Diskriminierung im progressiven Gewand – Wie der AStA der Uni Hamburg die BDS-Bewegung fördert

Diskriminierung im progressiven Gewand – Wie der AStA der Uni Hamburg die BDS-Bewegung fördert

An der Uni Ham­burg for­miert sich eine BDS-Kampagne. Der AStA unter­stützt sie und trägt damit zu einer israel- und juden­feind­li­chen Atmo­sphäre auf dem Cam­pus bei. Wir haben genauer hin­ge­se­hen und nachgefragt.

Der »WiWi-Bunker« auf dem Cam­pus der Uni HH. Unten rechts die AStA-Räumlichkeiten. Foto: Pauli-Pirat, CC BY-SA 4.0

»Boy­cott, Dive­st­ment, Sanc­tions an der Uni Ham­burg« – unter die­sem Titel wurde am 24. Juli die­ses Jah­res per Flyer zu einer Ver­an­stal­tung in das Info­café des All­ge­mei­nen Stu­die­ren­den­aus­schuss (kurz AStA) auf dem Cam­pus ein­ge­la­den. Nor­ma­ler­weise kön­nen Stu­die­rende hier vor­bei­kom­men, um sich bei Pro­ble­men im Stu­di­en­all­tag unab­hän­gig bera­ten zu las­sen. Der AStA sieht sich, wie es auf der Web­site heißt, »ganz den stu­den­ti­schen Inter­es­sen ver­pflich­tet«. Das scheint jedoch frag­lich, denn die BDS-Kampagne, die im AStA offen unter­stützt wird, zielt auf einen aka­de­mi­schen Boy­kott israe­li­scher Uni­ver­si­tä­ten ab und trifft auch all jene, die tat­säch­lich oder ver­meint­lich mit israe­li­schen Insti­tu­tio­nen zusam­men­ar­bei­ten oder mit Israel asso­zi­iert wer­den. Abseits der Kri­tik an der Bewe­gung ins­ge­samt, die den ein­zi­gen jüdi­schen Staat dele­gi­ti­mie­ren und letzt­lich zer­stö­ren will, wirft das die Frage auf: Fühlt sich der AStA auch jüdi­schen Student:innen verpflichtet?

Die Räum­lich­kei­ten für die BDS-Veranstaltung im Juli wur­den aus­ge­rech­net durch das »Refe­rat für Anti­dis­kri­mi­nie­rung« zur Ver­fü­gung gestellt. Das geht aus einer jüngst ver­öf­fent­lich­ten klei­nen Anfrage des RCDS an den AStA her­vor. Das Refe­rat – eine Unter­glie­de­rung des AStA – stellt sich auf sei­ner Web­site als »unab­hän­gige Anlauf­stelle« dar, bei der sich Stu­die­rende »im Falle von Dis­kri­mi­nie­rung im Hoch­schul­kon­text« mel­den kön­nen.
Gegen Dis­kri­mi­nie­rung, aber für einen Boy­kott israe­li­scher Hoch­schu­len? Für die an der BDS Kam­pa­gne an der Uni­ver­si­tät Ham­burg betei­lig­ten Grup­pen ist das kein Wider­spruch. Die maß­geb­li­chen Grup­pen (»Stu­dents for Pal­es­tine Ham­burg« und »Kom­mu­nis­ti­scher Stu­die­ren­den­bund«, der Stu­die­ren­den­ver­band der trotz­kis­ti­schen Gruppe »Arbei­ter­in­nen­macht«) bestrei­ten, dass ihre Kam­pa­gne anti­se­mi­tisch sei. Im Gegen­teil, sie soll ein Kampf für Men­schen­rechte sein, in einem Land, das – so Stu­dents for Pal­es­tine auf Insta­gram – »aktiv einen Völ­ker­mord unter­stützt«. Kern der Argu­men­ta­tion ist stets, dass sich ihr Boy­kott aus­schließ­lich gegen israe­li­sche Insti­tu­tio­nen richte. Was könnte daran anti­se­mi­tisch sein?

BDS in studentischen Räumen

Diese Frage ist auf dem Cam­pus schon längst keine theo­re­ti­sche mehr. Das »BDS-Komitee« der Uni Ham­burg grün­dete sich im Mai 2025. Doch schon zuvor gab es ein­schlä­gige Aktio­nen aus den es tra­gen­den Grup­pen.
Stu­dents for Pal­es­tine hatte allein im Jahr 2024 etli­che Male online gegen Dozie­rende einer Ring­vor­le­sung mit dem Titel »Juden­feind­lich­keit, Anti­se­mi­tis­mus, Anti­zio­nis­mus – aktua­li­sierte For­men anti­jü­di­scher Gewalt« gehetzt, sich an einer Kund­ge­bung gegen diese Ver­an­stal­tung betei­ligt und an meh­re­ren Stör­ak­tio­nen gegen die Ring­vor­le­sung teil­ge­nom­men. In einer der Sit­zun­gen unter­bra­chen aggres­sive Audio­clips aus unter Stüh­len ver­steck­ten Boxen wie­der­holt den Vor­trag. Eine Gruppe jüdi­scher Schü­le­rin­nen konnte das nicht ertra­gen und ver­ließ wei­nend den Raum. Die Eska­la­tion im Rah­men der Ring­vor­le­sun­gen erreichte ihren Höhe­punkt, als die Frau eines Mit­or­ga­ni­sa­tors im Foyer des Haupt­ge­bäu­des nie­der­ge­schla­gen wurde.

Aktivist:innen isra­el­feind­li­cher Grup­pen haben im ver­gan­ge­nen Jahr mehr­fach Räum­lich­kei­ten an der Uni Ham­burg genutzt, meist stu­den­tisch ver­wal­tete Frei­räume wie das Café Hüb­ris oder das Café Knall­hart. Neben den oben genann­ten Grup­pen sind noch wei­tere »mis­sio­nie­rende« Polit­grup­pen aktiv, gegen die es kaum Wider­stand gibt. Das beschreibt Simon, ein jüdi­scher Stu­dent der Uni Ham­burg, der eigent­lich anders heißt, sich aber nur anonym äußern möchte, gegen­über Untie­fen.

Judenfeindliches Klima auf dem Campus

Simon hat laut eige­ner Aus­sage im Novem­ber 2025 einem »Offe­nen BDS-Treffen« im Café Knall­hart, einem wei­te­ren stu­den­tisch ver­wal­te­ten Frei­raum, bei­gewohnt. Gelei­tet wor­den sei die Ver­an­stal­tung von einem Akti­vis­ten des Kom­mu­nis­ti­schen Stu­die­ren­den­bun­des. Dane­ben habe auch ein Mit­glied von Stu­dents for Pal­es­tine gespro­chen sowie eine Per­son, die sich selbst als Mit­glied des AStA vor­ge­stellt und Unter­stüt­zung ange­bo­ten habe, etwa einen Tisch für einen Info­stand des BDS-Komitees bereitzustellen.

Der Kom­mu­nis­ti­sche Stu­die­ren­den­bund soll den Boy­kott israe­li­scher Gastdozent:innen an der Uni vor­ge­schla­gen haben

Dabei soll auch bespro­chen wor­den sein, wie der Boy­kott kon­kret aus­zu­se­hen habe. So soll der Kom­mu­nis­ti­sche Stu­die­ren­den­bund den Boy­kott israe­li­scher Gastdozent:innen an der Uni vor­ge­schla­gen haben. Auf die Nach­frage, ob dies für alle israe­li­sche Dozent:innen gel­ten solle, wurde eine Aus­nahme höchs­tens für Israe­lis ein­ge­räumt, die sich aktiv gegen den israe­li­schen Staat und für Paläs­tina ein­set­zen wür­den. Für Simon ist das eine Gesin­nungs­prü­fung. Und nicht nur das: Simon sagt über das Klima auf dem Uni-Gelände: »Ich fühle mich eigent­lich von jeder Insti­tu­tion auf dem Cam­pus im Stich gelas­sen. Ich weiß als jüdi­sche Per­son nicht, an wen ich mich im Falle einer Dis­kri­mi­nie­rung wen­den soll.«

Es gibt zwar ein offi­zi­el­les »Zen­trum für Anti­dis­kri­mi­nie­rung« des Uni­prä­si­di­ums. Auf Nach­frage ver­si­cherte der Pres­se­spre­cher der Uni­ver­si­tät, Alex­an­der Lemona­kis, gegen­über Untie­fen, dort würde auch israel­be­zo­ge­ner Anti­se­mi­tis­mus ernst genom­men. Zugleich ver­weist er aber in einer schrift­li­chen Stel­lung­nahme auf unsere Fra­gen dar­auf, dass stu­den­ti­sche Frei­räume auf dem Cam­pus »eigen­ver­ant­wort­lich von der Stu­die­ren­den­schaft ver­wal­tet und stu­den­ti­schen Grup­pen sowie Initia­ti­ven zur Nut­zung über­las­sen [wer­den]. Die Ver­ant­wor­tung liegt daher aus­schließ­lich beim AStA.«

Ich fühle mich als Jude abso­lut aus­ge­lie­fert am Cam­pus der UHH.

Das bestä­tigt Simon: »Die offi­zi­elle Stelle gegen Dis­kri­mi­nie­rung hat keine Hand­lungs­macht gegen Anti­se­mi­tis­mus.« Und das Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­re­fe­rat des AStA? »Dort­hin zu gehen, ist für mich sogar gefähr­lich, weil die Gefahr besteht, dass meine Daten und Aus­sa­gen an anti­se­mi­ti­sche und extre­mis­ti­sche Grup­pen wei­ter­ge­ge­ben wer­den.« Simon berich­tet wei­ter, dass er erst kürz­lich auf dem AStA-Weihnachtsmarkt von einer Stand­be­trei­be­rin der Gruppe Stu­dents for Pal­es­tine rassistisch-antisemitisch belei­digt wor­den sei, ohne dass jemand ein­ge­schrit­ten sei. Er resü­miert bit­ter: »Ich fühle mich als Jude abso­lut aus­ge­lie­fert am Cam­pus der UHH.«

Der Anti­se­mi­tis­mus im Anti­zio­nis­mus: Unter dem Hin­weis­schild zu den Ange­bo­ten des AStA auf dem Cam­pus sind Pla­kate in Soli­da­ri­tät mit Gei­seln der Hamas durch isla­mis­ti­sche Sti­cker über­klebt. Foto: privat.

Die Rolle der Hochschulleitung

Dass die offene Dis­kri­mi­nie­rung israe­li­scher Dozent:innen nicht vom Anti­se­mi­tis­mus zu tren­nen ist, mahnte auch der schei­dende Antisemitismus-Beauftragte der Stadt Ham­burg, Ste­fan Hen­sel, Anfang Dezem­ber an. In einem Instagram-Post ver­ur­teilte er die BDS-Aktivitäten an der Uni Ham­burg scharf, da der Auf­ruf zum aka­de­mi­schen Boy­kott »die Gren­zen der legi­ti­men Debat­ten­kul­tur« über­schrit­ten habe und das »Sicherheits- und Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl jüdi­scher und israe­li­scher Stu­die­ren­der, Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler sowie Beschäf­tig­ter« beeinträchtige.

Gegen­über Untie­fen erläu­terte Ste­fan Hen­sel, wie diese Beein­träch­ti­gung funk­tio­niert: »Ein aka­de­mi­scher Boy­kott rich­tet sich zwar for­mal gegen Insti­tu­tio­nen, wirkt jedoch fak­tisch auf Men­schen, da Hoch­schu­len soziale Räume sind. Bei­spiels­weise durch been­dete Koope­ra­tio­nen, zurück­ge­zo­gene Kon­fe­renz­ein­la­dun­gen oder ver­wei­gerte For­schungs­pro­jekte wird die aka­de­mi­sche Zuge­hö­rig­keit israe­li­scher und jüdi­scher Stu­die­ren­der und For­schen­der nicht nach indi­vi­du­el­ler Hal­tung, son­dern nach natio­na­ler oder eth­ni­scher Her­kunft bewer­tet.« Mehr noch, so Hen­sel, beruh­ten aka­de­mi­sche Boy­kotte »auf dem Prin­zip der Kol­lek­tiv­haf­tung, indem alle israe­li­schen Insti­tu­tio­nen pau­schal für staat­li­ches Han­deln ver­ant­wort­lich gemacht wer­den. Stu­die­rende müs­sen sich dadurch recht­fer­ti­gen, obwohl sie ja gar keine poli­ti­schen Akteure sind – ihre bloße Anwe­sen­heit wird poli­ti­siert. Dies führt häu­fig zu Rück­zug, etwa durch das Mei­den uni­ver­si­tä­rer Ver­an­stal­tun­gen, das Ver­ber­gen der eige­nen Her­kunft oder den Aus­tritt aus stu­den­ti­schen Gremien.«

In Reak­tion auf Hen­sels Kri­tik beteu­erte das Prä­si­dium der Uni­ver­si­tät Ham­burg, man habe kon­krete Schutz­maß­nah­men für jüdi­sche Stu­die­rende und Beschäf­tigte ergrif­fen. Gegen­über Untie­fen erläu­tert der Pres­se­spre­cher, neben dem genann­ten Zen­trum für Anti­dis­kri­mi­nie­rung gebe es Ver­trau­ens­per­so­nen für jüdi­sche Hoch­schul­an­ge­hö­rige, Fort­bil­dungs­an­ge­bote und einen inten­si­ven Aus­tausch mit jüdi­schen Insti­tu­tio­nen in Ham­burg. Jedoch enden all diese Bemü­hun­gen an der stu­den­ti­schen Selbst­ver­wal­tung, auf die das Prä­si­dium kei­nen Ein­fluss hat.

Das Verhältnis des AStA zur BDS Bewegung an der Uni Hamburg

Ein­fluss auf den AStA hat jedoch das Stu­die­ren­den­par­la­ment. Jeden Som­mer wird ein neues Stu­die­ren­den­par­la­ment gewählt, wel­ches die Inter­es­sen der Stu­die­ren­den­schafft ver­tre­ten soll und als aus­füh­ren­des Organ den AStA mit sei­nen Refe­ra­ten ein­setzt. Damit ist der AStA an die Wei­sun­gen des Stu­die­ren­den­par­la­men­tes gebun­den, auch bezüg­lich eines bereits bestehen­den Unver­ein­bar­keits­be­schlus­ses mit BDS von 2017.

Ange­sichts der ver­schie­de­nen Ver­an­stal­tun­gen in den Räum­lich­kei­ten des AStA drängt sich jedoch der gegen­tei­lige Ein­druck auf, dass sich näm­lich der All­ge­meine Stu­die­ren­den­aus­schuss offi­zi­ell den Zie­len der BDS-Bewegung ver­schrie­ben hat. Auf eine dies­be­züg­li­che Anfrage des RCDS ließ der AStA ledig­lich ver­lau­ten, dass er weder Kennt­nis vom Anti-BDS-Beschluss des StuPa, noch eine eigene Posi­tion zur BDS Bewe­gung habe.

Wir haben den AStA dar­auf­hin am 15. Dezem­ber gebe­ten, dazu Stel­lung zu neh­men. Warum unter­stützt der AStA die BDS-Bewegung trotz anders­lau­ten­dem Beschluss des StuPa? Und: Wie ver­ein­bart das »Refe­rat für Anti­dis­kri­mi­nie­rung« sei­nen Auf­trag damit, zugleich eine Kam­pa­gne zu unter­stüt­zen, die offen für die Dis­kri­mi­nie­rung von Israe­lis wirbt?
Auf unsere Anfrage konnte der AStA bis zur Ver­öf­fent­li­chung die­ses Bei­trags am 22.12. nur ver­mel­den, dass der zustän­dige Vor­stand lei­der schon im Weih­nachts­ur­laub sei und man daher vor Mitte Januar nicht Stel­lung nehme könne.

Vorbild BDS-Komitee an der FU Berlin

Ganz über­ra­schend dürf­ten die Ant­wor­ten aber ohne­hin nicht aus­fal­len, denn es gibt Vor­bil­der für die Ham­bur­ger Kam­pa­gne. Die Aktivist:innen han­deln offen­bar nach einem Schema, das bereits an der Freien Uni­ver­si­tät in Ber­lin erprobt wurde. Zunächst wer­den allen Ver­bin­dun­gen der Uni mit israe­li­schen Insti­tu­tio­nen erfasst. Info­ti­sche und Pro­pa­gan­da­ma­te­rial ver­fol­gen gleich­zei­tig das Ziel, Sym­pa­thie für das Thema zu erzeu­gen. Zudem wird ins­be­son­dere ver­sucht, Ein­fluss auf die stu­den­ti­sche Selbst­ver­wal­tung zu neh­men. Wie auch in Ham­burg tun sich in der Ber­li­ner BDS-Kampagne Akti­vis­ten der Gruppe Arbei­ter­in­nen­macht her­vor, allen voran der noto­ri­sche Isra­el­feind Georg Ismael, der zum Bei­spiel den im letz­ten Jahr durch die Poli­zei auf­ge­lös­ten Paläs­ti­na­kon­gress orga­ni­sierte.

Diese Par­al­le­len machen deut­lich, dass jüdi­sche Stu­die­rende der Uni Ham­burg nicht nur nicht durch die stu­den­ti­sche Inter­es­sen­ver­tre­tung reprä­sen­tiert sind, son­dern diese Ver­tre­tung aktiv an der Dis­kri­mi­nie­rung jüdi­scher und israe­li­scher Hoch­schul­an­ge­hö­ri­ger betei­ligt ist.

Dabei ist es kein Trost, dass es offen­bar die immer glei­chen isra­el­feind­li­chen und zum Teil anti­se­mi­ti­schen Aktivist:innen und Klein­grup­pen sind, die mit ihren Akti­vi­tä­ten an den Uni­ver­si­tä­ten ein israel- und juden­feind­li­ches Klima erzeu­gen und in eini­gen Fäl­len Juden:Jüdinnen direkt angrei­fen. Denn das ist nur mög­lich, weil ihre anti­zio­nis­ti­sche Stim­mungs­ma­che auf eine (Hochschul-)Gesellschaft trifft, die von Unsi­cher­hei­ten und einem Wunsch nach ein­fa­chen, ver­meint­lich radi­ka­len Erklä­run­gen gelei­tet ist. Und, weil kaum jemand die­sen Klein­grup­pen und Ein­zel­per­so­nen offen­siv entgegentritt.

Anna Meyer und Felix Jacob, Dezem­ber 2025

Veranstaltung 15.01.2026: Vom Mord an Neşet Danış bis heute. Deutsch-türkische extreme Rechte in Hamburg

Veranstaltung 15.01.2026: Vom Mord an Neşet Danış bis heute. Deutsch-türkische extreme Rechte in Hamburg

Am 15.01.2026 spre­chen wir mit Fatma Keser und Kim David Amon über Rechts­extre­mis­mus mit Türkei-Bezug in Ham­burg. 18.30 Uhr in der Locke.

Die Exis­tenz einer deutsch-türkischen extre­men Rech­ten wird in der deut­schen Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft in den letz­ten Jah­ren zuneh­mend deut­li­cher wahr­ge­nom­men. Doch obwohl »Graue Wölfe« in Ham­burg keine neue Erschei­nung sind, sind ihre Ideo­lo­gie, ihre Gewalt und ihre Opfer noch immer viel zu wenig bekannt. Als ers­tes Todes­op­fer die­ser Aus­prä­gung extrem rech­ter, islamistisch-nationalistischer Gewalt in der BRD gilt der tür­ki­sche Arbei­ter Neşet Danış, der Anfang Mai 1974 in Nor­der­stedt von tür­ki­schen Faschis­ten erschla­gen wurde.
Aus­ge­hend von Neşet Danış’ Geschichte wol­len wir dis­ku­tie­ren: Wer wird heute in Ham­burg von der deutsch-türkischen extre­men Rech­ten bedroht? Wie weh­ren sich die Betrof­fe­nen? Und wie kön­nen enga­gierte Zivil­ge­sell­schaft und anti­fa­schis­ti­sche Linke ihnen soli­da­risch bei­ste­hen?
Wir spre­chen mit Fatma Keser (Mit­grün­de­rin der Initia­tive Migran­tin­nen für Säku­la­ri­tät und Selbst­be­stim­mung und Vor­stands­mit­glied von Pek Koach – Jewish-Kurdish Women’s Alli­ance e.V.) und Kim David Amon (Refe­rent der Fach­stelle Tür­ki­scher Rechts­extre­mis­mus).
Orga­ni­siert von Bag­rut e.V. und Untie­fen – Stadt­ma­ga­zin gegen Ham­burg. Freund­lich geför­dert durch die Monom-Stiftung – Stif­tung für Ver­än­de­rung.

Wo? Locke (St. Pauli Fisch­markt 27, über Gol­den Pudel Club)
Wann? 15.01.2026, Ein­lass 18 Uhr, Beginn 18.30 Uhr.

Ein­tritt gegen Spende.

Im Anschluss Bar und Musik.

Als Ver­an­stal­tende behal­ten wir uns vor, von unse­rem Haus­recht Gebrauch zu machen und Per­so­nen, die extrem rech­ten Par­teien oder Orga­ni­sa­tio­nen ange­hö­ren, der extrem rech­ten Szene zuzu­ord­nen sind oder bereits in der Ver­gan­gen­heit durch anti­se­mi­ti­sche, ras­sis­ti­sche, völ­ki­sche, natio­na­lis­ti­sche, isla­mis­ti­sche oder sons­tige men­schen­ver­ach­tende Äuße­run­gen in Erschei­nung getre­ten sind, den Zutritt zur Ver­an­stal­tung zu ver­weh­ren oder von die­ser auszuschließen.

Gedenken an Ramazan Avcı

Gedenken an Ramazan Avcı

40 Jahre nach dem Mord an Rama­zan Avcı wird sei­ner in Ham­burg auf viel­fäl­tige Weise gedacht. Das beweist, dass sich erin­ne­rungs­po­li­tisch seit­her eini­ges getan hat – ins­be­son­dere dank migran­ti­scher Selbst­or­ga­ni­sie­rung und poli­ti­scher Initia­ti­ven. Ein Gast­bei­trag von Gas­ton Kirsche. 

Klare Ansage: So in etwa sol­len die Ban­ner auf dem neu gestal­te­ten Ramazan-Avcı-Platz aus­se­hen. Foto: © Antje Sauer. 

Vor 40 Jah­ren, am 21. Dezem­ber 1985, wurde Rama­zan Avcı an der S‑Bahnstation Land­wehr von meh­re­ren Nazi-Skinheads gejagt und fast tot­ge­schla­gen – mit­ten am Tag und auf offe­ner Straße. Drei Tage spä­ter erlag er sei­nen Ver­let­zun­gen. Die Unruhe und der Pro­test unter den Göç­men, den Ein­ge­wan­der­ten und – nach dem Mili­tär­putsch 1980 – aus der Tür­kei Geflüch­te­ten, war danach so groß, dass auch der Ham­bur­ger Senat den Mord nicht mehr als »Ein­zel­fall« klein­re­den konnte (mehr dazu in unse­rem Arti­kel »Ham­burgs Base­ball­schlä­ger­jahre«).

Proteste als Zäsur

Die auf Avcıs Tod fol­gen­den Pro­teste mach­ten ihn zu einer Zäsur: »Der Mord an Rama­zan mar­kiert in der Geschichte der Migra­tion einen Wen­de­punkt, jeden­falls für tür­kei­stäm­mige Men­schen«, so Gür­sel Yıl­dırım von der 2010 gegrün­de­ten Initia­tive zum Geden­ken an Rama­zan Avcı gegen­über dem Autor: »Am 11. Januar 1986 reagier­ten 15.000 Men­schen mit einer Groß­de­mons­tra­tion gegen soge­nannte Aus­län­der­feind­lich­keit und Ras­sis­mus.« Zur bis dahin größ­ten anti­ras­sis­ti­schen Demons­tra­tion in der Geschichte der BRD hat­ten zahl­rei­che auf die Tür­kei ori­en­tierte Ver­eine aus unter­schied­li­chen poli­ti­schen Krei­sen auf­ge­ru­fen, außerdm Sport- und Kul­tur­ver­eine bis hin zu Moscheen. Dem schlos­sen sich die »Grün-Alternative Liste« (GAL) und die gesamte außer­par­la­men­ta­ri­sche Linke an. 

Auch die Gewerk­schaf­ten rie­fen zu der Demons­tra­tion am 11. Januar 1986 auf, erin­nert Tanja Chawla im Gespräch mit dem Autor: »Das Bünd­nis Tür­ki­scher Ein­wan­de­rer wurde damals im DGB-Haus gegrün­det, heute ste­hen wir als Gewerk­schaft immer noch aktiv and der Seite der Opfer von ras­sis­ti­scher Gewalt und ihrer Ange­hö­ri­gen.« In den Ein­zel­ge­werk­schaf­ten waren bereits viele arbei­tende Migrant:innen orga­ni­siert, als die offi­zi­elle Poli­tik gegen­über den »Gast­ar­bei­tern« noch davon aus­ging, dass sie nur für eine begrenzte Zeit und ohne Mit­spra­che ein Auf­ent­halts­recht hät­ten. »Als Gewerk­schaft haben wir gelernt, dass Kon­flikte um Arbeit immer auch von der Debatte um Migra­tion und damit ein­her­ge­hend von Ras­sis­mus mit­ge­prägt wer­den«, betont Chawla: »Wir tra­gen hier eine Ver­ant­wor­tung im gesell­schaft­li­chen Dis­kurs. Und dabei ist für uns klar: Klare Kante gegen rechts und Ras­sis­mus und für eine plu­rale Gesell­schaft der Vielen.«

Wäh­rend in den Gewerk­schaf­ten aktive migran­ti­sche Mit­glie­der sich bereits in den acht­zi­ger Jah­ren gegen Ras­sis­mus enga­gier­ten, ver­sag­ten hier außer der GAL alle Par­teien in der Ham­bur­gi­schen Bür­ger­schaft: »Die eta­blier­ten Par­teien igno­rier­ten die Demo und zuvor lange Zeit auch die Ham­bur­ger Zustände«, betont Gür­sel Yıl­dırım. Sechs Monate zuvor war bereits Meh­met Kay­makçı von Nazis­kins ermor­det wor­den. Im All­tag erleb­ten Migrant:innen eine dras­ti­sche Zunahme rech­ter Gewalt. Aber, so Yıl­dırım, »tür­kisch­stäm­mige Jugend­li­che dreh­ten den Spieß um, besuch­ten Treff­punkte von Nazis und grün­de­ten Selbstverteidigung-Komitees.« Aus den Pro­tes­ten ent­stand außer­dem das Bünd­nis Tür­ki­scher Ein­wan­de­rer, da sich 2004 in Tür­ki­sche Gemeinde Ham­burg und Umge­bung e.V. (TGH) umbe­nannte. Seit 2010 ver­an­stal­tet die Geden­kinitia­tive jedes Jahr am 21. Dezem­ber eine Kund­ge­bung am Tat­ort, der seit 2012 nach Rama­zan Avcı benannt wurde. 

Mit­glie­der der Ramazan-Avcı-Initiative, dar­un­ter Avcıs Witwe, nach der Umbe­nen­nung des Plat­zes. Foto: © Kemal Dogan.

Hamburgs Baseballschlägerjahre

Ver­gan­gene Woche ver­an­stal­te­ten die Bür­ger­schafts­frak­tion der Lin­ken und die Rosa-Luxemburg-Stiftung Ham­burg in Koope­ra­tion mit der Initia­tive zum Geden­ken an Rama­zan Avcı eine Ver­an­stal­tung im Rat­haus. Neben Ünal Zeran von der Geden­kinitia­tive saßen auf dem Podium Felix Krebs und Flo­rian Schu­bert, die Autoren des die­ses Jahr im VSA-Verlag erschie­ne­nen Buchs Ham­burgs ›Base­ball­schlä­ger­jahre‹ über rechte und ras­sis­ti­sche Gewalt in den acht­zi­ger Jah­ren. Drei Kapi­tel des Buchs wid­men sich dem Mord an Rama­zan Avcı und den Reak­tio­nen dar­auf. Im Gespräch mit dem Autor erin­nert Felix Krebs daran, mit wel­cher Begrün­dung sich die damals in Ham­burg allein regie­rende SPD einer Teil­nahme an der Gedenk­demo am 11. Januar 1986 ver­wei­gerte. Der Spre­cher der Lan­des­ge­schäfts­stelle der allein­re­gie­ren­den SPD habe zum beab­sich­tig­ten Fern­blei­ben erklärt: »In die­ser Stadt pas­siert ja jeden Tag viel.« 

»Damit sind wir bei denen, für die der Mord keine Zäsur war: der Poli­zei, der Staats­an­walt­schaft, dem Gericht und den Par­teien SPD, CDU und FDP«, kri­ti­siert Krebs. Für sie sei der Mord nur ein Tot­schlag gewe­sen, also nicht ras­sis­tisch oder poli­tisch moti­viert, son­dern eher ein Pro­blem jugend­li­cher Gewalt­kri­mi­na­li­tät: »Dem­entspre­chend wurde der Staats­schutz auch nicht zu den Ermitt­lun­gen hin­zu­ge­zo­gen, der neo­na­zis­ti­sche Cha­rak­ter der Skin­heads wurde geleug­net. Statt mit einer poli­ti­schen Stra­te­gie gegen Ras­sis­mus und Neo­na­zis ant­wor­tete die regie­rende SPD mit Ver­leug­nung, mit der For­de­rung nach einem här­te­ren Migra­ti­ons­re­gime und mit einem Fan­pro­jekt für Skins.« Die­ses Pro­jekt würde nach heu­ti­gen Stan­dards wohl als »akzep­tie­rende Sozi­al­ar­beit« gel­ten. »Man wollte die Gewalt von der Straße bekom­men, ohne den Ras­sis­mus zu the­ma­ti­sie­ren«, so Krebs: »Das hat­ten dann auch die Neo­na­zis und Skin­heads verstanden.«

Der Pro­zess gegen die Mör­der von Rama­zan Avcı endete mit mil­den Ver­ur­tei­lun­gen wegen Tot­schlags: Ralph Lach, der mit einem Axt­stiel auf den Kopf des am bereits am Boden lie­gen­den Opfers ein­schlug, wurde zu zehn Jah­ren Haft ver­ur­teilt, Uwe Podein zu sechs Jah­ren Jugend­haft, Vol­ker Kumm­row und René Wulff zu je drei Jah­ren und sechs Mona­ten und Nor­bert Batsch­kus zu einem Jahr Jugend­haft. »Obwohl es sich bei den Tätern um bereits mehr­fach auf­ge­fal­lene Skin­heads mit Ver­bin­dun­gen zu Nazi­szene han­delte, schloss Ham­burgs Poli­zei­prä­si­dent Die­ter Hee­ring (SPD) vor­ei­lig einen poli­tisch moti­vier­ten Hin­ter­grund aus und gab damit die Rich­tung vor«, so Gür­sel Yıl­dırım: »Die Täter seien nicht fest orga­ni­siert, eine poli­ti­sche Ziel­set­zung sei erkenn­bar nicht vor­han­den. Dabei musste er als Sicher­heits­chef Ham­burgs gewusst haben, dass die Täter aus dem Umfeld der FAP stam­men und zudem einer der Täter, René Wulff, der Bru­der von Nazi­größe Tho­mas Wulff war.«

Schlag­zeile der Ber­ge­dor­fer Zei­tung, 10.1.1986 (Aus­schnitt).

»Auftrag an unser heutiges Handeln«

Auf der Gedenk­ver­an­stal­tung im Ham­bur­ger Rat­haus kam aus dem Publi­kum die Frage, ob sich seit dem Mord an Rama­zan Avcı etwas geän­dert hätte: »1985 war nur 40 Jahre nach dem Natio­nal­so­zia­lis­mus – so lange, wie der Mord an Rama­zan Avcı jetzt her ist. Viele Ämter waren noch mit alten Nazis besetzt«, so Ünal Zeran: »Es hatte keine wirk­li­che Ent­na­zi­fi­zie­rung statt­ge­fun­den, die alten Nazis hat­ten kein Inter­esse daran, Ras­sis­mus und Neo­na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu bekämpfen.«

Heute habe ein Drit­tel der Bevöl­ke­rung eine Migra­ti­ons­ge­schichte in der Fami­lie, was sich auch in Akti­vi­tä­ten der Zivil­ge­sell­schaft zeige: Trotz Rechts­ent­wick­lung seien auch Erfolge erkämpft wor­den, etwa die Bera­tung für Opfer anti­se­mi­ti­scher oder ras­sis­ti­scher Gewalt. Doch klar sei auch, dass die rea­len Zah­len rech­ter Angriffe »viel höher als die des BKA« seien. Die beste Art, Soli­da­ri­tät mit den Ange­hö­ri­gen und Opfern ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Gewalt zu üben, seien garan­tier­tes Blei­be­recht und finan­zi­elle Absi­che­rung – als kla­res Signal, dass sie in die Gesell­schaft gehören.

Dass Opfer rech­ter Gewalt im öffent­li­chen Dis­kurs heute viel stär­ker wahr­ge­nom­men wer­den als vor 40 Jah­ren, zeigt sich auch beim HSV. Die Mör­der von Rama­zan Avcı tra­ten damals als HSV-Fans auf. In Zusam­men­ar­beit mit der Initia­tive zum Geden­ken an Rama­zan Avcı orga­ni­sierte das Netz­werk Erin­ne­rungs­ar­beit zusam­men mit dem Ver­ein daher schon 2022 eine Aus­stel­lung zur Kri­tik von rechts­extre­men Fan-Aktivitäten. Im Novem­ber wurde die Aus­stel­lung mit dem Titel »Ins rechte Licht gerückt« noch ein­mal in der Zen­tral­bi­blio­thek am Hüh­ner­pos­ten gezeigt. »Der Mord an Rama­zan Avcı beginnt mehr und mehr Teil der geleb­ten Erin­ne­rungs­kul­tur des HSV zu wer­den«, erklärte das HSV-Presseteam auf Anfrage. Der Mord »steht heute stell­ver­tre­tend für die Ver­säum­nisse von Orga­ni­sa­tio­nen und Insti­tu­tio­nen, wie dem HSV, bei der Wahr­neh­mung ihrer gesell­schafts­po­li­ti­schen Ver­ant­wor­tung, dadurch wirkt er als Auf­trag an unser heu­ti­ges Han­deln«. Unter den HSV-Fans herr­sche heute ein ande­res poli­ti­sches Klima als in den acht­zi­ger Jah­ren: »Heute wer­den ras­sis­ti­sche Gewalt und auch dis­kri­mi­nie­rende Äuße­run­gen vom aller­größ­ten Teil der HSV-Fans abge­lehnt«, so das HSV-Presseteam: »Das heißt nicht, dass es kein Poten­zial dafür mehr gibt; es heißt aber, dass nicht mehr unwi­der­spro­chen Gewalt, sei sie ver­bal oder kör­per­lich, aus­ge­übt wer­den kann, und dass eine deut­li­che Mehr­heit sich klar dage­gen posi­tio­niert.« Ein Zei­chen für ein Umden­ken ist ein Graf­fiti im Volks­park­sta­dion des HSV: »Love Ham­burg, Hate Racism«. 

Die Etablierung des Gedenkens

Auch der Umgang der Poli­tik mit dem Thema hat sich ver­än­dert. Wenn am 21. Dezem­ber das neu­ge­stal­tete Denk­mal für Rama­zan Avcı zusam­men mit neuen Gedenk­ta­feln ein­ge­weiht wird, geschieht das mit Unter­stüt­zung des Bezirks­amts Hamburg-Nord unter­stützt. Die von Stu­die­ren­den der Ham­bur­ger Hoch­schule für Bil­dende Künste (HfBK) kon­zi­pier­ten Gedenk­ta­feln wur­den von der Ham­bur­ger Kul­tur­be­hörde geför­dert. Zuvor war am 24. März 2025 im Regio­nal­aus­schuss Barmbek-Uhlenhorst-Hohenfelde-Dulsberg der Bezirks­ver­samm­lung Ham­burg Nord die Umset­zung des Ent­wurfs für die Neu­ge­stal­tung beschlos­sen wor­den – frak­ti­ons­über­grei­fend von SPD, CDU, FDP, den Grü­nen, der Lin­ken und VOLT.

»Mit dem aktu­el­len Ent­wurf wird der Ramazan-Avcı-Platz nicht aus­schließ­lich als Ort eines ras­sis­ti­schen Ver­bre­chens, son­dern auch als Raum der akti­ven anti­ras­sis­ti­schen Erin­ne­rungs­ar­beit und des Wider­stan­des der migran­ti­schen Com­mu­ni­ties seit den 1980er Jah­ren ver­stan­den«, erläu­tert Irini von der Arbeits­gruppe Ramazan-Avcı-Platz der HfBK. Zwei Metall­ta­feln mit einer Höhe von 2 Meter und einer Breite von 3 Meter zei­gen Namen und Lebens­da­ten sowie auf Deutsch und Tür­kisch die Aus­sage »Ras­sis­mus Mor­det«. Die Tafeln sind gra­fisch und for­mal an poli­ti­sche Hoch­trans­pa­rente ange­lehnt. Sie sind zur Straße hin aus­ge­rich­tet und behaup­ten sich durch ihre Größe inner­halb der Infor­ma­ti­ons­fülle des Standorts. 

Zusätz­lich wer­den zwei Metall­pfei­ler instal­liert, um wech­selnde Ban­ner anzu­brin­gen. Diese erin­nern an wei­tere Opfer ras­sis­ti­scher Gewalt in Ham­burg wie den vom NSU erschos­se­nen Süley­man Taş­köprü oder den in Poli­zei­ge­wahr­sam zu Tode gekom­me­nen Ach­idi John. Die Ban­ner zei­gen eine struk­tu­relle Kon­ti­nui­tät auf und for­dern einen akti­ven Anti­fa­schis­mus. Im Zen­trum des Plat­zes soll ein Gedenk­stein des Bild­hau­ers Van Ngan Hoang errich­tet wer­den, der nach den Wün­schen von Gülü­stan Ayas-Avcı gestal­tet wird, Rama­zan Avcıs Witwe. Das inte­grierte Motiv der Rose steht sym­bo­lisch für ihre Her­kunft Isparta in der Türkei. 

»Wir ver­ste­hen Erin­ne­rungs­kul­tur als han­delnde Pra­xis, die Leh­ren aus der Geschichte für die Gegen­wart und Zukunft zieht«, so Irini von der Arbeits­gruppe Ramazan-Avcı-Platz: »Das Sicht­bar­ma­chen der Namen und Geschich­ten im öffent­li­chen Raum kann dem Ver­ges­sen ent­ge­gen­wir­ken. Tafeln und Gedenk­steine kön­nen diese Auf­gabe aber nicht stell­ver­tre­tend über­neh­men. ›Kein Ver­ge­ben, Kein Ver­ges­sen‹ ist der Auf­ruf zum Kampf gegen den Rechts­ruck in Poli­tik und Gesell­schaft.« Rama­zan Avcı wird in Ham­burg nicht ver­ges­sen werden.

Gas­ton Kirsche

Eine kür­zere Fas­sung die­ses Bei­trags erschien am 18.12.2025 im nd.


Gedenk­ver­an­stal­tung mit Kund­ge­bung und Denk­mal­ein­wei­hung: Sonn­tag, 21. 12. 2025, 14 Uhr, Ramazan-Avcı-Platz, S‑Bahn Hal­te­stelle Land­wehr. Bitte Blu­men, Ker­zen und Trans­pa­rente mit­brin­gen. Natio­nal­flag­gen sind unerwünscht.

Nach der Kund­ge­bung stellt die benach­barte Beruf­li­che Schule (BS05) im Rah­men einer Koope­ra­tion ihre Räume für einen Emp­fang zur Verfügung.

Angriff der Stuckstaffel

Angriff der Stuckstaffel

Die Ver­su­che kon­ser­va­ti­ver und rech­ter Akteure, durch die Rekon­struk­tion alter Gebäude das Stadt­bild gemäß ihrer poli­ti­schen Pro­gram­ma­tik umzu­ge­stal­ten, neh­men in vie­len deut­schen Städ­ten zu. Auch in Ham­burg plä­diert die AfD für den gebau­ten Geschichts­re­vi­sio­nis­mus. Am Schul­ter­blatt wur­den der­weil stei­nerne Tat­sa­chen geschaf­fen.

Der neue Alt­bau am Schul­ter­blatt 37–39 im Sep­tem­ber 2025, Foto: privat

Es gibt keine genuin rechte Archi­tek­tur, aber offen­sicht­lich gibt es Archi­tek­tur, die Kon­ser­va­ti­ven und Rech­ten gefällt. Ein Bei­spiel dafür fin­det sich seit eini­ger Zeit unweit der Roten Flora, am Schul­ter­blatt 37–39. Wo viele Jahre eine Bau­lü­cke klaffte, steht seit etwas mehr als zwei Jah­ren wie­der ein Wohn­haus. Durch seine grün­der­zeit­li­che Archi­tek­tur wirkt es, als bli­cke seine Fas­sade bereits seit der Jahr­hun­dert­wende über das Kopf­stein­pflas­ter. Es ist jedoch, wie gesagt, ein Neubau.

Der Ver­ein Stadt­bild Deutsch­land zeich­nete das Haus 2023 als »Gebäude des Jah­res« aus. Drei Jahre zuvor hatte er den umstrit­te­nen Wie­der­auf­bau des Ber­li­ner Stadt­schlos­ses prä­miert; 2018 ein Haus in der soge­nann­ten Neuen Frank­fur­ter Alt­stadt. Nicht zufäl­lig waren an den bei­den letzt­ge­nann­ten Pro­jek­ten auch Rechte und Rechts­extreme finan­zi­ell und ideell betei­ligt. Diese Form der Rekon­struk­ti­ons­ar­chi­tek­tur lässt sich mit dem Archi­tek­tur­kri­ti­ker Phil­ipp Oswalt als Iden­ti­täts­po­li­tik begrei­fen; der Archi­tek­tur­theo­re­ti­ker Ste­phan Trüby spricht von rech­ten Räu­men. Aus dem Stadt­bild wer­den sowohl die eman­zi­pa­to­ri­schen Ideen der Moderne als auch die Spu­ren natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Herr­schaft getilgt. Städ­te­bau­lich wird die Zeit zurück­ge­dreht: In der deut­schen Geschichte vor dem Ers­ten Welt­krieg fin­det sich eine ver­meint­lich unbe­las­tete Hei­mat, ein posi­ti­ver Identitätsanker. 

Pro­mi­nente Rekon­struk­ti­ons­ar­chi­tek­tur – das Ber­li­ner Stadt­schloss, Foto: Aus­le­se­Bee­ren, Wiki­me­dia Com­mons, CC BY-SA 4.0.

Der Ver­ein, der dem Haus am Schul­ter­blatt den Preis ver­lieh, lässt sich zumin­dest als rechts­of­fen ver­ste­hen. Etwa unter­stützte er auch den Wie­der­auf­bau der Gar­ni­son­kir­che in Pots­dam – für Trüby ein »Nexus von rech­tem Gedan­ken­gut, Geschichts­re­vi­sio­nis­mus und Rekon­struk­ti­ons­en­ga­ge­ment«, wie er 2024 in einem Bei­trag in der Zeit­schrift dérive schrieb. Womög­lich ist es auch kein Zufall, dass die Mit­glie­der des Ver­eins sich 2023 per Online-Abstimmung für ein Wohn­haus im Schan­zen­vier­tel ent­schie­den, das Unkun­di­gen nach wie vor als links­al­ter­na­tiv gilt.

Die Stadt als Arena des Kulturkampfes

Tat­säch­lich ist die gebaute Umwelt unse­rer Städte längst zu einer Arena des Kul­tur­kamp­fes gewor­den, den die Rechte immer erfolg­rei­cher bestrei­tet. Davon zeu­gen nicht zuletzt Instagram-Seiten und Facebook-Gruppen mit tau­sen­den Follower:innen wie der selbst­er­nann­ten »Architektur-Rebellion«. Als digi­ta­ler Arm der Stuck­staf­fel plä­die­ren auch ihre Mit­glie­der für alte Bau­stile als Aus­druck regio­na­ler Identitäten.

Die pro­mi­nen­tes­ten Rekon­struk­ti­ons­bau­ten fin­den sich in Deutsch­land bis­lang in Ber­lin, Pots­dam und Frank­furt. Doch auch in Ham­burg bringt sich die AfD-Fraktion seit eini­ger Zeit in Stel­lung, um das Stadt­bild ihrem poli­ti­schen Pro­gramm gemäß umzu­ge­stal­ten. In den Anträ­gen und Pres­se­mit­tei­lun­gen der Frak­tion ist etwa die Rede von einer Rück­kehr zu tra­di­tio­nel­len Bau­sti­len im All­ge­mei­nen und zur Back­stein­go­tik im Beson­de­ren sowie vom Erhalt älte­rer Gebäude aus iden­ti­tä­ren Grün­den. Gefor­dert wer­den zudem neue Stu­di­en­gänge, die sich der Rekon­struk­ti­ons­ar­chi­tek­tur wid­men sollen.

Die Ham­bur­ger AfD benennt auch kon­krete Vor­ha­ben. Dazu gehört – ana­log zum Frank­fur­ter Pro­jekt – die »Neue Alt­stadt Ham­burg«, wie es im Pro­gramm der Par­tei zur Bür­ger­schafts­wahl 2025 heißt. Diese soll rund um den Hop­fen­markt, der einst die Niko­lai­kir­che umgab, gebaut wer­den. In einem Antrag an die Ham­bur­gi­sche Bür­ger­schaft im Jahr 2021 for­derte die Frak­tion sogar, die im Zwei­ten Welt­krieg zer­störte Niko­lai­kir­che nach his­to­ri­scher Vor­lage wie­der­auf­zu­bauen. Die Ruine ist heute ein zen­tra­ler Ham­bur­ger Erin­ne­rungs­ort an die Opfer natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Herr­schaft. Könnte an des­sen Stelle nicht, wie es im Antrag heißt, eine »Frei­flä­che mit hoher Auf­ent­halts­qua­li­tät« entstehen?

Zusam­men mit wei­te­ren Vor­stö­ßen zum Erhalt des Bis­marck­denk­mals, aber auch zur Rück­kehr einer Sta­tue Kai­ser Wil­helms I. auf den Rat­haus­markt zeigt sich hier eine Funk­tion neu­rech­ter Archi­tek­tur: Sie soll die Spu­ren der NS-Herrschaft und der Erin­ne­rung an sie aus dem Stadt­bild til­gen. Wie auch in ihrer geschichts­po­li­ti­schen Pro­gram­ma­tik will die Ham­bur­ger AfD die »über tau­send­jäh­rige Geschichte Deutsch­lands« in ihren ver­meint­lich posi­ti­ven Sei­ten zei­gen und dar­über eine als ver­lo­ren gel­tende natio­nale Iden­ti­tät – und dazu gehö­ren ent­spre­chende Gebäude – wiederherstellen.

Ideologische Fassaden

Dass ein sol­ches Pro­gramm not­wen­di­ger­weise Illu­sio­nen und Ideo­lo­gie pro­du­ziert, liegt auf der Hand. Ein älte­res Bei­spiel Ham­bur­gi­scher Rekon­struk­ti­ons­ar­chi­tek­tur fin­det sich in der Neu­stadt. Unter ande­rem in der Peter- und der Nean­der­straße ließ der Kauf­mann Alfred Toep­fer seit den 1960er Jah­ren Wohn­häu­ser des 17. und 18. Jahr­hun­derts wie­der­auf­bauen, die einst an ande­ren Orten der Stadt das Groß­bür­ger­tum beher­berg­ten. Zu Recht stand Toep­fer, der sich im Natio­nal­so­zia­lis­mus auch durch volks­tums­po­li­ti­sches Enga­ge­ment her­vor­tat, mit sei­nem Vor­ha­ben schon sei­ner­zeit in der Kri­tik – befand sich doch mit der soge­nann­ten »Juden­börse« hier einst ein Ort jüdi­schen Lebens.

Rekon­struk­ti­ons­ar­chi­tek­tur der 1960er Jahre, Peter‑, Ecke Nean­der­straße, Foto: Pauli-Pirat, Wiki­me­dia Com­mons, CC BY-SA 4.0.

Die Neu­stadt war zudem, wie es an den Res­ten des Gän­ge­vier­tels noch zu erah­nen ist, zuvor ein pro­le­ta­ri­sches Vier­tel. Es zeich­nete sich also gerade nicht durch groß­zü­gi­ges Barock, son­dern durch beengte Miets­ka­ser­nen aus. Mit den neuen Bür­ger­häu­sern Toep­fers ver­schwand also auch das, was die AfD in ihrer Schwel­ge­rei für das Kai­ser­reich nur zu gerne ver­gisst: Die sozia­len Ver­wer­fun­gen der Indus­trie­mo­derne, die sich ins­be­son­dere in der beschleu­nig­ten Indus­tria­li­sie­rung des Deut­schen Reichs im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert in den Groß­städ­ten zeigten.

Aus die­ser bereits zeit­ge­nös­sisch wahr­ge­nom­me­nen Beschleu­ni­gung gin­gen nun wie­derum jene grün­der­zeit­li­chen Fas­sa­den her­vor, die heut­zu­tage nach­ge­bil­det wer­den und etwa am Schul­ter­blatt ein woh­li­ges Gefühl »guter alter Zeit« ver­mit­teln. Der wirt­schaft­li­che Auf­schwung nach der Reichs­grün­dung endete 1873 jäh im Grün­der­krach; ver­mehrt tra­ten nun im letz­ten Vier­tel des 19. Jahr­hun­derts die nega­ti­ven Fol­gen der Hoch­in­dus­tria­li­sie­rung ins Bewusst­sein. Die dar­auf­hin ein­set­zende konservativ-reaktionäre Kul­tur­kri­tik ent­deckte in ihrer Suche nach Ord­nung den Wert des Ver­gan­ge­nen. Nicht nur flo­rier­ten der Heimat- und Denk­mal­schutz, son­dern auch der Historismus.

Die rezente Rekon­struk­tion grün­der­zeit­li­cher Wohn­häu­ser wie­der­holt als Farce, was einst Tra­gö­die war. Die ver­zier­ten Fas­sa­den fun­gie­ren auch heute als Sta­bi­li­täts­an­ker in einer erneu­ten Phase erfah­re­ner Beschleu­ni­gung. Ein ent­fes­sel­ter Finanz­markt­ka­pi­ta­lis­mus, der auch die letz­ten Reste bür­ger­li­cher Behag­lich­keit ver­dampft, pro­du­ziert diese nun und für jeden sicht­bar als Schein. Die Investor:innen des Hau­ses am Schul­ter­blatt ent­schie­den sich offen­bar vor allem des­halb für die grün­der­zeit­li­che Archi­tek­tur, da sie auf dem Immo­bi­li­en­markt hohe Pro­fite ver­spricht. Das Geld für das bis heute nahezu unbe­wohnte Haus floss von der Fami­lie Land­schulze, die für ihre leer­ste­hen­den Grün­der­zeit­re­kon­struk­tio­nen berühmt und berüch­tigt ist – aus Spe­ku­la­ti­ons­grün­den, wie ange­nom­men wird. Die neo­li­be­rale Stadt kapi­ta­li­siert ein stär­ker wer­den­des – und von ihr pro­du­zier­tes – kom­pen­sa­to­ri­sches Bedürf­nis. Jene ver­meint­li­che Wur­zel­lo­sig­keit die der moder­nen Archi­tek­tur vor­ge­hal­ten wird, bringt heute ver­schnör­kelte Alt­bau­ten hervor.

Die Moderne als »Einheitsbrei«?

Es bedarf jedoch offen­bar mehr als Ideo­lo­gie­kri­tik, um dem rech­ten Rekon­struk­ti­ons­wahn etwas ent­ge­gen­zu­set­zen. Uner­war­tete Schüt­zen­hilfe kommt von der AfD selbst. Im Land­tag Sachsen-Anhalts brachte die dor­tige Frak­tion einen Antrag ein, der für eine »kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Bau­haus« plä­dierte, es sei ein »Irr­weg der Moderne« gewe­sen. Die Rech­ten stört unter ande­rem eine, wie sie es aus­drü­cken, »uni­ver­selle Ästhe­tik«, wodurch »indi­vi­du­elle und regio­nale Beson­der­hei­ten ver­lo­ren« gin­gen, ebenso wie die ver­meint­lich »tra­di­tio­nel­len und kul­tu­rel­len ver­an­ker­ten Vor­stel­lun­gen von Wohn- und Lebens­räu­men«. Neben der »Nähe zum Kom­mu­nis­mus« füh­ren die AfDler:innen auch den archi­tek­to­ni­schen »Ein­heits­brei« des Bau­hau­ses an, der »lokale Iden­ti­tä­ten« ver­dränge und »regio­nale Eigen­hei­ten« verwässere.

Im Jahr 2011 schrieb die heu­tige Lei­te­rin des Ham­bur­ger Orts­ver­ban­des des Ver­eins Stadt­bild Deutsch­land einen Leser­brief an das Ham­bur­ger Abend­blatt und sprach darin von der »aus­tausch­ba­ren Archi­tek­tur des nüch­ter­nen Prag­ma­tis­mus«. Es ging um die in der Tat wenig gelun­gene SAP-Zentrale am Rothen­baum. Doch geriet der Leser­brief zu einer Gene­ral­ab­rech­nung: »Die­ser moderne archi­tek­to­ni­sche Ein­heits­brei ist nicht mehr zu ertragen.«

Nun gibt es, wie ein­lei­tend erwähnt, keine rechte Archi­tek­tur – und damit ebenso wenig eine linke. Die als »Ein­heits­brei« dif­fa­mierte moderne Archi­tek­tur konnte ebenso vom Faschis­mus auf­ge­grif­fen wer­den, wie es sich im ita­lie­ni­schen Razio­na­lismo zeigt. Nichts­des­to­trotz exis­tiert offen­bar eine Form­spra­che, die im wahrs­ten Sinne des Wor­tes zu glatt für iden­ti­täre Sta­bi­li­täts­an­ker ist. Nicht zuletzt war das, was sei­tens der AfD und ande­ren als moderne Archi­tek­tur ver­schmäht wird, eine andere Ant­wort auf die Ver­wer­fun­gen der Indus­trie­mo­derne. Statt in eine ima­gi­näre Ver­gan­gen­heit zurück­zu­keh­ren, war es der Ver­such, mit den Mit­teln der Moderne eine bes­sere Stadt für alle zu schaffen.

»Genug Barock – erhal­tet unse­ren Block«: Pro­test gegen den Rekon­struk­ti­ons­wahn in Pots­dam, Foto: privat.

Nun gilt es zwar wie­derum nicht selbst die Ver­gan­gen­heit als Pro­blem­lö­se­rin zu mobi­li­sie­ren, aber: Ein wohl­fahrt­staat­lich orga­ni­sier­ter Städ­te­bau, der auf funk­tio­nale und schnör­kel­lose Gebäude setzt, könnte sowohl eine Ant­wort auf eine rechte Poli­tik regressiv-identitärer Archi­tek­tur als auch auf die neo­li­be­rale Stadt der hohen Mie­ten sein. Zudem zeigt sich bei einem Blick auf aktu­elle Ideen par­ti­zi­pa­ti­ver Stadt­pla­nung, wie sie etwa für das zum Spe­ku­la­ti­ons­ob­jekt ver­kom­mene Hols­ten­areal vor­lie­gen, zwei­er­lei. Ers­tens bedarf es kei­nes­wegs tra­di­tio­nel­ler Bau­stile und des Stucks, um abwechs­lungs­rei­che Stadt­vier­tel zu schaf­fen. Zwei­tens inte­griert der Ent­wurf auch grün­der­zeit­li­che Bestands­bau­ten, ohne sich in Ewig­gest­rig­keit zu ver­lie­ren. Gemein­schaft ent­stünde in sol­chen Stadt­vier­teln nicht durch das Ima­gi­näre der Nation, son­dern durch ein tat­säch­lich geleb­tes Miteinander.

Das Problem der Postmoderne 

Jedoch ist das, was die Rechte unter dem Sam­mel­be­griff moderne Archi­tek­tur fasst und ablehnt, auch von ande­rer Seite in die Kri­tik gera­ten. Ein Hang zu Regio­na­lis­men und iden­ti­tä­ren For­men zeigt sich auch in der hete­ro­ge­nen Strö­mung post­mo­der­ner Architektur.

Schul­bau nach Vor­lage tra­di­tio­nel­ler Bau­ern­häu­ser im Ham­bur­ger Süd­os­ten, Foto: privat.

Etwa wurde gegen Ende des Jah­res 2024 im Ham­bur­ger Süd­os­ten, in Kirch­wer­der, ein Schul­bau fer­tig­ge­stellt, der an die »orts­ty­pi­sche Bau­tra­di­tion« bäu­er­li­cher Lang­häu­ser ange­lehnt ist. Die­ser Bau, das sei hier unter­stri­chen, ist weder eine Rekon­struk­tion nach his­to­ri­schem Vor­bild noch wurde er von rech­ten Spender:innen finan­ziert. Und auch der Innen­aus­bau ist funk­tio­nal gehal­ten, unver­putz­ter Beton. Die Fas­sade des Hau­ses jedoch will die Eigen-Artigkeit der regio­na­len Kul­tur­land­schaft beto­nen, wie es in einer Pres­se­mit­tei­lung des Jah­res 2021 heißt. Als Vor­bild diente auch das Rieck Haus – eines der ältes­ten erhal­te­nen Bau­ern­häu­ser Nord­deutsch­lands, das seit 1940 unter Denk­mal­schutz steht. Der Archi­tekt des Schul­baus spricht von »iden­ti­täts­stif­ten­den his­to­ri­schen Baukörpern«.

Es geht nun nicht darum, die archi­tek­to­ni­sche Leis­tung zu schmä­lern – auch nicht das Gebäude selbst, das funk­tio­nal und in gewis­ser Hin­sicht auch ästhe­tisch anspre­chend ist. In einer Zeit jedoch, in der der gebaute Raum der Stadt wie­der der­art von Rech­ten poli­ti­siert und ver­ein­nahmt wird, gilt es Orte zu schaf­fen, die sich qua ihrer Form und Mate­ria­li­tät die­sen Ver­ein­nah­mun­gen auch dann wider­set­zen kön­nen, wenn die par­la­men­ta­ri­sche Ver­tre­tung der Stuck­staf­fel wei­ter auf dem Vor­marsch ist.

Johan­nes Rad­c­zinski, Sep­tem­ber 2025

Der Autor schrieb auf Untie­fen bereits über andere Abgründe in Stein gemei­ßel­ter Geschichts­po­li­tik wie den soge­nann­ten »Grü­nen Bun­ker« an der Feld­straße und das von dort nicht weit ent­fernte Bis­marck­denk­mal.

Antisemitismus als Nebenwiderspruch?

Antisemitismus als Nebenwiderspruch?

Dem Über­le­ben­den des rechts­ter­ro­ris­ti­schen Anschlags von Mölln, İbrahim Ars­lan, wurde auf der Bühne des Zeise Kinos Anti­se­mi­tis­mus vor­ge­wor­fen, weil er ein pro­pa­läs­ti­nen­si­sches T‑Shirt trug. Ein jüdi­scher Kino­gast ergriff das Wort und ver­tei­digte ihn. Für viele ein kla­rer Fall: Über­heb­li­ches deut­sches »Aufarbeitungsweltmeister«-Gebaren at its worst. Aber ist es wirk­lich so ein­fach? Ein Gast­bei­trag der Innen­re­vi­sion Kul­tur­be­trieb.

Im Otten­ser Zeise Kino kam es am ver­gan­ge­nen Diens­tag zu einem Eklat: İbrahim Ars­lan, Opfer und Über­le­ben­der des neo­na­zis­ti­schen Brand­an­schlags von Mölln im Jahr 1992, war im Rah­men einer Son­der­vor­stel­lung des Films »Die Möll­ner Briefe« im Zeise Kino zu Gast. Als Haupt­prot­ago­nist des Films sollte er an einer Podi­ums­dis­kus­sion teil­neh­men. Er hatte sich zu die­sem Anlass ein T‑Shirt ange­zo­gen, das das ehe­ma­lige Man­dats­ge­biet Paläs­tina – also das heu­tige Gebiet Isra­els, des West­jor­dan­lands und des Gaza-Streifens – in paläs­ti­nen­si­schen Natio­nal­fah­nen zeigt. Der Zeise-Chef Mat­thias Elwardt wollte das nicht unkom­men­tiert las­sen. In einer am dar­auf­fol­gen­den Tag ver­öf­fent­lich­ten Stel­lung­nahme erklärt er: »Ich habe ihn vor dem Film zusam­men mit dem Pro­du­zen­ten des Films ange­spro­chen, dass ich das als anti­se­mi­tisch und unpas­send emp­finde. Dar­auf­hin ist İbrahim Ars­lan auf die Bühne gegan­gen und hat meine Kri­tik vor einer Begrü­ßung öffent­lich gemacht.«

Der Eklat

Ein Video der dar­auf­fol­gen­den Situa­tion wurde von der Jour­na­lis­tin und BDS-Aktivistin Alena Jaba­rine bei Insta­gram ver­öf­fent­licht. Darin ist zu sehen, wie Elwardt seine Kri­tik an dem Motiv begrün­det, beglei­tet von Joh­len und auf­ge­brach­ten Zwi­schen­ru­fen aus dem Publi­kum: »Wir sind in dem Land, in dem es den Holo­caust gab. Ich kann doch nicht jeman­den auf die Bühne stel­len, der sagt, Juden dür­fen kein Land haben. Wir sind in Deutsch­land und haben eine Ver­pflich­tung, und es [i.e. »ein Land zu haben«] ist ein Recht von jüdi­schen Men­schen.« Im Ver­lauf der Situa­tion kommt ein Mann aus dem Publi­kum nach vorne: Joram Beja­rano, der Sohn der vor vier Jah­ren gestor­be­nen Auschwitz-Überlebenden Esther Beja­rano. Ars­lan ent­reißt Elwardt das Mikro und gibt es Beja­rano, der bekun­det, er habe »über­haupt nichts gegen die­ses T‑Shirt«: »Sie kom­men daher und sagen, Juden füh­len sich dis­kri­mi­niert? Nein, ich fühle mich nicht dis­kri­mi­niert.« Jubel im Saal.

Das Video wurde mitt­ler­weile meh­rere hun­dert­tau­send­mal ange­schaut und erhielt mehr als 11.000 Likes. In den aller­meis­ten Kom­men­ta­ren ebenso wie in einem Arti­kel, den Moha­med Amja­hid im Frei­tag ver­öf­fent­licht hat, ver­bin­den sich Empö­rung und Genug­tu­ung: Empö­rung über Elwardts Ver­hal­ten als Aus­druck von »ger­man white supre­macy« und deut­schem »Ver­söh­nungs­thea­ter«. Und Genug­tu­ung dar­über, dass sich in die­sem Fall migran­ti­sche und jüdi­sche Per­spek­ti­ven zusam­men die Deu­tungs­ho­heit wie­der erkämpft hät­ten. Oder, wie es die Thea­ter­re­gis­seu­rin und Autorin Ayşe Güvend­iren aus­drückt: »Ein Über­le­ben­der nimmt sich den Raum zurück und über­gibt ihn bewusst einer jüdi­schen Perspektive.«

Mat­thias Elwardt ver­öf­fent­lichte am Tag dar­auf eine Stel­lung­nahme. Er gesteht darin ein, von der Situa­tion über­rum­pelt wor­den zu sein und den fal­schen Ton gewählt zu haben. Und er bit­tet İbrahim Ars­lan um Ent­schul­di­gung. Die Ein­nah­men aus allen Vor­füh­run­gen von »Die Möll­ner Briefe« ver­spricht er, an Arslans Orga­ni­sa­tion »reclaim&remember« zu spen­den. Auch Ars­lan mel­dete sich noch ein­mal zu Wort. In einem auf Insta­gram ver­öf­fent­lich­ten Video bekun­det er, er sei empört, trau­rig und wütend über den Vor­fall, und deu­tet ihn als Bei­spiel für eine ras­sis­ti­sche Miss­ach­tung der Per­spek­ti­ven Betrof­fe­ner. Für die­ses Video erhält er viel Zuspruch, Soli­da­ri­täts­be­kun­dun­gen kom­men u.a. von Amnesty Inter­na­tio­nal Deutsch­land, von Debo­rah Feld­man und Hanno Hauenstein.

Der Nahe Osten ohne Israel

Aus­lö­ser des Eklats: Der Nahe Osten ohne Israel. Quelle: Insta­gram
Die Rück­seite des Shirts zeigt Hand­ala, das Haupt­sym­bol der BDS-Kampagne.

Was aller­dings weder in Arslans Stel­lung­nahme noch in sons­ti­gen Kom­men­ta­ren noch eine Rolle spielt, ist der Aus­lö­ser des Eklats. Das ist eine fatale Ver­schie­bung. Auf Arslans T‑Shirt, das er selbst­ver­ständ­lich auch nach dem Eklat für den gesam­ten Rest des Abends trug, war das Gebiet des heu­ti­gen Israel und der paläs­ti­nen­si­schen Gebiete in den paläs­ti­nen­si­schen Natio­nal­far­ben zu sehen. Die­ses Motiv kann als bild­li­cher Aus­druck der Parole »From the river to the sea – Pal­es­tine will be free« gel­ten, des Wun­sches also, dass Israel von der Land­karte ver­schwin­den möge.1Vgl. dazu z.B. die Bro­schüre »Wel­cher Fluss und wel­ches Meer?« der Bil­dungs­stätte Anne Frank. Es ima­gi­niert einen Nahen Osten ohne jüdi­schen Staat und das heißt – solange der mör­de­ri­sche Anti­se­mi­tis­mus von Hamas, Hiz­bol­lah, ira­ni­schen Mul­lahs und Co. nicht end­gül­tig Geschichte ist – einen Nahen Osten ohne Jüdin­nen und Juden. Kurz: Die­ses T‑Shirt ist antisemitisch. 

İbrahim Ars­lan betont in sei­ner Stel­lung­nahme, dass er sich seit Jah­ren nicht nur gegen Ras­sis­mus, son­dern auch gegen Anti­se­mi­tis­mus ein­setzt, und plä­diert »für eine Erin­ne­rungs­kul­tur, die nicht spal­tet, son­dern ver­bin­det«. Mit sei­nem poli­ti­schen Enga­ge­ment und sei­ner Bil­dungs­ar­beit hat er tat­säch­lich genau das seit vie­len Jah­ren auf bewun­derns­werte Weise gemacht. Er hat maß­geb­lich dazu bei­getra­gen, dass Über­le­bende und Ange­hö­rige von Opfern ras­sis­ti­schen und anti­se­mi­ti­schen Ter­rors wie in Halle, in Hanau oder beim Münch­ner OEZ-Anschlag sich ver­netzt haben, er hat dafür gekämpft, dass die Stim­men der Betrof­fe­nen gehört und ihre Per­spek­ti­ven berück­sich­tigt wer­den. Auch in Ham­burg hat er mit Rede­bei­trä­gen auf Kund­ge­bun­gen immer wie­der seine Soli­da­ri­tät in die­sem Sinne aus­ge­drückt, z.B. bei der Initia­tive zum Geden­ken an Châu und Lân

Selektive Solidarität

Umso bestür­zen­der ist es, dass die Per­spek­tive der Betrof­fe­nen in die­sem Fall nicht zu gel­ten scheint. Denn auch wenn es in die­sem kon­kre­ten Fall ein nicht­jü­di­scher Deut­scher war, der die Kri­tik for­mu­liert hat: Pri­mär sind es Jüdin­nen und Juden, die die Land­karte Paläs­ti­nas ohne Israel als Bedro­hung wahr­neh­men, als Aberken­nung des Exis­tenz­rechts nicht nur des israe­li­schen Staa­tes, son­dern auch der in ihm leben­den Jüdin­nen und Juden. Dass Joram Beja­rano diese Ansicht nicht teilt oder »kein Pro­blem« damit hat, wenn Jüdin­nen und Juden in Israel das Recht auf Selbst­be­stim­mung aberkannt wird, kann schlecht als Gegen­ar­gu­ment ange­führt wer­den. Es gibt Roma, die kein Pro­blem mit dem Z‑Wort haben, es gibt Schwarze Republikaner:innen, die Donald Trump von jeg­li­chem Ras­sis­mus frei­spre­chen, und es gibt Schwule und Les­ben in der AfD. Führt man sol­che Stim­men als Recht­fer­ti­gung ins Feld und igno­riert alle ande­ren, offen­bart sich darin genau der instru­men­telle und selek­tive Umgang mit Betrof­fen­heit, den Ars­lan ansons­ten zu Recht scharf kritisiert. 

Ars­lan hat sich ent­schie­den, das Gros der von Anti­se­mi­tis­mus Betrof­fe­nen (und im Übri­gen auch der Anti­se­mi­tis­mus­for­schung) zu igno­rie­ren, das in dem Motiv auf sei­nem T‑Shirt einen Aus­druck von Anti­se­mi­tis­mus sieht. Würde er sei­nem eige­nen erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Anspruch gerecht wer­den wol­len, müsste er auch die­sen Stim­men Gehör schen­ken und nicht nur jenen, die (wie Joram Beja­rano oder die erwähnte Debo­rah Feld­man) israel­be­zo­ge­nen Anti­se­mi­tis­mus nicht erken­nen kön­nen oder wollen.

In sei­ner Stel­lung­nahme behaup­tet Ars­lan, er habe das T‑Shirt »als Zei­chen der Soli­da­ri­tät mit einer von Völ­ker­mord betrof­fe­nen Bevöl­ke­rung« getra­gen. An sol­chen Zei­chen gibt es nun ja aller­dings kei­nen Man­gel: Es gibt alle mög­li­chen Klei­dungs­stü­cke und Acces­soires in den paläs­ti­nen­si­schen Natio­nal­far­ben, es gibt Sym­bole wie Was­ser­me­lo­nen, Gra­nat­äp­fel und Frie­dens­tau­ben, es gibt die Handala-Figur und natür­lich die Kufiya und ihr cha­rak­te­ris­ti­sches Mus­ter. Nicht alles davon ist völ­lig unpro­ble­ma­tisch.2Zu Hand­ala etwa schreibt Sebas­tian Leber: »In des­sen Geschich­ten wer­den Israe­lis grund­sätz­lich mit Haken­nase dar­ge­stellt. Sie bege­hen jüdi­sche Ritu­al­morde, ver­füh­ren ara­bi­sche Frauen, kön­nen bloß durch Maschi­nen­ge­wehre gestoppt wer­den.« Aber wohl gegen kei­nes die­ser »Zei­chen der Soli­da­ri­tät« hätte der Geschäfts­füh­rer des Zeise Kinos etwas ein­ge­wen­det. Ars­lan jedoch hat ein Sym­bol gewählt, das die Aus­lö­schung Isra­els impliziert.

Kritik – nicht »silencing«

Dass er dafür kri­ti­siert wor­den ist, sieht er als Sym­ptom dafür, dass »man uns immer wie­der zum Schwei­gen brin­gen will, gerade dann, wenn unsere Per­spek­ti­ven unbe­quem sind«. Er stellt den Vor­fall im Zeise Kino damit in eine Reihe mit Situa­tio­nen, in denen Betrof­fene rech­ter Gewalt her­ab­las­send und empa­thie­los behan­delt wur­den, in denen sie zurecht­ge­wie­sen und ihre Per­spek­ti­ven miss­ach­tet wur­den (wie es etwa Anfang die­ses Jah­res in Hanau gesche­hen ist). Aber die Kri­tik an einem anti­se­mi­ti­schen Motiv ist kein »tone poli­cing« und auch kein »silen­cing« unbe­que­mer Per­spek­ti­ven. Viel­mehr geht es darum, dass der bild­lich aus­ge­drückte Wunsch, den Juden­staat von der Land­karte ver­schwin­den zu las­sen, eben keine akzep­ta­ble »Per­spek­tive« ist, son­dern: Anti­se­mi­tis­mus. Wer die­sen Wunsch äußert, spielt da keine Rolle. Zudem kann keine Rede davon sein, dass man Ars­lan »zum Schwei­gen brin­gen« wollte. Er selbst hat den Kon­flikt mit Elwardt auf die Bühne des Kino­saals ver­legt, weil er wusste, dass er mit laut­star­ker Zustim­mung rech­nen konnte – nicht nur von Beja­rano, mit dem er gut bekannt ist, son­dern auch von vie­len Gästen.

Man muss außer­dem davon aus­ge­hen, dass Ars­lan das Sym­bol in genauem Wis­sen sei­nes Gehalts trug. Schließ­lich wurde er schon mehr­fach mit der Kri­tik daran kon­fron­tiert. Erst vor weni­gen Wochen wurde zeit­wei­lig ein Fern­seh­bei­trag mit Ars­lan aus der Media­thek ent­fernt. Der Grund: Betrof­fene hat­ten den Sen­der dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Ars­lan in dem Bei­trag deut­lich sicht­bar eine Hals­kette mit einem Anhän­ger in den Umris­sen des ehe­ma­li­gen Man­dats­ge­biets trug. Ars­lan wusste also, dass das Motiv als anti­se­mi­ti­sche Chif­fre kri­ti­siert wird. Und trotz­dem hat er für die Ver­an­stal­tung im Zeise Kino erneut genau die­ses Sym­bol gewählt.

Das lässt sich nur als eine stra­te­gi­sche Ent­schei­dung ver­ste­hen, mit der er die­je­ni­gen, die ihn ein­la­den, bewusst vor die Wahl stellt: Ent­we­der sie tole­rie­ren kom­men­tar­los ein anti­se­mi­ti­sches Sym­bol und tra­gen damit zur Nor­ma­li­sie­rung und Baga­tel­li­sie­rung des Anti­se­mi­tis­mus bei, oder sie pro­du­zie­ren einen Eklat, der vom Thema des Films ablenkt – dem rech­ten Ter­ror der neun­zi­ger Jahre und dem unem­pa­thi­schen, struk­tu­rell ras­sis­ti­schen Umgang des deut­schen Staa­tes mit den vom Ter­ror Betrof­fe­nen – und für Ars­lan selbst zwei­fel­los auch ver­let­zend wirkt. Die Empö­rung dar­über, dass Elwardt Ars­lan die Bühne genom­men habe, greift darum ins Leere. Eher ist es so: Um ein anti­is­rae­li­sches State­ment zu set­zen, nimmt Ars­lan in Kauf, dass die­ses State­ment seine Erin­ne­rungs­ar­beit ver­drängt oder überlagert.

Unbequeme Antisemitismuskritik

Des­halb gilt: Der Zeise-Geschäftsführer ver­dient für sein Ver­hal­ten Unter­stüt­zung. Er hat Anti­se­mi­tis­mus erkannt und benannt und ihn nicht, was der beque­mere Weg gewe­sen wäre, igno­riert. In die­sem Sinne hat sich nun auch das Netz­werk jüdi­scher Hoch­schul­leh­ren­der in einer Stel­lung­nahme geäu­ßert, in der es unter ande­rem heißt: »Für uns steht fest: Zivil­cou­rage und die klare Benen­nung von Anti­se­mi­tis­mus sind keine Ver­feh­lun­gen, son­dern Aus­druck demo­kra­ti­scher Verantwortung.« 

Wie Elwardt die Situa­tion gehand­habt hat, lässt sich aller­dings im Ein­zel­nen pro­ble­ma­ti­sie­ren. Dass er etwa ein Opfer neo­na­zis­ti­schen Ter­rors daran erin­nert, dass es sich im Land der Täter der Shoah befinde, ist unan­ge­bracht und muss in Arslans Ohren zynisch klin­gen. Der Ver­weis auf die deut­sche Spe­zi­fik geht hier außer­dem am Kern des Pro­blems vor­bei. Das T‑Shirt wäre ja auch dann anti­se­mi­tisch, würde Otten­sen noch zu Däne­mark gehö­ren. Und die an Joram Beja­rano gerich­tete Frage »Wo sol­len Juden denn Ihrer Mei­nung nach leben?«, ist eine sehr unge­lenke Art, nach dem Schick­sal der jüdi­schen Israe­lis in einem ange­streb­ten, mehr­heit­lich ara­bi­schen Paläs­tina zu fra­gen. Bei allen Vor­be­hal­ten gegen­über kon­kre­ten For­mu­lie­run­gen gilt es hier aber zu berück­sich­ti­gen, dass Elwardt nicht vor­hatte, das Thema öffent­lich anzu­spre­chen, und von der Situa­tion ver­ständ­li­cher­weise über­for­dert war.

Die Reak­tio­nen auf den Eklat illus­trie­ren, wie die berech­tigte Kri­tik am deut­schen »Ver­söh­nungs­thea­ter« (Max Czol­lek), dem es mehr um die Wie­der­erlan­gung einer posi­ti­ven natio­na­len Iden­ti­tät geht als um Auf­ar­bei­tung und Ein­ge­den­ken, in Erin­ne­rungs­ab­wehr und Rela­ti­vie­rung des Anti­se­mi­tis­mus umschla­gen kann. Vor allem in Moha­med Amja­hids Frei­tag-Arti­kel mit dem Titel »Der Deut­sche zeigt, wie deut­sches Erin­nern geht« wird das deut­lich: Er bezeich­net die Epi­sode im Zeise Kino als Bei­spiel für die »Absur­di­tät deut­scher Erin­ne­rungs­kul­tur«, für eine Erin­ne­rungs­kul­tur, die »ein Kul­tur­gut gewor­den« sei und bei der das »posi­tive Fee­ling« im Zen­trum stehe. Elwardt wirft er vor, »pfau­en­haft ein Ver­söh­nungs­thea­ter auf[zu]führen«.

Aber das ist ein halt­lo­ser Vor­wurf: Ein »posi­ti­ves Fee­ling« wäre ja gerade dann garan­tiert gewe­sen, wenn Elwardt nichts gegen das T‑Shirt gesagt hätte; wenn er sich zusam­men mit Publi­kum und Podium einig und auf der rich­ti­gen Seite hätte wäh­nen kön­nen. Amja­hid fasst seine Kri­tik am Ver­söh­nungs­thea­ter mit den Wor­ten zusam­men: »Haupt­sa­che, der Deut­sche wird wie­der gut.« Doch die­ser Satz trifft weni­ger Elwardt als viel­mehr das joh­lende Kino­pu­bli­kum und die zahl­lo­sen empör­ten Stim­men, die nun bei­spiels­weise den Boy­kott des Zeise Kinos for­dern. Vol­ler Inbrunst »Free Pal­es­tine from Ger­man Guilt« zu rufen, den Staat Israel als kolo­nia­les oder gar geno­zi­da­les Pro­jekt zu dämo­ni­sie­ren, Anti­se­mi­tis­mus zu leug­nen oder als Lap­pa­lie abzu­tun und sich dabei zusam­men mit gro­ßen Tei­len der Welt auf der »rich­ti­gen Seite der Geschichte« zu wäh­nen – wenn das keine deut­sche »Wie­der­gut­wer­dung« ist, was dann?

Abge­se­hen vom Netz­werk jüdi­scher Hoch­schul­leh­ren­der und vom Ham­bur­ger Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten hat bis­her nie­mand öffent­lich den Aus­lö­ser des Eklats, das T‑Shirt-Motiv, als anti­se­mi­tisch benannt. Das zeigt, wie ein­sam und leise die Anti­se­mi­tis­mus­kri­tik inzwi­schen ist. Aus­nahms­los jedes Thema scheint mitt­ler­weile dem Kampf gegen Israel unter­ge­ord­net zu wer­den. Anti­se­mi­tis­mus wird dabei ent­we­der schlicht geleug­net oder zum Neben­wi­der­spruch erklärt.

Die Innen­re­vi­sion Kul­tur­be­trieb ist ein Ham­bur­ger Zusam­men­schluss von Men­schen der Kunst- und Kul­tur­szene gegen Antisemitismus.

  • 1
    Vgl. dazu z.B. die Bro­schüre »Wel­cher Fluss und wel­ches Meer?« der Bil­dungs­stätte Anne Frank.
  • 2
    Zu Hand­ala etwa schreibt Sebas­tian Leber: »In des­sen Geschich­ten wer­den Israe­lis grund­sätz­lich mit Haken­nase dar­ge­stellt. Sie bege­hen jüdi­sche Ritu­al­morde, ver­füh­ren ara­bi­sche Frauen, kön­nen bloß durch Maschi­nen­ge­wehre gestoppt werden.« 

Update: Geschichtsrevisionismus und nostalgischer Nationalismus bei der AfD Hamburg

Update: Geschichtsrevisionismus und nostalgischer Nationalismus bei der AfD Hamburg

***Update Februar 2025***
Die deut­sche Geschichte ist für radi­kal rechte Par­teien ein zen­tra­les Agi­ta­ti­ons­feld. Auch die Ham­bur­ger AfD ver­brei­tet einer­seits immer wie­der klas­sisch revi­sio­nis­ti­sche The­sen, die vor allem den Holo­caust und die Kolo­ni­al­ge­schichte umdeu­ten. Vor allem aber ver­tritt sie einen nost­al­gi­schen Natio­na­lis­mus, der für die eigene poli­ti­sche Agenda durch geziel­tes Aus­wäh­len und Ver­schwei­gen Mythen über die deut­sche Ver­gan­gen­heit entwirft.

Bezugs­punkt des rech­ten Revi­sio­nis­mus: Der erste Reichs­kanz­ler und Sozia­lis­ten­jä­ger Otto von Bis­marck. Das deutsch­land­weit größte Denk­mal für ihn steht auf St. Pauli. Foto: Marco Hosemann

Die­ses Update erscheint par­al­lel auf AfD Watch Ham­burg.


UPDATE Februar 2025

Wie wir im März letz­ten Jah­res fest­ge­stellt haben, wird die geschichts­po­li­ti­sche Stra­te­gie der AfD Ham­burg von einem nost­al­gi­schen Natio­na­lis­mus bestimmt. Der offene Geschichts­re­vi­sio­nis­mus, das Leug­nen und Umdeu­ten his­to­ri­scher Ver­bre­chen, ist dabei nicht im Vor­der­grund, kann aber jeder­zeit mit ein­ge­baut wer­den. In den ver­gan­ge­nen Mona­ten ließ sich beob­ach­ten, dass vor allem die Kolonial- und Kai­ser­reich­sa­po­loge­tik von der AfD Ham­burg ver­mehrt in poli­ti­sche Pra­xis über­setzt wird. Kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung der deut­schen Geschichte ver­su­chen sie als »Umer­zie­hung« oder »Umschrei­ben der Geschichte« ver­ächt­lich zu machen. Drei Bei­spiele kön­nen das illustrieren:

Im April 2024 posi­tio­nierte die AfD sich in der Bür­ger­schaft gegen den Erhalt der For­schungs­stelle „Ham­burgs (post-)koloniales Erbe“. Die LINKE hatte eine Debatte um Zukunft der aus­lau­fen­den For­schungs­stelle bean­tragt. Unter ande­rem sprach sich Nor­bert Hack­busch klar für ihren Erhalt aus. In sei­nem Rede­bei­trag beti­telt der stell­ver­tre­tende Frak­ti­ons­vor­sit­zende und kul­tur­po­li­ti­sche Spre­cher der AfD in der Bür­ger­schaft, Dr. Alex­an­der Wolf, den Inha­ber der Pro­fes­sur an der For­schungs­stelle, Prof. Dr. Jür­gen Zim­me­rer, als »der als Wis­sen­schaft­ler ver­brämte Polit-Aktivist“. Er bezeich­net es als „Gewinn für unsere Stadt“, würde „die­sem ‚Pro­fes­sor‘“ der „Geld­hahn“ abge­dreht. Über das all­ge­meine Pro­jekt einer Deko­lo­ni­sie­rung Ham­burgs heißt es, es solle von „links-rot-grün die Geschichte umge­schrie­ben“ und die Men­schen „umer­zo­gen werden“.

Am 18.12.2024 beschlos­sen SPD und Grüne in der Bür­ger­schaft mit dem Dop­pel­haus­halt für 2024 und 2025, die For­schungs­stelle – wie von Beginn an vor­ge­se­hen – durch aus­lau­fende Finan­zie­rung fak­tisch einzustellen.

Auch im Som­mer 2024 schoss die AfD gegen die For­schungs­stelle „Ham­burgs (post-)koloniales Erbe“. Deren App „Kolo­niale Orte“ kri­ti­siert sie in einer klei­nen Anfrage wegen der aus ihrer Per­spek­tive gro­ßen Dis­kre­panz zwi­schen den regis­trier­ten Down­loads und den Ent­wick­lungs­kos­ten. Dar­aus lei­te­ten sie die For­de­rung ab, es solle Schluss sein mit „Umer­zie­hung und noch mehr Steu­er­geld­ver­schwen­dung im Rah­men der ‚Deko­lo­ni­sie­rung‘ Hamburgs!“

Im Okto­ber 2024 schließ­lich rich­tete sich die Schluss­strich­for­de­rung gegen das Museum am Rothen­baum für Kunst und Kul­tu­ren der Welt, kurz MARKK (ehe­mals »Völ­ker­kun­de­mu­seum«). Mit einer klei­nen Anfrage zielt die AfD wie­derum auf die Kos­ten bzw. die Besucher:innenzahlen seit dem (noch lau­fen­den) Umbau vom „Völ­ker­kun­de­mu­seum“ zum MARKK. Wolf hatte sich schon 2017 kri­tisch zur Umbe­nen­nung geäu­ßert und damals resü­miert, das „Volk“ solle abge­schafft wer­den. Dem­ago­gisch stellte er damals das Staats­volk, den fik­ti­ven Sou­ve­rän des Grund­ge­set­zes, und eth­nisch defi­nierte Völ­ker in eine Reihe. In einer Pres­se­mit­tei­lung zur Ant­wort des Sena­tes auf die kleine Anfrage der AfD-Fraktion lässt Wolf sich am 18. Dezem­ber 2024 wie folgt zitie­ren. Das »links­grüne Erzie­hungs­mu­seum« sei geschei­tert. Die Bürger:innen woll­ten »nicht bevor­mun­det und beim Den­ken betreut wer­den«, viel­mehr zeig­ten sie »der soge­nann­ten kolo­nia­lis­ti­schen Schuld die kalte Schul­ter«. Die For­de­rung ergeht: »Wir wol­len unser Völ­ker­kun­de­mu­seum ohne links­grü­nem (sic!) Tam­tam zurück!“

Diese Anfra­gen und Pres­se­mit­tei­lun­gen zie­len offen­bar vor allem dar­auf ab, ein gesun­des Volks­emp­fin­den her­bei­zu­re­den, das sich nicht für eine »woke« Geschichts­er­zäh­lung inter­es­siere. Die ange­strebte Nor­ma­li­sie­rung der deut­schen Natio­nal­ge­schichte – also die guten 1000 minus die 12 »dunk­len« Jahre – wird durch Angriffe auf Insti­tu­tio­nen ver­meint­li­cher lin­ker »Umer­zie­hung« vor­an­ge­trie­ben. Die­sen Zusam­men­hang bringt eine Stel­lung­nahme Wolfs aus dem Mai 2024 auf den Punkt. Wolf sprach mit Blick auf das städ­ti­sche Erin­ne­rungs­kon­zept zum Umgang mit dem kolo­nia­len Erbe, das im Mai 2024 vor­ge­stellt wurde, von einem „linke[n] Kul­tur­kampf“, der „Unsum­men an Steu­er­gel­dern“ ver­schlinge. Vor allem: „Kein nor­ma­ler Bür­ger legt Wert auf Stra­ßen­um­be­nen­nun­gen, bloß weil die Namen angeb­lich kolo­nial belas­tet seien. Kein nor­ma­ler Bür­ger hat ein Pro­blem mit Sta­tuen von Chris­toph Kolum­bus. Kein nor­ma­ler Bür­ger hasst die eigene deut­sche Geschichte so sehr wie links­grüne Bilderstürmer.“

Die geschichts­re­vi­sio­nis­ti­sche Agi­ta­tion der AfD Ham­burg ist mus­ter­gül­ti­ges Bei­spiel der pathi­schen Pro­jek­tion in der rechts­extre­men Pro­pa­ganda. Die AfD wirft sich in die Brust gegen eine angeb­lich umer­zie­hende, bevor­mun­dende und geschichts­fäl­schende Erin­ne­rungs­po­li­tik, wäh­rend sie in Wahr­heit natür­lich selbst genau das ver­folgt. Die ham­bur­gi­sche und die deut­sche Geschichte über­haupt sol­len, wenn’s nach ihnen ginge, nur noch glor­reich, groß­ar­tig und ver­dienst­voll gewe­sen sein. Was dazu nicht passt, soll beschwie­gen wer­den. Und wer daran Kri­tik anmel­det, muss ver­blen­det sein und also unter­drückt werden.

Redak­tion Untie­fen, Februar 2025


Das Ver­hält­nis zur deut­schen Ver­gan­gen­heit ist die zen­trale Ein­tritts­karte in den poli­ti­schen Dis­kurs der BRD. Offene Holo­caust­leug­nung oder ‑rela­ti­vie­rung sind nicht nur straf­bar, son­dern auch poli­tisch äußerst schäd­lich. Bei der popu­lis­ti­schen, als Ver­tei­di­ge­rin der Demo­kra­tie auf­tre­ten­den AfD spie­len sie daher auch in Ham­burg nur eine unter­ge­ord­nete Rolle. Den­noch wird immer wie­der erkenn­bar, dass es sich hier um stra­te­gi­sche Zurück­hal­tung handelt.

Offe­ner Revisionismus

Bekannt sind etwa NS-Relativierungen des Ham­bur­ger AfD-Bundestagsabgeordneten Bernd Bau­mann, frü­here revi­sio­nis­ti­sche Kom­men­tare des der­zei­ti­gen Ham­bur­ger AfD-Pressesprechers Robert Offer­mann und der Ver­dacht auf anti­se­mi­ti­sche Aus­sa­gen eines Mit­ar­bei­ters der Bür­ger­schafts­frak­tion. Am meis­ten Auf­se­hen erregte wohl der stell­ver­tre­tende Frak­ti­ons­vor­sit­zende der AfD in der Bür­ger­schaft, Alex­an­der Wolf. 2017 wurde bekannt, dass er 1994 eine Samm­lung von NS-Liedern unter dem Titel „Schlacht­ruf“ her­aus­gab, in deren Vor­be­mer­kun­gen er mit Blick auf die Kapi­tu­la­tion Nazi-Deutschlands im Zwei­ten Welt­krieg zu einem „ent­schlos­se­nen Nie wie­der!’“ auf­rief.

Alex­an­der Wolf, geschichts­po­li­ti­scher Scharfmacher

Über­haupt, Alex­an­der Wolf: Er ist in der Bür­ger­schafts­frak­tion der Mann für die pro­vo­kan­ten his­to­ri­schen The­sen. So behaup­tete er etwa im März 2023 in der Bür­ger­schaft, die Nazis hät­ten sich „kei­nes­wegs als rechts, son­dern bewusst als Sozia­lis­ten“ ver­stan­den. Die DDR und den NS-Staat par­al­le­li­sierte er als „Dik­ta­tu­ren“, um sogleich zu sei­nem eigent­li­chen Anlie­gen zu kom­men, näm­lich der Lüge, auch der heu­tige Kampf gegen Rechts sei wie­der ähn­lich eine ähn­li­che „Frei­heits­ein­schrän­kung“ und „Aus­gren­zung“.

„Vogel­schiss“ als Pro­gramm: der nost­al­gi­sche Nationalismus

Diese offe­nen Rela­ti­vie­run­gen sind aber die Aus­nahme. Die wirk­li­che geschichts­po­li­ti­sche Stra­te­gie der Ham­bur­ger AfD besteht darin, die Gau­land­sche Rede vom „Vogel­schiss“ in die Pra­xis umzu­set­zen. In den Bei­trä­gen der AfD-Abgeordneten fin­det sich kaum eine Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus oder mit der Kolo­ni­al­ge­schichte. Und wenn diese The­men berührt wer­den, dann geht es stets darum, für die radi­kal rechte Poli­tik nostalgisch-nationalistische, posi­tive Anker­punkte in der deut­schen Geschichte des 19. und 20. Jahr­hun­derts zu finden.

His­to­ri­sche Wür­di­gung for­dert die AfD etwa für fol­gende Grup­pen: die Ver­schwö­rer um Claus Schenk Graf von Stauf­fen­berg („Höhe­punkt des deut­schen Wider­stands“), die Opfer der alli­ier­ten Bom­bar­die­rung Ham­burgs im Juli 1943 („Kriegs­ver­bre­chen“), die Auf­stän­di­gen vom 17. Juni 1953 in der DDR („iden­ti­täts­stif­ten­des Datum“) sowie für die an der Gren­zen zwi­schen DDR und BRD Ermor­de­ten und den Mau­er­bau 1961 („Schick­sals­da­tum der deut­schen Nation“).

Und die im Jahr 2020 auf­ge­kom­me­nen Rufe nach einem Denk­mal für die Leis­tun­gen der soge­nann­ten tür­ki­schen „Gast­ar­bei­ter“ kon­terte Wolf im Novem­ber 2021 mit der For­de­rung, statt­des­sen ein Denk­mal für „Trüm­mer­frauen“ zu schaffen.

Das Kai­ser­reich soll rechts­ra­di­kale Her­zen wärmen

Neben den deut­schen Opfern alli­ier­ter Bom­ben und kom­mu­nis­ti­scher SED-Herrschaft sowie patrio­ti­schen kon­ser­va­ti­ven Gene­rä­len steht vor allem das Deut­sche Kai­ser­reich im Zen­trum der AfD-Geschichtspolitik. Eine Folge des Pod­casts „(Un-)Erhört!“ der Ham­bur­ger AfD-Fraktion vom Januar 2021 zum 150. Jah­res­tag der Reichs­grün­dung 1871 illus­triert das. 

Zum ein­gangs gespiel­ten „Heil dir im Sie­ger­kranz“ spricht Wolf von einem „der glück­lichs­ten Momente der deut­schen Geschichte“. Heu­tige Politiker:innen wür­den sich jedoch der Erin­ne­rung daran ver­wei­gern, sie hät­ten ein „gestör­tes Ver­hält­nis zur „eige­nen Geschichte“. So hätte die „über tau­send­jäh­rige Geschichte Deutsch­lands“ zwar „pro­ble­ma­ti­sche Sei­ten“, doch sei sie eben auch „mehr“. Ab dort ver­schwin­det der Natio­nal­so­zia­lis­mus aus die­ser Erzäh­lung und das heu­tige Deutsch­land wird schlicht in Kon­ti­nui­tät zum Kai­ser­reich gesetzt. Das ist eine ganz bewusste Kon­struk­tion einer Tra­di­tion, die nur über Aus­las­sung funk­tio­niert. An die „posi­ti­ven Momente der Geschichte“ soll erin­nert wer­den, so Wolf wei­ter, „weil das unsere Iden­ti­tät prägt. Eine Nation lebt nicht nur von der Ratio und von der Ver­fas­sung, son­dern auch von einem posi­ti­ven Gemein­schafts­ge­fühl.“ Nur dar­aus könn­ten „Soli­da­ri­tät und Mit­ein­an­der erwachsen.“

Gerei­nigt wer­den soll die deut­sche Geschichte also nicht, indem der Holo­caust geleug­net wird. Der „Schuldkult“-Vorwurf wird hier sub­ti­ler for­mu­liert: Der beding­ten Aner­ken­nung der Ver­bre­chen in den 12 Jah­ren NS-Herrschaft wird eine sau­bere Ver­sion der ver­meint­lich ande­ren 988 Jahre deut­scher Geschichte und deut­schen Glan­zes entgegengestellt.

Die Hamburger Bismarkstatue zwischen zwei Baumkronen.
Bis­marck, Begrün­der des deut­schen Kolo­ni­al­rei­ches, strahlt frisch reno­viert. Foto: Marco Hosemann

Mit Bis­marck gegen die Wahrheit

Diese Stra­te­gie zeigt sich auch an der Posi­tion der AfD zur Debatte um das Otto von Bismarck-Denkmal auf St. Pauli. In einer Folge des besag­ten Pod­casts vom Juli 2021 zeich­net Wolf den ers­ten Reichs­kanz­ler als eine posi­tive Figur der deut­schen Geschichte. Die gefor­derte Neu-Kontextualisierung des Denk­mals sei selbst Geschichts­re­vi­sio­nis­mus, schließ­lich würde Bis­marck dabei „aus dem Blick­win­kel eines Anti­fan­ten und einer Femi­nis­tin“ gese­hen. Die soge­nannte Westafrika-Konferenz 1884/85 in Ber­lin, zu der Bis­marck ein­lud und bei der die euro­päi­schen Groß­mächte den afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent als Kolo­ni­al­be­sitz unter sich auf­teil­ten, ver­schweigt Wolf dabei nicht. Aber er stellt sie als rein frie­dens­stif­tende Maß­nahme zur Siche­rung der inner­eu­ro­päi­schen Ord­nung dar. Das funk­tio­niert wie­derum nur durch Aus­blen­den der Fol­gen für die kolo­ni­sier­ten Bevöl­ke­run­gen außer­halb Euro­pas. Aber mehr noch: Kolo­nia­lis­mus ist für Wolf „nicht per se von vorn­her­ein schlecht“. Denn es sei „viel Posi­ti­ves geleis­tet wor­den, Infra­struk­tur, Gesund­heit etc.“ Es dürfe eben nicht „ein­sei­tig die nega­tive Brille“ auf­ge­setzt wer­den, wie es bei der Black Lives Matter-Bewegung gesche­hen sei. So hält Wolf dann auch die gän­gige For­schungs­po­si­tion, dass die Deut­schen 1904/5 in Süd­west­frika einen Völ­ker­mord began­gen haben, für „absurd“, ja „Quatsch“. Man sieht: Obwohl nost­al­gi­scher Natio­na­lis­mus die Kern­stra­te­gie der AfD Ham­burg aus­macht, ist der Schritt zu offe­nem Revi­sio­nis­mus schnell gemacht.

Redak­tion Untie­fen, März 2024

Gegen rechtsextreme Vereinnahmungsversuche – Solidarität mit empower

Gegen rechtsextreme Vereinnahmungsversuche – Solidarität mit empower

Im Okto­ber 2024 ver­öf­fent­lich­ten wir anläss­lich des Jah­res­ta­ges des Mas­sa­kers der Hamas im Süden Isra­els eine Chro­nik anti­se­mi­ti­scher Vor­fälle in Ham­burg im zurück­lie­gen­den Jahr. Wir kri­ti­sier­ten u.a. die bis­he­rige Daten­er­he­bung in Ham­burg. Die AfD ver­sucht dies für ihre rechts­extreme Agenda zu instrumentalisieren.

Am 8. Okto­ber 2024 ver­öf­fent­lich­ten wir anläss­lich des vor­an­ge­gan­ge­nen Jah­res­ta­ges des Mas­sa­kers der Hamas im Süden Isra­els gemein­sam mit dem Bil­dungs­ver­ein Bag­rut e.V. eine Chro­nik anti­se­mi­ti­scher Vor­fälle in Ham­burg im Jahr danach.

Darin kri­ti­sier­ten wir unter ande­rem, dass es, anders als in ande­ren Bun­des­län­dern, in Ham­burg keine öffent­li­che Doku­men­ta­tion anti­se­mi­ti­scher Vor­fälle gibt. Die öffent­lich geför­derte digi­tale Hinweis- und Mel­de­stelle memo und ihren bis­he­ri­gen[1] Trä­ger, die Bera­tungs­stelle empower, kri­ti­sier­ten wir dafür, dass sie bis 2024 die Fall­zah­len für rechte, ras­sis­tisch und anti­se­mi­tisch moti­vierte Angriffe nur zusam­men­ge­fasst ver­öf­fent­lich­ten. Außer­dem bemän­gel­ten wir, dass die von der Mel­de­stelle sowie von ande­ren, städ­ti­schen Insti­tu­tio­nen bis­lang ver­öf­fent­lich­ten Daten kaum Hin­weise auf die Qua­li­tät und die Umstände anti­se­mi­ti­scher Gewalt in Wort und Tat in Ham­burg sowie auf mög­li­che ideo­lo­gi­sche Moti­va­tio­nen der Täter:innen geben.

Unse­rer Kri­tik lie­gen die von uns recher­chier­ten Daten sowie die Wahr­neh­mung von Betrof­fe­nen zugrunde, denen zu Folge der öffent­li­che Umgang mit Anti­se­mi­tis­mus auch in Ham­burg selek­tiv ist. Ins­be­son­dere im Umgang mit selbst­er­klärt »pro-palästinensisch«, also natio­na­lis­tisch und/oder anti­im­pe­ria­lis­tisch gerecht­fer­tig­ten Taten ent­zie­hen sich Hoch­schu­len, Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen oder poli­ti­sche Grup­pen oft kla­rer Stel­lung­nah­men, anstatt Anti­se­mi­tis­mus klar zu benen­nen und die Stim­men der Betrof­fe­nen, von Ham­bur­ger Jüdin­nen und Juden, ernst zu neh­men. Im Gespräch sagte uns im Okto­ber 2024 Rebecca Vaneeva, Prä­si­den­tin des Ver­bands jüdi­scher Stu­die­ren­der Nord: »Es gibt einen ver­brei­te­ten Selbst­be­trug über die Kom­ple­xi­tät des Phä­no­mens Anti­se­mi­tis­mus. Rechts­extre­mer Anti­se­mi­tis­mus wird zum Glück weit­ge­hend ver­ur­teilt. Es han­delt sich aber auch um ein mus­li­mi­sches und ein lin­kes Phänomen.«

Daher for­der­ten wir eine sys­te­ma­ti­schere Erhe­bung und ein ent­spre­chen­des insti­tu­tio­na­li­sier­tes Moni­to­ring zur wei­te­ren Auf­klä­rung des Dun­kel­fel­des und der Hin­ter­gründe anti­se­mi­ti­scher Gewalt in der Ham­bur­ger Gesell­schaft heute – mit allen Her­aus­for­de­run­gen und Kon­flik­ten, in der gan­zen Wider­sprüch­lich­keit und Viel­schich­tig­keit. Es braucht hier mehr Wis­sen, nicht weniger.

Unsere Kri­tik druckte auch die taz in einem kur­zen Bericht zu unse­rer Chro­nik ab. Unter Bezug auf die­sen Arti­kel ver­suchte die Bür­ger­schafts­frak­tion der AfD Anfang Dezem­ber in einem Antrag zum Dop­pel­haus­halt 2024/2025 unsere Chro­nik zu instrumentalisieren.

Unter Ver­weis u.a. dar­auf, dass »selbst Autoren des lin­ken Maga­zins Untie­fen« die Erhe­bungs­pra­xis von memo »kri­tisch« sähen, bean­tragte die AfD-Fraktion, dem bis­he­ri­gen Trä­ger der Mel­de­stelle, der Bera­tungs­stelle für Betrof­fene rech­ter, ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Gewalt empower, im neuen Haus­halt jeg­li­che Mit­tel zu strei­chen. Empower wird im Antrag als »Fake-Beratungsstelle« und »Pro­pa­gan­da­zen­trale« bezeich­net. Zusätz­lich for­derte die AfD, Zuwen­dun­gen unter ande­rem an die VVN-BdA, den CJD oder die Fal­ken im neuen Haus­halt zu strei­chen. Sämt­li­che Anträge der AfD zum Haus­halt wur­den – wie zu erwar­ten – in den Haus­halts­be­ra­tun­gen vom 16. bis 18. Dezem­ber 2024 von den demo­kra­ti­schen Frak­tio­nen der Bür­ger­schaft abgelehnt.

Die Agenda hin­ter die­sen Anträ­gen der AfD-Bürgerschaftsfraktion ist klar: Es geht um die Mobi­li­sie­rung auto­ri­tä­rer Affekte und um ras­sis­ti­sche und xeno­phobe Stig­ma­ti­sie­rung gan­zer Grup­pen der deut­schen Bevöl­ke­rung. Sug­ge­riert wird durch die AfD ein Bild angeb­li­cher »links-grüner« Kor­rup­tion und Kli­en­tel­wirt­schaft bis hin zu einer För­de­rung vor­geb­lich ver­deck­ter »links­extre­mis­ti­scher« Struk­tu­ren. Zudem soll der Ein­druck ent­ste­hen, Gewalt­ta­ten von Asylbewerber:innen und Mus­li­men wür­den grund­sätz­lich ver­harm­lost und unter den Tep­pich gekehrt, wäh­rend sie in Wahr­heit in die­ser Stadt das größte Sicher­heits­pro­blem dar­stell­ten. Dem­ge­gen­über möchte sich die AfD als Kämp­fe­rin gegen Kor­rup­tion und als Anwäl­tin der »öffent­li­chen Sicher­heit« inszenieren.

Ent­ge­gen ihrer eige­nen Insze­nie­rung hat sich die Ham­bur­ger AfD nicht damit her­vor­ge­tan, die Infor­ma­ti­ons­lage bezüg­lich Vor­fäl­len men­schen­feind­li­cher Gewalt zu ver­bes­sern. Wie wir in unse­rer Chro­nik her­vor­he­ben, waren es Ange­hö­rige ande­rer Oppo­si­ti­ons­frak­tio­nen (Links­par­tei und CDU), die maß­geb­lich dazu bei­getra­gen haben, der Ham­bur­ger Öffent­lich­keit ein bes­se­res Bild zu ver­schaf­fen. Und wäh­rend die AfD in ihrem Antrag zwar behaup­tet, sie unter­stütze den Kampf gegen jeg­li­che poli­tisch moti­vierte Gewalt, zei­gen die kon­kre­ten For­de­run­gen, dass sie die Erfas­sung von Gewalt­ta­ten der (extre­men) Rech­ten – inklu­sive des dort kul­ti­vier­ten Juden­hass – am liebs­ten ganz ein­stel­len will. Glei­ches gilt für Aus­stiegs­be­ra­tung aus der rech­ten Szene und wei­tere Ange­bote, ins­be­son­dere der Opferberatung.

Wir wider­spre­chen dem rechts­extre­men Ver­such, unsere Arbeit zu ver­ein­nah­men, aufs Schärfste. Die AfD ist unter der Kri­tik. Wir soli­da­ri­sie­ren uns mit allen in den Anträ­gen ange­grif­fe­nen Ver­ei­nen und Ein­rich­tun­gen, vor allem mit der Opfer­be­ra­tung empower sowie der Mel­de­stelle memo. Ihre Arbeit sollte aus­ge­baut, ver­bes­sert und zugäng­li­cher gemacht wer­den, nicht zusammengestrichen.

Redak­tion Untie­fen & Bag­rut e.V. Ham­burg, Januar 2025


[1] Laut der Web­site von memo befin­det sich die Hin­weis­stelle seit dem 1. Januar 2025 in Trä­ger­schaft der Lawaetz-Stiftung.

Chronik antisemitischer Vorfälle in Hamburg seit dem 7. Oktober 2023

Chronik antisemitischer Vorfälle in Hamburg seit dem 7. Oktober 2023

Seit dem Mas­sa­ker der Hamas am 07. Okto­ber 2023 gibt es auch in Ham­burg eine Welle anti­se­mi­ti­scher Vor­fälle. Wir haben gemein­sam mit dem Bil­dungs­ver­ein Bag­rut e.V. eine Chro­nik über das ver­gan­gene Jahr erstellt, um das Aus­maß und die For­men des Anti­se­mi­tis­mus sicht­bar zu machen.

Anti­se­mi­ti­sche Bil­der, Tags und Graf­fiti aus Ham­burg nach dem 07.10.2023. Bild: Untie­fen

Am 7.10.2023 ver­übte die isla­mis­ti­sche Ter­ror­or­ga­ni­sa­tion Hamas auf israe­li­schem Boden ein geno­zi­da­les, anti­se­mi­ti­sches und miso­gy­nes Mas­sa­ker. Die grau­same und wahl­lose Ermor­dung von 1.200 Men­schen, die Ver­ge­wal­ti­gung zahl­rei­cher Frauen und die Ent­füh­rung von 250 Per­so­nen bedeu­te­ten eine Zäsur selbst in der an gewalt­vol­len Ereig­nis­sen kaum armen Geschichte des Juden­has­ses. Die liba­ne­si­sche, vom Iran gesteu­erte Miliz His­bol­lah star­tete am 8.10.2023 in Soli­da­ri­tät mit der Hamas eine neue Angriffs­welle gegen Isra­els Nor­den; die Houthi-Milizen im Jemen schlos­sen sich mit ähn­li­chen Angriffs­ver­su­chen an. Die mili­tä­ri­sche Reak­tion der israe­li­schen Streit­kräfte dau­ert bis heute an. Die Kämpfe haben im Gaza­strei­fen bereits viele Tau­send zivile Opfer gefor­dert und große Teile der dor­ti­gen Infra­struk­tur zerstört.

Welt­weit, und auch in Ham­burg, for­mierte sich nach einer nur kur­zen Schock­starre eine Welle anti­se­mi­ti­scher und isra­el­feind­li­cher Gewalt in Wort und Tat – auf Wän­den, auf den Stra­ßen, in den Hör­sä­len, in den digi­ta­len Medien. Die Gewalt rich­tet sich gegen (ver­meint­li­che) Jüdin­nen und Juden, gegen (ver­meint­lich) jüdi­sche und israe­li­sche Ein­rich­tun­gen, gegen mit Israel soli­da­ri­sche oder auch ledig­lich anti­se­mi­tis­mus­kri­ti­sche Demons­trie­rende, Aktivist:innen oder Künstler:innen, Kul­tur­zen­tren, Clubs oder Bars und viele weitere.

Die Fol­gen für jüdi­sches Leben in Hamburg

Wel­che Fol­gen die­ses gewalt­tä­tige Klima für Jüdin­nen und Juden in Ham­burg hat, berich­tete uns ein­drück­lich Rebecca Vaneeva. Sie ist der­zeit Prä­si­den­tin des Ver­bands jüdi­scher Stu­die­ren­der Nord. Die Zunahme anti­se­mi­ti­scher Anfein­dun­gen führt ihr zu Folge unter den Mit­glie­dern ihres Ver­ban­des zu einem Rück­zug in die Anony­mi­tät. Jüdi­sche Iden­ti­tät wird ver­steckt. Im öffent­li­chen Auf­tre­ten zen­sie­ren Jüdin­nen und Juden sich zuneh­mend selbst, um keine Angriffs­flä­che zu bie­ten: »Beson­ders an den Hoch­schu­len war die stän­dige Prä­senz isra­el­feind­li­cher und anti­se­mi­ti­scher Pro­teste schwer erträg­lich«, so Vaneeva.

Beson­ders an den Hoch­schu­len war die stän­dige Prä­senz isra­el­feind­li­cher und anti­se­mi­ti­scher Pro­teste schwer erträglich

Gegen­über dem Zeit­raum vor dem 07. Okto­ber hat sich in ihrer Wahr­neh­mung die Lage »auf jeden Fall ver­schlim­mert«. Vaneeva kri­ti­siert gegen­über Untie­fen: »Jüdi­sche Stu­die­rende und unser Ver­band erfah­ren zwar ver­ein­zelt Soli­da­ri­tät, aber es gibt keine aktive Gegen­be­we­gung gegen Anti­se­mi­tis­mus.« Woran fehlt es aus ihrer Sicht kon­kret? »Es bräuchte Safe Spaces, Anlauf­stel­len, die kon­se­quente Mode­ra­tion von Online-Inhalten und auch straf­recht­li­che Kon­se­quen­zen für Terror-Propaganda. Würde das ähn­li­che enga­giert ver­folgt wie etwa die ras­sis­ti­schen Gesänge in dem berüch­tig­ten ›Sylt-Video‹, wäre schon viel gewon­nen«. Die Hoch­schu­len machen es sich ihrer Mei­nung nach etwa bei anti­se­mi­ti­schen und isra­el­feind­li­chen Ver­stal­tun­gen zu bequem. Terror-relativierende Semi­nare und Vor­träge, die unter dem Deck­man­tel von Hoch­schul­grup­pen nahezu anonym orga­ni­siert wer­den kön­nen, wer­den fast immer tole­riert, selbst wenn ein­schlä­gige Aktivist:innen betei­ligt sind.

Es gibt einen ver­brei­te­ten Selbst­be­trug über die Kom­ple­xi­tät des Phä­no­mens Antisemitismus.

Den Umgang mit den ver­schie­de­nen For­men von Anti­se­mi­tis­mus bezeich­net Rebecca Vaneeva ins­ge­samt als »selek­tiv«, denn: »Es gibt einen ver­brei­te­ten Selbst­be­trug über die Kom­ple­xi­tät des Phä­no­mens Anti­se­mi­tis­mus. Rechts­extre­mer Anti­se­mi­tis­mus wird zum Glück weit­ge­hend ver­ur­teilt. Es han­delt sich aber auch um ein mus­li­mi­sches und ein lin­kes Phä­no­men. Unsere Mit­glie­der berich­ten uns, dass sogar die Mehr­zahl der Anfein­dun­gen, die sie erle­ben, aus mus­li­mi­schen und lin­ken Milieus kommen«.

Wie ist die Daten­lage in Hamburg?

Die­ser »selek­tive Umgang« wird in Ham­burg auch dadurch gestützt, dass es, anders als in ande­ren Bun­des­län­dern, keine öffent­li­che Doku­men­ta­tion anti­se­mi­ti­scher Vor­fälle gibt. Abseits der v.a. durch Kleine Anfra­gen in der Ham­bur­gi­schen Bür­ger­schaft[1] ver­öf­fent­lich­ten Daten der Poli­zei, die auf zur Anzeige gebrach­ten Delik­ten von Hass­kri­mi­na­li­tät basie­ren, exis­tiert offen­bar keine sys­te­ma­ti­sche Samm­lung. Gegen­über dem Vor­jah­res­zeit­raum haben sich laut die­sen Daten die Fälle anti­se­mi­ti­scher Hass­kri­mi­na­li­tät im 4. Quar­tal 2023 ver­fünf­facht. Bun­des­weite Zah­len des Bun­des­kri­mi­nal­amts zur „poli­tisch moti­vier­ten Kri­mi­na­li­tät“ (PMK) und des Bun­des­ver­bands Recherche- und Infor­ma­ti­ons­stel­len Anti­se­mi­tis­mus (RIAS) wei­sen in die­selbe Richtung.

Das zivil­ge­sell­schaft­li­che Moni­to­ring betreibt in Ham­burg die 2021 gegrün­dete, öffent­lich geför­derte digi­tale Hinweis- und Mel­de­stelle memo. Sie ver­öf­fent­li­che aller­dings bis­lang die Fall­zah­len für rechte, ras­sis­tisch und anti­se­mi­tisch moti­vierte Angriffe nur zusam­men­ge­fasst. In einem im Som­mer 2024 vor­ge­leg­ten Bericht ver­öf­fent­lichte die Trä­ge­rin der Mel­de­stelle, die Bera­tungs­stelle empower, für 2023 genauere Zah­len und berich­tete 282 dort bekannt gewor­dene Fälle von Anti­se­mi­tis­mus in Ham­burg. Nach dem 7. Okto­ber ver­zeich­nete man auch hier einen star­ken Anstieg.

Aber: Alle ver­füg­ba­ren Daten deu­ten dar­auf hin, dass es ein gro­ßes Dun­kel­feld gibt. In einer eben­falls im Som­mer 2024 ver­öf­fent­lich­ten Stu­die der Aka­de­mien der Poli­zei Ham­burg und Nie­der­sach­sen gaben 77 % der befrag­ten Ham­bur­ger Jüdin­nen und Juden an, inner­halb des ver­gan­ge­nen Jah­res Anti­se­mi­tis­mus erfah­ren zu haben. Die Stu­die schätzt den Anteil unbe­kann­ter Fälle auf 80 %. Und: die Daten ver­ra­ten nichts über die kon­kre­ten Fälle. Wer sind die Täter, wer die Geschä­dig­ten? Wel­che Ideo­lo­gien ste­hen jeweils dahinter?

Eine öffent­li­che Chro­nik für das Jahr nach 07/10

Auf­grund die­ser offe­nen Fra­gen haben wir uns ent­schlos­sen, selbst eine Chro­nik anti­se­mi­ti­scher Vor­fälle in Ham­burg seit dem 7. Okto­ber 2023 anzu­le­gen. Damit wol­len wir einen Ein­druck vom Aus­maß und den ver­schie­de­nen For­men des Anti­se­mi­tis­mus in Ham­burg ver­mit­teln. Und Ent­glei­sun­gen in Erin­ne­rung hal­ten, die meist allzu schnell in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Wir haben dazu aus ver­schie­de­nen Quel­len eine Liste von der­zeit 187 anti­se­mi­ti­schen Vor­fäl­len für den Zeit­raum 7.10.2023 bis 7.10.2024 zusam­men­ge­stellt. Dar­un­ter sind Pres­se­be­richte, online doku­men­tierte Vor­fälle, per­sön­li­che Berichte aus der jüdi­schen Com­mu­nity und von ande­ren Betrof­fe­nen sowie die genann­ten, durch die Anfra­gen in der Bür­ger­schaft ver­öf­fent­lich­ten Quar­tals­zah­len zu Hass­kri­mi­na­li­tät. Diese Moment­auf­nahme für das Jahr nach dem 7. Okto­ber kann und will aber natür­lich nicht eine sys­te­ma­ti­sche Erhe­bung und ein ent­spre­chen­des insti­tu­tio­na­li­sier­tes Moni­to­ring erset­zen. Das bleibt notwendig.

Was wir erfasst haben – und was nicht

Bekannt­lich ist die Frage, was als anti­se­mi­tisch ein­zu­ord­nen ist, durch­aus umstrit­ten. Wir haben uns an der Arbeits­de­fi­ni­tion Anti­se­mi­tis­mus der Inter­na­tio­nal Holo­caust Remem­brance Alli­ance (IHRA) von 2019 sowie der Sys­te­ma­tik des Bun­des­ver­bands RIAS ori­en­tiert. Diese unter­schei­det „ver­let­zen­des Ver­hal­ten“, „Bedro­hung“, „Angriff“, „(extreme) Gewalt“, „(gezielte) Sach­be­schä­di­gung“ und „Mas­sen­zu­schrif­ten“. Das bedeu­tet, die Fälle rei­chen poten­zi­ell von ein­schlä­gi­gen Äuße­run­gen oder anti­se­mi­tisch moti­vier­ten Ver­an­stal­tun­gen bis hin zu kör­per­li­cher Gewalt.

Bei eini­gen Vor­fäl­len, die wir recher­chie­ren konn­ten, ist nicht ohne Wei­te­res zu klä­ren, ob sie nach der ver­wen­de­ten Sys­te­ma­tik anti­se­mi­tisch genannt wer­den kön­nen.[2] Meist des­halb, weil über den Kon­text und/ oder den kon­kre­ten Ablauf wenig bekannt ist. Wir haben daher nur Fälle auf­ge­nom­men, bei denen der anti­se­mi­ti­sche Gehalt bzw. eine ent­spre­chende Inten­tion deut­lich erkenn­bar ist. Um unse­rer Ver­fah­ren trans­pa­rent zu machen, haben wir in Anhang 1 (unter der Tabelle) drei Bei­spiele für Fälle, deren Kate­go­ri­sie­rung wir inten­si­ver dis­ku­tiert haben, zusam­men­ge­stellt und unsere Ent­schei­dung kurz skizziert.

Nicht auf­ge­nom­men haben wir etwa einige Fälle von – gleich­wohl ein­deu­ti­gem – Isra­el­hass. Das meint die Dämo­ni­sie­rung Isra­els, z.B. als »Apart­heid­staat« oder als »kolo­nial«, die durch­aus in der Pra­xis meist anti­se­mi­tisch, d.h. juden­feind­lich gemeint sein kann bzw. die prak­tisch oft eine sol­che Wir­kung hat. Ähn­lich sind wir mit eini­gen offen­sicht­lich fal­schen Dar­stel­lun­gen des 7. Okto­bers (etwa als bloße Ver­tei­di­gung, als Wider­stand o.Ä.) umge­gan­gen. Unser Haupt­au­gen­merk lag dar­auf, eine mög­lichst kon­sis­tente Liste zu erzeugen.

Das bedeu­tet auch: nicht nur gab es mit Sicher­heit in Ham­burg seit dem 7. Okto­ber 2023 mehr Fälle der Art, wie wir sie zusam­men­ge­tra­gen haben. Son­dern Anti­se­mi­tis­mus bedient sich im gegen­wär­ti­gen kul­tu­rel­len Klima noch wei­te­rer Sujets und Tech­ni­ken. Dass sie nicht immer ein­deu­tig als anti­se­mi­tisch erkenn­bar sind, ist dabei durch­aus beab­sich­tigt – und Teil des Pro­blems im Umgang mit dem Anti­se­mi­tis­mus. Er ist nach Ausch­witz in der BRD – noch – mit einem öffent­li­chen Tabu belegt und wird eher indi­rekt geäu­ßert. Die Kom­mu­ni­ka­tion auf Umwe­gen, in Codes, Schlag­wor­ten und auf Ein­ver­ständ­nis zie­len­den Andeu­tun­gen dient dazu, die­ses Tabu zu umge­hen. Kaum jemand bezeich­net sich selbst als Anti­se­mi­ten. Im Gegen­teil wird der Hin­weis auf anti­se­mi­ti­sche Gehalte und Wir­kun­gen in der Pra­xis allzu oft als „Anti­se­mi­tis­mus­vor­wurf“ abge­wehrt.[3]

Schluss­fol­ge­run­gen

Unsere Liste bestä­tigt die poli­ti­sche Ein­schät­zung Rebecca Vanee­vas: bei den von uns recher­chier­ten Fäl­len han­delt es sich, soweit erkenn­bar, viel­fach um selbst­er­klärt „pro-palästinensisch“, also natio­na­lis­tisch und/oder anti­im­pe­ria­lis­tisch gerecht­fer­tigte Taten. Der rechts­extreme Anti­se­mi­tis­mus mit posi­ti­vem Bezug auf den Natio­nal­so­zia­lis­mus oder als Rela­ti­vie­rung des Holo­causts sowie ein All­tags­an­ti­se­mi­tis­mus aus der „Mitte der Gesell­schaft“ (z.B. Juden seien „ganz anders als wir“) spie­len aller­dings nach wie vor eine nicht zu unter­schät­zende Rolle.

In der unten­ste­hen­den Tabelle haben wir nicht alle 187 Fälle auf­ge­nom­men, son­dern nur exem­pla­ri­sche, die die ver­schie­de­nen For­men des Anti­se­mi­tis­mus und ihre Gewich­tung in Ham­burg mög­lichst gut illus­trie­ren. Der voll­stän­dige Daten­satz kann auf Anfrage zugäng­lich gemacht werden.

Unsere Samm­lung für das Jahr nach dem 7. Okto­ber 2023 kann aus den genann­ten Grün­den kei­nen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit oder Reprä­sen­ta­ti­vi­tät erhe­ben. Die aller­meis­ten Vor­fälle wer­den nie gemel­det oder öffent­lich bekannt. Daher möch­ten wir Sie herz­lich bit­ten: Brin­gen Sie ent­spre­chende Fälle ggf. zur Anzeige und mel­den Sie sie in jedem Fall einer Mel­de­stelle wie dem Bun­des­ver­band RIAS. Falls Sie von wei­te­ren Vor­fäl­len im zurück­lie­gen­den Jahr in Ham­burg wis­sen, berich­ten Sie uns bitte davon. Wir wer­den die Chro­nik dann aktualisieren.

Ein gemein­sa­mes Pro­jekt von Untie­fen und dem Bil­dungs­ver­ein Bag­rut e.V., bear­bei­tet von Felix Breu­ning und Flo­rian Hessel.

Wann?Was?Wo?Quelle
10/8/2023Anti­se­mi­ti­scher Kom­men­tar auf der Instgram-Seite von Bag­rut e.V.: »Dann ver­pisst euch ein­fach aus deren Gebie­ten! Wieso müsst ihr wei­ter­hin sol­che kolo­nia­lis­ten [sic!] sein! Apart­heids Süd­afrika und Nazi Deutsch­land kön­nen von euch noch ne Menge ler­nen [wei­nen­des Emoji]«Otten­senInsta­gram
10/9/2023Über­griff auf isra­els­o­li­da­ri­sche Demons­tran­tin­nen »In Ham­burg sind nach einer Soli­da­ri­täts­kund­ge­bung für Israel zwei Teil­neh­me­rin­nen ange­grif­fen wor­den. […] Die bei­den 32 und 47 Jahre alten Frauen waren nach der Kund­ge­bung mit dem Abbau beschäf­tigt, als sie plötz­lich atta­ckiert wur­den. Zwei junge Män­ner grif­fen sie von hin­ten an, schlu­gen und tra­ten auf die Frauen ein. Dabei ris­sen sie ihnen auch eine Israel-Flagge aus der Hand und tram­pel­ten auf ihr herum.«Alt­stadtNDR
10/20/2023Anti­se­mi­ti­sche Flyer in St. Georg »Einige Men­schen ver­teil­ten dort [vor den gut besuch­ten Moscheen im Stadt­teil St. Georg] Flyer, auf denen die Angriffe Isra­els auf den Gaza-Streifen kri­ti­siert wur­den.« Dar­auf ver­wen­dete Aus­drü­cke sind u.a.: »Ver­bre­che­ri­sche Zio­nis­ten«, »Zio­nis­ten­ge­bilde«, »Geno­zid«. (Anm.: Der Begriff »Zio­nis­ten­ge­bilde« ruft das anti­se­mi­ti­sche Kli­schee auf, Juden wären nicht zum Auf­bau eines »nor­ma­len« Staa­tes fähig und/oder spricht dem Staat grund­sätz­lich das Exis­tenz­recht ab.)St. GeorgNDR
10/20/2023NDR-Moderator und Centralcongress-Betreiber Michel Abdol­lahi nutzt in IG-Video anti­se­mi­ti­sche Ste­reo­type, behaup­tet u.a., Israel wolle den Men­schen im Gaza-Streifen »bis zum letz­ten Bluts­trop­fen alles wegnehmen«. Alt­stadtX (Twit­ter)
10/23/2023Aus­schrei­tun­gen und Paro­len in Har­burg: »Am Mon­tag­abend hat es in Hamburg-Harburg Ran­dale von Jugend­li­chen und jun­gen Män­nern gege­ben. Vor Ort wur­den rechts­extreme und isra­el­feind­li­che Bot­schaf­ten ver­brei­tet. Nach Anga­ben der Poli­zei ver­sam­mel­ten sich ab 18 Uhr rund 40 Jugend­li­che und junge Män­ner am Har­bur­ger Ring. Bis 1 Uhr nachts sol­len sie dort für Unruhe gesorgt haben. Unter ande­rem spray­ten die Jugend­li­chen im Alter zwi­schen 13 und 21 Jah­ren isra­el­feind­li­che Paro­len und zün­de­ten offen­bar auch Böl­ler. Die Poli­zei spricht von poli­tisch moti­vier­ten Straf­ta­ten im Zusam­men­hang mit den Nahost-Konflikt. Vor Ort äußer­ten sich einige Jugend­li­che rechts­extrem und isra­el­feind­lich. Andere sag­ten, sie woll­ten ein Zei­chen dafür set­zen, dass sie auf der Seite von Paläs­tina stün­den und sich soli­da­risch zeigen.«Har­burgNDR
10/24/2023Pla­kat­zer­stö­rung an der Roten Flora: »Unbe­kannte [haben] das rie­sige Soli­da­ri­täts­pla­kat [für die Opfer des Mas­sa­kers am 7. Okto­ber] an der Flora-Fassade über­klebt, die Worte „Jüdin­nen“ und „Juden“ wur­den ent­fernt. Viele Betrach­ter sind empört.«Stern­schanzeMopo
10/27/2023Die orga­ni­sie­ren­den Grup­pen einer geplan­ten »Anti-Repressionsparty« im Cen­tro Sociale (u.a. das Offene Anti­fa­schis­ti­sche Tref­fen Ham­burg (OAT)), wol­len sich nicht von den mit­or­ga­ni­sie­ren­den »Young Struggle« distan­zie­ren, obwohl diese zuvor auf ihrer Web­site einen Arti­kel ver­öf­fent­licht haben, der das Mas­sa­ker vom 07. Okto­ber 2023 als »Gefäng­nis­aus­bruch des paläs­ti­nen­si­schen Vol­kes« ver­harm­lost und legi­ti­miert. Das Nutzer:innenplenum sagt dar­auf­hin die Ver­an­stal­tung ab.Stern­schanzeJungle World
10/28/2023Isla­mis­ti­sche Ver­samm­lung in St. Georg: »Etwa 500 Men­schen haben sich am Sonn­abend auf dem Stein­damm im Ham­bur­ger Stadt­teil St. Georg ver­sam­melt. Angeb­lich um für die Paläs­ti­nen­ser und Paläs­ti­nen­se­rin­nen im Gaza­strei­fen zu demons­trie­ren. Doch hin­ter dem gewalt­sa­men Pro­test steck­ten offen­bar radi­kale Isla­mis­ten. […] Die aus­schließ­lich männ­li­chen Demons­tran­ten hät­ten außer­dem dazu auf­ge­ru­fen, auch in Deutsch­land die Scha­ria, das isla­mi­sche Recht, ein­zu­füh­ren. Dar­über hin­aus sei die Rede davon gewe­sen, das Blut der Paläs­ti­nen­ser und Paläs­ti­nen­se­rin­nen in Gaza auch hier in Deutsch­land zu rächen.«St. GeorgNDR
11/1/2023Anruf in der KZ-Gedenkstätte Neu­en­gamme: »Anru­fer mel­det sich mit ›Adolf Hit­ler‹ und ver­stell­ter Stimme… ›Steht denn die Dusche noch?‹, auf Nach­frage Wiederholung«Neu­en­gammeMit­tei­lung Gedenkstätte
11/9/2023Ganz­sei­ti­ger Ein­trag “Free Pal­es­tine” im Besu­cher­buch der Gedenk­stätte Bul­len­hu­ser Damm (erin­nert an 20 jüdi­sche Kin­der und min­des­tens 28 Erwach­sene, die am 20. April 1945 im Kel­ler des Gebäu­des von SS-Männern ermor­det wurden)MitteZeug*in
11/11/2023Bom­ben­dro­hung gegen Jüdi­sches Bil­dungs­zen­trum (»Vor dem Jüdi­schen Bil­dungs­zen­trum an der Rothen­baum­chaus­see hat ein unbe­kann­ter Mann per App ein Taxi bestellt; über die Chat­funk­tion schickt er dem Fah­rer meh­rere Nach­rich­ten, behaup­tet unter ande­rem, er habe Spreng­stoff in der Syn­agoge Hohe Weide plat­ziert; er spricht von angeb­li­chen erfolg­ten Straf­ta­ten, droht Taten an. Der Taxi­fah­rer alar­miert die Poli­zei. Auf dem von der Poli­zei bewach­ten Gelände der Syn­agoge befin­det sich zu die­ser Zeit eine kleine Gruppe jüdi­scher Men­schen; sie ver­brin­gen nach Abendblatt-Informationen eine Stunde vol­ler Angst in einem Kel­ler, bis die Poli­zei Ent­war­nung gibt. […] Es hät­ten sich keine Hin­weise auf ›kon­krete Gefähr­dungs­si­tua­tio­nen‹ erge­ben, teilt die Poli­zei auf Anfrage mit. Gleich­wohl lau­fen straf­recht­li­che Ermitt­lun­gen, geführt von der Staats­schutz­ab­tei­lung des Landeskriminalamts.«Rother­baumAbend­blatt
11/21/2023Anti­se­mi­ti­sche, natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Schmie­re­rei (»NSDAP«) auf Pla­kat­wand, die über jüdi­sches Leben (»Ist Cha­nukka das jüdi­sche Weih­nach­ten?«) informiertAltonaX (Twit­ter)
11/26/2023Groß­flä­chig rote Farbe auf das Syn­ago­gen­mahn­mal und Geste­cke in Har­burg gesprühtHar­burgZeug*in
1/19/2024Rote-Hände Graf­fito in Kom­bi­na­tion mit einer Paläs­ti­na­flagge. (Die roten Hände bezie­hen sich posi­tiv auf einen Lynch­mord an israe­li­schen Sol­da­ten zu Beginn der Zwei­ten Inti­fada im Jahr 2000)St. PauliZeug*in
1/25/2024Paläs­ti­na­flagge mit Auf­schrift »Free Gaza from Wie­der­gut­ma­chung« (Der Slo­gan for­dert ein Ende der Auf­ar­bei­tung der NS-Vergangenheit und/ oder sug­ge­riert, diese würde im Dienste Isra­els bzw. gegen die Paläs­ti­nen­ser geschehen)Win­ter­hudeZEIT/Elbvertiefung News­let­ter
1/25/2024Key­note der antizionistisch-antisemitischen Kli­ma­ak­ti­vis­tin Zamzam Ibra­him im Rah­men der Klima-Tagung »How Low Can We Go« auf Kamp­na­gel. Ibra­him unter­stützte zuvor bekann­ter­ma­ßen die anti­se­mi­ti­sche BDS-Kampagne gegen Israel, setzte Israel mit dem NS gleich und legi­ti­mierte öffent­lich den Ter­ror von Hamas und Huthi-Rebellen. Sie trat u.a. im ira­ni­schen Staats­fern­se­hen auf.Win­ter­hudeBericht Untie­fen
1/25/2024Gegen­de­mons­tra­tion zu einer isra­els­o­li­da­ri­schen Demons­tra­tion vor Kamp­na­gel, skan­diert wird laut der ZEIT u.a. »Free Pal­es­tine from Wiedergutmachung«Win­ter­hudeBericht Untie­fen, ZEIT Newsletter
1/28/2024»Der Ver­ur­teil­ten wurde vor­ge­wor­fen, am 28. Januar 2024 im Valen­tins­kamp einer pro-israelischen Ver­samm­lungs­teil­neh­me­rin u.a. eine mit­ge­führte Israel-Flagge ent­ris­sen zu haben. Im Straf­be­fehls­wege wurde sie zu einer Geld­strafe von 30 Tages­sät­zen wegen Nöti­gung verurteilt.«Neu­stadtMit­tei­lung Staatsanwaltschaft
1/31/2024Im Rah­men einer Podi­ums­dis­kus­sion in den Bücher­hal­len tritt ein Stö­rer auf, belei­digt nach Auf­for­de­run­gen, den Raum zu ver­las­sen, die jüdi­schen Dis­ku­tan­tin­nen als »Nazis« und pro­kla­miert, er lasse sich von ihnen »nicht ins KZ sper­ren«. Ein phy­si­scher Über­griff kann vom Mode­ra­tor ver­hin­dert werden.St. GeorgZeug*in
2/4/2024Paro­len an einem Pri­vat­haus: »We stand with Pal­es­tine – Geno­cide apo­lo­gists – zio­nists + other racists not wel­come«; nach Mit­tei­lung zuvor bereits ange­bracht: »Isra­els Staats­rä­son: Völkermord!«Lok­stedtZeug*in
2/8/2024Stö­rung der Jah­res­aus­stel­lungs­er­öff­nung der HfbK und Mord­dro­hung gegen Besu­cher: »HFBK-Präsident Mar­tin Köt­te­ring hatte gerade mit sei­ner Eröff­nungs­rede begon­nen, als plötz­lich Flug­blät­ter durch die Ein­gangs­halle flo­gen und eine Gruppe von circa zehn Men­schen ›Free Pal­es­tine‹ (deutsch: Befreit Paläs­tina) skan­dierte. Als jener Besu­cher sich dar­auf­hin ent­schied, die Ver­an­stal­tung zu ver­las­sen, und beim Hin­aus­ge­hen mit den Wor­ten ›from the Hamas Mur­ders‹ (deutsch: von den Hamas-Mördern) auf die Rufe reagierte, wurde er von einem der Anwe­sen­den mit dem Tod bedroht. Der Unbe­kannte hatte auf die Aus­sage des Besu­chers mit der Dro­hung ›I will fol­low and kill you‹ (Ich werde dich ver­fol­gen und töten) reagiert und sein Opfer damit erreicht.«Barmbek-SüdAbend­blatt
2/9/2024Ver­let­zung eines Stu­die­ren­den an der Uni Ham­burg: »Ein jüdi­scher Stu­die­ren­der der Uni­ver­si­tät Ham­burg [wurde] bei einem Hand­ge­menge an der Hand ver­letzt. […] Nach Infor­ma­tio­nen des Abend­blatts kam es zu dem Hand­ge­menge wegen pro-palästinensischer Flug­blät­ter, die in der Mensa ver­teilt wor­den waren. Der jüdi­sche Stu­die­rende sam­melte diese ein, der Flug­blatt­ver­tei­ler kon­fron­tierte ihn; es kam zum Streit, dann zum Geran­gel – bei die­sem Hand­ge­menge wurde der Stu­die­rende an der Hand ver­letzt.« Der Betrof­fene wurde zudem als »Zio­nist« beschimpft.Rother­baumAbend­blatt; Zeug*in
2/19/2024Heil Hitler‹-Schmiererei an Wand der Haupt­aus­stel­lung der KZ-Gedenkstätte NeuengammeNeu­en­gammeMit­tei­lung Gedenkstätte
3/2/2024Belei­di­gung auf der Mön­cke­berg­straße: »Dem Ver­ur­teil­ten wurde vor­ge­wor­fen, am 2. März 2024 auf der Mön­cke­berg­straße die Teil­neh­mer einer Mahn­wa­che für Israel u.a. als „Scheiß Juden“ beschimpft zu haben. Er wurde des­halb wegen Volks­ver­het­zung und Belei­di­gung zu einer Geld­strafe von 120 Tages­sät­zen verurteilt.«Alt­stadtMit­tei­lung Staatsanwaltschaft
4/10/2024Trans­pa­rent auf einer pro-palästinensischen Demons­tra­tion: »Free Gaza from Wiedergutmachung«Zeug*in;
4/15/2024Anti­se­mi­ti­scher und isra­el­feind­li­cher Shit­s­torm gegen den Ver­an­stal­ter des unab­hän­gi­gen Musik­fes­ti­vals »Booze Cruise«St. PauliJungle World
4/27/2024Isla­mis­ti­sche Demo der Gruppe Mus­lim Inter­ak­tiv (Tarn­or­ga­ni­sa­tion der ver­bo­te­nen Hizb ut-Tahrir) am Stein­damm, u.a. For­de­rung nach einem Kali­fat in Deutschland.St. GeorgZeug*in
4/28/2024Zahl­rei­che Pla­kate der Par­tei DIE GRÜNEN mit »Zio­nis­mus = Faschis­mus« beschmiertEims­büt­telZeug*in
5/2/2024Aktivist*in »Heal d Wrld« filmt als Insta­gram Reel in einem Edeka im Grin­del­vier­tel »Hass-Avocados« mit der Her­kunft Israel. Das Preis­schild ist mit »Isra­Hell« beschmiert und mit einem »Fuck Zionism«-Sticker beklebt.Rother­baumHam­bur­ger Initia­tive gegen Antisemitismus
5/3/2024Graf­fito rotes Ziel­drei­eck (Hamas-Propaganda) und Parole »All Eyes on Gaza«St. PauliInsta­gram
5/6/2024Ein­rich­tung eines »Protest-Camps« auf der Moor­weide (Nähe Uni­ver­si­tät) unter Betei­li­gung der palästinensisch-nationalistischen Gruppe »Thawra«. Aus dem Camp gehen bis Sep­tem­ber 2024 ver­schie­dene anti­se­mi­ti­sche Aktio­nen her­vor (siehe u.a. Ein­trag »Tät­li­cher Angriff…« am 08.05.2024). Das rote Drei­eck der Hamas-Propaganda ist immer wie­der am Camp und im Umfeld zu sehen.Rother­baumZEIT; taz; Bürgerschafts-Drucksache 22/15817
7/5/2024Sti­cker mit dem Motiv eines Pan­zers: »Wider­stand ist Leben. Pan­zer für Palestina.«MitteZeug*in
5/7/2024Graf­fito der geno­zi­da­len Parole »From the River to the Sea«Rother­baumInsta­gram
5/8/2024Tät­li­cher Angriff auf ein Vor­stands­mit­glied der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft nach einer Ver­an­stal­tung zu Anti­se­mi­tis­mus an der Uni­ver­si­tät Ham­burg; laut Pres­se­be­rich­ten ist eine Täte­rin Mit­an­mel­de­rin des „Protest-Camps“Rother­baumZEIT
5/8/2024Auf einer Kund­ge­bung des lin­ken »Bünd­nis 8. Mai« auf dem Rat­haus­markt wird eine Teil­neh­me­rin, die ein Pla­kat hoch­hält (»Bring them home now«) von Men­schen aus dem »Jugend­block« (bei dem auch »Young Struggle« mit­läuft) ange­grif­fen. Ihr Pla­kat wird ihr aus den Hän­den geris­sen. Auch ein Anti­fa­schist, der zu ver­mit­teln ver­sucht, wird bei­seite gedrängt. Die Kund­ge­bungs­lei­tung bedau­ert den Zwischenfall.Alt­stadtZeug*in
5/11/2024Isla­mis­ti­sche Demo der Gruppe Mus­lim Inter­ak­tiv (Tarn­or­ga­ni­sa­tion der ver­bo­te­nen Hizb ut-Tahrir) am Stein­damm, u.a. For­de­rung nach einem Kali­fat im Nahen Osten (ca. 2300 Teilnehmer)St. GeorgHaga­lil
5/13/2024Auf das Graf­fito einer paläs­ti­nen­si­schen Fahne wurde »Isla­mic Jihad muss sein« geschmiertRother­baumInsta­gram
5/14/2024Aktion vor dem auto­no­men, besetz­ten Zen­trum Rote Flora, gestreamt und bewor­ben von pro-russischen, pro-islamistischen Medi­en­ka­nä­len (Red­Stream; Salah Said). Legi­ti­miert wird die Aktion mit einer grund­sätz­li­chen Ableh­nung der Anti­se­mi­tis­mus­kri­tik, die von der Roten Flora zu ver­schie­de­nen Anläs­sen for­mu­liert wurde. Diese wird als »anti­deutsch« diffamiert.Stern­schanzetaz
5/14/2024Pla­kat im »Protest-Camp« Moor­weide (»Zio­nism is Racism is Fascism«)Rother­baumZEIT/Elbvertiefung News­let­ter
5/14/2024Auf­kle­ber zur Erin­ne­rung an israe­li­sche Gei­sel mit »Israel Ter­ror« beschmiertMitteInsta­gram
5/15/2024»Nakba«-Demonstration unter Betei­li­gung der palästinensisch-nationalistischen Gruppe Thawra. Laut ZEIT blei­ben bei den Reden »die Opfer des Ter­ror­an­schlags vom 7. Okto­ber uner­wähnt. Auf der Bühne ist immer wie­der von ›Besat­zung, Kolo­nia­li­sie­rung und Geno­zid‹ die Rede. Ein­mal wird Israel als ›geno­zi­da­ler Staat‹ bezeichnet.«St. GeorgZEIT
5/15/2024Anti­se­mi­ti­sche Paro­len auf dem Cam­pus der Hoch­schule für ange­wandte Wis­sen­schaf­ten (HAW). Die Pres­se­stelle der Uni­ver­si­tät schreibt: »Heute Mor­gen waren sie auf dem Cam­pus am Ber­li­ner Tor zu lesen: Mit Sprüh­farbe an den Mau­ern hin­ter­las­sene Paro­len zum Krieg in Gaza mit anti­se­mi­ti­schem Hin­ter­grund. Die Sach­be­schä­di­gung wurde zur Anzeige gebracht, die Paro­len doku­men­tiert, nun wer­den sie ent­fernt bzw. überstrichen.«St. GeorgHAW
5/18/2024Auf­kle­ber mit rotem Drei­eck angebrachtMitteInsta­gram
5/18/2024Anti­se­mi­ti­sche Tafel des Künst­ler­kol­lek­tivs »New Red Order« in der Aus­stel­lung »SURVIVAL IN THE 21ST CENTURY« in den Deich­tor­hal­len. Bericht des NDR: »Auf einer Tafel neben dem eigent­li­chen Kunst­werk wird Israel die allei­nige Schuld am Nahost-Konflikt gege­ben und mit Nazi-Deutschland in eine Reihe gestellt. […] es ist nichts ande­res als eine anti­se­mi­ti­sche Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung, die da in der Aus­stel­lung hängt. Der Mas­sen­mord an den Indi­ge­nen in den USA, die Shoa in Nazi­deutsch­land und die israe­li­sche Poli­tik von heute seien struk­tu­rell alles das­selbe. Israel trage allein die Ver­ant­wor­tung für den Nah­ost­kon­flikt. Vom Hamas-Terror kein Wort. Von den ira­ni­schen Aus­lö­schungs­fan­ta­sien keine Silbe.«Alt­stadtNDR
5/19/2024Anti­se­mi­ti­sches und isra­el­feind­li­ches Pla­kat in Plan­ten un Blo­men (»Zio­nis­mus = Kolo­nia­lis­mus, Ras­sis­mus, Terrorismus.«)MitteInsta­gram
5/20/2024Anti­se­mi­ti­sches und isra­el­feind­li­ches Pla­kat am Kul­tur­zen­trum B5 (»Isra­els Geno­zid, 83% der Grund­was­ser­brun­nen […] zerstört.«)St. PauliInsta­gram
5/24/2024Pro-Palästina Akti­vis­ten und Akti­vis­tin­nen hat­ten im Gebäude der Hoch­schule für bil­dende Künste (HfbK) anti­se­mi­ti­sche Graf­fi­tis und Pla­kate ange­bracht. Die Hoch­schule hat diese entfernt.Barmbek-SüdNDR/Meldung Ham­burg Journal
5/27/2024Kund­ge­bung Thawra unter dem Motto »Israel sofort ent­waff­nen« bzw. »Boy­kot­tiert Israel«St. GeorgHam­bur­ger Initia­tive gegen Antisemitismus
5/28/2024Insta­gram Story der Gruppe Thawra aus dem »Protest-Camp«, mit Auf­kle­ber »Free Gaza from Ger­man Antifa!«Rother­baumHam­bur­ger Initia­tive gegen Antisemitismus
5/30/2024Auf Insta­gram fil­men sich Aktivist*innen von Thawra, wie sie im Auto über die Grin­del­al­lee fah­ren, aus den Sei­ten­fens­tern hal­ten sie eine paläs­ti­nen­si­sche Fahne, aus dem Auto­ra­dio tönt der Song »Free Pal­es­tine« vom Inter­pre­ten SEB!, in dem das Ende Isra­els her­bei­ge­sehnt wird. Rother­baumHam­bur­ger Initia­tive gegen Antisemitismus
5/30/2024Holo­caust­leug­nung an der Uni­ver­si­tät Ham­burg: »Ein Mann soll auf dem Cam­pus der Uni­ver­si­tät Ham­burg volks­ver­het­zende Äuße­run­gen gemacht haben. Was bekannt ist. Im Inter­net kur­siert ein Video des Vor­falls. Dar­auf ist zu hören, wie der Mann die Frage, ob er den Holo­caust leugne, bejaht. In einer ande­ren Auf­nahme sagt er, Adolf Hit­ler habe ver­sucht, Juden zu schüt­zen. Laut Pres­se­stelle der Poli­zei ermit­telt das Lan­des­kri­mi­nal­amt gegen ihn. Der Vor­fall soll sich gegen Mit­tag vor dem Audi­max der Uni­ver­si­tät ereig­net haben. Auf Fotos von Stu­die­ren­den ist zu sehen, wie der 43-Jährige mit drei Flag­gen vor dem Gebäude steht: mit einer Isra­el­flagge, einer Reichs­flagge mit David­stern und einer Fahne, auf der ein Eiser­nes Kreuz abge­bil­det ist. Eine Gruppe von Stu­die­ren­den soll den mut­maß­li­chen Holo­caust­leug­ner ange­spro­chen haben, dabei sei auch das Video ent­stan­den, erklärt die Gruppe Stu­dents for Pal­es­tine Ham­burg, die die Auf­nah­men online ver­brei­tet hat. Laut einer Pres­se­spre­che­rin der Poli­zei wurde der Mann von Stu­die­ren­den angezeigt.«Rother­baumEims­büt­te­ler Nachrichten
6/2/2024Ehren­amt­li­cher Guide der Stif­tung His­to­ri­sche Gedenk­stät­ten und Lern­orte berich­tet von anti­se­mi­ti­schen Äuße­run­gen einer Besu­che­rin in der Gedenk­stätte FuhlsbüttelFuhls­büt­telMit­tei­lung Gedenkstätte
6/3/2024Trans­pa­rente mit roten Ziel­drei­ecken (der Hamas-Propaganda) sowie »Yal­lah Inti­fada« am »Protest-Camp« MoorweideRother­baumInsta­gram
6/6/2024Michel Abdol­lahi sug­ge­riert als Mode­ra­tor auf einer auf Kampnagel-Veranstaltung zu »Can­celn und Boy­kott« eine pro­is­rae­li­sche Lobby in Deutsch­land, die eine mccar­thy­is­ti­sche Dis­kurs­ver­en­gung betreibe. Raunt ver­schwö­rungs­ideo­lo­gisch, dass Thea­ter­ma­cher im Fokus einer »poli­ti­schen Kam­pa­gne« stün­den »weil bestimmte Insti­tu­tio­nen Sorge haben, dass hier etwas apas­siert, was ihnen nicht passt«. Jeder Pro­test dage­gen würde als anti­se­mi­tisch dif­fa­miert etc. Die isra­els­o­li­da­ri­sche Kund­ge­bung gegen Zamzam Ibra­him vom 25.01.2024 auf Kamp­na­gel bezeich­net er als »Neo­na­zis in Israelfahnen«.Win­ter­hudeZeug*in
6/8/2024Thawra Akti­vist »einfach_tarik« mar­kiert Olaf Scholz in Insta­gram Story mit rotem Drei­eck; schreit ihm »Kin­der­mör­der« zuonlineHam­bur­ger Initia­tive gegen Antisemitismus
6/9/2024Insta­gram Story von Students4palestinehh doku­men­tiert »Zio­nism = Racism« Graf­fiti an der UHH GebäudeRother­baumHam­bur­ger Initia­tive gegen Antisemitismus
6/13/2024Sti­cker zur Erin­ne­rung an die Gei­seln in Gaza wurde mit Sti­cker »Jüdi­sche Stimme – Juden gegen Geno­zid« überklebtMitteHam­bur­ger Initia­tive gegen Antisemitismus
6/26/2024Unan­ge­mel­dete Demons­tra­tion gegen­über dem Ein­gang Ost­flü­gel Haupt­ge­bäude UHH gegen die dort statt­fin­dende Ver­an­stal­tung zu »Anti­se­mi­tis­mus & Kampf gegen Anti­se­mi­tis­mus aus jüdi­scher Per­spek­tive«. Teil­neh­mende rufen laut­stark Paro­len, u.a. »Unsere Kin­der, Frauen, Män­ner wol­len leben – Uni Ham­burg ist dage­gen« und »Gegen Zio­nis­mus – gegen Faschismus«.Rother­baumZeug*in
6/26/2024Stö­run­gen der Ver­an­stal­tung »Anti­se­mi­tis­mus & Kampf gegen Anti­se­mi­tis­mus aus jüdi­scher Per­spek­tive«: »Offen­bar hat­ten sich im Hör­saal meh­rere Akti­vis­ten ver­teilt. Bei sich tru­gen sie kleine Laut­spre­cher­bo­xen, aus denen sie dann – einer nach dem ande­ren – etwas abspiel­ten. Ob es sich dabei um Paro­len han­delte, sei kaum zu ver­ste­hen gewe­sen, erzählt die schon erwähnte Besu­che­rin, die eben­falls anonym blei­ben möchte. ›Es war in ers­ter Linie laut und plär­rend.‹ Immer wie­der habe die Ver­an­stal­tung unter­bro­chen wer­den müs­sen. Die von der Uni­ver­si­tät enga­gier­ten Sicher­heits­leute hät­ten einen Stö­ren­den nach dem ande­ren aus dem Saal geführt. Dann sei etwas gesche­hen, das für einen ›Schreck­mo­ment‹ im Publi­kum gesorgt habe: In den Rei­hen seien zwei Män­ner mit Paläs­ti­nen­ser­tü­chern auf­ge­stan­den und lang­sam nach vorne gegan­gen. Dort hät­ten sie sich in der ers­ten Reihe neben einem wei­te­ren Akti­vis­ten nie­der­ge­las­sen – direkt vor dem Red­ner­pult. Einige im Publi­kum hät­ten geru­fen: ›Jenny, pass auf!‹ Es sei eine ganz offen­sicht­li­che Droh­ge­bärde gewe­sen, so die erwähnte Besu­che­rin gegen­über dem Abendblatt.«
Die Sicher­heits­leute hät­ten sich dann nahe bei den drei Män­nern pos­tiert. Diese seien sit­zen geblie­ben. Die sich an den Vor­trag anschlie­ßende Gesprächs­runde habe einer der Män­ner mit Zwi­schen­ru­fen gestört. Als die Ver­an­stal­tung endete, seien einige Besu­cher gebe­ten wor­den, den Saal über einen Sei­ten­ein­gang zu ver­las­sen.« (Abend­blatt)
Rother­baumAbend­blatt
6/26/2024Einer Per­son, die ein T‑Shirt mit hebräi­scher Auf­schrift trägt, wird am Damm­tor­bahn­hof von einem Mann mehr­mals der Hit­ler­gruss gezeigt.Rother­baumBetrof­fe­ner
6/28/2024Pla­kate zur Erin­ne­rung an Hamas Gei­seln wur­den abge­ris­sen und beschädigtOtten­senZeug*in
7/1/2024Auf­kle­ber »Bring them home to Europe! Deco­lo­nize Pal­es­tine« (auf rotem Dreieck)Eims­büt­telInsta­gram
7/3/2024Demons­tra­tion Haupt­ein­gang Uni­ver­si­tät, nähe Vor­le­sungs­reihe zu JudenfeindschaftRother­baumZeug*in
7/8/2024Rotes Drei­eck auf dem »Thawra Kalen­der« (Insta­gram)Rother­baumInsta­gram
7/10/2024Demons­tra­tion Haupt­ein­gang Uni­ver­si­tät, nähe Vor­le­sungs­reihe zu Juden­feind­schaft; ca. 150 Per­so­nen; Paro­len u.a. »Gegen den Faschis­mus! Gegen Anti­se­mi­tis­mus! Gegen Zionismus!«Rother­baumZeug*in
7/15/2024Angriff, anti­se­mi­ti­sche Belei­di­gung: »Die 56 Jahre alte Fuß­gän­ge­rin hatte sich über die Rad­fah­re­rin, die auf dem Geh­weg fuhr, geär­gert und sie ange­spro­chen. Der Poli­zei sagte sie spä­ter, die Rad­fah­re­rin habe sie dar­auf­hin zunächst anti­se­mi­tisch belei­digt. Und dann nach ihrer mar­kan­ten Hals­kette gegrif­fen und sie gewürgt. Die Rad­fah­re­rin soll auch noch auf die bereits am Boden lie­gende Fuß­gän­ge­rin ein­ge­tre­ten haben.« (NDR)Bah­ren­feldNDR
7/17/2024Demons­tra­tion von Thawra von der Roten Flora nach Altona; auf Trans­pa­ren­ten steht u.a.: »Inti­fada Gene­ra­tion«, »Das ein­zig rote an der Flora ist das Blut an ihren Händen«.Stern­schanzeInsta­gram; Abend­blatt; Zeug*innen
7/17/2024Eine Kund­ge­bung gegen die zuvor genannte Demo (Rote Flora nach Altona) wird atta­ckiert. Ein Mann ver­sucht, eine Israel Fahne zu erobern, stürzt sich zwi­schen die TN der Kund­ge­bung und ver­letzt TN. Er wird von der Poli­zei, die die Kund­ge­bung absi­chert, festgenommen.Stern­schanzeZeug*in
7/26/2024Graf­fiti »Free Gaza« und Ham­mer und Sichel an einem von ortho­do­xen Juden bewohn­ten HausEims­büt­telInsta­gram; Aus­kunft Zeug*in
7/26/2024Schmie­re­rei an der Mei­nungs­wand der Haupt­aus­stel­lung der KZ-Gedenkstätte Neu­en­gamme: »Man muss wohl die Öfen wie­der anschmeißen«Neu­en­gammeMit­tei­lung Gedenkstätte
8/3/2024Auf­tritt der u.a. anti­se­mi­ti­schen, ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen Deutsch-Rap-Crew »Rap­bel­li­ons« in BramfeldBramfeldInsta­gram
9/19/2024In einem Auf­ruf von »ahrar.de« (Insta­gram) zu einer Demons­tra­tion am 5. Okto­ber wird das Mas­sa­ker vom 7. Okto­ber rela­ti­viert und gerecht­fer­tigt, Israel dämo­ni­siert, die Zer­stö­rung Isra­els gefor­dert (»Wir wer­den nicht auf­hö­ren, wir wer­den nicht ruhen, bis jeder Zen­ti­me­ter Paläs­ti­nas frei ist.« Alt­stadtInsta­gram
10/5/2024Palästinensisch-nationalistische »Mas­sen­de­mons­tra­tion« nach Auf­ruf von »ahrar.de« (siehe Ein­trag 19.09.2024); u.a. Pla­kat »Deut­sche Staats­rä­son: Paläs­ti­nen­ser und Liba­ne­sen müs­sen heute für die deut­schen Ver­bre­chen von damals büßen. WARUM???«Alt­stadtZeug*in
10/5/2024Wäh­rend der palästinensisch-nationalistischen »Mas­sen­de­mons­tra­tion« ver­su­chen ca. 20 junge Män­ner zur »Mahn­wa­che für Israel« durch­zu­bre­chen, wird von der Poli­zei ver­hin­dert, Ord­ner grei­fen einAlt­stadtZeug*in
10/5/2024Im Umfeld der palästinensisch-nationalistischen »Mas­sen­de­mons­tra­tion« wer­den Sti­cker mit dem David­stern in den ein rotes Drei­eck inte­griert ist und der Auf­schrift »Libe­rate Juda­ism from Zionism»gefundenAlt­stadtInsta­gram

AnhangErläu­te­run­gen

Bei­spiel 1: 

18.10.2023Am Mitt­woch sind in der Ham­bur­ger Innen­stadt erneut pro-palästinensische Demons­trie­rende auf die Straße gegan­gen. Unter­des­sen wurde das Ver­bot sol­cher Kund­ge­bun­gen bis Sonn­tag ver­län­gert. Auf dem Jung­fern­stieg hat­ten zunächst etwa 20 Men­schen gegen die Angriffe Isra­els pro­tes­tiert – unter ande­rem mit Papp­pla­ka­ten auf denen eine Was­ser­me­lone zu sehen war, das alt­be­kannte Zei­chen der Palästina-Proteste. Vier junge Män­ner wur­den von der Poli­zei in Gewahr­sam genom­men, wie NDR 90,3 berich­tete. Laut Augen­zeu­gen sol­len sie zwei Palästina-Flaggen mit dem Abbild des ira­ki­schen Dik­ta­tors Sad­dam Hus­sein gezeigt haben.« Alt­stadtNDR

In die­sem Fall ste­hen uns keine aus­rei­chen­den Infor­ma­tio­nen für eine Kate­go­ri­sie­rung zur Ver­fü­gung. Es ist aller Erfah­rung nach wahr­schein­lich, dass es im Rah­men die­ser sog. pro-palästinensischen Kund­ge­bung zu die­sem Zeit­punkt zu Israel dämo­ni­sie­ren­den, anti­se­mi­ti­schen Aus­sa­gen kam; das Zei­gen eines Bilds des ehe­ma­li­gen ira­ki­schen Dik­ta­tors Sad­dam Hus­sein, der 1991 im Rah­men des zwei­ten Golf­kriegs Rake­ten auf Israel – das keine Kriegs­par­tei dar­stellte – abfeu­ern ließ, kann so inter­pre­tiert wer­den. Kund­ge­bun­gen stel­len ein demo­kra­ti­sches Grund­recht dar. Wir fol­gen der Sys­te­ma­tik der Recher­che und Infor­ma­ti­ons­stel­len Anti­se­mi­tis­mus (RIAS) und ord­nen ent­spre­chende Ver­samm­lun­gen nur als anti­se­mi­ti­sche Ver­samm­lun­gen ein, wenn „in Reden, Paro­len, auf mit­ge­führ­ten Trans­pa­ren­ten oder in Auf­ru­fen anti­se­mi­ti­sche Inhalte fest­ge­stellt“ wer­den. In die­sem Fall „wird die gesamte Ver­samm­lung als ein anti­se­mi­ti­scher Vor­fall vom Typ ver­letz­ten­des Ver­hal­ten regis­triert. Ereig­nen sich bei oder am Rande einer sol­chen Ver­samm­lung Angriffe oder Bedro­hun­gen, so wer­den diese jeweils als zusätz­li­che anti­se­mi­ti­sche Vor­fälle
doku­men­tiert.“ (RIAS 2024

Bei­spiel 2: 

20.10.2023Isra­el­feind­li­che, ter­ror­re­la­ti­vie­rende Aus­sage gegen­über NDR Kame­ra­team: »Israel hat zuerst Paläs­tina ange­grif­fen und Paläs­tina hat sich ver­tei­digt, mei­ner Mei­nung nach.»St. GeorgNDR

Die­ser Fall wurde von uns nicht als anti­se­mi­tisch kate­go­ri­siert. Die im Inter­view mit dem NDR getä­tigte Aus­sage kann plau­si­bel als Recht­fer­ti­gung anti­jü­di­scher Aggres­sion und des Mas­sa­kers vom 7. Okto­ber inter­pre­tiert wer­den. Aller­dings ste­hen uns nicht genü­gend Infor­ma­tio­nen (ins­be­son­dere zum Gesprächs­ver­lauf und ‑kon­text) zur Ver­fü­gung, die eine seriöse Ent­schei­dung absi­chern wür­den. In der eth­no­zen­tris­ti­schen Wahr­neh­mung zweier homo­ge­ner Kol­lek­tive („Israel hat…“, „Paläs­tina hat…“) liegt eine Logik abso­lu­ter Feind­be­stim­mung, die auch ein Ele­ment des Anti­se­mi­tis­mus darstellt. 

Bei­spiel 3: 

26.07.2024Graf­fiti »Free Gaza« und Ham­mer und Sichel an einem von ortho­do­xen Juden bewohn­ten HausEims­büt­telZeug*in

Die­ser Fall wurde als anti­se­mi­tisch ein­ge­ord­net. Es han­delt sich um eine (gezielte) Sach­be­schä­di­gung, d.h. „die Beschä­di­gung oder das Beschmie­ren jüdi­schen Eigen­tums“ (RIAS 2024). Obwohl der Gehalt der Schmie­re­reien selbst nicht anti­se­mi­tisch ist, wer­den hier prak­tisch deut­sche Bürger:innen jüdi­schen Glau­bens für ein (ver­meint­li­ches) Han­deln des israe­li­schen Staats ver­ant­wort­lich gemacht. Auch die­ser Vor­fall illus­triert exem­pla­risch, wie Anti­se­mi­tis­mus als ein kul­tu­rel­les Klima von Bedro­hung und Aus­schluss von Jüd:innen in Deutsch­land sowie der Recht­fer­ti­gung anti­jü­di­scher Aggres­sion wirkt. 


[1] Stell­ver­tre­tend für alle enga­gier­ten Parlamentarier:innen sei hier die Arbeit von Cansu Özd­emir und Deniz Celik (beide Mit­glie­der der Bür­ger­schafts­frak­tion der Links­par­tei) her­vor­ge­ho­ben, die durch ihre regel­mä­ßi­gen Klei­nen Anfra­gen dabei hel­fen, die not­wen­dige Trans­pa­renz und Öffent­lich­keit im Bereich Hass­kri­mi­na­li­tät herzustellen.

[2] Nach Mit­tei­lung der Pres­se­stelle der Staats­an­walt­schaft Ham­burg arbei­tet die Zen­tral­stelle Staats­schutz mit der Arbeits­de­fi­ni­tion Anti­se­mi­tis­mus der IHRA; ent­spre­chende Bewer­tun­gen könn­ten sich aller­dings im Laufe von Ermitt­lun­gen und Ver­fah­ren ändern.

[3] In die­sem Zusam­men­hang wei­sen wir noch­mals auf den an die­ser Stelle vor eini­gen Wochen erschie­ne­nen Text „Klima der Juden­feind­schaft“ zum Anti­se­mi­tis­mus in Ham­burg von Flo­rian Hes­sel hin; die dort skiz­zier­ten Über­le­gun­gen Begriffe und Ana­ly­sen for­mu­lie­ren einige der Grund­la­gen und Grund­an­nah­men des vor­lie­gen­den Chronik­pro­jekts aus und geben wei­tere Literaturhinweise.

Kein Schlussstrich

Kein Schlussstrich

Das Logis­tik­un­ter­neh­men Kühne+Nagel hat sich im NS erheb­lich an jüdi­schem Eigen­tum berei­chert. Vor zwei Jah­ren löste Kri­tik daran auf dem Har­bourfront Lite­ra­tur­fes­ti­val einen klei­nen Eklat aus. Das Fes­ti­val fällt die­ses Jahr nun aus. Mul­ti­mil­li­ar­där Kühne hin­ge­gen scheint kei­nen Scha­den davon­ge­tra­gen zu haben. Doch das letzte Wort ist noch nicht gespro­chen: In Bre­men gibt es seit einem Jahr ein Mahn­mal; und neue Recher­chen eines renom­mier­ten Jour­na­lis­ten könn­ten die Debatte noch ein­mal anfachen.

Das Mahn­mal in Bre­men mag ver­gli­chen mit der Kühne+Nagel-Zen­trale klein sein, doch seine Wir­kung sollte nicht unter­schätzt wer­den. Foto: Niko­lai Wolff/Fotoetage

Vor zwei Jah­ren, Ende August 2022, kam es auf dem Har­bourfront Lite­ra­tur­fes­ti­val zum Eklat: Die Untie­fen-Redak­tion hatte einige Wochen zuvor in einer E‑Mail die acht für den nach Klaus-Michael Kühne benann­ten Debüt­preis des Fes­ti­vals nomi­nier­ten Schriftsteller:innen über die NS-Geschichte von Kühne+Nagel sowie ihre Ver­leug­nung durch den Fami­li­en­er­ben und Unter­neh­mens­in­ha­ber Kühne infor­miert. Einer von ihnen, der für sein Debüt Drau­ßen fei­ern die Leute nomi­nierte Sven Pfi­zen­maier, zog dar­auf­hin seine Teil­nahme zurück.

Das Fes­ti­val ver­suchte noch, Pfi­zen­mai­ers Rück­zug und seine Gründe unter dem Radar der Öffent­lich­keit zu hal­ten, doch es gelang nicht: Die Medien berich­te­ten dar­über, Pfi­zen­mai­ers Kol­le­gin Fran­ziska Gäns­ler zog ihre Teil­nahme eben­falls zurück, das Fes­ti­val und die Kühne-Stiftung, die nicht nur das Preis­geld stif­tete, son­dern auch als Haupt­spon­sor fun­gierte, gerie­ten stark unter Druck. Die­ser öffent­li­che Druck war es, der dann dazu führte, dass bin­nen weni­ger Tage nicht nur der Kühne-Preis umbe­nannt wurde, son­dern auch die Kühne-Stiftung sich aus dem Spon­so­ring zurück­zog. Die Jury des Prei­ses sprach Pfi­zen­maier und Gäns­ler in ihrer Stel­lung­nahme zur Preis­ver­gabe dann aus­drück­lich ihren Respekt und ihre Unter­stüt­zung aus (eine aus­führ­li­che Chro­nik der Ereig­nisse fin­det sich hier).

Aufruhr im Hamburger Literaturbetrieb

Der Aus­stieg Küh­nes als Spon­sor des Har­bourfront Fes­ti­vals war wohl schon zuvor geplant gewe­sen. Doch ein nach­hal­ti­ger Ersatz für den jah­re­lan­gen Haupt­spon­sor scheint sich nicht gefun­den zu haben: Die­ses Jahr fällt das Fes­ti­val erst­mals seit sei­ner Grün­dung vor 15 Jah­ren aus. Es wird zwar sicher nicht nur an dem Eklat von vor zwei Jah­ren lie­gen, dass sich das Fes­ti­val nun »orga­ni­sa­to­risch, per­so­nell und finan­zi­ell neu auf­zu­stel­len« ver­sucht, wie in einer Pres­se­mit­tei­lung vom Februar die­ses Jah­res ver­kün­det wurde. Aber ganz ohne Zusam­men­hang wird es nicht sein, denn mit der Kühne-Stiftung zog sich der zen­trale Geld­ge­ber zurück, ohne den das Fes­ti­val gar nicht hätte ins Leben geru­fen wer­den kön­nen – trotz jähr­lich 100.000 Euro fes­ter För­de­rung von der Kulturbehörde.

In den Medien und im Ham­bur­ger Lite­ra­tur­be­trieb wurde die Nach­richt vom Aus­fall des Fes­ti­vals mit Sorge auf­ge­nom­men. Schließ­lich reichte die Aus­strah­lung des Har­bourfront weit über Ham­burg hin­aus. Und es hat, wie Lite­ra­tur­haus­chef Rai­ner Moritz es gegen­über dem NDR im Betriebs­jar­gon aus­drückte, in Ham­burg ›den lite­ra­ri­schen Markt unglaub­lich belebt‹. Auch die Kul­tur­be­hörde wirkte, als sei sie von der Nach­richt über­rascht wor­den. Sie kün­digte zwar an, sich um Ersatz zu küm­mern, doch suchte offen­bar nicht selbst das Gespräch mit den Akteur:innen des Ham­bur­ger Literaturbetriebs.

Die Initia­ti­ven für ›Ersatz­fes­ti­vals‹ kamen statt­des­sen von pri­vat­wirt­schaft­li­chen Akteur:innen. Gleich zwei Fes­ti­vals wol­len nun die Lücke fül­len, die das Har­bourfront die­ses Jahr lässt: Die Blan­ke­ne­ser Buch­hand­lung Was­ser­mann rich­tet in der ers­ten Sep­tem­ber­hälfte mit der Herbst­lese Blan­ke­nese ein eige­nes Lite­ra­tur­fes­ti­val aus. Sogar einen Debüt­preis gibt es. Das Geld für die gro­ßen Namen und den Preis kommt vor allem vom Blan­ke­ne­ser Besitz­bür­ger­tum: Die Lange-Rode-Stiftung, deren Geld ursprüng­lich vor allem aus der Kronkorken-Produktion stammt, ist der Haupt­spon­sor. Das zweite ›Ersatz­fes­ti­val‹ ist umstrit­ten. Das Unter­neh­men hin­ter der lit.COLOGNE hat mit ELB.lit einen Ham­bur­ger Able­ger gestar­tet, der wie das Har­bourfront vor allem auf Events und große Namen setzt. Aber nicht das in wei­ten Tei­len ambi­ti­ons­lose Pro­gramm, son­dern nur der Umstand, dass die 100.000 Euro För­de­rung von der Kul­tur­be­hörde nun nicht an ein Ham­bur­ger, son­dern an ein Köl­ner Unter­neh­men gehen, sorgte hier für Empörung.

Rückblickend auf den Eklat

Bes­ser als der Ham­bur­ger Lite­ra­tur­be­trieb schei­nen die bei­den aus Pro­test gegen Kühne zurück­ge­tre­te­nen Autor:innen den Eklat vor zwei Jah­ren über­stan­den zu haben. Beide haben inzwi­schen ihren zwei­ten Roman ver­öf­fent­licht. Fran­ziska Gäns­lers Wie Inseln im Licht erschien im Früh­jahr, Sven Pfi­zen­mai­ers Schwät­zer ist gerade erschie­nen und fei­ert am 4. Sep­tem­ber in Ber­lin Buch­pre­miere.  

Wie blickt er auf die Geschichte zurück? Gegen­über Untie­fen sagte Pfi­zen­maier, er würde die Ent­schei­dung heute genauso wie­der tref­fen. Es sei zwar ein Kampf gegen Wind­müh­len, aber trotz­dem: »Wo es Lite­ra­tur betrifft, fühlt es sich auch ein biss­chen per­sön­lich an, und ich bin froh, die Gele­gen­heit genutzt zu haben, ein Zei­chen zu setzen.«

Die Befürch­tung, dass die Ent­schei­dung nega­tive Aus­wir­kun­gen auf sein Stan­ding im Lite­ra­tur­be­trieb gehabt hätte, scheint sich nicht bewahr­hei­tet zu haben, sagt Pfi­zen­maier: »Man pro­gnos­ti­zierte mir teil­weise, mich mit der Ent­schei­dung bei Preis­ju­rys womög­lich unbe­liebt zu machen, ich kann das nicht bis­her nicht bestä­ti­gen. Ich habe viel Zuspruch und Unter­stüt­zung von allen mög­li­chen Sei­ten bekommen.« 

Die Kri­tik an Küh­nes ver­wei­ger­ter Auf­ar­bei­tung sei­ner Familien- und Unter­neh­mens­ge­schichte, an sei­nem art washing und an dem Schwei­gen der Öffent­lich­keit dazu scheint jedoch schnell ver­pufft zu sein. Die vom damals eben­falls nomi­nier­ten Schrift­stel­ler Dome­nico Mül­len­sie­fen geäu­ßerte For­de­rung, dem Rück­zug der öffent­li­chen Kul­tur­för­de­rung Ein­halt zu gebie­ten, und sein Behar­ren dar­auf, dass nicht Kühne allein das Pro­blem sei, son­dern dass »deut­scher Reich­tum in vie­len, wenn nicht sogar in den meis­ten Fäl­len auf dem Rücken der Opfer der NS-Zeit ent­stan­den« sei, fan­den kaum Widerhall.

Kühnes Milliarden: ungefährdet

Struk­tu­rell hat sich tat­säch­lich nichts ver­än­dert. Wäh­rend die Buch­bran­che mehr denn je auf finan­zi­elle För­de­rung – öffent­lich oder pri­vat – ange­wie­sen ist,1Die Krise der Buch­bran­che hat sich ver­schärft, auch in Ham­burg, wo zuletzt die Edi­tion Nau­ti­lus einen Hil­fe­ruf abge­setzt und eine struk­tu­relle Ver­lags­för­de­rung gefor­dert hat, ähn­lich wie es sie schon für Pro­gramm­ki­nos und Thea­ter gibt. sieht die Lage bei den Super­rei­chen gewohnt rosig aus. So ist auch Klaus-Michael Kühne in den letz­ten zwei Jah­ren vor allem rei­cher gewor­den. Auf dem Bloom­berg Bil­lionaires Index wird sein geschätz­tes Ver­mö­gen aktu­ell mit knapp 45 Mrd. US-Dollar ange­ge­ben, womit er nun erst­mals als reichs­ter Deut­scher fir­miert. Und wie eh und je hält er sich mit ›Vor­schlä­gen‹ und State­ments in der (Medien-)Öffentlichkeit: Wie­der und wie­der wirbt er für seine Pläne eines neuen Opern­hau­ses, er ist als Anteils­eig­ner beim Elb­tower ein­ge­stie­gen (und ist dabei, so die Selbst­dar­stel­lung, »dem Charme von Benko erle­gen«), er hat sich über den geplan­ten Teil­ver­kauf der HHLA an den Hapag-Lloyd-Konkurrenten MSC geär­gert und das DB-Konkurrenzunternehmen Flix über­nom­men.

Der Ham­bur­ger Sitz von Kühne+Nagel am Gro­ßen Gras­brook. Hier erin­nert nichts an die Ver­gan­gen­heit des Unter­neh­mens als NS-Profiteur. Foto: Wmein­hart (Wiki­me­dia), Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Den Eklat von vor zwei Jah­ren scheint er gänz­lich unbe­scha­det über­stan­den zu haben. Dass Kühne+Nagel 1933 sei­nen jüdi­schen Teil­ha­ber Adolf Maass aus dem Unter­neh­men drängte, um dann wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs in vie­len besetz­ten Län­dern Euro­pas Nie­der­las­sun­gen zu grün­den, sich so ein Quasi-Monopol auf den Abtrans­port jüdi­schen Eigen­tums zu sichern und dadurch mas­siv von der Ver­fol­gung, Ver­trei­bung und Ermor­dung der euro­päi­schen Jüdin­nen und Juden zu pro­fi­tie­ren – davon ist kaum noch zu lesen oder zu hören. Im Gegen­satz etwa zu der Frage, wel­chen Trai­ner Kühne für ›sei­nen‹ HSV wün­schen würde, hat diese Geschichte offen­bar kei­nen Nach­rich­ten­wert. Und für das Pri­vi­leg eines Exklu­siv­in­ter­views mit Kühne ver­zich­tet man etwa beim Ham­bur­ger Abend­blatt sehr bereit­wil­lig auf kri­ti­sche Fra­gen. Auch eine kri­ti­sche Zivil­ge­sell­schaft hat sich in Ham­burg immer noch nicht for­miert. Küh­nes Wunsch nach einem Schluss­strich scheint sich hier wei­test­ge­hend erfüllt zu haben.

Von Bremen lernen

In Bre­men, wo Kühne+Nagel vor 134 Jah­ren gegrün­det wurde und wo immer noch die Deutsch­land­zen­trale ihren Sitz hat, ist das anders. Vor allem dem Enga­ge­ment Hen­ning Bleyls und Evin Oet­tings­hau­sens ist es zu ver­dan­ken, dass das Thema dort, anders als in Ham­burg, wei­ter­hin im öffent­li­chen Bewusst­sein gehal­ten wird. Bleyl und Oet­tings­hau­sen kämpf­ten jah­re­lang für ein Mahn­mal in Bre­men, das an den sys­te­ma­ti­schen Raub und die Ent­eig­nung jüdi­schen Eigen­tums im Natio­nal­so­zia­lis­mus und die Betei­li­gung bre­mi­scher Unter­neh­men, Behör­den und Bür­ge­rin­nen und Bür­ger daran erin­nert. Vor einem Jahr, am 10. Sep­tem­ber 2023, wurde das Mahn­mal ein­ge­weiht, das nun in Sicht­weite des Kühne+Nagel-Gebäu­des an die Opfer der ›Ari­sie­run­gen‹ erinnert.

Gri­gori Pan­ti­je­lew, Vor­stand der jüdi­schen Gemeinde Bre­men, bei sei­ner Rede zur Ein­wei­hung des Mahn­mals. Foto: Niko­lai Wolff/Fotoetage

Zur Ein­wei­hung zeigte sich Gri­gori Pan­ti­je­lew, Ver­tre­ter der jüdi­schen Gemeinde Bre­men, kämp­fe­risch: Das kleine Mahn­mal und das prot­zige Rie­sen­ge­bäude von Kühne+Nagel erin­ner­ten ihn an die Geschichte von David und Goli­ath, sagte er, – und man wisse ja, wer am Ende gewon­nen hat. Bei der Ein­wei­hung sprach auch Bar­bara Maass, eine Enke­lin von Adolf und Käthe Maass, die eigens zu die­sem Anlass zusam­men mit ihrem Mann aus Mon­tréal nach Deutsch­land gekom­men war. Sie hielt in Bre­men eine (hier nach­zu­le­sende) Rede, in der sie die Auf­ar­bei­tung der »skru­pel­lo­sen Hand­lun­gen der Kom­pli­zen und Pro­fi­teure des Holo­causts« – auch und gerade von Kühne+Nagel – for­derte, und zwar »hier und jetzt«. Ihr Deutsch­land­be­such führte Bar­bara Maass auch nach Ham­burg, wo sie das ehe­ma­lige Wohn­haus der Fami­lie Maass in Win­ter­hude besich­tigte, in dem ihr Vater Ger­hard seine Eltern noch 1938 besucht hatte. Außer­dem besuchte sie die Gedenk­stätte Han­no­ver­scher Bahn­hof – den Ort, an dem im Juli 1942 auch jener Zug abfuhr, der ihre Groß­el­tern nach The­re­si­en­stadt deportierte.

Bleyl und Oet­tings­hau­sen enga­gie­ren sich der­weil wei­ter. Sie orga­ni­sie­ren erin­ne­rungs­po­li­ti­sche Rad­tou­ren, betrei­ben wei­ter Recher­chen und küm­mern sich um das Mahn­mal. Mit Spach­tel und Putz­zeug haben sie eigen­hän­dig Auf­kle­ber und Farbe von den Fens­tern und Rah­men geschrubbt. Und sie haben dafür gesorgt, dass das Mahn­mal nun auch end­lich eine Text­ta­fel erhält, die über seine Bedeu­tung auf­klärt. Am 10. Sep­tem­ber, zum Jah­res­tag der Eröff­nung, wird die neue Tafel in Bre­men ein­ge­weiht werden.

Neue Impulse im Kampf um Aufklärung?

Neue Impulse könnte die öffent­li­che Aus­ein­an­der­set­zung um den Umgang mit der Geschichte Kühne+Nagels als NS-Profiteur nun aus den USA erhal­ten. Der nie­der­län­di­sche Jour­na­list David de Jong hatte 2022 mit sei­nem Buch Brau­nes Erbe über die NS-Verstrickungen der reichs­ten deut­schen Unter­neh­mer­dy­nas­tien – der Fami­lien Quandt, Flick, von Finck, Porsche-Piëch, Oet­ker und Rei­mann – inter­na­tio­nal für Auf­se­hen gesorgt. Die Fami­lie Kühne fehlte in die­ser Zusam­men­stel­lung. Nun aber hat er andert­halb Jahre recher­chiert, um einen Nach­trag zu Kühne+Nagel zu schrei­ben. Noch im Sep­tem­ber wird sein umfang­rei­cher Inves­ti­ga­tiv­ar­ti­kel in der Zeit­schrift Vanity Fair erschei­nen.

Dass Kühne in sei­nem Buch nicht auf­tauchte, hatte einen ein­fa­chen Grund: Klaus-Michael Kühne hat zwar ein ›brau­nes Erbe‹ ange­tre­ten, doch er selbst hat keine Erben. Sein Ver­mö­gen wird nach sei­nem Tod einer Stif­tung ver­macht wer­den. Der Impuls, nun trotz­dem noch über Kühne zu recher­chie­ren und zu schrei­ben, kam zunächst von außen, berich­tet de Jong im Gespräch mit Untie­fen: Er sei 2022 nach dem Erschei­nen sei­nes Buchs von meh­re­ren Leser:innen – dar­un­ter der in Eng­land leben­den Groß­nichte von Adolf und Käthe Maass – ange­regt wor­den, auch noch zur Geschichte der Küh­nes zu recherchieren.

David De Jongs Buch Brau­nes Erbe erschien 2022 bei Kie­pen­heuer & Witsch.

Die Recher­chen führ­ten im Ver­lauf der andert­halb Jahre in vier ver­schie­dene Län­der, berich­tet de Jong. So sprach er in Mon­tréal mit Bar­bara Maass und sich­tete Bestände des Mont­real Holo­caust Museum; er besuchte in Bre­men die Eröff­nung des Mahn­mals und recher­chierte in Ham­burg im hie­si­gen Staats­ar­chiv. Obwohl Klaus-Michael Kühne den Zugang zum Unter­neh­mens­ar­chiv immer noch ver­sperrt, ver­spricht de Jongs Arti­kel bri­sante neue Erkennt­nisse – und zwar nicht nur über das Aus­maß der Betei­li­gung von Kühne+Nagel an der M‑Aktion, son­dern auch über das Aus­maß der Ver­schleie­rung und Ver­drän­gung die­ser Ver­bre­chen nach dem Zwei­ten Welt­krieg, nicht zuletzt durch Klaus-Michael Kühne selbst.

Die deut­sche Aus­gabe der Vanity Fair wurde vor 15 Jah­ren ein­ge­stellt. De Jongs Arti­kel wird also zunächst nicht auf Deutsch zu lesen sein. Es steht zu hof­fen, dass seine Ent­hül­lun­gen trotz­dem auch hier gebüh­rende Wir­kung ent­fal­ten wer­den. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Her­stel­lung einer inter­na­tio­na­len Öffent­lich­keit für den ent­schei­den­den Impuls in einer Debatte um die NS-Aufarbeitung sorgt – erin­nert sei hier etwa an die Debatte um die Ent­schä­di­gung von Zwangsarbeiter:innen Ende der neun­zi­ger Jahre. Dass erst auf inter­na­tio­na­len Druck hin gehan­delt wird, ist bezeich­nend für den in Deutsch­land übli­chen Wider­wil­len, die Ver­gan­gen­heit ernst­haft auf­zu­ar­bei­ten. Aber es zeigt auch: Beharr­lich­keit lohnt sich; und nie­mand sitzt so fest auf sei­nem Thron, dass er nicht ins Wan­ken gebracht wer­den kann. Der HSV, von Kühne maß­geb­lich finan­zi­ell unter­stützt, galt lange als »unab­steig­bar« und düm­pelt nun seit sechs Jah­ren in der zwei­ten Bun­des­liga herum. Auch Kühne, der manch­mal als unbe­zwing­bar erscheint, wird mit sei­ner For­de­rung nach einem Schluss­strich unter die Ver­gan­gen­heit und sei­ner Behin­de­rung der Auf­ar­bei­tung nicht mehr lange durchkommen.

Lukas Betz­ler, Sep­tem­ber 2024

Der Autor ist Mit­glie­der der Redak­tion Untie­fen. Er hat hier schon vor zwei Jah­ren Bei­träge zu Kühne+Nagel ver­öf­fent­licht und einen auf You­tube nach­zu­hö­ren­den Vor­trag von Hen­ning Bleyl zu dem Thema mode­riert. Den neuen Roman von Sven Pfi­zen­maier hat er gerade mit im Urlaubsgepäck.

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    Die Krise der Buch­bran­che hat sich ver­schärft, auch in Ham­burg, wo zuletzt die Edi­tion Nau­ti­lus einen Hil­fe­ruf abge­setzt und eine struk­tu­relle Ver­lags­för­de­rung gefor­dert hat, ähn­lich wie es sie schon für Pro­gramm­ki­nos und Thea­ter gibt.

Klima der Judenfeindschaft

Klima der Judenfeindschaft

Der Über­fall der radikal-islamischen Hamas auf Israel am 7. Okto­ber 2023 und das fol­gende Mas­sa­ker mit über 1.200 Todes­op­fern sind eine Zäsur, selbst in der an grau­en­vol­len Ereig­nis­sen kei­nes­wegs armen Geschichte des Anti­se­mi­tis­mus. Ihre glo­ba­len Nach­wir­kun­gen – keine Äch­tung anti-humanistischer Ideo­lo­gien und Poli­tik, son­dern im Gegen­teil eine Ent­hem­mung der aggres­si­ven Dämo­ni­sie­rung des Juden­staats und der Bedro­hung von Jüdin­nen und Juden – sind auch in Ham­burg zu spüren.

Nichts Abwei­chen­des mag noch ertra­gen wer­den: Pla­kate, die an die von der Hamas fest­ge­hal­te­nen Gei­seln erin­nern, wer­den auch in Ham­burg abge­ris­sen. Foto: privat

Schon der Blick auf die Zah­len ist erschre­ckend: Bun­des­weit ist die Zahl anti­se­mi­ti­scher Vor­fälle nach dem 7. Okto­ber dra­ma­tisch gestie­gen, das­selbe gilt für Ham­burg. Hier machte Anti­se­mi­tis­mus 2023 24% aller erfass­ten Fälle von Hass­kri­mi­na­li­tät aus – wobei weni­ger als 0,2% der Hamburger:innen jüdi­schen Glau­bens sind. Im vier­ten Quar­tal hat sich die Fall­zahl gegen­über dem Vor­jah­res­zeit­raum ver­fünf­facht, auf 67 gegen­über 12 Fäl­len (siehe die Klei­nen Anfra­gen der Links­frak­tion zur Hass­kri­mi­na­li­tät in Ham­burg in 2022 und 2023). Im Rah­men einer im Som­mer 2024 erschie­ne­nen Stu­die unter ande­rem der Hoch­schule der Aka­de­mie der Poli­zei Ham­burg gaben mehr als drei Vier­tel der befrag­ten Ham­bur­ger Jüdin­nen und Juden an, inner­halb der letz­ten zwölf Monate Anti­se­mi­tis­mus erfah­ren zu haben.

Nach allen Erkennt­nis­sen bleibt ein gro­ßer Teil der dahin­ter lie­gen­den Fälle anti­se­mi­ti­scher Dis­kri­mi­nie­rung und Gewalt außer­halb der Wahr­neh­mung von Öffent­lich­keit und Behör­den – die erwähnte Stu­die schätzt den Anteil auf 80%. Zivil­ge­sell­schaft­lich gesam­melte Daten, die die­ses große Dun­kel­feld erfah­rungs­ge­mäß erhel­len könn­ten, stan­den für Ham­burg allzu lange nicht zur Ver­fü­gung: Die 2021 gegrün­dete, öffent­lich geför­derte digi­tale Hinweis- und Mel­de­stelle memo ver­öf­fent­licht im Gegen­satz zu den Recherche- und Infor­ma­ti­ons­stel­len Anti­se­mi­tis­mus (RIAS) in ande­ren Bun­des­län­dern keine Fälle oder (aus­sa­ge­kräf­tige) Zah­len. Ein nun vom Trä­ger der Mel­de­stelle, der Bera­tungs­stelle für Betrof­fene ras­sis­ti­scher, anti­se­mi­ti­scher und rech­ter Gewalt Empower, vor­ge­leg­ter Bericht gibt 282 Fälle von Anti­se­mi­tis­mus in Ham­burg für 2023 an – mehr als ein Drit­tel der inge­samt dort bekannt gewor­de­nen men­schen­feind­li­chen Taten; im Zeit­raum nach dem 7. Okto­ber ver­dop­pel­ten sich auch hier die Fälle.

Plakativer Judenhass

Die Wände und die Öffent­lich­keit der Stadt erlau­ben uns einen wei­te­ren Ein­blick in die Rea­li­tät des Anti­se­mi­tis­mus. Wenige Tage nach dem 7. Okto­ber begin­nend, wer­den auf Haus­wän­den und Later­nen fort­lau­fend soge­nannte pro-palästinensische Slo­gans, Auf­kle­ber etc. ange­bracht. Neben die seit Jahr­zehn­ten obli­ga­to­ri­schen natio­na­lis­ti­schen Paro­len wie »Free Pal­es­tine« tre­ten immer wie­der auch Israel dämo­ni­sie­rende, mani­fest anti­se­mi­ti­sche Bil­der: So wurde laut Bericht eines Anwoh­ners auf St. Pauli z.B. nach dem 7. Okto­ber ein Graf­fito mit blut­ro­ten Hand­ab­drü­cken plat­ziert – eine Chif­fre, die sich zustim­mend auf den Lynch­mord an zwei israe­li­schen Sol­da­ten zu Beginn der Zwei­ten Inti­fada ab 2000 bezieht; aus Eims­büt­tel mel­de­ten Anwohner:innen der Insta­gram­seite Civil-Watch against Anti-Semitism Anfang Juli 2024 Auf­kle­ber mit dem roten Drei­eck (der Ziel­mar­kie­rung der Hamas-Propaganda) und dem Slo­gan »Bring Them Back to Europe – Deco­lo­nize Pal­es­tine«. Isra­els­o­li­da­ri­sche oder auch nur anti­se­mi­tis­mus­kri­ti­sche Bot­schaf­ten, sogar Pla­kate, die an die von der Hamas fest­ge­hal­te­nen Gei­seln erin­nern, wer­den abge­ris­sen, beschä­digt oder über­malt.

Jeg­li­che isra­els­o­li­da­ri­sche Kund­ge­bung und anti­se­mi­tis­mus­kri­ti­sche Ver­an­stal­tung hat mit Stö­run­gen und mit min­des­tens ver­ba­len Bedro­hun­gen zu rechnen

Jeg­li­che isra­els­o­li­da­ri­sche Kund­ge­bung und anti­se­mi­tis­mus­kri­ti­sche Ver­an­stal­tung hat mit Stö­run­gen und mit min­des­tens ver­ba­len Bedro­hun­gen zu rech­nen: Im Anschluss an eine Soli­da­ri­täts­kund­ge­bung mit Israel Mitte Okto­ber 2023 etwa wur­den zwei Organisator:innen beschimpft und phy­sisch ange­grif­fen, eine israe­li­sche Fahne wurde gewalt­sam ent­wen­det; auf einer Podi­ums­dis­kus­sion in den Bücher­hal­len Ende Januar 2024 wur­den die jüdi­schen Podi­ums­teil­neh­me­rin­nen als »Nazis« und »KZ-Wächter« beschimpft und phy­sisch bedroht.

Boykotte und alltäglicher Antisemitismus

Kon­krete Posi­tio­nie­run­gen sind dabei zuneh­mend irrele­vant: So war z.B. das Punk­fes­ti­val Booze Cruise mas­si­ven Anfein­dun­gen im Netz und inter­na­tio­nal einem fak­ti­schen Boy­kott aus­ge­setzt, weil der Ver­an­stal­ter als »Zio­nist« und »Gen0cide-Supporter« [sic!] mar­kiert wurde. Seit Anfang Mai 2024 konnte nach US-amerikanischem Vor­bild von palästinensisch-nationalistischen Grup­pen und Aktivist:innen ein »Protest-Camp« am Rande der Uni­ver­si­tät Ham­burg eta­bliert wer­den. Aus des­sen Umfeld kam es am 8. Mai im Anschluss an eine anti­se­mi­tis­mus­kri­ti­sche Vor­trags­ver­an­stal­tung in der Uni­ver­si­tät zu einer wohl spon­ta­nen, aber geziel­ten ver­ba­len und phy­si­schen Atta­cke auf ein Vor­stands­mit­glied der Deutsch-Israelischen Gesell­schaft, wenige Tage spä­ter zu einer als Angriff zu ver­ste­hen­den kurz­zei­ti­gen Beset­zung der Roten Flora.

Nach einer kur­zen Phase media­ler Dis­kus­sion direkt nach dem 7. Okto­ber sind die Ham­bur­ger Schu­len aus dem Fokus der Öffent­lich­keit ver­schwun­den. Die Zahl von Anfra­gen für Antisemitismus-Workshops an Akteure der poli­ti­schen Bil­dung ist jedoch seit­her wei­ter gestie­gen und zumin­dest an eini­gen Schu­len ist das Niveau der Vor­fälle hoch. Wie Lehrer:innen von Har­bur­ger Schu­len gegen­über Untie­fen berich­te­ten rei­chen diese Vor­fälle bis hin zu demons­tra­ti­ver Ver­herr­li­chung des anti­se­mi­ti­schen Mas­sen­mords und der Bedro­hung enga­gier­ter Lehr­kräfte. Nur Weni­ges über­schrei­tet die Schwelle der öffent­li­chen Wahr­neh­mung: In der Ant­wort des Senats auf eine Kleine Anfrage in der Bür­ger­schaft vom Novem­ber 2023 wer­den vier Bom­ben­dro­hun­gen gegen Schu­len »im Zusam­men­hang mit dem Nah­ost­kon­flikt« erwähnt, die von der Poli­zei jedoch als »keine Gefähr­dungs­lage« ein­ge­stuft wor­den seien.

Wie sich deut­lich zeigt, eröff­net die Dyna­mik der Ereig­nisse – von den Mor­den, Ver­ge­wal­ti­gun­gen und Ent­füh­run­gen am 7. Okto­ber in Israel bis hin zum grau­sa­men Kriegs­ge­sche­hen in Gaza und des­sen media­ler Dau­er­prä­senz – auch in Ham­burg Mög­lich­keits­räume und Gele­gen­heits­struk­tu­ren für juden­feind­li­che Aggres­sio­nen und Affekte. Gefüllt und genutzt wer­den diese Räume ebenso im per­sön­li­chen Umgang und Umfeld – off­line oder online – wie von öffent­li­chen Akteur:innen.

In der Sache geeint: IslamistInnen und autoritäre Linke

Anti­se­mi­tis­mus bezeich­net Juden­hass – eine auf Jüdin­nen und Juden bezo­gene Pra­xis der Gewalt in Wort und Tat und deren gleich­zei­tige Recht­fer­ti­gung, und tritt in allen gesell­schaft­li­chen Schich­ten und poli­ti­schen Spek­tren auf. Der Aus­sage, Israel mache im Prin­zip mit den Paläs­ti­nen­sern das­selbe wie die Nazis mit den Juden, stimmte zuletzt 2022 43% der deut­schen Wohn­be­völ­ke­rung zu. Gleich­wohl sind es bestimmte Milieus, die gegen­wär­tig eine her­vor­ge­ho­bene Rolle spie­len. Nament­lich sind dies isla­mis­ti­sche Milieus, Teile der auto­ri­tä­ren Lin­ken sowie akti­vis­ti­sche, selbst­er­klärt »pro-palästinensische« Kreise. Die Chif­fre »Paläs­tina« sowie Isra­el­hass und Anti­se­mi­tis­mus die­nen hier – in jeweils unter­schied­li­cher Weise – als Agi­ta­ti­ons­mit­tel, die einen gro­ßen emo­tio­na­len Rück­hall in post­mi­gran­ti­schen und/oder akti­vis­ti­schen Milieus ver­spre­chen, vor allem unter Jugend­li­chen und bis in die bürgerlich-liberale Mitte hinein.

Vor­feld­or­ga­ni­sa­tio­nen der isla­mis­ti­schen Hizb ut-Tahrir hat­ten bereits kurz nach dem 7. Okto­ber in St. Georg eine »spon­tane« anti-israelische Kund­ge­bung orga­ni­siert. 2024 folg­ten zwei wei­tere, ange­mel­dete Demons­tra­tio­nen, die bun­des­weit breit the­ma­ti­siert wur­den. Über Social Media als Bil­der der Stärke insze­niert, sol­len dar­über Anhän­ger mobi­li­siert und Sym­pa­thi­san­ten für eine miso­gyne, juden- und min­der­hei­ten­feind­li­che, ins­ge­samt isla­mis­ti­sche, demo­kra­tie­feind­li­che Agenda gewon­nen wer­den. Autoritär-linke, »rote« oder »kom­mu­nis­ti­sche« Grup­pen ver­öf­fent­lich­ten zügig Israel dämo­ni­sie­rende State­ments (»Der Ter­ro­rist heißt Israel» u.ä.) und agi­tie­ren ent­spre­chend. Die Bünd­nis­demo die­ses Spek­trums zum 1. Mai 2024 wurde weit­ge­hend von palästinensisch-nationalistischen Paro­len und Sym­bo­len domi­niert. Neben der Mobi­li­sie­rung dient diese Posi­tio­nie­rung als Instru­ment, um anti-autoritäre Linke im Kampf um Ein­fluss, Deu­tun­gen (v.a. von Anti­se­mi­tis­mus) und Kon­trolle von Räu­men unter Druck zu setzen.

Gegen­über den isla­mis­ti­schen und autoritär-linken Grup­pen ist das als akti­vis­tisch umschrie­bene Milieu deut­lich hete­ro­ge­ner in Zusam­men­set­zung und Aus­rich­tung. Anders als diese kann man eine Wir­kung in die wei­tere poli­ti­sche Öffent­lich­keit hin­ein ent­fal­ten. Dies gilt auch für orga­ni­sierte Grup­pen der »Palästina-Solidarität« wie Thawra, deren Grund­struk­tu­ren bereits län­ger eta­bliert sind und die min­des­tens ideo­lo­gisch auch Über­schnei­dun­gen mit den zuvor beschrie­be­nen Grup­pen auf­wei­sen. Sie betrei­ben Kam­pa­gnen­po­li­tik und radi­ka­li­sie­ren sich in wider­spruchs­freien Echo­kam­mern wie dem »Protest-Camp«. Wie bereits skiz­ziert, wer­den ent­ge­gen der Selbst­be­schrei­bung als sich der gan­zen Macht von Staat und Gesell­schaft ent­ge­gen­stel­len­den Widerstandskämpfer:innen, vor allem »wei­che«, nicht-staatliche und in die­sem Sinn unge­schützte Ziele aus Sub­kul­tur und Bil­dungs­sek­tor gewählt: Man ver­sucht jed­we­den lin­ken Pro­test und jede Struk­tur ver­ein­nah­mend zu kapern und bedroht ein besetz­tes auto­no­mes Zen­trum; man demons­triert regel­mä­ßig gegen eine uni­ver­si­täre Vor­le­sungs­reihe zu Juden­feind­schaft und stört diese mehr oder weni­ger orga­ni­siert. (Alles prak­ti­scher­weise meist nur einen kur­zen Fuß­weg oder eine S‑Bahnstation vom »Protest-Camp« entfernt.)

Von jeder Wand muss es her­un­ter­schreien: Anti-Israelische Raum­nahme durch Graf­fiti. Foto: privat

Israelhass als kultureller Code

Eine wesent­li­che Ziel­gruppe die­ser natio­na­lis­ti­schen Kam­pa­gnen­pra­xis ist ein wei­te­res, eher dif­fu­ses, for­mal unor­ga­ni­sier­tes, aktivistisch-künstlerisches Milieu von Per­so­nen an oder im Umfeld von Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen oder Hoch­schu­len, die sich mehr­heit­lich als links oder links­li­be­ral ver­ste­hen wür­den. Im Fokus stan­den in jeweils ande­rer Weise die Hoch­schule für bil­dende Künste Ham­burg (HfBK), das Kul­tur­zen­trum Kamp­na­gel und seit dem Früh­jahr 2024 zuneh­mend die Uni­ver­si­tät Hamburg.

Der Kam­pa­gnen­po­li­tik im Sinne eines undif­fe­ren­zier­ten, kom­pro­miss­lo­sen paläs­ti­nen­si­schen Natio­na­lis­mus wird im wei­te­ren künstlerisch-aktivistischen Milieu von einer Hal­tung Raum gege­ben, in der das Res­sen­ti­ment gegen Israel (als Schlag­wort: »die Isra­el­kri­tik«) affek­tiv ver­an­kert ist. Durch­aus auch auf­grund die­ser jahr­zehn­te­al­ten natio­na­lis­ti­schen Kam­pa­gnen wie des ent­spre­chen­den Erbes der Neuen Lin­ken nach 1968, fun­gie­ren die »Isra­el­kri­tik«, der »Anti-Zionismus«, die Dämo­ni­sie­rung Isra­els als ein kul­tu­rel­ler Code, wie dies die His­to­ri­ke­rin Shul­a­mit Vol­kov benannt hat (2000: 84ff.), d.h. als »Erken­nungs­zei­chen der Zuge­hö­rig­keit zu einem bestimm­ten, sub­kul­tu­rel­len Milieu« und einer emo­tio­na­li­sier­ten moralisch-politischen Hal­tung: Im Mit­tel­punkt, so Vol­kovs Ana­lyse, ste­hen nicht die tat­säch­li­chen Fra­gen, son­dern »der sym­bo­li­sche Wert, ihnen gegen­über einen Stand­punkt zu bezie­hen.« Und heute gilt umso deut­li­cher was Vol­kov bereits in den 1980er Jah­ren fest­ge­hal­ten hatte, dass glo­bal anschei­nend »die Juden oft zum Sym­bol für all das gewor­den [sind][…], was man am Wes­ten geh­aßt und ver­ab­scheut hat«: nament­lich Kolo­nia­lis­mus, Natio­na­lis­mus und Ras­sis­mus, Aus­beu­tung, Aus­gren­zung und Unter­drü­ckung.[1]

Dämo­ni­sie­ren­der Isra­el­hass muss nicht selbst pro­pa­giert wer­den, son­dern des­sen Nor­ma­li­sie­rung als ein kul­tu­rel­ler Ori­en­tie­rungs­punkt ist das ent­schei­dende Moment, wie es Lukas Betz­ler an die­ser Stelle anhand des Kli­ma­fes­ti­vals im Januar auf Kamp­na­gel exem­pla­risch beschrie­ben hat. In die­sem kul­tu­rel­len Klima aus offe­ner Aggres­sion und bes­ten­falls ver­un­si­cher­ter Derea­li­sie­rung ange­sichts eines »kon­tro­ver­sen The­mas« – Anti­se­mi­tis­mus und ein poli­tisch kom­ple­xer, his­to­risch auf­ge­la­de­ner Kon­flikt – bil­den sich die Mög­lich­keits­räume und Gele­gen­heits­struk­tu­ren, die ein Medium von Juden­hass in der Gegen­wart darstellen.

»Berechtigter« Antisemitismus?

Auf­rufe zu Gewalt gegen Jüdin­nen und Juden, Israe­lis, »Zio­nis­ten« – auf Social Media oder zumin­dest eini­gen Ham­bur­ger Schul­hö­fen immer weni­ger codiert zu hören –, sind dabei ein Moment. Ent­schei­den­der sind die Derea­li­sie­rung und Kon­se­quenz­lo­sig­keit der für sich spre­chen­den Taten und Tat­sa­chen, die Ver­schie­bung der Debatte auf den »Anti­se­mi­tis­mus­vor­wurf« statt den Anti­se­mi­tis­mus, und die Ver­wei­ge­rung von Empa­thie gegen­über den Erfah­run­gen von Jüdin­nen und Juden. Ent­schei­den­der ist das Miss­trauen, das der­art ent­steht. Die immer hem­mungs­lo­sere Aggres­sion zieht ihre Ziele – Jüdin­nen und Juden; Akteure, die sich gegen Anti­se­mi­tis­mus und Isra­el­hass posi­tio­nie­ren; belie­bige Fes­ti­val­ver­an­stal­ter, die ein unter­wer­fen­des Bekennt­nis ver­wei­gern – mit in Ver­dacht. In die­sem kul­tu­rel­len Klima prägt sich Anti­se­mi­tis­mus als soge­nann­ter sekun­dä­rer aus, als Entlastungs- oder Schuld­ab­wehr­an­ti­se­mi­tis­mus: Die Opfer wer­den für Gewalt, Hass und Ver­fol­gung, die auf sie gerich­tet wer­den, ver­ant­wort­lich gemacht. Oder wie der Sozio­loge Det­lev Claus­sen in Gren­zen der Auf­klä­rung sar­kas­tisch for­mu­lierte (2005, XIV): »Unter Anti­se­mi­tis­mus wird eine unbe­rech­tigte Aggres­sion gegen Juden ver­stan­den; aber berech­tigte Angriffe sind denk- und arti­ku­lier­bar geworden.«

Die Wände und Räume der Stadt sind ein pas­sen­des Bild für das, was heute Anti­se­mi­tis­mus heißt, die aktu­ellste Recht­fer­ti­gung von anti­jü­di­scher Aggres­sion in Wort und Tat: Von jeder Wand muss es her­un­ter schreien. Jeder Raum soll mit der abso­lu­ten Gewiss­heit besetzt wer­den. Nichts Abwei­chen­des mag noch ertra­gen wer­den. Der sich ste­tig selbst radi­ka­li­sie­rende, kom­pro­miss­un­fä­hige, hoch emo­tio­na­li­sierte Modus der anti-israelischen Camps, Graf­fi­tis, Kam­pa­gnen und Bekennt­nisse ent­hält das Res­sen­ti­ment gegen Geist, Dia­log und Refle­xion und zwingt die unüber­sicht­li­che Welt in sein ein­deu­ti­ges Schema von Gut und Böse. Und von sol­cher in wider­spruchs­lo­sen Räu­men ver­stärk­ten (Selbst-)Gewissheit ist es nur noch ein kur­zer Weg dahin, den von den eige­nen mar­tia­li­schen Paro­len erzeug­ten Mythos als Rechts- und Macht­an­spruch in die (Gewalt-)Tat umset­zen zu dür­fen, ja gera­dezu: umset­zen zu müssen.

Man wäge genau ab, wo man hin­gehe, berich­tet eine aus der Ukraine geflüch­tete Ham­bur­ger Jüdin der taz: »Ich frage mich: Wann werde ich ange­grif­fen?« Die all­ge­gen­wär­tige, Israel dämo­ni­sie­rende Pro­pa­ganda, die Ver­ein­nah­mung des Raums der Stadt, das kul­tu­relle Klima erzeu­gen für Jüdin­nen und Juden eine Atmo­sphäre der Bedro­hung und des Aus­schlus­ses von Orten ihres All­tags. Gegen die allzu breit akzep­tierte, fal­sche Wahr­neh­mung zweier glei­cher­ma­ßen kompromiss- und dia­log­un­fä­hi­ger »Geg­ner« ist fest­zu­hal­ten: Wäh­rend die anti-israelischen Aktivist:innen selbst­er­klärt für ein poli­ti­sches Anlie­gen ein­tre­ten und die Frei­heit rekla­mie­ren, Men­schen mit abwei­chen­den Hal­tun­gen zu bedro­hen, wol­len Jüdin­nen und Juden ein­fach in Frei­heit von sol­cher Dro­hung in ihrer Stadt leben.

– Die­ser Arti­kel erschien in einer frü­he­ren Ver­sion auf vernetztgegenrechts.hamburg –

Flo­rian Hes­sel, August 2024

Der Autor lebt in Ham­burg und hat allzu oft keine Wahl als über diese Gesell­schaft und ihren Anti­se­mi­tis­mus zu leh­ren und zu schrei­ben.

Der Autor dankt Janne Misie­wicz und Olaf Kis­ten­ma­cher sowie der Redak­tion Untiefen.


[1] Ähn­li­ches gilt auch für einige post­mi­gran­ti­sche, stär­ker türkisch- oder arabisch-nationalistisch geprägte Milieus. Hier ver­bin­det sich ähn­lich wie im Isla­mis­mus der eini­gende, dämo­ni­sie­rende Isra­el­hass mit Res­sen­ti­ments gegen Min­der­hei­ten wie Kurd:innen oder Yezid:innen – gerade wo diese ihre eigene Ver­fol­gungs­er­fah­rung im Mas­sa­ker vom 7. Okto­ber und des­sen Rela­ti­vie­rung reflek­tiert sehen.