Seit fünf Jahren gibt es nun unser »Stadtmagazin gegen Hamburg«, mehr als sechzig Beiträge sind bisher erschienen. Aber wie gut kennt ihr euch mit den Untiefen Hamburgs aus? Auf unserer Geburtstagsfeier gab es dazu ein Quiz. Hier ist es nun auch für alle, die nicht da waren. Testet euer Wissen!
Der Stadtteil Steilshoop, dessen Bild vor allem von der Großwohnsiedlung aus den siebziger Jahren geprägt ist, gehört zu den ärmsten Stadtteilen Hamburgs. Immer wieder werden die Zustände im »Problemstadtteil« beklagt – zuletzt in einer Reportage von SPIEGEL TV. Doch wer die Missstände nicht bloß inszenieren, sondern tatsächlich verstehen möchte, muss die stadtpolitischen Strategien hinterfragen, die das alltägliche Leben der Bewohner:innen bis heute prägen.
Von Beginn an durch die Logik von Masse und Dichte geprägt – Wohnhaus am Schreyerring, Wikimedia Commons: Gunnar Klack, CC BY-SA 4.0.
»Wer in Hamburg Steilshoop wohnt, hat schlechte Karten. Früher am Rand, jetzt außerhalb der hanseatischen Gesellschaft«, lautet der erste Satz einer im Mai erschienenen Spiegel-TV-Reportage über den Stadtteil. Der Beitrag mit dem Titel Brennpunkt Steilshoop: arm, abgehängt, aussichtslos zeigt den Alltag der Bewohner:innen, verwahrloste Hochhäuser, fehlende Arztpraxen und ein nahezu leerstehendes Einkaufszentrum als zentrale Versorgungsinfrastruktur. Es ist eine Brennpunktreportage, die die Linse auf die Missstände in Steilshoop richtet und die Politik aufruft, sich um den Stadtteil zu „kümmern“. Doch was in der Reportage bloß konstatiert wird, ist das Ergebnis einer Reihe stadtplanerischer und wohnungspolitischer Entscheidungen. Bei diesen Entscheidungen geht es nicht zuletzt um die Frage, wer Verantwortung für ein Quartier trägt – und wer davon entbunden wird.
Das fordistische Steilshoop
Steilshoop entstand Anfang der siebziger Jahre nach dem fordistischen städtebaulichen Leitbild »Urbanität durch Dichte«. Ziel war es, schnell preisgünstigen Wohnraum für die wachsende Stadtbevölkerung zu schaffen. Mit rund 6.400 Wohneinheiten in 21 konzentrischen Betonringen entlang einer zentralen V‑förmigen Achse entstand eine der größten Großwohnsiedlungen der Hamburger Nachkriegszeit.
Ein zentrales Merkmal des fordistischen Leitbilds war, so die Stadtforscher Dieter Läpple und Gerd Walter, die strikte Entkoppelung von Arbeit und Nicht-Arbeit [1]. Diese Bereiche wurden sowohl zeitlich, in Arbeitszeit und Freizeit, als auch räumlich, in Betriebsstätte und Wohnort, strikt voneinander geschieden. Der Arbeitsplatz war ein klar definierter Ort, an dem eine produktive Leistung erbracht wurde. Das ›eigentliche‹ Leben fand nach Feierabend statt. Diese Grenzziehung war die Basis für Reproduktion, Freizeit und die Organisation von Familie. Das Leitbild fußte auf dem unbefristeten Vollzeit-Normalarbeitsverhältnis des Mannes als Ernährer, dem unbezahlte Carearbeit als reproduktiver Counterpart gegenüberstand.
Planung in der fordistischen Stadt – Modell von Steilshoop am Borchertring, Wikimedia Commons, Minderbinder, CC BY-SA 4.0.
Die soziale Zusammensetzung Steilshoops wurde von Beginn an politisch gesteuert. Über 70 Prozent des Wohnungsbestands waren Sozialwohnungen, fast die Hälfte gehörte kommunalen Wohnungsbaugesellschaften und rund 30 Prozent Genossenschaften. Insbesondere finanzschwache und migrantische Menschen fanden hier Wohnraum. Diese bedarfsgerechte Wohnungsvergabe ist prinzipiell ein solidarisches und notwendiges Konzept. Doch gerade die Kopplung dieses sozialen Anspruchs mit der starren fordistischen Raumordnung legte den Grundstein für die Spannungen, die das Quartier bis heute prägen.
Während die politische Steuerung für eine hohe soziale Dichte und Diversität sorgte, bot die strukturelle Nutzungstrennung kaum Möglichkeiten, diese Vielfalt in einem organischen, lebendigen Miteinander zu entfalten. Begegnungsräume sind hauptsächlich auf die jeweiligen Innenhöfe der Wohnblöcke beschränkt, Gemeinschaften werden so voneinander abgrenzt. Anders als im kleinteiligen Schanzenviertel mit seiner sozialen und kulturellen Heterogenität führt die Diversität in Steilshoop daher nicht zu einer »produktiven Reibung« [2].
Hinzu kommt, dass die Mobilität innerhalb Hamburgs seit Gründung des Stadtteils beschränkt ist. Der Schnellbahnanschluss, der ursprünglich Teil der Planung war, wurde nie gebaut. Stattdessen beschloss der Senat 2009 trotz eines ungünstigen Nutzen-Kosten-Quotienten, die HafenCity durch die U‑Bahnlinie U4 anzubinden. Während die U4 seit 2012 fährt, wird Steilshoop frühestens 2033 durch die U5 an das U‑Bahn-Netz angeschlossen. Die so vorgenommene politische Priorisierung zeigt, welche Stadtteile und welche Bewohner:innen im Mittelpunkt städtischer Investitionen stehen: nicht das fordistische, staatlich geförderte Steilshoop, sondern die neoliberale, renditeorientierte HafenCity.
Die großmaßstäbliche Planung Steilshoops – von Beginn an durch die Logik von Masse und Dichte geprägt – zielte auf die effiziente Unterbringung vieler Menschen. Anders als in gewachsenen Stadtquartieren fehlten dadurch jene räumlichen Voraussetzungen, die zufällige Begegnungen, vielfältige Aneignungen und eine produktive Durchmischung des Alltags begünstigen. Die Konsequenz ist eine sozialräumliche Struktur, in der Vielfalt zwar vorhanden ist, sich jedoch nur begrenzt in eine gemeinsame Öffentlichkeit übersetzt. Zudem basierte die Idee der Großsiedlung auf einem fordistischen Ansatz, der nicht mehr griff, sobald der ökonomische Boom der Nachkriegszeit mit den Ölkrisen der siebziger Jahre erlosch. Die Folge war, dass von nun an marktwirtschaftliche Verwertungsinteressen die städtebaulichen Leitbilder sowie die politische Entscheidungslogik prägten.
Wenn Wohnungen zur Ware werden
In den achtziger und neunziger Jahren wurde Steilshoop als Sanierungsgebiet eingestuft. Wohnungen wurden renoviert, Sozialarbeit ausgebaut, Förderprogramme aufgelegt. Als die Programme ausliefen, kehrten die Probleme zurück. Das Muster von befristeter Aufmerksamkeit, ausbleibenden strukturellen Veränderungen, neuen Förderpaketen und deren erneutem Auslaufen wiederholte sich.
Nicht alles im grünen Bereich – Wohnblock in Steilshoop, Foto: privat.
Mit der Etablierung neoliberaler Stadtpolitik wandelte sich in den Nullerjahren die Strategie der öffentlichen Hand. Anstatt den Wohnungsmarkt weiterhin aktiv zu steuern, begriffen Stadtregierungen sich zunehmend als unternehmerische Akteure, die auf Marktkonformität und Privatisierung setzen. Diese Veränderung machte sich in Steilshoop insbesondere auf dem Wohnungsmarkt bemerkbar. Weil der Wohnungsbestand zunehmend privatisiert wurde, diente er immer mehr als Renditeobjekt für Eigentümer:innen, dessen Wert sich aus Knappheit und Marktposition bestimmt, und immer weniger als Gebrauchswert, also als Zuhause für die Bewohner:innen. Der Berliner Stadtforscher Andrej Holm hat gezeigt, wie aus dieser Verschiebung Phänomene wie steigende Mieten ohne Qualitätsverbesserung, Verdrängung als Voraussetzung für Investitionsrenditen oder struktureller Mangel an preiswerten Wohnungen als Ausdruck typischer kapitalistischer Marktlogiken erwachsen.
Siedlungen wie Steilshoop sind auf kommunale Unterstützung angewiesen. Doch die öffentliche Hand, die ursprünglich als Garant sozialer Stabilität fungierte, reagierte auf die persistenten Herausforderungen wie Vandalismus und Instandhaltungsstau nicht mit einer verstärkten sozialen Investition, sondern mit einem Paradigmenwechsel zur unternehmerischen Stadt. Anstatt die Verantwortung für den Wohnraum zu behalten und Marktlogiken durch eigenes Eigentum auszugleichen, entzog sie sich der sozialen Verpflichtung und übertrug den Bestand in private Hände.
Das Experiment Steilshoop
Mit dem Verkauf der 2.100 GAGFAH-Wohnungen an die Fortress Investment Group im Jahr 2004 verlor die Stadt Hamburg eines ihrer wichtigsten Steuerungsinstrumente in Steilshoop. Der Bestand unterlag fortan den Interessen eines börsennotierten Immobilienkonzerns, die mit dem Gemeinwohl strukturell unvereinbar sind. Diese Privatisierung war kein Einzelfall, sondern Teil eines bundesweiten Trends, der zu fragmentierten Eigentümerstrukturen und schwindendem kommunalen Einfluss führte.
Privatisierung als Antwort auf politische Probleme – die Gründgenstraße in Steilshoop, Wikimedia commons, gemeinfrei.
Als politische Antwort etablierte der Bund 2007 den § 171f im Baugesetzbuch, der die Quartiersentwicklung zunehmend in private Verantwortung delegierte, allerdings an die städtebaulichen Ziele und Konzepte der Kommunen bindet. In Hamburg mündete dies Ende 2007 in das Neighbourhood Improvement District-Modell (NID). Mit dem »Gesetz zur Stärkung von Wohnquartieren durch private Initiativen« sollte das ausgewiesene »Innovationsquartier« in Steilshoop privat finanziert und organisiert werden. Ein Lenkungsausschuss aus allen Eigentümer:innen sollte den Stadtteil voranbringen.
Doch das NID kränkelte von Beginn an, denn es basierte auf dem Modell des Business Improvement Districts (BID) für Geschäftsstraßen und konnte daher den Gegebenheiten eines Wohnquartiers nicht gerecht werden. Da es an gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen und einer verbindlichen Finanzierungsbereitschaft unter den Eigentümer:innen fehlte, blieb eine formelle Einrichtung des NID aus. Zudem verschärfte sich das Problem auf demokratischer Ebene. Im NID-Verfahren hatten ausschließlich Eigentümer:innen ein formelles Stimmrecht. Mieter:innen, also die Menschen, die in Steilshoop leben, die den Stadtteil nutzen, die von Entscheidungen über ihre Versorgungsinfrastruktur unmittelbar betroffen sind, waren formal aus dem Prozess ausgeschlossen.
Improvement? Eine Bilanz
Eine pauschale Bewertung des »Innovationsquartiers Steilshoop« als gescheitertes Projekt greift jedoch zu kurz. Mehrere der vorgesehenen Maßnahmen wurden erfolgreich umgesetzt, etwa die Neugestaltung der zentralen Fußgängerachse, die Erneuerung von Gehwegen und Möblierungselementen, ein Orientierungskonzept sowie Maßnahmen der Reinigung und des Stadtteilmarketings. Nach Angaben der Evaluation entwickelte sich der zuvor vor allem funktional genutzte Fußweg zu einem großzügigen Boulevard und die Wohnumfeldqualität konnte verbessert werden [3].
Zugleich wurde festgestellt, dass zentrale Herausforderungen des Stadtteils außerhalb des Einflussbereichs der privaten Initiative lagen. Probleme im Bildungsbereich, die Zukunft des Einkaufszentrums oder die verkehrliche Anbindung konnten durch das »Innovationsquartier« nicht gelöst werden, weshalb weiterhin öffentliche Investitionen und Städtebaufördermittel notwendig waren und bleiben. Die Erfahrungen aus Steilshoop legen somit nahe, dass privat organisierte Quartiersinitiativen zwar zu einer Verbesserung des Wohnumfelds beitragen können, dass strukturelle Fragen der Daseinsvorsorge und Stadtentwicklung aber weiterhin auf öffentliche Steuerung angewiesen sind.
Das NID-Experiment hat geleistet, wofür es konzipiert war, nämlich öffentliche Verantwortung auf private Initiative zu verlagern. Der Senat delegierte Aufgaben, die er zuvor öffentlich erbracht hatte, an Akteur:innen, die dafür weder die Mittel noch gemeinsame Interessen hatten. Das NID-Modell weist dem privaten Kapital eine Gestaltungsmacht zu, die demokratisch schwach legitimiert ist. Es entspringt dem Geist unternehmerischer Stadtpolitik.
Zwischen Experiment und Brennpunkt
»Schlechte Karten« für Steilshoop lautet das Urteil von Spiegel TV. Das sollte allerdings nicht verdecken, was in Steilshoop trotzdem gewachsen ist. Heute sind hier eine Vielzahl an unterschiedlichen Verbänden und Organisationen, wie der Aktivspielplatz, SToP e.V. oder die Alraune. Auch die sozialräumliche Fragmentierung muss differenziert betrachtet werden. Über familiäre Bindungen, befreundete Kinder und die vom AGDAZ organisierten Sommerfeste finden viele Bewohner:innen auch über die eigenen Wohnblöcke hinaus zueinander.
Trotzdem dominiert ein brennpunktartiges Narrativ über Steilshoop, denn die soziale Vernetzung von Nachbarschaften und institutionelle Experimente wie das NID haben nur begrenzten Einfluss auf die strukturellen Missstände, die auch Spiegel TV beleuchtet hat. Der Hamburger Stadtteil verdeutlicht exemplarisch, dass räumliche und soziale Ungleichheiten nicht allein durch lokale Aufwertungsmaßnahmen bearbeitet werden können, sondern eine langfristige öffentliche Verantwortung für Daseinsvorsorge, Infrastruktur und Stadtentwicklung erfordern. Wenn Spiegel TV also den »Brennpunkt« inszeniert, verschleiert die Reportage ausschlaggebende stadtpolitische Entscheidungen.
Die schlechten Karten wurden nicht gezogen, sondern verteilt. Ob eine Stadtpolitik möglich ist, die Grundversorgung als Gerechtigkeitsfrage begreift und nicht in der Verantwortung renditeorientierte Organisationen, bleibt offen. Das, was bisher versucht wurde, folgte einer anderen Logik.
Oliver Reese, Juli 2026
Der Autor lebt und arbeitet in Hamburg. Er hat Architektur und Urban Design studiert und beschäftigt sich vor allem mit sozioökonomischen Fragen der Stadtentwicklung und wie stadtpolitische Entscheidungen den Alltag von Menschen prägen.
[1] Dieter Läpple/Gerd Walter, Stadtquartiere und gesellschaftliche Integrationsmuster, in: Jens S. Dangschat/Alexander Hamedinger (Hg.), Lebensstile, soziale Lagen und Siedlungsstrukturen, Hannover 2007, 127.
Untiefen feiert: 5 Jahre Stadtmagazin gegen Hamburg
Vor fünf Jahren, am 8. Juli 2021, ging Untiefen – Das Stadtmagazin gegen Hamburg mit seinen ersten drei Beiträgen online. Wir laden ein, das mit uns zu feiern: am 17. Juli ab 19 Uhr, natürlich in der Roten Flora (Achidi-John-Platz 1).
Vor fünf Jahren, am 8. Juli 2021, ging Untiefen – Das Stadtmagazin gegen Hamburg mit seinen ersten drei Beiträgen online. Seitdem sind bei uns rund sechzig thematisch ganz diverse Beiträge erschienen, in denen es um – und gegen – Hamburg geht. Die Bezeichnung „Stadtmagazin“ mag für einen Blog, auf dem durchschnittlich etwa ein Beitrag pro Monat erscheint, zwar immer noch etwas hoch gegriffen sein. Aber auch wenn wir die Leerstelle, von der wir ausgingen – das Fehlen eines unabhängigen kritischen Stadtmagazins in Hamburg –, sicher nicht ausfüllen, haben wir doch manches erreicht, was diesem Anspruch folgt. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Schon in unserem zweiten Jahr haben wir mit unserer Intervention gegen den nach Klaus-Michael Kühne benannten Literaturpreis einen Eklat (mit-)verursacht, der in der Umbenennung des Preises resultierte; nach dem 7. Oktober 2023 haben wir eine viel beachtete Chronik antisemitischer Vorfälle in Hamburg erstellt, weil es sonst niemand tat; und unsere Beiträge zu Stadtentwicklung und Gentrifizierung, etwa am Beispiel des sogenannten Grünen Bunkers, wurden on- und offline viel diskutiert.
Unser fünfjähriges Bestehen möchten wir nun als Anlass nutzen, mit euch – unseren Gastautor*innen, Leser*innen, Freund*innen und Genoss*innen – anzustoßen und euch für eure Unterstützung zu danken: für eure Gastbeiträge, eure Kommentare, eure Kritik und euren Support.
Wir laden daher ein, mit uns zu feiern: am 17. Juli ab 19 Uhr, natürlich in der Roten Flora (Achidi-John-Platz 1). Es wird Getränke und Snacks geben, außerdem Musik und um ca. 20:30 Uhr ein wenig Programm. Wir freuen uns auf euer Kommen!
»Da ist etwas gewesen, das sehr viel Kraft hatte.«
Seit mehr als zwei Jahren ist das einst so lebendige Umfeld rund um die Sternbrücke eine Baustelle. Die Fotografin und Filmemacherin Helga Bahmer hat das Verschwinden dieses Orts mit der Kamera festgehalten. Ab dem 22. Mai sind ihre Arbeiten in der giraffentoast Gallery zu sehen. Wir zeigen schon jetzt eine Auswahl der Fotos und haben mit der Künstlerin gesprochen.
Untiefen: Unter dem Titel Krümmungsruck Sternbrücke nimmst du fotografisch die Transformation des Umfelds der Sternbrücke in den Blick. Was gab den Anstoß für dieses Projekt?
Helga Bahmer: Ich verbinde persönlich sehr viel mit der Sternbrücke. Als ich im Jahr 2000 aus der Provinz nach Hamburg kam, war ich von diesem Ort geflasht: Die kleinen Läden, die geschichtsträchtigen Backsteingebäude, die Kreuzung, die Menschen und die Clubs – das war für mich der Inbegriff von Urbanität. Ich habe London geliebt, und das sah für mich aus wie London. Vor etwa sechs Jahren wurde dann ja beschlossen, dass die Clubs da wegmüssen. Für mich war aber eher der Moment entscheidend, als vor zwei Jahren die Pfeiler für die Kabelhilfstrasse aufgestellt wurden. Für mich waren diese Pfeiler wie Aliens, die das ganze Stadtbild dort verändert haben. Das war der Moment, in dem ich dachte: Jetzt müsste ich anfangen zu fotografieren und diese Veränderung festzuhalten.
Das heißt, dir ging es nicht darum, den Zustand vor dem Abriss zu dokumentieren, sondern die Transformation selbst?
Ja, künstlerisch hat mich nicht das Schließen der Clubs interessiert, und auch der Abriss der Brücke interessiert mich nicht. Mich faszinierte diese Zwischenzeit, in der alles schon leer stand und immer mehr weggenommen worden ist von der Geschichte des Orts und von seiner Patina. Jetzt fotografiere ich den Ort nicht mehr, denn diese Zwischenzeit ist vorbei. Nur den Transport der neuen Brücke möchte ich gern noch aufnehmen, aber dann vermutlich eher auf Film, nicht mit Fotos.
Im Ankündigungstext zu deiner Ausstellung heißt es, »dass das Alte zur Nostalgie wird und das Neue noch ungewiss ist«. Welche Rolle spielt für dich das bewahrende Moment, das die Fotografie als Medium auszeichnet? Sind deine Fotos nostalgisch?
Nein, die sollen nicht nostalgisch sein. Ich will auch keine Nostalgie auslösen. Ich bin keine Nostalgikerin und auch nicht gegen Veränderung. Wenn so ein Infrastruktur-Knotenpunkt saniert werden muss, dann stehe ich dem gar nicht negativ gegenüber – auch wenn die Gründe im Fall der Sternbrücke natürlich sehr fragwürdig sind. Aber wenn Orte, die für die Stadtkultur wichtig waren oder sind, ausgemerzt oder verdrängt werden, wenn an ihrer Stelle so eine Art Leere entsteht, dann fühle ich mich berufen, das zu dokumentieren, damit nicht eine Art Amnesie eintritt. Die Räume, die Steine, die Kasematten, die noch die Spuren dessen tragen, was daraus einmal gemacht worden war, bilden ein Archiv. Dieses Archiv will ich weitertragen – und zwar so, wie ich das interpretiere: nicht rein dokumentarisch, sondern mit einer künstlerischen Haltung. Und ich will schließlich auch abfeiern, dass es diese Gegenräume gab.
Mit dem Archiv Sternbrücke der Fotografin Johanna Klier, das dieses Jahr mit dem Georg-Koppmann-Preis für Hamburger Stadtfotografie ausgezeichnet wurde, gibt es ein Projekt, das einen ähnlichen Ausgangspunkt nimmt, aber ästhetisch ganz anders vorgeht: Ihre Arbeit mit einer analogen Großbildkamera, ohne erhöhte Kontraste, Unschärfen oder extreme Perspektiven, nimmt einen genau registrierenden, objektiven Blick ein. Deine Fotos dokumentieren zwar auch, wählen aber eine viel stärker subjektive Perspektive. Wie bist du da vorgegangen?
Ich habe einen Blick gesucht, den nicht andere schon gefunden haben, einen eigenen Standpunkt und eine eigene Aussagekraft. Mir waren die Emotionen, die ich mit dem Ort verbinde, sehr wichtig. Und was mich sehr anzieht, ist eben das Gelebte, das Dreckige, das Verschlossene, manchmal auch das Skurrile. Das setzt sich dann oft in Farben um, ich habe aber auch viel mit Tiefenunschärfe gearbeitet. In der dokumentarischen Fotografie legt man sehr viel Wert darauf, dass der ganze Fotoraum scharf ist, von vorne bis hinten. Der subjektive Blick hingegen stellt manche Dinge scharf, andere nicht. Außerdem habe ich auch mit Abstraktionen gearbeitet. Und mich hat die Patina interessiert, die Oberflächen, die eben nicht glatt und super-HD sind, sondern die man auch erspüren kann und die, das hoffe ich jedenfalls, die Tiefenstruktur der Zeit transportieren.
Hervorstechend sind auch die ungewöhnlichen Perspektiven der Fotos: zum Beispiel, wenn auf einem Bild eine Art Matte sich wie ein Gletscher oder eine Lawine vom rechten oberen Bildrand in Falten nach links unten schiebt und man schwer ausmachen kann, aus welchem Material dieser Gegenstand ist und welche Funktion er eigentlich hat. Steckt darin eine Faszination nicht nur für das, was da einmal war, sondern auch für die teils bizarren Formen, die nur in diesem Moment der Transformation für kurze Zeit entstehen?
Das Bild, das du ansprichst, zeigt den Abriss des Sterngartens. Die Bilder von diesem Moment sind die einzigen Abrissbilder, die ich überhaupt aufgenommen habe, weil mich das persönlich so sehr mitgenommen hat. Noch ein paar Wochen zuvor hatte ich zusammen mit einer Freundin im Inneren des Gebäudes fotografiert und wir hatten festgestellt, dass es in gar keinem so schlechten Zustand war, man hätte es gut sanieren können. Es hat mir wirklich wehgetan, das abgerissen zu sehen, und dafür fand ich dieses Bild. Es ist eine Matte, die beim Abriss dazu diente, dass keine Trümmer auf die Straße fallen, sie sieht aber aus wie eine Welle, die das Haus überrollt hat.
Menschen sind auf deinen Bildern nur selten zu sehen. Warum?
Weil der Ort seine Lebendigkeit verloren hat. Die einzigen Momente, in denen da meinem Gefühl nach noch Leben existiert, sind die Kreiselkonzerte der Initiative Sternbrücke. Ansonsten ist da nicht mehr viel los. Leute stehen nicht mehr vor den Clubs oder vorm Kiosk, sie laufen nur noch vorbei. Für mich ist das inzwischen ein leerer Ort.
Deine Ausstellung trägt den Titel Krümmungsruck Sternbrücke. Im Begleittext wird erläutert, es handele sich um einen »Begriff aus der Trassierung«. Wofür steht dieser Titel?
Ein Krümmungsruck tritt auf, wenn man eine gekrümmte mit einer geraden Trasse verbindet und der Übergang dabei abrupt einsetzt. Mit Blick auf die Sternbrücke verstehe ich den Krümmungsruck als den Effekt des Versuchs, eine Krümmung, also einen subkulturellen oder alternativen Raum, zu begradigen. Ich habe in Mainz Fotografie und Umweltgestaltung am Fachbereich Kunst studiert und bin da mit Mike Davis und seiner kritischen Theorie der Stadtplanung und Urbanität in Kontakt gekommen. Das Studium ist lang her, die Details hatte ich vergessen, aber mir ist jetzt aufgefallen, dass ich von diesen Theorien immer noch imprägniert bin. Zum Beispiel von Davis’ These, dass die Bereinigung von Orten mit Geschichte, Orten, an denen soziale Aneignung passiert und an denen Subkultur entstehen kann, dazu dient, dass eine Stadt umfassender wirtschaftlich ausgenutzt werden kann. Wozu diese Ausnutzung führt, sieht man in Hamburg an der Elbtower-Ruine oder am brachliegenden Holstenareal. Orte wie die Sternbrücke stehen einer wirtschaftlichen Ausnutzung in dieser Form im Weg, die sind nicht clean genug. Im Begriff »Krümmungsruck« steckt die gewisse Aggressivität, die Gewalt dieser Begradigung, ähnlich wie in dem Lawinenbild.
Die neu zu planenden Flächen rund um die neue Sternbrücke (Ausschnitt). Quelle: Bezirksamt Altona
Nun wird an der Sternbrücke ja aber voraussichtlich kein Investor bauen. Die Grundstücke gehören dem Bezirk Altona, Anfang Mai begann ein öffentliches Beteiligungsverfahren. Gibt es nicht eine Chance, dass das Neue hier nicht notwendigerweise das Schlechte sein muss?
Es wird zwei nutzbare Flächen unter der neuen Brücke geben und drei Grundstücke im Umfeld der Brücke. Es gibt zwar ein Beteiligungsverfahren, aber was mit den Ideen und Wünschen der Anwohner:innen wirklich passiert, ist unklar. Vielleicht läuft es ja gut, die Stadt lernt aus ihren Fehlern und versucht, etwas Neues aufzubauen, das auch subversives Potential birgt. Und trotzdem finde ich es traurig, dass die alten Kasematten mit ihren Geschichtsspuren weg sind. Man hätte sie ja retten können. Ein Zweck meiner Ausstellung ist es auch, darauf hinzuweisen, dass es diese Räume gab und dass wir solche Räume, wo es sie in Hamburg noch gibt, erhalten können. Denn wenn wir sie verlieren, verlieren wir nicht nur Räume – wir verlieren die Ideen, wie wir leben wollen.
Sind deine Bilder also zwar nicht nostalgisch, aber traurig?
Traurigkeit kann schnell in Nostalgie kippen, und das will ich nicht unbedingt transportieren. Ich trauere natürlich um den Verlust dieses Ortes und es gibt manche Bilder, vor allem vielleicht die schwarz-weißen, die das auch zum Ausdruck bringen. Aber trotzdem ist es für mich vor allem ein Fest, dass es den Ort gab, dass der eine Energie hat, die immer noch ausstrahlt und Menschen bewegt. Da ist etwas gewesen, das sehr viel Kraft hatte.
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»KRÜMMUNGSRUCK STERNBRÜCKE« von Helga Bahmer Ausstellung in der giraffentoast Gallery (Kleiner Schäferkamp 28, 20357 Hamburg) 22. Mai – 6. Juni 2026
Vernissage: Freitag, 22.05.2026, ab 19 Uhr, mit Live-Musik von Deer Anna Am 30.05.2026 um 14 Uhr gibt es eine Führung (nur mit Anmeldung)
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Helga Bahmer lebt und arbeitet in Hamburg. Sie studierte Kunstfotografie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und spezialisierte sich später auf Dokumentarfilm an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Ihre Arbeit untersucht die Schnittstellen zwischen Identität, Stadtplanung und Architektur. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Frage: Wie prägen Orte und Politik die Menschen?
Dass die Sternschanze ein Ort der Hypergentrifizierung ist, bedarf keiner Erwähnung mehr. Nun jedoch wird der Stadtteil gentrifrittiert: Immer mehr sogenannte Food Startups bieten überteuerte Lebensmittel an. In Wahrheit verkaufen sie jedoch vor allem Content zur sozialmedialen Selbstinszenierung. Wieso Zimtschnecken, Donuts und Burger den städtischen in einen sinnlosen Raum verwandeln.
It’s a mood – weggeworfener Pappkarton einer Zimtschneckenkette in der Sternschanze. Foto: privat.
Womöglich ist es die Suche nach Entschleunigung, die Menschen dazu verleitet, sich in lange Schlangen zu stellen, um überteuerte Süßspeisen zu kaufen. Zumindest verspricht das die Zimtschnecken-Kette »Cinnamood«, die sich als »Ort der Vorfreude, der Entschleunigung« anpreist. An der Beschleunigung des Alltags wirkt jedoch ausgerechnet die Zimtschnecken-Kette selbst mit. In hohem Tempo erobern ihre Filialen in einem Heer aus weiteren Food Startups den städtischen Raum. Jüngst etwa bekam »Cinnamood« Konkurrenz durch die in Hamburg gegründete Franchise-Kette »Cinnaversum«. Neue Marken werden kreiert und erleben über die Sozialen Meiden einen – mitunter kurzlebigen – Hype. Neue Geschäfte eröffnen und schließen alsbald wieder, um durch das neue Immergleiche ersetzt zu werden. Kompensation dafür sollen ironischerweise die von den Startups vertriebenen Produkte bieten: Neben Entschleunigung versprechen sie etwa Authentizität, Gemeinschaft und besondere Erlebnisse.
Die erste Filiale eröffnete »Cinnamood« im November 2022 in der Schanzenstraße. Jahrelang war dort ein Spielwarengeschäft. Auch andernorts wird dieser Wandel sichtbar. Wo einst Gemüse- oder Trödelläden und inhabergeführte Kneipen, Cafés und Restaurants die Straßenzüge säumten, trifft man nun – in einem fußläufigen Umkreis – auf eine unüberschaubare Vielzahl an Filialen der Food Startups. Direkt gegenüber der Zimtschnecken-Kette ist »Ley’s Cookies« eingezogen, gleich um die Ecke »Brammibal’s Donuts«, nur ein paar Straßen weiter die »New York Bagel Bar«. Am Schulterblatt, wo jahrzehntelang ein griechisches Restaurant Gyros servierte, verkauft jetzt »Loco Chicken« Hähnchenflügel. Fast endlos könnte diese Liste fortgeführt werden: »Superbad«, »Ruff’s Burger«, »Kjeks«, »Schnitzery«, »Hakan Abi«. Manche Läden, beispielsweise »Royal Donuts« in der Sternstraße oder auch »Nani’s Cheesecake« am Neuen Pferdemarkt, sind längst schon wieder verschwunden.
Selbst die einstigen Gentrificateure der Sternschanze werden von den neuen Food Startups verdrängt. Wir beobachten eine beschleunigte Gentrifrittierung: die Transformation des städtischen Raums durch Trendnahrung. Dabei ist dieses Phänomen bei weitem nicht auf ein einziges Viertel beschränkt. Jüngst beschwerten sich Anwohnende und Standbetreibende des Eimsbütteler Isemarkts darüber, dass dieser von Foodtrucks und ‑trends und folglich von Influencern überrannt werde. Von einem Wochenmarkt, auf dem Waren des täglichen Bedarfs angeboten werden, könne kaum noch gesprochen werden. Hier soll jedoch kein Klagelied angestimmt werden. Dass sich die Sternschanze und andere Stadtteile verändern und Geschäfte schließen, ist per se kein Problem. Die Frage jedoch ist, durch was sie ersetzt werden.
Expandierende Food Startups
Die neuen Läden verkaufen zwar unterschiedliche Produkte wie Kekse, Donuts, Bagels oder Burger. Doch viele eint die Art und Weise, wie sie diese produzieren (lassen), verwerten und vermarkten. Die Geschäfte folgen häufig dem Prinzip sogenannter Mono-Konzepte, verkaufen also ein Kernprodukt, beispielsweise Zimtschnecken. Diese lassen sich in der Regel standardisieren und können daher von schnell angelernten Arbeitskräften verkaufsfertig gemacht werden. Die Produktion ist vergleichsweise günstig, was hohe Margen zulässt. Zugleich wird das Geschäftsmodell über die standardisierte Produktion skalierbar. Das wiederum ermöglicht eine rasche Expansion. Einige Ketten – wie etwa »Cinnamood« – setzten dafür auf ein Franchisekonzept, also schnelles Wachstum bei geringem Kapitaleinsatz. Andere wie das Startup »Lanch«, das unter anderem hinter »Loco Chicken« steckt, sammelten fleißig Millionen am Kapitalmarkt ein.
Etwas anders verhält es sich bei »LAP Coffee«. Die mittlerweile auch am Schulterblatt mit einer Filiale vertretene Kette geriet in jüngster Zeit in Kritik, da sie günstigen Kaffee anbietet und daher inhabergeführte Cafés unter Druck setze. Zwar verfolgt auch »LAP Coffee« eine rasche Expansion durch Risikokapital. Der eigentliche Zweck des Unternehmens besteht jedoch wohl weniger im Verkauf von Kaffee, sondern in der »Entwicklung und Betrieb von digitalisierten und automatisierten Verkaufsstellen für den Einzelhandel«, wie das Surplus Magazin berichtete. Die derzeitige Aufmerksamkeit für Trendnahrung dient also offenbar als Vehikel, um etwas ganz anderes zu entwickeln und zu verkaufen.
Schmeckt nicht jedem – Reste eines Trenddöners in einem Hauseingang in der Sternschanze. Foto: privat.
Das Phänomen der Food Startups lässt sich jedoch nicht allein über die althergebrachten Produkte sowie die Expansionsstrategien erklären. Vielmehr laufen in der Gentrifrittierung unterschiedliche Stränge zusammen. Dabei spielt das Internet eine zentrale Rolle. Denn erstens lassen sich die von den Food Startups angebotenen Produkte nicht wie etwa Mode im Onlinehandel vertreiben, der bereits für eine Transformation des städtischen Raums gesorgt hat. Viele Geschäfte, die keine verderblichen Waren anbieten, mussten aufgrund der Konkurrenz im Internet schließen – das schuf Platz. Dies gilt, zweitens, auch für den kapitalgetriebenen Immobilienmarkt: Vor allem in populären Stadtteilen wie der Sternschanze sind die Mieten derart gestiegen, dass sie häufig nur noch von solventen Ketten getragen werden können. Entscheidend ist jedoch, drittens, das Aufkommen neuer Werbestrategien über die Sozialen Medien. Vor allem Instagram und TikTok bescheren den Food Startups ihren Erfolg. Die Burger, Donuts und Zimtschecken verkaufen sich offenbar weniger aufgrund ihrer Qualität, sondern vor allem, weil sich über sie ein Lebensstil ausdrücken lässt.
Liebe ist ein Keks
Um ein Produkt zu verkaufen, das hat etwa Wolfgang Fritz Haug in seiner Kritik der Warenästhetik nachgezeichnet, muss es seinen Käufer:innen ein plausibles Gebrauchswertversprechen bieten. Mit anderen Worten muss die Ware vor dem Kauf überzeugen, dass sie einen Zweck erfüllt. Bei Nahrungsmitteln liegt dieser in der Regel nach wie vor darin, dass sie bekömmlich sind, Hunger stillen und gut schmecken. Geschmack und Genuss sind auch wichtige Versprechen der von den Food Startups vertriebenen Produkte. Sie gehen jedoch darin bei Weitem nicht auf. Ihr eigentlicher Gebrauchswert liegt weniger in materiellen Qualitäten, sondern vor allem darin, dass sie als Zeichen auf etwas Immaterielles verweisen.
Wer sich durch das Instagram-Konto von »Cinnamood« klickt, dem fallen schnell Begriffe auf wie Pause, Auszeit, Freude und Belohnung. Haug hat gezeigt, dass die Warenästhetik sich zunächst der Sprache der Menschen bediente, um Produkte zu bewerben, die beworbenen Produkte jedoch bald den Menschen eine Sprache gaben, um ihre Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken. Wer also eine Auszeit braucht, der kauft eine Zimtschnecke, der belohnt sich. Bei »Schnitzery«, ansässig am Schäferkamp, kann man, wie es bei Instagram heißt, »Freunde treffen, zusammen essen und einfach den Moment genießen«. Andere Läden wie die »New York Bagel Bar« veranstalten auch Events wie sonntägliche Laufklubs mit Bagelverzehr.
Auch ihnen schmeckt es nicht – Schild genervter Anwohner:innen gegenüber von »Hakan Abi«. Foto: privat.
Ein weiteres wichtiges Schlagwort der Instagram-Kanäle ist »Liebe«. Bei »Cinnamood« findet es sich ebenfalls auf der Firmenwebseite. Dort wird auch eine kleine Geschichte über die beiden Gründer:innen, die ein Paar sind, erzählt: »Diese Liebe geht durch den Magen«. Die Zimtschnecken seien also nicht nur aus Liebe entstanden, sondern über deren Erwerb drückt man seine (Selbst-)Liebe aus. »This is me romanticizing my life«, heißt es passend auf dem Instagram-Kanal. Direkt gegenüber, bei »Ley’s Cookies«, werden Kekse gleich zum Liebesbeweis: »Nothing says ›I love you‹ like a heart cookie«.
Die kleine Geschichte über das »Cinnamood«-Liebespaar hat aber noch eine weitere Funktion: Sie verspricht Authentizität und Gemeinschaft. Die Firmengründer:innen werden nur mit Vornamen, Anna und Luca, vorgestellt. Sie wirken wie zwei gute Freund:innen, die einem nun etwas von den selbstgebackenen Zimtschnecken abgeben. Wie beliebig das ist, zeigt sich darin, dass sie nun auch eine Burger-Kette ins Leben gerufen haben. Eine etwas andere Geschichte präsentiert die »New York Bagel Bar«, die eine Filiale in der Susannenstraße betreibt. Auf ihrem Instagram-Kanal kann man die »vier Freunde« – Laura, Pia, René und Johnny – dabei beobachten, wie sie mit großem Spaß Bagels verkaufen. Nebenbei geben sie noch Tipps für sogenannte Gründer:innen oder laden Influencer ein, individuelle Bagels zu kreieren. Selbstverständlich teilen die vier Freunde »die Liebe zu authentischen New York Bagels«. Fast alle Ketten setzen dabei auf das sogenannte Influencer-Marketing, das die Produkte im kumpelhaften »Du« als Ticket zu einer mehr oder weniger erlesenen Gemeinschaft anpreist.
Dialektik des Pappkartons
Das Influencer-Marketing zeigt auf Seiten der Konsumierenden erkennbar Wirkung. Wer einmal längere Zeit vor einem Zimtschnecken-Laden steht, kann beobachten, dass so manche, die dort ein Gebäck kaufen, nicht darauf aus sind, die versprochene Auszeit zu genießen. Vielmehr zücken sie ihre Smartphones, um die Zimtschnecke zu fotografieren. Sie reproduzieren die auf Instagram inszenierte Warenästhetik auf ihren eigenen Kanälen.
In einer Welt der privatisierten Aufmerksamkeitsökonomie positionieren sich die Konsumierenden über ein eingekauftes Erlebnis in Form einer Zimtschnecke oder auch eines Donuts als trendbewusste und genussfreudige Subjekte. Dabei hilft wiederum die Unternehmenskommunikation: Die vermarkteten Geschichten und Gefühle lassen sich mit der eigenen Persönlichkeit verweben. Hinzu kommt, dass Onlinemagazine wie »Hamburg mit Vergnügen« die Eröffnung und den Besuch der neuen Geschäfte zu einem Erlebnis stilisieren, woran nicht zuletzt auch die Onlinemagazine verdienen.
Die Food Startups verkaufen insofern nicht einfach Lebensmittel, sie verkaufen Content. Mit diesen Inhalten kann das auf Instagram und anderswo erzählte Leben offenbar aufgewertet werden. Dass sich dabei bisweilen gar nicht mehr unterscheiden lässt, ob die vielen Bilder von Nahrungsmitteln in den Sozialen Medien von professionellen und populären Influencern oder von Privatpersonen gepostet wurden, ist ebenso wichtig für das Funktionieren dieses informellen Marktes. Um wie ein Star zu sein und sich wie ein solcher zu fühlen, bedarf es keiner besonderen Qualitäten mehr, sondern nur noch eines Burgers oder eines Gebäckstücks.
Ein substanzieller Bestandteil des Gebrauchswerts der Trendnahrung besteht also in der Tat nicht darin, als Lebensmittel verzehrt zu werden. Die Produkte dienen vielmehr als Medien – das Zeichenhafte der Ware wird zu ihrer eigentlichen Funktion. In diesem Prozess geschieht nun wahrlich Absurdes: Denn mit den Food Startups wird die Verpackung der Lebensmittel eigentümlich aufgewertet.
Auch Trendbewusste sind nicht immer zielsicher. Foto: privat.
Wer sich bereits darüber gewundert hat, warum ganze Straßenzüge mit glitzernden oder auch neckisch bedruckten Pappkartons vermüllt sind, wird bei den Food Startups fündig. Die Verpackung spielt für die Inszenierung eine entscheidende Rolle. Dabei diente ein Pappkarton bislang neben seiner eigentlichen Funktion, Verpackung zu sein, auch dazu, den Gebrauchswert der enthaltenen Ware anzupreisen. Bei den Food Trends jedoch ist der Pappkarton nicht mehr allein Teil der Warenästhetik, sondern erhält selbst einen Gebrauchswert. Der Pappkarton oder auch ‑becher ist sowohl ein Accessoire für den Stadtbummel als auch für die sozialmediale Inszenierung. Befeuert wurde dies sicherlich durch den Mitte der 2000er Jahre entstandenen Onlinetrend des »Unboxings«, also das Auspacken von Waren vor der Kamera durch Influencer. Aber auch die Verpackungen der Foodtrends schicken sich bereits an, zu einem eigenständigen popkulturellen Phänomen zu werden: »Sag, willst du wirklich mit mir sein, Baby? Denn nichts ist umsonst, uh / Also komm bloß nicht nach Haus ohne Brammibal’s in tausend Kartons, uh«, heißt es etwa bei der Musikerin Shirin David.
Sinnlose Straßenzüge
Manche Food Startups – so unter anderem die Zimtschnecken-Kette – werben auch mit dem Begriff des cravings, also eines starken Verlangens, das über den Erwerb des jeweiligen Lebensmittels zu befriedigen sei. Das ist in einer Welt, in der der Gebrauchswert der Waren zwar nicht verschwindet, sich jedoch insofern wandelt, dass er sich weniger auf ihre materiellen, sondern repräsentativen Qualitäten bezieht, bemerkenswert.
Mit dem Begriff des cravings zeigen die Food Startups an, dass sie etwas herstellen, was aus einer physiologischen Notwendigkeit, aus einem körperlichen Bedürfnis heraus gebraucht würde. Dass auch diese Geschichte verfängt, mag daran liegen, dass eine gewisse Sehnsucht nach ebensolchen basalen Bedürfnissen besteht. Schließlich nimmt – im selben Tempo wie die Filialen der Food Startups – die Zahl an Fitnessstudios zu, die offenbar ein ähnliches Begehren nach Körperlichkeit in einer Zeit anzeigen, in der Muskeln ihre Funktion, Arbeit zu verrichten, weitestgehend verloren haben. Doch so wie auch in Fitnessstudios der Körper primär zu repräsentativen Zwecken gestählt wird, basiert auch das Geschäftsmodell der Food Startups nicht darauf, etwas herzustellen, das aufgrund eines tatsächlichen körperlichen Verlangens gebraucht wird. Es basiert vor allem darauf, sozialmedial teilbare Inhalte – Erlebnisse und Geschichten – zu verkaufen.
Je mehr sich jedoch der städtische Raum durch diese digitale Selbstinszenierung verändert, desto sinnloser wird er. Orte tatsächlicher Gemeinschaft und solche, an denen sich nützliche Dinge erwerben lassen, werden eingetauscht gegen Erzählungen von ihnen. Und noch während über diese Zeilen nachgedacht wurde, schloss ein offenbar erfolgloser Trend-Saftladen am Neuen Pferdemarkt und wurde durch eine Filiale einer aus Berlin stammenden Instagram-Café-Kette unter dem Namen »A Never Ending Love Story« ersetzt – ein nicht enden wollender Stumpfsinn.
Johannes Radczinski, April 2026
Beim Schlendern durch den Stadtteil – gerne auch mal mit einer Tüte Eis – verfolgt der Autor, wie sich die Sternschanze verändert. Dieser ethnologische Blick schlug sich auf Untiefen unter anderem in Artikeln über den sogenannten »Grünen Bunker« oder auch die hier anzutreffende Rekonstruktionsarchitektur nieder.
* Der Titel des Beitrags wurde geändert. Der ursprüngliche Titel enthielt den Begriff »Schwachsinn«, der als medizinisch-juristischer Begriff die Ausgrenzung und Verfolgung von Menschen mit Behinderung legitimierte. Um die Behindertenfeindlichkeit dieses Begriffs nicht zu reproduzieren, haben wir den Titel geändert. Es tut uns Leid, dass wir den ableistischen Begriff ursprünglich verwendet haben.
Mehrere Vorfälle der vergangenen Wochen zeigen, wie aggressiv antizionistische Linke gegen Andersdenkende vorgehen. Weil Bündnisse oft nicht konsequent gegen autoritäre Gruppen vorgehen, werden Spaltungen unausweichlich: Emanzipatorische Linke bilden neue Zusammenschlüsse.
»for universal feminist solidarity«: Abschlusskundgebung der Kompliz:innen-Demo an der Flora. Foto: Feminism Unlimited.
Am 8. März, dem internationalen feministischen Kampftag, fanden in Hamburg dieses Jahr zwei Versammlungen parallel statt. Neben der Demonstration des seit 2019 aktiven Bündnisses 8M, die diesmal etwa 10.000 Teilnehmende umfasste, startete am Hans-Albers-Platz eine weitere Demo: Rund 2.300 Menschen versammelten sich dort unter dem Motto »Unsere Kämpfe sind verbunden. Unsere Solidarität auch. Am 8. März auf die Straße!«. Aufgerufen hatte das neue Bündnis Kompliz*innen zum 8. März, um für universellen Feminismus und gegen Faschismus, Queerfeindlichkeit, Misogynie, Rassismus und Antisemitismus zu demonstrieren, – Grundsätze, die die »Kompliz:innen« auf der 8M-Demo nicht gewahrt sahen.
Bereits im vergangenen Jahr hatten die Gewerkschaftsfrauen vom DGB und von ver.di keine Möglichkeit mehr gesehen, sich am Bündnis zum 25. November zum Tag der Gewalt gegen Frauen zu beteiligen, weil die dort vertretenen autoritär-linken Gruppierungen Young Struggle und Zora nicht bereit waren, den misogynen Terror der Hamas vom 7. Oktober 2023 als solchen zu verurteilen. Im Februar trat auch die Grüne Jugend aus dem Bündnis 8M aus. Was ihre Vertreter:innen über die Zustände im Bündnis berichten, verdeutlicht die Tragweite des Problems.
Bündnis 8M: »Me too, unless you’re a jew«?
Auslöser für den Austritt der Grünen Jugend war eine Aussage von Mitgliedern des Bündnisses auf einem Treffen im Februar zur Vorbereitung der 8.-März-Demonstration. »Unsere Vertreter:innen wurden dort unter anderem mit der Aussage konfrontiert, dass sich weder israelische Frauen bei der kommenden Demonstration willkommen fühlen sollen noch jüdische Frauen sich auf der Demo sicher fühlen müssen«, erklärt Leon Meyer von der Grünen Jugend Hamburg im Gespräch mit dem Autor. Nach dem Bündnistreffen erklärte die Grüne Jugend deswegen ihren Austritt aus dem Bündnis, wie ihr Landessprecher erläutert: »Diese antisemitische Entgleisung blieb innerhalb des Bündnisses weitestgehend unwidersprochen und ist für uns inakzeptabel.«
Gegen eine weitere Mitarbeit im Bündnis 8M spricht für die Grüne Jugend auch, was unmittelbar nach dem Treffen passierte: »Es kam im Nachgang des Treffens zu einem transfeindlichen Übergriff, bei dem unser:e Landessprecher:in Carro, nichtbinär, von Vertreter:innen anderer Orgas, die zuvor auf dem Bündnistreffen anwesend waren, absichtlich und herabwürdigend mit ›Es‹ angesprochen wurde«, kritisiert Meyer. Die Grüne Jugend erklärte Mitte Februar öffentlich ihren Austritt aus dem Bündnis 8M.
Das Bündnis antwortete mit einer schriftlichen Erklärung: Die Entscheidung der Grünen Jugend, ihre Kritik öffentlich zu formulieren statt den internen Dialog zu suchen, wird darin als »schade und auch unsolidarisch« bezeichnet. Der transfeindliche Übergriff werde aufgearbeitet werden, sei aber ohnehin »außerhalb des Bündnisses passiert, nach dem Bündnistreffen«.
Antisemit:innen, die keine sein wollen
Den Vorwurf antisemitischer Statements auf dem Vorbereitungstreffen weist das Bündnis 8M »ganz klar zurück«: »Die weiteren Gruppen haben keine der gefallenen Aussagen als antisemitisch wahrgenommen und hätten andernfalls auch klar Position dagegen bezogen.« Und was nicht als antisemitisch wahrgenommen wird, kann ja wohl nicht antisemitisch sein, scheint hier der Konsens zu sein. Und überhaupt: »Wozu wir ganz klare Worte finden wollen, ist der Vorwurf, es wäre eine Aussage gefallen, die sich direkt gegen jüdische Menschen, konkret jüdische Frauen gerichtet hätte. Eine solche Aussage hätte für jede Gruppe in unserem Kreis eine rote Linie dargestellt und wäre nicht geduldet worden. Keine der anderen Gruppen innerhalb des Bündnisses kann sich an eine solche Aussage erinnern – im Gegenteil.«
Das Schild ist lila, immerhin. »Kämpferischer Feminismus« im antimilitaristischen Block am 8. März. Foto: Screenshot Instagram.
Meint »im Gegenteil«, sich aktiv um die Teilnahme jüdischer Frauen bemüht zu haben? Die Anfrage des Autors zu den Vorwürfen der Grünen Jugend wurde vom Bündnis 8M leider nicht beantwortet. Die Demonstration des Bündnisses am 8. März jedenfalls vermittelte einen anderen Eindruck. Im »antimilitaristischen Block« des Offenen feministischen Treffens (OFT) und des 2026 neu gegründeten Offenen Treffens für Frieden und Internationalismus (OTFI) etwa dominierten Parolen aus der antiimperialistischen Mottenkiste. Beide Zusammenhänge rufen auch zur antizionistischen Großdemo »Stop Nakba Now« am 16. Mai auf, für die bundesweit nach Hamburg mobilisiert wird.
Kompliz:innen gegen Antisemitismus
Leon Meyer von der Grünen Jugend sagte, man hoffe »auf eine interne kritische Aufarbeitung und die Ziehung von Konsequenzen«. Die Gruppe Feminism Unlimited Hamburg, die das Bündnis »Kompliz*innen zum 8. März« mitinitiiert hat, hegt solche Hoffnungen nicht mehr: »Wir waren nie im Bündnis 8M, gerade wegen dessen Umgang mit Antisemitismus«, erklärt die Gruppe auf Anfrage. Im Aufruf heißt es klar: »Doch anstatt solidarisch zusammenzustehen, mobilisieren linksautoritäre Gruppen gegen selbstverwaltete Orte wie das Conne Island oder die Rote Flora und nehmen die Querfront mit Coronaleugner:innen und rechten Gruppen zumindest billigend in Kauf. Umso wichtiger ist es für uns als FLINTA* solidarisch und handlungsfähig zu bleiben!«
Während beim Bündnis 8M wieder Palästina-Flaggen wehten, positioniert sich das Kompliz:innenbündnis eindeutig gegen Nationalismus und jeden Antisemitismus – und wird deswegen von linksautoritären Gruppierungen wohl als Feind:in gesehen. Am 21. Februar kam es zu einem Angriff im Hamburger Schanzenviertel. Eine Person wurde beim Plakatieren aggressiv angegangen, ob sie sich »nicht schäme, eine antideutsche Scheiße zu verkleben«. Auch die Worte »Israel scheiße« seien gefallen, berichtet Toni von den Kompliz:innen im Gespräch mit dem Autor. Die von acht Personen bedrängte plakatklebende Person habe dann in einer Kneipe Schutz gesucht. »Anschließend mussten wir feststellen, dass viele der Plakate abgerissen wurden«, sagt Toni. Feminism Unlimited Hamburg erklärte dazu in einem Statement: »Wir werten diesen Vorfall als antifeministischen und antisemitischen Angriff auf unsere Demonstration.«
Wer waren die Angreifenden? »Wir vermuten, dass zumindest eine der Personen der Gruppe Young Struggle zuzuordnen ist«, erklärt Toni. Nachdem die Attacke auf Instagram öffentlich gemacht wurde, gab es dort viele Solidaritätsbekundungen in Form von Kommentaren und Stories: »Es freut uns sehr zu sehen, wie viele Menschen uns unterstützen, das zeigt uns, dass wir nicht alleine sind«, betont Toni: »Unsere große und kraftvolle Demo am 8. März war auch dazu da, ein Zeichen zu setzen, dass es immer noch eine feministische Bewegung gibt, die sich nicht von autoritären Gruppen einschüchtern lässt.«
Antisemitismus in der ganzen Stadt
Gleichzeitig nehmen in der Hamburger Stadtgesellschaft antisemitische Angriffe zu: »Antisemitische Vorfälle machen einen relevanten Teil der insgesamt gemeldeten Vorfälle aus, davon ist ein großer Teil dem israelbezogenen Antisemitismus zuzuordnen«, betont die Projektleiterin von Hint.hamburg im Gespräch mit dem Autor. Hint.hamburg ist eine neue Hinweisstelle für rassistische, antisemitische und rechte Vorfälle und steht unter dem Dach der Lawaetz-Stiftung. Sie löst das Projekt memo des Vereins empower ab, das zuvor in der Kritik stand, weil es keine Zahlen zu antisemitischer Gewalt veröffentlichte (Untiefen berichtete). Auch wenn ihr erster Jahresbericht erst im Sommer vorliegen wird, kann die Projektleiterin, die nicht namentlich genannt werden möchte, schon jetzt die Meldung zahlreicher antisemitischer Vorfälle bestätigen, »darunter vor allem Formen antisemitischer Markierung des öffentlichen Raums, durch zum Beispiel Sticker und Sprühereien«.
Dokumentation und Recherche betreiben auch der Verein bagrut e.V. und der Instagram-Kanal @antisemitismusradarhh. Beide dokumentierten antisemitische Morddrohungen wie »Zyklon B gegen Nazionisten« oder »Hapoel Hipsters – 9mm für Zios« an Hauswänden in Wilhelmsburg und Sankt Pauli. Im Hamburger Stadtteil Barmbek wurde mit einer Sprühschablone auf zahlreiche städtische Mülleimer der Text »Israel, du Sau« gesprüht, neben der Silhouette eines Schweines – unter Verwendung des alten antijudaistischen Motivs der ›Judensau‹ also. Zum Unkenntlichmachen darüber geklebte Antifa-Aufkleber wurden an einigen Orten abgerissen, oder empört mit dem Kommentar „Linke Nazis!“ versehen.
Der Antisemitismus-Radar macht auch auf antisemitische Umtriebe an der Uni aufmerksam, die dort vor allem in Form der BDS-Kampagne (Boycott, Divest, Sanctions) zu beobachten sind. Im Dezember etwa warben die »Students for Palestine Hamburg« für eine BDS-Veranstaltung im studentisch selbstverwalteten Café Knallhart und auf dem »AStA Wintermarkt«. Israelboykott »mit leckerem Essen!«.
Diese Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen. Seit dem 7. Oktober 2023, dem Angriff der Hamas auf Israel, steigen die Zahlen antisemitischer Vorfälle, in Hamburg wie deutschlandweit. Für Hamburg heißt das konkret: 2023 wurden 132 antisemitische Straftaten registriert, 2024 bereits 249, für 2025 zählte die Polizei 110 antisemitische Straftaten, wie die Antworten des Senats auf die letzten quartalsweisen Anfragen von Deniz Celik, Bürgerschaftsabgeordneter für Die Linke, ergeben.1Die Zahl ergibt sich, wenn man die Fälle aus den vier Quartalsberichten addiert. Die Berichte finden sich hinter folgenden Links: 1.Quartal, 2. Quartal, 3. Quartal, 4. Quartal.
Eine hohe Dunkelziffer
Diese Zahlen zeigen aber nur einen Teil der Realität, »weil vieles nicht angezeigt wird«, so Stefan Hensel, der kürzlich zurückgetretene ehemalige Antisemitismusbeauftragte Hamburgs, im Gespräch mit dem Autor. Dies belege die 2024 veröffentlichte Studie »Jüdisches Leben und Alltag in Hamburg«, für die »das erste Mal eine ganze jüdische Gemeinde befragt wurde«.2Die Studie ist als Kooperationsprojekt der Akademie der Polizei Hamburg, der Polizeiakademie Niedersachsen, der Jüdischen Gemeinde in Hamburg und der Gleichstellungsbehörde auf Initiative des Hamburger Antisemitismusbeauftragten erarbeitet worden. Stefan Hensel ist selbst Mitglied der Jüdischen Gemeinde Hamburg. Im Rahmen einer schriftlichen, anonymen Befragung in Hamburg im Zeitraum vom 13.11.2023 bis 7.2.2024 nahmen 548 der 1.200 volljährigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde teil.
77 Prozent der Befragten gaben an, in den letzten zwölf Monaten von antisemitischen Vorfällen betroffen gewesen zu sein. Etwa 55 Prozent der Befragten waren laut Studie von strafrechtlich relevanten antisemitischen Vorfällen betroffen. Dabei wurden Beleidigungen und Bedrohungen online und auch außerhalb des Internets häufiger angegeben als körperliche Übergriffe, Belästigung oder Verfolgung. Etwa zwei Drittel derjenigen Befragten, die eine antisemitische Diskriminierung erlebt haben, führen diese auf den Krieg ab dem 7. Oktober in Israel und Gaza zurück.
Die überwiegende Mehrheit derjenigen, die von antisemitischen Vorfällen berichten, zeigt diese nicht an. Das deckt sich auch mit Stefan Hensels Erfahrungen. Ihn als ehemaligen Antisemitismusbeauftragten erreichen viele Berichte von Gemeindemitgliedern über Beleidigungen, Bedrohungen, Sachbeschädigungen. Vieles davon wird nicht bekannt, weil die Betroffenen nicht an die Öffentlichkeit gehen.
Wenn jüdisches Leben als solches erkennbar sei, so Hensel, seien die Zahlen eklatant höher. »Und Zahlen können ohnehin nicht erklären, was hier eigentlich passiert. Wenn der Nachbar plötzlich nicht mehr mit dir spricht, weil du Jude bist – dann lässt sich das nicht anzeigen.« Viele der Hamburger Gemeindemitglieder seien als Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen. »Die sind großteils arm und dadurch nicht mobil, sie müssen mit ihren Nachbarschaften auskommen. Und trauen sich dann auch im 13. Stockwerk nicht, die Chanukkia ins Fenster zu stellen«, erläutert Stefan Hensel.
Ein Fall, der öffentlich wurde, ist die antisemitische Beschädigung eines Briefkastens in einem Mehrfamilienhaus im Februar: In ihn wurde das Wort »Jude« geritzt. Hensel repostete das Foto und schrieb dazu: Wer einen jüdischen Haushalt markiere, setzte »kein politisches Statement«, sondern »eine Drohmarke«.
Unverhohlene Drohungen
Ebenfalls im Februar hat eine Anwohnerin aus Ottensen einen Angriff auf ihre Wohnung öffentlich gemacht. Dem Autor schilderte sie, was passiert ist: »Vom 16. auf den 17. Februar wurden unsere privaten Wohnungsfenster großflächig mit einem Roten Dreieck besprüht, dem Zeichen der misogynen und faschistischen Hamas, mit dem die Terrororganisation ihre Feinde markiert und sie bedroht.« Das rote Dreieck ist mittig zwischen zwei DIN-A-4-große Plakate platziert worden. Auf den Plakaten stand: »Rape is not Resistance – In Gedenken an die Betroffenen sexualisierter Gewalt am 7. Oktober und in Kriegen weltweit.« Der Opfer des Hamas-Überfalls am 7. Oktober 2023 auf einem Wohnungsfenster zu gedenken, reichte aus, um bedroht zu werden.
Unverhohlene Drohung: Wer der Opfer des 7. Oktober gedenkt, wird als Feind markiert. Foto: privat.
»Wir sind schockiert und wütend über diesen aggressiven Angriff auf unsere Meinungsäußerung, die auch gegen unsere eigene Person, unsere Souveränität geht«, erklärt die Anwohnerin. »Die Kombination der Zeichen deutet darauf hin, dass dieser Sprühangriff aus linken autoritären Strukturen erfolgt ist, die sich stalinistisch oder kommunistisch verorten. Das ist keine linke Politik, das ist konkrete Einschüchterung«, betont die Anwohnerin. »Weil das Rote Dreieck auch Auslöschungsfantasien beinhaltet, haben wir diese Sprühbedrohung bei der Polizei angezeigt, denn das ist nicht irgendein Tag oder Spruch.«
Ihr ist es wichtig zu betonen, dass sie als Wohnungsbewohner:innen mit den Plakaten im Fenster nicht provozieren, sondern ihre Haltung bekunden wollten. »Denn, sich gegen sexualisierte und patriarchale Gewalt weltweit und auch gegen die Gewalt an Jüdinnen und Juden auszusprechen, ist für uns ein Minimalkonsens, der für eine politisch linke Bewegung selbstverständlich sein sollte.«
Eine Solidaritätserklärung, die unter anderem vom Hamburger Bündnis gegen Rechts und vom anarchistischen Büchercafé Incito unterzeichnet wurde, betont ebenfalls diesen Konsens und kritisiert scharf eine autoritäre politische Praxis, die auf »Einschüchterungen, Markierungen oder Drohgebaren« setzt. Das Plädoyer für »Kritik, Diskussion und auch kontroverse politische Auseinandersetzung« scheint allerdings viele nicht mehr zu erreichen: Im Stadtteil Ottensen im Februar verklebte Plakate mit dem Text »Rape is not Resistance« wurden schnell abgerissen.
Die Zahl ergibt sich, wenn man die Fälle aus den vier Quartalsberichten addiert. Die Berichte finden sich hinter folgenden Links: 1.Quartal, 2. Quartal, 3. Quartal, 4. Quartal.
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Die Studie ist als Kooperationsprojekt der Akademie der Polizei Hamburg, der Polizeiakademie Niedersachsen, der Jüdischen Gemeinde in Hamburg und der Gleichstellungsbehörde auf Initiative des Hamburger Antisemitismusbeauftragten erarbeitet worden.
Interview zum Buch: »Versammlung der Mikropolitiken«
Ein neues Buch aus der Hamburger Recht-auf Stadt-Bewegung versammelt stadtpolitische Ideen zur Arbeit auf nachbarschaftlicher Ebene. Wir haben mit Lisa Zander und Marius Töpfer über das Buch gesprochen. Sie haben es gemeinsam mit Kayoung Kim und Thies Warnke herausgegeben und sind zugleich aktiv im Stadtteilzentrum Mikropol in Rothenburgsort.
»Versammlung der Mikropolitiken« erschien Ende 2025 beim Hamburger adocs-Verlag. Foto: adocs.
Vom Hamburger Netzwerk »Recht auf Stadt« ist in den letzten Jahren wenig zu hören gewesen. Jüngere Kampagnen zur Wohnungsfrage wie »Hamburg Enteignet« scheinen wenig Mobilisierungswirkung zu haben. Und das obwohl die Miet‑, Bau- und Grundstückspreise allein einen großen Teil der Stadtbevölkerung täglich ärmer machen. Ganz zu schweigen von immer unzuverlässiger werdender urbaner Infrastruktur, verdrängten Clubs und dem Verschwinden selbstgestalteter Räume und Freiflächen. Ist also die Bewegung für ein Recht auf Stadt in Hamburg auf dem Rückzug? Ein kürzlich von Hamburger Stadtteilaktivist:innen herausgebrachtes Buch bestreitet das. Im Hamburger adocs-Verlag erschien im Dezember 2025 »Versammlung der Mikropolitiken«. Es geht zurück auf ein Treffen internationaler stadtpolitischer Initiativen, das 2023 aus dem Mikropol in Rothenburgsort heraus organisiert wurde. Auf gut 200 Seiten vereint es Stadttheorie, Bewegungs-Selbstreflektion und photographische Einblicke in die verschiedenen Praktiken.
Den Herausgeber:innen zu Folge ist der stadtpolitische Aktivismus keineswegs verschwunden, er hat nur seine Form verändert. Er tritt nicht mehr offensiv politisch, sondern in Form von Nachbarschaftsinitiativen, Gesundheitszentren, Genossenschaften auf, die in ihren jeweiligen Vierteln ansetzen. Diese Form nennen sie mit den französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari »Mikropolitik«. Der in den 1960er Jahren geprägte Begriff brachte damals eine Kritik an den etablierten linken Politikansätzen zum Ausdruck. Statt Massenorganisationen wie kommunistische Parteien oder sozialistische Gewerkschaften rückte er die Bedeutung des alltäglichen Handelns für gesellschaftliche Veränderung in den Mittelpunkt. Wir haben mit Lisa Zander und Marius Töpfer, zwei der Herausgeber:innen, im Mikropol über ihr Buch gesprochen und darüber, was diese Kritik für heutige Stadtpolitik bedeuten kann.
Untiefen: Lisa und Marius, mit dem Projekt Mikropol in Rothenburgsort betreibt ihr Stadtaneignung abseits der Szeneviertel und außerhalb der erprobten linken politischen Formen. Mit eurem Buch spannt ihr über diese lokale Arbeit hinaus einen größeren Rahmen und verortet euer nachbarschaftliches Handeln international und auch theoretisch. Das Buch vereint sehr konkrete Berichte und Beschreibungen lokaler stadtpolitischer Praktiken mit theoretischen Reflektionen, darunter ein weitreichender Beitrag des spanischen Stadttheoretikers Kike España. Was war die Motivation, jetzt dieses Buch zu machen?
Lisa Zander: Die Versammlung, die in dem Buch dokumentiert wird, ist aus einem Buchclub rund um das Buch »Die sanfte Stadt« von Kike España entstanden. Kike schreibt dort in der Einleitung, dass er die theoretische Reflexion nicht höher bewerten möchte als das Aufräumen nach Veranstaltungen oder das Klo zu putzen – dass er es aber wichtig findet, Dinge festzuhalten und etwas zu haben, woran man diskutieren kann. Auch ein Buch von »rotor« aus Graz war wichtig für uns. Die haben auch nach einem Kongress Texte zusammengesammelt, die für uns plötzlich Praktiken von entfernten Leuten nah und zugänglich gemacht haben. Zum Beispiel vom Atelier d’Architecture Autogérée (AAA) aus Paris. Letztendlich war es bei uns auch so: Wir wollten unsere Arbeit reflektieren, festhalten und diskutieren was Mikropolitik ist und sein kann, damit andere anknüpfen können.
Marius Töpfer: Wie du anfangs sagtest, sind wir hier nicht in einem Szeneviertel. Auch deshalb liegt uns die theoretisch-konzeptionelle Arbeit am Herzen. Das was hier im Kleinen und etwas Abseits passiert, läuft ohne diese Reflexion vielleicht Gefahr, isoliert zu bleiben. Das theoretische Reflektieren und auch das in In-Beziehung-Setzten mit internationalen Projekten macht das Eigene dann auch größer und wirkmächtiger. Die Versammlung, zu der wir international eingeladen haben, hatte jedenfalls diesen Effekt auf unser eigenes Tun. Leute merkten auf einmal, was das für eine Dimension haben kann, in einem Toilettenhaus Nachbarschaftsarbeit zu machen. Weil wir unsere Arbeit in Beziehung gesetzt haben mit beispielsweise Initiativen wie »L’Après M«, die in Marseille einen McDonald’s besetzt haben und ihn jetzt selber betreiben.
Eröffnungstag der »Versammlung der Mikropolitiken«, 2023 am Mikropol. Foto: Miguel Ferraz.
Untiefen: Die Beiträge in eurem Buch betonen insgesamt sehr stark das Alltägliche und das Lokale als Ansatzpunkt der politischen Arbeit. Es geht viel um Nachbarschaften, um das Sich-Kennenlernen. Was ist für euch das Wichtige daran?
Marius Töpfer: Ich glaube, für uns ist das so wichtig, weil wir im Jetzt eine andere Zukunft herstellen wollen, eine andere Form des Stadtbewohnens, des Weltbewohnens. Das ist sehr stark im Alltag verankert. Und wir haben das hier in diesem Stadtteil als guten Modus gefunden, um zusammen zu arbeiten. Politisch zu arbeiten, obwohl man das vielleicht gar nicht von vornherein denkt, dass man das tut.
Lisa Zander: Wir glauben: wenn eine Veränderung nicht auf der kleinen Ebene funktioniert, dann funktioniert sie auch nicht im Großen. Für uns war in dieser Hinsicht auch »Beziehungsweise Revolution« von Bini Adamczak ein wichtiger Bezugspunkt. Wenn wir über andere Zukünfte nachdenken, dürfen wir nicht nur mit großen Würfen hantieren, sondern müssen prozesshaft denken und die Beziehungen im Kleinen verändern.
Marius Töpfer: Die großen Ziele sind bei uns natürlich trotzdem im Fokus. Wir wollten beispielsweise nie nur dieses kleine Toilettenhaus, sondern wir wollen ein großes Stadtteilzentrum für die Nachbarschaft. Das wollen wir von hier aus zusammen erproben, erstreiten, erleben. Und nicht zuletzt: der Fokus aufs Alltägliche ändert auch einfach etwas am Leben, es macht auch unser Leben besser.
Untiefen: À propos Stadtteilzentrum Rothenburgsort: Wenn ich die Entstehungsgeschichte des Mikropol richtig verstehe, wurde das Zentrum »Rothenburg« abgerissen, ohne einen Ersatz. Dort habt ihr eingehakt. Jetzt kommt aber ein neues Haus, habe ich das richtig gesehen? Wann wird das sein? Wie weit ist das?
Uns war noch etwas klar: statt nur zu fordern, organisieren wir das selbst.
Marius Töpfer: Das wird hoffentlich 2029 fertiggestellt. Es wird etwa 300 Meter Luftlinie von hier entstehen, beim Entenwerder Park, zwischen Branntwein Monopol und Holiday Inn. Ja, der Abriss war der Ausgangspunkt des Mikropol. Die »Rothenburg« wurde abgerissen, wir haben die Möbel genommen und auf dem Marktplatz wieder aufgebaut. Wie in einer Performance haben wir jeden Samstag dort gesessen, zusammen Platten gehört, Tee getrunken und uns ausgetauscht, wie es weitergeht. Eins war klar: es braucht ein Stadtteilzentrum in Rothenburgsort. Einen Ort, an dem sich Menschen begegnen, austauschen, organisieren können. Wir hatten unterschiedliche Ideen, wie bspw. das denkmalgeschützte und schon lange leerstehende Ensemble der ehemaligen Bundesmonopolverwaltung für Branntwein. Und uns war noch etwas klar: statt nur zu fordern, organisieren wir das selbst. Dafür brauchte es einen Ort. Das leerstehende Toilettenhaus war ideal. Seit dem ist das Mikropol ein Miniatur-Stadtteilzentrum, aber auch ein Testort, an dem wir rausfinden, was ein Stadtteilzentrum ausmacht und wie es organsiert sein kann. Wir halten das fest, bringen es auf eine neue Ebene und entwickeln so auch das Raumprogramm für das neue Haus.
Lisa Zander: Wir sind zwischendrin natürlich auch gut gescheitert. Es gab schon richtige Tiefpunkte. Seit Ende letzten Jahres aber sind die Architekten, die den Wettbewerb für sich entschieden haben, beauftragt, es wird gebaut werden.
Untiefen: Seid ihr am neuen Zentrum denn irgendwie beteiligt?
Lisa Zander: Eigentlich viel mehr als das. Wir konnten das Raumprogramm schreiben und wir haben einen Letter of Intent unterschrieben, dass wir den Betrieb organisieren werden. Uns war es wichtig, dass unsere Arbeit und das Engagement aus der Nachbarschaft auch in den Betrieb des Hauses mündet. Neben den Architekten arbeitet der Bezirk als späterer Eigentümer mit dem städtischen Immobilienunternehmen Sprinkenhof an der Umsetzung. Parallel dazu erarbeiten wir die soziale Struktur des Hauses und beschäftigen uns mit der Übersetzung des nachbarschaftlichen Zusammenlebens in das neue Haus.
Marius Töpfer: Und wir haben sogar eine kleine Finanzierung von der Stadt dafür, das die nächsten drei Jahre zu begleiten.
Untiefen: Das klingt sehr erfolgreich! Ich möchte nochmal auf das Verhältnis von »kleiner« und »großer« Politik kommen. Die Beiträge im Buch klammern das, was wir gewöhnlich unter Politik verstehen, weitgehend aus. Stadtplanung, Parlamente oder das Organisieren von Mehrheiten spielen keine Rolle im mikropolitischen Ansatz mit seinem starken Fokus auf das Alltägliche, den Stadtteil, die Nachbarschaft. Dabei ist Stadtteilarbeit doch, ob sie will oder nicht, Objekt von Stadtplanung, von Entscheidungen der Bürgerschaft, der Bezirksversammlung, und braucht in diesen Verhältnissen wohl oder übel Parteien, die ihre Anliegen aufgreifen. Der Diskurs um Mikropolitik scheint mir regelrecht politikfeindlich. Ist das nicht ein Irrweg, diese politischen Arenen einfach auszublenden, obwohl sie doch zur Herrschaftsstruktur in dieser Gesellschaft dazugehören?
Lisa Zander: Wir wollen uns gar nicht gegen große Versammlungen oder gegen soziale Politik aussprechen. Eher zeigt das Buch auf, dass es noch andere politische Formen gibt. Natürlich setzen wir uns permanent damit auseinander, was entscheidet die Bürgerschaft oder die Bezirksversammlung. Was ich wichtig finde, ist zu versuchen, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Die Parteien sind hier manchmal verwirrt davon, dass sich super viele Leute einig sind, dass das Mikropol wichtig ist und dass es so einen Ort in der Nachbarschaft braucht. Für solche Orte ist es sehr gefährlich, sich parteipolitisch festzulegen. Da kann man nur verlieren und gewinnen tun nur die Parteien. Als politikfeindlich würde ich den Diskurs aber auf keinen Fall bezeichnen.
Marius Töpfer: Um diesen Ort am Laufen zu halten, sind wir wahnsinnig viel mit Politik konfrontiert, müssen mit den Parteien sprechen, Anträge schreiben usw. Carola Veit, die Bürgerschaftspräsidentin, hat ihr Büro hier in Rothenburgsort. Mit ihr sprechen wir viel und sind im guten Austausch. Hauptsächlich aber als Nachbarin. Wir haben hier wenig Grundsätze, aber einer ist, dass im Mikropol keine Parteiveranstaltungen stattfinden. Alle sind aber eingeladen, als Nachbarn da zu sein.
Lisa Zander: Ich muss einfach nochmal ergänzen. Hier in der Nachbarschaft ist es auch so, dass wenig Leute überhaupt wahlberechtigt sind. Also dieses Versprechen, auf Parteipolitik einzuwirken, ist hier nicht unbedingt die Realität.
Untiefen: Ich verstehe, dass ein Nachbarschaftsort wie hier, wo es darum geht, sich kennenzulernen, sich nicht sofort in politische Spaltungslinien sortieren kann. Gleichzeitig spielt ja so ein Text wie der von Kike España doch mit einer größeren, radikalen gesellschaftlichen Veränderung. Es wird aber nicht klar, wie das Erzeugen von kleinen »Löchern« in der Stadt, wie er und ihr das nennt, mit einem Kampf um Hegemonie oder um radikale Veränderung in Zusammenhang steht. Da fehlt für mein Verständnis die politische Ebene. Es ist nachvollziehbar, auf Politik keine Lust zu haben, denn Politik bedeutet Konflikt. Drückt sich in dieser Politikferne der Mikropolitik eine Konfliktmüdigkeit aus, oder das Gefühl, dass politisch nur eine Katastrophe auf die nächste folgt?
Lisa Zander: Solche Fragen haben wir mit Kike nie disktutiert, da würde mich seine Antwort auch interessieren. Er schreibt ja vor dem Hintergrund der spanischen Munizipalismusbewegung. Daher kommt die Idee, aus kleinen Versammlungen die größeren Veränderungen zu erzeugen. Ich bin davon überzeugt, dass es Veränderungen in der Stadt zum Beispiel in Barcelona rund um diese Bewegung gab, z.B. dass AirBnB verdrängt wurde.
Untiefen: Weil du gerade Barcelona angesprochen hast: Dort ist auch das Konzept der »Sorgenden Stadt« entstanden, dass Reproduktionsarbeit und Sorge in den Mittelpunkt der Stadtplanung stellt. Ist das für euer Verständnis von Mikropolitik ein Bezugspunkt?
Lisa Zander: Ja, für mich ist das ein Bezugspunkt, ich habe mich viel auch theoretisch mit Reproduktionsarbeit beschäftigt und damit, wie die Stadtplanung die Teilung von Öffentlich und Privat beeinflusst. Deswegen funktioniert das Mikropol auch an dieser Schnittstelle von öffentlichem Raum und privatem Raum: es braucht diese Räume, die irgendwas dazwischen sind und die auch sorgende Arbeit ermöglichen – und sei es, miteinander Tee zu trinken. Aber die Idee einer »sorgenden Stadt« geht natürlich noch viel mehr an die Substanz der Stadt.
Untiefen: In eurer Einleitung schreibt ihr, dass die Recht auf Stadt-Bewegung sich erschöpft hat, nicht mehr mobilisieren kann, und es jetzt andere Formen gibt, in denen sich emanzipatorisch mit Stadt auseinandersetzt wird. Verfolgt Mikropolitik auch andere Ziele als die Recht auf Stadt-Bewegung oder ist sie Teil von ihr und hat sich nur in der Form gewandelt?
Marius Töpfer: Lisa, widersprich mir gern, aber ich denke, Mikropolitik ist Teil der Recht auf Stadt-Bewegung. Wir sind da schon lange dabei. Wir schreiben auch nicht, dass sich die Recht auf Stadt Bewegung erschöpft hat, sondern, dass es ruhiger geworden ist und, dass sich die Formen gewandelt haben. Die Formen haben sich aber auch deswegen gewandelt, weil uns jetzt auf einmal Häuser gehören. Und jetzt muss sich um diese Häuser gekümmert werden. Das Gängeviertel existiert, ist gesichert, muss aber betrieben werden, die Fux-Kaserne existiert, muss aber betrieben werden. Die Bewegung für ein Recht auf Stadt ist nicht weg, nur weil es nicht mehr jedes Wochenende die Riesenbanner im Pauli-Stadion gibt oder die Demoraves durch St. Pauli ziehen. Das hat etwas mit dem angesprochenen Care-Gedanken zu tun. Vielleicht können wir Mikropolitiken als Care im Rahmen dieser etablierten Strukturen und Versammlungen verstehen. Und andersherum: Wenn es diese Sorgearbeit nicht gegeben hätte, hätte es die großen Versammlungen auch nicht gegeben.
Lisa Zander: Liz und Petra, die ich für das Buch interviewt habe, sagen immer, wenn nicht alle wüssten, wie man sich umeinander sorgt bzw. es nicht tun würden, dann hätten die großen Demonstrationen auch nicht stattgefunden. Und deswegen haben Mikropolitik und Bewegung miteinander zu tun. Aber es gibt einen anderen Fokus: Weniger »Was wollen wir fordern?«, sondern: »Wie sind wir miteinander?«
Transkript der Veranstaltung »Vom Mord an Neşet Danış bis heute. Deutsch-türkische extreme Rechte in Hamburg«
Am 15.01.2026 sprachen wir mit Fatma Keser und Kim David Amon über Rechtsextremismus mit Türkei-Bezug in Hamburg. Wer wird heute in Hamburg von »Grauen Wölfen« bedroht? Wie wehren sich die Betroffenen? Und wie können eine engagierte Zivilgesellschaft und antifaschistische Linke ihnen solidarisch beistehen? Hier ist das Transkript der Veranstaltung nachzulesen.
Veranstaltung »Vom Mord an Neşet Danış bis heute. Deutsch-türkische extreme Rechte in Hamburg«, Januar 2026 in der Locke. Foto: privat
Die Existenz einer deutsch-türkischen extremen Rechten wird in der deutschen Einwanderungsgesellschaft in den letzten Jahren zunehmend deutlicher wahrgenommen. Doch obwohl »Graue Wölfe« in Hamburg keine neue Erscheinung sind, sind ihre Ideologie, ihre Gewalt und ihre Opfer noch immer viel zu wenig bekannt. Als erstes Todesopfer dieser Ausprägung extrem rechter, islamistisch-nationalistischer Gewalt in der BRD gilt der türkische Arbeiter Neşet Danış, der Anfang Mai 1974 in Norderstedt von türkischen Faschisten erschlagen wurde. Ausgehend von Neşet Danış’ Geschichte haben wir am 15.01.2026 in der Bar Locke diskutiert: Wer wird heute in Hamburg von der deutsch-türkischen extremen Rechten bedroht? Wie wehren sich die Betroffenen? Und wie können engagierte Zivilgesellschaft und antifaschistische Linke ihnen solidarisch beistehen? Unsere Gäste waren Fatma Keser (Mitgründerin der Initiative Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung und Vorstandsmitglied von Pek Koach – Jewish-Kurdish Women’s Alliance e.V.) und Kim David Amon (Referent der Fachstelle Türkischer Rechtsextremismus). Veranstaltet haben wir die Diskussion in Kooperation mit Bagrut e.V.. Dabei wurden wir freundlich gefördert durch die Leipziger Monom-Stiftung – Stiftung für Veränderung.
Im Folgenden findet sich ein gekürztes Transkript der Veranstaltung.
Untiefen: Kim, vielleicht kannst du uns abholen. Wer war Neşet Danış und warum wurde er bei Hamburg Opfer der Grauen Wölfe? Was waren die politischen Reaktionen auf diesen Mord?
Kim David Amon: Neşet Danış kam als sogenannter »Gastarbeiter« nach Deutschland und war in Norddeutschland sowie in Hamburg als Bauingenieur tätig. Er hat sich 1974 mit einer Gruppe von weiteren Mitstreitern dafür eingesetzt, dass der Vorstand des türkischen Arbeitnehmervereins in Hamburg und Umgebung neu besetzt wird. Der Vorstand war dominiert von türkischen Rechtsextremen, die sich mit Unterstützung des türkischen Generalkonsulats dort etabliert hatten. Sie wurden abgewählt, bei einer versuchten Neuwahl des Vorstands kam es jedoch zu Tumulten. Die Polizei hat die Veranstaltung aufgelöst, woraufhin es am 5. Mai 1974 in Norderstedt zum zweiten Mal versucht wurde, den Vorstand neu zu besetzen.
Auch dieser zweite Anlauf verlief turbulent: Es waren Menschen aus dem türkischen Generalkonsulat anwesend, die versuchten, bestimmte Mitglieder im Vorstand zu installieren. Als es daran Kritik gab, stürmte auf Geheiß eines Mitarbeiters des Konsulats ein Schlägertrupp die Veranstaltung und griff die Teilnehmenden an, die sich zu Wort gemeldet hatten. Die Menschen, die dort teilweise mit ihren Familien und Kindern vor Ort waren, versuchten zu flüchten, manche sind aus dem Fenster gesprungen. Neşet wurde von sechs bis acht der Angreifer zu Boden geschlagen, mit Stühlen, Tischbeinen und anderen Werkzeugen traktiert und so schwer verletzt, dass er etwa zwei Wochen später im Krankenhaus Hamburg Heidberg verstarb. Bei dem Angriff hat ein Mitarbeiter des türkischen Generalkonsulats die Schläger nicht nur in den Raum gebracht, sondern sie angefeuert mit Rufen wie: »Wer seinen Gott liebt, erschlägt die Kommunisten«.
Nachdem Neşet und weitere am Boden lagen, kam die Hamburger Kriminalpolizei, die dann offenbar in Absprache mit dem türkischen Konsulat bestimmte Menschen festgenommen hat. Es wird davon ausgegangen, dass die Konsulatsmitarbeiter Listen mit Kritiker:innen an die Polizei weitergegeben hatten.
Am Ende war es jedenfalls so, dass Leute aus den Reihen der Kritiker:innen teilweise schwer verletzt in Gewahrsam genommen wurden, während den Angreifern freies Geleit gewährt und sie mit Kleinbussen zurück ins Konsulat gefahren wurden.
Untiefen: Dieser rechtsextreme Mord an Neşet Danış scheint heute nicht mehr vielen Menschen bekannt zu sein. Wie war das in den 1970er Jahren?
Kim David Amon: Wir kennen seine Geschichte aus Zeugenberichten, die damals in gewerkschaftlichen und linken Blättern erschienen sind. Natürlich ist das eine gefärbte Darstellung, aber es gibt von der anderen Seite keine Gegendarstellung. Auch die Polizei hat sich nicht geäußert. Es gab jedoch Protestveranstaltungen, etwa im Audimax an der Uni Hamburg mit 1200 Teilnehmer:innen, auch die Witwe von Neşet hat dort gesprochen. Studierendengruppen waren insofern maßgeblich daran beteiligt, auf das Thema aufmerksam zu machen.
Zudem gab es eine Demonstration mit 2000 Teilnehmer:innen. Schließlich hat unter anderem auch das Hamburger Abendblatt über den Fall berichtet. Im Unterschied jedoch zu den linken und gewerkschaftlichen Blättern, schrieb das Abendblatt über eine »Türkische Saalschlacht in Norderstedter Lokal«. Man verschwieg also, dass es sich hier um rechte Gewalt handelte und hat – weil migrantische Communities derart externalisiert wurden – so getan, als wären das einfach nur verfeindete Gruppen oder Banden aus dem Ausland, die ihre Konflikte jetzt in Deutschland austragen.
»Hamburger Abendblatt« vom 6.5.1974. Foto: MAO-Projekt
»Roter Morgen« vom 1.6.1974. Foto: MAO-Projekt
Untiefen: Und wie ist das heutzutage? Hat sich die Wahrnehmung des türkischen Rechtsextremismus innerhalb der Mehrheitsgesellschaft verändert?
Kim David Amon: Zumindest hat das Thema in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit bekommen. Ein Dokumentarfilm über die Grauen Wölfe, wie er vor einigen Monaten in der ARD lief, wäre in den 1970er Jahren noch undenkbar gewesen. Zudem sind Informationen einfacher zugänglich, eine Fachstelle zu türkischem Rechtsextremismus existiert seit diesem Jahr. Weiterhin gibt es in den jeweiligen Bundesländern staatlich geförderte Projekte, so auch in Hamburg, wo das Projekt perspektif:a seit über fünf Jahren neben Distanzierungsarbeit auch Aufklärungsarbeit leistet. Das heißt jedoch nicht, dass die Mainstream-Medien nicht nach wie vor über importierte Konflikte sprechen und die Konflikte in kriminellen Milieus verorten. Dem treten jedoch heute laute Stimmen, die auch aus der Mehrheitsgesellschaft stammen, vermehrt entgegen.
Fatma Keser: Ich bin etwas weniger positiv gestimmt. Zum einen, weil ich auch der Ansicht bin, dass es diese Art von falscher Berichterstattung auch heute noch gibt. Zum anderen ist die Aufmerksamkeit für den türkischen Rechtsextremismus nach wie vor viel zu gering. Dabei sind die Grauen Wölfe mit geschätzten 12.000 Mitgliedern die zweitgrößte rechtsextreme Bewegung in Deutschland nach der AfD. Das Problem ist jedoch, dass die Grauen Wölfe eine Bewegung und kein Verein sind, dessen Mitglieder man zählen könnte. Es ist also davon auszugehen, dass ihre Zahl weit höher ist. Trotzdem interessieren sich selbst Linke wenig für diese rechtsextreme Bewegung.
Untiefen: Dann sprechen wir doch mal über die Grauen Wölfe. Gegen wen hetzen sie, wen nehmen sie ins Visier?
Fatma Keser: Die Grauen Wölfe folgen der Idee, ein türkisches Großreich wiederherzustellen. Ein Symbol, das sie verwenden, besteht aus drei Halbmonden, ein Code ihres territorialen Anspruchs. Die Halbmonde stehen für Gebiete auf drei Kontinenten, die sie wiedergewinnen wollen. Dieser territoriale Anspruch bedingt die Vielzahl ihrer Opfergruppen. Die größte, aber immer vergessene, sind Armenier:innen. Ich glaube, es gibt keine in Deutschland lebende Armenierin, die es noch nicht mit den Grauen Wölfen zu tun hatte. Ebenso betroffen sind jedoch weitere Opfergruppen des Genozids der Jungtürken, also Pontusgriech:innen, Assyrer:innen, Aramäer:innen. Zu nennen sind auch Kurd:innen, Jesid:innen, Alevit:innen sowie Jüd:innen. Die Liste ist also lang. Und am Ende sind wir alle von Rechtsextremismus betroffen.
Kim David Amon: Ergänzen ließe sich, dass die Grauen Wölfe rechtsextreme Einstellungen der deutschen Rechten teilen wie beispielsweise Antifeminismus, Queerfeindlichkeit und Antiziganismus. Damit ist natürlich auch eine intersektionale Mehrfachdiskriminierung verbunden, weil diese Gruppen, die Fatma aufgezählt hat, häufig von verschiedenen Formen von Diskriminierung betroffen sind. Sie werden zum Ziel der türkischen Rechten, sind in Deutschland dann aber auch noch etwa von antimuslimischem Rassismus oder allgemein vom Rassismus der Mehrheitsbevölkerung betroffen.
Untiefen: Nun sind die Grauen Wölfe kein Verein, sondern eine Bewegung. Wissen wir dennoch etwas darüber, wie sie sich insbesondere auch in Hamburg organisieren?
Kim David Amon: Wenn wir uns die Szene in Hamburg anschauen, dann trifft auch hier zu, was bereits über die bundesweite Organisation der Grauen Wölfe gesagt wurde. Der Verfassungsschutz spricht von etwa 100 bis 130 Mitgliedern. Diese Zahl ist aber viel zu gering angesetzt. Die türkische Rechte organisiert sich in einem Vereinswesen. Dort gibt es mit türkischen Sprachkursen sogar Angebote für Kinder. Weiterhin veranstalten die Vereine etwa Liederabende, wo Sänger auch aus der Türkei eingeflogen werden. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber allein bei einer Veranstaltung in Wilhelmsburg 2024 kamen rund 500 Sympathisant:innen zusammen. Wir müssen also von einer deutlich höheren Zahl an Menschen ausgehen, die in Hamburg in der türkischen Rechten organisiert sind. Das zeigt sich auch darin, dass viele Personen, die den genannten Opfergruppen angehören, bereits mit dem türkischen Rechtextremismus in Berührung gekommen sind. Ein wichtiger Punkt, den wir in Hamburg zudem betrachten müssen: Wir hatten es in den letzten Jahren mit Menschen zu tun, die mafiös-organisierte Strukturen mit den Grauen Wölfen verbanden. Wir sprechen etwa von Wett- und Glücksspielbüros, da geht es dann auch um Schutzgelderpressung. Es ist jedoch nicht immer eindeutig, welche Rolle rechtsextreme Ideologie dabei spielt; Gewalt ist aber immer ein zentrales Element.
Fatma Keser: Was wir zudem in den letzten Jahren beobachten, ist, dass sich die Grauen Wölfe ideologisch gewandelt haben. Während sie sich lange Zeit als Laizisten verstanden haben, können wir in jüngerer Zeit ein stärkeres Zusammengehen mit dem Islamismus beobachten.
Untiefen: Wechseln wir noch einmal auf die Seite der Betroffenen. Wie wehren sie sich und wie kann man sie dabei unterstützen?
Fatma Keser: Zunächst ist mir wichtig, dass alle Opfergruppen der Grauen Wölfe genügend Aufmerksamkeit erfahren. Die bekannten Opfer, die ein Gesicht, die ein Denkmal haben, sind türkische Linke, meistens Männer. Andere, wie Kurd:innen, Amenier:innen und Alevit:innen, also insbesondere auch Menschen, die mehrfach diskriminiert werden, geraten schnell in Vergessenheit. Wie wehren sich die Opfer nun? Es gab zwischen den 1970er und 1990er Jahren sehr viel Gewerkschaftsarbeit gegen die Grauen Wölfe, die vor allem von Kurd:innen, Alevit:innen, türkischen Linken sowie auch deutschen Gewerkschafen getragen wurde. Das ist heute leider ein bisschen in Vergessenheit geraten.
Kim David Amon: Hinweisen möchte ich auf die bundesweite Fachstelle zu türkischem Rechtsextremismus, in der ich tätig bin. Sie ist vom Bund der Alevitischen Jugendlichen ins Leben gerufen worden, also einem Jungendverband, der aus der Betroffenenperspektive agiert. Es gibt zudem noch viele weiter Jugendverbände, die aktiv zu dem Thema arbeiten. Die Fachstelle bündelt jedoch jetzt die verschiedene, zum Teil seit Jahrzehnten geleistete Arbeit. Die Fachstelle kann man natürlich unterstützen. Insgesamt aber ist es wichtig, dass alle ihre Stimme gegen den türkischen Rechtsextremismus erheben und nicht aus falscher Zurückhaltung den Betroffenen das Feld überlassen, die dann ihre Kämpfe doch wieder alleine kämpfen müssen.
Fatma Keser: Wir haben mit unserem Verein Pek Koach eine Broschüre rausgebracht: »Speak Now. Stimmen gegen den Islamismus«. Darin haben wir Stimmen der Betroffenen von Islamismus gesammelt. Denn unser Eindruck war, dass in Deutschland häufig mit einem Täterfokus gearbeitet wird und wir wollten dem eine andere Form, Islamismus zu analysieren, zur Seite stellen. Es geht in der Broschüre auch um türkischen Rechtsextremismus. Eine Armenierin, eine Kurdin, eine Assyrerin sowie eine Pontusgriechin besprechen und analysieren in der Broschüre in unterschiedlicher Art und Weise den türkischen Rechtsextremismus, Faschismus sowie auch den Islamismus.
Untiefen: Es ist doch bemerkenswert, dass ein Thema, wo auch Antisemitismus eine große Rolle spielt, dazu führt, dass sich verschiedene Gruppen verbinden – sonst spaltet es ja die Linke eher. Oder, wie ist das bei euch?
Fatma Keser: Wir haben uns als Verein nach dem 7. Oktober gegründet. Es war auch der Frust darüber, dass sich niemand anderes für uns interessiert – außer wir. Ich berichte natürlich aus meiner Perspektive und kann nicht für alle aus dem Verein sprechen. Aber wann immer etwas in Kurdistan passiert ist, haben sich bei mir nur meine jüdischen oder meine kurdischen Freunde gemeldet. Dass aktuell zwei von vier Teilen Kurdistans brennen, scheint niemanden zu interessieren. So ging es, glaube ich, auch vielen meiner jüdischen Freundinnen. Über diese erfahrene Entsolidarisierung und Betroffenheit sind wir zusammengekommen und haben versucht eine Allianz aufzubauen, die eigentlich immer schon vorhanden war.
2024 lief der Dokumentarfilm Antifa – Schulter an Schulter, wo der Staat versagte im Kino. Jetzt ist er auf DVD erschienen. Der Film bietet einen Einblick in die Geschichte der Antifa-Bewegung der Neunziger. Die Zeit vor 1990, in die auch Hamburgs ›Baseballschlägerjahre‹ fallen, kommt dabei jedoch zu kurz.
»Bis zur Wiedervereinigung zeigten nur Schrebergärtner und Neonazis Deutschlandfahnen, dann liefen plötzlich fast alle mit Schwarz-Rot-Gold rum«, erinnert sich Navid, der sich schon vorher, in den Achtzigern, als Kind mit Rassismus auseinandersetzen musste: »Ich bin ja ein Schwarzkopf.« Dazu wird ein altes Ausweisfoto eingeblendet. Navid ist aktiv in der radikalen Linken, war seit dem Gründungsjahr 1990 bis zur Auflösung der Gruppe 2004 Mitglied in der Göttinger Autonomen Antifa M, die in den neunzigre Jahren sehr präsent war.
Fünf antifaschistische Perspektiven
Navid ist einer von fünf in den neunziger Jahren in staatsfernen antifaschistischen Selbstorganisierungen Aktiven, die für den Dokumentarfilm Antifa – Schulter an Schulter, wo der Staat versagte interviewt wurden. Alle fünf sind bis heute politisch aktiv, die Interviews mit ihnen sind das Rückgrat des Films. Sie reden offen darüber, was sie gemacht haben und warum. Die meisten von ihnen sind dabei auch selbstkritisch, alle fünf sind daran interessiert, ihre Erfahrungen zu teilen, und machen sich Gedanken über eine Weiterentwicklung antifaschistischer Aktivitäten.
Da ist Torsten, der sich als Jugendlicher in Quedlinburg in Sachsen-Anhalt gegen die Nazis im Ort organisierte, um sich ihrer Angriffe erwehren zu können. Laura ist in Ostberlin aufgewachsen und »von Geburt an politisch, weil ich in eine jüdische Familie geboren wurde«. Ein paar Monate nach dem Zusammenbruch der DDR stand an die Wand des Konsums bei ihr im Stadtteil der Name ihres Großvaters geschrieben, mit dem Zusatz: »Vergessen in Auschwitz zu vergasen«. Sie warnte bereits Jahre vor der Selbstenttarnung des NSU 2011 in einem Artikel vor kleinen Terrorzellen aus der Neonaziszene. Kessy ist seit 1998 in Kreuzberg in den Bereichen Recherche und Archivierung im apabiz tätig, dem Mitte der achtziger Jahre in Berlin gegründeten Antifa-Pressearchiv. Auf dessen Materialien griffen viele Medien zurück, als der NSU plötzlich auch in der weiteren Öffentlichkeit Thema war. Nina war bis 1995 in der schleswig-holsteinischen Kreisstadt Rendsburg in der Antifa aktiv, auch in der Vernetzung im nördlichsten Bundesland. Seitdem wohnt sie in Hamburg, und ist dort aktiv. Im Film ist sie auf antirassistischen Demonstrationen in Hamburg in der Jetztzeit zu sehen: All refugees welcome. Und dann ist da der bereits erwähnte Navid, der von Göttingen aus auch an der AA/BO beteiligt war, der ab 1992 von Gruppen aus elf Städten getragenen Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation.
Die fünf Interviewten geben gerade durch ihre Unterschiedlichkeit gute Einblicke in die Sichtweisen und das Herangehen staatsferner Antifagruppen in den neunziger und nuller Jahren. Schade ist, dass dabei nicht das gesamte Spektrum radikal-linker Antifa zu sehen ist – die eigenständige migrantische Antifaorganisierung rund um Antifaşist Gençlik kommt ebenso wenig vor wie die feministische Fantifa, traditionslinks, gewerkschaftlich oder antideutsch orientierte Zusammenhänge. Aber das große Verdienst des Filmes ist es, an die Antifa der Neunziger zu erinnern und Protagonist:innen selbst zu Wort kommen zu lassen.
»dann liefen plötzlich fast alle mit Schwarz-Rot-Gold rum«: Navid (Filmstill).
Im Visier von Staat und Nazis
Darüber hinaus waren die Filmmacher in linken Film-und Videoarchiven unterwegs und haben einiges auf Magnetbändern in VHS-Kassetten aufgenommenes Material und analoge Schwarz-Weiß-Fotos in ihre Dokumentation montiert. Antifa-Aktivitäten stehen dabei nicht im Zentrum – von denen gibt es nur wenig Filmmaterial, weil immer die Verfolgung durch den Staat oder durch als »Anti-Antifa« tätige Neonazis drohte. Die gegenüber Neonazis meist untätige Staatsgewalt fand die Aktivitäten linker Antifagruppen oft verdächtig.
Navid schildert etwa das Ermittlungsverfahren gegen die Autonome Antifa M. Die war in Göttingen und Südostniedersachsen mit ihrer verbindlichen Organisierung, offensiven Bündnispolitik und Öffentlichkeitsarbeit erfolgreich und initiierte die größte autonome Organisierung der neunziger Jahre: die AA/BO, ein bundesweiter Zusammenschluss mit Ortsgruppen in vielen Städten. Im Juli 1994 wurden 15 Wohnungen, der linke Buchladen Rote Straße (der sich, wie sich gerade gezeigt hat, offenbar immer noch im Visier des Verfassungsschutzes befindet) und ein Büro des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) in Göttingen durchsucht und Unmengen von Material beschlagnahmt.
Zunächst ermittelte die Polizei wegen des haltlosen Vorwurfs der Bildung einer terroristischen Vereinigung, der später in den Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung umgewandelt wurde. Ermittlungen nach dem zugrunde liegenden § 129 StGB ermöglichen den Einsatz verdeckter Ermittler:innen und die umfassende Ausforschung der Verdächtigten. Gegen erst 34, dann doch ’nur‹ 17 Antifas wurde Anklage erhoben. Die Verfahren wurden allerdings gegen Zahlungen von Geldstrafen eingestellt. Navid schildert die Ermittlungen und die Anklage als massive Beeinträchtigung antifaschistischer Arbeit: Man telefonierte nur noch aus Telefonzellen, es gab vereinbarte Codewörter, schriftlich wurde so wenig wie möglich festgehalten, fotografisch/filmisch überhaupt nichts Internes.
Antifaschistischer Selbstschutz
Die Ostberlinerin Laura ist leider nicht selbst zu sehen, sondern wird von einer Schauspielerin nachgesprochen. Denn Laura sagt selbst über sich im nachgesprochenen Text: »Wenn ich vor die Tür ging, war ich immer bewaffnet, denn ich war klein und schmächtig.« An anderer Stelle erklärt sie, dass sie, wenn sie in Brandenburg in etwas außerhalb von Berlin gelegenen Kleinstädten wie Ludwigsfelde oder Königswusterhausen aus dem Zug stieg, »sofort 50 Nazis an der Backe hatte«. Sie beschäftigte sich selbst damit, Nazistrukturen auszuforschen, ihre Treffen zu beobachten und zu fotografieren. Und sie gab sich unter falschem Namen als Nazisympathisantin aus.
Um mit Nazis schreiben zu können, ohne ihre wirkliche Adresse preiszugeben, klebte sie ihren falschen Namen auf ungenutzte Briefkästen leerstehender Wohnungen. Auf diesem Weg kam sie auch an Listen der Anti-Antifa mit Namen und Anschriften von Nazi-Gegner:innen. Diese Listen waren gefährlich – öfters kam es dazu, dass Nazis dort Genannte an ihren Adressen angriffen, Autos beschädigten, Wohnungsfenster einwarfen.
Torsten schildert die Angriffe von Neonazis in seinem Alltag als Jugendlicher in den neunziger Jahren in Quedlinburg so anschaulich, dass die Selbstverständlichkeit, mit der er vom organisierten Selbstschutz spricht, absolut naheliegend ist. Um nicht darauf zu warten, wieder angegriffen zu werden, fingen Torsten und andere Antifas an, in Gruppen sofort dorthin zu fahren, wo ihnen ein Überfall in der Kleinstadt gemeldet wurde, um dort »eine Ansage zu machen«. Einmal wurde ein Konzert im Nachbarort abgebrochen, als eine größere Naziansammlung das Jugendzentrum überfallen wollte. Alle Konzertbesucher:innen kamen den Überfallenen zu Hilfe und prügelten sich mit den Nazis. Diese Gegenwehr hinterließ bei den Angreifern Eindruck, »davon konnten wir eine Zeitlang zehren«, meint Torsten.
Kessy, die beim apabiz Material über und von Nazis sammelt und auswertet, erinnert sich an eine fantasievolle Aktion, mit der sie Daten von Nazis herausbekamen, von denen sie bis dahin nicht die Namen, sondern nur die Wohnadressen kannten: Ein Kollege war für die Berliner Morgenpost als Abowerber unterwegs und kam an deren Werbejacken ran. Dann »bastelten wir uns ein Formular, wo man für ein halbes Jahr ein Gratisabo der Morgenpost gewinnen konnte – und die Nazis gaben in der Hoffnung auf einen Gewinn ihre Adressen an«.
»weiterhin richtig, Antifaschistin zu sein«: Nina (Filmstill).
Die Debatte um Militanz
Kessy spricht aber auch an, dass manchmal einige Antifas »frei drehten«, wenn es um Militanz gegen Nazis ging: »Da fragte ich mich schon, wissen die eigentlich, wogegen und wofür sie jetzt da stehen?« Sie sei froh gewesen, wenn sich andere in Konfrontationen körperlich wehren konnten – was sie nicht konnte. Aber die Gewaltfrage, sie ging eben über das Verhalten zur Selbstverteidigung hinaus. Navid erzählt, dass sie einmal ein Mitglied ausschließen mussten – es hatte bei einer Auseinandersetzung noch auf den Kopf eines am Boden liegenden Nazis eingetreten. Er betont den Gruppenkonsens: niemandem einen bleibenden Schaden zufügen, niemanden körperlich fürs Leben schädigen.
Auch Torsten betont die Grenze zwischen militantem Selbstschutz und Selbstverteidigung einerseits, Schädigung und Erniedrigung andererseits. Als einmal ein bereits entkleideter Nazi, der orientierungslos durch ein Gleisbett lief, weiter beworfen worden sei, sei er dazwischen gegangen. Torsten zieht hier auch eine Linie zu den Vorwürfen, die vor Gericht gegen die angebliche Gruppe um die angeklagte Antifa Lina aus Leipzig erhoben wurden: Nazis angreifen um sie zu schädigen. Selbstjustiz. Überschreitet man mit solchen körperlichen Angriffen nicht eine Grenze?, fragt sich Thorsten. Und er erklärt nachdenklich: Heute kann ich keine Nazis jagen – dann müsste ich mich ja durch die Stadt prügeln, bei den ganzen AfD-Wählern. Leider bremsen die Regisseure eine Debatte hierzu aus – und schneiden hinter Torstens Nachdenklichkeit eine von Nina geäußerte Plattitüde: Natürlich sei es weiterhin richtig, Antifaschistin zu sein.
Migrantische Selbstorganisierung
Dass das Thema hier nicht vertieft wird, ist eine verpasste Gelegenheit, schließlich wurde die Debatte um Gewalt und Gegengewalt in der Antifa der neunziger Jahre schon intensiv geführt. Auch deshalb wäre es lohnend gewesen, die Perspektive der damaligen Berliner Antifaşist Gençlik einzubeziehen. Am 4. April 1992 attackierten Antifaschist:innen in Berlin ein Treffen der neofaschistischen Partei Deutsche Liga für Volk und Heimat (DLVH). Im Laufe der Auseinandersetzung wurde deren Funktionär Gerhard Kaindl erstochen. Mehrere andere Nazis wurden verletzt.
Polizei und Staatsschutz ermittelten gegen das Umfeld von Antifaşist Gençlik wegen Mordes und sechsfachen Mordversuchs. Die Gruppe löste sich unter dem Repressionsdruck auf. 1994 wurden sieben Antifas angeklagt; drei wurden wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu jeweils drei Jahren Haft verurteilt, zwei weitere zu Bewährungsstrafen. »Der ›Fall Kaindl‹ wurde in der autonomen Antifa-Bewegung der 1990er-Jahre breit diskutiert – mehrere Antifa-Broschüren befassten sich intensiv mit den politischen und juristischen Folgen sowie mit ethischen Fragen von antifaschistischem Selbstschutz, von Militanz und ihren Grenzen«, heißt es dazu prägnant auf dem Blog anarchismus.at.
Die Perspektive von Antifaşist Gençlik hätte aber auch darüber hinaus einen tieferen Einblick in die migrantische Selbstorganisierung gegen Neonazis und rassistische Gewalt ermöglicht, die im Film mehr Raum verdient gehabt hätte. Eine gute Ergänzung zum Film ist daher die von Gürsel Yıldırım kuratierte Wandzeitung »Migrantischer Widerstand im Hamburg der 90er Jahre«, die auf zwölf Tafeln auch über Hamburg hinaus kompakt informiert und als Wanderausstellung schon in vielen deutschen Städten zu sehen war. Aktivistischer Antirassismus und Antifaschismus sind hier miteinander verbunden.
»davon konnten wir eine Zeitlang zehren«: Torsten (Filmstill).
Recherche oder Kampfsport?
Ein großes Verdienst des Films ist es, die antifaschistische Recherchearbeit in den Vordergrund zu stellen, die stets mehr war und ist als mühsame Aufklärung, nämlich Analyse der Nazinetzwerke und Kritik der Untätigkeit des Staates. Im öffentlichen Bild der Antifa gerät dieser meist wenig spektakuläre Aspekt fast nie in den Blick. Wenn sich Gruppen auf Antifatreffen gegenseitig Fotoalben zeigen, um Informationen zu den Gesichtern auszutauschen, kann das etwas von Briefmarkensammlervereinen haben und entspricht nicht dem verbreiteten Bild vom militanten Antifaschismus. Antifa-Arbeit ist zum allergrößten Teil gewaltfrei.
Im Film wird allerdings mehr über Kampfsportübungen geredet als über diese wichtige Frage. Die Darstellung, dass sich aktive Antifas häufig an Kampfsporttraining zur Selbstverteidigung beteiligen würden, verstärkt der Film noch dadurch, dass Navid in einem Kampfsporttrainingsraum interviewt wird. So vermittelt der Film den fatalen Eindruck, dass aktive Beteiligung an Antifagruppen nur etwas für junge, sportliche Leute sei und reproduziert ein vor allem aus feministischer Perspektive seit Langem kritisiertes Selbst- und Fremdbild der Antifa.
Hamburgs Baseballschlägerjahre
Ärgerlich ist, wie der Film mit Archivmaterial linker Medienzentren und Ausschnitten aus Dokus umgeht: Da werden etwa Aufnahmen aus dem Film »Red Cops« des selbstorganisierten Medienpädagogischen Zentrums (MPZ) aus Hamburg hineinmontiert. Die Red Cops waren eine Jugendgruppe aus Bergedorf, in den achtziger Jahren ein Schwerpunkt der Naziskinhead-Szene. Dagegen organisierten sie sich als Gegenwehr. Die Red Cops waren Teil einer Jugendbewegung in Hamburg, die sich nach der Ermordung Mehmet Kaymakçıs im Juli 1985 und Ramazan Avcıs im Dezember desselben Jahres durch Naziskins herausbildete – und die, anders als die Naziskinbewegung, von der Hamburger Polizei noch vor 1989 zerschlagen wurde.1An die für die Community der Eingewanderten aus der Türkei bis heute präsente Ermordung von Ramazan Avcı erinnert eine Initiative und ein Gedenkort, vgl. dazu das Interview des Autors mit Perihan und Ünal Zeran: »Die Ermordung von Ramazan Avcı war ein Wendepunkt in der Migrationsgeschichte.« Graswurzelrevolution 357, März 2011.
Diese Kontextualisierung des Archivmaterials wäre wichtig gewesen, weil sie zeigt, dass es in Westdeutschland auch schon vor 1989 Terror von Neonazis gab. Nicht ohne Grund war hier bei Untiefen und danach auch im Buch von Felix Krebs und Florian Schubert von »Hamburgs Baseballschlägerjahren« die Rede. Es war der – in Hamburg besonders virulente – rechte Terror der achtziger Jahre, auf den Nazikader dann im nationalen Coming Out nach der Wiedervereinigung und dem Ende der alliierten Aufsicht über Deutschland aufbauten.
Eine historische Einordnung fehlt auch zu den im ersten Teil des Films gezeigten Filmausschnitten von Naziversammlungen, so dass nicht deutlich wird, dass Naziaktivitäten von Beginn an zur Bundesrepublik Deutschland (und unterschwellig auch zur DDR) gehörten. Auch die Antifa-Aktivitäten insbesondere der siebziger und achtziger Jahre werden nicht benannt, obwohl die Ansätze der Neunziger im Westen daran anschlossen. So ging etwa die Antifa-Aktivität des Kommunistischen Bundes (KB) in Hamburg in den siebziger Jahren kontinuierlich gegen die von Michael Kühnen mit seinen Adjutanten Christian Worch und Thomas Wulff geführte »Hansabande« vor, die 1983 verbotene »Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten« (ANS/NA). Nachzulesen ist dieses wichtige Kapitel der Antifa-Geschichte in der von der Antifa-Kommission des 1991 aufgelösten KB 1994 veröffentlichten Broschüre 1974–1994: 20 Jahre Neonazis in Hamburg.
»wissen die eigentlich, wogegen und wofür sie jetzt da stehen?«: Kessy (Filmstill).
Rassistische Pogrome
Den thematischen Einstieg des Films bilden die pogromartigen Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und Wohnheime für migrantische Arbeitende Anfang der Neunziger. Zu den Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991 ist ein Ausschnitt aus einem Videointerview mit einem damaligen Bewohner zu sehen: Er schildert die Ablehnung durch die eingesessene Bevölkerung. Und wie er und die anderen Bewohner:innen sich gegen von Nachbar:innen unterstützte Angriffe von Nazis verteidigen.
Der Film beginnt mit der über Tage andauernden gewalttätigen Belagerung der Zentralen Aufnahmestelle (ZASt) und dem direkt angrenzenden Arbeiterwohnheim in Rostock-Lichtenhagen 1992. Gezeigt werden auch die schockierenden Bilder des brennenden Hochhauses mit der prägnanten Sonnenblumenseitenfassade, wo Nazis unter dem Beifall von versammelter Nachbarschaft Molotow-Cocktails in die unteren Wohnungen werfen.
Nina erzählt im Interview, wie sie im Fernsehen die Bilder der Angriffe gesehen habe und wie sie mit ein paar Antifas in zwei Autos kurzentschlossen aus Rendsburg nach Rostock gefahren seien. Hier wird deutlich, was praktische antifaschistische Solidarität bedeutet. Was im Film aber völlig fehlt, ist die Erfahrung der Ohnmacht, die sowohl die örtlichen Antifas vom 1991 gegründeten Jugendalternativzentrum (JAZ) als auch die wenigen Angereisten machten.
Rostock-Lichtenhagen als Zäsur
Zu diesen angereisten Antifas gehörte auch der Autor. Mit drei Autos waren Aktive des »Antirassistischen Telefons« und der Gruppe K aus Hamburg losgefahren. Vor Ort war die Situation niederdrückend. Tagsüber traute sich kein Antifa, in Rostock-Lichtenhagen zu demonstrieren: gegen große Teile der Bevölkerung, die, auch durch die Passivität der aus Hamburg angereisten Hundertschaften der Polizei, des aus Hamburg stammenden Rostocker Polizeipräsidenten und des Innenministers von Mecklenburg-Vorpommern motiviert, ungehemmt rassistisch agierten?
Für mich war Rostock-Lichtenhagen eine Zäsur. Davor richtete sich Antifa gegen Nazikadergruppen und ‑schläger. Danach ging es gegen die nationale deutsche Mehrheitsmeinung. Am Sonntagabend, dem 23. August 1992, standen rund 3000 Deutsche vor der ZASt und dem Arbeiterwohnheim, grölend und klatschend, während Steine und Molotowcocktails geworfen wurden. In der Nacht auf Montag, nachdem die Angriffe abgeflaut waren und die Belagerung zum Schlafen unterbrochen wurde, gab es dann eine kleine Antifa-Demo, vielleicht 200 Leute. Die Einzigen, die von uns Notiz nahmen, war die Polizei, die einige Antifas verhaftete.2Über die ganze Entwicklung in Rostock-Lichtenhagen hat eine Gruppe aus dem JAZ Rostock 1992/93 mit Unterstützung des alternativen englischen Fernsehsenders Channel Four den Film „The Truth Lies in Rostock“ gedreht und montiert, der auf YouTube kostenfrei streambar ist.
Danach ging es gegen die nationale deutsche Mehrheitsmeinung. Rostock-Lichtenhagen, 2013. Foto: Timur Y/Wikimedia Commons.
Rostock-Lichtenhagen nicht als Niederlage gegen die deutsch-nationale, übermächtige Gewalt zu benennen, ist ein Fehler, durch den die Erzählung des Films zu glatt wird. Für die Herausbildung einer antideutschen Orientierung bei vielen radikalen Linken und Antifas in den neunziger Jahren war die Debatte um Konsequenzen aus dieser Niederlage prägend. Die Debatte um antideutsch oder antiimperialistisch grundierten Antifaschismus führte 2004 zur Aufteilung der Göttinger Autonomen Antifa M in zwei Nachfolgegruppen.3Beide Gruppen bestehen bis heute: die antinationale Antifagruppe redical M und die Antifaschistische Linke International. Schon 2001 hatte sich die AA/BO aufgelöst, es folgten inhaltliche und organisatorische Neuorientierungen, oft entweder in Richtung Interventionistische Linke oder zum ebenfalls bundesweiten Bündnis Ums Ganze.
Obwohl der Film manche Aspekte der Antifa-Geschichte zu glatt zieht und der historischen Genese des rechten Terrors der neunziger Jahre zu wenig Aufmerksamkeit schenkt, ist er ein lohnender und bewegender Blick zurück. Dass vieles im Film nur angerissen werden kann, was sich zu vertiefen lohnt, ist auch den Filmemachern des linken Kollektivs leftvision bewusst. Es ist sehr daran interessiert, den Film für Veranstaltungen in linken Räumen zu verleihen, damit er auch im Rahmen von Debatten zur Auseinandersetzung mit der Geschichte der Antifa-Bewegung gezeigt wird. Jetzt kann der Film außerdem auch zur privaten Nutzung auf DVD erworben und für wenig Geld als Stream geliehen werden.
Gaston Kirsche, März 2026
Der Autor bewegte sich seit 1976 bis 1991 organisiert im Milieu des Kommunistischen Bundes in Hamburg und war in den neunziger Jahren in der antideutschen Gruppe K aktiv, danach in der gruppe demontage, ebenfalls in Hamburg.
An die für die Community der Eingewanderten aus der Türkei bis heute präsente Ermordung von Ramazan Avcı erinnert eine Initiative und ein Gedenkort, vgl. dazu das Interview des Autors mit Perihan und Ünal Zeran: »Die Ermordung von Ramazan Avcı war ein Wendepunkt in der Migrationsgeschichte.« Graswurzelrevolution 357, März 2011.
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Über die ganze Entwicklung in Rostock-Lichtenhagen hat eine Gruppe aus dem JAZ Rostock 1992/93 mit Unterstützung des alternativen englischen Fernsehsenders Channel Four den Film „The Truth Lies in Rostock“ gedreht und montiert, der auf YouTube kostenfrei streambar ist.
Im vergangenen Herbst gründete der Comedian Nico Semsrott die PRÜF-Kampagne. Ihre Forderung: die Prüfung aller rechtsextremen Parteien durch das Bundesverfassungsgericht. Auch in Hamburg wird seit November monatlich für diese Forderung demonstriert. Inhaltlich und organisatorisch liegt aber einiges im Argen.
Dieses Schild wäre bei PRÜF wohl unerwünscht. Kundgebung in Berlin, 12. Januar 2024. Foto: Leonhard Lenz/Wikimedia Commons.
Auf Initiative des Comedians Nico Semsrott, von 2019 bis 2024 Europaparlamentsabgeordneter der PARTEI, formiert sich eine neue politische Bewegung in Deutschland. Sie nennt sich PRÜF (kurz für »Prüfung rettet übrigens Freiheit«) und fordert, dass das Bundesverfassungsgericht alle vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall oder als gesichert rechtsextrem beobachteten Parteien auf ihre Verfassungsmäßigkeit prüfen solle. Mit den Mitteln des Rechtsstaats und im Vertrauen darauf, »dass es eine sehr große Mehrheit gibt gegen Rechtsextremismus in diesem Land«, wie Semsrott in einem Youtube-Video vom Oktober 2025 bekundet, möchte die Kampagne die Demokratie verteidigen, indem man prüft, durch was und wen sie angegriffen wird.
PRÜF verfolgt das Ziel, im Bundesrat eine Mehrheit für ein Prüfverfahren zusammenzubekommen. Darum finden nun an jedem zweiten Samstag eines Monats Demos in (potentiell allen) Landeshauptstädten statt – das nächste Mal somit am 14. März. Die Kampagne reklamiert es als eigenen Erfolg, dass schon in mehreren Landesparlamenten entsprechende Beschlüsse verabschiedet wurden. Zuletzt stimmte die Hamburgische Bürgerschaft am 14. Januar einem von SPD und Grünen eingebrachten Antrag zu, im Bundesrat ein abgestuftes Prüfverfahren für die AfD zu fordern. Aktuell sind laut Zählung der Kampagne nun 14 von 35 nötigen Stimmen im Bundesrat für das Anliegen gesichert. Das alles klingt zunächst überzeugend. Doch das Bild trübt sich deutlich, wenn man einmal genauer hinschaut.
Antifaschismus ohne Antifa?
Die Forderung nach einem Verbotsverfahren gegen die AfD wird seit Jahren erhoben. Im Januar 2024 etwa veröffentlichte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) die Forderung nach einem Verbotsantrag. Im Juni 2024 gründete ein breites Bündnis – von attac über die VVN-BdA und die Omas gegen Rechts bis hin zum Bundesarbeitskreis kritischer Juragruppen – die Kampagne »Menschenwürde verteidigen – AfD-Verbot jetzt!«. Nachdem der Verfassungsschutz im Mai letzten Jahres öffentlich die Einstufung des Bundesverbands der AfD als »gesichert rechtsextrem« verkündete, brachte das der Kampagne und ihrer Forderung nach einem Verbot der Partei weitere Resonanz. In Hamburg schloss sich nun etwa auch die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank der Forderung an. Am 11. Mai 2025 organisierte das Hamburger Bündnis gegen Rechts zusammen mit anderen Gruppen eine Demo für ein AfD-Verbot und im Juli gründete sich eine Hamburger Lokalgruppe der Kampagne »AfD-Verbot jetzt!«.
Man sollte erwarten, dass eine bundesweite Kampagne wie PRÜF an diese bestehenden Strukturen anknüpft. Doch das Gegenteil ist der Fall. Zwar lädt die Kampagne offen zum »Mitmachen« in ihren Lokalgruppen ein. Doch eine Vernetzung mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren in Hamburg fand und findet nicht statt. Einer Person aus dem Umfeld der Hamburger PRÜF-Lokalgruppe zufolge gab es in einem Telegram-Gruppenchat einen Austausch über die mögliche Teilnahme von Antifagruppen. Die Organisator:innen griffen diesen Vorschlag jedoch nie auf.
Die PRÜF-Auftaktdemo am 8. November 2025 in Hamburg. Foto: privat
Mitmachen als Simulation
Statt auf die langjährige Erfahrung und die politische Expertise antifaschistischer Initiativen und Organisationen wie der VVN-BdA zu setzen, will man Einzelpersonen zur Beteiligung aktivieren und so die politische ›Mitte‹ ansprechen. Wegweisend für diese Ausrichtung war schon der Beginn der Kampagne. Im Juni 2025 fand im Hamburger Centralkomitee die Show Semsrott & Semsrott statt, in der Nico Semsrott die Idee regelmäßiger Demos erstmals thematisierte.
Am 12. Oktober 2025 gab es dann, erneut im Centralkomitee, einen Auftritt Semsrotts mit dem Titel »Mal was anderes«, den er selbst auf Instagram als eine »Mischung aus Comedy und, wenn ihr Bock habt, auch Freiwilligentreffen« ankündigte. Auf ein satirisches Bühnenprogramm zum AfD-Verbot folgte dort die Verkündigung des Kampagnenstarts der PRÜF-Demos. Damit begann der Teil »Freiwilligentreffen« des Events. Ein:e Besucher:in der Veranstaltung berichtet gegenüber Untiefen, dass Kleingruppen zu verschiedenen vorgegebenen Themen gebildet wurden, in etwa: ›Bündnisarbeit‹, ›kreative Ideen‹, ›Menschen bewegen‹, ›Finanzen‹, ›Social Media‹ und ›Größenwahn‹.
Unter diesen sechs Schlagworten sollten sich die je Interessierten zu Kleingruppen zusammenfinden. Später vernetzten sie sich über Telegram, wo sich die Untergruppenstruktur wiederfand. Das vermeintliche Partizipationsangebot entpuppte sich allerdings schnell als Schein, denn alle Untergruppen waren einem »Kernteam« von Campaigner:innen untergeordnet. Wurden innerhalb der Gruppen eigene Vorschläge eingebracht, wurden diese oft bewusst ausgebremst und diskreditiert, sagt ein ehemaliges Mitglied einer solchen Untergruppe gegenüber Untiefen. Inputs und Ideen habe man gerne abgegriffen, die Entscheidungen habe aber allein das »Kernteam« gefällt. Zu dieser Intransparenz passt es, dass eine Anfrage von Untiefen an PRÜF Hamburg unbeantwortet blieb.
Der zentralistische Franchise-Charakter der Kampagne reduziert diejenigen, die sich an der Organisation der Demos beteiligen wollen, zu ausführenden Multiplikator:innen. Das wird auch auf der Mitmach-Website deutlich: Die Kampagne präsentiert Slogans und Mitsing-Lieder, bietet Sticker und »Teilnahmestempelkarten« an sowie weitere Vorlagen im Corporate Design. Für die Simulation von Beteiligung sorgt die »PRÜF-Community«. Auf dieser Website kann man seine Ideen einbringen und muss dann darauf hoffen, dass sie von den übrigen Mitgliedern der Community »hochgevotet« werden. Am meisten Stimmen erhielten zuletzt Vorschläge wie der, zur Demo am 14. Februar eine Blume mitzubringen oder sich Anstecker und Schilder in Herzform zuzulegen, »um zu zeigen, dass wir die Demokratie lieben – passend zum Valentinstag«.
Was hingegen nicht so gern gesehen wird, sind politische Analysen und explizite Kritik an der AfD. Ein Musiker, der auf der Bühne einer der vergangenen PRÜF-Demos auftrat und anonym bleiben will, berichtete von einer de-facto-Zensur: Er sei vor seinem Auftritt »gebrieft« worden. Dabei habe man ihm explizit vorgegeben, er solle auf der Bühne die AfD nicht benennen. Man will bei PRÜF keine Kampagne gegen etwas sein, sondern für etwas: für die Demokratie, für das Grundgesetz, für die Freiheit und dafür, dass »die Ordnung eingehalten« wird, wie es ein Mitglied des Organisationsteams in einem Arte-Beitrag sagt. »Ordnung muss sein« lautet einer der Slogans der Demos, und es zeigt sich, dass er auch jene ansprechen soll, die ihn nicht nur augenzwinkernd verstehen.
Immer lustig bleiben
Diesem Willen zur Positivität entspricht auch die Form der Demonstrationen. Sie zeichnet sich durch aufgesetzte comedyhafte Massentauglichkeit aus. Die Demo-Moderation wird oftmals von Stand-Up-Künstler:innen wie Anna Bartling, Florentine Osche und Ana Lucía übernommen. Die Sprechchöre – überwiegend als von der Demomoderation initiiertes Call and Response konzipiert – variieren das Prüf-Thema in allen möglichen Formen; Neudichtungen auf bekannte Melodien sollen zum Mitsingen und ‑klatschen animieren. Auf die Melodie von »If you’re happy and you know it« etwa soll man singen: »Wenn du die Prüfung willst, dann klatsche bitte jetzt. / Wenn du die Prüfung willst, dann klatsche bitte jetzt. / Alles streng nach Protokoll! Ja, das finden wir ganz toll! / Wenn du die Prüfung willst, dann klatsche bitte jetzt.«
Nico Semsrott auf der re:publica 2025. Foto: Kaethe17/Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
Im Gespräch mit der Hamburger Obdachlosenzeitung Hinz & Kunzt begründete Nico Semsrott diese Strategie damit, dass »die demokratische Mehrheit seit zehn Jahren die gleichen Werkzeuge nutzt und damit nicht weiterkommt«. Natürlich spricht nichts dagegen, neue Wege auszuprobieren. Allzu oft folgen linke Demos eingefahrenen Mustern und zeigen wenig Bereitschaft, ritualisierte Abläufe kritisch zu reflektieren. Das von Semsrott ausgegebene Ziel, »dass es Spaß macht, an den Demos teilzunehmen«, offenbart allerdings eine fragwürdige Prioritätensetzung angesichts der dramatischen politischen Lage.
Wenn Semsrott gegenüber Hinz & Kunzt außerdem behauptet, Faschismus setze auf Angst und werde »wirkungslos, wenn wir Spaß haben und lachen«, ist das eine eklatante Fehlanalyse. Die Rechte setzt mindestens ebenso sehr auf ›Spaß‹ wie auf Angst, ob sie nun rassistische ›Witze‹ erzählt wie der NRW-Fraktionschef der AfD, in sozialen Medien ironische Memes verbreitet oder aber ›lustige‹ Liedtexte grölt wie auf der AfD-Wahlparty in Brandenburg 2024. Die FAZ hat letztes Jahr sogar nachgezählt: »Im Bundestag lacht keine Fraktion so oft wie die AfD.« Man muss also gar nicht Klaus Theweleits Studie Das Lachen der Täter kennen, um zu sehen: Faschismus und Lachen gehören zusammen.
Erfolg, wirklich?
An der Auftakt-PRÜF-Demo am 8. November 2025 in Hamburg nahmen rund 5.000 Menschen teil. Die mediale Resonanz war groß – und ist es auch noch vier Monate später. Doch die Anzahl der Demoteilnehmenden hat sich nicht signifikant erhöht und stagniert laut Polizeiangaben um die 5.000-Marke herum. Das würde Semsrott allerdings sicher nicht als Argument gelten lassen. Gegenüber Hinz & Kunzt sagte er über PRÜF: »Eigentlich ist es Copy-Paste von erfolgreichen Kampagnen der letzten Jahre: Die Bauerndemos liefen auch über Wiederholung und an vielen Orten, ›Fridays for Future‹ genauso. Das waren erst mal sehr lang sehr wenig Leute und dann ist es groß geworden.« Er hätte auch noch PEGIDA erwähnen können, die ab 2014 von Dresden ausgehende völkisch-rassistische Mobilisierung. Dann hätte er aber auch reflektieren müssen, dass PEGIDA und die Bauernproteste mit ihren rechten Forderungen wirksam waren, während ‚Fridays for Future‘ zwar zunächst Erfolge erzielte, inzwischen aber politisch überwiegend gescheitert ist.
Ist aber nicht der Beschluss der Hamburgischen Bürgerschaft ein Erfolg der Kampagne? Die Schlussfolgerung der Organisator:innen jedenfalls lautet: »PRÜF wirkt«. Doch unabhängig davon, wie groß der Beitrag der PRÜF-Demos auf den Bürgerschaftsbeschluss war, sollte man sich die Frage stellen, was genau er in der Realität bedeutet. Der beschlossene Antrag ersucht den Senat, sich für eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe einzusetzen, die mithilfe von Unterlagen des Verfassungsschutzes prüfen soll, ob ein Verbot der AfD aussichtsreich ist. Falls diese Prüfung ergebe, »dass das Vorliegen der Voraussetzungen [für ein Parteiverbotsverfahren] tragfähig begründet werden kann«, solle der Senat sich auch auf Bundesebene für ein Verbot einsetzen.
Alles auf Null: Das Kölner Urteil
Aber selbst dafür sind die Bedingungen inzwischen nicht mehr gegeben. Der Antrag von SPD und Grünen war daran geknüpft, dass »das Verwaltungsgericht Köln den Eilantrag der AfD ablehnt und die Einstufung der AfD als gesichert rechtsextrem ohne weitere Stillhaltezusage für ein zweitinstanzliches Verfahren bestätigt«. Nun ist aber genau das nicht geschehen, dem Eilantrag der AfD wurde stattgegeben. Der Bürgerschaftsbeschluss ist damit hinfällig. Ein Antrag der Linksfraktion, der sich an der Bremer Bundesratsinitiative orientiert und den Beschluss nicht vom Kölner Urteil abhängig gemacht hätte, wurde am 14. Januar mit den Stimmen aller anderen Fraktionen abgelehnt.
Was die PRÜF-Kampagne stolz als Erfolg verbucht, ist also die Prüfung der Prüfung – und selbst die ist durch das Kölner Urteil nun noch weiter in die Zukunft gerückt. Die Vorschaltung eines weiteren Prüfungsschritts vor der Prüfung durch das Verfassungsgericht kostet uns allerdings nicht nur Zeit, sondern verschwendet auch zusätzliche Ressourcen. Denn diese Prüfung wurde und wird auf unterschiedlichen Ebenen schon längst durchgeführt: zivilgesellschaftlich etwa 2023 vom Deutschen Institut für Menschenrechte, vom Zentrum für politische Schönheit und von der Gesellschaft für Freiheitsrechte; politisch etwa im Rahmen vonEinzelfallprüfungen und natürlich in Form des 1.100-seitigen Gutachtens des Verfassungsschutzes. Es bedarf, nach sorgfältiger Prüfung des Autors, keiner weiteren Arbeitsgruppe dieser Art.
Das Bundesverfassungsgericht prüft
Zieht man die Parallele zu den zwei NPD-Verbotsverfahren (2001–2003 und 2013–2017), fällt auf, dass im öffentlichen Diskurs damals wesentlich deutlicher von einem geplanten Verbot gesprochen wurde. Die Gründe für das Scheitern der Verbotsanträge lagen im ersten Verfahren insbesondere bei den vom Verfassungsschutz eingesetzten V‑Personen. Im zweiten Verfahren stellte das Verfassungsgericht die Verfassungsfeindlichkeit der NPD 2017 zwar fest, lehnte den Verbotsantrag aber trotzdem ab, weil es »an konkreten Anhaltspunkten von Gewicht« fehle, die es möglich erscheinen ließen, dass die Partei ihre Ziele auch erreiche.
Die Indizienlage war im Vergleich zu heute ähnlich. Der Grund für das Scheitern des NPD-Verbots hingegen fällt bei der AfD eindeutig weg: Die drängende Gefahr einer Machtübernahme der AfD ist real. Dafür, dass sie ihre verfassungsfeindlichen Ziele erreichen könnte, gibt es ausreichend »konkrete Anhaltspunkte«. Das Framing der PRÜF-Kampagne, also die Forderung nach einer Prüfung der Voraussetzungen für ein AfD-Verbot, lenkt somit vom eigentlichen Ziel ab und ist irreführend. Denn auch die Forderung nach einem AfD-Verbot beinhaltet ja notwendigerweise eine solche Prüfung durch das Verfassungsgericht. Daher bedeutet die Forderung nach einer Prüfung eine Abschwächung der bereits seit Jahren von Antifaschist:innen erhobenen Verbotsforderung. Der erhoffte strategische Nutzen solch einer Abschwächung, eine gewisse Massentauglichkeit und eine Erweiterung des politischen Spektrums der Unterstützer:innen ins konservative Lager hinein, macht ihre Nachteile und Gefahren bei Weitem nicht wett.
Ungeprüfte Hufeisentheorie
Das wohl weitreichendste strategische Zugeständnis an die ›Mehrheitsfähigkeit‹ der PRÜF-Demos ist allerdings der Extremismusbegriff, der ihnen unreflektiert zugrunde liegt. Denn ohne den Begriff des (Rechts-)Extremismus kommt eine Kampagne, deren einzige Forderung sich allein auf die Einordnung des Verfassungsschutzes beruft, natürlich nicht aus. Im PRÜF-FAQ lautet daher auch eine Frage: »Warum nicht auch linksextreme Parteien prüfen lassen?«
Statt den Extremismusbegriff, auf den sich diese Frage beruft, prinzipiell zurückzuweisen, wird die eigene Antwort formal begründet – ironischerweise mit exakt dem Argument, das vom Verfassungsgericht 2017 auf die NPD angewendet wurde: »Aktuell gibt es in Deutschland nur vier offen linksextremistische Parteien, die aber allesamt bedeutungslos sind, da sie bei Wahlen und im öffentlichen Diskurs keine Rolle spielen. Zurzeit sehen wir in ihnen kein Gefahrenpotenzial für unsere freiheitliche demokratische Grundordnung und damit aktuell auch keinen Anlass, eine Überprüfung zu fordern.« Das heißt: PRÜF wendet sich nicht gegen Verbote linker Parteien und Organisationen, sondern sieht aktuell bloß andere Prioritäten.
Von dieser Größe ist PRÜF weit entfernt: Demonstration »Hamburg steht auf«, 19.1.2024. Foto: Gerd-HH/Wikimedia Commons
Man möchte den PRÜF-Verantwortlichen und allen Teilnehmenden ein anderes FAQ empfehlen, nämlich das FAQ des Forums kritische politische Bildung zum Thema Extremismus. Die zentrale Gefahr des Extremismusbegriffs und damit auch der PRÜF-Kampagne wird darin präzise beschrieben: »Behauptet wird, ›extremistische‹ Haltungen seien ›verfassungsfeindlich‹ und daher gegen die Demokratie oder wahlweise gegen den Staat gerichtet. Damit werden auch die Unterschiede zwischen Staat, Demokratie und Gesellschaft verwischt, die ja nicht ein und dasselbe sind.«
Genau diese Ineinssetzung von Demokratie, Staat und ›unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung‹ betreibt allerdings die PRÜF-Kampagne, und das mit System. Denn um die eigene Behauptung einer »großen Mehrheit gegen Rechtsextremismus« zu glauben, muss diese Mehrheit diskursiv hergestellt werden: als ›breite Mitte‹ gegen die ›extremen Ränder‹. Der grassierende ›Extremismus der Mitte‹ gerät so gar nicht in den Blick.
Prüft euch doch selbst
Und so muss man aus antifaschistischer Perspektive ein ernüchterndes Fazit ziehen. Das Reframing der AfD-Verbotsdebatte durch die PRÜF-Kampagne ist angesichts der Dringlichkeit der politischen Situation eine kontraproduktive Verzögerung. Die hierarchische Demo-Organisation und der Ausschluss politischer Bündnisse verunmöglichen, dass die Demos mehr werden als eine Zustimmung zu ihrer eng gefassten Forderung. Und der unreflektiert-affirmative Bezug auf das Extremismuskonzept ist gefährlich für antifaschistisches Engagement und verschließt die Augen vor dem Prozess der Faschisierung, der kein Rand‑, sondern ein Mehrheitsphänomen ist.
Sticker an einem ungeprüften Baugerüst am Schulterblatt. Foto: privat.
Dabei wäre es gerade angesichts dieser Faschisierung notwendig, neue Bündnisse für eine antifaschistische Praxis zu schließen – eine Praxis, zu deren Zielen auch die Zerschlagung der AfD gehören sollte. Eine regelmäßige Demonstration könnte an sich ein geeigneter Ort dafür sein, sich über unterschiedliche Milieus hinweg kennenzulernen und sich auch über eine begrenzte Kampagne hinaus langfristig antifaschistisch zu organisieren. Doch die PRÜF-Demos lösen dieses Potential für die Entwicklung neuer Bündnisse nicht ein. Antifaschist:innen jedenfalls können sich am 14. März und an allen folgenden zweiten Samstagen im Monat eine andere Beschäftigung suchen.
Nico Paustian, März 2026
Der Autor ist Teil der Redaktion Untiefen und geht nicht auf Demos, um mit humoristischem Anstrich gegen die gesellschaftliche Verschiebung nach Rechts zu demonstrieren.