Interview zum Buch: »Versammlung der Mikropolitiken«

Interview zum Buch: »Versammlung der Mikropolitiken«

Ein neues Buch aus der Ham­bur­ger Recht-auf Stadt-Bewegung ver­sam­melt stadt­po­li­ti­sche Ideen zur Arbeit auf nach­bar­schaft­li­cher Ebene. Wir haben mit Lisa Zan­der und Marius Töp­fer über das Buch gespro­chen. Sie haben es gemein­sam mit Kay­oung Kim und Thies Warnke her­aus­ge­ge­ben und sind zugleich aktiv im Stadt­teil­zen­trum Mikro­pol in Rothen­burg­sort.

»Ver­samm­lung der Mikro­po­li­ti­ken« erschien Ende 2025 beim Ham­bur­ger adocs-Verlag. Foto: adocs.

Vom Ham­bur­ger Netz­werk »Recht auf Stadt« ist in den letz­ten Jah­ren wenig zu hören gewe­sen. Jün­gere Kam­pa­gnen zur Woh­nungs­frage wie »Ham­burg Ent­eig­net« schei­nen wenig Mobi­li­sie­rungs­wir­kung zu haben. Und das obwohl die Miet‑, Bau- und Grund­stücks­preise allein einen gro­ßen Teil der Stadt­be­völ­ke­rung täg­lich ärmer machen. Ganz zu schwei­gen von immer unzu­ver­läs­si­ger wer­den­der urba­ner Infra­struk­tur, ver­dräng­ten Clubs und dem Ver­schwin­den selbst­ge­stal­te­ter Räume und Frei­flä­chen. Ist also die Bewe­gung für ein Recht auf Stadt in Ham­burg auf dem Rück­zug? Ein kürz­lich von Ham­bur­ger Stadtteilaktivist:innen her­aus­ge­brach­tes Buch bestrei­tet das. Im Ham­bur­ger adocs-Verlag erschien im Dezem­ber 2025 »Ver­samm­lung der Mikro­po­li­ti­ken«. Es geht zurück auf ein Tref­fen inter­na­tio­na­ler stadt­po­li­ti­scher Initia­ti­ven, das 2023 aus dem Mikro­pol in Rothen­burg­sort her­aus orga­ni­siert wurde. Auf gut 200 Sei­ten ver­eint es Stadt­theo­rie, Bewegungs-Selbstreflektion und pho­to­gra­phi­sche Ein­bli­cke in die ver­schie­de­nen Praktiken.

Den Herausgeber:innen zu Folge ist der stadt­po­li­ti­sche Akti­vis­mus kei­nes­wegs ver­schwun­den, er hat nur seine Form ver­än­dert. Er tritt nicht mehr offen­siv poli­tisch, son­dern in Form von Nach­bar­schafts­in­itia­ti­ven, Gesund­heits­zen­tren, Genos­sen­schaf­ten auf, die in ihren jewei­li­gen Vier­teln anset­zen. Diese Form nen­nen sie mit den fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Gil­les Deleuze und Félix Guat­tari »Mikro­po­li­tik«. Der in den 1960er Jah­ren geprägte Begriff brachte damals eine Kri­tik an den eta­blier­ten lin­ken Poli­tik­an­sät­zen zum Aus­druck. Statt Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen wie kom­mu­nis­ti­sche Par­teien oder sozia­lis­ti­sche Gewerk­schaf­ten rückte er die Bedeu­tung des all­täg­li­chen Han­delns für gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung in den Mit­tel­punkt. Wir haben mit Lisa Zan­der und Marius Töp­fer, zwei der Herausgeber:innen, im Mikro­pol über ihr Buch gespro­chen und dar­über, was diese Kri­tik für heu­tige Stadt­po­li­tik bedeu­ten kann.


Untie­fen: Lisa und Marius, mit dem Pro­jekt Mikro­pol in Rothen­burg­sort betreibt ihr Stadt­an­eig­nung abseits der Sze­ne­vier­tel und außer­halb der erprob­ten lin­ken poli­ti­schen For­men. Mit eurem Buch spannt ihr über diese lokale Arbeit hin­aus einen grö­ße­ren Rah­men und ver­or­tet euer nach­bar­schaft­li­ches Han­deln inter­na­tio­nal und auch theo­re­tisch. Das Buch ver­eint sehr kon­krete Berichte und Beschrei­bun­gen loka­ler stadt­po­li­ti­scher Prak­ti­ken mit theo­re­ti­schen Reflek­tio­nen, dar­un­ter ein weit­rei­chen­der Bei­trag des spa­ni­schen Stadt­theo­re­ti­kers Kike España. Was war die Moti­va­tion, jetzt die­ses Buch zu machen?

Lisa Zan­der: Die Ver­samm­lung, die in dem Buch doku­men­tiert wird, ist aus einem Buch­club rund um das Buch »Die sanfte Stadt« von Kike España ent­stan­den. Kike schreibt dort in der Ein­lei­tung, dass er die theo­re­ti­sche Refle­xion nicht höher bewer­ten möchte als das Auf­räu­men nach Ver­an­stal­tun­gen oder das Klo zu put­zen – dass er es aber wich­tig fin­det, Dinge fest­zu­hal­ten und etwas zu haben, woran man dis­ku­tie­ren kann. Auch ein Buch von »rotor« aus Graz war wich­tig für uns. Die haben auch nach einem Kon­gress Texte zusam­men­ge­sam­melt, die für uns plötz­lich Prak­ti­ken von ent­fern­ten Leu­ten nah und zugäng­lich gemacht haben. Zum Bei­spiel vom Ate­lier d’Architecture Auto­gé­rée (AAA) aus Paris. Letzt­end­lich war es bei uns auch so: Wir woll­ten unsere Arbeit reflek­tie­ren, fest­hal­ten und dis­ku­tie­ren was Mikro­po­li­tik ist und sein kann, damit andere anknüp­fen können.

Marius Töp­fer: Wie du anfangs sag­test, sind wir hier nicht in einem Sze­ne­vier­tel. Auch des­halb liegt uns die theoretisch-konzeptionelle Arbeit am Her­zen. Das was hier im Klei­nen und etwas Abseits pas­siert, läuft ohne diese Refle­xion viel­leicht Gefahr, iso­liert zu blei­ben. Das theo­re­ti­sche Reflek­tie­ren und auch das in In-Beziehung-Setzten mit inter­na­tio­na­len Pro­jek­ten macht das Eigene dann auch grö­ßer und wirk­mäch­ti­ger.
Die Ver­samm­lung, zu der wir inter­na­tio­nal ein­ge­la­den haben, hatte jeden­falls die­sen Effekt auf unser eige­nes Tun. Leute merk­ten auf ein­mal, was das für eine Dimen­sion haben kann, in einem Toi­let­ten­haus Nach­bar­schafts­ar­beit zu machen. Weil wir unsere Arbeit in Bezie­hung gesetzt haben mit bei­spiels­weise Initia­ti­ven wie »L’A­près M«, die in Mar­seille einen McDonald’s besetzt haben und ihn jetzt sel­ber betreiben.

Eröff­nungs­tag der »Ver­samm­lung der Mikro­po­li­ti­ken«, 2023 am Mikro­pol. Foto: Miguel Ferraz.

Untie­fen: Die Bei­träge in eurem Buch  beto­nen ins­ge­samt sehr stark das All­täg­li­che und das Lokale als Ansatz­punkt der poli­ti­schen Arbeit. Es geht viel um Nach­bar­schaf­ten, um das Sich-Kennenlernen. Was ist für euch das Wich­tige daran?

Marius Töp­fer: Ich glaube, für uns ist das so wich­tig, weil wir im Jetzt eine andere Zukunft her­stel­len wol­len, eine andere Form des Stadt­be­woh­nens, des Welt­be­woh­nens. Das ist sehr stark im All­tag ver­an­kert. Und wir haben das hier in die­sem Stadt­teil als guten Modus gefun­den, um zusam­men zu arbei­ten. Poli­tisch zu arbei­ten, obwohl man das viel­leicht gar nicht von vorn­her­ein denkt, dass man das tut.

Lisa Zan­der:  Wir glau­ben: wenn eine Ver­än­de­rung nicht auf der klei­nen Ebene funk­tio­niert, dann funk­tio­niert sie auch nicht im Gro­ßen. Für uns war in die­ser Hin­sicht auch »Bezie­hungs­weise Revo­lu­tion« von Bini Adamc­zak ein wich­ti­ger Bezugs­punkt. Wenn wir über andere Zukünfte nach­den­ken, dür­fen wir nicht nur mit gro­ßen Wür­fen han­tie­ren, son­dern müs­sen pro­zess­haft den­ken und die Bezie­hun­gen im Klei­nen verändern.

Marius Töp­fer: Die gro­ßen Ziele sind bei uns natür­lich trotz­dem im Fokus. Wir woll­ten bei­spiels­weise nie nur die­ses kleine Toi­let­ten­haus, son­dern wir wol­len ein gro­ßes Stadt­teil­zen­trum für die Nach­bar­schaft. Das wol­len wir von hier aus zusam­men erpro­ben, erstrei­ten, erle­ben. Und nicht zuletzt: der Fokus aufs All­täg­li­che ändert auch ein­fach etwas am Leben, es macht auch unser Leben besser.

Untie­fen: À pro­pos Stadt­teil­zen­trum Rothen­burg­sort: Wenn ich die Ent­ste­hungs­ge­schichte des Mikro­pol rich­tig ver­stehe, wurde das Zen­trum »Rothen­burg« abge­ris­sen, ohne einen Ersatz. Dort habt ihr ein­ge­hakt. Jetzt kommt aber ein neues Haus, habe ich das rich­tig gese­hen? Wann wird das sein? Wie weit ist das?

Uns war noch etwas klar: statt nur zu for­dern, orga­ni­sie­ren wir das selbst.

Marius Töp­fer: Das wird hof­fent­lich 2029 fer­tig­ge­stellt. Es wird etwa 300 Meter Luft­li­nie von hier ent­ste­hen, beim Enten­wer­der Park, zwi­schen Brannt­wein Mono­pol und Holi­day Inn. Ja, der Abriss war der Aus­gangs­punkt des Mikro­pol. Die »Rothen­burg« wurde abge­ris­sen, wir haben die Möbel genom­men und auf dem Markt­platz wie­der auf­ge­baut. Wie in einer Per­for­mance haben wir jeden Sams­tag dort geses­sen, zusam­men Plat­ten gehört, Tee getrun­ken und uns aus­ge­tauscht, wie es wei­ter­geht. Eins war klar: es braucht ein Stadt­teil­zen­trum in Rothen­burg­sort. Einen Ort, an dem sich Men­schen begeg­nen, aus­tau­schen, orga­ni­sie­ren kön­nen. Wir hat­ten unter­schied­li­che Ideen, wie bspw. das denk­mal­ge­schützte und schon lange leer­ste­hende Ensem­ble der ehe­ma­li­gen Bun­des­mo­no­pol­ver­wal­tung für Brannt­wein. Und uns war noch etwas klar: statt nur zu for­dern, orga­ni­sie­ren wir das selbst. Dafür brauchte es einen Ort. Das leer­ste­hende Toi­let­ten­haus war ideal. Seit dem ist das Mikro­pol ein Miniatur-Stadtteilzentrum, aber auch ein Test­ort, an dem wir raus­fin­den, was ein Stadt­teil­zen­trum aus­macht und wie es organ­siert sein kann. Wir hal­ten das fest, brin­gen es auf eine neue Ebene und ent­wi­ckeln so auch das Raum­pro­gramm für das neue Haus.

Lisa Zan­der: Wir sind zwi­schen­drin natür­lich auch gut geschei­tert. Es gab schon rich­tige Tief­punkte. Seit Ende letz­ten Jah­res aber sind die Archi­tek­ten, die den Wett­be­werb für sich ent­schie­den haben, beauf­tragt, es wird gebaut werden.

Untie­fen: Seid ihr am neuen Zen­trum denn irgend­wie beteiligt?

Lisa Zan­der: Eigent­lich viel mehr als das. Wir konn­ten das Raum­pro­gramm schrei­ben und wir haben einen Let­ter of Intent unter­schrie­ben, dass wir den Betrieb orga­ni­sie­ren wer­den.
Uns war es wich­tig, dass unsere Arbeit und das Enga­ge­ment aus der Nach­bar­schaft auch in den Betrieb des Hau­ses mün­det. Neben den Archi­tek­ten arbei­tet der Bezirk als spä­te­rer Eigen­tü­mer mit dem städ­ti­schen Immo­bi­li­en­un­ter­neh­men Sprin­ken­hof an der Umset­zung. Par­al­lel dazu erar­bei­ten wir die soziale Struk­tur des Hau­ses und beschäf­ti­gen uns mit der Über­set­zung des nach­bar­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens in das neue Haus.

Marius Töp­fer: Und wir haben sogar eine kleine Finan­zie­rung von der Stadt dafür, das die nächs­ten drei Jahre zu begleiten.

Untie­fen: Das klingt sehr erfolg­reich! Ich möchte noch­mal auf das Ver­hält­nis von »klei­ner« und »gro­ßer« Poli­tik kom­men. Die Bei­träge im Buch klam­mern das, was wir gewöhn­lich unter Poli­tik ver­ste­hen, weit­ge­hend aus. Stadt­pla­nung, Par­la­mente oder das Orga­ni­sie­ren von Mehr­hei­ten spie­len keine Rolle im mikro­po­li­ti­schen Ansatz mit sei­nem star­ken Fokus auf das All­täg­li­che, den Stadt­teil, die Nach­bar­schaft. Dabei ist Stadt­teil­ar­beit doch, ob sie will oder nicht, Objekt von Stadt­pla­nung, von Ent­schei­dun­gen der Bür­ger­schaft, der Bezirks­ver­samm­lung, und braucht in die­sen Ver­hält­nis­sen wohl oder übel Par­teien, die ihre Anlie­gen auf­grei­fen.
Der Dis­kurs um Mikro­po­li­tik scheint mir regel­recht poli­tik­feind­lich. Ist das nicht ein Irr­weg, diese poli­ti­schen Are­nen ein­fach aus­zu­blen­den, obwohl sie doch zur Herr­schafts­struk­tur in die­ser Gesell­schaft dazugehören?

Lisa Zan­der: Wir wol­len uns gar nicht gegen große Ver­samm­lun­gen oder gegen soziale Poli­tik aus­spre­chen. Eher zeigt das Buch auf, dass es noch andere poli­ti­sche For­men gibt. Natür­lich set­zen wir uns per­ma­nent damit aus­ein­an­der, was ent­schei­det die Bür­ger­schaft oder die Bezirks­ver­samm­lung.
Was ich wich­tig finde, ist zu ver­su­chen, sich nicht ver­ein­nah­men zu las­sen. Die Par­teien sind hier manch­mal ver­wirrt davon, dass sich super viele Leute einig sind, dass das Mikro­pol wich­tig ist und dass es so einen Ort in der Nach­bar­schaft braucht. Für sol­che Orte ist es sehr gefähr­lich, sich par­tei­po­li­tisch fest­zu­le­gen. Da kann man nur ver­lie­ren und gewin­nen tun nur die Par­teien. Als poli­tik­feind­lich würde ich den Dis­kurs aber auf kei­nen Fall bezeichnen.

Marius Töp­fer: Um die­sen Ort am Lau­fen zu hal­ten, sind wir wahn­sin­nig viel mit Poli­tik kon­fron­tiert, müs­sen mit den Par­teien spre­chen, Anträge schrei­ben usw. Carola Veit, die Bür­ger­schafts­prä­si­den­tin, hat ihr Büro hier in Rothen­burg­sort. Mit ihr spre­chen wir viel und sind im guten Aus­tausch. Haupt­säch­lich aber als Nach­ba­rin. Wir haben hier wenig Grund­sätze, aber einer ist, dass im Mikro­pol keine Par­tei­ver­an­stal­tun­gen statt­fin­den. Alle sind aber ein­ge­la­den, als Nach­barn da zu sein.

Lisa Zan­der: Ich muss ein­fach noch­mal ergän­zen. Hier in der Nach­bar­schaft ist es auch so, dass wenig Leute über­haupt wahl­be­rech­tigt sind. Also die­ses Ver­spre­chen, auf Par­tei­po­li­tik ein­zu­wir­ken, ist hier nicht unbe­dingt die Realität.

Untie­fen: Ich ver­stehe, dass ein Nach­bar­schafts­ort wie hier, wo es darum geht, sich ken­nen­zu­ler­nen, sich nicht sofort in poli­ti­sche Spal­tungs­li­nien sor­tie­ren kann. Gleich­zei­tig spielt ja so ein Text wie der von Kike España doch mit einer grö­ße­ren, radi­ka­len gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rung. Es wird aber nicht klar, wie das Erzeu­gen von klei­nen »Löchern« in der Stadt, wie er und ihr das nennt, mit einem Kampf um Hege­mo­nie oder um radi­kale Ver­än­de­rung in Zusam­men­hang steht. Da fehlt für mein Ver­ständ­nis die poli­ti­sche Ebene. Es ist nach­voll­zieh­bar, auf Poli­tik keine Lust zu haben, denn Poli­tik bedeu­tet Kon­flikt. Drückt sich in die­ser Poli­tik­ferne der Mikro­po­li­tik eine Kon­flikt­mü­dig­keit aus, oder das Gefühl, dass poli­tisch nur eine Kata­stro­phe auf die nächste folgt?

Lisa Zan­der: Sol­che Fra­gen haben wir mit Kike nie disk­tu­tiert, da würde mich seine Ant­wort auch inter­es­sie­ren. Er schreibt ja vor dem Hin­ter­grund der spa­ni­schen Muni­zi­pa­lis­mus­be­we­gung. Daher kommt die Idee, aus klei­nen Ver­samm­lun­gen die grö­ße­ren Ver­än­de­run­gen zu erzeu­gen. Ich bin davon über­zeugt, dass es Ver­än­de­run­gen in der Stadt zum Bei­spiel in Bar­ce­lona rund um diese Bewe­gung gab, z.B. dass AirBnB ver­drängt wurde. 

Untie­fen: Weil du gerade Bar­ce­lona ange­spro­chen hast: Dort ist auch das Kon­zept der »Sor­gen­den Stadt« ent­stan­den, dass Repro­duk­ti­ons­ar­beit und Sorge in den Mit­tel­punkt der Stadt­pla­nung stellt. Ist das für euer Ver­ständ­nis von Mikro­po­li­tik ein Bezugspunkt?

Lisa Zan­der: Ja, für mich ist das ein Bezugs­punkt, ich habe mich viel auch theo­re­tisch mit Repro­duk­ti­ons­ar­beit beschäf­tigt und damit, wie die Stadt­pla­nung die Tei­lung von Öffent­lich und Pri­vat beein­flusst. Des­we­gen funk­tio­niert das Mikro­pol auch an die­ser Schnitt­stelle von öffent­li­chem Raum und pri­va­tem Raum: es braucht diese Räume, die irgend­was dazwi­schen sind und die auch sor­gende Arbeit ermög­li­chen – und sei es, mit­ein­an­der Tee zu trin­ken.
Aber die Idee einer »sor­gen­den Stadt« geht natür­lich noch viel mehr an die Sub­stanz der Stadt.

Untie­fen: In eurer Ein­lei­tung schreibt ihr, dass die Recht auf Stadt-Bewegung sich erschöpft hat, nicht mehr mobi­li­sie­ren kann, und es jetzt andere For­men gibt, in denen sich eman­zi­pa­to­risch mit Stadt aus­ein­an­der­setzt wird. Ver­folgt Mikro­po­li­tik auch andere Ziele als die Recht auf Stadt-Bewegung oder ist sie Teil von ihr und hat sich nur in der Form gewandelt?

Marius Töp­fer: Lisa, wider­sprich mir gern, aber ich denke, Mikro­po­li­tik ist Teil der Recht auf Stadt-Bewegung. Wir sind da schon lange dabei. Wir schrei­ben auch nicht, dass sich die Recht auf Stadt Bewe­gung erschöpft hat, son­dern, dass es ruhi­ger gewor­den ist und, dass sich die For­men gewan­delt haben. Die For­men haben sich aber auch des­we­gen gewan­delt, weil uns jetzt auf ein­mal Häu­ser gehö­ren. Und jetzt muss sich um diese Häu­ser geküm­mert wer­den. Das Gän­ge­vier­tel exis­tiert, ist gesi­chert, muss aber betrie­ben wer­den, die Fux-Kaserne exis­tiert, muss aber betrie­ben wer­den. Die Bewe­gung für ein Recht auf Stadt ist nicht weg, nur weil es nicht mehr jedes Wochen­ende die Rie­sen­ban­ner im Pauli-Stadion gibt oder die Demo­ra­ves durch St. Pauli zie­hen.
Das hat etwas mit dem ange­spro­che­nen Care-Gedanken zu tun. Viel­leicht kön­nen wir Mikro­po­li­ti­ken als Care im Rah­men die­ser eta­blier­ten Struk­tu­ren und Ver­samm­lun­gen ver­ste­hen. Und anders­herum: Wenn es diese Sor­ge­ar­beit nicht gege­ben hätte, hätte es die gro­ßen Ver­samm­lun­gen auch nicht gegeben.

Lisa Zan­der: Liz und Petra, die ich für das Buch inter­viewt habe, sagen immer, wenn nicht alle wüss­ten, wie man sich umein­an­der sorgt bzw. es nicht tun wür­den, dann hät­ten die gro­ßen Demons­tra­tio­nen auch nicht statt­ge­fun­den. Und des­we­gen haben Mikro­po­li­tik und Bewe­gung mit­ein­an­der zu tun. Aber es gibt einen ande­ren Fokus: Weni­ger »Was wol­len wir for­dern?«, son­dern: »Wie sind wir miteinander?«

Ver­samm­lung der Mikro­po­li­ti­ken
Kay­oung Kim, Lisa Marie Zan­der, Marius Töp­fer, Thies Warnke (Hg.)
adocs Ver­lag, Ham­burg, 2025
Preis: 22,00 €

Mehr: https://adocs.de/de/buecher/raum-praxis/mikropolitiken

Redak­tion Untie­fen, April 2026

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