur­den an eini­gen Orten abge­ris­sen, oder empört mit dem Kom­men­tar „Linke Nazis!“ versehen.

Der Antisemitismus-Radar macht auch auf anti­se­mi­ti­sche Umtriebe an der Uni auf­merk­sam, die dort vor allem in Form der BDS-Kampagne (Boy­cott, Divest, Sanc­tions) zu beob­ach­ten sind. Im Dezem­ber etwa war­ben die »Stu­dents for Pal­es­tine Ham­burg« für eine BDS-Veranstaltung im stu­den­tisch selbst­ver­wal­te­ten Café Knall­hart und auf dem »AStA Win­ter­markt«. Israel­boy­kott »mit lecke­rem Essen!«.

Diese Auf­zäh­lung ließe sich noch lange fort­set­zen. Seit dem 7. Okto­ber 2023, dem Angriff der Hamas auf Israel, stei­gen die Zah­len anti­se­mi­ti­scher Vor­fälle, in Ham­burg wie deutsch­land­weit. Für Ham­burg heißt das kon­kret: 2023 wur­den 132 anti­se­mi­ti­sche Straf­ta­ten regis­triert, 2024 bereits 249, für 2025 zählte die Poli­zei 110 anti­se­mi­ti­sche Straf­ta­ten, wie die Ant­wor­ten des Senats auf die letz­ten quar­tals­wei­sen Anfra­gen von Deniz Celik, Bür­ger­schafts­ab­ge­ord­ne­ter für Die Linke, erge­ben.1Die Zahl ergibt sich, wenn man die Fälle aus den vier Quar­tals­be­rich­ten addiert. Die Berichte fin­den sich hin­ter fol­gen­den Links: 1.Quartal, 2. Quar­tal, 3. Quar­tal, 4. Quar­tal.

Eine hohe Dunkelziffer

Diese Zah­len zei­gen aber nur einen Teil der Rea­li­tät, »weil vie­les nicht ange­zeigt wird«, so Ste­fan Hen­sel, der kürz­lich zurück­ge­tre­tene ehe­ma­lige Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­tragte Ham­burgs, im Gespräch mit dem Autor. Dies belege die 2024 ver­öf­fent­lichte Stu­die »Jüdi­sches Leben und All­tag in Ham­burg«, für die »das erste Mal eine ganze jüdi­sche Gemeinde befragt wurde«.2Die Stu­die ist als Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der Aka­de­mie der Poli­zei Ham­burg, der Poli­zei­aka­de­mie Nie­der­sach­sen, der Jüdi­schen Gemeinde in Ham­burg und der Gleich­stel­lungs­be­hörde auf Initia­tive des Ham­bur­ger Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten erar­bei­tet wor­den. Ste­fan Hen­sel ist selbst Mit­glied der Jüdi­schen Gemeinde Ham­burg. Im Rah­men einer schrift­li­chen, anony­men Befra­gung in Ham­burg im Zeit­raum vom 13.11.2023 bis 7.2.2024 nah­men 548 der 1.200 voll­jäh­ri­gen Mit­glie­der der jüdi­schen Gemeinde teil.

77 Pro­zent der Befrag­ten gaben an, in den letz­ten zwölf Mona­ten von anti­se­mi­ti­schen Vor­fäl­len betrof­fen gewe­sen zu sein. Etwa 55 Pro­zent der Befrag­ten waren laut Stu­die von straf­recht­lich rele­van­ten anti­se­mi­ti­schen Vor­fäl­len betrof­fen. Dabei wur­den Belei­di­gun­gen und Bedro­hun­gen online und auch außer­halb des Inter­nets häu­fi­ger ange­ge­ben als kör­per­li­che Über­griffe, Beläs­ti­gung oder Ver­fol­gung. Etwa zwei Drit­tel der­je­ni­gen Befrag­ten, die eine anti­se­mi­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung erlebt haben, füh­ren diese auf den Krieg ab dem 7. Okto­ber in Israel und Gaza zurück.

Die über­wie­gende Mehr­heit der­je­ni­gen, die von anti­se­mi­ti­schen Vor­fäl­len berich­ten, zeigt diese nicht an. Das deckt sich auch mit Ste­fan Hen­sels Erfah­run­gen. Ihn als  ehe­ma­li­gen Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten errei­chen viele Berichte von Gemein­de­mit­glie­dern über Belei­di­gun­gen, Bedro­hun­gen, Sach­be­schä­di­gun­gen. Vie­les davon wird nicht bekannt, weil die Betrof­fe­nen nicht an die Öffent­lich­keit gehen.

Wenn jüdi­sches Leben als sol­ches erkenn­bar sei, so Hen­sel, seien die Zah­len ekla­tant höher. »Und Zah­len kön­nen ohne­hin nicht erklä­ren, was hier eigent­lich pas­siert. Wenn der Nach­bar plötz­lich nicht mehr mit dir spricht, weil du Jude bist – dann lässt sich das nicht anzei­gen.« Viele der Ham­bur­ger Gemein­de­mit­glie­der seien als Kon­tin­gent­flücht­linge aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­union gekom­men. »Die sind groß­teils arm und dadurch nicht mobil, sie müs­sen mit ihren Nach­bar­schaf­ten aus­kom­men. Und trauen sich dann auch im 13. Stock­werk nicht, die Cha­nuk­kia ins Fens­ter zu stel­len«, erläu­tert Ste­fan Hensel.

Ein Fall, der öffent­lich wurde, ist die anti­se­mi­ti­sche Beschä­di­gung eines Brief­kas­tens in einem Mehr­fa­mi­li­en­haus im Februar: In ihn wurde das Wort »Jude« geritzt. Hen­sel repos­tete das Foto und schrieb dazu: Wer einen jüdi­schen Haus­halt mar­kiere, setzte »kein poli­ti­sches State­ment«, son­dern »eine Drohmarke«. 

Unverhohlene Drohungen

Eben­falls im Februar hat eine Anwoh­ne­rin aus Otten­sen einen Angriff auf ihre Woh­nung öffent­lich gemacht. Dem Autor schil­derte sie, was pas­siert ist: »Vom 16. auf den 17. Februar wur­den unsere pri­va­ten Woh­nungs­fens­ter groß­flä­chig mit einem Roten Drei­eck besprüht, dem Zei­chen der miso­gy­nen und faschis­ti­schen Hamas, mit dem die Ter­ror­or­ga­ni­sa­tion ihre Feinde mar­kiert und sie bedroht.« Das rote Drei­eck ist mit­tig zwi­schen zwei DIN-A-große Pla­kate plat­ziert wor­den. Auf den Pla­ka­ten stand: »Rape is not Resis­tance – In Geden­ken an die Betrof­fe­nen sexua­li­sier­ter Gewalt am 7. Okto­ber und in Krie­gen welt­weit.« Der Opfer des Hamas-Überfalls am 7. Okto­ber 2023 auf einem Woh­nungs­fens­ter zu geden­ken, reichte aus, um bedroht zu werden.

Unver­hoh­lene Dro­hung: Wer der Opfer des 7. Okto­ber gedenkt, wird als Feind mar­kiert. Foto: privat.

»Wir sind scho­ckiert und wütend über die­sen aggres­si­ven Angriff auf unsere Mei­nungs­äu­ße­rung, die auch gegen unsere eigene Per­son, unsere Sou­ve­rä­ni­tät geht«, erklärt die Anwoh­ne­rin. »Die Kom­bi­na­tion der Zei­chen deu­tet dar­auf hin, dass die­ser Sprüh­an­griff aus lin­ken auto­ri­tä­ren Struk­tu­ren erfolgt ist, die sich sta­li­nis­tisch oder kom­mu­nis­tisch ver­or­ten. Das ist keine linke Poli­tik, das ist kon­krete Ein­schüch­te­rung«, betont die Anwoh­ne­rin. »Weil das Rote Drei­eck auch Aus­lö­schungs­fan­ta­sien beinhal­tet, haben wir diese Sprüh­be­dro­hung bei der Poli­zei ange­zeigt, denn das ist nicht irgend­ein Tag oder Spruch.« 

Ihr ist es wich­tig zu beto­nen, dass sie als Wohnungsbewohner:innen mit den Pla­ka­ten im Fens­ter nicht pro­vo­zie­ren, son­dern ihre Hal­tung bekun­den woll­ten. »Denn, sich gegen sexua­li­sierte und patri­ar­chale Gewalt welt­weit und auch gegen die Gewalt an Jüdin­nen und Juden aus­zu­spre­chen, ist für uns ein Mini­mal­kon­sens, der für eine poli­tisch linke Bewe­gung selbst­ver­ständ­lich sein sollte.«

Eine Soli­da­ri­täts­er­klä­rung, die unter ande­rem vom Ham­bur­ger Bünd­nis gegen Rechts und vom anar­chis­ti­schen Bücher­café Incito unter­zeich­net wurde, betont eben­falls die­sen Kon­sens und kri­ti­siert scharf eine auto­ri­täre poli­ti­sche Pra­xis, die auf »Ein­schüch­te­run­gen, Mar­kie­run­gen oder Droh­ge­ba­ren« setzt. Das Plä­doyer für »Kri­tik, Dis­kus­sion und auch kon­tro­verse poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung« scheint aller­dings viele nicht mehr zu errei­chen: Im Stadt­teil Otten­sen im Februar ver­klebte Pla­kate mit dem Text »Rape is not Resis­tance« wur­den schnell abgerissen.

Gas­ton Kirsche

Der Autor schrieb für Untie­fen bereits über das Geden­ken an Rama­zan Avcı und den Film Antifa – Hand in Hand, wo der Staat ver­sagte.

  • 1
    Die Zahl ergibt sich, wenn man die Fälle aus den vier Quar­tals­be­rich­ten addiert. Die Berichte fin­den sich hin­ter fol­gen­den Links: 1.Quartal, 2. Quar­tal, 3. Quar­tal, 4. Quar­tal.
  • 2
    Die Stu­die ist als Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der Aka­de­mie der Poli­zei Ham­burg, der Poli­zei­aka­de­mie Nie­der­sach­sen, der Jüdi­schen Gemeinde in Ham­burg und der Gleich­stel­lungs­be­hörde auf Initia­tive des Ham­bur­ger Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten erar­bei­tet worden.

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