Diskriminierung im progressiven Gewand – Wie der AStA der Uni Hamburg die BDS-Bewegung fördert

Diskriminierung im progressiven Gewand – Wie der AStA der Uni Hamburg die BDS-Bewegung fördert

An der Uni Ham­burg for­miert sich eine BDS-Kampagne. Der AStA unter­stützt sie und trägt damit zu einer israel- und juden­feind­li­chen Atmo­sphäre auf dem Cam­pus bei. Wir haben genauer hin­ge­se­hen und nachgefragt.

Der »WiWi-Bunker« auf dem Cam­pus der Uni HH. Unten rechts die AStA-Räumlichkeiten. Foto: Pauli-Pirat, CC BY-SA 4.0

»Boy­cott, Dive­st­ment, Sanc­tions an der Uni Ham­burg« – unter die­sem Titel wurde am 24. Juli die­ses Jah­res per Flyer zu einer Ver­an­stal­tung in das Info­café des All­ge­mei­nen Stu­die­ren­den­aus­schuss (kurz AStA) auf dem Cam­pus ein­ge­la­den. Nor­ma­ler­weise kön­nen Stu­die­rende hier vor­bei­kom­men, um sich bei Pro­ble­men im Stu­di­en­all­tag unab­hän­gig bera­ten zu las­sen. Der AStA sieht sich, wie es auf der Web­site heißt, »ganz den stu­den­ti­schen Inter­es­sen ver­pflich­tet«. Das scheint jedoch frag­lich, denn die BDS-Kampagne, die im AStA offen unter­stützt wird, zielt auf einen aka­de­mi­schen Boy­kott israe­li­scher Uni­ver­si­tä­ten ab und trifft auch all jene, die tat­säch­lich oder ver­meint­lich mit israe­li­schen Insti­tu­tio­nen zusam­men­ar­bei­ten oder mit Israel asso­zi­iert wer­den. Abseits der Kri­tik an der Bewe­gung ins­ge­samt, die den ein­zi­gen jüdi­schen Staat dele­gi­ti­mie­ren und letzt­lich zer­stö­ren will, wirft das die Frage auf: Fühlt sich der AStA auch jüdi­schen Student:innen verpflichtet?

Die Räum­lich­kei­ten für die BDS-Veranstaltung im Juli wur­den aus­ge­rech­net durch das »Refe­rat für Anti­dis­kri­mi­nie­rung« zur Ver­fü­gung gestellt. Das geht aus einer jüngst ver­öf­fent­lich­ten klei­nen Anfrage des RCDS an den AStA her­vor. Das Refe­rat – eine Unter­glie­de­rung des AStA – stellt sich auf sei­ner Web­site als »unab­hän­gige Anlauf­stelle« dar, bei der sich Stu­die­rende »im Falle von Dis­kri­mi­nie­rung im Hoch­schul­kon­text« mel­den kön­nen.
Gegen Dis­kri­mi­nie­rung, aber für einen Boy­kott israe­li­scher Hoch­schu­len? Für die an der BDS Kam­pa­gne an der Uni­ver­si­tät Ham­burg betei­lig­ten Grup­pen ist das kein Wider­spruch. Die maß­geb­li­chen Grup­pen (»Stu­dents for Pal­es­tine Ham­burg« und »Kom­mu­nis­ti­scher Stu­die­ren­den­bund«, der Stu­die­ren­den­ver­band der trotz­kis­ti­schen Gruppe »Arbei­ter­in­nen­macht«) bestrei­ten, dass ihre Kam­pa­gne anti­se­mi­tisch sei. Im Gegen­teil, sie soll ein Kampf für Men­schen­rechte sein, in einem Land, das – so Stu­dents for Pal­es­tine auf Insta­gram – »aktiv einen Völ­ker­mord unter­stützt«. Kern der Argu­men­ta­tion ist stets, dass sich ihr Boy­kott aus­schließ­lich gegen israe­li­sche Insti­tu­tio­nen richte. Was könnte daran anti­se­mi­tisch sein?

BDS in studentischen Räumen

Diese Frage ist auf dem Cam­pus schon längst keine theo­re­ti­sche mehr. Das »BDS-Komitee« der Uni Ham­burg grün­dete sich im Mai 2025. Doch schon zuvor gab es ein­schlä­gige Aktio­nen aus den es tra­gen­den Grup­pen.
Stu­dents for Pal­es­tine hatte allein im Jahr 2024 etli­che Male online gegen Dozie­rende einer Ring­vor­le­sung mit dem Titel »Juden­feind­lich­keit, Anti­se­mi­tis­mus, Anti­zio­nis­mus – aktua­li­sierte For­men anti­jü­di­scher Gewalt« gehetzt, sich an einer Kund­ge­bung gegen diese Ver­an­stal­tung betei­ligt und an meh­re­ren Stör­ak­tio­nen gegen die Ring­vor­le­sung teil­ge­nom­men. In einer der Sit­zun­gen unter­bra­chen aggres­sive Audio­clips aus unter Stüh­len ver­steck­ten Boxen wie­der­holt den Vor­trag. Eine Gruppe jüdi­scher Schü­le­rin­nen konnte das nicht ertra­gen und ver­ließ wei­nend den Raum. Die Eska­la­tion im Rah­men der Ring­vor­le­sun­gen erreichte ihren Höhe­punkt, als die Frau eines Mit­or­ga­ni­sa­tors im Foyer des Haupt­ge­bäu­des nie­der­ge­schla­gen wurde.

Aktivist:innen isra­el­feind­li­cher Grup­pen haben im ver­gan­ge­nen Jahr mehr­fach Räum­lich­kei­ten an der Uni Ham­burg genutzt, meist stu­den­tisch ver­wal­tete Frei­räume wie das Café Hüb­ris oder das Café Knall­hart. Neben den oben genann­ten Grup­pen sind noch wei­tere »mis­sio­nie­rende« Polit­grup­pen aktiv, gegen die es kaum Wider­stand gibt. Das beschreibt Simon, ein jüdi­scher Stu­dent der Uni Ham­burg, der eigent­lich anders heißt, sich aber nur anonym äußern möchte, gegen­über Untie­fen.

Judenfeindliches Klima auf dem Campus

Simon hat laut eige­ner Aus­sage im Novem­ber 2025 einem »Offe­nen BDS-Treffen« im Café Knall­hart, einem wei­te­ren stu­den­tisch ver­wal­te­ten Frei­raum, bei­gewohnt. Gelei­tet wor­den sei die Ver­an­stal­tung von einem Akti­vis­ten des Kom­mu­nis­ti­schen Stu­die­ren­den­bun­des. Dane­ben habe auch ein Mit­glied von Stu­dents for Pal­es­tine gespro­chen sowie eine Per­son, die sich selbst als Mit­glied des AStA vor­ge­stellt und Unter­stüt­zung ange­bo­ten habe, etwa einen Tisch für einen Info­stand des BDS-Komitees bereitzustellen.

Der Kom­mu­nis­ti­sche Stu­die­ren­den­bund soll den Boy­kott israe­li­scher Gastdozent:innen an der Uni vor­ge­schla­gen haben

Dabei soll auch bespro­chen wor­den sein, wie der Boy­kott kon­kret aus­zu­se­hen habe. So soll der Kom­mu­nis­ti­sche Stu­die­ren­den­bund den Boy­kott israe­li­scher Gastdozent:innen an der Uni vor­ge­schla­gen haben. Auf die Nach­frage, ob dies für alle israe­li­sche Dozent:innen gel­ten solle, wurde eine Aus­nahme höchs­tens für Israe­lis ein­ge­räumt, die sich aktiv gegen den israe­li­schen Staat und für Paläs­tina ein­set­zen wür­den. Für Simon ist das eine Gesin­nungs­prü­fung. Und nicht nur das: Simon sagt über das Klima auf dem Uni-Gelände: »Ich fühle mich eigent­lich von jeder Insti­tu­tion auf dem Cam­pus im Stich gelas­sen. Ich weiß als jüdi­sche Per­son nicht, an wen ich mich im Falle einer Dis­kri­mi­nie­rung wen­den soll.«

Es gibt zwar ein offi­zi­el­les »Zen­trum für Anti­dis­kri­mi­nie­rung« des Uni­prä­si­di­ums. Auf Nach­frage ver­si­cherte der Pres­se­spre­cher der Uni­ver­si­tät, Alex­an­der Lemona­kis, gegen­über Untie­fen, dort würde auch israel­be­zo­ge­ner Anti­se­mi­tis­mus ernst genom­men. Zugleich ver­weist er aber in einer schrift­li­chen Stel­lung­nahme auf unsere Fra­gen dar­auf, dass stu­den­ti­sche Frei­räume auf dem Cam­pus »eigen­ver­ant­wort­lich von der Stu­die­ren­den­schaft ver­wal­tet und stu­den­ti­schen Grup­pen sowie Initia­ti­ven zur Nut­zung über­las­sen [wer­den]. Die Ver­ant­wor­tung liegt daher aus­schließ­lich beim AStA.«

Ich fühle mich als Jude abso­lut aus­ge­lie­fert am Cam­pus der UHH.

Das bestä­tigt Simon: »Die offi­zi­elle Stelle gegen Dis­kri­mi­nie­rung hat keine Hand­lungs­macht gegen Anti­se­mi­tis­mus.« Und das Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­re­fe­rat des AStA? »Dort­hin zu gehen, ist für mich sogar gefähr­lich, weil die Gefahr besteht, dass meine Daten und Aus­sa­gen an anti­se­mi­ti­sche und extre­mis­ti­sche Grup­pen wei­ter­ge­ge­ben wer­den.« Simon berich­tet wei­ter, dass er erst kürz­lich auf dem AStA-Weihnachtsmarkt von einer Stand­be­trei­be­rin der Gruppe Stu­dents for Pal­es­tine rassistisch-antisemitisch belei­digt wor­den sei, ohne dass jemand ein­ge­schrit­ten sei. Er resü­miert bit­ter: »Ich fühle mich als Jude abso­lut aus­ge­lie­fert am Cam­pus der UHH.«

Der Anti­se­mi­tis­mus im Anti­zio­nis­mus: Unter dem Hin­weis­schild zu den Ange­bo­ten des AStA auf dem Cam­pus sind Pla­kate in Soli­da­ri­tät mit Gei­seln der Hamas durch isla­mis­ti­sche Sti­cker über­klebt. Foto: privat.

Die Rolle der Hochschulleitung

Dass die offene Dis­kri­mi­nie­rung israe­li­scher Dozent:innen nicht vom Anti­se­mi­tis­mus zu tren­nen ist, mahnte auch der schei­dende Antisemitismus-Beauftragte der Stadt Ham­burg, Ste­fan Hen­sel, Anfang Dezem­ber an. In einem Instagram-Post ver­ur­teilte er die BDS-Aktivitäten an der Uni Ham­burg scharf, da der Auf­ruf zum aka­de­mi­schen Boy­kott »die Gren­zen der legi­ti­men Debat­ten­kul­tur« über­schrit­ten habe und das »Sicherheits- und Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl jüdi­scher und israe­li­scher Stu­die­ren­der, Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler sowie Beschäf­tig­ter« beeinträchtige.

Gegen­über Untie­fen erläu­terte Ste­fan Hen­sel, wie diese Beein­träch­ti­gung funk­tio­niert: »Ein aka­de­mi­scher Boy­kott rich­tet sich zwar for­mal gegen Insti­tu­tio­nen, wirkt jedoch fak­tisch auf Men­schen, da Hoch­schu­len soziale Räume sind. Bei­spiels­weise durch been­dete Koope­ra­tio­nen, zurück­ge­zo­gene Kon­fe­renz­ein­la­dun­gen oder ver­wei­gerte For­schungs­pro­jekte wird die aka­de­mi­sche Zuge­hö­rig­keit israe­li­scher und jüdi­scher Stu­die­ren­der und For­schen­der nicht nach indi­vi­du­el­ler Hal­tung, son­dern nach natio­na­ler oder eth­ni­scher Her­kunft bewer­tet.« Mehr noch, so Hen­sel, beruh­ten aka­de­mi­sche Boy­kotte »auf dem Prin­zip der Kol­lek­tiv­haf­tung, indem alle israe­li­schen Insti­tu­tio­nen pau­schal für staat­li­ches Han­deln ver­ant­wort­lich gemacht wer­den. Stu­die­rende müs­sen sich dadurch recht­fer­ti­gen, obwohl sie ja gar keine poli­ti­schen Akteure sind – ihre bloße Anwe­sen­heit wird poli­ti­siert. Dies führt häu­fig zu Rück­zug, etwa durch das Mei­den uni­ver­si­tä­rer Ver­an­stal­tun­gen, das Ver­ber­gen der eige­nen Her­kunft oder den Aus­tritt aus stu­den­ti­schen Gremien.«

In Reak­tion auf Hen­sels Kri­tik beteu­erte das Prä­si­dium der Uni­ver­si­tät Ham­burg, man habe kon­krete Schutz­maß­nah­men für jüdi­sche Stu­die­rende und Beschäf­tigte ergrif­fen. Gegen­über Untie­fen erläu­tert der Pres­se­spre­cher, neben dem genann­ten Zen­trum für Anti­dis­kri­mi­nie­rung gebe es Ver­trau­ens­per­so­nen für jüdi­sche Hoch­schul­an­ge­hö­rige, Fort­bil­dungs­an­ge­bote und einen inten­si­ven Aus­tausch mit jüdi­schen Insti­tu­tio­nen in Ham­burg. Jedoch enden all diese Bemü­hun­gen an der stu­den­ti­schen Selbst­ver­wal­tung, auf die das Prä­si­dium kei­nen Ein­fluss hat.

Das Verhältnis des AStA zur BDS Bewegung an der Uni Hamburg

Ein­fluss auf den AStA hat jedoch das Stu­die­ren­den­par­la­ment. Jeden Som­mer wird ein neues Stu­die­ren­den­par­la­ment gewählt, wel­ches die Inter­es­sen der Stu­die­ren­den­schafft ver­tre­ten soll und als aus­füh­ren­des Organ den AStA mit sei­nen Refe­ra­ten ein­setzt. Damit ist der AStA an die Wei­sun­gen des Stu­die­ren­den­par­la­men­tes gebun­den, auch bezüg­lich eines bereits bestehen­den Unver­ein­bar­keits­be­schlus­ses mit BDS von 2017.

Ange­sichts der ver­schie­de­nen Ver­an­stal­tun­gen in den Räum­lich­kei­ten des AStA drängt sich jedoch der gegen­tei­lige Ein­druck auf, dass sich näm­lich der All­ge­meine Stu­die­ren­den­aus­schuss offi­zi­ell den Zie­len der BDS-Bewegung ver­schrie­ben hat. Auf eine dies­be­züg­li­che Anfrage des RCDS ließ der AStA ledig­lich ver­lau­ten, dass er weder Kennt­nis vom Anti-BDS-Beschluss des StuPa, noch eine eigene Posi­tion zur BDS Bewe­gung habe.

Wir haben den AStA dar­auf­hin am 15. Dezem­ber gebe­ten, dazu Stel­lung zu neh­men. Warum unter­stützt der AStA die BDS-Bewegung trotz anders­lau­ten­dem Beschluss des StuPa? Und: Wie ver­ein­bart das »Refe­rat für Anti­dis­kri­mi­nie­rung« sei­nen Auf­trag damit, zugleich eine Kam­pa­gne zu unter­stüt­zen, die offen für die Dis­kri­mi­nie­rung von Israe­lis wirbt?
Auf unsere Anfrage konnte der AStA bis zur Ver­öf­fent­li­chung die­ses Bei­trags am 22.12. nur ver­mel­den, dass der zustän­dige Vor­stand lei­der schon im Weih­nachts­ur­laub sei und man daher vor Mitte Januar nicht Stel­lung nehme könne.

Vorbild BDS-Komitee an der FU Berlin

Ganz über­ra­schend dürf­ten die Ant­wor­ten aber ohne­hin nicht aus­fal­len, denn es gibt Vor­bil­der für die Ham­bur­ger Kam­pa­gne. Die Aktivist:innen han­deln offen­bar nach einem Schema, das bereits an der Freien Uni­ver­si­tät in Ber­lin erprobt wurde. Zunächst wer­den allen Ver­bin­dun­gen der Uni mit israe­li­schen Insti­tu­tio­nen erfasst. Info­ti­sche und Pro­pa­gan­da­ma­te­rial ver­fol­gen gleich­zei­tig das Ziel, Sym­pa­thie für das Thema zu erzeu­gen. Zudem wird ins­be­son­dere ver­sucht, Ein­fluss auf die stu­den­ti­sche Selbst­ver­wal­tung zu neh­men. Wie auch in Ham­burg tun sich in der Ber­li­ner BDS-Kampagne Akti­vis­ten der Gruppe Arbei­ter­in­nen­macht her­vor, allen voran der noto­ri­sche Isra­el­feind Georg Ismael, der zum Bei­spiel den im letz­ten Jahr durch die Poli­zei auf­ge­lös­ten Paläs­ti­na­kon­gress orga­ni­sierte.

Diese Par­al­le­len machen deut­lich, dass jüdi­sche Stu­die­rende der Uni Ham­burg nicht nur nicht durch die stu­den­ti­sche Inter­es­sen­ver­tre­tung reprä­sen­tiert sind, son­dern diese Ver­tre­tung aktiv an der Dis­kri­mi­nie­rung jüdi­scher und israe­li­scher Hoch­schul­an­ge­hö­ri­ger betei­ligt ist.

Dabei ist es kein Trost, dass es offen­bar die immer glei­chen isra­el­feind­li­chen und zum Teil anti­se­mi­ti­schen Aktivist:innen und Klein­grup­pen sind, die mit ihren Akti­vi­tä­ten an den Uni­ver­si­tä­ten ein israel- und juden­feind­li­ches Klima erzeu­gen und in eini­gen Fäl­len Juden:Jüdinnen direkt angrei­fen. Denn das ist nur mög­lich, weil ihre anti­zio­nis­ti­sche Stim­mungs­ma­che auf eine (Hochschul-)Gesellschaft trifft, die von Unsi­cher­hei­ten und einem Wunsch nach ein­fa­chen, ver­meint­lich radi­ka­len Erklä­run­gen gelei­tet ist. Und, weil kaum jemand die­sen Klein­grup­pen und Ein­zel­per­so­nen offen­siv entgegentritt.

Anna Meyer und Felix Jacob, Dezem­ber 2025

Veranstaltung 15.01.2026: Vom Mord an Neşet Danış bis heute. Deutsch-türkische extreme Rechte in Hamburg

Veranstaltung 15.01.2026: Vom Mord an Neşet Danış bis heute. Deutsch-türkische extreme Rechte in Hamburg

Am 15.01.2026 spre­chen wir mit Fatma Keser und Kim David Amon über Rechts­extre­mis­mus mit Türkei-Bezug in Ham­burg. 18.30 Uhr in der Locke.

Die Exis­tenz einer deutsch-türkischen extre­men Rech­ten wird in der deut­schen Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft in den letz­ten Jah­ren zuneh­mend deut­li­cher wahr­ge­nom­men. Doch obwohl »Graue Wölfe« in Ham­burg keine neue Erschei­nung sind, sind ihre Ideo­lo­gie, ihre Gewalt und ihre Opfer noch immer viel zu wenig bekannt. Als ers­tes Todes­op­fer die­ser Aus­prä­gung extrem rech­ter, islamistisch-nationalistischer Gewalt in der BRD gilt der tür­ki­sche Arbei­ter Neşet Danış, der Anfang Mai 1974 in Nor­der­stedt von tür­ki­schen Faschis­ten erschla­gen wurde.
Aus­ge­hend von Neşet Danış’ Geschichte wol­len wir dis­ku­tie­ren: Wer wird heute in Ham­burg von der deutsch-türkischen extre­men Rech­ten bedroht? Wie weh­ren sich die Betrof­fe­nen? Und wie kön­nen enga­gierte Zivil­ge­sell­schaft und anti­fa­schis­ti­sche Linke ihnen soli­da­risch bei­ste­hen?
Wir spre­chen mit Fatma Keser (Mit­grün­de­rin der Initia­tive Migran­tin­nen für Säku­la­ri­tät und Selbst­be­stim­mung und Vor­stands­mit­glied von Pek Koach – Jewish-Kurdish Women’s Alli­ance e.V.) und Kim David Amon (Refe­rent der Fach­stelle Tür­ki­scher Rechts­extre­mis­mus).
Orga­ni­siert von Bag­rut e.V. und Untie­fen – Stadt­ma­ga­zin gegen Ham­burg. Freund­lich geför­dert durch die Monom-Stiftung – Stif­tung für Ver­än­de­rung.

Wo? Locke (St. Pauli Fisch­markt 27, über Gol­den Pudel Club)
Wann? 15.01.2026, Ein­lass 18 Uhr, Beginn 18.30 Uhr.

Ein­tritt gegen Spende.

Im Anschluss Bar und Musik.

Als Ver­an­stal­tende behal­ten wir uns vor, von unse­rem Haus­recht Gebrauch zu machen und Per­so­nen, die extrem rech­ten Par­teien oder Orga­ni­sa­tio­nen ange­hö­ren, der extrem rech­ten Szene zuzu­ord­nen sind oder bereits in der Ver­gan­gen­heit durch anti­se­mi­ti­sche, ras­sis­ti­sche, völ­ki­sche, natio­na­lis­ti­sche, isla­mis­ti­sche oder sons­tige men­schen­ver­ach­tende Äuße­run­gen in Erschei­nung getre­ten sind, den Zutritt zur Ver­an­stal­tung zu ver­weh­ren oder von die­ser auszuschließen.

Gedenken an Ramazan Avcı

Gedenken an Ramazan Avcı

40 Jahre nach dem Mord an Rama­zan Avcı wird sei­ner in Ham­burg auf viel­fäl­tige Weise gedacht. Das beweist, dass sich erin­ne­rungs­po­li­tisch seit­her eini­ges getan hat – ins­be­son­dere dank migran­ti­scher Selbst­or­ga­ni­sie­rung und poli­ti­scher Initia­ti­ven. Ein Gast­bei­trag von Gas­ton Kirsche. 

Klare Ansage: So in etwa sol­len die Ban­ner auf dem neu gestal­te­ten Ramazan-Avcı-Platz aus­se­hen. Foto: © Antje Sauer. 

Vor 40 Jah­ren, am 21. Dezem­ber 1985, wurde Rama­zan Avcı an der S‑Bahnstation Land­wehr von meh­re­ren Nazi-Skinheads gejagt und fast tot­ge­schla­gen – mit­ten am Tag und auf offe­ner Straße. Drei Tage spä­ter erlag er sei­nen Ver­let­zun­gen. Die Unruhe und der Pro­test unter den Göç­men, den Ein­ge­wan­der­ten und – nach dem Mili­tär­putsch 1980 – aus der Tür­kei Geflüch­te­ten, war danach so groß, dass auch der Ham­bur­ger Senat den Mord nicht mehr als »Ein­zel­fall« klein­re­den konnte (mehr dazu in unse­rem Arti­kel »Ham­burgs Base­ball­schlä­ger­jahre«).

Proteste als Zäsur

Die auf Avcıs Tod fol­gen­den Pro­teste mach­ten ihn zu einer Zäsur: »Der Mord an Rama­zan mar­kiert in der Geschichte der Migra­tion einen Wen­de­punkt, jeden­falls für tür­kei­stäm­mige Men­schen«, so Gür­sel Yıl­dırım von der 2010 gegrün­de­ten Initia­tive zum Geden­ken an Rama­zan Avcı gegen­über dem Autor: »Am 11. Januar 1986 reagier­ten 15.000 Men­schen mit einer Groß­de­mons­tra­tion gegen soge­nannte Aus­län­der­feind­lich­keit und Ras­sis­mus.« Zur bis dahin größ­ten anti­ras­sis­ti­schen Demons­tra­tion in der Geschichte der BRD hat­ten zahl­rei­che auf die Tür­kei ori­en­tierte Ver­eine aus unter­schied­li­chen poli­ti­schen Krei­sen auf­ge­ru­fen, außerdm Sport- und Kul­tur­ver­eine bis hin zu Moscheen. Dem schlos­sen sich die »Grün-Alternative Liste« (GAL) und die gesamte außer­par­la­men­ta­ri­sche Linke an. 

Auch die Gewerk­schaf­ten rie­fen zu der Demons­tra­tion am 11. Januar 1986 auf, erin­nert Tanja Chawla im Gespräch mit dem Autor: »Das Bünd­nis Tür­ki­scher Ein­wan­de­rer wurde damals im DGB-Haus gegrün­det, heute ste­hen wir als Gewerk­schaft immer noch aktiv and der Seite der Opfer von ras­sis­ti­scher Gewalt und ihrer Ange­hö­ri­gen.« In den Ein­zel­ge­werk­schaf­ten waren bereits viele arbei­tende Migrant:innen orga­ni­siert, als die offi­zi­elle Poli­tik gegen­über den »Gast­ar­bei­tern« noch davon aus­ging, dass sie nur für eine begrenzte Zeit und ohne Mit­spra­che ein Auf­ent­halts­recht hät­ten. »Als Gewerk­schaft haben wir gelernt, dass Kon­flikte um Arbeit immer auch von der Debatte um Migra­tion und damit ein­her­ge­hend von Ras­sis­mus mit­ge­prägt wer­den«, betont Chawla: »Wir tra­gen hier eine Ver­ant­wor­tung im gesell­schaft­li­chen Dis­kurs. Und dabei ist für uns klar: Klare Kante gegen rechts und Ras­sis­mus und für eine plu­rale Gesell­schaft der Vielen.«

Wäh­rend in den Gewerk­schaf­ten aktive migran­ti­sche Mit­glie­der sich bereits in den acht­zi­ger Jah­ren gegen Ras­sis­mus enga­gier­ten, ver­sag­ten hier außer der GAL alle Par­teien in der Ham­bur­gi­schen Bür­ger­schaft: »Die eta­blier­ten Par­teien igno­rier­ten die Demo und zuvor lange Zeit auch die Ham­bur­ger Zustände«, betont Gür­sel Yıl­dırım. Sechs Monate zuvor war bereits Meh­met Kay­makçı von Nazis­kins ermor­det wor­den. Im All­tag erleb­ten Migrant:innen eine dras­ti­sche Zunahme rech­ter Gewalt. Aber, so Yıl­dırım, »tür­kisch­stäm­mige Jugend­li­che dreh­ten den Spieß um, besuch­ten Treff­punkte von Nazis und grün­de­ten Selbstverteidigung-Komitees.« Aus den Pro­tes­ten ent­stand außer­dem das Bünd­nis Tür­ki­scher Ein­wan­de­rer, da sich 2004 in Tür­ki­sche Gemeinde Ham­burg und Umge­bung e.V. (TGH) umbe­nannte. Seit 2010 ver­an­stal­tet die Geden­kinitia­tive jedes Jahr am 21. Dezem­ber eine Kund­ge­bung am Tat­ort, der seit 2012 nach Rama­zan Avcı benannt wurde. 

Mit­glie­der der Ramazan-Avcı-Initiative, dar­un­ter Avcıs Witwe, nach der Umbe­nen­nung des Plat­zes. Foto: © Kemal Dogan.

Hamburgs Baseballschlägerjahre

Ver­gan­gene Woche ver­an­stal­te­ten die Bür­ger­schafts­frak­tion der Lin­ken und die Rosa-Luxemburg-Stiftung Ham­burg in Koope­ra­tion mit der Initia­tive zum Geden­ken an Rama­zan Avcı eine Ver­an­stal­tung im Rat­haus. Neben Ünal Zeran von der Geden­kinitia­tive saßen auf dem Podium Felix Krebs und Flo­rian Schu­bert, die Autoren des die­ses Jahr im VSA-Verlag erschie­ne­nen Buchs Ham­burgs ›Base­ball­schlä­ger­jahre‹ über rechte und ras­sis­ti­sche Gewalt in den acht­zi­ger Jah­ren. Drei Kapi­tel des Buchs wid­men sich dem Mord an Rama­zan Avcı und den Reak­tio­nen dar­auf. Im Gespräch mit dem Autor erin­nert Felix Krebs daran, mit wel­cher Begrün­dung sich die damals in Ham­burg allein regie­rende SPD einer Teil­nahme an der Gedenk­demo am 11. Januar 1986 ver­wei­gerte. Der Spre­cher der Lan­des­ge­schäfts­stelle der allein­re­gie­ren­den SPD habe zum beab­sich­tig­ten Fern­blei­ben erklärt: »In die­ser Stadt pas­siert ja jeden Tag viel.« 

»Damit sind wir bei denen, für die der Mord keine Zäsur war: der Poli­zei, der Staats­an­walt­schaft, dem Gericht und den Par­teien SPD, CDU und FDP«, kri­ti­siert Krebs. Für sie sei der Mord nur ein Tot­schlag gewe­sen, also nicht ras­sis­tisch oder poli­tisch moti­viert, son­dern eher ein Pro­blem jugend­li­cher Gewalt­kri­mi­na­li­tät: »Dem­entspre­chend wurde der Staats­schutz auch nicht zu den Ermitt­lun­gen hin­zu­ge­zo­gen, der neo­na­zis­ti­sche Cha­rak­ter der Skin­heads wurde geleug­net. Statt mit einer poli­ti­schen Stra­te­gie gegen Ras­sis­mus und Neo­na­zis ant­wor­tete die regie­rende SPD mit Ver­leug­nung, mit der For­de­rung nach einem här­te­ren Migra­ti­ons­re­gime und mit einem Fan­pro­jekt für Skins.« Die­ses Pro­jekt würde nach heu­ti­gen Stan­dards wohl als »akzep­tie­rende Sozi­al­ar­beit« gel­ten. »Man wollte die Gewalt von der Straße bekom­men, ohne den Ras­sis­mus zu the­ma­ti­sie­ren«, so Krebs: »Das hat­ten dann auch die Neo­na­zis und Skin­heads verstanden.«

Der Pro­zess gegen die Mör­der von Rama­zan Avcı endete mit mil­den Ver­ur­tei­lun­gen wegen Tot­schlags: Ralph Lach, der mit einem Axt­stiel auf den Kopf des am bereits am Boden lie­gen­den Opfers ein­schlug, wurde zu zehn Jah­ren Haft ver­ur­teilt, Uwe Podein zu sechs Jah­ren Jugend­haft, Vol­ker Kumm­row und René Wulff zu je drei Jah­ren und sechs Mona­ten und Nor­bert Batsch­kus zu einem Jahr Jugend­haft. »Obwohl es sich bei den Tätern um bereits mehr­fach auf­ge­fal­lene Skin­heads mit Ver­bin­dun­gen zu Nazi­szene han­delte, schloss Ham­burgs Poli­zei­prä­si­dent Die­ter Hee­ring (SPD) vor­ei­lig einen poli­tisch moti­vier­ten Hin­ter­grund aus und gab damit die Rich­tung vor«, so Gür­sel Yıl­dırım: »Die Täter seien nicht fest orga­ni­siert, eine poli­ti­sche Ziel­set­zung sei erkenn­bar nicht vor­han­den. Dabei musste er als Sicher­heits­chef Ham­burgs gewusst haben, dass die Täter aus dem Umfeld der FAP stam­men und zudem einer der Täter, René Wulff, der Bru­der von Nazi­größe Tho­mas Wulff war.«

Schlag­zeile der Ber­ge­dor­fer Zei­tung, 10.1.1986 (Aus­schnitt).

»Auftrag an unser heutiges Handeln«

Auf der Gedenk­ver­an­stal­tung im Ham­bur­ger Rat­haus kam aus dem Publi­kum die Frage, ob sich seit dem Mord an Rama­zan Avcı etwas geän­dert hätte: »1985 war nur 40 Jahre nach dem Natio­nal­so­zia­lis­mus – so lange, wie der Mord an Rama­zan Avcı jetzt her ist. Viele Ämter waren noch mit alten Nazis besetzt«, so Ünal Zeran: »Es hatte keine wirk­li­che Ent­na­zi­fi­zie­rung statt­ge­fun­den, die alten Nazis hat­ten kein Inter­esse daran, Ras­sis­mus und Neo­na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu bekämpfen.«

Heute habe ein Drit­tel der Bevöl­ke­rung eine Migra­ti­ons­ge­schichte in der Fami­lie, was sich auch in Akti­vi­tä­ten der Zivil­ge­sell­schaft zeige: Trotz Rechts­ent­wick­lung seien auch Erfolge erkämpft wor­den, etwa die Bera­tung für Opfer anti­se­mi­ti­scher oder ras­sis­ti­scher Gewalt. Doch klar sei auch, dass die rea­len Zah­len rech­ter Angriffe »viel höher als die des BKA« seien. Die beste Art, Soli­da­ri­tät mit den Ange­hö­ri­gen und Opfern ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Gewalt zu üben, seien garan­tier­tes Blei­be­recht und finan­zi­elle Absi­che­rung – als kla­res Signal, dass sie in die Gesell­schaft gehören.

Dass Opfer rech­ter Gewalt im öffent­li­chen Dis­kurs heute viel stär­ker wahr­ge­nom­men wer­den als vor 40 Jah­ren, zeigt sich auch beim HSV. Die Mör­der von Rama­zan Avcı tra­ten damals als HSV-Fans auf. In Zusam­men­ar­beit mit der Initia­tive zum Geden­ken an Rama­zan Avcı orga­ni­sierte das Netz­werk Erin­ne­rungs­ar­beit zusam­men mit dem Ver­ein daher schon 2022 eine Aus­stel­lung zur Kri­tik von rechts­extre­men Fan-Aktivitäten. Im Novem­ber wurde die Aus­stel­lung mit dem Titel »Ins rechte Licht gerückt« noch ein­mal in der Zen­tral­bi­blio­thek am Hüh­ner­pos­ten gezeigt. »Der Mord an Rama­zan Avcı beginnt mehr und mehr Teil der geleb­ten Erin­ne­rungs­kul­tur des HSV zu wer­den«, erklärte das HSV-Presseteam auf Anfrage. Der Mord »steht heute stell­ver­tre­tend für die Ver­säum­nisse von Orga­ni­sa­tio­nen und Insti­tu­tio­nen, wie dem HSV, bei der Wahr­neh­mung ihrer gesell­schafts­po­li­ti­schen Ver­ant­wor­tung, dadurch wirkt er als Auf­trag an unser heu­ti­ges Han­deln«. Unter den HSV-Fans herr­sche heute ein ande­res poli­ti­sches Klima als in den acht­zi­ger Jah­ren: »Heute wer­den ras­sis­ti­sche Gewalt und auch dis­kri­mi­nie­rende Äuße­run­gen vom aller­größ­ten Teil der HSV-Fans abge­lehnt«, so das HSV-Presseteam: »Das heißt nicht, dass es kein Poten­zial dafür mehr gibt; es heißt aber, dass nicht mehr unwi­der­spro­chen Gewalt, sei sie ver­bal oder kör­per­lich, aus­ge­übt wer­den kann, und dass eine deut­li­che Mehr­heit sich klar dage­gen posi­tio­niert.« Ein Zei­chen für ein Umden­ken ist ein Graf­fiti im Volks­park­sta­dion des HSV: »Love Ham­burg, Hate Racism«. 

Die Etablierung des Gedenkens

Auch der Umgang der Poli­tik mit dem Thema hat sich ver­än­dert. Wenn am 21. Dezem­ber das neu­ge­stal­tete Denk­mal für Rama­zan Avcı zusam­men mit neuen Gedenk­ta­feln ein­ge­weiht wird, geschieht das mit Unter­stüt­zung des Bezirks­amts Hamburg-Nord unter­stützt. Die von Stu­die­ren­den der Ham­bur­ger Hoch­schule für Bil­dende Künste (HfBK) kon­zi­pier­ten Gedenk­ta­feln wur­den von der Ham­bur­ger Kul­tur­be­hörde geför­dert. Zuvor war am 24. März 2025 im Regio­nal­aus­schuss Barmbek-Uhlenhorst-Hohenfelde-Dulsberg der Bezirks­ver­samm­lung Ham­burg Nord die Umset­zung des Ent­wurfs für die Neu­ge­stal­tung beschlos­sen wor­den – frak­ti­ons­über­grei­fend von SPD, CDU, FDP, den Grü­nen, der Lin­ken und VOLT.

»Mit dem aktu­el­len Ent­wurf wird der Ramazan-Avcı-Platz nicht aus­schließ­lich als Ort eines ras­sis­ti­schen Ver­bre­chens, son­dern auch als Raum der akti­ven anti­ras­sis­ti­schen Erin­ne­rungs­ar­beit und des Wider­stan­des der migran­ti­schen Com­mu­ni­ties seit den 1980er Jah­ren ver­stan­den«, erläu­tert Irini von der Arbeits­gruppe Ramazan-Avcı-Platz der HfBK. Zwei Metall­ta­feln mit einer Höhe von 2 Meter und einer Breite von 3 Meter zei­gen Namen und Lebens­da­ten sowie auf Deutsch und Tür­kisch die Aus­sage »Ras­sis­mus Mor­det«. Die Tafeln sind gra­fisch und for­mal an poli­ti­sche Hoch­trans­pa­rente ange­lehnt. Sie sind zur Straße hin aus­ge­rich­tet und behaup­ten sich durch ihre Größe inner­halb der Infor­ma­ti­ons­fülle des Standorts. 

Zusätz­lich wer­den zwei Metall­pfei­ler instal­liert, um wech­selnde Ban­ner anzu­brin­gen. Diese erin­nern an wei­tere Opfer ras­sis­ti­scher Gewalt in Ham­burg wie den vom NSU erschos­se­nen Süley­man Taş­köprü oder den in Poli­zei­ge­wahr­sam zu Tode gekom­me­nen Ach­idi John. Die Ban­ner zei­gen eine struk­tu­relle Kon­ti­nui­tät auf und for­dern einen akti­ven Anti­fa­schis­mus. Im Zen­trum des Plat­zes soll ein Gedenk­stein des Bild­hau­ers Van Ngan Hoang errich­tet wer­den, der nach den Wün­schen von Gülü­stan Ayas-Avcı gestal­tet wird, Rama­zan Avcıs Witwe. Das inte­grierte Motiv der Rose steht sym­bo­lisch für ihre Her­kunft Isparta in der Türkei. 

»Wir ver­ste­hen Erin­ne­rungs­kul­tur als han­delnde Pra­xis, die Leh­ren aus der Geschichte für die Gegen­wart und Zukunft zieht«, so Irini von der Arbeits­gruppe Ramazan-Avcı-Platz: »Das Sicht­bar­ma­chen der Namen und Geschich­ten im öffent­li­chen Raum kann dem Ver­ges­sen ent­ge­gen­wir­ken. Tafeln und Gedenk­steine kön­nen diese Auf­gabe aber nicht stell­ver­tre­tend über­neh­men. ›Kein Ver­ge­ben, Kein Ver­ges­sen‹ ist der Auf­ruf zum Kampf gegen den Rechts­ruck in Poli­tik und Gesell­schaft.« Rama­zan Avcı wird in Ham­burg nicht ver­ges­sen werden.

Gas­ton Kirsche

Eine kür­zere Fas­sung die­ses Bei­trags erschien am 18.12.2025 im nd.


Gedenk­ver­an­stal­tung mit Kund­ge­bung und Denk­mal­ein­wei­hung: Sonn­tag, 21. 12. 2025, 14 Uhr, Ramazan-Avcı-Platz, S‑Bahn Hal­te­stelle Land­wehr. Bitte Blu­men, Ker­zen und Trans­pa­rente mit­brin­gen. Natio­nal­flag­gen sind unerwünscht.

Nach der Kund­ge­bung stellt die benach­barte Beruf­li­che Schule (BS05) im Rah­men einer Koope­ra­tion ihre Räume für einen Emp­fang zur Verfügung.

Grüner Schlussstrich

Grüner Schlussstrich

Seit der Prä­sen­ta­tion des Ent­wurfs für den Opern­neu­bau scheint die Kri­tik an den Plä­nen ver­stummt zu sein. Offen­bar über­zeugt die Oper auch durch das Ange­bot eines öffent­li­chen Parks. Unter dem Grün ver­schwin­det jedoch nicht nur die NS-Vergangenheit Kühne + Nagels. Auch sind – wie der soge­nannte »Grüne Bun­ker« zeigt – erheb­li­che Zwei­fel an dem Ver­spre­chen einer Frei­flä­che für alle ange­bracht.

Gut ger­en­dert ist halb gebaut? Der im Novem­ber 2025 vor­ge­stellte Sie­ger­ent­wurf der geplan­ten Oper, © BIG & Yanis Amasri Sierra, Madrid, Spain.

Wer die öffent­li­che Aus­stel­lung im soge­nann­ten Info­cen­ter der Hafen­City Ham­burg GmbH betritt, möchte mei­nen, sich in der Tür geirrt zu haben. Das dor­tige Gru­sel­ka­bi­nett stadt­pla­ne­ri­schen Schei­terns wirkt doch eher wie eine Schau­er­ge­schichte aus dem nicht weit ent­fern­ten Ham­bur­ger Dun­geon. So begrüßt die Aus­stel­lung ihre Besucher:innen mit einem Auf­stel­ler über eine pro­mi­nente Bau­ruine: »Mit 245 Metern wird der Elb­tower der SIGNA Prime Sel­ec­tion AG das höchste Gebäude in Ham­burg«, heißt es dort nach wie vor – obwohl SIGNA längst insol­vent ist und die Turm­bau­pläne schon auf 199 Meter gestutzt wur­den. Rechts davon lobt ein wei­te­rer Auf­stel­ler die »Neu­in­tepre­ta­tion Ham­bur­ger Werte und Kul­tur«, die das West­field Ein­kaufs­zen­trum vor­ge­nom­men hätte. Fei­erte es zwar nach eini­ger Ver­zö­ge­rung im Früh­jahr 2025 seine Eröff­nung, gab es doch reich­lich Kri­tik an dem Bau – nicht nur an sei­nem »gestalterische[n] Stumpf­sinn« (Die ZEIT), son­dern auch und vor allem an den kata­stro­pha­len Arbeits­be­din­gun­gen auf der Bau­stelle, denen min­des­tens sechs Arbei­ter zum Opfer fielen.

Nun zeigt das Info­cen­ter die Ent­würfe des Archi­tek­tur­wett­be­werbs für die Oper, die auf dem nahe­ge­le­ge­nen Baa­ken­höft ent­ste­hen soll. Und es wäre zu hof­fen, dass die­ses Pro­jekt sich bald in das Gru­sel­ka­bi­nett stadt­pla­ne­ri­schen Schei­terns ein­reiht, idea­li­ter gar nicht erst gebaut wird. Seit der umju­bel­ten Prä­sen­ta­tion des Sie­ger­ent­wurfs scheint das jedoch in weite Ferne gerückt zu sein. Die zuvor noch laut­stark zu ver­neh­mende Kri­tik an der Oper ist nahezu ver­stummt. Weder waren auf der Pres­se­kon­fe­renz am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag kri­ti­sche Fra­gen zu hören, noch über­wog in der anschlie­ßen­den Bericht­erstat­tung der Zwei­fel daran, ob Ham­burg eine neue Oper braucht. Und – wird letz­te­res bejaht – ob sie an dem vor­ge­se­he­nen Ort errich­tet und dann auch noch von Klaus-Michael Kühne bezie­hungs­weise von des­sen Stif­tung finan­ziert wer­den sollte.

Karte aus dem Jahr 1912 (Aus­schnitt): Mar­kiert sind rechts der Schup­pen 25, oben der Han­no­ver­sche Bahn­hof und unten links der Baa­ken­höft, auf dem heute die Oper gebaut wer­den soll. 

Neben dem unde­mo­kra­ti­schen Ver­ständ­nis einer Stadt­pla­nung im Hin­ter­zim­mer und der kolo­nia­len Ver­gan­gen­heit des Ortes, an dem die Oper gebaut wer­den soll, war ins­be­son­dere die nicht­auf­ge­ar­bei­tete Geschichte Kühne + Nagels ins Blick­feld der Debatte um die Opern­pläne gera­ten. Nach­weis­lich hatte das Logis­tik­un­ter­neh­men im Natio­nal­so­zia­lis­mus von der Ver­fol­gung der euro­päi­schen Jüdin­nen und Juden pro­fi­tiert. Teile des von Kühne + Nagel trans­por­tier­ten Raub­guts wur­den sogar im Schup­pen 25 zwi­schen­ge­la­gert, der sich sei­ner­zeit in unmit­tel­ba­rer Nähe zum Baa­ken­höft befand. All das scheint nun ver­ges­sen: In sei­nem Kom­men­tar für den Nord­deut­schen Rund­funk etwa bewer­tet der Thea­ter­kri­ti­ker Peter Hel­ling den Ent­wurf als »Game­ch­an­ger«. Hätte er die Opern­pläne bis­lang auf­grund der NS-Verstrickungen von Küh­nes Vater abge­lehnt, sei er nun trotz »Bauch­schmer­zen« von dem Ent­wurf – »ein gebau­tes Bekennt­nis zu Demo­kra­tie und Tole­ranz« – über­zeugt. Im Ver­lauf der wei­te­ren Pla­nung müsse nur der »Umgang gro­ßer Ham­bur­ger Mäzene und Stif­tun­gen mit ihrer NS-Vergangenheit« debat­tiert werden.

Das Versprechen – ein öffentlicher Park

Auch ins­ge­samt waren die Reak­tio­nen sei­tens Presse und Poli­tik auf den mit gro­ßem Auf­wand visua­li­sier­ten Opern­haus­ent­wurf gera­dezu über­schwäng­lich. Jedoch stand dabei gar nicht so sehr das Gebäude selbst als viel­mehr das geplante Grün drum­herum im Mit­tel­punkt. Auf der Pres­se­kon­fe­renz etwa beton­ten sowohl Peter Tsch­ent­scher und Cars­ten Brosda als auch ein Ver­tre­ter der Kühne-Stiftung, dass um und auf der Oper ein Park als öffent­li­cher Frei­raum ent­stünde. Andreas Kleinau, Vor­sit­zen­der der Geschäfts­füh­rung der Hafen­City Ham­burg GmbH, ver­wies dar­auf, dass die Park­an­lage nicht nur für alle begeh- und erleb­bar sein, son­dern dass sie auch einen Bei­trag zur Bio­di­ver­si­tät leis­ten werde. Katha­rina Fege­bank mel­dete sich auf Insta­gram zu Wort: »So frisch, so grün!« Auch sie sprach von »Nach­hal­tig­keit und Bio­di­ver­si­tät« sowie einer »Ein­la­dung […] an alle Menschen«. 

Fast wie in Kam­pen – der öffent­li­che Park »für alle« scheint vor allem Zweit­haus­be­sit­zer anspre­chen zu wol­len, © BIG & Yanis Amasri Sierra, Madrid, Spain.

Diese Reak­tio­nen zeu­gen natür­lich zunächst ein­mal vor allem von der Sug­ges­tiv­kraft, die von der Hoch­glan­z­äs­the­tik des hyper­rea­lis­ti­schen Ren­de­rings aus­geht. Aber tat­säch­lich ver­schwin­det in dem gefäl­li­gen Ent­wurf des Archi­tek­ten Bjarke Ingels das eigent­li­che Opern­haus hin­ter einem Park, der eine nord­deut­sche Küs­ten­land­schaft imi­tiert. Auf einem sich um das Gebäude herum schwin­gen­den Pfad wür­den die Besucher:innen empor­stei­gen sowie Ein- und Aus­bli­cke erle­ben kön­nen, Ter­ras­sen mit Sitz­ge­le­gen­hei­ten sol­len zum Ver­wei­len ein­la­den. Die Oper wäre damit ein Ort für alle Hamburger:innen, wie es nahezu ein­stim­mig vom Archi­tek­ten sowie von Presse und Poli­tik zu hören ist.

Falsche Versprechen – von grünen Bunkern und Opernhäusern

Unter dem Grün des Parks ver­schwin­det jedoch nicht nur das Opern­haus, son­dern auch die gerecht­fer­tigte Kri­tik an dem Bau. Im wahrs­ten Sinne des Wor­tes scheint nun Gras – und Strand­ha­fer – über die NS-Vergangenheit Kühne + Nagels sowie die Kolo­ni­al­ge­schichte des Ortes zu wach­sen: Keine Geschichts­spur, kein Mahn­mal stört die all­seits betonte »Har­mo­nie« des Ent­wurfs. Im von Fege­bank so eupho­risch begrüß­ten ›fri­schen Grün‹ sol­len keine Erin­ne­run­gen an Ver­gan­ge­nes wach wer­den. Weder daran, dass von hier vor gut 120 Jah­ren die Kolo­ni­al­trup­pen zum Völ­ker­mord in Deutsch-Südwestafrika auf­bra­chen, noch daran, dass nur rund 500 Meter Luft­li­nie ent­fernt der ehe­ma­lige Han­no­ver­sche Bahn­hof liegt, von dem unter ande­rem auch Adolf und Käthe Maass depor­tiert wurden.

Erstaun­lich ist jedoch auch, dass das mit Verve vor­ge­tra­gene Ver­spre­chen eines öffent­li­chen Parks bis­lang nicht auf eine gehö­rige Por­tion Skep­sis gesto­ßen ist. Schließ­lich erin­nert der Opern­ent­wurf an den soge­nann­ten »Grü­nen Bun­ker« an der Feld­straße, der seit ver­gan­ge­nem Som­mer das Gru­sel­ka­bi­nett stadt­pla­ne­ri­schen Schei­terns erweitert.

Auch der Bun­ker war einst, um das Jahr 2015, als öffent­li­cher Park ver­spro­chen wor­den, von einem »Gar­ten vie­ler« und sogar einer »völ­lig neuen Stadt­na­tur« war sei­ner­zeit die Rede. Nun führt zwar in der Tat – ähn­lich zum Opern­ent­wurf – ein zumin­dest leicht begrün­ter Pfad um den Bun­ker herum und an des­sen Ende war­tet auch ein Dach­gar­ten auf die Besucher:innen. Ein öffent­li­cher Park ist dort jedoch nicht ent­stan­den: Nicht nur fin­den sich wenige Sitz­ge­le­gen­hei­ten, die tat­säch­lich zum Ver­wei­len ein­la­den, wie es eben­falls ver­spro­chen wor­den war, auch sind mit­ge­brachte Getränke und Spei­sen ver­bo­ten, sodass der Weg recht bald wie­der nach unten füh­ren muss. Die Macher:innen des Bun­kers hat­ten diese Ver­bote damit begrün­det, dass die Besucher:innen zu viel Müll hin­ter­lie­ßen, doch hin­gen die Ver­bots­schil­der spä­tes­tens am Tag nach der Eröff­nung am Ein­gang. Letz­te­rer war­tet wie­derum mit mar­tia­li­schen Toren auf, die von einem Sicher­heits­dienst bewacht wer­den – der Zutritt ist stark begrenzt, häu­fig bil­den sich lange Schlan­gen. Und auch die üppige Vege­ta­tion, wie sie auf ers­ten Visua­li­sie­run­gen des »Grü­nen Bun­kers« und bal­di­gen Pla­nungs­ent­wür­fen zu sehen war, ist noch nicht in der ver­spro­che­nen Form gewachsen.

Zur Marke gemacht – der »Grüne Bun­ker« im Som­mer 2024, Foto: privat.

Vie­les, was ansäs­sige Initia­ti­ven am »Grü­nen Bun­ker« bereits um das Jahr 2015 kri­ti­siert hat­ten, bewahr­hei­tete sich also. Dazu gehört nicht zuletzt die Kri­tik an der wei­te­ren Gen­tri­fi­zie­rung des Vier­tels sowie der Auf­wer­tung des Gebäu­des über des­sen Begrü­nung. Von dem weni­gen Gestrüpp auf dem nach wie vor wei­test­ge­hend grauen Bun­ker pro­fi­tie­ren heute weni­ger die Anwohner:innen als viel­mehr der Inves­tor, der die im Inne­ren des Bun­kers und durch den Auf­bau deut­lich erwei­ter­ten Flä­chen ver­mie­tet und vermarktet.

Wer profitiert?

Wer pro­fi­tiert also von einer begrün­ten Oper? Die Natur, wie es von­sei­ten der Hafen­City GmbH oder auch von Fege­bank zu hören ist, wohl nur bedingt: Ginge es tat­säch­lich um Bio­di­ver­si­tät, bedürfte es ande­rer land­schafts­ge­stal­te­ri­scher Initia­ti­ven. Mit dem soge­nann­ten »Platin-Standard des Hafen­city Umwelt­zei­chen« wurde übri­gens auch das Beto­n­un­ge­tüm Elb­tower zer­ti­fi­ziert. Ob die Stadt­ge­sell­schaft tat­säch­lich eine neue Frei­flä­che erhält, wie es von allen Betei­lig­ten mit Nach­druck betont wird, ist mit Blick auf den »Grü­nen Bun­ker« zumin­dest frag­wür­dig: Wird man wirk­lich dort, wie es ein öffent­li­cher Park ermög­li­chen sollte, mit einem mit­ge­brach­ten Getränk die Aus­sicht genie­ßen kön­nen? Skep­sis ist zumin­dest angebracht.

Die Stadt hofft nicht nur auf einen kos­ten­güns­ti­gen Opern­neu­bau, der gerne als »Geschenk« Küh­nes bezeich­net wird, son­dern ver­spricht sich von dem auf­se­hen­er­re­gen­den Ent­wurf auch, Ham­burg als Kul­tur­stadt in der Welt bekannt zu machen, wie es etwa Peter Tsch­ent­scher bei der Pres­se­kon­fe­renz aus­drückte. Dabei spie­len sowohl spek­ta­ku­läre Bau­ten – mitt­ler­weile wird mit Bezug auf das von Frank Gehry gestal­tete Guggenheim-Museum auch vom Bilbao-Effekt gespro­chen – als etwa auch große Kultur- und Sport­events wie die Olym­pi­schen Spiele eine zen­trale Rolle in der seit eini­gen Jahr­zehn­ten zu beob­ach­ten­den glo­ba­len Kon­kur­renz der Metro­po­len um Human- und Finanzkapital.

Ob das wohl Strand­kie­fern­holz ist? Modell des Sie­ger­ent­wurfs der geplan­ten Kühne-Oper, Foto: pri­vat.

Das Ver­spre­chen des öffent­li­chen Parks und damit einer Frei­flä­che für alle dient inso­fern auch dazu, der lau­ten Kri­tik an der Kühne-Oper eine posi­tive Vision ent­ge­gen­zu­set­zen. Das begrünte Dach ver­mag – wie beim Bun­ker – ein Vehi­kel zu sein, der Stadt­ge­sell­schaft ein unbe­lieb­tes Pro­jekt schmack­haft zu machen. Damit hatte der Ent­wurf des Opern­hau­ses offen­sicht­lich bereits Erfolg. Das Pro­blem ist nur: Hier geht es nicht allein um die Inter­es­sen von Investor:innen, son­dern auch um erin­ne­rungs­kul­tu­relle Fra­gen und den Umgang der Stadt mit der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­gan­gen­heit ansäs­si­ger Fir­men und ihrer Inhaber:innen.

Kein grüner Schlussstrich

Wer es ein­mal trotz lan­ger Schlan­gen und Ein­lass­kon­trol­len auf den »Grü­nen Bun­ker« schafft und von dort aus gen Süd­os­ten schaut, könnte bei gutem Wet­ter und mit einem Fern­glas bewaff­net womög­lich Teile des Baa­ken­höfts sehen. Zwi­schen dem Ort der pro­jek­tier­ten Oper und dem grün­grauen Dach­gar­ten lie­gen wie­derum die Gro­ßen Wall­an­la­gen – mitt­ler­weile ein Teil von Plan­ten un Blo­men. Sie las­sen sich auch ganz ohne Fern­glas vom Bun­ker­dach beob­ach­ten. Die­ser tat­säch­lich öffent­li­che Park wurde nach dem Zwei­ten Welt­krieg aus nicht wei­ter ver­wert­ba­ren Trüm­mern der zer­bomb­ten Stadt model­liert. Wie an vie­len Orten die­ser und wei­te­rer deut­scher Groß­städte ent­stan­den aus Schutt­mas­sen öffent­li­che Grün­flä­chen. In den Augen der sei­ner­zei­ti­gen Pla­ner waren die aus den Trüm­mern wach­sen­den Pflan­zen nicht nur ein Zei­chen der Hoff­nung, son­dern auch eine Mög­lich­keit des Ver­ges­sens. Unter Bäu­men, Sträu­chern und Grä­sern ver­schwand so man­ches, was an Schuld und Krieg erin­nerte. Einen wei­te­ren grü­nen Schluss­strich soll­ten wir nicht zulassen.

Johan­nes Rad­c­zinski, Novem­ber 2025

Der Autor emp­fiehlt eine (Re-)Lektüre des im ver­gan­ge­nen Som­mer auf Untie­fen erschie­ne­nen Arti­kels über den soge­nann­ten »Grü­nen Bun­ker« und weist auf die Peti­tion gegen die geplante Oper hin.

Angriff der Stuckstaffel

Angriff der Stuckstaffel

Die Ver­su­che kon­ser­va­ti­ver und rech­ter Akteure, durch die Rekon­struk­tion alter Gebäude das Stadt­bild gemäß ihrer poli­ti­schen Pro­gram­ma­tik umzu­ge­stal­ten, neh­men in vie­len deut­schen Städ­ten zu. Auch in Ham­burg plä­diert die AfD für den gebau­ten Geschichts­re­vi­sio­nis­mus. Am Schul­ter­blatt wur­den der­weil stei­nerne Tat­sa­chen geschaf­fen.

Der neue Alt­bau am Schul­ter­blatt 37–39 im Sep­tem­ber 2025, Foto: privat

Es gibt keine genuin rechte Archi­tek­tur, aber offen­sicht­lich gibt es Archi­tek­tur, die Kon­ser­va­ti­ven und Rech­ten gefällt. Ein Bei­spiel dafür fin­det sich seit eini­ger Zeit unweit der Roten Flora, am Schul­ter­blatt 37–39. Wo viele Jahre eine Bau­lü­cke klaffte, steht seit etwas mehr als zwei Jah­ren wie­der ein Wohn­haus. Durch seine grün­der­zeit­li­che Archi­tek­tur wirkt es, als bli­cke seine Fas­sade bereits seit der Jahr­hun­dert­wende über das Kopf­stein­pflas­ter. Es ist jedoch, wie gesagt, ein Neubau.

Der Ver­ein Stadt­bild Deutsch­land zeich­nete das Haus 2023 als »Gebäude des Jah­res« aus. Drei Jahre zuvor hatte er den umstrit­te­nen Wie­der­auf­bau des Ber­li­ner Stadt­schlos­ses prä­miert; 2018 ein Haus in der soge­nann­ten Neuen Frank­fur­ter Alt­stadt. Nicht zufäl­lig waren an den bei­den letzt­ge­nann­ten Pro­jek­ten auch Rechte und Rechts­extreme finan­zi­ell und ideell betei­ligt. Diese Form der Rekon­struk­ti­ons­ar­chi­tek­tur lässt sich mit dem Archi­tek­tur­kri­ti­ker Phil­ipp Oswalt als Iden­ti­täts­po­li­tik begrei­fen; der Archi­tek­tur­theo­re­ti­ker Ste­phan Trüby spricht von rech­ten Räu­men. Aus dem Stadt­bild wer­den sowohl die eman­zi­pa­to­ri­schen Ideen der Moderne als auch die Spu­ren natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Herr­schaft getilgt. Städ­te­bau­lich wird die Zeit zurück­ge­dreht: In der deut­schen Geschichte vor dem Ers­ten Welt­krieg fin­det sich eine ver­meint­lich unbe­las­tete Hei­mat, ein posi­ti­ver Identitätsanker. 

Pro­mi­nente Rekon­struk­ti­ons­ar­chi­tek­tur – das Ber­li­ner Stadt­schloss, Foto: Aus­le­se­Bee­ren, Wiki­me­dia Com­mons, CC BY-SA 4.0.

Der Ver­ein, der dem Haus am Schul­ter­blatt den Preis ver­lieh, lässt sich zumin­dest als rechts­of­fen ver­ste­hen. Etwa unter­stützte er auch den Wie­der­auf­bau der Gar­ni­son­kir­che in Pots­dam – für Trüby ein »Nexus von rech­tem Gedan­ken­gut, Geschichts­re­vi­sio­nis­mus und Rekon­struk­ti­ons­en­ga­ge­ment«, wie er 2024 in einem Bei­trag in der Zeit­schrift dérive schrieb. Womög­lich ist es auch kein Zufall, dass die Mit­glie­der des Ver­eins sich 2023 per Online-Abstimmung für ein Wohn­haus im Schan­zen­vier­tel ent­schie­den, das Unkun­di­gen nach wie vor als links­al­ter­na­tiv gilt.

Die Stadt als Arena des Kulturkampfes

Tat­säch­lich ist die gebaute Umwelt unse­rer Städte längst zu einer Arena des Kul­tur­kamp­fes gewor­den, den die Rechte immer erfolg­rei­cher bestrei­tet. Davon zeu­gen nicht zuletzt Instagram-Seiten und Facebook-Gruppen mit tau­sen­den Follower:innen wie der selbst­er­nann­ten »Architektur-Rebellion«. Als digi­ta­ler Arm der Stuck­staf­fel plä­die­ren auch ihre Mit­glie­der für alte Bau­stile als Aus­druck regio­na­ler Identitäten.

Die pro­mi­nen­tes­ten Rekon­struk­ti­ons­bau­ten fin­den sich in Deutsch­land bis­lang in Ber­lin, Pots­dam und Frank­furt. Doch auch in Ham­burg bringt sich die AfD-Fraktion seit eini­ger Zeit in Stel­lung, um das Stadt­bild ihrem poli­ti­schen Pro­gramm gemäß umzu­ge­stal­ten. In den Anträ­gen und Pres­se­mit­tei­lun­gen der Frak­tion ist etwa die Rede von einer Rück­kehr zu tra­di­tio­nel­len Bau­sti­len im All­ge­mei­nen und zur Back­stein­go­tik im Beson­de­ren sowie vom Erhalt älte­rer Gebäude aus iden­ti­tä­ren Grün­den. Gefor­dert wer­den zudem neue Stu­di­en­gänge, die sich der Rekon­struk­ti­ons­ar­chi­tek­tur wid­men sollen.

Die Ham­bur­ger AfD benennt auch kon­krete Vor­ha­ben. Dazu gehört – ana­log zum Frank­fur­ter Pro­jekt – die »Neue Alt­stadt Ham­burg«, wie es im Pro­gramm der Par­tei zur Bür­ger­schafts­wahl 2025 heißt. Diese soll rund um den Hop­fen­markt, der einst die Niko­lai­kir­che umgab, gebaut wer­den. In einem Antrag an die Ham­bur­gi­sche Bür­ger­schaft im Jahr 2021 for­derte die Frak­tion sogar, die im Zwei­ten Welt­krieg zer­störte Niko­lai­kir­che nach his­to­ri­scher Vor­lage wie­der­auf­zu­bauen. Die Ruine ist heute ein zen­tra­ler Ham­bur­ger Erin­ne­rungs­ort an die Opfer natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Herr­schaft. Könnte an des­sen Stelle nicht, wie es im Antrag heißt, eine »Frei­flä­che mit hoher Auf­ent­halts­qua­li­tät« entstehen?

Zusam­men mit wei­te­ren Vor­stö­ßen zum Erhalt des Bis­marck­denk­mals, aber auch zur Rück­kehr einer Sta­tue Kai­ser Wil­helms I. auf den Rat­haus­markt zeigt sich hier eine Funk­tion neu­rech­ter Archi­tek­tur: Sie soll die Spu­ren der NS-Herrschaft und der Erin­ne­rung an sie aus dem Stadt­bild til­gen. Wie auch in ihrer geschichts­po­li­ti­schen Pro­gram­ma­tik will die Ham­bur­ger AfD die »über tau­send­jäh­rige Geschichte Deutsch­lands« in ihren ver­meint­lich posi­ti­ven Sei­ten zei­gen und dar­über eine als ver­lo­ren gel­tende natio­nale Iden­ti­tät – und dazu gehö­ren ent­spre­chende Gebäude – wiederherstellen.

Ideologische Fassaden

Dass ein sol­ches Pro­gramm not­wen­di­ger­weise Illu­sio­nen und Ideo­lo­gie pro­du­ziert, liegt auf der Hand. Ein älte­res Bei­spiel Ham­bur­gi­scher Rekon­struk­ti­ons­ar­chi­tek­tur fin­det sich in der Neu­stadt. Unter ande­rem in der Peter- und der Nean­der­straße ließ der Kauf­mann Alfred Toep­fer seit den 1960er Jah­ren Wohn­häu­ser des 17. und 18. Jahr­hun­derts wie­der­auf­bauen, die einst an ande­ren Orten der Stadt das Groß­bür­ger­tum beher­berg­ten. Zu Recht stand Toep­fer, der sich im Natio­nal­so­zia­lis­mus auch durch volks­tums­po­li­ti­sches Enga­ge­ment her­vor­tat, mit sei­nem Vor­ha­ben schon sei­ner­zeit in der Kri­tik – befand sich doch mit der soge­nann­ten »Juden­börse« hier einst ein Ort jüdi­schen Lebens.

Rekon­struk­ti­ons­ar­chi­tek­tur der 1960er Jahre, Peter‑, Ecke Nean­der­straße, Foto: Pauli-Pirat, Wiki­me­dia Com­mons, CC BY-SA 4.0.

Die Neu­stadt war zudem, wie es an den Res­ten des Gän­ge­vier­tels noch zu erah­nen ist, zuvor ein pro­le­ta­ri­sches Vier­tel. Es zeich­nete sich also gerade nicht durch groß­zü­gi­ges Barock, son­dern durch beengte Miets­ka­ser­nen aus. Mit den neuen Bür­ger­häu­sern Toep­fers ver­schwand also auch das, was die AfD in ihrer Schwel­ge­rei für das Kai­ser­reich nur zu gerne ver­gisst: Die sozia­len Ver­wer­fun­gen der Indus­trie­mo­derne, die sich ins­be­son­dere in der beschleu­nig­ten Indus­tria­li­sie­rung des Deut­schen Reichs im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert in den Groß­städ­ten zeigten.

Aus die­ser bereits zeit­ge­nös­sisch wahr­ge­nom­me­nen Beschleu­ni­gung gin­gen nun wie­derum jene grün­der­zeit­li­chen Fas­sa­den her­vor, die heut­zu­tage nach­ge­bil­det wer­den und etwa am Schul­ter­blatt ein woh­li­ges Gefühl »guter alter Zeit« ver­mit­teln. Der wirt­schaft­li­che Auf­schwung nach der Reichs­grün­dung endete 1873 jäh im Grün­der­krach; ver­mehrt tra­ten nun im letz­ten Vier­tel des 19. Jahr­hun­derts die nega­ti­ven Fol­gen der Hoch­in­dus­tria­li­sie­rung ins Bewusst­sein. Die dar­auf­hin ein­set­zende konservativ-reaktionäre Kul­tur­kri­tik ent­deckte in ihrer Suche nach Ord­nung den Wert des Ver­gan­ge­nen. Nicht nur flo­rier­ten der Heimat- und Denk­mal­schutz, son­dern auch der Historismus.

Die rezente Rekon­struk­tion grün­der­zeit­li­cher Wohn­häu­ser wie­der­holt als Farce, was einst Tra­gö­die war. Die ver­zier­ten Fas­sa­den fun­gie­ren auch heute als Sta­bi­li­täts­an­ker in einer erneu­ten Phase erfah­re­ner Beschleu­ni­gung. Ein ent­fes­sel­ter Finanz­markt­ka­pi­ta­lis­mus, der auch die letz­ten Reste bür­ger­li­cher Behag­lich­keit ver­dampft, pro­du­ziert diese nun und für jeden sicht­bar als Schein. Die Investor:innen des Hau­ses am Schul­ter­blatt ent­schie­den sich offen­bar vor allem des­halb für die grün­der­zeit­li­che Archi­tek­tur, da sie auf dem Immo­bi­li­en­markt hohe Pro­fite ver­spricht. Das Geld für das bis heute nahezu unbe­wohnte Haus floss von der Fami­lie Land­schulze, die für ihre leer­ste­hen­den Grün­der­zeit­re­kon­struk­tio­nen berühmt und berüch­tigt ist – aus Spe­ku­la­ti­ons­grün­den, wie ange­nom­men wird. Die neo­li­be­rale Stadt kapi­ta­li­siert ein stär­ker wer­den­des – und von ihr pro­du­zier­tes – kom­pen­sa­to­ri­sches Bedürf­nis. Jene ver­meint­li­che Wur­zel­lo­sig­keit die der moder­nen Archi­tek­tur vor­ge­hal­ten wird, bringt heute ver­schnör­kelte Alt­bau­ten hervor.

Die Moderne als »Einheitsbrei«?

Es bedarf jedoch offen­bar mehr als Ideo­lo­gie­kri­tik, um dem rech­ten Rekon­struk­ti­ons­wahn etwas ent­ge­gen­zu­set­zen. Uner­war­tete Schüt­zen­hilfe kommt von der AfD selbst. Im Land­tag Sachsen-Anhalts brachte die dor­tige Frak­tion einen Antrag ein, der für eine »kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Bau­haus« plä­dierte, es sei ein »Irr­weg der Moderne« gewe­sen. Die Rech­ten stört unter ande­rem eine, wie sie es aus­drü­cken, »uni­ver­selle Ästhe­tik«, wodurch »indi­vi­du­elle und regio­nale Beson­der­hei­ten ver­lo­ren« gin­gen, ebenso wie die ver­meint­lich »tra­di­tio­nel­len und kul­tu­rel­len ver­an­ker­ten Vor­stel­lun­gen von Wohn- und Lebens­räu­men«. Neben der »Nähe zum Kom­mu­nis­mus« füh­ren die AfDler:innen auch den archi­tek­to­ni­schen »Ein­heits­brei« des Bau­hau­ses an, der »lokale Iden­ti­tä­ten« ver­dränge und »regio­nale Eigen­hei­ten« verwässere.

Im Jahr 2011 schrieb die heu­tige Lei­te­rin des Ham­bur­ger Orts­ver­ban­des des Ver­eins Stadt­bild Deutsch­land einen Leser­brief an das Ham­bur­ger Abend­blatt und sprach darin von der »aus­tausch­ba­ren Archi­tek­tur des nüch­ter­nen Prag­ma­tis­mus«. Es ging um die in der Tat wenig gelun­gene SAP-Zentrale am Rothen­baum. Doch geriet der Leser­brief zu einer Gene­ral­ab­rech­nung: »Die­ser moderne archi­tek­to­ni­sche Ein­heits­brei ist nicht mehr zu ertragen.«

Nun gibt es, wie ein­lei­tend erwähnt, keine rechte Archi­tek­tur – und damit ebenso wenig eine linke. Die als »Ein­heits­brei« dif­fa­mierte moderne Archi­tek­tur konnte ebenso vom Faschis­mus auf­ge­grif­fen wer­den, wie es sich im ita­lie­ni­schen Razio­na­lismo zeigt. Nichts­des­to­trotz exis­tiert offen­bar eine Form­spra­che, die im wahrs­ten Sinne des Wor­tes zu glatt für iden­ti­täre Sta­bi­li­täts­an­ker ist. Nicht zuletzt war das, was sei­tens der AfD und ande­ren als moderne Archi­tek­tur ver­schmäht wird, eine andere Ant­wort auf die Ver­wer­fun­gen der Indus­trie­mo­derne. Statt in eine ima­gi­näre Ver­gan­gen­heit zurück­zu­keh­ren, war es der Ver­such, mit den Mit­teln der Moderne eine bes­sere Stadt für alle zu schaffen.

»Genug Barock – erhal­tet unse­ren Block«: Pro­test gegen den Rekon­struk­ti­ons­wahn in Pots­dam, Foto: privat.

Nun gilt es zwar wie­derum nicht selbst die Ver­gan­gen­heit als Pro­blem­lö­se­rin zu mobi­li­sie­ren, aber: Ein wohl­fahrt­staat­lich orga­ni­sier­ter Städ­te­bau, der auf funk­tio­nale und schnör­kel­lose Gebäude setzt, könnte sowohl eine Ant­wort auf eine rechte Poli­tik regressiv-identitärer Archi­tek­tur als auch auf die neo­li­be­rale Stadt der hohen Mie­ten sein. Zudem zeigt sich bei einem Blick auf aktu­elle Ideen par­ti­zi­pa­ti­ver Stadt­pla­nung, wie sie etwa für das zum Spe­ku­la­ti­ons­ob­jekt ver­kom­mene Hols­ten­areal vor­lie­gen, zwei­er­lei. Ers­tens bedarf es kei­nes­wegs tra­di­tio­nel­ler Bau­stile und des Stucks, um abwechs­lungs­rei­che Stadt­vier­tel zu schaf­fen. Zwei­tens inte­griert der Ent­wurf auch grün­der­zeit­li­che Bestands­bau­ten, ohne sich in Ewig­gest­rig­keit zu ver­lie­ren. Gemein­schaft ent­stünde in sol­chen Stadt­vier­teln nicht durch das Ima­gi­näre der Nation, son­dern durch ein tat­säch­lich geleb­tes Miteinander.

Das Problem der Postmoderne 

Jedoch ist das, was die Rechte unter dem Sam­mel­be­griff moderne Archi­tek­tur fasst und ablehnt, auch von ande­rer Seite in die Kri­tik gera­ten. Ein Hang zu Regio­na­lis­men und iden­ti­tä­ren For­men zeigt sich auch in der hete­ro­ge­nen Strö­mung post­mo­der­ner Architektur.

Schul­bau nach Vor­lage tra­di­tio­nel­ler Bau­ern­häu­ser im Ham­bur­ger Süd­os­ten, Foto: privat.

Etwa wurde gegen Ende des Jah­res 2024 im Ham­bur­ger Süd­os­ten, in Kirch­wer­der, ein Schul­bau fer­tig­ge­stellt, der an die »orts­ty­pi­sche Bau­tra­di­tion« bäu­er­li­cher Lang­häu­ser ange­lehnt ist. Die­ser Bau, das sei hier unter­stri­chen, ist weder eine Rekon­struk­tion nach his­to­ri­schem Vor­bild noch wurde er von rech­ten Spender:innen finan­ziert. Und auch der Innen­aus­bau ist funk­tio­nal gehal­ten, unver­putz­ter Beton. Die Fas­sade des Hau­ses jedoch will die Eigen-Artigkeit der regio­na­len Kul­tur­land­schaft beto­nen, wie es in einer Pres­se­mit­tei­lung des Jah­res 2021 heißt. Als Vor­bild diente auch das Rieck Haus – eines der ältes­ten erhal­te­nen Bau­ern­häu­ser Nord­deutsch­lands, das seit 1940 unter Denk­mal­schutz steht. Der Archi­tekt des Schul­baus spricht von »iden­ti­täts­stif­ten­den his­to­ri­schen Baukörpern«.

Es geht nun nicht darum, die archi­tek­to­ni­sche Leis­tung zu schmä­lern – auch nicht das Gebäude selbst, das funk­tio­nal und in gewis­ser Hin­sicht auch ästhe­tisch anspre­chend ist. In einer Zeit jedoch, in der der gebaute Raum der Stadt wie­der der­art von Rech­ten poli­ti­siert und ver­ein­nahmt wird, gilt es Orte zu schaf­fen, die sich qua ihrer Form und Mate­ria­li­tät die­sen Ver­ein­nah­mun­gen auch dann wider­set­zen kön­nen, wenn die par­la­men­ta­ri­sche Ver­tre­tung der Stuck­staf­fel wei­ter auf dem Vor­marsch ist.

Johan­nes Rad­c­zinski, Sep­tem­ber 2025

Der Autor schrieb auf Untie­fen bereits über andere Abgründe in Stein gemei­ßel­ter Geschichts­po­li­tik wie den soge­nann­ten »Grü­nen Bun­ker« an der Feld­straße und das von dort nicht weit ent­fernte Bis­marck­denk­mal.

Antisemitismus als Nebenwiderspruch?

Antisemitismus als Nebenwiderspruch?

Dem Über­le­ben­den des rechts­ter­ro­ris­ti­schen Anschlags von Mölln, İbrahim Ars­lan, wurde auf der Bühne des Zeise Kinos Anti­se­mi­tis­mus vor­ge­wor­fen, weil er ein pro­pa­läs­ti­nen­si­sches T‑Shirt trug. Ein jüdi­scher Kino­gast ergriff das Wort und ver­tei­digte ihn. Für viele ein kla­rer Fall: Über­heb­li­ches deut­sches »Aufarbeitungsweltmeister«-Gebaren at its worst. Aber ist es wirk­lich so ein­fach? Ein Gast­bei­trag der Innen­re­vi­sion Kul­tur­be­trieb.

Im Otten­ser Zeise Kino kam es am ver­gan­ge­nen Diens­tag zu einem Eklat: İbrahim Ars­lan, Opfer und Über­le­ben­der des neo­na­zis­ti­schen Brand­an­schlags von Mölln im Jahr 1992, war im Rah­men einer Son­der­vor­stel­lung des Films »Die Möll­ner Briefe« im Zeise Kino zu Gast. Als Haupt­prot­ago­nist des Films sollte er an einer Podi­ums­dis­kus­sion teil­neh­men. Er hatte sich zu die­sem Anlass ein T‑Shirt ange­zo­gen, das das ehe­ma­lige Man­dats­ge­biet Paläs­tina – also das heu­tige Gebiet Isra­els, des West­jor­dan­lands und des Gaza-Streifens – in paläs­ti­nen­si­schen Natio­nal­fah­nen zeigt. Der Zeise-Chef Mat­thias Elwardt wollte das nicht unkom­men­tiert las­sen. In einer am dar­auf­fol­gen­den Tag ver­öf­fent­lich­ten Stel­lung­nahme erklärt er: »Ich habe ihn vor dem Film zusam­men mit dem Pro­du­zen­ten des Films ange­spro­chen, dass ich das als anti­se­mi­tisch und unpas­send emp­finde. Dar­auf­hin ist İbrahim Ars­lan auf die Bühne gegan­gen und hat meine Kri­tik vor einer Begrü­ßung öffent­lich gemacht.«

Der Eklat

Ein Video der dar­auf­fol­gen­den Situa­tion wurde von der Jour­na­lis­tin und BDS-Aktivistin Alena Jaba­rine bei Insta­gram ver­öf­fent­licht. Darin ist zu sehen, wie Elwardt seine Kri­tik an dem Motiv begrün­det, beglei­tet von Joh­len und auf­ge­brach­ten Zwi­schen­ru­fen aus dem Publi­kum: »Wir sind in dem Land, in dem es den Holo­caust gab. Ich kann doch nicht jeman­den auf die Bühne stel­len, der sagt, Juden dür­fen kein Land haben. Wir sind in Deutsch­land und haben eine Ver­pflich­tung, und es [i.e. »ein Land zu haben«] ist ein Recht von jüdi­schen Men­schen.« Im Ver­lauf der Situa­tion kommt ein Mann aus dem Publi­kum nach vorne: Joram Beja­rano, der Sohn der vor vier Jah­ren gestor­be­nen Auschwitz-Überlebenden Esther Beja­rano. Ars­lan ent­reißt Elwardt das Mikro und gibt es Beja­rano, der bekun­det, er habe »über­haupt nichts gegen die­ses T‑Shirt«: »Sie kom­men daher und sagen, Juden füh­len sich dis­kri­mi­niert? Nein, ich fühle mich nicht dis­kri­mi­niert.« Jubel im Saal.

Das Video wurde mitt­ler­weile meh­rere hun­dert­tau­send­mal ange­schaut und erhielt mehr als 11.000 Likes. In den aller­meis­ten Kom­men­ta­ren ebenso wie in einem Arti­kel, den Moha­med Amja­hid im Frei­tag ver­öf­fent­licht hat, ver­bin­den sich Empö­rung und Genug­tu­ung: Empö­rung über Elwardts Ver­hal­ten als Aus­druck von »ger­man white supre­macy« und deut­schem »Ver­söh­nungs­thea­ter«. Und Genug­tu­ung dar­über, dass sich in die­sem Fall migran­ti­sche und jüdi­sche Per­spek­ti­ven zusam­men die Deu­tungs­ho­heit wie­der erkämpft hät­ten. Oder, wie es die Thea­ter­re­gis­seu­rin und Autorin Ayşe Güvend­iren aus­drückt: »Ein Über­le­ben­der nimmt sich den Raum zurück und über­gibt ihn bewusst einer jüdi­schen Perspektive.«

Mat­thias Elwardt ver­öf­fent­lichte am Tag dar­auf eine Stel­lung­nahme. Er gesteht darin ein, von der Situa­tion über­rum­pelt wor­den zu sein und den fal­schen Ton gewählt zu haben. Und er bit­tet İbrahim Ars­lan um Ent­schul­di­gung. Die Ein­nah­men aus allen Vor­füh­run­gen von »Die Möll­ner Briefe« ver­spricht er, an Arslans Orga­ni­sa­tion »reclaim&remember« zu spen­den. Auch Ars­lan mel­dete sich noch ein­mal zu Wort. In einem auf Insta­gram ver­öf­fent­lich­ten Video bekun­det er, er sei empört, trau­rig und wütend über den Vor­fall, und deu­tet ihn als Bei­spiel für eine ras­sis­ti­sche Miss­ach­tung der Per­spek­ti­ven Betrof­fe­ner. Für die­ses Video erhält er viel Zuspruch, Soli­da­ri­täts­be­kun­dun­gen kom­men u.a. von Amnesty Inter­na­tio­nal Deutsch­land, von Debo­rah Feld­man und Hanno Hauenstein.

Der Nahe Osten ohne Israel

Aus­lö­ser des Eklats: Der Nahe Osten ohne Israel. Quelle: Insta­gram
Die Rück­seite des Shirts zeigt Hand­ala, das Haupt­sym­bol der BDS-Kampagne.

Was aller­dings weder in Arslans Stel­lung­nahme noch in sons­ti­gen Kom­men­ta­ren noch eine Rolle spielt, ist der Aus­lö­ser des Eklats. Das ist eine fatale Ver­schie­bung. Auf Arslans T‑Shirt, das er selbst­ver­ständ­lich auch nach dem Eklat für den gesam­ten Rest des Abends trug, war das Gebiet des heu­ti­gen Israel und der paläs­ti­nen­si­schen Gebiete in den paläs­ti­nen­si­schen Natio­nal­far­ben zu sehen. Die­ses Motiv kann als bild­li­cher Aus­druck der Parole »From the river to the sea – Pal­es­tine will be free« gel­ten, des Wun­sches also, dass Israel von der Land­karte ver­schwin­den möge.1Vgl. dazu z.B. die Bro­schüre »Wel­cher Fluss und wel­ches Meer?« der Bil­dungs­stätte Anne Frank. Es ima­gi­niert einen Nahen Osten ohne jüdi­schen Staat und das heißt – solange der mör­de­ri­sche Anti­se­mi­tis­mus von Hamas, Hiz­bol­lah, ira­ni­schen Mul­lahs und Co. nicht end­gül­tig Geschichte ist – einen Nahen Osten ohne Jüdin­nen und Juden. Kurz: Die­ses T‑Shirt ist antisemitisch. 

İbrahim Ars­lan betont in sei­ner Stel­lung­nahme, dass er sich seit Jah­ren nicht nur gegen Ras­sis­mus, son­dern auch gegen Anti­se­mi­tis­mus ein­setzt, und plä­diert »für eine Erin­ne­rungs­kul­tur, die nicht spal­tet, son­dern ver­bin­det«. Mit sei­nem poli­ti­schen Enga­ge­ment und sei­ner Bil­dungs­ar­beit hat er tat­säch­lich genau das seit vie­len Jah­ren auf bewun­derns­werte Weise gemacht. Er hat maß­geb­lich dazu bei­getra­gen, dass Über­le­bende und Ange­hö­rige von Opfern ras­sis­ti­schen und anti­se­mi­ti­schen Ter­rors wie in Halle, in Hanau oder beim Münch­ner OEZ-Anschlag sich ver­netzt haben, er hat dafür gekämpft, dass die Stim­men der Betrof­fe­nen gehört und ihre Per­spek­ti­ven berück­sich­tigt wer­den. Auch in Ham­burg hat er mit Rede­bei­trä­gen auf Kund­ge­bun­gen immer wie­der seine Soli­da­ri­tät in die­sem Sinne aus­ge­drückt, z.B. bei der Initia­tive zum Geden­ken an Châu und Lân

Selektive Solidarität

Umso bestür­zen­der ist es, dass die Per­spek­tive der Betrof­fe­nen in die­sem Fall nicht zu gel­ten scheint. Denn auch wenn es in die­sem kon­kre­ten Fall ein nicht­jü­di­scher Deut­scher war, der die Kri­tik for­mu­liert hat: Pri­mär sind es Jüdin­nen und Juden, die die Land­karte Paläs­ti­nas ohne Israel als Bedro­hung wahr­neh­men, als Aberken­nung des Exis­tenz­rechts nicht nur des israe­li­schen Staa­tes, son­dern auch der in ihm leben­den Jüdin­nen und Juden. Dass Joram Beja­rano diese Ansicht nicht teilt oder »kein Pro­blem« damit hat, wenn Jüdin­nen und Juden in Israel das Recht auf Selbst­be­stim­mung aberkannt wird, kann schlecht als Gegen­ar­gu­ment ange­führt wer­den. Es gibt Roma, die kein Pro­blem mit dem Z‑Wort haben, es gibt Schwarze Republikaner:innen, die Donald Trump von jeg­li­chem Ras­sis­mus frei­spre­chen, und es gibt Schwule und Les­ben in der AfD. Führt man sol­che Stim­men als Recht­fer­ti­gung ins Feld und igno­riert alle ande­ren, offen­bart sich darin genau der instru­men­telle und selek­tive Umgang mit Betrof­fen­heit, den Ars­lan ansons­ten zu Recht scharf kritisiert. 

Ars­lan hat sich ent­schie­den, das Gros der von Anti­se­mi­tis­mus Betrof­fe­nen (und im Übri­gen auch der Anti­se­mi­tis­mus­for­schung) zu igno­rie­ren, das in dem Motiv auf sei­nem T‑Shirt einen Aus­druck von Anti­se­mi­tis­mus sieht. Würde er sei­nem eige­nen erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Anspruch gerecht wer­den wol­len, müsste er auch die­sen Stim­men Gehör schen­ken und nicht nur jenen, die (wie Joram Beja­rano oder die erwähnte Debo­rah Feld­man) israel­be­zo­ge­nen Anti­se­mi­tis­mus nicht erken­nen kön­nen oder wollen.

In sei­ner Stel­lung­nahme behaup­tet Ars­lan, er habe das T‑Shirt »als Zei­chen der Soli­da­ri­tät mit einer von Völ­ker­mord betrof­fe­nen Bevöl­ke­rung« getra­gen. An sol­chen Zei­chen gibt es nun ja aller­dings kei­nen Man­gel: Es gibt alle mög­li­chen Klei­dungs­stü­cke und Acces­soires in den paläs­ti­nen­si­schen Natio­nal­far­ben, es gibt Sym­bole wie Was­ser­me­lo­nen, Gra­nat­äp­fel und Frie­dens­tau­ben, es gibt die Handala-Figur und natür­lich die Kufiya und ihr cha­rak­te­ris­ti­sches Mus­ter. Nicht alles davon ist völ­lig unpro­ble­ma­tisch.2Zu Hand­ala etwa schreibt Sebas­tian Leber: »In des­sen Geschich­ten wer­den Israe­lis grund­sätz­lich mit Haken­nase dar­ge­stellt. Sie bege­hen jüdi­sche Ritu­al­morde, ver­füh­ren ara­bi­sche Frauen, kön­nen bloß durch Maschi­nen­ge­wehre gestoppt wer­den.« Aber wohl gegen kei­nes die­ser »Zei­chen der Soli­da­ri­tät« hätte der Geschäfts­füh­rer des Zeise Kinos etwas ein­ge­wen­det. Ars­lan jedoch hat ein Sym­bol gewählt, das die Aus­lö­schung Isra­els impliziert.

Kritik – nicht »silencing«

Dass er dafür kri­ti­siert wor­den ist, sieht er als Sym­ptom dafür, dass »man uns immer wie­der zum Schwei­gen brin­gen will, gerade dann, wenn unsere Per­spek­ti­ven unbe­quem sind«. Er stellt den Vor­fall im Zeise Kino damit in eine Reihe mit Situa­tio­nen, in denen Betrof­fene rech­ter Gewalt her­ab­las­send und empa­thie­los behan­delt wur­den, in denen sie zurecht­ge­wie­sen und ihre Per­spek­ti­ven miss­ach­tet wur­den (wie es etwa Anfang die­ses Jah­res in Hanau gesche­hen ist). Aber die Kri­tik an einem anti­se­mi­ti­schen Motiv ist kein »tone poli­cing« und auch kein »silen­cing« unbe­que­mer Per­spek­ti­ven. Viel­mehr geht es darum, dass der bild­lich aus­ge­drückte Wunsch, den Juden­staat von der Land­karte ver­schwin­den zu las­sen, eben keine akzep­ta­ble »Per­spek­tive« ist, son­dern: Anti­se­mi­tis­mus. Wer die­sen Wunsch äußert, spielt da keine Rolle. Zudem kann keine Rede davon sein, dass man Ars­lan »zum Schwei­gen brin­gen« wollte. Er selbst hat den Kon­flikt mit Elwardt auf die Bühne des Kino­saals ver­legt, weil er wusste, dass er mit laut­star­ker Zustim­mung rech­nen konnte – nicht nur von Beja­rano, mit dem er gut bekannt ist, son­dern auch von vie­len Gästen.

Man muss außer­dem davon aus­ge­hen, dass Ars­lan das Sym­bol in genauem Wis­sen sei­nes Gehalts trug. Schließ­lich wurde er schon mehr­fach mit der Kri­tik daran kon­fron­tiert. Erst vor weni­gen Wochen wurde zeit­wei­lig ein Fern­seh­bei­trag mit Ars­lan aus der Media­thek ent­fernt. Der Grund: Betrof­fene hat­ten den Sen­der dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Ars­lan in dem Bei­trag deut­lich sicht­bar eine Hals­kette mit einem Anhän­ger in den Umris­sen des ehe­ma­li­gen Man­dats­ge­biets trug. Ars­lan wusste also, dass das Motiv als anti­se­mi­ti­sche Chif­fre kri­ti­siert wird. Und trotz­dem hat er für die Ver­an­stal­tung im Zeise Kino erneut genau die­ses Sym­bol gewählt.

Das lässt sich nur als eine stra­te­gi­sche Ent­schei­dung ver­ste­hen, mit der er die­je­ni­gen, die ihn ein­la­den, bewusst vor die Wahl stellt: Ent­we­der sie tole­rie­ren kom­men­tar­los ein anti­se­mi­ti­sches Sym­bol und tra­gen damit zur Nor­ma­li­sie­rung und Baga­tel­li­sie­rung des Anti­se­mi­tis­mus bei, oder sie pro­du­zie­ren einen Eklat, der vom Thema des Films ablenkt – dem rech­ten Ter­ror der neun­zi­ger Jahre und dem unem­pa­thi­schen, struk­tu­rell ras­sis­ti­schen Umgang des deut­schen Staa­tes mit den vom Ter­ror Betrof­fe­nen – und für Ars­lan selbst zwei­fel­los auch ver­let­zend wirkt. Die Empö­rung dar­über, dass Elwardt Ars­lan die Bühne genom­men habe, greift darum ins Leere. Eher ist es so: Um ein anti­is­rae­li­sches State­ment zu set­zen, nimmt Ars­lan in Kauf, dass die­ses State­ment seine Erin­ne­rungs­ar­beit ver­drängt oder überlagert.

Unbequeme Antisemitismuskritik

Des­halb gilt: Der Zeise-Geschäftsführer ver­dient für sein Ver­hal­ten Unter­stüt­zung. Er hat Anti­se­mi­tis­mus erkannt und benannt und ihn nicht, was der beque­mere Weg gewe­sen wäre, igno­riert. In die­sem Sinne hat sich nun auch das Netz­werk jüdi­scher Hoch­schul­leh­ren­der in einer Stel­lung­nahme geäu­ßert, in der es unter ande­rem heißt: »Für uns steht fest: Zivil­cou­rage und die klare Benen­nung von Anti­se­mi­tis­mus sind keine Ver­feh­lun­gen, son­dern Aus­druck demo­kra­ti­scher Verantwortung.« 

Wie Elwardt die Situa­tion gehand­habt hat, lässt sich aller­dings im Ein­zel­nen pro­ble­ma­ti­sie­ren. Dass er etwa ein Opfer neo­na­zis­ti­schen Ter­rors daran erin­nert, dass es sich im Land der Täter der Shoah befinde, ist unan­ge­bracht und muss in Arslans Ohren zynisch klin­gen. Der Ver­weis auf die deut­sche Spe­zi­fik geht hier außer­dem am Kern des Pro­blems vor­bei. Das T‑Shirt wäre ja auch dann anti­se­mi­tisch, würde Otten­sen noch zu Däne­mark gehö­ren. Und die an Joram Beja­rano gerich­tete Frage »Wo sol­len Juden denn Ihrer Mei­nung nach leben?«, ist eine sehr unge­lenke Art, nach dem Schick­sal der jüdi­schen Israe­lis in einem ange­streb­ten, mehr­heit­lich ara­bi­schen Paläs­tina zu fra­gen. Bei allen Vor­be­hal­ten gegen­über kon­kre­ten For­mu­lie­run­gen gilt es hier aber zu berück­sich­ti­gen, dass Elwardt nicht vor­hatte, das Thema öffent­lich anzu­spre­chen, und von der Situa­tion ver­ständ­li­cher­weise über­for­dert war.

Die Reak­tio­nen auf den Eklat illus­trie­ren, wie die berech­tigte Kri­tik am deut­schen »Ver­söh­nungs­thea­ter« (Max Czol­lek), dem es mehr um die Wie­der­erlan­gung einer posi­ti­ven natio­na­len Iden­ti­tät geht als um Auf­ar­bei­tung und Ein­ge­den­ken, in Erin­ne­rungs­ab­wehr und Rela­ti­vie­rung des Anti­se­mi­tis­mus umschla­gen kann. Vor allem in Moha­med Amja­hids Frei­tag-Arti­kel mit dem Titel »Der Deut­sche zeigt, wie deut­sches Erin­nern geht« wird das deut­lich: Er bezeich­net die Epi­sode im Zeise Kino als Bei­spiel für die »Absur­di­tät deut­scher Erin­ne­rungs­kul­tur«, für eine Erin­ne­rungs­kul­tur, die »ein Kul­tur­gut gewor­den« sei und bei der das »posi­tive Fee­ling« im Zen­trum stehe. Elwardt wirft er vor, »pfau­en­haft ein Ver­söh­nungs­thea­ter auf[zu]führen«.

Aber das ist ein halt­lo­ser Vor­wurf: Ein »posi­ti­ves Fee­ling« wäre ja gerade dann garan­tiert gewe­sen, wenn Elwardt nichts gegen das T‑Shirt gesagt hätte; wenn er sich zusam­men mit Publi­kum und Podium einig und auf der rich­ti­gen Seite hätte wäh­nen kön­nen. Amja­hid fasst seine Kri­tik am Ver­söh­nungs­thea­ter mit den Wor­ten zusam­men: »Haupt­sa­che, der Deut­sche wird wie­der gut.« Doch die­ser Satz trifft weni­ger Elwardt als viel­mehr das joh­lende Kino­pu­bli­kum und die zahl­lo­sen empör­ten Stim­men, die nun bei­spiels­weise den Boy­kott des Zeise Kinos for­dern. Vol­ler Inbrunst »Free Pal­es­tine from Ger­man Guilt« zu rufen, den Staat Israel als kolo­nia­les oder gar geno­zi­da­les Pro­jekt zu dämo­ni­sie­ren, Anti­se­mi­tis­mus zu leug­nen oder als Lap­pa­lie abzu­tun und sich dabei zusam­men mit gro­ßen Tei­len der Welt auf der »rich­ti­gen Seite der Geschichte« zu wäh­nen – wenn das keine deut­sche »Wie­der­gut­wer­dung« ist, was dann?

Abge­se­hen vom Netz­werk jüdi­scher Hoch­schul­leh­ren­der und vom Ham­bur­ger Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten hat bis­her nie­mand öffent­lich den Aus­lö­ser des Eklats, das T‑Shirt-Motiv, als anti­se­mi­tisch benannt. Das zeigt, wie ein­sam und leise die Anti­se­mi­tis­mus­kri­tik inzwi­schen ist. Aus­nahms­los jedes Thema scheint mitt­ler­weile dem Kampf gegen Israel unter­ge­ord­net zu wer­den. Anti­se­mi­tis­mus wird dabei ent­we­der schlicht geleug­net oder zum Neben­wi­der­spruch erklärt.

Die Innen­re­vi­sion Kul­tur­be­trieb ist ein Ham­bur­ger Zusam­men­schluss von Men­schen der Kunst- und Kul­tur­szene gegen Antisemitismus.

  • 1
    Vgl. dazu z.B. die Bro­schüre »Wel­cher Fluss und wel­ches Meer?« der Bil­dungs­stätte Anne Frank.
  • 2
    Zu Hand­ala etwa schreibt Sebas­tian Leber: »In des­sen Geschich­ten wer­den Israe­lis grund­sätz­lich mit Haken­nase dar­ge­stellt. Sie bege­hen jüdi­sche Ritu­al­morde, ver­füh­ren ara­bi­sche Frauen, kön­nen bloß durch Maschi­nen­ge­wehre gestoppt werden.« 

Gegen ein »Kühne-Denkmal« in Hamburg

Gegen ein »Kühne-Denkmal« in Hamburg

Am 2. Sep­tem­ber prä­sen­tierte der Senat die aktua­li­sier­ten Pläne für den Opern­neu­bau in der Hafen­City. Nun hat eine Initia­tive, an der auch wir betei­ligt sind, ein Posi­ti­ons­pa­pier gegen den Opern­bau ver­öf­fent­licht. Wir doku­men­tie­ren hier die Peti­tion und rufen dazu auf, sie zu unter­stüt­zen: für eine demo­kra­ti­sche, geschichts­be­wusste und nach­hal­tige Stadtentwicklung!

Im Februar die­ses Jah­res stell­ten Senat, Kühne-Stiftung und Kühne Hol­ding AG bei einer Pres­se­kon­fe­renz ihren Plan für ein neues Opern­haus auf dem Baa­ken­höft in der Hafen­City vor. Seit­dem ist viel Kri­tik an die­sem Vor­ha­ben und dem unde­mo­kra­ti­schen Ver­fah­ren for­mu­liert wor­den. Den­noch steht zu erwar­ten, dass die Pläne schon bald unver­än­dert der Bür­ger­schaft zur Abstim­mung vor­ge­legt wer­den. In die­sem Posi­ti­ons­pa­pier haben wir die Kri­tik­punkte gebün­delt. Wir laden alle ein, es zu unter­schrei­ben und damit Ein­fluss auf das wei­tere Vor­ge­hen des Senats und der Bür­ger­schaft zu nehmen!

Für eine trans­pa­rente Öffent­lich­keits­be­tei­li­gung! Ob Ham­burg Bedarf an einer neuen Oper hat und wie das letzte freie, für eine öffent­li­che Nut­zung vor­ge­se­hene Grund­stück in der Hafen­City genutzt und gestal­tet wird, soll­ten nicht der Mil­li­ar­där Klaus-Michael Kühne und die Regie­ren­den ent­schei­den, die er für seine Idee gewin­nen konnte, son­dern die Hamburger:innen im Rah­men eines grund­le­gen­den Betei­li­gungs­ver­fah­rens. Das bis­he­rige, völ­lig intrans­pa­rente Ver­fah­ren scha­det dem Ver­trauen in Poli­tik und Demokratie.

Erin­ne­rung und Auf­ar­bei­tung sind keine Wort­hül­sen! Klaus-Michael Küh­nes Logistik-Unternehmen Kühne + Nagel hat im NS mas­siv von »Ari­sie­run­gen« und vom Raub jüdi­schen Eigen­tums pro­fi­tiert – das Raub­gut wurde unter ande­rem am Baa­ken­ha­fen zwi­schen­ge­la­gert. Der jüdi­sche Teil­ha­ber Adolf Maass wurde 1933 geschasst und spä­ter in Ausch­witz ermor­det. Kühne ver­hin­dert die unab­hän­gige Auf­ar­bei­tung die­ser Unrechts­ge­schichte und hält unlieb­same For­schungs­er­geb­nisse unter Ver­schluss. Mit der Oper würde Kühne sich in Ham­burg ein rie­si­ges Denk­mal set­zen, wäh­rend nichts an die aktive Betei­li­gung von Unter­neh­men, Stadt und Bevöl­ke­rung an Ent­eig­nun­gen und »Ari­sie­run­gen« erinnert.

Für die Bewah­rung von Erin­ne­rungs­or­ten! Der Baa­ken­ha­fen war Dreh­scheibe für den Trans­port von Sol­da­ten und Waf­fen für die deut­schen Kolo­nien und ab 1904 für den Völ­ker­mord an den Herero und Nama in der Kolo­nie »Deutsch-Südwestafrika« (heute Nami­bia). Das macht den Baa­ken­höft zum erin­ne­rungs­kul­tu­rell wich­tigs­ten unbe­bau­ten Grund­stück die­ser Stadt. Die­sen bedeu­ten­den Erin­ne­rungs­ort mit einem Opern­ge­bäude zu bebauen, wäh­rend die Stadt Ham­burg nach wie vor kei­nen Gedenk­ort für die Geschichte des kolo­nia­len Völ­ker­mords hat, käme einer Über­schrei­bung der Erin­ne­rung an die Kolo­ni­al­ver­bre­chen gleich und steht im Wider­spruch zu dem Beschluss der Ham­bur­gi­schen Bür­ger­schaft aus dem Jahr 2014, das kolo­niale Erbe Ham­burgs stadt­weit aufzuarbeiten.

Für eine Oper in der Innen­stadt! Das denk­mal­ge­schützte Gebäude der Staats­oper an der Damm­tor­straße ist im Ver­gleich zum geplan­ten Opern­neu­bau in der Hafen­City sehr gut an den Nah- und Fern­ver­kehr ange­bun­den. Außer­dem spielt die Oper eine wich­tige Rolle für die Innen­stadt und belebt sie in Zei­ten, wenn die Geschäfte längst geschlos­sen sind. Ein Gut­ach­ten aus dem Jahr 2020 hat erge­ben, dass die Staats­oper für rund 150 Mio. Euro an heu­tige Anfor­de­run­gen des Opern­be­triebs ange­passt und saniert wer­den kann.

Für kli­ma­freund­li­ches Bauen im Bestand! Ein Neu­bau auf dem Baa­ken­höft würde viele CO2-Emissionen ver­ur­sa­chen. In Zei­ten des Kli­ma­wan­dels soll­ten wir uns gut über­le­gen, für wel­che Zwe­cke wir wirk­lich neu bauen sol­len und was wir bes­ser im Bestand lösen kön­nen. Eine Sanie­rung und Anpas­sung der Staats­oper an der Damm­tor­straße ist umwelt- und kli­ma­freund­li­cher als ein Neu­bau und lässt Platz auf dem Baa­ken­höft für andere Nutzungen.

Die neue Oper ist kein selbst­lo­ses Geschenk! Kühne erhielte mit der Oper ein Denk­mal, für die Stadt ent­stün­den dabei hohe Kosten.In dem Ver­trag mit Kühne-Stiftung und Kühne Hol­ding AG hat der Senat die Stadt dazu ver­pflich­tet, das wert­volle Grund­stück für das Bau­vor­ha­ben zur Ver­fü­gung zu stel­len und die Kos­ten von bis zu 147,5 Mio. Euro für Grün­dung und Hoch­was­ser­schutz des Neu­baus zu über­neh­men. Hinzu kom­men Kos­ten für die Räu­mung des Grund­stücks, die Pla­nung und Her­stel­lung der öffent­li­chen Frei­räume rings um die Oper, den Betrieb und die Instand­hal­tung eines zusätz­li­chen Hau­ses. Die denk­mal­ge­schützte Staats­oper an der Damm­tor­straße müsste trotz Neu­baus wei­ter von der Stadt instand­ge­hal­ten werden.

Nicht noch so ein »Leuchtturm«-Projekt! Die Hafen­City zieht schon heute Mas­sen von Besu­che­rin­nen an, was Bewohner:innen zuneh­mend belas­tet. Unweit der geplan­ten Oper wurde mit der Elb­phil­har­mo­nie erst 2017 nach jah­re­lan­gen Ver­zö­ge­run­gen und Kos­ten­ex­plo­sio­nen eine Sehens­wür­dig­keit fer­tig­ge­stellt. In Sicht­weite des Baa­ken­höfts steht die Bau­ruine des Elb­to­wers, an dem der Senat sich nicht finan­zi­ell betei­li­gen wollte. Nun prüft er die Anmie­tung oder den Ankauf von hoch­prei­si­gen Flä­chen für ein Natur­kun­de­mu­seum, damit das Hoch­haus an den Elb­brü­cken zu Ende gebaut wer­den kann. 

Für eine leben­dige Kul­tur und eine breite Kul­tur­för­de­rung! Die geplante Oper soll Ham­burg zum Anzie­hungs­ort für die »Welt­spitze« der Kul­tur machen. Aber Kul­tur ist nicht Leis­tungs­sport. Eine rei­che Kul­tur­land­schaft zeich­net sich nicht durch Super­la­tive und Star­kult aus, son­dern durch Breite und Vielstimmigkeit.

Erstunterzeichner:innen:

Orga­ni­sa­tio­nen:
anna elbe

Arbeits­kreis Ham­burg Postkolonial

Arca – Afri­ka­ni­sches Bil­dungs­zen­trum e.V.

AStA Hafen­City Uni­ver­si­tät Hamburg

Ber­lin Postkolonial

Bie­le­feld Postkolonial

Bismarck’s Cri­ti­cal Neighbors

Die Linke Hamburg

FSR Stadt­pla­nung der Hafen­City Uni­ver­si­tät Hamburg

FSR Urban Design der Hafen­City Uni­ver­si­tät Hamburg

fux eG

Gän­ge­vier­tel e.V.

Geno­cide and Repa­ra­tive Jus­tice Pur­suits, Nami­bia with a Glo­bal man­date and stewardship

Glo­bal Ova­herero Geno­cide Foun­da­tion, Namibia

Hafen­gruppe Hamburg

Holstenareal-Initiative »knallt am dollsten«

Initia­tive Deco­lo­nize Bismarck

Initia­tive Des­sauer Ufer

Initia­tive Sternbrücke

Inter­na­tio­nal Affairs, NTLA Nama Tra­di­tio­nal Lea­ders Asso­cia­tion, Namibia

Inter­na­tio­na­ler Jugend­ver­ein Ham­burg e.V.

Inter­ven­tion Bismarck-Denkmal Hamburg

ISD Initia­tive Schwarze Men­schen in Deutsch­land Bund e.V.

Kol­lek­tiv LU‘UM

Netz­werk Hafen­City e.V.

Netz­werk Recht auf Stadt Hamburg

No Amnesty on Genocide!/Völkermord ver­jährt nicht!

NTLA Nama Tra­di­tio­nal Lea­ders Asso­cia­tion, Namibia

Online­ma­ga­zin Untiefen

Ossara e.V.

Ros­tock Postkolonial

St. Pauli Archiv e.V.

Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes / Bund der Antifaschist:innen

Will­kom­mens­Kul­tur­Haus der Gemeinde Ottensen

Per­so­nen:

Andrea Gol­ler

Axel Büh­ler

Bea­trix Bursig

Ben­ja­min Hoesch

Chris­tian Kopp

Dr. Joa­chim Zeller

Dr. Yann LeGall

Eck­art Maudrich

Eli­sa­beth Hartmann

Emma Ditt­ler

Frauke Stein­häu­ser

Han­ni­mari Jokinen

Hen­ning Bleyl

Israel Kau­nat­jike

Jan Kawlath

Jochen Rothert

Katha­rina Kohl

Marco Hosemann

Michaela Plog­sties

Michael Joho

Nora Sdun

Prof. Dr. Ulrike Bergemann

Regine Chris­ti­an­sen

Sonja Schwit­ters

Teresa Mat­thies

Theo Bruns

»Die Eröffnung hätte nicht stattfinden dürfen«

»Die Eröffnung hätte nicht stattfinden dürfen«

Am 8. April wurde nach mehr­fa­cher Ver­zö­ge­rung die Westfield-Mall in der Hafen­city eröff­net. Weil auf der Groß­bau­stelle sechs Arbei­ter ver­un­glück­ten, rie­fen Gewerkschafter:innen zu Pro­tes­ten auf. Wir spra­chen mit Sam und Niklas von der Sek­tion Bau der FAU Hamburg.

»Keine Party auf Kos­ten der toten Arbei­ter!«: Pro­test gegen die Eröff­nungs­feier des Westfield-Einkaufszentrums. Foto: privat

Es ist das teu­erste Bau­pro­jekt Ham­burgs und das größte inner­städ­ti­sche Ent­wick­lungs­pro­jekt Euro­pas: das Über­see­quar­tier. Der Kern des Quar­tiers, eine gigan­ti­sche Shop­ping­mall des Inves­tors Unibail-Rodamco-Westfield (URW), wurde am ver­gan­ge­nen Diens­tag fei­er­lich eröff­net. Doch auf der Bau­stelle ver­un­glück­ten ins­ge­samt min­des­tens sechs Men­schen, dar­un­ter allein fünf alba­ni­sche Bau­ar­bei­ter beim Sturz in einen acht Stock­werke tie­fen Schacht im Okto­ber 2023. Nach dem Unfall kam her­aus: Schon mehr­fach waren zuvor gra­vie­rende Sicher­heits­män­gel auf der Bau­stelle fest­ge­stellt wor­den. Trotz­dem war die Bau­stelle nicht geschlos­sen wor­den – und auch nach dem Unfall ging alles wei­ter wie zuvor. Die Ange­hö­ri­gen der Ver­un­glück­ten war­ten bis heute auf Auf­klä­rung und Entschädigung.

Die Eröff­nung der Mall war des­halb von laut­star­kem Pro­test beglei­tet. Wäh­rend die Ham­bur­ger Würdenträger:innen Fei­er­laune aus­strahl­ten, waren etwa hun­dert Pro­tes­tie­rende den Auf­ru­fen der Jun­gen BAU und der anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Freien Arbeiter*innen-Union (FAU) zum Geden­ken an die Ver­un­glück­ten und zu Pro­tes­ten gegen die Fei­er­lich­kei­ten gefolgt. Die FAU betonte in ihrem (auf ihrer Web­site doku­men­tier­ten) Rede­bei­trag, dass der Tod der sechs Arbei­ter ver­meid­bar gewe­sen wäre und dass die Bedin­gun­gen, die zum Unglück führ­ten, sys­te­mi­sche Ursa­chen im Bau­ge­werbe haben – einer Bran­che, die auf dem Ver­schleiß der Arbei­ter1Da auf den Bau­stel­len nahezu aus­nahms­los Män­ner arbei­ten, wird hier keine gegen­derte Form ver­wen­det. beruhe, die oft pre­kär beschäf­tigt sind und mitt­ler­weile zu mehr als einem Drit­tel aus Ost­eu­ropa kommen.

Auf der Westfield-Baustelle habe vor allem der vom Inves­tor wei­ter­ge­ge­bene Preis­druck zu Sicher­heits­män­geln geführt. URW habe dadurch schwere Unfälle mit Ver­letz­ten und Toten offen in Kauf genom­men. Die­sen Vor­wurf bekräf­tigt auch eine kurz vor der Eröff­nung erschie­nene SPIEGEL-Recherche. Unter­la­gen, die dem SPIEGEL vor­lie­gen, bele­gen, dass es schon lange vor dem Unfall lebens­ge­fähr­lich war, auf der Bau­stelle zu arbei­ten: »Der Inves­tor wusste das; er war gewarnt und wurde es immer wie­der, vor­her, nach­her, auch das ist belegt durch Mails. So wie es aus­sieht, nahm er mög­li­che Todes­op­fer und Ver­letzte in Kauf, damit der Ter­min­plan nicht noch mehr ins Rut­schen kam auf einer Bau­stelle, auf der Zeit- und Preis­druck, Chaos und Leicht­sinn, Gier und Gleich­gül­tig­keit gera­dezu chro­nisch waren.«

Doch nicht allein der Inves­tor steht in der Kri­tik. Ver­sagt haben der FAU zufolge auch die Bau­se­na­to­rin Karen Pein, der Senat und die Bür­ger­schaft, außer­dem »sämt­li­che Behör­den und Ämter für Arbeits­schutz sowie die oberste Bau­auf­sicht« und die Berufs­ge­nos­sen­schaft Bau. Und auch an der IG BAU, der Mut­ter­ge­werk­schaft der Jun­gen BAU, und an ihrem Grund­satz der Sozi­al­part­ner­schaft übt die FAU Kritik.

Doch worin genau liegt das Ver­sa­gen von Poli­tik, Bau­auf­sicht und Gewerk­schaf­ten? Dar­über sowie über die gene­rel­len Pro­bleme auf Bau­stel­len und über die Her­aus­for­de­run­gen für gewerk­schaft­li­che Arbeit und die pre­käre Situa­tion migran­ti­scher Bau­ar­bei­ter spra­chen wir mit Sam und Niklas von der Sek­tion Bau und Hand­werk der FAU Ham­burg. Im Inter­view erklä­ren sie, warum die Unfälle auf der Westfield-Baustelle ver­meid­bar gewe­sen wären – und warum die Mall in ihrem jet­zi­gen Zustand nicht hätte eröff­net wer­den dürfen.

Gut aus­ge­schil­dert ist das neue Ein­kaufs­zen­trum schon ein­mal. Foto: privat

Untie­fen: Die DGB-Gewerkschaft IG BAU hat nach dem Unglück im Okto­ber 2023 ein Spen­den­konto für die Ver­letz­ten und Hin­ter­blie­be­nen ein­ge­rich­tet, sie hat die Bedin­gun­gen auf der Bau­stelle im Beson­de­ren und im Bau­haupt­ge­werbe im All­ge­mei­nen kri­ti­siert und sie hat den Auf­ruf zur Kund­ge­bung der Jun­gen BAU unter­stützt. Trotz­dem übt ihr Kri­tik an der Gewerkschaft.

Niklas: Nicht die IG BAU selbst, son­dern ihre Jugend­or­ga­ni­sa­tion, die Junge BAU, hat das Thema auf­ge­grif­fen und den Auf­ruf ver­öf­fent­licht. Es war also zwar der­selbe Dach­ver­band, aber eben nicht die Chef­etage. Die IG BAU hat 2023 den Spen­den­auf­ruf orga­ni­siert, das war sehr gut, aber die Initia­tive dafür kam, wie die IG BAU selbst gesagt hat, von außen. Unser Vor­wurf ist aber vor allem, dass es für aus­län­di­sche Arbeiter:innen in Deutsch­land sehr schwer ist, sich in der IG BAU zu orga­ni­sie­ren. Man musste zum Bei­spiel noch bis vor Kur­zem min­des­tens drei Monate in der IG Bau sein, um Rechts­hilfe in Anspruch neh­men zu kön­nen.2Inzwi­schen gibt es eigens für Wanderarbeiter:innen die Mög­lich­keit einer Jah­res­mit­glied­schaft bei der IG BAU: https://igbau.de/Jahresmitgliedschaft.html (d. Red.). Um Arbei­ter aus dem Aus­land wird gar nicht aktiv gewor­ben, da schei­tert es oft schon allein an feh­len­den Über­set­zun­gen. Wir bei der Bau-FAU ver­su­chen hin­ge­gen, mög­lichst viele Spra­chen zu berück­sich­ti­gen. Den Auf­ruf zu unse­rer Kund­ge­bung haben wir in fünf nicht­deut­sche Spra­chen über­setzt: Eng­lisch, Rus­sisch, Tür­kisch, Alba­nisch und Rumä­nisch. Für eine Gewerk­schaft wie die IG BAU mit ihren Res­sour­cen sollte ein Auf­ruf in meh­re­ren Spra­chen ein Kin­der­spiel sein.

Sam: Wir machen der IG BAU nicht zum Vor­wurf, dass sie an der Bau­stelle ver­sagt hätte. Wir wis­sen, dass auf der Bau­stelle fast nie­mand in der IG BAU orga­ni­siert ist, und es wäre auch nicht deren Auf­gabe gewe­sen, die Bau­stelle dicht­zu­ma­chen. Aber die IG BAU hat es eben auch nicht geschafft, die Arbeits­be­din­gun­gen auf der Bau­stelle zu ver­bes­sern, obwohl sie viel eher die Mit­tel dazu gehabt hätte als wir. Sie hat keine ech­ten Anstren­gun­gen unter­nom­men, auch migran­ti­sche Beschäf­tigte zu mobi­li­sie­ren oder zu ver­tre­ten. Das Pro­blem liegt auf struk­tu­rel­ler Ebene: Wir in der FAU sind eine selbst­ver­wal­tete Basis­ge­werk­schaft. Wir füh­ren Arbeits­kämpfe so, dass immer die Men­schen in den Betrie­ben alle Ent­schei­dun­gen tref­fen. Kon­flikte wer­den inner­halb der Betriebs­gruppe aus­ge­han­delt und nicht von oben herab ent­schie­den. Die IG BAU als Stell­ver­tre­ter­ge­werk­schaft hand­habt das ganz anders. Sie ver­han­delt für ihre Mit­glie­der, und zwar häu­fig auch in völ­lig intrans­pa­ren­ten Hin­ter­zim­mer­ge­sprä­chen mit den Arbeitgebervertreter:innen.

Ihr seht also eine man­gelnde Orga­ni­sie­rungs­fä­hig­keit und ‑wil­lig­keit der IG BAU im Baugewerbe?

Sam: Wir haben schon das Gefühl, dass die IG BAU die Kri­tik in Tei­len auf­ge­nom­men hat. In der Ana­lyse der Pro­bleme passt das eini­ger­ma­ßen, auch wenn sie struk­tu­relle Ursa­chen nur ober­fläch­lich beschrei­ben. Aber in Bezug auf die Frage, was dar­aus für sie in ihrer Gewerk­schafts­pra­xis folgt, sind sie unse­rem Ein­druck nach kom­plett blank. Es gab eine Gedenk­kund­ge­bung, aber das bleibt ein »Lecken der Wun­den«, wenn überhaupt.

Niklas: Ein rela­ti­vie­ren­der Satz aber viel­leicht noch dazu: Auch wir haben es nicht geschafft, den Unfall zu ver­hin­dern. Aber wir set­zen uns dafür ein, dass die Arbeiter:innen selbst für sichere Bedin­gun­gen auf dem Bau sor­gen kön­nen, anstatt sich auf eine externe Stelle zu ver­las­sen. Wie wir in unse­rer Rede sagen: »Es wird schwer. Wir müs­sen Sprach­bar­rie­ren über­win­den. Aber vor allem müs­sen wir unsere Spal­tung überwinden.«

Die gewerk­schaft­li­che Pra­xis hinkt noch hin­ter­her: Bro­schüre der IG BAU von März 2024 (Aus­schnitt)

Inwie­fern hängt diese Kri­tik mit dem Kon­zept der Sozi­al­part­ner­schaft zusam­men, dem die IG BAU anhängt? In wel­cher Hin­sicht trägt es eurer Ansicht nach dazu bei, dass auf Bau­stel­len häu­fig Ver­hält­nisse herr­schen, die zu sol­chen Unfäl­len füh­ren wie bei der Westfield-Mall?

Niklas: Der Begriff Sozi­al­part­ner­schaft bezeich­net ja die Idee, dass Unter­neh­men und Lohn­ab­hän­gige zusam­men­ar­bei­ten, dass »alle im sel­ben Boot sit­zen« und dass es gelin­gen könne, die Wider­sprü­che zwi­schen Kapi­tal und Arbeit aus­zu­glei­chen, indem man Kom­pro­misse schließt – vor allem natür­lich durch einen Tarif­ver­trag. Das setzt aber ein beid­sei­ti­ges Ver­trauen vor­aus: Einer­seits das Ver­trauen der Unter­neh­men in ihre Arbeiter:innen, etwa dass sie ihre Maschi­nen nicht zer­stö­ren oder dass sie zur Arbeit kom­men; ande­rer­seits aber auch das Ver­trauen der Arbeiter:innen gegen­über den Unter­neh­men, etwa dass sie zuver­läs­sig den Lohn zahlen.

In man­chen Bran­chen in Deutsch­land funk­tio­niert das Kon­zept noch ganz gut, auch für die Arbeiter:innen, etwa in der Metall­in­dus­trie oder im Hand­werk. Das sind Bran­chen, wo Arbeiter:innen unter rela­tiv guten Bedin­gun­gen arbei­ten – rela­tiv auch des­we­gen, weil auf dem Bau zu arbei­ten immer ein gefähr­li­cher und ver­schlei­ßen­der Job ist. Aber wenn man sich die Real­lohn­ver­luste in den letz­ten Jah­ren und die pre­kä­ren Arbeits­be­din­gun­gen gerade im Bau anschaut, kann ich nicht ver­ste­hen, dass Gewerk­schaf­ten immer noch dar­auf ver­trauen. Das zeigte sich auch an den Tarif­ver­hand­lun­gen im Bau­haupt­ge­werbe Anfang 2024. Da wurde zum ers­ten Mal seit 20 Jah­ren wie­der gestreikt. Die Abschlüsse haben auch teil­weise ganz gute Ergeb­nisse gebracht, etwa die weit­ge­hende Anglei­chung der Löhne in Ost- und West­deutsch­land. Aber in der Summe bedeu­tet die Tarif­ei­ni­gung unse­ren eige­nen Berech­nun­gen zufolge trotz­dem einen Real­lohn­ver­lust von zwei Pro­zent im Jahr 2026 ver­gli­chen mit 2021. Da wer­den die Gren­zen von sozi­al­part­ner­schaft­lich ver­han­del­ten Ver­trä­gen deutlich.

Ein ande­rer Akteur, den ihr in eurem Rede­bei­trag kri­ti­siert habt, ist die Berufs­ge­nos­sen­schaft der Bau­wirt­schaft (BG BAU). Was wäre deren Auf­gabe gewe­sen, und wo hat sie versagt?

Sam: Vor dem Unfall im Okto­ber 2023 gab es meh­rere Bege­hun­gen auf der Bau­stelle, bei denen Sicher­heits­män­gel fest­ge­stellt wur­den. Dass Män­gel bean­stan­det wer­den, ist nicht so unge­wöhn­lich. Aber ins­ge­samt bestan­den hier so gra­vie­rende Män­gel, dass man hätte sagen müs­sen: Die Bau­stelle muss dicht­ge­macht wer­den, bis diese Män­gel besei­tigt sind. Inso­fern – und das behaup­ten nicht nur wir, son­dern u.a. sogar ein Mit­ar­bei­ter der BG selbst – hätte der Unfall auf jeden Fall ver­hin­dert wer­den können.

Um ein greif­ba­res Bei­spiel zu nen­nen: Von Leu­ten, die selbst auf der Bau­stelle gear­bei­tet haben, wis­sen wir, dass 2022, also noch lange vor dem Unfall, ein sechs oder sie­ben Stock­werke hohes Fas­sa­den­ge­rüst falsch herum demon­tiert wurde. Die Bau­ar­bei­ter, sicher keine gelern­ten Gerüst­bauer, haben von unten ange­fan­gen das Gerüst abzu­bauen! Das kom­plette Gebiet musste gesperrt und eva­ku­iert wer­den, weil das Gerüst umzu­kip­pen drohte. Wenn man als BG so etwas erfährt, muss man doch erken­nen: Das ist nicht nur das Pro­blem eines ein­zel­nen Unter­neh­mens, son­dern zeigt: Das gesamte Sys­tem Westfield-Baustelle ist voll­kom­men inakzeptabel.

Die BG hätte also die Mög­lich­keit gehabt zu sagen, bis zur Behe­bung die­ser Sicher­heits­män­gel muss die Bau­stelle geschlos­sen werden?

Sam: Ja, oder von mir aus auch Berei­che. Ein Pro­blem ist auch, dass diese Bau­stelle ein­fach so groß war. Die BG ist per­so­nell sehr schlecht auf­ge­stellt. Die paar Hand­voll Kontrolleur:innen der BG kön­nen gar nicht jedes Gerüst kon­trol­lie­ren, die sehen immer nur Teil­be­rei­che der Bau­stelle. Aber selbst nach dem Unfall wurde kein Arbeits­ver­bot aus­ge­spro­chen. Spä­tes­tens zu die­sem Zeit­punkt hätte man diese Bau­stel­len dicht­ma­chen müs­sen. Statt­des­sen war der Schacht drei oder vier Tage spä­ter wie­der gestri­chen und es wurde wei­ter­ge­ar­bei­tet, als sei nichts gesche­hen. Da frage ich mich: Wozu hat man dann die BG?

Aller­dings hat da nicht nur die BG ver­sagt, son­dern auch andere Akteure wie das Amt für Arbeits­schutz, die Stadt­ent­wick­lungs­be­hörde usw. Es gab meh­rere Stel­len, die von die­sen Zustän­den wuss­ten und nichts unter­nom­men haben. Wir wis­sen von Betrie­ben, die sich von der Bau­stelle zurück­ge­zo­gen haben, weil sie gesagt haben, sie kön­nen so nicht arbei­ten, etwa wegen des man­gel­haf­ten Brand­schut­zes. Und wir tref­fen immer wie­der Leute, die sagen: Es ist eigent­lich ein Wun­der, dass auf die­ser Bau­stelle »nur« sechs Leute gestor­ben sind.

Die FAU war ja auch schon vor zehn Jah­ren an Arbeits­kämp­fen im Zuge des Baus der Mall of Ber­lin betei­ligt, wo rumä­ni­schen Arbei­tern ihr Lohn nicht bezahlt wurde. Wür­det ihr sagen, dass Bau­stel­len von Shop­ping Malls beson­ders pro­ble­ma­tisch sind in Bezug auf die Arbeits­be­din­gun­gen? Oder hat das womög­lich ein­fach mit der Größe der Bau­stelle zu tun, weil auf so einer rie­si­gen Bau­stelle, auf der hun­derte Unter­neh­men und Sub­un­ter­neh­men arbei­ten, nie­mand den Über­blick hat?

Sam: Ich würde nicht behaup­ten, dass große Bau­stel­len per se pro­ble­ma­tisch sind. Im Gegen­teil, es kann auch Groß­bau­stel­len geben, auf denen es gut läuft. Aber klar, auf die­ser Bau­stelle haben 700 Unter­neh­men mit­ein­an­der zusammengearbeitet.

Niklas: Die Bau­un­ter­neh­men wuss­ten teil­weise selbst nicht, wer »am ande­ren Ende« der Sub­un­ter­neh­mer­kette für sie arbei­tet. Da herrsch­ten Zustände wie in der Tex­til­in­dus­trie, wo nie­mand weiß, woher die auf dem Markt gehan­delte Baum­wolle stammt. Diese Struk­tur ist unge­heuer intrans­pa­rent. Wir ken­nen viel­leicht zehn Unter­neh­men vom Namen her oder aus Erzäh­lun­gen. Ganz genau wis­sen wir daher auch nicht, was die Gründe für die Zustände auf der Bau­stelle sind. Nicht auf jeder URW-Baustelle lief es so kata­stro­phal. Das Chaos auf der Westfield-Baustelle ist aber auf jeden Fall auch ent­stan­den, weil es keine Haupt­bau­lei­tung gab, in deren Hän­den alles zusam­men­ge­lau­fen ist. Es gab kein Team, das den Über­blick hatte, bzw. eben nur den Inves­tor URW selbst, der aber kein Bau­un­ter­neh­men ist. Und es gab auf der Bau­stelle teil­weise ein­fach nie­man­den, der Deutsch gespro­chen hat, und auch keine Übersetzer:innen. Die Toten, der man­gelnde Brand­schutz, man­gel­hafte Pro­to­kolle sind Sym­ptome der kata­stro­pha­len Pla­nung und Organisation.

Wie viele Kräne pas­sen auf eine Bau­stelle? 2023 stie­ßen zwei Kräne zusam­men. Foto (2021): Lusi Lindwurm/Wiki­me­dia.

Im Rede­bei­trag spracht ihr auch vom Zeit- und Preis­druck, den der Inves­tor aus­ge­übt habe.

Niklas: Ja, der Haupt­fak­tor für die Pro­ble­ma­tik der Überseequartier-Baustelle war mei­ner Mei­nung nach Geld: An allen Ecken und Enden sollte gespart wer­den. Es gab einen unge­heu­ren Preis­druck, auch wegen äuße­rer Fak­to­ren wie den Kos­ten­stei­ge­run­gen seit Beginn des Krieg in der Ukraine 2022. Es gab gro­ßen poli­ti­schen Druck, dass das Pro­jekt umge­setzt wird. Das konnte man auch jetzt bei der Eröff­nung mit Peter Tsch­ent­scher erken­nen. Für die Poli­tik war klar: Das Pro­jekt darf nicht schei­tern, was immer auch kommt. Die Stadt hat dem Inves­tor daher etli­che Zuge­ständ­nisse gemacht, er hat Mehr­flä­che erpresst, er konnte Regeln miss­ach­ten, ohne dass es Sank­tio­nen oder sons­tige Kon­se­quen­zen gege­ben hätte, und so wei­ter. URW hat so das Gefühl bekom­men, alles machen zu kön­nen. Wir kön­nen auch nur spe­ku­lie­ren, aber: Dass trotz der gra­vie­ren­den Sich­ter­heits­män­gel, die allen bekannt waren, nie­mand Maß­nah­men ergrif­fen hat, kann man sich eigent­lich nicht anders erklä­ren als durch poli­ti­schen Druck von oben. Das muss unbe­dingt auf­ge­klärt werden.

Ihr habt schon gesagt, dass auf der Bau­stelle teil­weise nie­mand Deutsch sprach. Der Anteil aus­län­di­scher, vor allem ost­eu­ro­päi­scher Arbei­ter ist im Bau­haupt­ge­werbe sehr hoch. Extreme Pre­ka­ri­tät, Lohn­skla­ve­rei, ille­gale Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nisse, usw. sind an der Tages­ord­nung, beson­ders für Wan­der­ar­bei­tende. Wie seht ihr die Situation?

Niklas: Ins­be­son­dere migran­ti­sche Bau­ar­bei­ter sind gene­rell ent­rech­tet und unsicht­bar. Die­ses Pro­blem ist nicht nur auf die Bau­bran­che beschränkt, son­dern betrifft bei­spiels­weise auch die Gebäu­de­rei­ni­gung, die Pflege oder die Fleisch­in­dus­trie. Das sind Men­schen, die Arbei­ten für die gesell­schaft­li­che Grund­ver­sor­gung leis­ten, aber kein sicht­ba­rer Teil die­ser Gesell­schaft sind. Das macht es dem Senat und der Bür­ger­schaft leicht, weg­zu­schauen – diese Men­schen haben keine Lobby und kaum Rechte. In dem Fall auf der Ber­li­ner Mall-Baustelle von vor zehn Jah­ren wurde das extrem deut­lich: Weil den rumä­ni­schen Arbei­tern ihr Lohn vor­ent­hal­ten wurde, ver­lo­ren sie ihre Woh­nun­gen, dadurch wie­derum konn­ten sie keine Briefe vom Amt mehr bekom­men und so wurde ihnen schließ­lich ihre Auf­ent­halts­er­laub­nis ent­zo­gen. Das ist kras­seste Prekarität!

Gab es denn auf der Bau­stelle hier in Ham­burg auch Fälle, in denen Sub­un­ter­neh­men ihren Arbei­tern kei­nen oder nur einen Bruch­teil des ver­ein­bar­ten Lohns gezahlt haben?

Sam: Bis­lang gab es kaum mediale Berichte dazu, aber man muss davon aus­ge­hen, dass es etli­che sol­cher Fälle gab. Im ver­gan­ge­nen Okto­ber ist ein Gerüst­bau­un­ter­neh­men aus Bre­mer­ha­ven wegen »Zah­lungs­aus­fäl­len« bei der Westfield-Baustelle insol­vent gegan­gen. Und dann gab es den Fall des ukrai­ni­schen Hilfs­ar­bei­ter Yev­hen A., der im Novem­ber 2023 einen schwe­ren Arbeits­un­fall hatte und über den die Zeit berich­tete. Yev­hen A., der durch sei­nen Unfall wahr­schein­lich dau­er­haft arbeits­un­fä­hig blei­ben wird, erhielt sei­nen Lohn in pol­ni­schen Złoty, umge­rech­net 640 Euro monat­lich. Das sind 3,20 Euro pro Stunde! Und da war er sicher keine Aus­nahme. Außer­dem ist es extrem ver­brei­tet, dass Men­schen auf dem Bau Fach­tä­tig­kei­ten aus­füh­ren, aber einen Hel­fer­lohn erhal­ten, also die unterste Lohn­stufe.3Baum­gar­ten, M., Beck, L. & Firus, A. (2024): »Hel­fer oder doch Fach­kräfte? Migran­ti­sche Beschäf­tigte im deut­schen Hoch­bau.« FES dis­kurs. Mai 2024. Online: https://library.fes.de/pdf-files/a‑p-b/21208.pdf

Und wie sieht es jetzt im Über­see­quar­tier aus? Bei einer der­art des­or­ga­ni­sier­ten Bau­stelle liegt die Ver­mu­tung nahe, dass noch viele Män­gel bestehen, die im lau­fen­den Betrieb beho­ben wer­den müs­sen, oder?

Niklas: Ja, wir wis­sen tat­säch­lich, dass auch noch jetzt, nach der Eröff­nung, zahl­rei­che Män­gel am Gebäu­de­kom­plex bestehen, etwa beim Ent­fluch­tungs­kon­zept. Teil­weise ist da die Elek­trik feh­ler­haft ange­bracht, außer­dem sind die Flucht­wege falsch geplant wor­den. Ein Flucht­weg endet oben auf dem Glas­dach. Auch der Feu­er­alarm, der am Don­ners­tag nach der Eröff­nung los­ging, hat Pro­bleme auf­ge­zeigt. Es ging näm­lich keine Sirene los, die alle alar­miert hätte. Statt­des­sen lie­fen bloß die offen­bar völ­lig über­for­der­ten Secu­ri­ties von West­field durchs Gebäude und rie­fen: »Es besteht Brand­ge­fahr, bitte ver­las­sen Sie das Gebäude!«

Sam: Das Gebäude ist in einem Zustand, in dem die Eröff­nung nicht hätte statt­fin­den dür­fen. Es geht dabei nicht um kleine Män­gel, also dass irgendwo ein Kabel unsau­ber run­ter­hängt, son­dern um sicher­heits­re­le­vante Dinge. Da setzt sich das Sys­tem fort, das schon auf der Bau­stelle für kata­stro­phale Unfälle gesorgt hat.

Danke für das Gespräch!


Sam ist seit 2018 Tisch­le­rin, auf Ham­bur­ger Bau­stel­len unter­wegs und setzt sich auch im Azu­bi­hilfe Netz­werk für die Rechte von Azu­bis und all­ge­mein für (mehr) FLINTA*Personen im Hand­werk ein.

Niklas ist Inge­nieur und seit Som­mer 2024 Teil der Sek­tion Bau und Hand­werk der FAU.

Die Freie Arbeiter*innen Union (FAU) ist eine kämp­fe­ri­sche Basis­ge­werk­schaft, die sich für die Rechte aller Arbeiter:innen ein­setzt. Ihre etwa 2500 Mit­glie­der orga­ni­sie­ren sich in Syn­di­ka­ten, die es in den meis­ten deut­schen Groß­städ­ten und ver­ein­zelt auch in länd­li­chen Räu­men gibt. Seit 2024 arbei­tet die Ham­bur­ger Sek­tion Bau und Hand­werk (»bau­fau«) zum Unrecht auf Baustellen. 


  • 1
    Da auf den Bau­stel­len nahezu aus­nahms­los Män­ner arbei­ten, wird hier keine gegen­derte Form verwendet.
  • 2
    Inzwi­schen gibt es eigens für Wanderarbeiter:innen die Mög­lich­keit einer Jah­res­mit­glied­schaft bei der IG BAU: https://igbau.de/Jahresmitgliedschaft.html (d. Red.).
  • 3
    Baum­gar­ten, M., Beck, L. & Firus, A. (2024): »Hel­fer oder doch Fach­kräfte? Migran­ti­sche Beschäf­tigte im deut­schen Hoch­bau.« FES dis­kurs. Mai 2024. Online: https://library.fes.de/pdf-files/a‑p-b/21208.pdf

Update: Geschichtsrevisionismus und nostalgischer Nationalismus bei der AfD Hamburg

Update: Geschichtsrevisionismus und nostalgischer Nationalismus bei der AfD Hamburg

***Update Februar 2025***
Die deut­sche Geschichte ist für radi­kal rechte Par­teien ein zen­tra­les Agi­ta­ti­ons­feld. Auch die Ham­bur­ger AfD ver­brei­tet einer­seits immer wie­der klas­sisch revi­sio­nis­ti­sche The­sen, die vor allem den Holo­caust und die Kolo­ni­al­ge­schichte umdeu­ten. Vor allem aber ver­tritt sie einen nost­al­gi­schen Natio­na­lis­mus, der für die eigene poli­ti­sche Agenda durch geziel­tes Aus­wäh­len und Ver­schwei­gen Mythen über die deut­sche Ver­gan­gen­heit entwirft.

Bezugs­punkt des rech­ten Revi­sio­nis­mus: Der erste Reichs­kanz­ler und Sozia­lis­ten­jä­ger Otto von Bis­marck. Das deutsch­land­weit größte Denk­mal für ihn steht auf St. Pauli. Foto: Marco Hosemann

Die­ses Update erscheint par­al­lel auf AfD Watch Ham­burg.


UPDATE Februar 2025

Wie wir im März letz­ten Jah­res fest­ge­stellt haben, wird die geschichts­po­li­ti­sche Stra­te­gie der AfD Ham­burg von einem nost­al­gi­schen Natio­na­lis­mus bestimmt. Der offene Geschichts­re­vi­sio­nis­mus, das Leug­nen und Umdeu­ten his­to­ri­scher Ver­bre­chen, ist dabei nicht im Vor­der­grund, kann aber jeder­zeit mit ein­ge­baut wer­den. In den ver­gan­ge­nen Mona­ten ließ sich beob­ach­ten, dass vor allem die Kolonial- und Kai­ser­reich­sa­po­loge­tik von der AfD Ham­burg ver­mehrt in poli­ti­sche Pra­xis über­setzt wird. Kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung der deut­schen Geschichte ver­su­chen sie als »Umer­zie­hung« oder »Umschrei­ben der Geschichte« ver­ächt­lich zu machen. Drei Bei­spiele kön­nen das illustrieren:

Im April 2024 posi­tio­nierte die AfD sich in der Bür­ger­schaft gegen den Erhalt der For­schungs­stelle „Ham­burgs (post-)koloniales Erbe“. Die LINKE hatte eine Debatte um Zukunft der aus­lau­fen­den For­schungs­stelle bean­tragt. Unter ande­rem sprach sich Nor­bert Hack­busch klar für ihren Erhalt aus. In sei­nem Rede­bei­trag beti­telt der stell­ver­tre­tende Frak­ti­ons­vor­sit­zende und kul­tur­po­li­ti­sche Spre­cher der AfD in der Bür­ger­schaft, Dr. Alex­an­der Wolf, den Inha­ber der Pro­fes­sur an der For­schungs­stelle, Prof. Dr. Jür­gen Zim­me­rer, als »der als Wis­sen­schaft­ler ver­brämte Polit-Aktivist“. Er bezeich­net es als „Gewinn für unsere Stadt“, würde „die­sem ‚Pro­fes­sor‘“ der „Geld­hahn“ abge­dreht. Über das all­ge­meine Pro­jekt einer Deko­lo­ni­sie­rung Ham­burgs heißt es, es solle von „links-rot-grün die Geschichte umge­schrie­ben“ und die Men­schen „umer­zo­gen werden“.

Am 18.12.2024 beschlos­sen SPD und Grüne in der Bür­ger­schaft mit dem Dop­pel­haus­halt für 2024 und 2025, die For­schungs­stelle – wie von Beginn an vor­ge­se­hen – durch aus­lau­fende Finan­zie­rung fak­tisch einzustellen.

Auch im Som­mer 2024 schoss die AfD gegen die For­schungs­stelle „Ham­burgs (post-)koloniales Erbe“. Deren App „Kolo­niale Orte“ kri­ti­siert sie in einer klei­nen Anfrage wegen der aus ihrer Per­spek­tive gro­ßen Dis­kre­panz zwi­schen den regis­trier­ten Down­loads und den Ent­wick­lungs­kos­ten. Dar­aus lei­te­ten sie die For­de­rung ab, es solle Schluss sein mit „Umer­zie­hung und noch mehr Steu­er­geld­ver­schwen­dung im Rah­men der ‚Deko­lo­ni­sie­rung‘ Hamburgs!“

Im Okto­ber 2024 schließ­lich rich­tete sich die Schluss­strich­for­de­rung gegen das Museum am Rothen­baum für Kunst und Kul­tu­ren der Welt, kurz MARKK (ehe­mals »Völ­ker­kun­de­mu­seum«). Mit einer klei­nen Anfrage zielt die AfD wie­derum auf die Kos­ten bzw. die Besucher:innenzahlen seit dem (noch lau­fen­den) Umbau vom „Völ­ker­kun­de­mu­seum“ zum MARKK. Wolf hatte sich schon 2017 kri­tisch zur Umbe­nen­nung geäu­ßert und damals resü­miert, das „Volk“ solle abge­schafft wer­den. Dem­ago­gisch stellte er damals das Staats­volk, den fik­ti­ven Sou­ve­rän des Grund­ge­set­zes, und eth­nisch defi­nierte Völ­ker in eine Reihe. In einer Pres­se­mit­tei­lung zur Ant­wort des Sena­tes auf die kleine Anfrage der AfD-Fraktion lässt Wolf sich am 18. Dezem­ber 2024 wie folgt zitie­ren. Das »links­grüne Erzie­hungs­mu­seum« sei geschei­tert. Die Bürger:innen woll­ten »nicht bevor­mun­det und beim Den­ken betreut wer­den«, viel­mehr zeig­ten sie »der soge­nann­ten kolo­nia­lis­ti­schen Schuld die kalte Schul­ter«. Die For­de­rung ergeht: »Wir wol­len unser Völ­ker­kun­de­mu­seum ohne links­grü­nem (sic!) Tam­tam zurück!“

Diese Anfra­gen und Pres­se­mit­tei­lun­gen zie­len offen­bar vor allem dar­auf ab, ein gesun­des Volks­emp­fin­den her­bei­zu­re­den, das sich nicht für eine »woke« Geschichts­er­zäh­lung inter­es­siere. Die ange­strebte Nor­ma­li­sie­rung der deut­schen Natio­nal­ge­schichte – also die guten 1000 minus die 12 »dunk­len« Jahre – wird durch Angriffe auf Insti­tu­tio­nen ver­meint­li­cher lin­ker »Umer­zie­hung« vor­an­ge­trie­ben. Die­sen Zusam­men­hang bringt eine Stel­lung­nahme Wolfs aus dem Mai 2024 auf den Punkt. Wolf sprach mit Blick auf das städ­ti­sche Erin­ne­rungs­kon­zept zum Umgang mit dem kolo­nia­len Erbe, das im Mai 2024 vor­ge­stellt wurde, von einem „linke[n] Kul­tur­kampf“, der „Unsum­men an Steu­er­gel­dern“ ver­schlinge. Vor allem: „Kein nor­ma­ler Bür­ger legt Wert auf Stra­ßen­um­be­nen­nun­gen, bloß weil die Namen angeb­lich kolo­nial belas­tet seien. Kein nor­ma­ler Bür­ger hat ein Pro­blem mit Sta­tuen von Chris­toph Kolum­bus. Kein nor­ma­ler Bür­ger hasst die eigene deut­sche Geschichte so sehr wie links­grüne Bilderstürmer.“

Die geschichts­re­vi­sio­nis­ti­sche Agi­ta­tion der AfD Ham­burg ist mus­ter­gül­ti­ges Bei­spiel der pathi­schen Pro­jek­tion in der rechts­extre­men Pro­pa­ganda. Die AfD wirft sich in die Brust gegen eine angeb­lich umer­zie­hende, bevor­mun­dende und geschichts­fäl­schende Erin­ne­rungs­po­li­tik, wäh­rend sie in Wahr­heit natür­lich selbst genau das ver­folgt. Die ham­bur­gi­sche und die deut­sche Geschichte über­haupt sol­len, wenn’s nach ihnen ginge, nur noch glor­reich, groß­ar­tig und ver­dienst­voll gewe­sen sein. Was dazu nicht passt, soll beschwie­gen wer­den. Und wer daran Kri­tik anmel­det, muss ver­blen­det sein und also unter­drückt werden.

Redak­tion Untie­fen, Februar 2025


Das Ver­hält­nis zur deut­schen Ver­gan­gen­heit ist die zen­trale Ein­tritts­karte in den poli­ti­schen Dis­kurs der BRD. Offene Holo­caust­leug­nung oder ‑rela­ti­vie­rung sind nicht nur straf­bar, son­dern auch poli­tisch äußerst schäd­lich. Bei der popu­lis­ti­schen, als Ver­tei­di­ge­rin der Demo­kra­tie auf­tre­ten­den AfD spie­len sie daher auch in Ham­burg nur eine unter­ge­ord­nete Rolle. Den­noch wird immer wie­der erkenn­bar, dass es sich hier um stra­te­gi­sche Zurück­hal­tung handelt.

Offe­ner Revisionismus

Bekannt sind etwa NS-Relativierungen des Ham­bur­ger AfD-Bundestagsabgeordneten Bernd Bau­mann, frü­here revi­sio­nis­ti­sche Kom­men­tare des der­zei­ti­gen Ham­bur­ger AfD-Pressesprechers Robert Offer­mann und der Ver­dacht auf anti­se­mi­ti­sche Aus­sa­gen eines Mit­ar­bei­ters der Bür­ger­schafts­frak­tion. Am meis­ten Auf­se­hen erregte wohl der stell­ver­tre­tende Frak­ti­ons­vor­sit­zende der AfD in der Bür­ger­schaft, Alex­an­der Wolf. 2017 wurde bekannt, dass er 1994 eine Samm­lung von NS-Liedern unter dem Titel „Schlacht­ruf“ her­aus­gab, in deren Vor­be­mer­kun­gen er mit Blick auf die Kapi­tu­la­tion Nazi-Deutschlands im Zwei­ten Welt­krieg zu einem „ent­schlos­se­nen Nie wie­der!’“ auf­rief.

Alex­an­der Wolf, geschichts­po­li­ti­scher Scharfmacher

Über­haupt, Alex­an­der Wolf: Er ist in der Bür­ger­schafts­frak­tion der Mann für die pro­vo­kan­ten his­to­ri­schen The­sen. So behaup­tete er etwa im März 2023 in der Bür­ger­schaft, die Nazis hät­ten sich „kei­nes­wegs als rechts, son­dern bewusst als Sozia­lis­ten“ ver­stan­den. Die DDR und den NS-Staat par­al­le­li­sierte er als „Dik­ta­tu­ren“, um sogleich zu sei­nem eigent­li­chen Anlie­gen zu kom­men, näm­lich der Lüge, auch der heu­tige Kampf gegen Rechts sei wie­der ähn­lich eine ähn­li­che „Frei­heits­ein­schrän­kung“ und „Aus­gren­zung“.

„Vogel­schiss“ als Pro­gramm: der nost­al­gi­sche Nationalismus

Diese offe­nen Rela­ti­vie­run­gen sind aber die Aus­nahme. Die wirk­li­che geschichts­po­li­ti­sche Stra­te­gie der Ham­bur­ger AfD besteht darin, die Gau­land­sche Rede vom „Vogel­schiss“ in die Pra­xis umzu­set­zen. In den Bei­trä­gen der AfD-Abgeordneten fin­det sich kaum eine Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus oder mit der Kolo­ni­al­ge­schichte. Und wenn diese The­men berührt wer­den, dann geht es stets darum, für die radi­kal rechte Poli­tik nostalgisch-nationalistische, posi­tive Anker­punkte in der deut­schen Geschichte des 19. und 20. Jahr­hun­derts zu finden.

His­to­ri­sche Wür­di­gung for­dert die AfD etwa für fol­gende Grup­pen: die Ver­schwö­rer um Claus Schenk Graf von Stauf­fen­berg („Höhe­punkt des deut­schen Wider­stands“), die Opfer der alli­ier­ten Bom­bar­die­rung Ham­burgs im Juli 1943 („Kriegs­ver­bre­chen“), die Auf­stän­di­gen vom 17. Juni 1953 in der DDR („iden­ti­täts­stif­ten­des Datum“) sowie für die an der Gren­zen zwi­schen DDR und BRD Ermor­de­ten und den Mau­er­bau 1961 („Schick­sals­da­tum der deut­schen Nation“).

Und die im Jahr 2020 auf­ge­kom­me­nen Rufe nach einem Denk­mal für die Leis­tun­gen der soge­nann­ten tür­ki­schen „Gast­ar­bei­ter“ kon­terte Wolf im Novem­ber 2021 mit der For­de­rung, statt­des­sen ein Denk­mal für „Trüm­mer­frauen“ zu schaffen.

Das Kai­ser­reich soll rechts­ra­di­kale Her­zen wärmen

Neben den deut­schen Opfern alli­ier­ter Bom­ben und kom­mu­nis­ti­scher SED-Herrschaft sowie patrio­ti­schen kon­ser­va­ti­ven Gene­rä­len steht vor allem das Deut­sche Kai­ser­reich im Zen­trum der AfD-Geschichtspolitik. Eine Folge des Pod­casts „(Un-)Erhört!“ der Ham­bur­ger AfD-Fraktion vom Januar 2021 zum 150. Jah­res­tag der Reichs­grün­dung 1871 illus­triert das. 

Zum ein­gangs gespiel­ten „Heil dir im Sie­ger­kranz“ spricht Wolf von einem „der glück­lichs­ten Momente der deut­schen Geschichte“. Heu­tige Politiker:innen wür­den sich jedoch der Erin­ne­rung daran ver­wei­gern, sie hät­ten ein „gestör­tes Ver­hält­nis zur „eige­nen Geschichte“. So hätte die „über tau­send­jäh­rige Geschichte Deutsch­lands“ zwar „pro­ble­ma­ti­sche Sei­ten“, doch sei sie eben auch „mehr“. Ab dort ver­schwin­det der Natio­nal­so­zia­lis­mus aus die­ser Erzäh­lung und das heu­tige Deutsch­land wird schlicht in Kon­ti­nui­tät zum Kai­ser­reich gesetzt. Das ist eine ganz bewusste Kon­struk­tion einer Tra­di­tion, die nur über Aus­las­sung funk­tio­niert. An die „posi­ti­ven Momente der Geschichte“ soll erin­nert wer­den, so Wolf wei­ter, „weil das unsere Iden­ti­tät prägt. Eine Nation lebt nicht nur von der Ratio und von der Ver­fas­sung, son­dern auch von einem posi­ti­ven Gemein­schafts­ge­fühl.“ Nur dar­aus könn­ten „Soli­da­ri­tät und Mit­ein­an­der erwachsen.“

Gerei­nigt wer­den soll die deut­sche Geschichte also nicht, indem der Holo­caust geleug­net wird. Der „Schuldkult“-Vorwurf wird hier sub­ti­ler for­mu­liert: Der beding­ten Aner­ken­nung der Ver­bre­chen in den 12 Jah­ren NS-Herrschaft wird eine sau­bere Ver­sion der ver­meint­lich ande­ren 988 Jahre deut­scher Geschichte und deut­schen Glan­zes entgegengestellt.

Die Hamburger Bismarkstatue zwischen zwei Baumkronen.
Bis­marck, Begrün­der des deut­schen Kolo­ni­al­rei­ches, strahlt frisch reno­viert. Foto: Marco Hosemann

Mit Bis­marck gegen die Wahrheit

Diese Stra­te­gie zeigt sich auch an der Posi­tion der AfD zur Debatte um das Otto von Bismarck-Denkmal auf St. Pauli. In einer Folge des besag­ten Pod­casts vom Juli 2021 zeich­net Wolf den ers­ten Reichs­kanz­ler als eine posi­tive Figur der deut­schen Geschichte. Die gefor­derte Neu-Kontextualisierung des Denk­mals sei selbst Geschichts­re­vi­sio­nis­mus, schließ­lich würde Bis­marck dabei „aus dem Blick­win­kel eines Anti­fan­ten und einer Femi­nis­tin“ gese­hen. Die soge­nannte Westafrika-Konferenz 1884/85 in Ber­lin, zu der Bis­marck ein­lud und bei der die euro­päi­schen Groß­mächte den afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent als Kolo­ni­al­be­sitz unter sich auf­teil­ten, ver­schweigt Wolf dabei nicht. Aber er stellt sie als rein frie­dens­stif­tende Maß­nahme zur Siche­rung der inner­eu­ro­päi­schen Ord­nung dar. Das funk­tio­niert wie­derum nur durch Aus­blen­den der Fol­gen für die kolo­ni­sier­ten Bevöl­ke­run­gen außer­halb Euro­pas. Aber mehr noch: Kolo­nia­lis­mus ist für Wolf „nicht per se von vorn­her­ein schlecht“. Denn es sei „viel Posi­ti­ves geleis­tet wor­den, Infra­struk­tur, Gesund­heit etc.“ Es dürfe eben nicht „ein­sei­tig die nega­tive Brille“ auf­ge­setzt wer­den, wie es bei der Black Lives Matter-Bewegung gesche­hen sei. So hält Wolf dann auch die gän­gige For­schungs­po­si­tion, dass die Deut­schen 1904/5 in Süd­west­frika einen Völ­ker­mord began­gen haben, für „absurd“, ja „Quatsch“. Man sieht: Obwohl nost­al­gi­scher Natio­na­lis­mus die Kern­stra­te­gie der AfD Ham­burg aus­macht, ist der Schritt zu offe­nem Revi­sio­nis­mus schnell gemacht.

Redak­tion Untie­fen, März 2024

Umtausch nicht gestattet

Umtausch nicht gestattet

Der Senat ist in Fei­er­laune. Auf der Son­der­pres­se­kon­fe­renz zum spek­ta­ku­lä­ren Opern-Deal mit der Kühne-Stiftung herrschte pene­trante Selbst­ge­wiss­heit: Nie­mand könne doch ernst­haft etwas gegen die­ses Pro­jekt haben! Doch was hier als »Glücks­fall für Ham­burg« gefei­ert wird, offen­bart in Wahr­heit ein unde­mo­kra­ti­sches Ver­ständ­nis von Stadt und Kul­tur. Und es ist in dop­pel­ter Hin­sicht geschichtsvergessen.

Nicht genug Glanz: 2017 fand auf dem Baa­ken­höft das inter­na­tio­nale Fes­ti­val »Thea­ter der Welt« statt. Foto: Pauli-Pirat | Wiki­me­dia Commons

Der Mul­ti­mil­li­ar­där und Mäzen Klaus-Michael Kühne will Ham­burg eine neue Oper schen­ken. Bür­ger­meis­ter Peter Tsch­ent­scher und Kul­tur­se­na­tor Cars­ten Brosda waren erkenn­bar stolz, als sie auf einer Son­der­pres­se­kon­fe­renz am Frei­tag, den 7. Februar, gemein­sam mit Ver­tre­tern der Kühne-Stiftung und der Kühne Hol­ding ver­kün­den konn­ten, dass der Ver­trag unter­schrie­ben sei. In der »ers­ten Hälfte des nächs­ten Jahr­zehnts« soll die Oper eröff­nen. Zwar muss die Ent­schei­dung noch von der (dann neu kon­sti­tu­ier­ten) Bür­ger­schaft bestä­tigt wer­den, doch der rot-grüne Senat macht sich da wohl zu Recht keine Sor­gen. Erste Reak­tio­nen aus den Par­teien signa­li­sier­ten durch­weg Unter­stüt­zung für das Pro­jekt. Ein­zig Die Linke übte Kri­tik an der Ent­schei­dung.

Aber was ist da eigent­lich geplant? Ent­ste­hen soll ein Opern­neu­bau am Baa­ken­höft, einer Land­spitze im Zen­trum der Hafen­City, fast genau in der Mitte zwi­schen Elb­phil­har­mo­nie und Elb­tower. Die Nähe zum Elb­tower ist dabei kein Zufall. Im Mai 2022, als Kühne seine Idee eines neuen Opern­hau­ses erst­mals in einem Por­trät im Spie­gel prä­sen­tierte, war klar: Das Opern­haus sollte zusam­men mit sei­nem inzwi­schen geschei­ter­ten Hoch­haus­pro­jekt ein Wahr­zei­chen­en­sem­ble bil­den. Nicht nur den Elb­tower, auch die Oper plante Kühne zu die­ser Zeit gemein­sam mit René Benko, dem mitt­ler­weile inhaf­tier­ten Immo­bi­li­en­in­ves­tor. Der Deal, den er vor­schlug, war dabei in mehr­fa­cher Hin­sicht ver­gif­tet: Die Stadt sollte den neuen Opern­bau nicht geschenkt bekom­men, son­dern lea­sen. Und das bis­he­rige Opern­ge­bäude – in unmit­tel­ba­rer Nähe zur ehe­ma­li­gen Gänsemarkt-Passage, die Benko durch einen Kom­plex aus Woh­nun­gen, Büros und Ein­zel­han­del erset­zen wollte – sollte abge­ris­sen und durch ein »moder­nes Immo­bi­li­en­pro­jekt« ersetzt werden.

Der Senat winkte ab: Nein, ein Miet­kauf­mo­dell wolle man nicht, und ein Abriss des bis­he­ri­gen Opern­ge­bäu­des komme auch nicht infrage. Doch der Senats­spre­cher ergänzte damals bereits: »Eine Schen­kung durch Herrn Kühne bezie­hungs­weise seine Stif­tung nach dem Vor­bild der Kopen­ha­ge­ner Oper wäre dage­gen ein bemer­kens­wer­tes mäze­na­ti­sches Enga­ge­ment.« Genau so ist es nun auch gekom­men. Wohl auch im Ange­sicht der andau­ern­den Que­re­len um den Elb­tower war die Freude ver­gan­ge­nen Frei­tag groß, als die Kühne-Stiftung nach kurz­zei­ti­gem Hin und Her die Opern­pläne doch noch besiegelte.

Ein Deal ohne Haken?

Schließ­lich blei­ben bei die­sem Deal, glaubt man dem Senat, keine Fra­gen offen. Der Bau werde auf jeden Fall fer­tig­ge­stellt, ver­si­cherte man. Und abge­se­hen von 147,5 Mio. Euro für die Erschlie­ßung wür­den unter kei­nen Umstän­den zusätz­li­che öffent­li­che Gel­der flie­ßen. Das gesamte Risiko trägt die Kühne-Stiftung. Die fer­tige Oper bekommt die Stadt Ham­burg dann (fast) ohne Bedin­gun­gen geschenkt. Tat­säch­lich ist der Ver­trag für die Stadt, ver­gli­chen mit Küh­nes ursprüng­li­chem Vor­schlag, gera­dezu ver­blüf­fend vor­teil­haft. Und: Der bis­he­rige Opern­bau bleibt, so ver­si­cherte Cars­ten Brosda, als Spiel­stätte erhal­ten – wie genau die Nach­nut­zung aus­se­hen könne, werde man in den nächs­ten Jah­ren über­le­gen. Das heißt: Weder für besorgte Denkmalschützer:innen noch für strenge Wäch­ter über städ­ti­sche Aus­ga­ben gäbe es etwas zu mäkeln. Alles also ein ein­zi­ger Grund zur Freude? 

Kei­nes­wegs. In min­des­tens drei­er­lei Hin­sicht ist der Plan näm­lich ein Skan­dal: Er ist ein Gip­fel unde­mo­kra­ti­scher und intrans­pa­ren­ter Stadt­pla­nung, er offen­bart einen unde­mo­kra­ti­schen und zutiefst ver­ding­lich­ten Begriff von Kul­tur und er ist – auf­grund der Kolo­ni­al­ge­schichte des Baa­ken­ha­fens und der NS-Geschichte von Kühne + Nagel – geschichts­ver­ges­sen, wenn nicht gar ‑revi­sio­nis­tisch.

Hanseatische Geheimdiplomatie

Das »Filet­stück« 85 ist nun ver­plant. Quelle: Flä­chen­ent­wick­lung Hafen­City, Stand: 31.1.2024.

Zwar gibt es für den Baa­ken­höft noch kei­nen Bebau­ungs­plan, doch dass es sich um ein beson­de­res Grund­stück han­delt, ist schon lange klar. Das beton­ten auch alle Betei­lig­ten der Pres­se­kon­fe­renz. Cars­ten Brosda nannte es gar »eines der her­aus­ra­gends­ten Grund­stü­cke Nord­eu­ro­pas«. Und solch ein Grund­stück befin­det sich hier in öffent­li­chem Besitz. Eigent­lich sollte es sich von selbst ver­ste­hen, dass damit auch ein beson­de­res öffent­li­ches Inter­esse ver­bun­den ist, dass damit also die Ver­pflich­tung ein­her­ginge, eine trans­pa­rente und offene Dis­kus­sion über die Nut­zung des Grund­stücks zu ermöglichen.

Doch eine Dis­kus­sion fand nicht statt. Statt in der Öffent­lich­keit Nut­zungs­mög­lich­kei­ten zu ent­wi­ckeln und zu dis­ku­tie­ren, wurde nun, nach­dem Kühne seine »Idee« im Spie­gel bekannt gege­ben hatte, fast drei Jahre lang hin­ter geschlos­se­nen Türen ver­han­delt. Dass sich im Lauf die­ser Ver­hand­lun­gen die Bedin­gun­gen für die Stadt ver­bes­sert haben – geschenkt! Ent­schei­dend ist: Die Frage, ob über­haupt eine Oper auf dem Baa­ken­höft gebaut wer­den sollte, stand nie zur Debatte. Umtausch nicht gestattet!

Die­ses de-facto-Diktat des Kapi­tals wird vom Ham­bur­ger Senat nun in eine Spra­che offe­nen Aus­tauschs ver­klei­det: Kühne habe ein »Ange­bot« gemacht, der Senat habe es »geprüft«, man hat die Bedin­gun­gen nach­ver­han­delt und ist sich nun »einig gewor­den«. 1Ganz ähn­lich klang es auf der Pres­se­kon­fe­renz, als die Spra­che auf den Elb­tower kam. Der neue Inves­tor, Die­ter Becken, habe den »Vor­schlag« gemacht, das geplante Natur­kun­de­mu­seum, für das es noch keine ande­ren Räume gebe, im Elb­tower unter­zu­brin­gen. Auch die­ser »Vor­schlag« wird »geprüft« – man könne ihn ja nicht »aus Prin­zip ableh­nen«, so Tsch­ent­scher. Für die Pro­gnose, dass die Prü­fung posi­tiv aus­fal­len wird, braucht es frei­lich keine beson­de­ren hell­se­he­ri­schen Fähig­kei­ten. Der Inves­tor kann ja schließ­lich stets mit einem erneu­ten Bau­ab­bruch drohen.

Kühne calls the tune

Andere unde­mo­kra­ti­sche Aspekte wur­den nicht ver­schlei­ert, son­dern auf Dimen­sio­nen des All­tags­ver­stands zurecht­ge­stutzt, wo sie dann plötz­lich völ­lig ganz harm­los und nach­voll­zieh­bar klin­gen. Das betrifft etwa den Archi­tek­tur­wett­be­werb. Es wird zwar eine Jury geben, die unter fünf Ent­wür­fen aus­wäh­len würde, doch Kühne hat ein Veto­recht. Im Abend­blatt kann man erfah­ren, dass sogar schon ein Ent­wurf bereit­liege, den Kühne sich wün­sche, und zwar – wie offen­bar durch­ge­sto­chen wurde – vom Archi­tek­tur­büro Snøhetta. »Es gibt den schö­nen Ent­wurf eines aus­län­di­schen Archi­tek­ten, der wun­der­bar zu dem Stand­ort passt«, sagte Kühne der Zei­tung: »Die Stadt hätte gern noch eine Art Wett­be­werb. Ich finde den Ent­wurf schon sehr überzeugend.«

Unde­mo­kra­tisch? Nein: Dass Kühne (mit)entscheide, was gebaut werde, sei doch völ­lig nor­mal, meinte Peter Tsch­ent­scher, schließ­lich stamme von ihm ja das Geld. In der Sphäre des Poli­ti­schen nennt man diese Logik Plu­to­kra­tie. Bei Tsch­ent­scher hin­ge­gen klingt alles ganz unbe­denk­lich. Denn weiß nicht auch der Volks­mund: »Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt die Musik?«

Das könnte in die­sem Fall auch ganz wört­lich gel­ten. Nicht aus­ge­schlos­sen, dass Kühne, sollte er die Fer­tig­stel­lung des Opern­baus noch erle­ben, sich eine Eröff­nungs­oper wün­schen darf. Sol­che Mut­ma­ßun­gen wer­den Poli­tik und Opern­in­ten­danz sicher zurück­wei­sen. Aber man kann Wet­ten dar­auf abschlie­ßen, dass die erste Oper im neuen Haus nichts von György Ligeti oder Hans Wer­ner Henze sein wird, son­dern etwas »rich­tig Schö­nes«. Wie wär’s mit Gia­como Puc­cini?

Die Stadt des Kapitals

Der Denk­mal­ver­ein Ham­burg, der eine Peti­tion gegen den Opern­neu­bau und für den Ver­bleib der Staats­oper an der Damm­tor­straße initi­iert hat, schreibt daher zu Recht: »Eine so wich­tige Ent­schei­dung zur Archi­tek­tur, Stadt­ent­wick­lung und Denk­mal­pflege wie die Zukunft der Oper auf einem öffent­li­chen Grund­stück sollte in einem ergeb­nis­of­fe­nen Pro­zess und auf der Grund­lage einer brei­ten fach­li­chen, zivil­ge­sell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Dis­kus­sion getrof­fen wer­den – und nicht nach den Wün­schen eines ein­zel­nen pri­va­ten Geld­ge­bers.« Die Gestal­tung der Stadt darf nicht eini­gen weni­gen Inves­to­ren, Mil­li­ar­dä­ren und Mäze­nen über­las­sen wer­den – auch wenn dabei weder mit einer Bau­ruine (Elb­tower) noch mit einer Kos­ten­ex­plo­sion zulas­ten der öffent­li­chen Hand (Elb­phil­har­mo­nie) zu rech­nen ist.

Stadt­pla­ne­ri­sche Ent­schei­dun­gen – und ins­be­son­dere sol­che, die die Stadt jahr­zehn­te­lang prä­gen wer­den, bedür­fen der demo­kra­ti­schen Legi­ti­ma­tion. Die wird im Falle des Opern­neu­baus zwar for­mal durch einen Bür­ger­schafts­be­schluss her­ge­stellt wer­den. Doch von tat­säch­li­cher Demo­kra­tie kann nur dann die Rede sein, wenn sie sich auch auf den Pla­nungs­pro­zess bezieht. So hin­ge­gen zeigt der Pro­zess um Küh­nes Oper exem­pla­risch den unde­mo­kra­ti­schen Cha­rak­ter einer »Stadt des Kapitals«.

»Topspitzenweltklassekultur« 

Aber das ist nicht das ein­zige Pro­blem mit der Oper. Auch und gerade das, was durch die­sen Opern­neu­bau angeb­lich geför­dert wird, gerät unter die Räder: die Kul­tur. Wenn man den vier Her­ren bei der Son­der­pres­se­kon­fe­renz zuge­hört hat, konnte man näm­lich den Ein­druck erlan­gen, es gehe nicht um Kunst, son­dern um einen Sport­ver­ein oder ein Dax-Unternehmen.

Man wolle eine »Oper von Welt­rang«  bauen, bekun­dete Peter Tsch­ent­scher. Jörg Drä­ger von der Kühne-Stiftung sekun­dierte, mit dem Opern­neu­bau schaffe man in Ham­burg einen Ort für »exzel­lente Musik, exzel­lente Oper und exzel­len­tes Bal­lett«. Und Cars­ten Brosda brüs­tete sich damit, dass Ham­burg hin­sicht­lich der öffent­li­chen Zuschüsse bereits jetzt »in einer Liga mit den gro­ßen Opern­häu­sern der Welt« spiele.2Dass Tobias Krat­zer, der im Abend­blatt schon die Devise aus­gab, mit der Ham­bur­ger Oper in die »Cham­pi­ons League«  zu wol­len, die Bau­pläne eupho­risch begrüßte, ver­wun­dert daher nicht. Eine ganz ähn­li­che Spra­che wurde zudem schon zur Begrün­dung des Baus der Elb­phil­har­mo­nie ins Feld geführt.

Die Spra­che, die hier ver­wen­det wird, ver­steht Kul­tur als Leis­tungs­wett­be­werb. Eine Stadt wie Ham­burg muss sich die­ser Logik zufolge darum bemü­hen, die Welt­spitze der Kul­tur für sich zu gewin­nen, um dann im Ran­king der »bes­ten Kul­tur­me­tro­po­len der Welt« einen Topp­latz zu ergat­tern; muss die größ­ten inter­na­tio­na­len Künstler:innen in die Stadt holen, die hier dann ihre Best­leis­tun­gen ablie­fern und die Kon­kur­renz nei­disch machen.

Kultur als Hochgenuss 

Nun ist es wenig ver­wun­der­lich, dass in einer Kauf­manns­stadt wie Ham­burg so gedacht wird. Aber Kul­tur ist weder Spit­zen­sport noch ist sie ein Kampf um einen der ers­ten Plätze in der Welt­markt­kon­kur­renz. Kul­tur ist eine Pra­xis. Eine rei­che Kul­tur­land­schaft zeich­net sich nicht durch Super­la­tive und markt­för­mi­gen Star­kult aus, son­dern durch Breite und Viel­stim­mig­keit, durch Wider­sprü­che und Störgeräusche.

Die super­la­ti­vi­sche Mar­ke­ting­spra­che, mit der über den geplan­ten Opern­neu­bau gespro­chen wird, redu­ziert Kunst außer­dem auf ein Genuss­mit­tel. Sie macht zum Maß der Kul­tur, was der Kon­su­ment ›davon hat‹. Kul­tur wird zum Luxus­kon­sum­gut ver­ding­licht. Der Opern­bau wird so zu einer »Inves­ti­tion«, die »ihr Geld wert sein wird«. Die­je­ni­gen, die der­lei Spra­che ver­wen­den, offen­ba­ren sich als Klein­geis­ter und Banaus:innen. Sie wol­len den exqui­si­tes­ten Hör­ge­nuss, die größ­ten Gefühle und die berühm­tes­ten Stars erle­ben; bloß nichts, was sie beun­ru­hi­gen, irri­tie­ren oder gar absto­ßen könnte. 

Neubau? – »Alternativlos« 

Umso anma­ßen­der ist es, dass in der Dar­stel­lung Tsch­ent­schers und Bros­das gerade den Kritiker:innen des Opern­neu­baus impli­zit Banau­sen­tum vor­ge­wor­fen wird. Denn, so wird sug­ge­riert, ist es nicht klein­geis­tig, ange­sichts gro­ßer Visio­nen über die Zukunft gro­ßer Kunst nun Büro­kra­ten­for­de­run­gen wie die nach demo­kra­ti­scher Betei­li­gung oder auch nur nach einem offe­nen Archi­tek­tur­wett­be­werb auf­zu­wer­fen? Ist es nicht kunst­feind­lich, zu for­dern, die Oper müsste sich mit dem bis­he­ri­gen Gebäude und sei­nen Mög­lich­kei­ten begnügen?

Auf die Frage, wozu in aller Welt die Stadt ein neues Opern­haus brau­che, ant­wor­tete Brosda: Die bis­he­rige Oper sei zu alt, zu klein, ein­fach unter­di­men­sio­niert, um den Ansprü­chen eines gegen­wär­ti­gen Opern­be­triebs gerecht zu wer­den. Sanie­ren müsste man ohne­hin, das ist klar. Aber, so Bros­das Behaup­tung, eine Sanie­rung würde noch viel teu­rer als ein Neu­bau. Wäh­rend vor drei Jah­ren, als Kühne den Vor­schlag erst­mals auf­brachte, noch nie­mand so recht den Bedarf nach einem neuen Opern­haus sehen konnte, prä­sen­tierte Brosda den Umzug der Staats­oper in ein neues Haus nun als letzt­lich alternativlos. 

Es ist diese Alter­na­tiv­lo­sig­keits­rhe­to­rik – und nicht der eli­täre Cha­rak­ter der Oper als Kunst­form, wie Benno Schirr­meis­ter in der taz kom­men­tierte –, die das Kul­tur­ver­ständ­nis hin­ter dem Opern­neu­bau als unde­mo­kra­tisch aus­weist. Denn natür­lich wäre es mög­lich, wei­ter­hin Oper im bis­he­ri­gen Opern­haus zu betrei­ben. Laura Weiss­mül­ler hat in der SZ schon vor fünf Jah­ren anläss­lich der Debatte um den geplan­ten Abriss und Neu­bau der Städ­ti­schen Büh­nen in Frank­furt betont, dass die hor­ren­den Sanie­rungs­kos­ten der letz­ten Jahre eben nicht alter­na­tiv­los sind: »Muss es wirk­lich immer die auf­wen­digste Tech­nik sein? Brau­chen all unsere Gebäude über­all und zu jeder Tages- und Nacht­zeit den höchs­ten Kom­fort, die beste Aus­stat­tung, das neu­este Equipment?« 

Mit Ver­weis auf ver­schie­dene Off-Spielstätten kon­sta­tierte Weiss­mül­ler außer­dem: »Viel­leicht würde es dem deut­schen Kul­tur­le­ben gut­tun, mehr sol­cher rauen, unpo­lier­ten, unper­fek­ten Spiel­orte zu haben.«  Tat­säch­lich befand sich auch auf dem Baa­ken­höft schon ein sol­cher Spiel­ort, »eine über­aus pro­duk­tive, sel­ten inter­es­sante und authen­ti­sche Kul­tur­stätte«, wie Ste­phan Maus in einem (äußerst sehens- und lesens­wer­ten) Foto-Essay auf sei­nem Blog betont. »An die­sem beson­de­ren Ort im Hafen fin­den schon seit Jah­ren krea­tive Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Gesell­schaft, Ort und Geschichte statt.« Aber Leute, die – siehe oben – in der »Welt­spit­zen­klasse« der Kul­tur mit­spie­len wol­len, för­dern eben keine »Aus­ein­an­der­set­zung mit Gesell­schaft, Ort und Geschichte«, son­dern: die größte Bühne, die modernste Tech­nik und die beste Akus­tik. 

Überschreibung eines Geschichtsorts

Opern­haf­ter Jubel. Abfahrt eines Trup­pen­trans­por­ters von Ham­burg nach »Deutsch-Südwestafrika«. Quelle: Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑2008-0180 / Spen­ker, Franz / CC-BY-SA 3.0

Der geplante Opern­neu­bau muss schließ­lich als geschichts­ver­ges­se­nes, ja, revi­sio­nis­ti­sches Pro­jekt begrif­fen wer­den. Das hängt zunächst mit dem Stand­ort zusam­men. Der Baa­ken­ha­fen, jener Ort, den Kühne für seine Oper aus­ge­wählt hat, wurde im Deut­schen Kai­ser­reich näm­lich zur »logis­ti­schen Dreh­scheibe des kolo­nia­len Völ­ker­mor­des«, wie der His­to­ri­ker Kim Todzi schreibt. Die Woermann-Linie hatte seit 1891 einen regel­mä­ßi­gen Schiffs­ver­kehr zwi­schen Ham­burg und »Deutsch-Südwestafrika«  (so der Name des heu­ti­gen Nami­bias unter deut­scher Kolo­ni­al­herr­schaft) ein­ge­rich­tet und den Peter­sen­kai im Baa­ken­ha­fen gepach­tet. Zwi­schen 1904 und 1908 machte sie ihn zum wich­tigs­ten Ort der Kriegs­lo­gis­tik: »Über 90 Pro­zent aller Abfahr­ten« von Schif­fen mit Kolo­ni­al­sol­da­ten erfolg­ten von dort, so Todzi.

Für ein Geden­ken an die deut­schen Kolo­ni­al­ver­bre­chen, ins­be­son­dere den Völ­ker­mord an den Herero und Nama, ist der Baa­ken­ha­fen daher ein wich­ti­ger Ort und sollte, darin ist dem Ein­spruch der ehe­ma­li­gen For­schungs­stelle »Ham­burgs (post-)koloniales Erbe«  zuzu­stim­men, nicht mit einer Oper über­baut wer­den, ohne dass an die Ver­gan­gen­heit des Orts – etwa durch ein Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum – erin­nert würde.

Es zeugt jedoch von zwei­fel­haf­tem Oppor­tu­nis­mus, dass die For­schungs­stelle nicht für den Bau­stopp der Oper plä­diert, son­dern die Stadt auf­for­dert, »die finan­zi­elle För­de­rung des Opern­pro­jekts durch den Stif­ter mit der Bedin­gung [zu] ver­bin­den, die Errich­tung eines sol­chen Doku­men­ta­ti­ons­zen­trums sub­stan­zi­ell mit­zu­för­dern« . So als sprä­che an sich nichts gegen die­sen Opern­bau, sofern nur auch ein Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum dabei abfiele.

Kämpfe um Erinnerung

Solch eine For­de­rung blen­det vor allem die zweite Dimen­sion der Geschichts­ver­ges­sen­heit des Opern­plans aus: die Quel­len von Klaus-Michael Küh­nes Ver­mö­gen. Der Mul­ti­mil­li­ar­där ver­dankt die Grund­lage sei­nes Reich­tums näm­lich bekann­ter­ma­ßen dem Unter­neh­men Kühne + Nagel, das an der Ver­fol­gung, Ver­nich­tung und Aus­plün­de­rung der euro­päi­schen Jüdin­nen und Juden mas­siv und direkt ver­diente. Zuerst drängte die dama­lige Unter­neh­mens­füh­rung – Klaus-Michael Küh­nes Vater Alfred und sein Onkel Wer­ner – den jüdi­schen Anteils­eig­ner Adolf Maass aus dem Unter­neh­men, dann stieg Kühne + Nagel zum NS-Musterbetrieb auf und nahm eine Schlüs­sel­stel­lung in der M‑Aktion ein.

Klaus-Michael Kühne hat seit jeher eine his­to­ri­sche Auf­ar­bei­tung die­ser Geschichte sabo­tiert. Seit dem 125-jährigen Jubi­läum von Kühne + Nagel vor zehn Jah­ren jedoch wird die Geschichte (und Küh­nes ver­wei­gerte Auf­ar­bei­tung) immer wie­der öffent­lich dis­ku­tiert. Die Vor­würfe wur­den mit immer wei­te­ren Bele­gen unter­füt­tert – zuletzt im Sep­tem­ber letz­ten Jah­res in einem Inves­ti­ga­tiv­ar­ti­kel von David de Jong.

In Bre­men, wo Küh­nes Groß­va­ter das Unter­neh­men 1890 gegrün­det hat, wur­den aus die­ser öffent­li­chen Debatte Kon­se­quen­zen gezo­gen: Im Jahr 2023 wurde dort ein Mahn­mal ein­ge­weiht, das in Sicht­weite von der Deutsch­land­zen­trale von Kühne + Nagel an die Ari­sie­rung und Ent­eig­nung im Natio­nal­so­zia­lis­mus erin­nert und ins­be­son­dere ihre Akteure und Pro­fi­teure in den Blick nimmt.

Hamburg: Kulturförderung als Schweigegeld

In Ham­burg hin­ge­gen gibt es nichts der­glei­chen – obwohl es auch hier, etwa anläss­lich des Eklats um den »Klaus-Michael Kühne Preis«  2022 – Anlässe dafür gege­ben hätte. Die Ham­bur­ger Poli­tik gibt sich, als hätte es diese Debatte nie gege­ben. Peter Tsch­ent­scher war sich auf der Pres­se­kon­fe­renz nicht ein­mal zu blöd, eine kri­ti­sche Nach­frage mit dem Pseu­do­ar­gu­ment zu beant­wor­ten, dass Kühne wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus ja noch ein Kind gewe­sen sei.

Aber Kühne wird nicht nur – mit den dümms­ten Phra­sen – vor Kri­tik in Schutz genom­men. Die Ham­bur­ger Poli­tik ver­säumte in den letz­ten Jah­ren auch kaum eine Gele­gen­heit, um dem reichs­ten Sohn der Stadt Honig ums Maul zu schmie­ren. Zuletzt etwa über­reichte Tsch­ent­scher Kühne im Sep­tem­ber den »Grün­der­preis«  für sein Lebens­werk und wür­digte ihn in sei­ner Lau­da­tio als einen Unter­neh­mer, »der im wahrs­ten Sinne des Wor­tes viel bewegt hat«.3Ver­lie­hen wird der Preis von der Ham­bur­ger Spar­kasse, dem »Ham­bur­ger Abend­blatt«, der Handels- und Hand­werks­kam­mer, dem Lokal­sen­der »Ham­burg 1« und der Film­pro­duk­ti­ons­firma Stu­dio Ham­burg. Egal ob in die­sem Fall oder beim Eklat um den Kühne-Preis: Der Senat hat kri­ti­sche Nach­fra­gen aus Presse und Öffent­lich­keit kon­se­quent ignoriert.

Der Opern­deal offen­bart das Kal­kül hin­ter die­sem Ver­hal­ten. Denn auch wenn es, etwa im Falle der Gründerpreis-Verleihung, kein offe­nes »quid pro quo« gibt: Es ist klar, dass der Senat auf jeg­li­chen kri­ti­schen Ton ver­zich­tet, wenn es darum geht, einen (auch im Wahl­kampf nütz­li­chen) Deal kurz vorm Abschluss nicht noch zu gefährden.

Hanseatische Beutegemeinschaft

Unser Redak­teur Lukas Betz­ler schrieb im Okto­ber im nd dazu:  »Zu ver­mu­ten ist, dass die Hofie­rung Küh­nes vor allem Kal­kül ist. Kühne hat keine Erben. Sein Ver­mö­gen wird nach sei­nem Tod voll­stän­dig an seine Stif­tung über­ge­hen. Die Stadt Ham­burg ver­sucht wohl sicher­zu­stel­len, dann von einem mög­lichst gro­ßen Teil die­ses Ver­mö­gens pro­fi­tie­ren zu kön­nen.«  Wer hätte gedacht, dass sich die Wahr­heit die­ses Urteils so schnell und so offen zei­gen würde.

Der Preis für diese Art des Kal­küls jedoch ist hoch. Denn indem die Stadt Kühne im Gegen­zug für sein mäze­na­ti­sches »Enga­ge­ment«  der­art den Hof berei­tet, trägt sie dazu bei, dass das so pro­du­zierte Bild Küh­nes als gene­rö­ser Stif­ter jenes des Arisierungs-Profiteurs über­deckt oder gar ver­drängt. Der VVN-BdA warnte schon Mitte letz­ter Woche, dass der Opern-Deal »zur Ver­drän­gung his­to­ri­scher Schuld und der per­sön­li­chen Ver­ant­wor­tung für einen ange­mes­se­nen Umgang damit«  bei­trage. Und der Ver­band machte auch deut­lich, wes­sen Stim­men im ein­ver­nehm­li­chen Jubel von Senat, Kühne und der Mehr­heit der Bür­ger­schaft wie­der ein­mal unter­ge­hen: »Wer fragt die Nach­fah­ren der damals in West- und Ost­eu­ropa aus­ge­raub­ten jüdi­schen Fami­lien, was sie von die­sem ver­schwie­ge­nen Umgang mit dem Nazi­pro­fi­teur Alfred Kühne halten?«

Redak­tion Untiefen

  • 1
    Ganz ähn­lich klang es auf der Pres­se­kon­fe­renz, als die Spra­che auf den Elb­tower kam. Der neue Inves­tor, Die­ter Becken, habe den »Vor­schlag« gemacht, das geplante Natur­kun­de­mu­seum, für das es noch keine ande­ren Räume gebe, im Elb­tower unter­zu­brin­gen. Auch die­ser »Vor­schlag« wird »geprüft« – man könne ihn ja nicht »aus Prin­zip ableh­nen«, so Tsch­ent­scher. Für die Pro­gnose, dass die Prü­fung posi­tiv aus­fal­len wird, braucht es frei­lich keine beson­de­ren hell­se­he­ri­schen Fähig­kei­ten. Der Inves­tor kann ja schließ­lich stets mit einem erneu­ten Bau­ab­bruch drohen.
  • 2
    Dass Tobias Krat­zer, der im Abend­blatt schon die Devise aus­gab, mit der Ham­bur­ger Oper in die »Cham­pi­ons League«  zu wol­len, die Bau­pläne eupho­risch begrüßte, ver­wun­dert daher nicht. Eine ganz ähn­li­che Spra­che wurde zudem schon zur Begrün­dung des Baus der Elb­phil­har­mo­nie ins Feld geführt.
  • 3
    Ver­lie­hen wird der Preis von der Ham­bur­ger Spar­kasse, dem »Ham­bur­ger Abend­blatt«, der Handels- und Hand­werks­kam­mer, dem Lokal­sen­der »Ham­burg 1« und der Film­pro­duk­ti­ons­firma Stu­dio Hamburg.