Vom Antisemitismus übertönt

Vom Antisemitismus übertönt

Zamzam Ibra­him durfte auf Kamp­na­gel spre­chen. Wäh­rend drau­ßen eine pro­pa­läs­ti­nen­si­sche Demo anti­zio­nis­ti­sche Paro­len brüllte, eröff­nete sie das Klima-Festival online per Zoom – und setzte mit ihrer Mischung aus Eso­te­rik und rau­nen­der ›Sys­tem­kri­tik‹ den Ton fürs Wochen­ende. Jüdi­sche und anti­se­mi­tis­mus­kri­ti­sche Stim­men wur­den von die­sem ›viel­stim­mi­gen‹ Chor übertönt.

»There is no cli­mate jus­tice with the mude­rers of Ira­nian women.« Demonstrant:innen am Don­ners­tag vor Kamp­na­gel. Foto: Screen­shot Instagram

»Ich sollte nicht hier sein.« Die­sen Satz äußerte Dor Aloni in einem so per­sön­li­chen wie poli­ti­schen State­ment, das er sei­ner Per­for­mance Atlan­tis am Don­ners­tag­abend im Saal K4 auf Kamp­na­gel vor­an­stellte und in dem er sei­ner Kri­tik an der Ein­la­dung Zamzam Ibra­hims deut­li­chen Aus­druck ver­lieh. Alo­nis Satz lässt sich auf zwei Arten ver­ste­hen: als Fest­stel­lung, dass er als jüdisch-israelischer Thea­ter­ma­cher auf einem Kli­ma­fes­ti­val, das von einer anti­se­mi­ti­schen Red­ne­rin eröff­net wurde, fehl am Platze ist; und als Hadern mit sei­ner Ent­schei­dung, nun auf Kamp­na­gel auf­zu­tre­ten, obwohl Zamzam Ibra­him nicht aus­ge­la­den wurde.

Denn seit Aloni Anfang der Woche erfah­ren hatte, wes­sen Keynote-Vortrag den Kli­ma­schwer­punkt »How Low Can We Go?« eröff­nen solle, in des­sen Rah­men auch er auf­tre­ten würde, konnte er nicht mehr ruhig schla­fen. Auch davon sprach er in sei­nem State­ment. Für ihn, des­sen Fami­lie in Israel lebt und der durch den anti­se­mi­ti­schen Ter­ror der Hamas vom 7. Okto­ber auch Kolleg:innen ver­lo­ren hat, war der Gedanke uner­träg­lich, einen (Diskurs-)Raum mit einer Akti­vis­tin zu tei­len, die den Ter­ror der Huthi im Jemen und der Hamas in Israel als ›Wider­stand‹ ver­klärt. Am Diens­tag hatte er daher bei der Kampnagel-Leitung inter­ve­niert und deut­lich gemacht, dass für ihn hier eine rote Linie über­schrit­ten ist: Ent­we­der Ibra­him wird aus­ge­la­den, oder er sagt seine Auf­tritte ab.

Kamp­na­gel befand sich dadurch in einer miss­li­chen Lage: Dass ein jüdi­scher Künst­ler sich aus Pro­test gegen die Tole­rie­rung anti­se­mi­ti­scher Posi­tio­nen und aus Sorge um sein Wohl­be­fin­den zurück­zieht, wäre für ein – laut Selbst­dar­stel­lung »dis­kri­mi­nie­rungs­sen­si­bles« – deut­sches Thea­ter gelinde gesagt pro­ble­ma­tisch. Aber eine anti­is­rae­li­sche Akti­vis­tin aus­zu­la­den, zumal eine, die Schwarz und mus­li­misch ist, hätte Kamp­na­gel wohl ebenso gescha­det, ins­be­son­dere in der inter­na­tio­na­len ›freien Szene‹, in der Ter­rora­po­lo­gie weit­hin als ›Isra­el­kri­tik‹ zu gel­ten scheint und jede Kri­tik daran als ›Silen­cing‹ und ›Can­cel Cul­ture‹ beklagt wird.

Um wessen Sicherheit geht es?

Man kann sich vor­stel­len, wie der »empa­thi­sche Dia­log« (Kampnagel-Leitbild) aus­sah, in dem Aloni unter Druck gesetzt wurde, Kamp­na­gel doch nicht in diese Lage zu brin­gen. Und tat­säch­lich ließ er sich auf einen Alter­na­tiv­vor­schlag ein: Am Mitt­woch ver­kün­dete Kamp­na­gel, dass man Zamzam Ibra­him nicht aus­lade, dass sie aber nur online, per Zoom-Zuschaltung, spre­chen werde. Dies als Kom­pro­miss oder salo­mo­ni­sche Lösung zu bezeich­nen, wäre jedoch völ­lig ver­fehlt. Denn ers­tens bot man Ibra­him so wei­ter­hin eine Bühne (und sogar eine grö­ßere als zuvor); und zwei­tens wurde in der am Mitt­woch­abend ver­öf­fent­lich­ten Erklä­rung der Anti­se­mi­tis­mus kon­se­quent ent­nannt, wäh­rend Ibra­him zum Opfer einer ras­sis­ti­schen Kam­pa­gne sti­li­siert wurde.

Zu den »Anti­se­mi­tis­mus­vor­wür­fen« gegen Ibra­him äußert Kamp­na­gel sich in der Erklä­rung mit einer Distan­zie­rung, die sich schwä­cher nicht for­mu­lie­ren ließe: »In der Tat sind von der Spea­ke­rin Äuße­run­gen bekannt gewor­den, die auch wir so nicht tei­len kön­nen.« Nicht ›anti­se­mi­ti­sche Äuße­run­gen‹ oder wenigs­tens ›Äuße­run­gen, die wir nicht tei­len‹, son­dern: ›Äuße­run­gen, die wir so nicht tei­len kön­nen.‹ Was mag das hei­ßen – so nicht, aber in ande­rer Form schon? Kamp­na­gel wollte dazu auf Nach­frage nichts ant­wor­ten.1Wenn Kampnagel-Intendantin Ame­lie Deufl­hard gegen­über Untie­fen ledig­lich all­ge­mein pro­kla­miert: »Wir distan­zie­ren uns in aller Deut­lich­keit von anti­se­mi­ti­schen und isra­el­feind­li­chen Hal­tun­gen«, muss sie sich die Frage gefal­len las­sen: Wo war diese Deut­lich­keit im kon­kre­ten Falle Zamzam Ibrahims?

Als ver­ant­wort­lich für die Ver­le­gung ins Inter­net prä­sen­tiert die Erklä­rung nicht Ibra­hims Anti­se­mi­tis­mus, son­dern zum einen das man­gelnde Ver­trauen »Ein­zel­ner« in die Ver­si­che­rung Kamp­na­gels, »dass es im Rah­men des Kli­ma­schwer­punk­tes zu kei­ner anti­se­mi­ti­schen Äuße­rung kom­men wird«, und zum ande­ren die mediale Ver­brei­tung der Kri­tik und die dadurch laut wer­den­den »Auf­rufe zum Ver­hin­dern der Key­note«. Beklagt wird schließ­lich noch, die Bericht­erstat­tung habe »ras­sis­ti­sche und islam­feind­li­che Nar­ra­tive« her­vor­ge­ru­fen. Auch wenn vage von der »Sicher­heit aller Anwe­sen­den« geschrie­ben wird, ist der Tenor deut­lich: Weil Ibra­him von einem auf­ge­heiz­ten Mob bedroht werde, könne sie zu ihrem eige­nen Schutz nur online sprechen.

Es ist eine klas­si­sche Form des rela­ti­vie­ren­den Umgangs mit Anti­se­mi­tis­mus: Als Pro­blem gilt nicht der Anti­se­mi­tis­mus selbst, son­dern der Umstand, dass er benannt und kri­ti­siert wird – und dass Kon­se­quen­zen aus die­ser Kri­tik gefor­dert wer­den.2Auch in Ihren Eröff­nungs­wor­ten nannte Ame­lie Deufl­hard die Debatte als Grund für die Ver­le­gung ins Inter­net: »The con­tro­versy around the key­note made us decide to place it online.« Als Pro­blem gilt nicht der Anti­se­mi­tis­mus, son­dern der ›Anti­se­mi­tis­mus­vor­wurf‹, gel­ten also Men­schen, die es für falsch hal­ten, eine Anti­se­mi­tin unwi­der­spro­chen öffent­lich reden zu las­sen. Und weil es nun ein­mal oft die Betrof­fe­nen selbst sind, die gegen Anti­se­mi­tis­mus ein­ste­hen, heißt das: Als Pro­blem gel­ten Jüdin­nen und Juden. Vom Kampnagel-Statement zum am Don­ners­tag in anti­is­rae­li­schen Krei­sen zir­ku­lie­ren­den Auf­ruf, die »Hetze« gegen Ibra­him zu stop­pen, ist es nur ein klei­ner Schritt. Man nennt das Täter-Opfer-Umkehrung.

Nicht gar so offene Debattenräume

Sym­pto­ma­tisch war hier­für das Bild, das sich am Don­ners­tag­abend vor Kamp­na­gel bot. Etwa drei­ßig Kritiker:innen des Anti­se­mi­tis­mus – dar­un­ter Mit­glie­der des Jun­gen Forums der DIG Ham­burg und der jüdi­schen Gemeinde sowie Exiliraner:innen – ver­sam­mel­ten sich dort gegen halb sechs, um gegen die Ein­la­dung Ibra­hims zu pro­tes­tie­ren. Zah­len­mä­ßig über­le­gen war jedoch eine spon­tan ange­mel­dete anti­is­rae­li­sche Gegen­kund­ge­bung, die von der Poli­zei in Sicht- und Hör­weite vor­ge­las­sen wurde.

Dank Laut­spre­cher­an­lage über­tön­ten deren Sprech­chöre zudem die­je­ni­gen der Kund­ge­bung gegen Anti­se­mi­tis­mus. Und im Gegen­satz zum Anti-Antisemitismus konnte der Isra­el­hass auf ein gro­ßes Reper­toire grif­fi­ger Slo­gans zurück­grei­fen – neben dem noto­ri­schen »From the river to the sea« gehörte dazu am Don­ners­tag etwa »Alle zusam­men gegen Zio­nis­mus«. Die anti­se­mi­tis­mus­kri­ti­schen Demonstrant:innen wur­den als ›Ver­tei­di­ger eines Geno­zids‹ verleumdet.

Drin­nen, in der Instal­la­tion »Cruise Ten­tare«, eröff­nete Ame­lie Deufl­hard wäh­rend­des­sen kurz ange­bun­den den Klima-Schwerpunkt vor ca. vier­zig etwas des­ori­en­tier­ten Gäs­ten. Die eigent­lich für 18:15 Uhr ange­kün­digte Key­note von Zamzam Ibra­him war wenige Minu­ten vor dem geplan­ten Beginn auf 19:45 Uhr ver­legt wor­den. Der Hin­ter­grund die­ser Ver­schie­bung ist bri­sant: Die Kampnagel-Leitung wollte dem Radio­sen­der NDR 90,3 unter­sa­gen, O‑Töne aus Ibra­hims Keynote-Vortrag für die Bericht­erstat­tung zu nut­zen. Die Kul­tur­re­dak­tion von NDR 90,3 wandte sich in der Sache an ihr Jus­ti­zia­riat, das ein der­ar­ti­ges Ver­bot als unzu­läs­sig erach­tete. Auch das dar­auf­hin kon­tak­tierte Jus­ti­zia­riat von Kamp­na­gel folgte die­ser Ein­schät­zung. Kamp­na­gel ent­schied sich vor die­sem Hin­ter­grund gegen eine Live-Übertragung und stellte – andert­halb Stun­den spä­ter als eigent­lich geplant – eine Auf­zeich­nung des Gesprächs online.3Das Video ist nun auch wie­der aus dem Inter­net ver­schwun­den – samt vie­ler kri­ti­scher Kom­men­tare. Ein erstaun­li­ches Ver­hal­ten für ein Haus, das stets die Not­wen­dig­keit offe­ner Debat­ten betont. 

Auf Nach­frage erläu­tert Ame­lie Deufl­hard, Ibra­him habe zunächst nur einer ein­ma­li­gen Ver­öf­fent­li­chung ihrer Rede zuge­stimmt, nicht aber einer Auf­zeich­nung; erst nach erneu­ter Rück­spra­che habe Ibra­him die Zustim­mung, O‑Töne zu ver­wen­den, erteilt. »Zu kei­ner Zeit wurde die freie Pres­se­be­richt­erstat­tung über die Rede Zamzam Ibra­hims beschränkt oder sollte beschränkt wer­den.« Doch wie sonst soll man es bezeich­nen, wenn einem Radio­jour­na­lis­ten unter­sagt wer­den soll, O‑Töne aus einem öffent­li­chen Vor­trag für seine Bericht­erstat­tung zu verwenden?

Climate Justice lies with God?

Ibra­hims Keynote-Vortrag war dann eine Mischung aus religiös-esoterischem Pathos und rau­nen­der ›Sys­tem­kri­tik‹. Zur Kli­ma­ge­rech­tig­keit hatte sie nur Gemein­plätze zu bie­ten. Statt­des­sen war ihre Rede voll von Anspie­lun­gen auf das Thema, über das zu spre­chen ihr ›ver­bo­ten‹ wor­den war: »I wouldn’t be me wit­hout tal­king about the pain and suf­fe­ring that is hap­pe­ning this very second«, pro­kla­mierte sie, und sprach sodann von »Geno­zi­den«, die wir alle live auf unse­ren Bild­schir­men ver­fol­gen könn­ten. Zu die­sem rau­nen­den Spre­chen in Anspie­lun­gen passte auch ihr Out­fit – ein wei­ßer Pull­over mit einem Print der Jeru­sa­le­mer al-Aqsa-Moschee, der gerade deut­lich genug zu sehen war, um die Bot­schaft erken­nen zu las­sen, und gerade unauf­fäl­lig genug, um sich kei­nen Bruch der Abma­chung vor­wer­fen las­sen zu können.

Zamzam Ibra­him atmet in ihrem Vor­trag good vibes ein. Foto: Screen­shot Youtube

In poli­ti­scher Hin­sicht offen­barte Ibra­him ein mit reli­giö­sem Pathos auf­ge­la­de­nes Schwarz-Weiß-Denken – Gerech­tig­keit vs. Unter­drü­ckung, Gut vs. Böse, Glo­ba­ler Süden vs. Glo­ba­ler Nor­den, ›wir‹ gegen ›die‹. Eine Aner­ken­nung von Wider­sprü­chen suchte man ver­geb­lich: »You are eit­her part of the pro­blem or part of the solu­tion. There is no other side to this coin.« Die­ses dicho­tome Den­ken ver­band sich mit einer rau­nen­den Ver­dam­mung ›des Sys­tems‹, das jede Kri­tik mund­tot zu machen und jeden Wider­stand im Keim zu ersti­cken ver­su­che.4»You see, when you stand on the side of jus­tice, the sys­tems of oppres­sion that we seek to break down will try to deplat­form you, but no sen­sa­ti­ons head­lines or lies can ever win against you.« Gegen eine politisch-ökonomische Ord­nung, die auf white supre­macy, Ras­sis­mus, Aus­beu­tung und Gier beruhe und »pro­fit over peo­ple« stelle, brachte Ibra­him die Vor­stel­lung einer »green eco­nomy« in Anschlag, die den Bedürf­nis­sen der Men­schen und unse­res Pla­ne­ten diene.5Wört­lich heißt es in der Rede: »See, the fight against cli­mate change is a fight against all sys­tems that fuel the cli­mate cri­sis: white supre­macy, racism, eco­no­mic explo­ita­tion, greed – I could be here all day.« Und wei­ter: »We need a green eco­nomy, finan­cial sys­tems that exist to serve the needs of peo­ple and our pla­net.« Diese von Gier befreite »green eco­nomy« klingt auf­fäl­lig ähn­lich wie das Pro­gramm des »Isla­mic Ban­king«, das als ein mit der Scha­ria kon­for­mes Finanz­we­sen etwa im Iran pro­pa­giert wird.

Mögen diese Aus­füh­run­gen auch nicht expli­zit anti­se­mi­tisch gewe­sen sein – ihre Nähe zu dem, was der Künst­ler Leon Kahane in einem Inter­view mit dem Aus­druck ›Anti­se­mi­tis­mus als Kul­tur­tech­nik‹ bezeich­net, ist evi­dent: »Anti­se­mi­ten posi­tio­nier­ten sich immer gegen das Estab­lish­ment und gesell­schaft­li­che Zwänge und für etwas ver­meint­lich Fort­schritt­li­ches. Der Anti­se­mi­tis­mus als Kul­tur­tech­nik ist der Ver­such, Wider­sprü­che auf­zu­lö­sen – zur Not mit Gewalt. Die eige­nen Kon­flikte und das eigene Böse wer­den exter­na­li­siert und auf Jüdin­nen und Juden oder den jüdi­schen Staat Israel projiziert.«

Aloe Vera strei­cheln für mehr Kli­ma­ge­rech­tig­keit – ein Work­shop auf Kamp­na­gel. Foto (Aus­schnitt): Screen­shot Insta­gram.

Es fragt sich zudem, was genau Ibra­hims Rede zum Pro­blem der Kli­ma­ge­rech­tig­keit bei­zu­tra­gen hatte. Wenn es in der Erklä­rung von Kamp­na­gel heißt, »Ibra­hims Per­spek­tive bleibt für den Dis­kurs­schwer­punkt des Fes­ti­vals ein wich­ti­ger Bestand­teil«, bleibt offen, worin genau diese ›Per­spek­tive‹ liegt. Mit ihrem Den­ken in Dicho­to­mien und ihrer religiös-esoterisch ver­bräm­ten Sys­tem­kri­tik gab Ibra­him aber zumin­dest einen Vor­ge­schmack dar­auf, was im Rest des Dis­kurs­pro­gramms pas­sierte – etwa die Beschwö­rung eines Oli­ven­baums als Zeuge oder das »öko-intime« Strei­cheln von Aloe-Vera-Pflanzen. Wenn das die von Kamp­na­gel ver­spro­che­nen neuen »Stra­te­gien im Kli­ma­dis­kurs« sind, ist wenig Grund zur Hoffnung.

Antisemit:innen mit Grund zum Jubeln

Drau­ßen vor Kamp­na­gel hatte sich die anti­se­mi­tis­mus­kri­ti­sche Kund­ge­bung der­weil auf­ge­löst, die Gegen­kund­ge­bung blieb jedoch noch eine Weile vor Ort, um in aus­ge­las­se­ner Stim­mung bei lau­ter Musik zu tan­zen und ihren Sieg zu fei­ern. Man feiere, »dass Kamp­na­gel nicht vor den Zio­nis­ten ein­ge­knickt ist«, erklärte eine Demons­tran­tin. Und bevor die Laut­spre­cher­an­lage abge­baut wurde, rief der Ver­samm­lungs­lei­ter zum Abschluss noch ein­mal ins Mikro: »Danke, Kampnagel!«

Die Hamas­fans vor Kamp­na­gel hat­ten Grund zum Fei­ern. Foto (Aus­schnitt): Screen­shot Instagram.

»Danke, Kamp­na­gel!« ist auch der Tenor der pro­pa­läs­ti­nen­si­schen Kom­men­tare in den sozia­len Medien. Die Ver­le­gung von Zamzam Ibra­hims Vor­trag ins Inter­net wird hier kei­nes­wegs als ›Ein­kni­cken‹ ver­stan­den.6Daher ist auch der Bericht im Ham­bur­ger Abend­blatt irre­füh­rend, der behaup­tet, die pro­pa­läs­ti­nen­si­sche Demo habe gegen die Ver­le­gung von Ibra­hims Vor­trag ins Inter­net demons­triert, und die Situa­tion also so dar­stellt, als werde Kamp­na­gel von zwei Sei­ten glei­cher­ma­ßen ange­grif­fen. Rich­tig ist: Die­je­ni­gen, die für Zamzam Ibra­him demons­trier­ten, sahen sich mit Kamp­na­gel auf der­sel­ben Seite – und das zu Recht. Davon zeu­gen vor allem viele Kom­men­tare zur Erklä­rung von Kamp­na­gel auf Insta­gram.7Ein State­ment der im Work­shop­pro­gramm von »How Low Can You Go« auf­tre­ten­den Künst­le­rin Niya B brint diese Sicht auf den Punkt: »[…] they [Kamp­na­gel] are refu­sing to can­cel spea­k­ers who are fal­sely bran­ded as anti­se­mi­tic. In the cur­rent cli­mate, this is a bold public state­ment for a Ger­man cul­tu­ral insti­tu­tion.« Und auch Ibra­him selbst prä­sen­tierte sich nach ihrem Auf­tritt als Sie­ge­rin. In ihrer Instagram-Story zeigt sie sich mit Sie­ger­lä­cheln, Vic­to­ry­zei­chen und dem nun in Gänze sicht­ba­ren al-Aqsa-Moschee-Pullover, den sie auch schon bei der Key­note trug. Ergänzt ist die­ses Bild um die Worte: »Just Ger­ma­nys most hated cli­mate acti­vist report­ing in let you all know, I’m doing great and also to remind ya’ll… Ain’t Cli­mate Jus­tice wit­hout a FREE PALESTINE«.

Zamzam Ibra­him fei­ert nach ihrer Key­note… Fotos: Screen­shot Instagram
… und zeigt ihre Hal­tung noch­mal überdeutlich.

Kampnagel ›verlernresistent‹

Für all jene, die gegen Anti­se­mi­tis­mus ein­ste­hen, endete die Debatte um Ibra­hims Auf­tritt so in einer Nie­der­lage. Und hegte man die Hoff­nung, dass man zumin­dest auf Kamp­na­gel etwas aus den Vor­fäl­len gelernt (oder eher, wie es im Jar­gon heißt, verlernt) habe, wurde man eben­falls ent­täuscht. Gegen­über Untie­fen sagte Ame­lie Deufl­hard zwar: »Den Pro­zess rund um den Schwer­punkt zur Kli­ma­ge­rech­tig­keit wer­den wir gründ­lich auf­ar­bei­ten. Dabei neh­men wir die geäu­ßerte Kri­tik ernst und set­zen uns damit aus­ein­an­der, was der Vor­gang für jüdi­sches und anti­se­mi­tis­mus­kri­ti­sches Publi­kum her­vor­ge­ru­fen hat.« Bis­her deu­tet aber nichts dar­auf hin, dass man sich auf diese Ankün­di­gung ver­las­sen könnte.

Eher das Gegen­teil ist der Fall: Deufl­hard zeigte sich nach der Key­note in ihrer Ent­schei­dung bestärkt. Ibra­hims Vor­trag bezeich­nete sie gegen­über NDR 90,3 als »aus­ge­wo­gene, gemä­ßigte und kämp­fe­ri­sche Rede für alle«. Und auf die Frage, ›ob es das wert war‹, ant­wor­tete sie: »Es war’s viel­leicht wert dafür, dass es keine gute Idee ist, dass wir unter­schied­li­che Stim­men von schwar­zen Akti­vis­tin­nen, von mus­li­mi­schen Akti­vis­tin­nen ver­stum­men las­sen. Wir müs­sen ohne sol­che har­ten Anwürfe dis­ku­tie­ren kön­nen«. Mit den »har­ten Anwür­fen« ist frag­los die vor­nehm­lich von Jüdin­nen und Juden geäu­ßerte Benen­nung von Ibra­hims Posi­tio­nen als anti­se­mi­tisch gemeint. Die Bot­schaft ist also deut­lich: Kamp­na­gel will den ›viel­stim­mi­gen Dis­kurs‹ gerne ohne anti­se­mi­tis­mus­kri­ti­sche jüdi­sche Stim­men führen.

Diese Erkennt­nis ist bit­ter ent­täu­schend. In Ent­täu­schung aber steckt zumin­dest immer auch die auf­klä­re­ri­sche Dimen­sion einer Des­il­lu­sio­nie­rung. Die Vor­gänge um den Auf­tritt Zamzam Ibra­hims waren gut geeig­net, Illu­sio­nen zu ver­lie­ren – allen voran die Illu­sion, dass man Kamp­na­gel im Kampf gegen Anti­se­mi­tis­mus zu den Ver­bün­de­ten zäh­len könne.

Anti-Antisemitismus bleibt Handarbeit

Ent­täuscht in die­sem Sinne sind auch einige Kampnagel-Künstler:innen. Dor Aloni fand in einem Inter­view mit Zeit Online am Diens­tag klare Worte: »Für mich ist das eine poli­ti­sche Frage, ich finde, die Rela­ti­vie­rung des Holo­caust und die Recht­fer­ti­gung des Hamas-Massaker keine Posi­tion, die man mit ande­ren kon­trä­ren Posi­tio­nen dis­ku­tie­ren kann. Kamp­na­gel hat den Anspruch, sichere Räume für bedrohte und mar­gi­na­li­sierte Grup­pen zu bie­ten. Ich habe den Ein­druck, dass das für Juden so nicht gilt.« 

Und der Per­for­mance­künst­ler Tucké Royale kom­men­tierte auf Insta­gram, das Ver­hal­ten Kamp­na­gels zeige die gefähr­li­che Ten­denz, dass in Sachen Anti­se­mi­tis­mus aufs Bauch­ge­fühl gehört wird statt auf die Anti­se­mi­tis­mus­for­schung und auf Jüdin­nen und Juden: »Ein abso­lu­ter Irr­tum zu den­ken, dass sich Anti­se­mi­tis­mus­kri­tik und Anti­ras­sis­mus aus­schlie­ßen.« Ansons­ten aber wurde Ibra­hims Anti­se­mi­tis­mus von Künstler:innen aus dem Kampnagel-Umfeld geleug­net oder legi­ti­miert – oder es herrschte Schwei­gen. Das zeigt: Sich hier offen gegen Anti­se­mi­tis­mus und Isra­el­hass zu stel­len, macht schnell einsam.

In ihrer Eröff­nungs­rede am Don­ners­tag sagte Ame­lie Deufl­hard: »Ich bin mir sicher, dass uns diese Kon­tro­verse auch in den nächs­ten Wochen und Mona­ten beschäf­ti­gen wird.« Damit das keine lee­ren Worte blei­ben, gilt es, die­sen Satz als Auf­for­de­rung zu ver­ste­hen. Hätte es keine kri­ti­sche Öffent­lich­keit gege­ben, wäre der Anti­se­mi­tis­mus Zamzam Ibra­hims nicht ein­mal Thema gewor­den; ohne eine wei­ter­hin kri­ti­sche Öffent­lich­keit wird die Debatte auch keine Kon­se­quen­zen haben.

Lukas Betz­ler

Der Autor hat vor einer Woche eine aus­führ­li­che Recher­che zum Anti­se­mi­tis­mus Zamzam Ibra­hims veröffentlicht.

  • 1
    Wenn Kampnagel-Intendantin Ame­lie Deufl­hard gegen­über Untie­fen ledig­lich all­ge­mein pro­kla­miert: »Wir distan­zie­ren uns in aller Deut­lich­keit von anti­se­mi­ti­schen und isra­el­feind­li­chen Hal­tun­gen«, muss sie sich die Frage gefal­len las­sen: Wo war diese Deut­lich­keit im kon­kre­ten Falle Zamzam Ibrahims?
  • 2
    Auch in Ihren Eröff­nungs­wor­ten nannte Ame­lie Deufl­hard die Debatte als Grund für die Ver­le­gung ins Inter­net: »The con­tro­versy around the key­note made us decide to place it online.«
  • 3
    Das Video ist nun auch wie­der aus dem Inter­net ver­schwun­den – samt vie­ler kri­ti­scher Kommentare.
  • 4
    »You see, when you stand on the side of jus­tice, the sys­tems of oppres­sion that we seek to break down will try to deplat­form you, but no sen­sa­ti­ons head­lines or lies can ever win against you.«
  • 5
    Wört­lich heißt es in der Rede: »See, the fight against cli­mate change is a fight against all sys­tems that fuel the cli­mate cri­sis: white supre­macy, racism, eco­no­mic explo­ita­tion, greed – I could be here all day.« Und wei­ter: »We need a green eco­nomy, finan­cial sys­tems that exist to serve the needs of peo­ple and our pla­net.« Diese von Gier befreite »green eco­nomy« klingt auf­fäl­lig ähn­lich wie das Pro­gramm des »Isla­mic Ban­king«, das als ein mit der Scha­ria kon­for­mes Finanz­we­sen etwa im Iran pro­pa­giert wird.
  • 6
    Daher ist auch der Bericht im Ham­bur­ger Abend­blatt irre­füh­rend, der behaup­tet, die pro­pa­läs­ti­nen­si­sche Demo habe gegen die Ver­le­gung von Ibra­hims Vor­trag ins Inter­net demons­triert, und die Situa­tion also so dar­stellt, als werde Kamp­na­gel von zwei Sei­ten glei­cher­ma­ßen ange­grif­fen. Rich­tig ist: Die­je­ni­gen, die für Zamzam Ibra­him demons­trier­ten, sahen sich mit Kamp­na­gel auf der­sel­ben Seite – und das zu Recht.
  • 7
    Ein State­ment der im Work­shop­pro­gramm von »How Low Can You Go« auf­tre­ten­den Künst­le­rin Niya B brint diese Sicht auf den Punkt: »[…] they [Kamp­na­gel] are refu­sing to can­cel spea­k­ers who are fal­sely bran­ded as anti­se­mi­tic. In the cur­rent cli­mate, this is a bold public state­ment for a Ger­man cul­tu­ral institution.«

Schiffbruch mit Zuschauern

Schiffbruch mit Zuschauern

Der geplante Auf­tritt der anti­se­mi­ti­schen Kli­ma­ak­ti­vis­tin Zamzam Ibra­him in der Kul­tur­fa­brik Kamp­na­gel sorgt für Empö­rung. Die Kri­tik an Ibra­him ist mehr als berech­tigt, der Eklat legt jedoch vor allem grund­sätz­li­che Pro­bleme offen.

»Wie tief kann man sin­ken?«, fragt Kamp­na­gel – und erlei­det dabei lei­der selbst Schiff­bruch. Foto: Screen­shot kampnagel.de

Eigent­lich soll sich auf Kamp­na­gel von Don­ners­tag bis Sams­tag alles um die gesell­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen durch die Kli­ma­ka­ta­stro­phe dre­hen. Der drei­tä­gige Schwer­punkt unter dem Titel How Low Can We Go? umfasst drei (Theater-)Performances, eine Performance-Installation sowie ein Workshop- und Vor­trags­pro­gramm. Gemein­sam sol­len diese For­mate zu einer kol­lek­ti­ven »Reori­en­tie­rung« ange­sichts der Kli­ma­ka­ta­stro­phe, der »wahr­schein­lich lang­fris­tigs­ten poli­ti­schen Mega-Krise unse­rer Zeit«, bei­tra­gen, wie es in der Ankün­di­gung heißt.

Jetzt erhält die Ver­an­stal­tungs­reihe breite mediale Auf­merk­sam­keit. Im Fokus ste­hen jedoch nicht die Her­aus­for­de­run­gen der Kli­ma­ka­ta­stro­phe, son­dern die Gefah­ren des Anti­se­mi­tis­mus. Grund dafür ist die Ein­la­dung der bri­ti­schen Akti­vis­tin Zamzam Ibra­him, die den Klima-Schwerpunkt mit einem Keynote-Vortrag »über inter­sek­tio­nale Aspekte von Kli­ma­ge­rech­tig­keit« eröff­nen und einen ›Safer-Space‹-Workshop für BIPoC (Schwarze, Indi­gene und Peo­ple of Color) lei­ten soll. 

Der Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­tragte der Stadt Ham­burg, Ste­fan Hen­sel, kri­ti­sierte diese Ein­la­dung in einer Pres­se­mit­tei­lung am Mon­tag scharf: Kamp­na­gel biete »einer aus­ge­wie­se­nen Anti­se­mi­tin […] eine Bühne«, lasse damit die Jüdin­nen und Juden Ham­burgs im Stich und wie­der­hole die Feh­ler der Docu­menta fif­teen. Hen­sels Kri­tik, die sich zudem an den Kul­tur­se­na­tor Cars­ten Brosda rich­tete, des­sen Behörde den drei­tä­gi­gen Kli­ma­schwer­punkt finan­zi­ell unter­stützt, wurde in den Medien schnell und breit rezipiert.

Wo verlaufen die ›roten Linien‹?

Hen­sel for­dert, Ibra­him aus­zu­la­den: Sie unter­stütze die anti­se­mi­ti­sche BDS-Kampagne gegen Israel und rela­ti­viere den Hamas-Terror, schreibt er mit Ver­weis auf Social-Media-Aktivität und öffent­li­che Auf­tritte Ibra­hims. Ame­lie Deufl­hard hin­ge­gen, die Inten­dan­tin von Kamp­na­gel, ver­tei­digt die Ein­la­dung: Man habe Ibra­him ein­ge­la­den, weil sie Kli­ma­schutz und soziale Gerech­tig­keit ver­binde, wird Deufl­hard im Hamburg-Journal zitiert. Außer­dem werde sie am Don­ners­tag nicht über den ›Nah­ost­kon­flikt‹ spre­chen und habe im per­sön­li­chen Gespräch auf Nach­frage bestä­tigt, »dass sie den Anschlag der Hamas [vom 7. Okto­ber 2023] klar verurteilt«. 

Der von Hen­sel eben­falls adres­sierte Kul­tur­se­na­tor Cars­ten Brosda zeigt sich kri­ti­scher: Ibra­him sei »auf­grund ihrer teils anti­se­mi­ti­schen Äuße­run­gen im Zusam­men­hang mit dem Nahost-Konflikt zu Recht auf Kri­tik gesto­ßen«, urteilte er in einer Stel­lung­nahme. Poli­ti­schen Ein­grif­fen in die Pro­gramm­ge­stal­tung von Kul­tur­ein­rich­tun­gen stehe er aller­dings kri­tisch gegen­über; die Absage der Ver­an­stal­tun­gen mit Zamzam Ibra­him wollte er nicht for­dern. Dass er dabei auf die Kunst­frei­heit ver­wies, erstaunt jedoch, schließ­lich ist Ibra­him dezi­diert als Akti­vis­tin ein­ge­la­den, nicht als Künstlerin.

Dass alle Betei­lig­ten an der Debatte ihre anti-antisemitische Hal­tung beto­nen, ver­steht sich. Deufl­hard etwa benennt ihre ›roten Linien‹ in Sachen Anti­se­mi­tis­mus  – »die Abspra­che des Exis­tenz­rech­tes Isra­els, Auf­rufe zu Gewalt oder Hass gegen­über Juden und Jüdin­nen«. Der Streit scheint sich somit mal wie­der um die Frage zu dre­hen, wo genau diese ›roten Linien‹ ver­lau­fen und wann sie erreicht sind: ob etwa die Unter­stüt­zung der BDS-Kampagne oder die Behaup­tung, Israel begehe in Gaza einen Geno­zid, aus­zu­hal­tende poli­ti­sche Posi­tio­nen oder eine nicht zu tole­rie­rende Form des Anti­se­mi­tis­mus darstellen.

Deufl­hard hat – wie auch Kul­tur­se­na­tor Cars­ten Brosda – im Jahr 2020 die Erklä­rung der Initia­tive GG 5.3 Welt­of­fen­heit unter­zeich­net, die im Namen der Viel­falt gegen die BDS-Resolution des Bun­des­tags Stel­lung bezieht: »Unter Beru­fung auf diese Reso­lu­tion wer­den durch miss­bräuch­li­che Ver­wen­dun­gen des Anti­se­mi­tis­mus­vor­wurfs wich­tige Stim­men bei­sei­te­ge­drängt und kri­ti­sche Posi­tio­nen ver­zerrt dar­ge­stellt«, so die Erklärung.

Ist die Debatte also eigent­lich nur eine um unter­schied­li­che Anti­se­mi­tis­mus­de­fi­ni­tio­nen, wie Deufl­hard es auch am Diens­tag Abend im Ham­burg Jour­nal dar­stellte? Ist es schlicht so, dass Ibra­hims Äuße­run­gen gemäß IHRA-Definition anti­se­mi­tisch sind, qua JDA-Definition jedoch nicht, und dass der Bezug auf die umfas­sen­dere IHRA-Antisemitismusdefinition hier eine ›wich­tige Stimme bei­sei­te­drän­gen‹ soll? Um diese Fra­gen zu beant­wor­ten, gilt es, sich die Äuße­run­gen und Posi­tio­nen Zamzam Ibra­hims genauer anzu­schauen, für die sie nun kri­ti­siert wird.

Als Studierendenvertreterin gegen Israel

Zamzam Ibra­him ist eine pro­fi­lierte und gut ver­netzte Kli­ma­ak­ti­vis­tin. Sie hat eine Nachhaltigkeits-NGO gegrün­det, ist Bera­te­rin der UN und besuchte bereits drei UN-Klimakonferenzen, zuletzt die COP28 in Dubai. Aber auch vor ihrem Kli­ma­ak­ti­vis­mus war sie bereits poli­tisch umtrie­big – erst als Prä­si­den­tin der Stu­dents’ Union ihrer Uni­ver­si­tät in Sal­ford, dann als Vor­sit­zende der bri­ti­schen Natio­nal Union of Stu­dents (NUS) und als Vize­prä­si­den­tin der Euro­pean Stu­dents’ Union (ESU). Akti­vis­mus gegen Israel bil­det dabei eine Kon­stante ihres stu­den­ti­schen Engagements.

Als frisch gewählte NUS-Präsidentin ver­sprach sie 2019, Antisemitismus-Trainings für NUS-Funktionär:innen anzu­bie­ten, nach­dem es in den Jah­ren zuvor meh­rere anti­se­mi­ti­sche Vor­fälle1Im Januar 2023 ver­öf­fent­lichte die NUS einen unab­hän­gi­gen Bericht, der den Anti­se­mi­tis­mus in der Stu­die­ren­den­ge­werk­schaft auf­ar­bei­tet. Zamzam Ibra­him wird darin nicht erwähnt. in der Stu­die­ren­den­ge­werk­schaft gege­ben hatte. Der Erfolg die­ser Trai­nings ist aller­dings zwei­fel­haft: Zwei Jahre nach dem Ende von Ibra­hims Amts­zeit, im März 2022, lud die NUS zu ihrer Jah­res­kon­fe­renz den anti­zio­nis­ti­schen und ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Rap­per Low­key ein.2Low­key hatte sich durch Song­texte wie »You say you know about the Zio­nist lobby / But you put money in their pocket when you’re buy­ing their cof­fee« und »It’s about time we glo­ba­li­sed the inti­fada« pro­fi­liert. Auch zum 7. Okto­ber hat er anti­se­mi­ti­sche Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien ver­brei­tet. Auf Kri­tik jüdi­scher Mit­glie­der an die­sem Pro­gramm­punkt reagierte die NUS mit der Auf­for­de­rung, diese soll­ten dann doch ein­fach den Kon­zert­saal ver­las­sen.3Vgl. dazu die­sen Arti­kel der Zei­tung The Jewish Chro­nicle. Als dar­auf­hin For­de­run­gen an Spo­tify laut wur­den, Songs von Low­key mit anti­se­mi­ti­schen Lyrics von der Platt­form zu neh­men, pro­tes­tierte Ibra­him auf Twit­ter gegen diese Unter­drü­ckung ›unse­res [!] paläs­ti­nen­si­schen Akti­vis­mus‹ und drohte mit Boy­kott: »If Spo­tify remove a sin­gle song of his [i.e. Low­key], I swear will make it my full time job to cam­paign for a mass boy­cott. Don’t play with your bag Oga, ya’ll know how BDS has impac­ted companies.«

Mit ›Mas­sen­boy­kott‹ gegen die ›Israel-Lobby‹. Foto: Screen­shot Twitter/Archive.org

Bereits 2021, da war sie Vize­prä­si­den­tin der ESU, kri­ti­sierte die Euro­pean Union of Jewish Stu­dents (EUJS) Ibra­him für ihre Gleich­set­zung Isra­els mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus auf Insta­gram.4In einer Instagram-Story habe sie einen Post geteilt, in dem es heißt: »If you are silent when it comes to Pal­es­tine, you would have been silent at the time of the Holo­caust.« Die Auf­for­de­rung der EUJS, Ibra­him solle sich von ihrem Instagram-Post distan­zie­ren oder ande­ren­falls von ihrem Amt ent­fernt wer­den, ver­hallte jedoch wirkungslos.

Nach dem 7. Oktober

Die Anschläge der Hamas vom 7. Okto­ber scheint Ibra­him nie öffent­lich ver­ur­teilt zu haben. Im Gegen­teil, sie ver­öf­fent­lichte in den Sozia­len Medien meh­rere Posts, die kaum anders denn als Legi­ti­mie­rung des Mas­sa­kers gele­sen wer­den kön­nen. Am 9. Okto­ber, zwei Tage nach dem Mas­sa­ker, schrieb sie auf Twit­ter: »History will remem­ber those that sided with the oppres­sor and igno­red the oppres­sed. Jus­tice lies with God, but the resis­tance is in our hands.« Am 12. Okto­ber pole­mi­sierte sie gegen einen Arti­kel Nao­mie Kleins, der die Legi­ti­mie­rung oder gar Feier des Hamas-Massakers durch viele (ver­meint­lich) Linke kri­ti­siert: »Babe, what did you mean by Radi­cal resis­tance you spoke about for indi­ge­nous com­mu­ni­ties? Or did that never apply to Pal­es­ti­ni­ans?« Über die Opfer des zum ›(radi­ka­len) Wider­stand‹ ver­klär­ten Ter­rors ver­lor Ibra­him kein Wort.

Ibra­hims Twitter-Profil ist seit dem 14. Januar auf ›pri­vat‹ gestellt. Aber auch auf ihrem wei­ter­hin öffent­li­chen Instagram-Profil ist sie aktiv. Am 15. Januar teilte Ibra­him in ihrer Instagram-Story etwa ein Bild mit dem Spruch: »Pal­es­tine has showed the world what resi­li­ence is. Yemen has showed the world what cou­rage is. South Africe has showed the world what jus­tice is.« Was genau mit der »paläs­ti­nen­si­schen Resi­li­enz« gemeint ist, ist hier offen gelas­sen. Mit dem »Mut« des Jemen ist in die­sem Zusam­men­hang aber unmiss­ver­ständ­lich der Ter­ro­ris­mus der vom Iran finan­zier­ten Huthi-Rebellen gemeint.

Gutes Klima mit Islamisten

Der Ein­wand, dass ein­zelne Posts in den sozia­len Medien als Grund­lage für eine Aus­la­dung womög­lich nicht aus­rei­chen, hat durch­aus seine Berech­ti­gung. Im Falle Ibra­hims geht das anti­is­rae­li­sche Enga­ge­ment jedoch weit über sym­bo­li­schen Social-Media-Aktivismus hin­aus. Dabei offen­ba­ren sich vor allem ihre Ver­bin­dun­gen zum poli­ti­schen Islam.

Am 29. Novem­ber etwa war sie ein­ge­la­de­ner Gast bei einer Ver­an­stal­tung der Fri­ends of Al-Aqsa (FOA), einer der Mus­lim­bru­der­schaft zuge­hö­ri­gen, die Hamas unter­stüt­zen­den bri­ti­schen Orga­ni­sa­tion.5Ihr Grün­der Ismail Patel ver­tritt einen poli­ti­schen Islam und ist offe­ner Anhän­ger der Hamas. 2009 ver­kün­dete er auf einer Demons­tra­tion für Gaza: »[W]e salute Hamas for stan­ding up to Israel«. Am 7. Okto­ber pos­tete FOA tri­um­phie­rend das Video eines Bag­gers, der im Rah­men des Hamas-Angriffs auf Israel den Zaun an der Grenze von Gaza zer­stört. Vgl. für eine paläs­ti­na­so­li­da­ri­sche, aber ver­gleichs­weise anti­se­mi­tis­mus­kri­ti­sche Per­spek­tive auf FOA: https://www.workersliberty.org/story/2023–11-22/who-are-friends-al-aqsa. Ibra­hims, vor­sich­tig for­mu­liert, unkri­ti­sche Nähe zum poli­ti­schen Islam äußert sich auch in ihrem Auf­ruf im Februar 2022, für das Forum of Euro­pean Mus­lim Youth and Stu­dent Orga­niza­ti­ons (FEMYSO) zu spen­den, das vom Lan­des­ver­fas­sungs­schutz Baden-Württemberg eben­falls der Mus­lim­bru­der­schaft zuge­rech­net wird.6Im Bericht des Lan­des­ver­fas­sungs­schut­zes Baden-Württemberg von 2022 wird FEMYSO als »Dach­or­ga­ni­sa­tion für die Jugend­ar­beit der Mus­lim­bru­der­schaft« bezeich­net, die »in enger Koope­ra­tion mit den natio­na­len mus­li­mi­schen Studenten- und Jugend­ver­bän­den als brei­ter Nach­wuchs­pool für die euro­päi­sche Mus­lim­bru­der­schaft fungiert«.

Beson­ders schwer wiegt Ibra­hims Auf­tritt in einer anti­is­rae­li­schen Sen­dung von Press TV, dem Aus­lands­sen­der des ira­ni­schen Regimes, am 20. Dezem­ber. Schon der Umstand allein, dass Ibra­him sich von einem Sen­der des anti­se­mi­ti­schen ira­ni­schen Regimes ein­la­den lässt, das auch Umweltaktivist:innen ein­sperrt und fol­tert und das allein in den letz­ten vier Wochen 100 Men­schen hat hin­rich­ten las­sen, ist nicht zu ent­schul­di­gen. Ihr Auf­tritt in der Sen­dung mit dem Titel »Gaza under Attack« ist zudem auch des­halb viel­sa­gend, weil sie darin, eine Woche nach der COP28 in Dubai, expli­zit als Kli­ma­ak­ti­vis­tin auf­tritt und adres­siert wird. 

Zamzam Ibra­him spricht im ira­ni­schen Staats­fern­se­hen über inter­sek­tio­nale Aspekte von Kli­ma­ge­rech­tig­keit. Foto: Screen­shot Press TV.

So fragt der Mode­ra­tor sie etwa nach der »inter­sec­tion­a­lity« der Anti-Israel-Proteste am Rande der COP28. Ibra­him ant­wor­tet: »Cli­mate jus­tice fun­da­men­tally is a glo­bal call for the end of des­truc­tion, dis­pla­ce­ment of peo­ple and land, which of course per­fectly fits into the expe­ri­ence of the Pal­es­ti­nian peo­ple. […] The call for cli­mate jus­tice its­elf is very much inter­sec­tional in its prac­tice, and calls for under­stan­ding that [in] any form of eth­nic cle­an­sing and geno­cide, wether it’s indi­ge­nous com­mu­ni­ties in the Ama­zo­nia forest or it’s the peo­ple of Pal­es­tine, the issues and the sys­tems of oppres­sion that exist there are very much the same.« Auf die Sug­ges­tiv­fra­gen des Mode­ra­tors, etwa danach, ob das Ziel Isra­els es sei, den Gaza­strei­fen »unbe­wohn­bar« zu machen, ant­wor­tet Ibra­him stets zustim­mend: »abso­lut­ely«.

Zweierlei Antisemitismus?

Zamzam Ibra­him ist also, das zei­gen diese Quel­len, eine aus­ge­wie­sene anti­zio­nis­ti­sche Akti­vis­tin, die es selbst beim Thema Kli­ma­ge­rech­tig­keit schafft, in Israel das größte Übel aus­zu­ma­chen. Sie hat zur Unter­stüt­zung der BDS-Kampagne auf­ge­ru­fen und Isra­els Poli­tik mit der Shoah ver­gli­chen, sie hat den anti­se­mi­ti­schen Ter­ror der Hamas und der Huthi legi­ti­miert und sie pflegt enge Ver­bin­dun­gen zu Orga­ni­sa­tio­nen und Ver­tre­tern des poli­ti­schen Islam. Zusam­men­ge­nom­men spre­chen diese Aspekte eine der­art deut­li­che Spra­che, dass selbst die Anti­se­mi­tis­mus­de­fi­ni­tion der – von vie­len Antisemitismusforscher:innen als unzu­rei­chend kri­ti­sier­ten – Jeru­sa­le­mer Erklä­rung hin­reicht, um Ibra­hims Äuße­run­gen und Posi­tio­nen als anti­se­mi­tisch zu erken­nen. Das Zusam­men­tref­fen all die­ser Aspekte unter­schei­det sie auch von ande­ren Ein­ge­la­de­nen im Rah­men des Kli­ma­fes­ti­vals, die in den sozia­len Medien teil­weise ver­gleich­bar anti­se­mi­ti­sche Posi­tio­nen zu Israel ver­tre­ten.7 Da ist zum Bei­spiel June­seo Hwang, der auf Twit­ter ein Pos­ting des rech­ten anti­is­rae­li­schen Akti­vis­ten Jack­son Hinkle geteilt hat, das die inter­na­tio­nale Unter­stüt­zung der von Süd­afrika initi­ier­ten Anklage Isra­els vor dem IGH fei­ert. Hwang ver­bin­det die­sen Tweet mit der For­de­rung, Israel nicht nur für ›Geno­zid‹, son­dern auf­grund der mit dem Krieg ein­her­ge­hen­den Umwelt­zer­stö­rung in Gaza auch für ›Öko­zid‹ anzu­kla­gen. Und da ist Giu­lia Casa­lini, die in einer Instagram-Story einen Post geteilt hat, in dem Gaza als »the world’s lar­gest open-air pri­son and con­cen­tra­tion camp« bezeich­net wird. Dass inter­na­tio­nale Klimaaktivist:innen der­ar­tige anti­is­rae­li­sche Posi­tio­nen ver­tre­ten, ist wenig über­ra­schend. Dass sol­che Posi­tio­nen und Hal­tun­gen auch in Deutsch­land kei­ner­lei öffent­li­che Kri­tik her­vor­ru­fen, wider­legt zudem die ver­brei­tete Erzäh­lung, man könne ange­sichts der Zen­sur durch eine ›pro­is­rae­li­sche Lobby‹ gar keine Kri­tik an Israel üben, ohne mit ›Anti­se­mi­tis­mus­vor­wür­fen‹ über­zo­gen zu wer­den. So wie die aller­meis­ten anti­is­rae­li­schen und ›isra­el­kri­ti­schen‹ Künstler:innen und Aktivist:innen haben Casa­lini und Hwang nichts zu befürchten.

Es stellt sich daher die Frage: Wie kann es sein, dass die­ser Anti­se­mi­tis­mus nicht erkannt wurde und dass dar­aus keine Kon­se­quen­zen gezo­gen wur­den? Schließ­lich wur­den infor­mier­ten Krei­sen zufolge nach dem 7. Okto­ber eigens interne Schu­lun­gen zu Anti­se­mi­tis­mus ange­bo­ten. Und schließ­lich hat Kamp­na­gel im Novem­ber selbst gezeigt, dass es auch anders geht, indem eine Lesung des soeben mit anti­se­mi­ti­schen Äuße­run­gen her­vor­ge­tre­te­nen Fern­seh­phi­lo­so­phen Richard David Precht abge­sagt wurde. Offi­zi­ell geschah die Aus­la­dung bloß, weil am sel­ben Abend der israe­li­sche Sän­ger Asaf Avi­dan im Haus auf­trat und eine »Kon­fron­ta­tion« ver­mie­den wer­den sollte. Die Kampnagel-Sprecherin Siri Keil machte gegen­über t‑online jedoch ein Bemü­hen Prechts »um ein tie­fer­ge­hen­des Ver­ständ­nis der berech­tig­ten Kri­tik und damit ver­bun­de­nen Refle­xion sei­ner Äuße­run­gen« zur Bedin­gung für zukünf­tige Auf­tritte. Warum im Falle Ibra­hims nicht ein­mal der­ar­tige Bedin­gun­gen for­mu­liert wer­den, ist nicht nachvollziehbar.

Antisemitismus als blinder Fleck

Dass ein Umgang mit dem Pro­blem des Anti­se­mi­tis­mus hier gänz­lich aus­blieb, ist auch des­halb beson­ders frap­pie­rend, weil mit dem Ham­bur­ger Schau­spie­ler und Regis­seur Dor Aloni, der in Israel gebo­ren und auf­ge­wach­sen ist, ein Künst­ler im Pro­gramm des Kli­ma­fes­ti­vals auf­tritt, der von Anti­se­mi­tis­mus unmit­tel­bar betrof­fen ist. In sei­ner gemein­sam mit Meera Theu­nert ent­wi­ckel­ten (und bereits an allen drei Aben­den aus­ver­kauf­ten) Per­for­mance Atlan­tis spürt er dem Atlantis-Mythos als »Vor­lage für die Ver­brei­tung faschis­to­ider Welt­er­zäh­lun­gen und Zer­stö­rungs­phan­ta­sien« nach. Auch Anti­se­mi­tis­mus wird in der Per­for­mance the­ma­ti­siert. Die Idee, Aloni über die anti­se­mi­ti­schen Hal­tun­gen der Eröff­nungs­red­ne­rin zu infor­mie­ren und ihn nach sei­ner Per­spek­tive zu fra­gen, scheint aber nie­man­dem gekom­men zu sein – etwas, das auf Kamp­na­gel im Falle von Ras­sis­mus oder Que­er­feind­lich­keit wohl undenk­bar wäre. Es fällt schwer, dar­aus andere Schlüsse zu zie­hen als, wie es der bri­ti­sche Come­dian David Bad­diel prä­gnant for­mu­liert hat: Jews don’t count.

Das Leit­bild von Kamp­na­gel, man wolle ein von »Rück­sicht­nahme und Für­sorge« gepräg­ter Ort des (Ver)Lernens sein, der »soli­da­risch mit mar­gi­na­li­sier­ten, dis­kri­mi­nier­ten und ille­ga­li­sier­ten Künstler:innen, Gäs­ten und Kolleg:innen« ist, wird dadurch kon­ter­ka­riert. Wenn sich Kamp­na­gel in einem State­ment »zur Debatte über die Lage im Nahen Osten« zur Auf­gabe setzt, »kom­plexe und wider­sprüch­li­che Rea­li­tä­ten von Men­schen zu ver­mit­teln«, dann ist das Haus an die­ser Auf­gabe durch die Ein­la­dung Ibra­hims und den unge­nü­gen­den Umgang mit Kri­tik kra­chend geschei­tert. Der ›plu­rale Dis­kurs­raum‹ Kamp­na­gel erweist sich in Hin­blick auf israel­be­zo­ge­nen Anti­se­mi­tis­mus als ziem­lich ein­stim­mig. Non­kon­for­mis­ti­sche jüdi­sche Per­spek­ti­ven wie die von Dor Aloni sind in die­sem Raum offen­bar nicht vorgesehen.

Ob sich daran noch ein­mal etwas ändern wird, muss bezwei­felt wer­den. Denn von Lern­fä­hig­keit und Pro­blem­be­wusst­sein ist in einem State­ment Ame­lie Deufl­hards gegen­über dem NDR gelinde gesagt wenig zu mer­ken. »Es muss«, warnt sie, »auch in Deutsch­land mög­lich sein, die Regie­rungs­po­li­tik von Israel zu kri­ti­sie­ren. Wenn das nicht mehr mög­lich ist, wäre nicht nur die Kunst­frei­heit, son­dern auch die Mei­nungs­frei­heit ver­lo­ren.« Deufl­hard sug­ge­riert hier zum einen, es gehe Zamzam Ibra­him um eine ›Kri­tik der Regie­rungs­po­li­tik von Israel‹, und impli­ziert zum ande­ren ebenso wahr­heits­wid­rig, in Deutsch­land drohe die Ver­un­mög­li­chung die­ser Kri­tik und damit das Ende von Kunst- und Mei­nungs­frei­heit. Damit aber malt sie ein der­art ver­zerr­tes Bild des öffent­li­chen Dis­kur­ses, dass sich die Frage stellt, zu wel­chem Grad es sich in die­ser Hin­sicht von jenem Ibra­hims unterscheidet.

Was tun?

Ste­fan Hen­sels Pres­se­mit­tei­lung zu den Hin­ter­grün­den der Ein­la­dung Zamzam Ibra­hims hat starke öffent­li­che Reak­tio­nen her­vor­ge­ru­fen. Vor allem Jüdin­nen und Juden äußer­ten ihre Bestür­zung und ihr Unver­ständ­nis ange­sichts der Ent­schei­dung Kamp­na­gels, an der Ein­la­dung fest­zu­hal­ten. Das Junge Forum der DIG Ham­burg und der DIG-Vorsitzende Vol­ker Beck rufen inzwi­schen für Don­ners­tag zu einer Kund­ge­bung vor Kamp­na­gel auf.

Weit­ge­hend still ist es bis­her hin­ge­gen aus der Kli­ma­be­we­gung geblie­ben. In der Ver­gan­gen­heit kam es hier, ins­be­son­dere ange­sichts anti­se­mi­ti­scher Ten­den­zen in der welt­wei­ten Kli­ma­be­we­gung, auch immer wie­der zu Soli­da­ri­täts­er­klä­run­gen mit Jüdin­nen und Juden und Bekennt­nis­sen gegen Anti­se­mi­tis­mus und Isra­el­feind­schaft, etwa von Fri­days for Future (FFF) Ham­burg. Nicht so im aktu­el­len Fall. Eine Anfrage von Untie­fen an FFF Ham­burg blieb ebenso unbe­ant­wor­tet wie eine Anfrage an Quang Paasch, ehe­ma­li­ger Spre­cher von FFF Deutsch­land, der am Sams­tag zusam­men mit Zamzam Ibra­him den inter­sek­tio­na­len BIPoC-Workshop lei­ten soll.

Es ist wich­tig, dass Jüdin­nen und Juden in der aktu­el­len Situa­tion kon­krete sicht- und hör­bare Soli­da­ri­tät erfah­ren. Und es gilt, den ver­brei­te­ten Ver­su­chen der Selbst­vik­ti­mi­sie­rung anti­is­rae­li­scher Stim­men ent­ge­gen­zu­tre­ten, mit denen die Gewalt anti­se­mi­ti­scher (Sprech-)Handlungen geleug­net und die Rolle von Tätern und Opfern ver­tauscht wird. Gleich­zei­tig müs­sen res­sen­ti­ment­be­la­dene Reflexe und Instru­men­ta­li­sie­rungs­ver­su­che der aktu­el­len Situa­tion aber auch als sol­che benannt wer­den. Blickt man auf die Kom­men­tare in den sozia­len Medien, drängt sich der Ein­druck auf, dass man­che sich weni­ger aus Empö­rung über den Anti­se­mi­tis­mus spei­sen (der bei einem baye­ri­schen Rechts­kon­ser­va­ti­ven wie Hubert Aiwan­ger viel eher ent­schul­digt wird) als aus der Freude über die Gele­gen­heit, einer jun­gen schwar­zen Mus­lima die Pest an den Hals zu wün­schen. Wenn die Welt den Unter­neh­mer Daniel Shef­fer mit der Behaup­tung zitiert, Ibra­him stehe »auf so fast jeder Liste der gefähr­lichs­ten Anti­se­mi­ten in Europa«, ist das außer­dem nicht nur über­zo­gen, son­dern schlicht unse­riös – wo, bit­te­schön, soll es sol­che Lis­ten geben? Die Häme schließ­lich, mit der den Ver­ant­wort­li­chen auf Kamp­na­gel nun bis­wei­len »Schämt euch!« zuge­ru­fen wird, hat auch des­halb einen faden Bei­geschmack, weil hier eine Insti­tu­tion im Fokus steht, die – unge­ach­tet aller Kri­tik – als Ort quee­rer und (post-)migrantischer Kul­tur in Ham­burg ein­ma­lig ist.

Fest steht: Zamzam Ibra­him muss zwin­gend aus­ge­la­den wer­den. Aber statt pol­tern­der Rhe­to­rik und res­sen­ti­ment­ge­la­de­ner Empö­rung dar­über, was da mit ›unse­ren Steu­er­gel­dern‹ gemacht wird, bedarf es einer grund­le­gen­den Aus­ein­an­der­set­zung mit den Struk­tu­ren, die zu der aktu­el­len Situa­tion geführt haben. In die­ser Hin­sicht ist Ame­lie Deufl­hard sogar recht­zu­ge­ben: Es braucht Dis­kurs­räume für Aus­tausch und Aus­ein­an­der­set­zung. Der erste Schritt dahin wäre frei­lich, zu die­ser Aus­ein­an­der­set­zung keine Antisemit:innen ein­zu­la­den. Damit sich Jüdin­nen und Juden angst­frei in die­sen Dis­kurs­räu­men bewe­gen kön­nen; und damit in ihnen Platz für den Aus­tausch über die drän­gen­den gesell­schaft­li­chen Pro­bleme ist: über die Kli­ma­ka­ta­stro­phe, glo­bale Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse und Ras­sis­mus – und vor allem über den Anti­se­mi­tis­mus, der im Kul­tur­be­trieb wie im Rest der Gesell­schaft einen fes­ten Platz hat.

Lukas Betz­ler

Der Autor hatte bereits län­ger zu Hal­tun­gen zum Anti­se­mi­tis­mus im Ham­bur­ger Kul­tur­be­trieb recher­chiert. Die Dis­kus­sion um die Ein­la­dung Zamzam Ibra­hims hat der Recher­che eine uner­war­tete Bri­sanz und Tages­ak­tua­li­tät gege­ben – und den eigent­li­chen Arti­kel­plan völ­lig über den Hau­fen geworfen.

  • 1
    Im Januar 2023 ver­öf­fent­lichte die NUS einen unab­hän­gi­gen Bericht, der den Anti­se­mi­tis­mus in der Stu­die­ren­den­ge­werk­schaft auf­ar­bei­tet. Zamzam Ibra­him wird darin nicht erwähnt.
  • 2
    Low­key hatte sich durch Song­texte wie »You say you know about the Zio­nist lobby / But you put money in their pocket when you’re buy­ing their cof­fee« und »It’s about time we glo­ba­li­sed the inti­fada« pro­fi­liert. Auch zum 7. Okto­ber hat er anti­se­mi­ti­sche Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien ver­brei­tet.
  • 3
    Vgl. dazu die­sen Arti­kel der Zei­tung The Jewish Chronicle.
  • 4
    In einer Instagram-Story habe sie einen Post geteilt, in dem es heißt: »If you are silent when it comes to Pal­es­tine, you would have been silent at the time of the Holocaust.«
  • 5
    Ihr Grün­der Ismail Patel ver­tritt einen poli­ti­schen Islam und ist offe­ner Anhän­ger der Hamas. 2009 ver­kün­dete er auf einer Demons­tra­tion für Gaza: »[W]e salute Hamas for stan­ding up to Israel«. Am 7. Okto­ber pos­tete FOA tri­um­phie­rend das Video eines Bag­gers, der im Rah­men des Hamas-Angriffs auf Israel den Zaun an der Grenze von Gaza zer­stört. Vgl. für eine paläs­ti­na­so­li­da­ri­sche, aber ver­gleichs­weise anti­se­mi­tis­mus­kri­ti­sche Per­spek­tive auf FOA: https://www.workersliberty.org/story/2023–11-22/who-are-friends-al-aqsa.
  • 6
    Im Bericht des Lan­des­ver­fas­sungs­schut­zes Baden-Württemberg von 2022 wird FEMYSO als »Dach­or­ga­ni­sa­tion für die Jugend­ar­beit der Mus­lim­bru­der­schaft« bezeich­net, die »in enger Koope­ra­tion mit den natio­na­len mus­li­mi­schen Studenten- und Jugend­ver­bän­den als brei­ter Nach­wuchs­pool für die euro­päi­sche Mus­lim­bru­der­schaft fungiert«.
  • 7
    Da ist zum Bei­spiel June­seo Hwang, der auf Twit­ter ein Pos­ting des rech­ten anti­is­rae­li­schen Akti­vis­ten Jack­son Hinkle geteilt hat, das die inter­na­tio­nale Unter­stüt­zung der von Süd­afrika initi­ier­ten Anklage Isra­els vor dem IGH fei­ert. Hwang ver­bin­det die­sen Tweet mit der For­de­rung, Israel nicht nur für ›Geno­zid‹, son­dern auf­grund der mit dem Krieg ein­her­ge­hen­den Umwelt­zer­stö­rung in Gaza auch für ›Öko­zid‹ anzu­kla­gen. Und da ist Giu­lia Casa­lini, die in einer Instagram-Story einen Post geteilt hat, in dem Gaza als »the world’s lar­gest open-air pri­son and con­cen­tra­tion camp« bezeich­net wird. Dass inter­na­tio­nale Klimaaktivist:innen der­ar­tige anti­is­rae­li­sche Posi­tio­nen ver­tre­ten, ist wenig über­ra­schend. Dass sol­che Posi­tio­nen und Hal­tun­gen auch in Deutsch­land kei­ner­lei öffent­li­che Kri­tik her­vor­ru­fen, wider­legt zudem die ver­brei­tete Erzäh­lung, man könne ange­sichts der Zen­sur durch eine ›pro­is­rae­li­sche Lobby‹ gar keine Kri­tik an Israel üben, ohne mit ›Anti­se­mi­tis­mus­vor­wür­fen‹ über­zo­gen zu wer­den. So wie die aller­meis­ten anti­is­rae­li­schen und ›isra­el­kri­ti­schen‹ Künstler:innen und Aktivist:innen haben Casa­lini und Hwang nichts zu befürchten.

»Über 1000 Fälle«

»Über 1000 Fälle«

Am 19.01. eröff­nete im Ham­bur­ger Rat­haus eine Son­der­aus­stel­lung über »Rechte Gewalt in Ham­burg von 1945 bis heute«. Unter den Macher:innen sind auch Betrof­fene und Ange­hö­rige von Opfern rech­ter Gewalt. Die Aus­stel­lung bie­tet einen sehr guten Ein­stieg in die lokale Geschichte rechts­extre­mer Gewalt, ringt aber mit eini­gen Schwierigkeiten.

Aus­schnitt des Ausstellungs-Plakats. Bild: Stif­tung Ham­bur­ger Gedenk­stät­ten und Lernorte

Im gro­ßen Fest­saal des Rat­hau­ses wurde ges­tern, am 19.01.2024, die neue Son­der­aus­stel­lung »Rechte Gewalt in Ham­burg von 1945 bis heute« eröff­net. Wie schon seit über 20 Jah­ren prä­sen­tiert die Bür­ger­schaft wie­der anläss­lich des Gedenk­ta­ges für die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus am 27. Januar eine neue tem­po­räre his­to­ri­sche Aus­stel­lung. Unge­wöhn­lich ist die­ses Mal die große Aktua­li­tät. Denn die neue Aus­stel­lung beleuch­tet rechte Gewalt nach dem Zwei­ten Welt­krieg – bis heute. Ver­ant­wor­tet wird sie dabei wie immer von der KZ-Gedenkstätte Neu­en­gamme.
Die Aus­stel­lung eröff­net mit den per­sön­li­chen Geschich­ten von fünf Todes­op­fern rech­ter Gewalt in  Hamburg:

Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân (1980; Nazi-Brandanschlag auf Flücht­lings­un­ter­kunft in der Hals­ke­straße), Meh­met Kay­makçı (1985; erschla­gen von Skin­heads im Kiwitts­moor­park), Rama­zan Avcı (1985; erschla­gen von Skin­heads an der S‑Bahn-Station »Land­wehr«) und Süley­man Taş­köprü (2001; erschos­sen in der Schüt­zen­straße von Ter­ro­ris­ten des »NSU«).

Auch das letzte Wort haben die Betrof­fe­nen. In einer Video­sta­tion wer­den Aus­schnitte aus Inter­views mit Über­le­ben­den rech­ter Gewalt und Ange­hö­ri­gen von Opfern gezeigt, die unter ande­rem von dem jahr­zehn­te­lan­gen Des­in­ter­esse von Staat und Gesell­schaft und sogar Geden­kinitia­ti­ven an ihren Erfah­run­gen und Per­spek­ti­ven berich­ten.
Aber nicht nur in der Aus­stel­lung kom­men die Betrof­fe­nen zu Wort, auch in der Ent­ste­hung waren sie betei­ligt. Im Gespräch mit Untie­fen sagt Lenn­art Onken (KZ-Gedenkstätte Neu­en­gamme), einer der Kurator:innen: »Ins­be­son­dere für die ers­ten fünf Tafeln haben wir eng mit Initia­ti­ven und Ange­hö­ri­gen zusam­men­ge­ar­bei­tet, haben Texte und Bild­aus­wahl inten­siv bespro­chen. Das war ein sehr span­nen­der Pro­zess, bei dem auch wir sehr viel gelernt haben.«

İbrahim Ars­lan: »Ich führe das zurück auf unse­ren Wider­stand und unsere Kämpfe«

Einer der Mit­ge­stal­ter, der Akti­vist İbrahim Ars­lan (Über­le­ben­der des ras­sis­ti­schen Brand­an­schlags 1992 in Mölln) betont gegen­über Untie­fen: »Wir haben die gesamte Aus­stel­lung gemein­sam kon­zi­piert, haben die Ver­net­zung der Betrof­fe­nen und das Empower­ment gemacht und unsere Exper­tise ein­ge­bracht.« Er fin­det die Aus­stel­lung gelun­gen, denn: »Die Betrof­fe­nen sind zufrie­den. Ihre Wün­sche und Bedürf­nisse ste­hen im Vor­der­grund. Das ist rela­tiv neu, dass Antifaschist:innen und Anti­ras und Insti­tu­tio­nen uns ein­be­zie­hen. Ich führe das zurück auf unse­ren Wider­stand und unsere Kämpfe. Wir machen her­vor­ra­gende Arbeit und lang­sam wer­den unsere Inter­ven­tio­nen auch staat­lich anerkannt.«

Die Aus­stel­lung prä­sen­tiert auf über drei­ßig Tafeln die jeweils wich­tigs­ten und prä­gnan­tes­ten Fälle rech­ter Gewalt für die Nach­kriegs­jahr­zehnte, aber auch Wider­stands­be­we­gun­gen fin­den Erwäh­nung. So bie­tet sie einen sehr guten Über­blick über die Wel­len rech­ter Gewalt – und eig­net sich gut auch für jün­gere Antifaschist:innen, die viel­leicht das Gefühl haben, diese Geschichte Ham­burgs bis­lang nur bruch­stück­haft zu ken­nen. Aber auch für schon län­ger Inter­es­sierte gibt es neue Abgründe und bis­lang unbe­kannte Opfer zu ent­de­cken, selbst für den His­to­ri­ker Onken von der KZ-Gedenkstätte: »Beson­ders krass finde ich den Fall des Zei­tungs­bo­ten Rudi M., der 1988 in Eims­büt­tel von einem Skin­head ersto­chen wurde, weil er ihm angeb­lich homo­se­xu­elle Avan­cen gemacht hat. Ich hatte noch nie vor­her von Rudi M. gehört. Sein Fall ist total unbekannt.«

Nicht viel bekann­ter dürfte das Schick­sal des thai­län­di­schen Inge­nieurs Pray­ong Rung­jangs sein, der 1977 an den Fol­gen eines Neonazi-Übergriffs in der Tal­straße starb. Hier hält ledig­lich sein Sohn, der Video- und Objekt­künst­ler Arin Rung­jang, die Erin­ne­rung wach.

Der Gedenk­stein für Süley­man Tas­köprü in der Schüt­zen­straße in Bah­ren­feld. Foto: Kati Jurischka, Stif­tung Ham­bur­ger Gedenk­stät­ten und Lernorte

Was tun mit den Tätern?

Auch auf der Täter:innenseite lie­fert die Aus­stel­lung einen Über­blick über die Orga­ni­sa­tio­nen  und zen­tra­len Per­so­nen. Nazi-Haufen wie die »Ham­bur­ger Bru­der­schaft«, »Akti­ons­front Natio­na­ler Sozia­lis­ten«, die »Wehrwolf-Gruppe«, die »Deut­schen Akti­ons­grup­pen« und natür­lich der »NSU« wer­den vor­ge­stellt. Dabei ver­zich­ten die Kurator:innen auf per­sön­li­che Anek­do­ten und letzt­lich auch auf The­sen dazu, warum bestimmte Milieus und Per­so­nen ers­tens für rechts­extreme Ideo­lo­gie emp­fäng­lich sind und zwei­tens den Schritt zur Gewalt gehen. Ledig­lich für die unmit­tel­bare Gegen­wart ver­weist die Aus­stel­lung dar­auf, dass die Zustim­mungs­werte der AfD mit Beginn des Krie­ges gegen die Ukraine und der zuneh­men­den Infla­tion gestie­gen seien. Die theo­re­ti­sche Zurück­hal­tung ist vor dem Hin­ter­grund der Fokus­sie­rung auf die Opfer und aus Platz­grün­den zwar ver­ständ­lich, erschwert es aber, Schluss­fol­ge­run­gen für die Gegen­wart zu zie­hen. Das Video-Interview am Ende der Aus­stel­lung schließt mit Wor­ten Thời Trọng Ngũs, Über­le­ben­der des Anschlags in der Hals­ke­straße von 1980 und Akti­ver der »Initia­tive für ein Geden­ken an Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân«: »Wie kann man wei­tere Taten ver­mei­den? Das ist die Frage.« Die Aus­stel­lung ant­wor­tet auf ihren letz­ten Tafeln: durch anti­fa­schis­ti­schen und migran­ti­schen Wider­stand sowie durch brei­tes gesell­schaft­li­ches Enga­ge­ment und staat­li­che Maß­nah­men gegen Rechts. Das ist natür­lich uner­läss­lich. Aber bleibt der anti­fa­schis­ti­sche Wider­stand nicht im Modus des ewi­gen Reagie­rens, wenn er über kein Kon­zept der gesell­schaft­li­chen Hin­ter­gründe rech­ter Gewalt ver­fügt? Wenn er nicht nach der psy­chi­schen und öko­no­mi­schen Funk­tio­na­li­tät von Res­sen­ti­ment und Gewalt fragt?

İbrahim Ars­lan hebt im Gespräch auch hier die Bedeu­tung der Betrof­fe­nen­fo­kus­sie­rung her­vor: »Migran­tisch situ­ier­tes Wis­sen hat schon in den 1980ern ras­sis­tisch moti­vierte Taten vor­her­ge­sagt.« Sei­ner Wahr­neh­mung nach konnte man sich auch bei die­ser Aus­stel­lung nicht von »einer gewis­sen Täter­fo­kus­sie­rung« befreien. Das Inter­esse an den Täter:innen und den Tat­hin­ter­grün­den sei zwar ver­ständ­lich, grade jetzt ange­sichts der ans Licht gekom­me­nen Deportations-Pläne im Umfeld der AfD. Aber das führe eben immer wie­der zu der Vor­stel­lung, man habe es nun mit etwas Neuem zu tun. Statt­des­sen sei klar: »Die AfD wird von Neo­na­zis getra­gen. Diese Pläne gibt es schon seit der Grün­dung der AfD.« Und würde man Betrof­fe­nen zuhö­ren, so Ars­lan wei­ter, wüsste man, dass sie auch dar­auf schon lange hinweisen.

Was ist »rechte Gewalt«?

Eine kon­zep­tu­elle Unklar­heit der Aus­stel­lung ist der­weil deut­lich spür­bar. »Rechts­extre­mes Den­ken« wird zunächst breit gefasst, im Sinne einer all­ge­mei­nen, grup­pen­be­zo­ge­nen Men­schen­feind­lich­keit: »Grund­le­gend ist die Auf­fas­sung von einer gene­rel­len Ungleich­wer­tig­keit der Men­schen.« Laut Lenn­art Onken hat das Aus­stel­lungs­team in die­ser Per­spek­tive allein durch eigene Recher­chen eine Liste von 500 doku­men­tier­ten Fäl­len zusam­men­ge­stellt, die von Belei­di­gun­gen bis zum Mord rei­chen. Ein par­al­lel lau­fen­des For­schungs­pro­jekt der For­schungs­stelle für Zeit­ge­schichte Ham­burg (FZH), der KZ-Gedenkstätte sowie der Lan­des­zen­trale für poli­ti­sche Bil­dung unter dem Titel »HAMREA – Ham­burg rechts­au­ßen« hat laut Onken für Ham­burg und das Umland seit 1945 schon »über 1000 Fälle« zusam­men­ge­tra­gen – mit einer ver­mut­lich deut­lich höhe­ren Dun­kel­zif­fer. Die Ergeb­nisse die­ses For­schungs­pro­jekts wer­den fort­lau­fend sehr anschau­lich auf der neuen Web­site ver­öf­fent­licht: https://rechtegewalt-hamburg.de/
Selbst­ver­ständ­lich kön­nen aber 1000 oder auch nur 500 Fälle nicht in einer Aus­stel­lung prä­sen­tiert wer­den. Ange­sichts der Fülle rech­ter Taten fokus­sie­ren die Kurator:innen not­wen­dig auf bestimmte Opfer- und Täter­grup­pen. Laut Onken haben die Kurator:innen ver­sucht, für jedes Nach­kriegs­jahr­zehnt die zen­tra­len Fälle dar­zu­stel­len: »Wir haben uns gefragt: Was ist jeweils das bestim­mende Thema, das bestim­mende Feind­bild der extre­men Rech­ten gewe­sen?« Nur die sie­ben doku­men­tier­ten Todes­op­fer rech­ter Gewalt wur­den ohne sol­che Gewich­tung auf­ge­nom­men. Dar­un­ter ist auch der Fall des Bau­in­ge­nieurs Neşet Danış, der 1977 in Nor­der­stedt bei einem Über­fall von tür­ki­schen Rech­ten aus dem Umfeld der »Grauen Wölfe« lebens­ge­fähr­lich ver­letzt wurde und spä­ter sei­nen Ver­let­zun­gen erlag. Das wirft die Frage auf: Zäh­len sol­che nicht-deutschen extre­mis­ti­schen Gewalt­ta­ten zu »rech­ter Gewalt«? Und wie ist es mit isla­mis­ti­scher oder isra­el­feind­li­cher Gewalt, die ja auch anti­se­mi­tisch moti­viert ist? In der Aus­stel­lung tau­chen etwa von den spä­ten 1970ern bis in die 2020er keine anti­se­mi­ti­schen Gewalt­ta­ten auf.

Onken erläu­tert den Umgang des Kurator:innen-Teams so: »Wir haben recht früh gesagt, dass wir uns auf die bio­deut­sche extrem rechte Szene fokus­sie­ren.« Und für die wäre der Anti­se­mi­tis­mus zwar in den Nach­kriegs­jah­ren sehr wich­tig gewe­sen, in den 1980ern habe sich das Feind­bild aller­dings deut­lich auf Migrant:innen ver­la­gert. »Beim Anti­se­mi­tis­mus kommt noch hinzu, dass es kein Allein­stel­lungs­merk­mal der extre­men Rech­ten ist, son­dern da unter­schied­li­che Gruppe zur Tat schrei­ten.« Bei der Fokus­sie­rung habe auch die Sorge eine Rolle gespielt, sich durch wei­tere The­men in Dis­kus­sio­nen zu ver­stri­cken, die von der Kon­ti­nui­tät deut­scher extrem rech­ter Gewalt ablen­ken könn­ten. Onken ergänzt aller­dings: »Grade im Nach­gang des 7. Okto­ber 2023 ist frag­lich, ob das so auch in Zukunft wei­ter klug und mach­bar ist. Mit Blick auf den Isla­mis­mus würde es aus mei­ner Sicht Sinn machen, die extreme Rechte und den Isla­mis­mus enger zusam­men zu den­ken. Denn beide tei­len die Moder­ni­täts­feind­schaft und den viru­len­ten Antisemitismus.«

Die Fokus­sie­rung schafft es aber, zumin­dest für die deut­sche extrem rechte Gewalt, einen guten Über­blick über Opfer, Täter und Kon­ti­nui­tä­ten zu geben. Viel­leicht kann sie den Wunsch der Mehr­heits­ge­sell­schaft unter­lau­fen, in den kom­men­den rech­ten Mobi­li­sie­run­gen und den staat­li­chen Reak­tio­nen wie­der eigent­lich doch längst Über­wun­de­nes, Ewig­gest­ri­ges aus einer ganz ande­ren Zeit zu sehen. Gülü­stan Avcı, die Witwe des 1983 ermor­de­ten Rama­zan Avcı, beklagte bei der Eröff­nung der Aus­stel­lung am Frei­tag unter ande­rem, dass in Ham­burg bis heute kein Unter­su­chungs­aus­schuss zum Mord des „NSU“ an Süley­man Taş­köprü ein­ge­rich­tet wurde. Auch das kann man im Gedächt­nis behal­ten, wenn man die­ser Tage mit der »Mitte« und den regie­ren­den Par­teien gegen Rechts demonstriert.

Felix Jacob


Die Aus­stel­lung »Rechte Gewalt in Ham­burg von 1945 bis heute« ist vom 19.01.2024 bis zum 18.02.2024 kos­ten­los in der Rat­haus­diele zu sehen. Öffnungszeiten:

Mon­tag bis Frei­tag 7.00 –19.00 Uhr
Sams­tag 10.00 –18.00 Uhr
Sonn­tag 10.00 –17.00 Uhr

Die Web­site des For­schungs­pro­jek­tes »Ham­burg rechts­au­ßen. Rechts­extreme Gewalt- und Akti­ons­for­men in, mit und gegen die städ­ti­sche Gesell­schaft« ist unter https://rechtegewalt-hamburg.de/ zu erreichen.

Veranstaltung: Weltbilder der Kunst – Widerstand

Veranstaltung: Weltbilder der Kunst – Widerstand

Eine Ver­an­stal­tungs­reihe der Innen­re­vi­sion Kul­tur­be­trieb fragt nach anti­se­mi­ti­schen Welt­bil­dern in gegen­wär­ti­gen Kunst­dis­kur­sen. Die dritte und letzte Ver­an­stal­tung fin­det am 30.11.2023, 19.30 Uhr in der Fabri­que (Gän­ge­vier­tel) statt.

Nach­dem im Sep­tem­ber 2022 zwei Ver­tre­ter des indo­ne­si­schen Documenta-Kuratorenkollektivs Ruan­grupa eine Gast­pro­fes­sur an der Ham­bur­ger HfbK antra­ten, ist die Aus­ein­an­der­set­zung über die von Ruan­grupa ver­ant­wor­tete anti­se­mi­ti­sche Kunst­schau auch zu einem Streit in Ham­burg gewor­den. Zwar gab es ver­dienst­volle, aber ver­ein­zelte Pro­teste, zurück­hal­tende Ermah­nun­gen aus der Lan­des­po­li­tik sowie einige wenig ergie­bige Inter­views und Ver­an­stal­tun­gen mit den Ruangrupa-Leuten. Ins­ge­samt aber ist von Betrof­fen­heit oder gar (Selbst-)Kritik inner­halb des Ham­bur­ger Kunst- und Kul­tur­be­triebs wenig zu ver­neh­men. Der HfbK-Präseident Köt­te­ring lügt die von ihm initi­ierte Gast­pro­fes­sur rück­bli­ckend zum Aus­lö­ser wich­ti­ger »Lern­pro­zesse« um, gar zum Beginn eines »Dia­logs«: »Zum ande­ren ist durch die bei­den DAAD-Gastprofessoren das Thema Anti­se­mi­tis­mus im Kunst­feld nach Ham­burg getra­gen wor­den, wor­auf wir mit vie­len Ver­an­stal­tun­gen reagiert haben, vor allem mit dem Sym­po­sium. Damit ist es uns seit der docu­menta erst­ma­lig gelun­gen, sehr diver­gente Posi­tio­nen zusam­men und in einen Dia­log zu brin­gen«. Auf die Frage, ob er die Ein­la­dung wie­der aus­spre­chen würde, ant­wor­tete er ent­spre­chend: »Das kann ich wirk­lich mit aller Deut­lich­keit und sehr klar sagen: Ja, unbe­dingt! Denn es ist die Auf­gabe und Pflicht von wis­sen­schaft­li­chen Insti­tu­tio­nen, sich die­sen kom­ple­xen und schwie­ri­gen Dis­kur­sen zu stel­len, um Lern­pro­zesse ent­ste­hen zu las­sen.« Anti­se­mi­tis­mus geht in der Kunst­welt also wei­ter­hin in Ord­nung, so lange man dabei das Gefühl hat, mit irgend­wem im Dia­log zu sein. Woher kommt diese Uner­schüt­ter­lich­keit – auch und gerade jen­seits des offen­sicht­lich unver­bes­ser­li­chen Ruangrupa-Kollektivs?

Um dem auf den Grund zu gehen hat sich in Ham­burg eine „Innen­re­vi­sion Kul­tur­be­trieb“ gegrün­det. In ihr haben sich in Kunst und Kul­tur Tätige zusam­men­ge­schlos­sen, die mit einer Ver­an­stal­tungs­reihe in das beredte Ham­bur­ger Schwei­gen inter­ve­nie­ren wol­len. Die Reihe unter­sucht anhand dreier für den gegen­wär­ti­gen Kunst­be­trieb zen­tra­ler Begriffe – Kol­lek­ti­vi­tät, Wider­stand und Soli­da­ri­tät – über wel­che Ein­falls­tore sich anti­se­mi­ti­sche Welt­bil­der im Kunst­dis­kurs immer wie­der ver­brei­ten können.

Die Reihe wird am 30.11. mit einer Ver­an­stal­tung zu „Wider­stand“ fort­ge­setzt: 19.30 Uhr in der Fabri­que im Gän­ge­vier­tel, Valen­tins­kamp 34a.

Die Redak­tion Untie­fen unter­stützt diese Inter­ven­tion (wie auch der Bag­rut e.V., die Untüch­ti­gen sowie der Textem-Verlag) und doku­men­tiert im Fol­gen­den den Ankün­di­gungs­text der Veranstaltung.


Die femi­nis­ti­sche Revo­lu­tion im Iran oder der ukrai­ni­sche Wider­stand gegen den rus­si­schen Angriffs­krieg. Wider­stand wird mit eman­zi­pa­to­ri­sche Bewe­gun­gen, die für Gerech­tig­keit und Frei­heit und gegen auto­ri­täre oder tota­li­täre Macht­struk­tu­ren kämp­fen, asso­zi­iert. Gleich­zei­tig schaf­fen Wider­stands­be­we­gun­gen auch klare Feind­bil­der, die von inne­ren Wider­sprü­chen ent­las­teDer femi­nis­ti­sche Auf­stand im Iran oder der ukrai­ni­sche Wider­stand gegen den rus­si­schen Angriffs­krieg – Wider­stand wird mit eman­zi­pa­to­ri­schen Bewe­gun­gen asso­zi­iert, die für Frei­heit, Gerech­tig­keit und gegen auto­ri­täre oder tota­li­täre Macht­struk­tu­ren kämp­fen. Gleich­zei­tig schaf­fen Wider­stands­be­we­gun­gen auch klare Feind­bil­der, die von inne­ren Wider­sprü­chen ent­las­ten. Aus einem gerech­ten Anlie­gen kann sich ein manich­äi­sches Welt­bild ent­wi­ckeln: Die Kom­ple­xi­tät der Welt wird in Gut und Böse überführt.

Viele Arbei­ten der Docu­menta 15 nah­men auf kon­krete Wider­stands­be­we­gun­gen Bezug. Auch für die­je­ni­gen, die anti­se­mi­ti­sche Welt­bil­der repro­du­zier­ten, war Wider­stand das zen­trale Motiv. Tat­säch­lich wurde schon der Begriff des Anti­se­mi­tis­mus als Selbst­be­zeich­nung einer Wider­stands­be­we­gung erfun­den. Sie rich­tete sich gegen die ver­meint­li­che Macht und kul­tu­relle Über­nahme Deutsch­lands durch „die Juden“. Anti­se­mi­ti­sche Pogrome wur­den von den Natio­nal­so­zia­lis­ten als eine Form von Wider­stand dargestellt.

Aktu­ell wird die Ter­ror­ak­tion der Hamas gegen Israel am 7. Okto­ber 2023, der größte Mas­sen­mord an Jüdin­nen und Juden seit der Shoah, als Wider­stand für eine gerechte Sache ver­klärt. Das ist nicht nur im Inter­net und auf Stra­ßen­pro­tes­ten über­all auf der Welt zu beob­ach­ten, son­dern auch in Ham­burg. Zahl­rei­che renom­mierte Künst­le­rin­nen und Künst­ler sehen sich an der Seite die­ses ver­meint­li­chen Frei­heits­kamp­fes. Ihre Reak­tio­nen rei­chen von sub­ti­ler Rela­ti­vie­rung bis zur offe­nen Glo­ri­fi­zie­rung des Ter­rors. Auch dar­über wol­len wir im letz­ten Teil unse­rer Ver­an­stal­tungs­reihe reden.

Drit­ter Teil: Wider­stand
30. Novem­ber 2023 – 19:30 Uhr
Fabri­que (Gän­ge­vier­tel)

Es dis­ku­tie­ren:

- Kateryna Mish­chenko (Essay­is­tin, Über­set­ze­rin und Ver­le­ge­rin aus Kiew, ist zur­zeit Fel­low am Wis­sen­schafts­kol­leg zu Berlin), 

- Havîn Al-Sîndy (Künst­le­rin, lehrt an der HBK Braun­schweig) und

- Leon Kahane (Künst­ler, Forum-DCCA)

Eine Ver­an­stal­tung von: FORUM DEMOCRATIC CULTURE CONTEMPORARY ART & Innen­re­vi­sion Kul­tur­be­trieb
Geför­dert von: Bun­des­zen­trale für poli­ti­sche Bil­dung
Unter­stützt von: bag­rut e.V. & Die Untüch­ti­gen & Stadt­ma­ga­zin Untie­fen & Tex­tem Verlag


»Die Gewalt muss endlich gesellschaftlich benannt und moralisch verurteilt werden«

»Die Gewalt muss endlich gesellschaftlich benannt und moralisch verurteilt werden«

Allein 2023 gab es in Ham­burg min­des­tens elf Femi­ni­zide. Offi­zi­elle Sta­tis­ti­ken über diese Morde an Frauen oder weib­lich gele­se­nen Per­so­nen gibt es aller­dings nicht. Für eine öffent­li­che Reak­tion sorgt das Anti-Feminizid-Netzwerk Ham­burg, das für jede die­ser Gewalt­ta­ten eine Kund­ge­bung abhält und eine eigene Zäh­lung vor­nimmt. Untie­fen sprach mit Viola vom Netz­werk über ihre Ziele, die Zusam­men­ar­beit mit staat­li­chen und lin­ken Akteur:innen sowie die theo­re­ti­schen Bezüge des Netzwerks.

Eine der Kund­ge­bun­gen des Anti-Feminizid-Netzwerks auf dem Alma-Wartenberg-Platz. Foto: Anti-Feminizid-Netzwerk

Untie­fen: Warum braucht Ham­burg ein Anti-Feminizid-Netzwerk?

Viola: Es braucht das Netz­werk, weil es Tötun­gen von Frauen und weib­lich gele­se­nen Per­so­nen gibt und weil das Pro­blem von staat­li­cher Seite zu wenig ange­gan­gen wird. Man muss es ein­fach stär­ker benen­nen. Man muss es sicht­ba­rer machen. Die gegen­wär­ti­gen Gesetze rei­chen nicht aus und auch nicht die Schutz­struk­tu­ren durch Frau­en­häu­ser, weil es zu wenig Plätze gibt, aber natür­lich schät­zen wir deren Arbeit sehr. Wir hat­ten vor Kur­zem eine Soli-Aktion am Cam­pus der Uni­ver­si­tät Ham­burg und selbst dort kam oft die Frage: »Was? Das gibt es in Deutsch­land?!« Das spricht schon für sich. Des­halb braucht es das Netz­werk: Um das Pro­blem zu benen­nen, es braucht einen Namen.

Untie­fen: Wie ist das Netz­werk ent­stan­den? Also, wie seid ihr zu dem Thema gekommen?

Viola: Es ist vor einem Jahr ent­stan­den, im Okto­ber 2022, als offe­nes Netz­werk aus einem Zusam­men­schluss von ver­schie­de­nen femi­nis­ti­schen Grup­pen und Ein­zel­per­so­nen. Einen beson­de­ren Anlass zur Grün­dung gab es nicht. Es war eher ein Gespräch zwi­schen ver­schie­de­nen sehr akti­ven Femi­nis­tin­nen, die gesagt haben: »Es ­­reicht.« Jeden drit­ten Tag geschieht ein Femi­ni­zid in Deutsch­land, das ist Anlass genug. Mit dem Thema befasst sich sonst nie­mand, auch andere femi­nis­ti­sche Grup­pen nicht dezi­diert, was trau­rig ist.

Untie­fen: Ihr habt einen soge­nann­ten »Wider­stands­platz gegen Femi­ni­zide« am Alma-Wartenberg-Platz in Otten­sen aus­ge­ru­fen. Wie hat sich das ent­wi­ckelt und warum habt ihr euch genau für die­sen Platz entschieden?

Viola: Den Wider­stand­platz haben wir kurz nach unse­rer Grün­dung im Novem­ber 2022 aus­ge­ru­fen. Mit der Aus­wahl die­ses Ortes möch­ten wir sowohl die inter­na­tio­na­lis­ti­sche Aus­rich­tung deut­lich machen, die einige von uns haben, als auch an eine lokale femi­nis­ti­sche Tra­di­tion anschlie­ßen. Alma War­ten­berg wurde in der Zeit des Kai­ser­reichs in Otten­sen (Hol­stein) gebo­ren. Sie war SPD-Politikerin und vor allem Femi­nis­tin, die sich beson­ders im Bereich Mut­ter­schutz, Emp­fäng­nis­ver­hü­tung und für sexu­elle Auf­klä­rung ein­ge­setzt hat.

Aber: Im Netz­werk wird der Platz durch­aus ambi­va­lent gese­hen, nicht alle haben einen star­ken Bezug dazu. Für man­che im Netz­werk könnte es auch ein ande­rer Ort sein. Wich­tig ist ein­fach, dass wir Raum ein­neh­men und das Thema Femi­ni­zide sicht­bar machen. Wir wür­den da auch gerne noch mehr machen.

Untie­fen: Du sprichst an, dass es euch auch darum geht, Raum ein­zu­neh­men und Auf­merk­sam­keit für das Thema zu erzeu­gen. Seht ihr, dass ihr damit einen Effekt auf die Stadt und auf die Öffent­lich­keit habt?

Viola: Die Stadt und die Öffent­lich­keit sind zwei unter­schied­li­che Berei­che. Ins­ge­samt aber schon. Wir hat­ten gerade einen Stra­te­gie­tag und haben dort reflek­tiert, was alles bis­her pas­siert ist. Dafür, dass wir ein Netz­werk sind, in dem so viele unter­schied­li­che Grup­pen und Ein­zel­per­so­nen zusam­men­sit­zen, ist es schon enorm, wie­viel Öffent­lich­keit und Auf­merk­sam­keit wir bis­her her­stel­len konn­ten. Wir bekom­men viele Inter­view­an­fra­gen und zu unse­ren Kund­ge­bun­gen kom­men immer mehr Leute.

Was die Stadt betrifft: Wir sind zuneh­mend zu städ­ti­schen Betei­li­gungs­run­den ein­ge­la­den. Das sind Räume, in denen auch auto­nome Frau­en­häu­ser, Frau­en­be­ra­tungs­stel­len und andere Grup­pie­run­gen von städ­ti­scher, behörd­li­cher Seite mit drin­sit­zen. Da wer­den wir dann zum Bei­spiel ein­ge­la­den, um uns vor­zu­stel­len. Wir haben etwa am »Run­den Tisch Gewalt« teil­ge­nom­men und sind beim »Arbeits­kreis Gewalt« ein­ge­la­den. Es inter­es­siert sich natür­lich keine Par­tei außer Die Linke dafür. Das muss man ehr­lich sagen. Mit Cansu Özd­emir (Die Linke-Fraktionsvorsitzende in der Ham­bur­gi­schen Bür­ger­schaft, Anm. Untie­fen) gewinnt man tat­säch­lich viel. Sie macht sehr viel mög­lich. Wenn über sie nicht regel­mä­ßig kleine Anfra­gen zum Sach­stand von Femi­ni­zi­den gestellt wer­den würde, sähe die Daten­lage noch sehr viel schlech­ter aus.

Deut­lich sicht­bar ist auch, dass die Presse nun ver­sucht, anders über das Thema zu schrei­ben. Wir ver­öf­fent­li­chen nach jedem Fall eine Pres­se­mit­tei­lung. Die bür­ger­li­che Presse, wie das Abend­blatt und die MoPo, ach­ten schon ver­stärkt auf sen­si­blere Spra­che und haben mitt­ler­weile den Begriff Femi­ni­zid oder Femi­zid über­nom­men. Wir müs­sen nicht mehr dar­auf hin­wei­sen, dass es eben ein Femi­ni­zid ist und sie es so benen­nen sol­len. Trotz­dem beob­ach­ten wir wei­ter­hin sehr unsens­bile und vor allem unin­for­mierte Bericht­erstat­tung. Das betrifft einer­seits Femi­ni­zide im Alter, aber auch gene­rell weni­ger pro­mi­nente For­men von Femi­ni­zi­den, wie z.B. Femi­ni­zide die von Rechts­extre­men, Kin­dern oder Enkeln began­gen wer­den. Da ins­be­son­dere bei Rechts­extre­men immer miso­gyne Motiv­la­gen zu beob­ach­ten sind, müs­sen auch diese Morde klar als Femi­ni­zid ein­ge­ord­net werden.

Wenn man eine Bewe­gung auf­baut, läuft es oft erst­mal sehr schlep­pend. Jetzt haben wir aber das Gefühl, dass rich­tig viel zurück­kommt. Uns war es immer wich­tig, mit den Kund­ge­bun­gen nach Femi­zi­den für eine öffent­li­che Reak­tion zu sor­gen. Daran hal­ten sich viele fest, von uns und von außen. Des­we­gen ist es wich­tig, dass wir damit wei­ter­ma­chen. Das hat uns glaube ich auch dahin gebracht, wo wir jetzt sind. Selbst wenn es immer sehr anstren­gend ist, men­tal und organisatorisch.

»Wir müssen die Gewalt dort thematisieren, wo sie passiert«

Untie­fen: Wie du es beschreibst, kommt ihr mitt­ler­weile von dem Punkt weg, haupt­säch­lich Auf­merk­sam­keit zu gene­rie­ren und auf Begriffe hin zu wei­sen. Gibt es lang­fris­tige Ziele, die ihr dar­über hin­aus ver­folgt oder die als nächs­tes anstehen?

Viola: Als Netz­werk aus vie­len unter­schied­li­chen Grup­pen haben wir durch­aus Schwie­rig­kei­ten, uns auf ein­heit­li­che Ziele fest­zu­le­gen. Was wir gemein­sam for­dern, bezie­hungs­weise ver­fol­gen, ist ein gewalt­freies Leben für alle Men­schen. Zudem wol­len wir ein umfas­sen­de­res Ver­ständ­nis und beglei­tende For­schung von Femi­ni­zi­den und eine Doku­men­ta­tion der Fälle. Eine wei­tere Sache, die uns sehr wich­tig ist und für die wir uns ein­set­zen, ist die Prä­ven­ti­ons­ar­beit. Das beinhal­tet auch Bil­dungs­ar­beit, die wir mitt­ler­weile ver­mehrt machen. Ebenso Ver­an­stal­tun­gen außer­halb lin­ker Räume.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Aspekt ist die Basis­ar­beit, was natür­lich mit Bil­dungs­ar­beit ein­her­geht. Wir wol­len da auch eine noch stär­kere Ver­net­zung in die Stadt­teile hin­ein. Wir tun das schon im Rah­men des »StoP«-Projekts (Stadt­teile ohne Part­ner­ge­walt, Anmer­kung Untie­fen) Es geht uns auch darum Ver­bin­dun­gen zu wich­ti­gen Multiplikator:innen in den Stadt­tei­len her­zu­stel­len. Wir haben als Netz­werk ein ernst­haf­tes Inter­esse daran, außer­halb unse­rer lin­ken Blase aktiv zu sein. Denn es hilft nicht, wenn wir nur inner­halb unse­res eige­nen Krei­ses spre­chen, dazu haben wir keine Lust mehr. Wir müs­sen die Gewalt dort the­ma­ti­sie­ren, wo sie pas­siert, sowohl inner­halb der Szene als auch dar­über hin­aus. Das bedeu­tet für uns, sich stark zu ver­net­zen, um ein brei­tes gesell­schaft­li­ches Anti-Feminizid-Netzwerk aufzubauen.

Ein für uns wich­ti­ges Ziel ist es, der Tat einen Namen zu geben. Es gibt zwar bei uns auch andere Ansätze und unter­schied­li­che Straf­be­dürf­nisse. Man­che for­dern Geset­zes­ver­schär­fun­gen, für andere spielt die straf­recht­li­che Bewer­tung nicht so eine große Rolle. Aber die Gewalt, die pas­siert, muss end­lich gesell­schaft­lich benannt und mora­lisch ver­ur­teilt werden.

Es gibt natür­lich auch libe­rale For­de­run­gen, die wir unter­stüt­zen, wie den Aus­bau von Frau­en­häu­sern. Wenn man aber weiß, wie mas­siv pro­ble­ma­tisch die aktu­elle Woh­nungs­po­li­tik ist, bringt diese For­de­rung nicht so viel. Die Frauen sol­len schließ­lich nicht in Frau­en­häu­sern blei­ben, son­dern wie­der ihr siche­res Umfeld haben. Von daher braucht es prag­ma­ti­sche Lösun­gen. Es gibt aber auch den Wunsch nach ande­ren Schutz­struk­tu­ren, die mehr auf Selbst­or­ga­ni­sie­rung set­zen. Ein Bei­spiel dafür ist das »StoP«-Projekt, indem es darum geht, sich im Stadt­teil gemein­sam zu orga­ni­sie­ren und Hilfs­struk­tu­ren für Betrof­fene auf­zu­bauen. Bei Selbst­or­ga­ni­sie­rung geht es nicht um eine rechte Bür­ger­wehr oder so etwas, son­dern zum Bei­spiel darum, dass wenn eine Frau bedroht ist, sie eine Num­mer anruft und dann direkt drei Leute ansprech­bar sind, die unter­stüt­zen. Alle müs­sen Ver­ant­wor­tung über­neh­men und wir müs­sen anfan­gen Ver­ant­wor­tungs­über­nahme anders zu den­ken. Das ist eben nicht nur die Auf­gabe des Staa­tes ist, son­dern von uns allen. Wir wol­len dahin, dass es eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Reak­tion gibt und Pro­teste auf die Straße getra­gen wer­den, wenn wie­der eine Frau oder weib­lich gele­sene Per­son ermor­det wird. Wir ver­fol­gen mit unse­rer Arbeit einen kul­tu­rel­len gesell­schaft­li­chen Wan­del, der patri­ar­chale Macht­struk­tu­ren ernst­haft auf­bricht und zerstört.

Untie­fen: Es gibt also For­de­run­gen an die staat­li­che Poli­tik und an die Gesell­schaft insgesamt?

Viola: Ja, genau. Die Istanbul-Konvention ist in Deutsch­land noch nicht rich­tig umge­setzt. Das ist eine For­de­rung, die häu­fig aus dem Gewalt­schutz kommt, von den Bera­tungs­stel­len und den Frau­en­häu­sern. Das ist auch für uns wich­tig. Dar­über hin­aus braucht es eine bun­des­weite Zäh­lung der Frauen*, die von ihren Part­nern getö­tet wur­den, weil es eben ein poli­ti­sches Pro­blem ist. In Ham­burg macht das der­zeit die Par­tei Die Linke. Deutsch­land­weit machen es vor allem ver­schie­dene lose Grup­pen. Für uns ist es müh­se­lig, immer wie­der die Medi­en­be­richte zu über­prü­fen: Ist wie­der etwas pas­siert, gab es wie­der einen Fall? Wir machen die Zäh­lun­gen ja selbst. Das kos­tet sehr viele Res­sour­cen und es ist gar nicht immer so leicht, zu sagen, was ein Femi­ni­zid ist.

»Ein Femizid ist immer nur die Spitze des Eisbergs«

Untie­fen: Daran anknüp­fend: Wie defi­niert ihr und zählt ihr Femi­ni­zide? Wo lie­gen da die Schwierigkeiten?

Viola: Wir haben meis­tens nur die Pres­se­be­richte und keine Akten­ein­sicht oder ähn­li­ches. Es gibt Fälle, die sind sehr ein­deu­tig: Ex-Partner tötet Frau im Streit, Mann erschießt seine Frau. Da gehen wir ein­fach davon aus, dass es das poli­ti­sche Motiv gab. Also, dass sie getö­tet wurde, weil sie eine Frau ist. Die­sen Struk­tu­ren, die dazu füh­ren, liegt das Patri­ar­chat zugrunde.

In Ham­burg hat­ten wir in den letz­ten Mona­ten aller­dings ein paar schwie­rige Fälle. Da ging es etwa um die Tötung von älte­ren Frauen, also der Groß­mutter durch den Enkel. Danach hat man aller­dings einen Abschieds­brief von der Frau gefun­den, dass sie sich tat­säch­lich umbrin­gen wollte, weil sie so krank war. Bis­her haben wir so agiert, dass wir, wenn es ein ver­wandt­schaft­li­ches Ver­hält­nis bezie­hungs­weise irgend­ein Ver­hält­nis gab, das poli­ti­sche Motiv und den Femi­ni­zid als gege­ben ange­nom­men haben. Wir muss­ten uns aber auch schon­mal kor­ri­gie­ren. Manch­mal wis­sen wir schlicht gar nichts, wie zum Bei­spiel bei der vor eini­gen Wochen in der Elbe gefun­de­nen Frau­en­lei­che. Was wir aber auf jeden Fall sagen kön­nen ist, dass Femi­ni­zide oft auch im Kon­text von psy­chi­schen Kri­sen, der aktu­el­len Pfle­ge­krise und in Ver­bin­dung mit zusätz­li­chen Dis­kri­mi­nie­run­gen vor­kom­men. Auch hier braucht es eine Sen­si­bi­li­tät für die Ver­schrän­kung ver­schie­de­ner Machtbeziehungen.

Wir haben auf jeden Fall aus dem einen Jahr gelernt, dass wir genauer hin­schauen müs­sen. Zwar sind die aller­meis­ten Fälle klas­sisch: Die Tat kurz nach der Tren­nung; in Fami­li­en­ver­hält­nis­sen geht es meist um junge Frauen und die Täter sind Väter, Brü­der, Söhne oder Enkel. Wir haben für uns aber fest­ge­stellt, dass es genaue Mar­ker oder Kri­te­rien braucht. Wir müs­sen gucken, ob es irgend­ein Beziehungs- oder Macht­ver­hält­nis gab. Wir müs­sen her­aus­fin­den, ob es Abschieds­briefe oder ähn­li­ches gab. Es ist aber nicht ein­fach, das Patri­ar­chat in Kri­te­rien auf­zu­tei­len. Man muss den Ein­zel­fall genau anschauen. Wir haben zuletzt viel über unser zukünf­ti­ges Vor­ge­hen gespro­chen. Wenn wir zum Bei­spiel nur wis­sen, dass eine Frau getö­tet wurde und es uns nicht ganz klar erscheint, ob es ein Femi­ni­zid ist, dann war­ten wir erst­mal, bis uns ein­deu­ti­gere Daten vor­lie­gen. Diese Arbeit ist auf­wen­dig und erfor­dert manch­mal sogar Akten­zu­gang, den wir zur­zeit nicht haben. 

Wir haben bis­her nur über die voll­ende­ten Femi­zide gespro­chen. In Deutsch­land heißt es von offi­zi­el­ler Seite immer »jeden drit­ten Tag wird eine Frau getö­tet«. Bei uns im Netz­werk arbei­ten viele in Schutz­ein­rich­tun­gen und sehen es in der Pra­xis: Es geschieht häu­fi­ger und wird mehr­mals pro Tag ver­sucht! Wir soll­ten des­halb, auch als Gesell­schaft, auf­hö­ren, uns immer so auf diese Zahl zu bezie­hen, son­dern ver­su­chen, eine andere Zähl­ba­sis zu fin­den. Die Erfah­run­gen von Frau­en­häu­sern, Bera­tungs­stel­len und ande­rer Schutz­ein­rich­tun­gen müs­sen dafür die Grund­lage sein. Die haben die Erfah­rung und ken­nen die Gewalt­dy­na­mi­ken. Ein Femi­zid ist immer nur die Spitze des Eis­bergs. Diese Erzäh­lung von »jedem drit­ten Tag« wird dem nicht gerecht. Es ist keine ein­stel­lige Zahl, son­dern es sind sehr viel mehr Fälle und Ver­su­che. Das macht ein­fach wütend.

Untie­fen: In ande­ren Städ­ten in Deutsch­land gibt es wei­tere Grup­pen, die diese Zäh­lun­gen durch­füh­ren. Seid ihr da vernetzt?

Viola: Unser Ziel ist es, eine ernst­zu­neh­mende soziale Bewe­gung zu sein. Dazu gehört auch, sich bun­des­weit zu ver­net­zen. Wir sind Teil eines Netz­werks, das Deutsch­land, Öster­reich und die Schweiz umfasst. Wir tau­schen uns da auch zu der Arbeit und unse­ren Kri­te­rien aus. Unsere Infor­ma­tio­nen hal­ten wir in einer Sta­tis­tik fest. Das geben wir an die über­re­gio­nale Ver­net­zung wei­ter und wol­len dazu auch Ver­öf­fent­li­chun­gen machen, damit alle damit arbei­ten können.

Die Zäh­lung ist aber nur ein Ziel. Im bes­ten Fall möch­ten wir Gewalt ver­hin­dern. Aus der über­re­gio­na­len Ver­net­zung sind schon prak­ti­sche Dinge ent­stan­den, etwa das Tool­kit »Was tun gegen Femi­ni­zid?!« oder gemein­sam ein­ge­wor­bene Gelder.

Untie­fen: Du hast vor­hin die Zusam­men­ar­beit mit staat­li­chen und bür­ger­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen erwähnt, wie gestal­tet sich die?

Das fängt gerade erst an. Erst­mal geht es meis­tens darum, dass wir unsere Arbeit vor­stel­len, wie etwa beim Run­den Tisch zum Thema Gewalt. Bei der Par­tei die Linke geht es um Ver­net­zung und Infor­ma­tio­nen. Zum Arbeits­kreis Gewalt wur­den wir ein­ge­la­den, er fand aller­dings noch nicht statt, wes­halb wir dazu noch nichts sagen können.

»Wir können keine weiteren 50 Jahre warten«

Untie­fen: Seht ihr auch eine Gefahr in der Zusam­men­ar­beit mit staat­li­chen Insti­tu­tio­nen? Zum einen in Hin­blick dar­auf, dass man ein­ge­hegt wird in den staat­li­chen Pro­zess des Gewalt­schut­zes, wie es der Frau­en­haus­be­we­gung teil­weise schon pas­siert ist, die nun durch­aus finan­zi­ell abhän­gig ist vom Staat. Zum ande­ren, dass man zum Aus­hän­ge­schild der Poli­tik wer­den kann, ohne dass der Staat selbst etwas unter­nimmt oder die Ver­hält­nisse sich ändern?

Viola: Klar, diese Gefahr gibt es. Wir haben in unse­rem Netz­werk aber sehr viele kri­ti­sche Per­so­nen und im Gegen­satz zu Frau­en­häu­sern sind wir vor allem Akti­vis­tin­nen. Wir kön­nen dem­entspre­chend andere Dinge tun und sagen. Das ist ein gro­ßer Vor­teil und etwas, das ich an der Arbeit im Netz­werk schätze. Natür­lich geht es oft Hand in Hand: Wir sind auch auf die Zusam­men­ar­beit mit Frau­en­häu­sern ange­wie­sen, aber gleich­zei­tig schätze ich, dass wir uns ganz anders posi­tio­nie­ren kön­nen. Wir haben uns auch gegrün­det, um zu zei­gen, dass die­ses Thema mehr ange­gan­gen wer­den muss. Das es mehr braucht, als bis­her getan wird. Zum einen muss da expli­zit der Staat in den Blick genom­men wer­den, zum ande­ren geht es da um gesell­schaft­li­che Selbst­or­ga­ni­sie­rung. Das sind bei­des Ebe­nen, die wir ver­su­chen zu vereinen.

Staat­li­che Koope­ra­tio­nen sind bei uns noch nicht son­der­lich aus­ge­prägt. An dem Punkt, dass die Gefahr der Instru­men­ta­li­sie­rung besteht, sind wir glaube ich noch gar nicht. Aber viel­leicht sollte man das immer im Hin­ter­kopf behal­ten. Wir haben uns schon die Frage gestellt, wie­weit unsere Arbeit gehen kann. Bei uns im Netz­werk sind Leute aus ver­schie­de­nen, auch staat­lich finan­zier­ten Orga­ni­sa­tio­nen, die sind aber bei uns auch als Ein­zel­per­so­nen aktiv. Und wir kri­ti­sie­ren dann durch­aus genau deren Geld­ge­ber. Unsere Kri­tik rich­tet sich nicht immer, aber häu­fig an den Staat. Wenn wir rich­tig unge­müt­lich wer­den, dann könnte das schwie­rig wer­den, aber so weit ist es noch nicht. Unser Fokus auf Selbst­or­ga­ni­sa­tion soll gerade in dem Vakuum wir­ken, wo der Staat ver­sagt Schutz zu gewähr­leis­ten. Wir kön­nen keine wei­te­ren fünf­zig Jahre war­ten, bis der Staat das Thema ernst nimmt und Geld zur Ver­fü­gung stellt. Die Bude brennt jetzt und heute!

Untie­fen: Wie gestal­tet sich eure Zusam­men­ar­beit mit ande­ren Akteur:innen aus der lin­ken Szene?

Viola: Als Netz­werk vie­ler Grup­pen sind wir uns nicht immer in allem einig. Aber wir sind uns einig in unse­rer Defi­ni­tion des Patri­ar­chats und dass es allem zugrunde liegt. Das Ange­nehme an unse­rer Arbeit ist, dass wir sehr fokus­siert am kon­kre­ten Thema »Femi­ni­zide« und Gewalt an Frauen arbei­ten. Andere Inhalte las­sen wir aus, weil klar ist, dass wir da unter­schied­li­che Ein­stel­lun­gen haben. Das ist in der lin­ken Szene natür­lich manch­mal schwie­rig, weil zu bestimm­ten The­men Stel­lung­nah­men ein­ge­for­dert wer­den, selbst wenn das nichts mit unse­rem inhalt­li­chen Schwer­punkt zu tun hat. Wenn wir ernst­haft an unse­rem Thema arbei­ten wol­len und die Pro­bleme vor Ort anschauen und ange­hen möch­ten, dann brau­chen wir jede Ein­zelne. Da ist es oft nicht ziel­füh­rend, sich an ein­zel­nen The­men so zu zer­rei­ßen und wir müs­sen da intern einen Umgang fin­den, wozu wir uns äußern und was wir auslassen.

In der femi­nis­ti­schen Bewe­gung ins­ge­samt ste­hen wir vor dem Pro­blem, dass wir viele ver­ein­zelte Grup­pen sind, die dann nicht oft oder gar nicht zusam­men­ar­bei­ten. Durch unsere Ver­net­zung wol­len wir diese Ver­ein­ze­lung und Spal­tung über­win­den und uns trotz der Unter­schiede zusam­men­tun. Das über­ge­ord­nete gemein­same Ziel ist es, alle For­men patri­ar­cha­ler Gewalt zu been­den. Denn von die­ser sind wir alle, wenn auch auf unter­schied­li­che Weise, betroffen.

Lei­der gilt das das Thema »Femi­ni­zide« schein­bar als »uncool«. Warum krie­gen wir es denn nicht hin, bei Gewalt an Frauen groß und prä­sent zu sein? Viel­leicht liegt es daran, dass das Thema nicht so anspre­chend ist – und natür­lich auch schwer. Es ist immer­hin nicht ange­nehm, die ganze Zeit über den Tod zu reden.

Untie­fen: Ihr bezeich­net euch selbst als Anti-Feminizid-Netzwerk, es gibt auch den Begriff Femi­zid: Wo liegt da der Unterschied?

Viola: Die Frage wird uns immer wie­der gestellt. Erst­mal ist es wich­tig, dass man über­haupt einen Begriff hat. Bei uns im Netz­werk kommt es daher, weil wir stark inter­na­tio­na­lis­tisch ori­en­tiert sind. Das »ni« als Zusatz stammt aus der latein­ame­ri­ka­ni­schen Bewe­gung. Damit soll die staat­li­che Ver­ant­wor­tung noch mehr her­vor­ge­ho­ben wer­den, weil es dort noch ganz andere Struk­tu­ren gibt als bei uns. Patri­ar­chale Gewalt gibt es über­all, aber in vie­len Län­dern Latein­ame­ri­kas ist der Staat aktiv daran betei­ligt. Hier in Deutsch­land ist der Staat auch an der Gewalt betei­ligt, aber eher passiv.

»Die wichtige Frage ist: Wie können wir Sicherheit schaffen?«

Untie­fen: Gibt es noch andere gemein­same theo­re­ti­sche Bezüge und Per­spek­ti­ven, die ihr in eurer Arbeit nutzt?

Viola: Gar nicht so viele. Wir sind uns einig darin, wie wir das Patri­ar­chat defi­nie­ren und wie es die Welt struk­tu­riert und bezie­hen uns dazu oft auf bell hooks. Das Patri­ar­chat ist für uns ein gesell­schaft­li­ches Sys­tem, dass auf der Vor­macht­stel­lung des Man­nes basiert und der Vor­stel­lung, dass Män­ner von Natur aus domi­nant und den Schwa­chen über­le­gen sind und diese domi­nie­ren kön­nen. Frauen gel­ten nach die­ser Logik als schwach und die männ­li­che Domi­nanz wird ihnen gegen­über unter ande­rem durch Gewalt auf­recht­erhal­ten. Diese Macht­struk­tur des Patri­ar­chats ermög­licht es erst, dass Femi­ni­zide pas­sie­ren. Das Patri­ar­chat formt alle Men­schen und wird gleich­zei­tig durch sie getra­gen und sta­bi­li­siert. Geschlecht ist in die­sem Sys­tem maß­geb­lich für Gewalt­er­fah­run­gen und wie stark man ihnen aus­ge­setzt ist. Gleich­zei­tig ist patri­ar­chale Unter­drü­ckung immer mit ande­ren struk­tu­rie­ren­den Macht­di­men­sio­nen wie Ras­sis­mus ver­schränkt. Wenn wir so den­ken, kom­men wir natür­lich manch­mal an den Punkt, an dem man sich die Frage stellt: Wenn das Patri­ar­chat allem zu Grunde liegt, ist dann nicht eigent­lich jeder Mord an einer Frau ein Femi­ni­zid? Des­we­gen ist es so wich­tig, Kate­go­rien für Femi­ni­zide zu definieren.

Dar­über hin­aus haben wir ganz unter­schied­li­che poli­ti­sche Hin­ter­gründe und Ori­en­tie­run­gen. Aber wir sind eben sehr prak­tisch aus­ge­rich­tet und füh­ren keine Theo­rie­streits. Wir fokus­sie­ren uns auf das kon­krete Pro­blem. Was nicht bedeu­tet, dass man nicht unter­schied­li­cher Mei­nung sein kann.

Wir sind aller­dings keine Strafrechtsfeminist:innen. Das ist eine Strö­mung, die ver­schärfte, also höhere Stra­fen für zum Bei­spiel Gewalt­straf­tä­ter gegen­über Frauen for­dert. Wir wis­sen aber aus der Kri­mi­no­lo­gie, dass Stra­fen nicht der Abschre­ckung die­nen. Man muss lei­der sagen, dass es tat­säch­lich unter­schied­li­che Straf­be­dürf­nisse gibt, auch bei den Frauen, die Gewalt erfah­ren haben. Man­che möch­ten, dass der Täter für immer im Gefäng­nis sitzt, andere möch­ten nur ihre Ruhe und sicher sein. Die wich­tige Frage ist da: Wie kön­nen wir Sicher­heit schaf­fen? Uns steht in unse­rer Gesell­schaft dafür zur­zeit eigent­lich nur das Straf­recht zur Ver­fü­gung. Gefäng­nisse füh­ren aller­dings nicht dazu, dass Täter Ver­ant­wor­tung für ihr Han­deln über­neh­men oder sich selbst reflektieren.

Fest steht: Femi­ni­zide müs­sen als sol­che benannt wer­den. Dazu, was danach pas­sie­ren soll, haben wir als Netz­werk noch kei­nen gemein­sa­men Stand­punkt. Es ist aber auch nicht an uns, die per­fek­ten Lösun­gen zu haben. Wenn es uns gelingt, das kon­krete Pro­blem der Femi­ni­zide zu redu­zie­ren, zum Bei­spiel durch Prä­ven­tion oder durch das Auf­bauen von Schutz­struk­tu­ren, dann ist schon­mal viel erreicht.

Untie­fen: Ist es im Patri­ar­chat schon eine Form das Sys­tem zu desta­bi­li­sie­ren, wenn auf diese Gewalt hin­ge­wie­sen wird?

Viola: Das ist für uns der erste Schritt. Den brau­chen wir, um dann wei­ter­zu­ar­bei­ten. Wei­tere Schritte sind Prä­ven­ti­ons­ar­beit und gesamt­ge­sell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung. Aber man kann nicht alles gleich­zei­tig ange­hen. Wir kön­nen nicht sagen, wie wir das Patri­ar­chat stür­zen kön­nen. Aber ein ers­ter Schritt ist es zu mobi­li­sie­ren, alle dar­auf hin­zu­wei­sen und dar­über auf­zu­klä­ren, dass das Patri­ar­chat der Gewalt zugrunde liegt.

Untie­fen: Spielt die Selbst­er­mäch­ti­gung gegen die Gewalt auch eine Rolle bei der Orga­ni­sie­rung im Netzwerk?

Viola: Die Gruppe ermäch­tigt schon, aber wir spre­chen ja für die Frauen, die nicht mehr da sind, und für die Über­le­ben­den. Aber wenn es nichts Empowern­des hätte, dann wür­den es viele von uns bestimmt nicht machen. Es kos­tet schon viel Kraft sich so einem Scheiß­thema in der eige­nen Frei­zeit zu wid­men. Die ganze Zeit über den Tod zu spre­chen und für Tote zu spre­chen. Wir ver­su­chen auch, so gut es geht Ange­hö­ri­gen­ar­beit zu machen. Wir rich­ten uns aber noch rela­tiv wenig nach ihnen, weil wir nicht immer Zugang zu den Ange­hö­ri­gen haben oder man­che das in dem Moment nicht schaf­fen und nicht sagen kön­nen, was sich die Ver­stor­bene gewünscht hätte. Das respek­tie­ren wir, gehen aber natür­lich trotz­dem raus. Die Kund­ge­bun­gen sind des­halb noch nicht so sehr auf die jewei­li­gen Per­so­nen aus­ge­rich­tet. Es ist gar nicht so leicht, zum einen immer wie­der die glei­che poli­ti­sche For­de­rung zu stel­len und gleich­zei­tig auf den indi­vi­du­el­len Fall zu gucken.

»Die Kämpfe in Lateinamerika sind viel radikaler und lauter«

Untie­fen: Kannst du kurz etwas zur Rolle des femi­nis­ti­schen Kampfs in Latein­ame­rika für die Anti-Feminizid-Bewegung sagen?

Viola: Die erste große Bewe­gung gegen Femi­ni­zide in Latein­ame­rika ist in den neun­zi­ger Jah­ren in Ciu­dad Juá­rez in Mexiko ent­stan­den, nach­dem dort Dut­zende, teil­weise ver­stüm­melte Frau­en­lei­chen gefun­den wor­den sind. Es hat damals keine Straf­ver­fol­gung gege­ben und die Medien haben Vic­tim Bla­ming betrie­ben, anstatt das Pro­blem ernst­haft auf­zu­grei­fen. Dar­auf­hin haben sich Frauen zusam­men­ge­tan. Das waren unter ande­rem Müt­ter von Opfern von Femi­ni­zi­den aber auch Politiker:innen und Feminst:innen. Diese haben dann Pro­teste orga­ni­siert und in die­sem Rah­men ent­stand dann auch die Bewe­gung Ni Una Más (»Keine mehr«). Eine ganze Zeit spä­ter ist 2015 in Argen­ti­nien Ni Una Menos (»Keine weni­ger«) in Reak­tion auf dor­tige Femi­ni­zide ent­stan­den. Die Bewe­gung in Argen­ti­nien hatte von Anfang an eine Ver­bin­dung zu der in Mexiko. Ni Una Menos wurde in Argen­ti­nien zur Mas­sen­be­we­gung und hat sich dann trans­na­tio­nal ver­brei­tet. Die latein­ame­ri­ka­ni­schen Bewe­gun­gen gegen den Femi­ni­zid haben gemein­sam, dass sie auf his­to­risch gewach­se­nen Struk­tu­ren von femi­nis­ti­schen Grup­pen und Frau­en­grup­pen auf­bauen kön­nen. Diese Grup­pen haben sich teil­weise schon in der Zeit der und als Reak­tion auf die Dik­ta­tu­ren in den acht­zi­ger Jah­ren in Latein­ame­rika gebildet.

Untie­fen: Was kann man von die­sen Kämp­fen für die Bewe­gung hier lernen?

Viola: Sie sind viel radi­ka­ler und lau­ter. Es wer­den auch ein­fach Dinge getan, zum Bei­spiel Häu­ser besetzt, um dar­aus ein Schutz­haus zu machen oder Anti­mo­nu­mente gegen Femi­ni­zide auf­ge­stellt. Die Öffent­lich­keit wird gestal­tet, ohne das mit den Behör­den abzu­spre­chen. Es ist eine Mas­sen­be­we­gung ent­stan­den, die ernst­haft den Sta­tus Quo angreift und auch eine »Bedro­hung« für den Staat dar­stellt. Das ist für den deutsch­spra­chi­gen Raum nur schwer vor­stell­bar. Sie neh­men auch viel mehr das Leben in den Blick: »Keine weni­ger«, »Keine mehr«. Das ist eben eine umge­kehrte Art zu den­ken. Es darf keine mehr feh­len, wir brau­chen alle, um uns zu schützen.

Was wir als aktu­elle Anti-Feminizid-Bewegung in Deutsch­land von den Freund:innen und Genoss:innen in Latein­ame­rika ler­nen kön­nen, ist die Form der Mobi­li­sie­rung und Orga­ni­sie­rung und wie sie es geschafft haben, Hun­der­tau­sende Men­schen auf die Straße zu krie­gen. Wie sie patri­ar­chale Gewalt zu einem Thema gemacht haben, das gesamt­ge­sell­schaft­lich rele­vant gewor­den ist. Wir müs­sen schauen, wie sie das gemacht haben, und wie es sich auf unse­ren Kon­text anwen­den lässt. Dabei geht es um die Frage, wie wir es als Linke schaf­fen kön­nen, zu ande­ren zu spre­chen und auch zu uns selbst.

Es wird auch immer gerne dar­auf ver­wie­sen, dass die femi­nis­ti­schen Bewe­gun­gen in Latein­ame­rika es in fast allen Län­dern geschafft haben, den Straf­tat­be­stand »Femi­zid« ein­zu­füh­ren. Das ist auf jeden Fall auch wich­tig, um das Pro­blem auf allen Ebe­nen sicht­bar zu machen und zu benen­nen, auch auf juris­ti­scher Ebene. Das ist aller­dings kein Aspekt, auf den sich unsere Kämpfe als Netz­werk konzentrieren.

Untie­fen: Was lässt sich nicht von Latein­ame­rika nach Deutsch­land übertragen?

Viola: In Deutsch­land haben wir nicht so starke, his­to­risch gewach­sene femi­nis­ti­sche Struk­tu­ren. Eine der wich­tigs­ten Auf­ga­ben, die wir jetzt gerade ange­hen, ist die Ver­net­zung und damit auch die Über­win­dung von min­des­tens zwei Hin­der­nis­sen in der femi­nis­ti­schen Bewe­gung. Zum einen ist das der his­to­ri­sche Bruch zwi­schen der Frau­en­be­we­gung der sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jahre, die auch gegen patri­ar­chale Gewalt gekämpft hat, und den heu­ti­gen femi­nis­ti­schen Grup­pie­run­gen. Zum ande­ren, wie bereits ange­spro­chen, die Ver­ein­ze­lung und interne Spal­tung der aktu­el­len femi­nis­ti­schen Bewe­gung in Deutschland.

Ein wei­te­res Pro­blem in Deutsch­land ist das Meta­nar­ra­tiv, dass die Gleich­heit zwi­schen den Geschlech­tern bereits erreicht sei. Das müs­sen wir auf­bre­chen. Außer­dem geht die The­ma­ti­sie­rung patri­ar­cha­ler Gewalt in Medien und Poli­tik oft mit einer soge­nann­ten Eth­ni­sie­rung der Gewalt ein­her. Das bedeu­tet, dass Deutsch­land sich immer als poli­tisch und gesell­schaft­lich pro­gres­siv dar­stellt und gesell­schaft­li­che Pro­bleme auf spe­zi­fi­sche migran­ti­sche Grup­pen abge­wälzt wer­den. Dies führt zu einer Ver­la­ge­rung des Pro­blems, was nicht nur falsch ist, son­dern auch zu Dis­kri­mi­nie­rung führt und die Suche nach ernst­haf­ten Lösungs­an­sät­zen verhindert.

Inter­view: Elena Michel

Die Autorin lebt in Ham­burg und sieht in der prak­ti­schen Aus­rich­tung der poli­ti­schen Arbeit ein gro­ßes Poten­tial für die femi­nis­ti­sche Bewegung. 

Veranstaltung: »Gegen den Geist des Sozialismus«. Buchvorstellung mit Olaf Kistenmacher

Veranstaltung: »Gegen den Geist des Sozialismus«. Buchvorstellung mit Olaf Kistenmacher

Wie geht eine links­ra­di­kale Kri­tik des lin­ken Anti­se­mi­tis­mus? Der Ham­bur­ger His­to­ri­ker und Autor Olaf Kis­ten­ma­cher stellt sein Buch über Kri­tik der Juden­fein­schaft in der KPD der Wei­ma­rer Repu­blik vor: 01.11.2023, 19 Uhr, Mone­tastr. 4.

Der mör­de­ri­sche Ter­ror der Hamas und des Isla­mi­schen Jihad gegen Israel wurde am 07. Okto­ber in einer neuen Qua­li­tät ent­fes­selt.
Wer in die­sen Tagen mit lin­ken und links­ra­di­ka­len Freund:innen und Bekann­ten spricht oder in den sozia­len Medien aus die­ser Ecke liest, sieht viel Mit­ge­fühl, Wut, Ver­zweif­lung ange­sichts des Ter­rors. Aber auch: Ver­harm­lo­sung, Gleich­gül­tig­keit bis hin zu offe­ner Bil­li­gung oder gar Befür­wor­tung für das Mor­den als ver­meint­li­chem »Wider­stand« oder »Befrei­ungs­kampf«.
Lei­der ist der linke Anti­se­mi­tis­mus, ohne den die­ser Abgrund nicht mög­lich wäre, keine neue und keine vor­über­ge­hende Erschei­nung. Wer wis­sen will, wie Anarchist:innen und Kommunist:innen schon in der Wei­ma­rer Repu­blik gegen ihn kämpf­ten und wie sie ihn kri­ti­sier­ten, kann das am kom­men­den Mitt­woch erfah­ren.
Der Ham­bur­ger His­to­ri­ker und Autor Olaf Kis­ten­ma­cher stellt sein neues Buch vor: »Gegen den Geist des Sozia­lis­mus. Anar­chis­ti­sche und kom­mu­nis­ti­sche Kri­tik der Juden­feind­schaft in der KPD zur Zeit der Wei­ma­rer Repu­blik« (ça ira).

Der poli­ti­sche Bil­dungs­ver­ein Bag­rut e.V. orga­ni­siert die Vor­stel­lung in Koope­ra­tion mit Untie­fen zu 19 Uhr in der Zen­tra­len Biblio­thek Frau­en­for­schung, Gen­der & Queer Stu­dies (Mone­tastr. 4). Die his­to­ri­sche Per­spek­tive wird auch Bezüge zum aktu­el­len lin­ken Elend und zur Ham­bur­ger Geschichte ermöglichen.

Die Ver­an­stal­tung wird im Rah­men der Akti­ons­wo­chen gegen Anti­se­mi­tis­mus von der Amadeo-Antonio-Stiftung gefördert.

Im Fol­gen­den doku­men­tie­ren wir den Klap­pen­text des Verlags.


Anti­se­mi­tis­mus in der poli­ti­schen Lin­ken wurde nicht erst nach 1945 zum Thema. Die Kri­tik daran ist so alt wie die Sache selbst. In der Wei­ma­rer Repu­blik waren es ehe­ma­lige Grün­dungs­mit­glie­der der KPD wie Franz Pfem­fert oder Anar­cho­syn­di­ka­lis­ten wie Rudolf Rocker, die die anti­se­mi­ti­sche Agi­ta­tion wäh­rend des Schlageter-Kurses kri­ti­sier­ten. Mitte der 1920er Jahre warnte Clara Zet­kin auf dem Par­tei­tag der KPD vor juden­feind­li­chen Stim­mun­gen an der Basis. 1929 erschien im Zen­tral­or­gan der um Hein­rich Brand­ler und August Thal­hei­mer gebil­de­ten KPD-Opposition eine der ers­ten radi­ka­len Kri­ti­ken des Anti­zio­nis­mus der KPD. Mit ihrer Kri­tik knüpf­ten die anar­chis­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Lin­ken an Inter­ven­tio­nen von Rosa Luxem­burg oder Leo Trotzki an und reflek­tier­ten zugleich die Ent­wick­lung in Russ­land nach der bol­sche­wis­ti­schen Revo­lu­tion. Marx’ Anspruch, »alle Ver­hält­nisse umzu­wer­fen, in denen der Mensch ein ernied­rig­tes, ein geknech­te­tes, ein ver­las­se­nes, ein ver­ächt­li­ches Wesen ist«, schloss für sie den Kampf gegen Anti­se­mi­tis­mus auch in den eige­nen Rei­hen mit ein. Ihre Kri­tik kam nicht nur Jahr­zehnte vor der inner­lin­ken Debatte über Anti­se­mi­tis­mus von links, Luxem­burg und Pfem­fert nah­men auch Argu­mente der spä­te­ren anti­na­tio­na­len und anti­deut­schen Lin­ken vorweg.

Olaf Kis­ten­ma­cher
»Gegen den Geist des Sozia­lis­mus«. Anar­chis­ti­sche und kom­mu­nis­ti­sche Kri­tik der Juden­feind­schaft in der KPD zur Zeit der Wei­ma­rer Repu­blik
Novem­ber 2023, 156 Sei­ten
Fran­zö­sisch Bro­schur
20,00 €

Veranstaltung: Weltbilder der Kunst – Solidarität

Veranstaltung: Weltbilder der Kunst – Solidarität

Eine Ver­an­stal­tungs­reihe der Innen­re­vi­sion Kul­tur­be­trieb fragt nach anti­se­mi­ti­schen Welt­bil­dern in gegen­wär­ti­gen Kunst­dis­kur­sen. Die zweite Ver­an­stal­tung fin­det am 20.09.2023, 19.30 Uhr im Cen­tral Con­gress statt.

Nach­dem im Sep­tem­ber 2022 zwei Ver­tre­ter des indo­ne­si­schen Documenta-Kuratorenkollektivs Ruan­grupa eine Gast­pro­fes­sur an der Ham­bur­ger HfbK antra­ten, ist die Aus­ein­an­der­set­zung über die von Ruan­grupa ver­ant­wor­tete anti­se­mi­ti­sche Kunst­schau auch zu einem Streit in Ham­burg gewor­den. Zwar gab es ver­dienst­volle, aber ver­ein­zelte Pro­teste, zurück­hal­tende Ermah­nun­gen aus der Lan­des­po­li­tik sowie einige wenig ergie­bige Inter­views und Ver­an­stal­tun­gen mit den Ruangrupa-Leuten. Ins­ge­samt aber ist von Betrof­fen­heit oder gar (Selbst-)Kritik inner­halb des Ham­bur­ger Kunst- und Kul­tur­be­triebs wenig zu ver­neh­men. Der HfbK-Präseident Köt­te­ring lügt die von ihm initi­ierte Gast­pro­fes­sur rück­bli­ckend zum Aus­lö­ser wich­ti­ger »Lern­pro­zesse« um, gar zum Beginn eines »Dia­logs«: »Zum ande­ren ist durch die bei­den DAAD-Gastprofessoren das Thema Anti­se­mi­tis­mus im Kunst­feld nach Ham­burg getra­gen wor­den, wor­auf wir mit vie­len Ver­an­stal­tun­gen reagiert haben, vor allem mit dem Sym­po­sium. Damit ist es uns seit der docu­menta erst­ma­lig gelun­gen, sehr diver­gente Posi­tio­nen zusam­men und in einen Dia­log zu brin­gen«. Auf die Frage, ob er die Ein­la­dung wie­der aus­spre­chen würde, ant­wor­tete er ent­spre­chend: »Das kann ich wirk­lich mit aller Deut­lich­keit und sehr klar sagen: Ja, unbe­dingt! Denn es ist die Auf­gabe und Pflicht von wis­sen­schaft­li­chen Insti­tu­tio­nen, sich die­sen kom­ple­xen und schwie­ri­gen Dis­kur­sen zu stel­len, um Lern­pro­zesse ent­ste­hen zu las­sen.« Anti­se­mi­tis­mus geht in der Kunst­welt also wei­ter­hin in Ord­nung, so lange man dabei das Gefühl hat, mit irgend­wem im Dia­log zu sein. Woher kommt diese Uner­schüt­ter­lich­keit – auch und gerade jen­seits des offen­sicht­lich unver­bes­ser­li­chen Ruangrupa-Kollektivs?

Um dem auf den Grund zu gehen hat sich in Ham­burg eine „Innen­re­vi­sion Kul­tur­be­trieb“ gegrün­det. In ihr haben sich in Kunst und Kul­tur Tätige zusam­men­ge­schlos­sen, die mit einer Ver­an­stal­tungs­reihe in das beredte Ham­bur­ger Schwei­gen inter­ve­nie­ren wol­len. Die Reihe unter­sucht anhand dreier für den gegen­wär­ti­gen Kunst­be­trieb zen­tra­ler Begriffe – Kol­lek­ti­vi­tät, Wider­stand und Soli­da­ri­tät – über wel­che Ein­falls­tore sich anti­se­mi­ti­sche Welt­bil­der im Kunst­dis­kurs immer wie­der ver­brei­ten können.

Die Reihe wird am 20.09. mit einer Ver­an­stal­tung zu „Kol­lek­ti­vi­tät“ fort­ge­setzt: 19.30 Uhr im Cen­tral Con­gress, Stein­straße 5–7.

Die Redak­tion Untie­fen unter­stützt diese Inter­ven­tion (wie auch der Bag­rut e.V., die Untüch­ti­gen sowie der Textem-Verlag) und doku­men­tiert im Fol­gen­den den Ankün­di­gungs­text der Veranstaltung.

Wei­tere Infor­ma­tio­nen wer­den zu gege­be­ner Zeit hier auf Untie­fen und auf dem Insta­gra­m­ac­count der Innen­re­vi­sion Kul­tur­be­trieb veröffentlicht.


Zahl­rei­che anti­se­mi­ti­sche Dar­stel­lun­gen auf der Docu­menta 15 haben einen seit Jah­ren schwe­len­den Kon­flikt in die breite Öffent­lich­keit geholt – und alt­be­kannte Front­bil­dun­gen ver­schärft. Mitt­ler­weile kann ohne Über­trei­bung von einem Kul­tur­kampf gespro­chen wer­den. Gestrit­ten wird über eine ver­meint­li­che Kon­kur­renz zwi­schen der Erin­ne­rung an die Shoah und der Erin­ne­rung an deut­sche Kolo­ni­al­ver­bre­chen. Gestrit­ten wird nicht zuletzt auch über das jewei­lige Ver­hält­nis zu Israel. Spä­tes­tens durch die Beru­fung zweier Mit­glie­der des Künst­ler­kol­lek­tivs Ruan­grupa an die HFBK ist dies auch ein Ham­bur­ger Streit. Gerade im Kunst­feld wird er vehe­ment geführt. Das lässt die Frage auf­kom­men, ob zen­trale Begriffe in der aktu­el­len Selbst­be­schrei­bung künst­le­ri­scher Pra­xis nicht selbst ideo­lo­gi­sche Ele­mente ent­hal­ten, die gewollt oder unge­wollt anti­se­mi­ti­sche Welt­bil­der repro­du­zie­ren. Anhand der Begriffe Kol­lek­ti­vi­tät, Soli­da­ri­tät und Wider­stand stel­len sich die Gäste unse­rer drei­tei­li­gen Ver­an­stal­tungs­reihe die­ser wich­ti­gen, aber in der bis­he­ri­gen Debatte ver­nach­läs­sig­ten Frage.

Zwei­ter Teil: Soli­da­ri­tät
20. Sep­tem­ber 2023 – 19:30 Uhr
Cen­tral Congress

Kol­lek­ti­ves Arbei­ten hat sich im Kunst­feld eta­bliert. Eine sei­ner Grund­la­gen ist der Ruf nach Soli­da­ri­tät. Die Geschichte die­ses Rufes ist geprägt von poli­ti­schen Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gun­gen, erlebte aber immer wie­der auch ideo­lo­gi­schen Miss­brauch. Der Ruf nach Soli­da­ri­tät kann instru­men­tel­len Cha­rak­ter anneh­men, gerade weil er oft­mals im Namen der „Ande­ren“ spricht. So defi­niert Soli­da­ri­tät eben nicht nur die eigene Gruppenzugehörigkeit.

Gerade im indi­vi­dua­lis­ti­schen Kunst­feld sind Erzäh­lun­gen von kol­lek­ti­ver Soli­da­ri­tät beson­ders attrak­tiv. Das dor­tige Selbst­ver­ständ­nis, an der Seite von Mar­gi­na­li­sier­ten und Unter­drück­ten zu ste­hen, begüns­tigt die Vor­stel­lung von einer manich­ä­isch in gut und böse auf­ge­teil­ten Welt. Diese stark ver­ein­fachte Welt­sicht ist für Anti­se­mi­tis­mus beson­ders anschluss­fä­hig. In Tei­len des post­ko­lo­nia­len Dis­kur­ses wer­den Jüdin­nen und Juden als pri­vi­le­giert ange­se­hen. Als Opfer dür­fen sie nur in der Ver­gan­gen­heit in Erschei­nung tre­ten. Nicht zuletzt die im Kunst­feld stark affir­mierte BDS-Bewegung pro­pa­giert eine Form der Soli­da­ri­tät, die Gewalt und Chau­vi­nis­mus igno­riert, solange sie von der ver­meint­lich rich­ti­gen Seite ausgehen.

Bei der zwei­ten Ver­an­stal­tung der Reihe „Welt­bil­der der zeit­ge­nös­si­schen Kunst“ dis­ku­tie­ren unsere Gäste über die Ein- und Aus­schlüsse von Soli­da­ri­täts­ap­pel­len und ihren mit­un­ter selbst­re­fe­ren­ti­el­len Cha­rak­ter. Sie spre­chen über die Attrak­ti­vi­tät des Soli­da­ri­täts­be­griffs für das Kunst­feld, über die Unmög­lich­keit, den Ruf nach Soli­da­ri­tät von Ambi­va­len­zen frei zu hal­ten und über einige klas­si­sche Ste­reo­type anti­se­mi­ti­scher Propaganda.

Es dis­ku­tie­ren:

- Vol­ker Weiß (His­to­ri­ker & Autor, Hamburg)

- Shahrzad Eden Osterer (Autorin & Jour­na­lis­tin, München)

- Petja Dimit­rova (Akti­vis­tin & Künst­le­rin, Wien)

mit einem Video-Input von Julia Bern­stein (Sozio­lo­gin & Mit­glied im Begleit­gre­mium der Docu­menta 15)

mode­riert von Fabian Bechtle & Leon Kahane (Künst­ler, Forum demo­kra­ti­sche Kul­tur und zeit­ge­nös­si­sche Kunst)

Eine Ver­an­stal­tung von: FORUM DEMOCRATIC CULTURE CONTEMPORARY ART & Innen­re­vi­sion Kul­tur­be­trieb
Geför­dert von: Bun­des­zen­trale für poli­ti­sche Bil­dung
Unter­stützt von: bag­rut e.V. & Die Untüch­ti­gen & Stadt­ma­ga­zin Untie­fen & Tex­tem Verlag

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10.09.: Bremer ›Arisierungs‹-Mahnmal (+Video Vortrag Henning Bleyl)

Der Stachel sitzt: Das Bremer ›Arisierungs‹-Mahnmal ist da

In Bre­men wird die­sen Sonn­tag, 10.09., ein lang erkämpf­tes Mahn­mal für den Raub jüdi­schen Eigen­tums im Natio­nal­so­zia­lis­mus ein­ge­weiht. Untie­fen ver­öf­fent­licht den Mit­schnitt der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung mit dem Initia­tor Hen­ning Bleyl vom letz­ten Jahr und erin­nert an die offe­nen Auf­ga­ben für Hamburg.

Die Bau­stelle des neuen Mahn­mals in Bre­men. Im Hin­ter­grund die Zen­trale von Kühne + Nagel. Foto: Evin Oettingshausen.

In Bre­men kommt die­sen Sonn­tag, den 10. Sep­tem­ber, eine lange Aus­ein­an­der­set­zung zu ihrem – vor­läu­fi­gen – Ende. Zwi­schen den Weser-Arkaden und der Wilhelm-Kaisen-Brücke, in Sicht­weite der Deutsch­land­zen­trale des Logis­tik­kon­zerns Kühne + Nagel, wird ein Mahn­mal zur Erin­ne­rung an den Raub jüdi­schen Eigen­tums wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus ein­ge­weiht. Die Nähe zu Kühne + Nagel ist gewollt: Der 1890 in Bre­men gegrün­dete, heute welt­weit dritt­größte Logis­ti­kon­zern hat von den han­se­städ­ti­schen Trans­port­un­ter­neh­men mit Abstand am meis­ten vom Raubs jüdi­schen Ver­mö­gens in der NS-Zeit pro­fi­tiert. Mit ihrem fak­ti­schen Mono­pol für den Abtrans­port geraub­ten jüdi­schen Eigen­tums aus Frank­reich und den Benelux-Ländern konnte Kühne + Nagel im Rah­men der soge­nann­ten „M‑Aktion“ (M für „Möbel“) des NS-Staates große Pro­fite machen und ihr Fir­men­netz­werk inter­na­tio­na­li­sie­ren. Der Anteils­eig­ner Adolf Maas, der den Ham­bur­ger Fir­men­stand­ort auf­baute – ein Jude – wurde 1933 aus der Firma gedrängt und spä­ter in Ausch­witz ermordet.

Trotz die­ser bekann­ten Zusam­men­hänge wei­gert sich Kühne + Nagel, vor allem in Per­son des Patri­ar­chen und Fir­men­er­ben Klaus-Michael Kühne (86) bis heute beharr­lich, die eigene Mit­tä­ter­schaft auf­zu­ar­bei­ten. Das nun fer­tig­ge­stellte Mahn­mal wider­spricht mit der Nähe zur K+N‑Zentrale die­ser spe­zi­el­len Ver­tu­schung. Es the­ma­ti­siert aber zugleich die gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Ver­drän­gung des Aus­ma­ßes der „Ari­sie­rung“ jüdi­sche Eigen­tums im Natio­nal­so­zia­lis­mus. Der Ent­wurf von Künstler*in Evin Oet­tings­hau­sen zeigt in einem lee­ren Raum nur Schat­ten geraub­ter Möbel – von die­sem Ver­bre­chen ist, ganz wört­lich, fast nichts zu sehen. Der Initia­tor der Mahnmals-Kampagne, der Bre­mer Jour­na­list Hen­ning Bleyl, schil­dert gegen­über Untie­fen, was die Kam­pa­gne für das Mahn­mal poli­tisch erreicht hat:

„Das Mahnmal-Projekt zeigt, dass man den Anspruch auf his­to­ri­sche Wahr­heit auch gegen­über einem hofier­ten Inves­tor durch­set­zen kann. Es war ein lan­ger Weg – aber jetzt führt die­ser Weg zur Ein­wei­hung eines unter brei­ter Bre­mer und inter­na­tio­na­ler Betei­li­gung ent­stan­de­nen Mahn­mals an der Weser, vor Küh­nes Haus­tür. Und das eigent­li­che Thema, Bre­mens Rolle als Hafen- und Logis­tik­stadt bei der euro­pa­wei­ten ‚Ver­wer­tung‘ jüdi­schen Eigen­tums, hatte im Lauf die­ses Pro­zes­ses viele Gele­gen­hei­ten, in der Gesell­schaft anzukommen.“

Klaus-Michael Kühne ist natür­lich auch in Ham­burg kein Unbe­kann­ter. Als Spon­sor und Mäzen stützt er den HSV, finan­ziert aber über seine Kühne-Stiftung auch das Phil­har­mo­ni­sche Staats­or­ches­ter, för­dert den Betrieb der Elb­phil­har­mo­nie und hob das das Har­bourfront Lite­ra­tur­fes­ti­val aus der Traufe. Dort finan­zierte er bis 2022 den jähr­lich ver­ge­be­nen Klaus-Michael Kühne-Preis für das beste Roman­de­büt. Bis letz­tes Jahr – nach einem Anschrei­ben der Untiefen-Redaktion – zwei der für den Preis nomi­nier­ten Autor:innen ihre Teil­nahme zurück­zo­gen. Grund war Kri­tik an der ver­wei­ger­ten Auf­ar­bei­tung der NS-Geschichte des Unter­neh­mens Kühne + Nagel. Diese Rück­tritte sorg­ten für einen Eklat, der einige öffent­li­che Kri­tik an Kühne nach sich zog, wäh­rend er und seine Stif­tung kei­ner­lei Ver­ständ­nis zeig­ten. Mit dem anschlie­ßen­den Rück­zug der Kühne-Stiftung aus der Finan­zie­rung des Fes­ti­vals und der Umbe­nen­nung des Prei­ses wurde die Debatte nach weni­gen Wochen vor­läu­fig beendet.

Im Novem­ber 2022 luden wir daher Hen­ning Bleyl ins Gän­ge­vier­tel ein, um über Kühne + Nagel und die Bre­mer Kam­pa­gne für ein ‚Arisierungs‘-Mahnmal zu spre­chen. Wer möchte kann Hen­ning Bleyls Vor­trag und das anschlie­ßende Dis­kus­sion nun hier auf You­tube nachhören.

Die zen­tra­len Fra­gen für Ham­burg blei­ben indes auch nach der Mahnmal-Einweihung in Bre­men unbe­ant­wor­tet: Warum gibt es in Ham­burg kei­nen kri­ti­schen Umgang mit der NS-Geschichte von Kühne + Nagel? Wie könn­ten Erin­ne­rung, Auf­klä­rung und Kon­se­quen­zen aus­se­hen? Wie kann mit Klaus-Michael Kühne als Kul­tur­spon­sor umge­gan­gen wer­den? Wel­che Pro­bleme der pri­va­ti­sier­ten Kul­tur­för­de­rung ste­hen dahinter?

Es bleibt span­nend, ob auch an der Elbe ein ein­deu­ti­ges Ein­tre­ten der Stadt­ge­sell­schaft für his­to­ri­sche Red­lich­keit erreich­bar ist

Die neue, 15. Aus­gabe des Harbour-Front-Literaturfestivals wird am 14. Sep­tem­ber eröff­net. Bleibt bis auf den Spon­so­ren­wech­sel und die Umbe­nen­nung in Sachen Kühne + Nagel in Ham­burg also alles beim schlech­ten Alten? Hen­ning Bleyl äußerte gegn­über Untie­fen die Erwar­tung, dass auch hier etwas pas­siert: „Es bleibt span­nend, ob auch an der Elbe ein ein­deu­ti­ges Ein­tre­ten der Stadt­ge­sell­schaft für his­to­ri­sche Red­lich­keit erreich­bar ist – trotz des von Kühne auf­ge­wen­de­ten enor­men kul­tu­rel­len und gesell­schaft­li­chen Kapi­tals. Denn das Eigen­tum der jüdi­schen Fami­lien, das Kühne + Nagel im Rah­men der ‚Aktion M‘ aus den besetz­ten Län­dern abtrans­por­tierte, wurde natür­lich auch in Ham­burg sehr bereit­wil­lig von gro­ßen Tei­len der Bevöl­ke­rung ‚über­nom­men‘. Die Stadt pro­fi­tierte in gro­ßem Stil von der Flucht jüdi­scher Men­schen, deren Eigen­tum im Hafen zurück­blieb, statt ver­la­den zu wer­den. Ich bin gespannt, wel­chen Umgang Ham­burg mit die­sem Erbe findet.“

Wie die Bre­mer Initia­tive erfolg­reich wurde, lässt sich in dem Mit­schnitt von Bleyls Vor­trag nach­hö­ren. Die Ein­wei­hung des Bre­mer Mahn­mals fin­det am Sonn­tag, 10.09., um 11 Uhr direkt vor Ort statt. Ab 18 Uhr folgt ein öffent­li­ches Vortrags- und Dis­kus­si­ons­pro­gramm in der Bre­mi­schen Bürgerschaft. 

Felix Jacob

Dokumente der Barbarei

Hermann Wilhelm Leopold Ludwig Wissmann, seit 1890 von Wissmann (* 4. September 1853 in Frankfurt (Oder); † 15. Juni 1905 in Weißenbach bei Liezen, Steiermark) war ein deutscher Abenteurer, Afrikaforscher, Offizier und Kolonialbeamter. Ursprünglicher Standort Dares Salam Tansania, später Universität Hamburg

Dokumente der Barbarei

Der Foto­graf Mar­kus Dorf­mül­ler erhielt 2022 für seine Arbeit zu den Spu­ren des Kolo­nia­lis­mus in Ham­burg den Georg-Koppmann-Preis. Gerade sind die Fotos im Museum der Arbeit zu sehen. Wir doku­men­tie­ren in unse­rer Foto­stre­cke eine Aus­wahl der Bilder.

Das Denk­mal von Her­mann Wiss­mann (1853–1905) wurde 1968 gestürzt. Foto (Aus­schnitt): M. Dorfmüller

»Es ist nie­mals ein Doku­ment der Kul­tur, ohne zugleich ein sol­ches der Bar­ba­rei zu sein. Und wie es selbst nicht frei ist von Bar­ba­rei, so ist es auch der Pro­zess der Über­lie­fe­rung nicht, in der es von dem einen an den ande­ren gefal­len ist.« Diese Sätze ste­hen in der sieb­ten der berühm­ten The­sen Über den Begriff der Geschichte, die Wal­ter Ben­ja­min 1940 nie­der­schrieb. Sie geben das Prin­zip der Arbei­ten Mar­kus Dorf­mül­lers vor, die aktu­ell in der Aus­stel­lung Eyes on Ham­burg im Museum der Arbeit zu sehen ist.

Unter Ben­ja­mins historisch-materialistischem Blick offen­ba­ren sich die ›Kul­tur­gü­ter‹ als Beute, die die Sie­ger der Geschichte in ihrem Tri­umph­zug mit­füh­ren. Die­sen ebenso prä­zi­sen wie kri­ti­schen Blick hat sich Dorf­mül­ler zu eigen gemacht. Seine Foto­gra­fien doku­men­tie­ren die Spu­ren des Kolo­nia­lis­mus ebenso wie sein Fort­wir­ken in der post­ko­lo­nia­len Gegen­wart Ham­burgs. Damit ste­hen sie quer zum auf­trump­fen­den Titel der Ausstellung.

Nicht immer sind die Spu­ren des Kolo­nia­lis­mus, dem sich der Reich­tum der Han­dels­stadt Ham­burg ver­dankt, über­haupt noch sicht­bar. Auch aus die­sem Grund sind die Fotos mit Bild­un­ter­schrif­ten ver­se­hen. Sie stel­len die ein­zel­nen Bil­der in ihren gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hang, infor­mie­ren über his­to­ri­sche Kon­texte und benen­nen Täter und Pro­fi­teure kolo­nia­ler Gewalt und Aus­beu­tung. In der Aus­stel­lung wird die­ses Kennt­lich­ma­chen von Zusam­men­hän­gen und Struk­tu­ren noch unter­stützt durch die kon­stel­lie­rende Hängung. 

Gegenwärtige Vergangenheit

Man­che der abge­bil­de­ten Orte und ihre kolo­niale Geschichte sind weit­ge­hend bekannt – etwa das Bis­marck­denk­mal oder das Afri­ka­haus (siehe dazu auch unsere eigene Bil­der­stre­cke über kolo­niale Spu­ren in Ham­burg). Viele Gegen­stände und Zusam­men­hänge hin­ge­gen wer­den den meis­ten Besucher:innen neu sein: etwa dass die Pri­vat­bank Don­ner & Reuschel ihr Ver­mö­gen maß­geb­lich kolo­nia­ler Aus­beu­tung ver­dankt; oder dass die Vor­stands­kon­fe­ren­zen der Uni­le­ver bis zu ihrem Umzug in die Hafen­city 2009 vor einer Intar­si­en­wand mit kolo­nia­ler Bild­spra­che statt­fan­den. Andere Foto­gra­fien wie­derum doku­men­tie­ren Spu­ren, die man leicht über­sieht, etwa die Grab­stät­ten und Gedenk­steine für Gene­räle deut­scher Kolo­ni­al­trup­pen oder für Palmölfabrikanten.

Man­che Fotos zei­gen Über­wun­de­nes – beson­ders ein­drück­lich die 1968 von Stu­die­ren­den gestürzte Wissmann-Statue, die nun lädiert, besprüht und mit einer Hals­krause ver­se­hen in einer Depot­kiste liegt. Die Fotos machen aber auch kennt­lich, wie unmit­tel­bar die kolo­niale Ver­gan­gen­heit bis­wei­len in die Gegen­wart hin­ein­reicht. Unver­hoh­len zeigt sich das in einer Skulp­tur auf der soge­nann­ten »Cof­fee Plaza« in der Hafen­city. Sie wurde dort 2009 von der Neu­mann Kaf­fee Gruppe, dem welt­größ­ten Kaf­fee­im­por­teur, errich­tet. Die Inschrift der sti­li­sier­ten Kaf­fee­bohne zeugt von einer Unbe­darft­heit, die sich auf Ver­ro­hung reimt: »Über 1 Mrd. Men­schen trin­ken täg­lich 3 Mrd. Tas­sen Kaf­fee, die 25 Mio. Fami­lien in 70 tro­pi­schen Län­dern ihre Exis­tenz bieten.«

Das Form­prin­zip von Dorf­mül­lers Foto­gra­fien ist so sach­lich wie effekt­voll. In ana­lo­gem 4x5-inch-Format foto­gra­fiert, kom­men sie ohne Gim­micks aus. Es gibt weder dra­ma­ti­sierte Kon­traste, noch Unschär­fen oder extreme Per­spek­ti­ven. Die Wir­kung ver­dankt sich viel­mehr ganz sub­ti­len Ver­fah­ren: Durch distan­zierte Tota­len etwa wird reprä­sen­ta­ti­ven Gebäu­den ihre impo­sante Wir­kung genom­men;1Dass Dorf­mül­ler haupt­be­ruf­lich Archi­tek­tur foto­gra­fiert, macht sich auf die­sen Bil­dern beson­ders bemerk­bar. Auf dem gemein­sam mit sei­ner Kol­le­gin Johanna Klier betrie­be­nen Instagram-Account fin­den sich viele ein­drück­li­che Archi­tek­tur­fo­to­gra­fien, die nicht zuletzt Gebäude vor ihrem (dro­hen­den) Abriss doku­men­tie­ren. und frag­men­tie­rende Bild­aus­schnitte kon­ter­ka­rie­ren die Wir­kungs­in­ten­tion von Denk­mä­lern, ver­mei­den die Repro­duk­tion ras­sis­ti­scher oder ste­reo­ty­per Darstellungen.

Der his­to­ri­sche Mate­ria­list, schreibt Ben­ja­min, »betrach­tet es als seine Auf­gabe, die Geschichte gegen den Strich zu bürs­ten«. Mar­kus Dorf­mül­ler zeigt ein­drück­lich, wie man die­ser Auf­gabe mit den Mit­teln der Foto­gra­fie gerecht wer­den kann.

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Eine Bro­schüre mit Mar­kus Dorf­mül­lers Fotos und Tex­ten steht zum Ver­kauf in allen Muse­ums­shops der Stif­tung His­to­ri­sche Museen Ham­burg. Die Aus­stel­lung Eyes on Ham­burg ist noch bis zum 3. Okto­ber 2023 im Museum der Arbeit in Barm­bek zu sehen. Neben der Foto­se­rie von Mar­kus Dorf­mül­ler sind in ihr Arbei­ten von Axel Beyer, Robin Hinsch, Sabine Bungert/Stefan Dol­fen, Alex­an­dra Polina und Irina Rup­pert vertreten.

Wir dan­ken Mar­kus Dorf­mül­ler für die freund­li­che Geneh­mi­gung, hier eine Aus­wahl sei­ner Bil­der zei­gen zu dür­fen. Sämt­li­che Rechte an den Bil­dern sowie den Bild­un­ter­schrif­ten lie­gen bei ihm.2Die Bild­un­ter­schrif­ten las­sen sich in der Foto­stre­cke durch Kli­cken bzw. Tip­pen auf das jewei­lige Bild aus- und wie­der einblenden.

Redak­tion Untiefen

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    Dass Dorf­mül­ler haupt­be­ruf­lich Archi­tek­tur foto­gra­fiert, macht sich auf die­sen Bil­dern beson­ders bemerk­bar. Auf dem gemein­sam mit sei­ner Kol­le­gin Johanna Klier betrie­be­nen Instagram-Account fin­den sich viele ein­drück­li­che Archi­tek­tur­fo­to­gra­fien, die nicht zuletzt Gebäude vor ihrem (dro­hen­den) Abriss dokumentieren.
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    Die Bild­un­ter­schrif­ten las­sen sich in der Foto­stre­cke durch Kli­cken bzw. Tip­pen auf das jewei­lige Bild aus- und wie­der einblenden.

„Der Antifeminismus hat heute eine Scharnierfunktion“

„Der Antifeminismus hat heute eine Scharnierfunktion“

Mit Femi­nis­mus kann heute Staat gemacht wer­den. Zugleich schei­nen anti­fe­mi­nis­ti­sche Posi­tio­nen in den Main­stream vor­zu­drin­gen. Und auch die Gewalt gegen Frauen, Les­ben, Inter- und Trans­per­so­nen sowie Agen­der nimmt zu. Der Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Flo­rian Hes­sel forscht zu Anti­fe­mi­nis­mus, Anti­se­mi­tis­mus und Ver­schwö­rungs­vor­stel­lun­gen, und ist Mit­glied des poli­ti­schen Bil­dungs­ver­eins Bag­rut e.V. Im Gespräch mit Untie­fen erklärt er, wie Anti­fe­mi­nis­mus heute funk­tio­niert und wer ihn in Ham­burg verbreitet.

Flo­rian Hes­sel beim Inter­view in der Zen­tra­len Biblio­thek Frau­en­for­schung, Gen­der und Queer Stu­dies. Foto: Untiefen

Untie­fen: Lie­ber Flo, Du hast Ende Juni in der Zen­tra­len Biblio­thek Frau­en­for­schung, Gen­der und Queer Stu­dies zusam­men mit Rebekka Blum sowie mit Ham­burg ver­netzt gegen Rechts eine Ver­an­stal­tung orga­ni­siert unter dem Titel „Anti­fe­mi­nis­mus (als anti­de­mo­kra­ti­sche Her­aus­for­de­rung) – All­tag und poli­ti­sche Mobi­li­sie­rung in Ham­burg”. Wir wür­den dazu gern ein paar Fra­gen ver­tie­fen und eure Ein­schät­zun­gen in Bezug auf Ham­burg auch jen­seits der Ver­an­stal­tung zugäng­lich machen. Zunächst würde uns aber inter­es­sie­ren wie Du eigent­lich, per­sön­lich und als Sozi­al­wis­sen­schaft­ler, zum Thema Anti­fe­mi­nis­mus gekom­men bist?

Flo­rian Hes­sel: Dafür war einer­seits ein per­sön­li­cher Kon­takt wich­tig: Meine Ver­eins­kol­le­gin Janne Misie­wicz hat ihre Bache­lor­ar­beit über die Bezie­hung von Anti­fe­mi­nis­mus und Anti­se­mi­tis­mus geschrie­ben und wir haben viel dis­ku­tiert und uns dann ent­schlos­sen, dazu gemein­sam einen Text zu schrei­ben. Auf der ande­ren Seite ist Anti­fe­mi­nis­mus ganz all­ge­mein in den letz­ten 10 Jah­ren viel sicht­ba­rer und wirk­mäch­ti­ger gewor­den. Die Grün­dung und Ent­wick­lung der AfD ist ein Grund dafür, aber viele andere Ent­wick­lun­gen spie­len mit hin­ein. Und als Per­son, als Wis­sen­schaft­ler, der sich im pro­gres­si­ven Spek­trum und als Femi­nist ver­or­tet, fühle ich mich auch ver­pflich­tet, jeder Form von Men­schen­feind­schaft ent­ge­gen zu treten.

Untie­fen: Ihr habt bei der Ver­an­stal­tung ja sicher nicht zufäl­lig den Begriff „Anti­fe­mi­nis­mus“ in den Mit­tel­punkt gestellt, und nicht etwa Frau­en­feind­schaft oder Sexis­mus. Warum habt ihr die­sen Fokus gewählt und was ver­stehst Du, was ver­steht ihr unter Antifeminismus?

Hes­sel: Ich würde die Begriffe erst­mal grund­sätz­lich so sor­tie­ren: Sexis­mus bezieht sich immer in irgend­ei­ner Form auf geschlechts­be­zo­gene Unter­schiede, aber nicht zwangs­läu­fig auf Frauen. Das kann posi­tiv oder nega­tiv for­mu­liert wer­den. Die klas­si­schen Aus­sa­gen, also etwa, dass Frauen emo­tio­na­ler seien und Män­ner sach­li­cher und so wei­ter, schrän­ken – jetzt allein auf die Indi­vi­duen bezo­gen – Men­schen glei­cher­ma­ßen ein, zum Bei­spiel wenn man sich als Mann ver­steht und dann meint, keine Gefühle zei­gen zu dürfen.

Frau­en­feind­schaft und Anti­fe­mi­nis­mus hin­ge­gen rich­ten sich immer gegen Frauen. Von­ein­an­der unter­schei­den las­sen sie sich am bes­ten his­to­risch. Frau­en­hass beglei­tet die gesamte Zivi­li­sa­ti­ons­ge­schichte, seit es patri­ar­chale Geschlecht­er­ord­nun­gen gibt. Anti­fe­mi­nis­mus ist dage­gen ein moder­nes Phä­no­men. Ursprüng­lich rich­tete er sich gegen den Kampf für das Frau­en­wahl­recht und die Gleich­be­rech­ti­gung von Frauen im Kai­ser­reich. Die deut­sche Publi­zis­tin Hed­wig Dohm hat mit ihrer Streit­schrift „Die Anti­fe­mi­nis­ten“ (1902) in die­sem Zusam­men­hang den Begriff erst­mals geprägt. Grund­sätz­lich defi­niert haben ihn dann Forscher:innen wie Her­rad Schenk in den 1980er Jah­ren und Ute Pla­nert in den 1990ern. Die Beschrei­bung, auf die man sich wis­sen­schaft­lich eini­gen kann, ist, dass Anti­fe­mi­nis­mus eine Reak­tion auf Bemü­hun­gen um Gleich­be­rech­ti­gung im Geschlech­ter­ver­hält­nis ist. Diese Defi­ni­tion bezieht sich also zum einen auf das Geschlech­ter­ver­hält­nis. Das mag uns zwar als tra­di­tio­nell und alt­her­ge­bracht erschei­nen. Aber was wir heute dar­un­ter ver­ste­hen, ist erst in der Moderne ent­stan­den, also die bür­ger­li­che Kern­fa­mi­lie, die nor­ma­tiv auf­ge­la­dene Arbeits­ver­tei­lung, die damit ver­bun­de­nen Geschlech­ter­rol­len und Rol­len­ste­reo­type und so wei­ter. Zum ande­ren geht es um die poli­ti­schen Kämpfe um Gleich­stel­lung, die auch ein Phä­no­men der Moderne sind.
Anti­fe­mi­nis­mus bezieht sich also ganz und gar auf die moderne, kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft und die eman­zi­pa­to­ri­schen Ten­den­zen in ihr. Als poli­ti­sche Bewe­gung rich­tet er sich offen gegen Gleich­be­rech­ti­gungs­be­mü­hun­gen. Ein his­to­ri­sches Bei­spiel ist der „Bund zur Ver­hin­de­rung der Frau­en­eman­zi­pa­tion“ im Kai­ser­reich. Auch heute gibt es solch einen orga­ni­sier­ten Anti­fe­mi­nis­mus, das hat etwa in der Grün­dung der AfD eine wich­tige Rolle gespielt. Noch wich­ti­ger als den Blick auf Anti­fe­mi­nis­mus als poli­ti­sche Bewe­gung finde ich aber, ihn auch als ein spe­zi­fi­sches Res­sen­ti­ment zu ver­ste­hen. Also als eine mit bestimm­ten Emo­tio­nen und Affek­ten auf­ge­la­dene und in ver­schie­de­nen Aus­prä­gun­gen auf­tre­tende, pro­jek­tive Ableh­nung der Ver­un­si­che­rung und des Unbe­ha­gens im Geschlech­ter­ver­hält­nis in der Moderne.

Untie­fen: Du unter­schei­dest also zwi­schen dem Res­sen­ti­ment als Mas­sen­phä­no­men und dem orga­ni­sier­ten Anti­fe­mi­nis­mus, also den Leu­ten, die sich poli­tisch unter die­sem Ban­ner zusam­men­fin­den. Gibt es denn, auch in Ham­burg, so etwas wie eine anti­fe­mi­nis­ti­sche Szene? Im Sinne von Leu­ten wie etwa Yan­nic Hendricks, die vor der Abschaf­fung des § 219a Ärzt:innen ange­zeigt haben, die Abtrei­bun­gen durch­füh­ren? Oder sind das in ers­ter Linie rechts­extreme Struk­tu­ren, die auch anti­fe­mi­nis­tisch sind? Wie wür­dest Du das einschätzen?

Hes­sel: Es gibt diese orga­ni­sier­ten Struk­tu­ren, auch in Ham­burg. Das genannte Bei­spiel ist ein klas­sisch anti­fe­mi­nis­ti­scher, frau­en­feind­li­cher Akteur. Zuerst aber: Gewalt gegen Frauen ist, auch in Ham­burg, weit ver­brei­tet. Für 2021 wur­den etwa 5000 Fälle von – teil­weise schwe­rer – Gewalt gegen Frauen gezählt. Und bei den Ham­bur­ger Frau­en­häu­sern suchen im Schnitt 4 Frauen pro Tag Hilfe, zugleich sind die Häu­ser durch­schnitt­lich zu 95 % belegt. Also oft voll­kom­men aus­ge­las­tet. Daher wird ja auch schon län­ger ein wei­te­res Frau­en­haus gefor­dert. Hof­fent­lich kommt das auch bald zu Stande.

Bevor wir zu kon­kre­ten anti­fe­mi­nis­ti­schen Akteur:innen in Ham­burg kom­men, ist es denke ich wich­tig noch etwas Kon­text her­zu­stel­len: Eine Beson­der­heit von Res­sen­ti­ments heute ist, dass sich fast nie­mand offen zu ihnen bekennt. Nie­mand will Ras­sist oder Anti­se­mit sein. Bei Anti­fe­mi­nis­mus ist das etwas anders: Er wird in der Öffent­lich­keit nur sehr sel­ten als Res­sen­ti­ment benannt, das Pro­blem ist wenig bekannt. Bestimmte Schlag­wör­ter wie „Gen­der­gaga“, „Gen­de­ris­mus“ oder „Frau­en­lobby“ sind in der Öffent­lich­keit ziem­lich frei im Umlauf, z.B. als Click­bait bei Spie­gel Online oder als Signal­wör­ter in sozia­len Medien. Anti­fe­mi­nis­mus hat daher heute eine starke Integrations- und Schar­nier­funk­tion, orga­ni­sa­to­risch aber auch ideo­lo­gisch. Die Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin Juliane Lang oder auch die Sozio­lo­gin Rebekka Blum haben das gut her­aus­ge­ar­bei­tet, sie spre­chen auch von einer „Brü­cken­ideo­lo­gie“. Das heißt ein­mal, Anti­fe­mi­nis­mus tritt heute meis­tens nicht allein auf, son­dern ver­bun­den mit ande­ren anti­mo­der­nen Res­sen­ti­ments. Wie diese Ver­schrän­kun­gen in Bezug auf Anti­fe­mi­nis­mus und Anti­se­mi­tis­mus, aber auch Ver­schwö­rungs­vor­stel­lun­gen funk­tio­nie­ren, haben Janne Misie­wicz und ich – hof­fent­lich anschau­lich – an einem exem­pla­ri­schen Fall ana­ly­siert. Der Kern ist in jedem Fall die Behaup­tung, gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rungs­pro­zesse oder soziale Bewe­gun­gen seien min­des­tens von außen mani­pu­liert, wür­den viel­leicht gar als Instru­mente zu ande­ren Zwe­cken erzeugt. Damit ein­her geht die Schaf­fung ent­spre­chen­der, meist per­so­nal iden­ti­fi­zier­ba­rer Feindbilder.

Wei­ter wird Anti­fe­mi­nis­mus – wie gesagt – vor allem durch Chif­fren und Schlag­wör­ter kom­mu­ni­ziert. Ein Schlag­wort wie „Gen­der­gaga“ wirkt dann wie ein Schar­nier zwi­schen Spek­tren, von der extre­men, neo­na­zis­ti­schen, völ­ki­schen oder Neuen Rech­ten bis tief in die soge­nannte bür­ger­li­che Mitte hin­ein. Man meint nicht immer genau das Glei­che, aber man kann sich auf eine gewisse Grund­lage eini­gen. Unter ande­rem dar­auf, dass man heute das Geschlech­ter­ver­hält­nis und „die Fami­lie“ vor „dem Femi­nis­mus“ in Schutz neh­men müsse. Dass also die Eman­zi­pa­tion weit­ge­hend rea­li­siert sei und nun aber zu weit gehe, sich jetzt gegen die Frauen selbst richte. Die Scharnier- und Inte­gra­ti­ons­funk­tion ist in die­ser Form eine Beson­der­heit des Anti­fe­mi­nis­mus heute, auch daher fin­det man wenig ori­gi­när anti­fe­mi­nis­ti­sche Akteur:innen.

Am nächs­ten kommt dem in Ham­burg die AfD. Andreas Kem­per oder auch Juliane Lang wei­sen schon seit der Par­tei­grün­dung dar­auf hin, dass der orga­ni­sierte Anti­fe­mi­nis­mus eine zen­trale Säule die­ser Par­tei ist – ideo­lo­gisch und orga­ni­sa­to­risch. Das zeigt sich etwa an den klei­nen Anfra­gen der AfD Bür­ger­schafts­frak­tion. 2019 fragte etwa der dama­lige Abge­ord­nete Harald Fein­eis den Senat, wann auch in Ham­burg Mut­ter und Vater zu „Eltern­teil 1“ und „Eltern­teil 2“ gegen­dert wür­den (Druck­sa­che 21/17515). Kleine Anfra­gen sind natür­lich ein wich­ti­ges par­la­men­ta­ri­sches Instru­ment, aber sie die­nen der AfD auch dazu, Struk­tu­ren und Insti­tu­tio­nen zu beschäf­ti­gen und poli­ti­sche Punkte vor­zu­brin­gen. Die Stim­mungs­ma­che gegen die angeb­li­che Rede von „Eltern­teil 1“ und „Eltern­teil 2“ ist – neben dem grund­sätz­li­chen Lächer­lich­ma­chen rea­ler Dis­kus­sio­nen um For­men geschlech­ter­ge­rech­ter Spra­che – für ver­schie­dene Rechte anschluss­fä­hig. Sie ist etwa auch ein zen­tra­ler Tal­king point von Vla­di­mir Putin. Wie er setzt die AfD-Anfrage schon vor­aus, dass es da so etwas wie eine Agenda gibt, Mut­ter und Vater durch geschlechts­neu­trale Bezeich­nun­gen zu erset­zen und fragt nur noch: Wann wird das passieren?

Untie­fen: Und lei­der war die Ant­wort des Senats nicht: Danke, dass sie fra­gen, das wird dann und dann pas­sie­ren – son­dern gewohnt einsilbig.

Hes­sel: Ja, genau, der Senat sagt nur: „Die zustän­dige Behörde hat sich damit noch nicht befasst. Der zustän­di­gen Behörde lie­gen keine Daten ent­spre­chend der Fra­ge­stel­lung vor.“

In der­sel­ben Anfrage fragte Fein­eis den Senat: „Mit wel­chen geschlechts­neu­tra­len Sprach- und Wort­krea­tio­nen beschäf­ti­gen sich die bei der Han­se­stadt ange­stell­ten Mit­ar­bei­ter, vor allem jene im ‚Zen­trum Gen­der­wis­sen‘ [sic!] aktu­ell?“. Das Zen­trum Gen­der­Wis­sen war der Vor­gän­ger des Zen­trums Gen­der und Diver­sity, zu dem die Biblio­thek gehört, in der wir hier gerade spre­chen. Diese Anfra­gen lan­den dann bei den Mitarbeiter:innen, die sich dann mit der Beant­wor­tung befas­sen müs­sen. Mit dem Ergeb­nis: „Dem Senat ist der­zeit keine Beschäf­ti­gung des Zen­trums Gen­der­wis­sen [sic!] mit dem Thema ‚geschlecht­er­neu­trale Spra­che‘ bekannt.“ Von die­sen Anfra­gen zu Geschlech­ter­for­schung und Gleich­stel­lungs­po­li­tik gibt es Dut­zende, die gehen mitt­ler­weile wahr­schein­lich in den drei­stel­li­gen Bereich. Ebenso in ande­ren Bun­des­län­dern und im Bundestag.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Akteur mit Schar­nier­funk­tion ist zumin­dest ein Teil der CDU. Der ehe­ma­lige Lan­des­vor­sit­zende Chris­toph Ploß hat sich da ja sehr her­vor­ge­tan. Zum Auf­takt des letz­ten Bun­des­tags­wahl­kampfs gab es in Ham­burg einen Par­tei­tag unter sei­ner Füh­rung. Haupt­thema war die For­de­rung, „Gen­der­spra­che“ zu ver­bie­ten. Der Hin­ter­grund war der­selbe wie bei der klei­nen Anfrage der AfD, näm­lich, dass der Senat den Ham­bur­ger Behör­den erlaubt hat, gen­der­sen­si­ble oder gen­der­neu­trale Anre­den zu ver­wen­den. Die CDU hat dar­aus gemacht: Hier soll uns etwas ver­bo­ten wer­den – das gehört ver­bo­ten. In die­ser Kon­stel­la­tion, die­ser Ver­keh­rung, liegt eine anschau­li­che Illus­tra­tion der pro­jek­ti­ven Logik von Res­sen­ti­ments. Das zielte ganz ein­deu­tig auf eine öffent­li­che Wir­kung, auf Affekte und Emo­tio­nen. Die wollte man mobi­li­sie­ren und in Wäh­ler­stim­men ummünzen.

Bei der CDU ist das ziem­lich instru­men­tell gedacht. Man hat das auch jetzt im Früh­jahr gese­hen, bei der berüch­tig­ten Ham­bur­ger „Volks­in­itia­tive gegen das Gen­dern in Schu­len und Behör­den“. Die CDU hat sich einer­seits von der Orga­ni­sa­to­rin Sabine Mer­tens distan­ziert, weil die rechts­of­fen und homo­phob auf­tritt. Zugleich aber will sie von der Initia­tive und den dadurch erhoff­ten Wäh­ler­stim­men nicht ablas­sen. Sie ver­sucht also von den Affek­ten zu pro­fi­tie­ren, die­sem „Man will uns hier von oben etwas aufdrücken“.

Schließ­lich noch zu den akti­vis­ti­schen Milieus: Das sind ein­zelne Per­so­nen oder kleine, oft eher lose Grup­pen, ange­fan­gen mit den bereits von Dir erwähn­ten Abtreibungsgegner:innen oder christlich-fundamentalistischen Grup­pie­run­gen. Die schei­nen mir aller­dings für Ham­burg keine beson­dere Bedeu­tung zu haben. Wich­ti­ger sind da gerade Zusam­men­hänge wie das über­schau­bare Netz­werk von Per­so­nen, das aktu­ell die Initia­tive gegen „Gen­der­spra­che“ betreibt. Eine ähn­li­che Struk­tur hat auch die Querdenken-Szene, und hier wur­den anti­fe­mi­nis­ti­sche Topoi im bun­des­wei­ten Ver­gleich in Ham­burg sehr stark bedient. Dazu gibt es einen aktu­el­len Bericht, ver­fasst unter ande­rem von Larissa Denk. Vor allem über die schon klas­sisch zu nen­nende Chif­fre der Kin­der, die vor Mas­ken und Pan­de­mie­maß­nah­men geschützt wer­den müss­ten – oder auch vor staat­li­chen Schu­len und dem, was dort über Geschlecht und Sexua­li­tät gelehrt wird. Das zeigte sich dann an Initia­ti­ven wie „Eltern ste­hen auf“. Die knüpft an einen der Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkte des orga­ni­sier­ten Anti­fe­mi­nis­mus in Deutsch­land an. In den Jah­ren 2014/2015 ent­stand aus der Agi­ta­tion gegen den Bil­dungs­plan in Baden-Württemberg die Bewe­gung „Demo für alle“. Diese „besorg­ten Eltern“ rich­te­ten und rich­ten sich gegen eine ver­meint­li­che „Früh­sexua­li­sie­rung“ und „Gen­de­ri­sie­rung“.

Trieb auch in Ham­burg sein Unwe­sen: Der anti­fe­mi­nis­ti­sche Akti­vist Yan­nic Hendricks. Foto: Hinnerk11 Lizenz: CC BY-SA 4.0

Untie­fen: Eine tra­gende Säule ist der Anti­fe­mi­nis­mus also bei den poli­ti­schen Par­teien eigent­lich nur bei der AfD. Auch die Taz hat die CDU im Zusam­men­hang mit der Volks­in­itia­tive gegen „Gen­der­spra­che“ als „nütz­li­che Idio­ten“ statt als Über­zeu­gungs­tä­ter bezeich­net. Und sicher stimmt es, dass der Ham­bur­ger Land­ver­band libe­ral ist. Aber: his­to­risch hat das die CDU ja nicht abge­hal­ten – siehe die von Beus/Schill-Koalition 2001–2003 – sich von popu­lis­ti­schen radi­ka­len Rech­ten zur Macht ver­hel­fen zu las­sen. Wenn wir momen­tan von einem Stimmen- und Macht­zu­wachs der AfD aus­ge­hen müs­sen: Könnte es sein, dass die CDU den Anti­fe­mi­nis­mus in Zukunft stär­ker als Thema (wieder-)entdecken wird? Eben weil er diese Schar­nier­funk­tion hat? Oder ist da das libe­rale Selbst­ver­ständ­nis doch zu wirksam?

Hes­sel: Libe­ral bedeu­tet bei der Ham­bur­ger CDU ja vor allem wirt­schafts­li­be­ral – im Sinne von: was gut für Hafen und Han­del ist, ist gut für die Stadt.

Untie­fen: Auch wenn das heißt, dass z.B. Frauen mit Kin­dern beim Container-Hafenbetrieb Euro­kai Teil­zeit­ar­beit sys­te­ma­tisch ver­wehrt wird.

Hes­sel: Ja. Aber die CDU ver­tritt den­noch einen moder­ni­sier­ten Kon­ser­va­tis­mus. Das ist ja eine der Errun­gen­schaf­ten der deut­schen poli­ti­schen Land­schaft nach 1945: Bestimmte Tra­di­ti­ons­li­nien der gro­ßen kon­ser­va­ti­ven poli­ti­schen Par­teien konn­ten wirk­lich abge­schnit­ten wer­den. Für Ham­burg teile ich die Ein­schät­zung der Taz, dass der aktu­elle Vor­sit­zende, Den­nis The­ring, kein Inter­esse an einer anti­fe­mi­nis­ti­schen Posi­tio­nie­rung hat. Aber den­noch will man es sich mit die­sem Wäh­ler­po­ten­tial nicht ver­scher­zen. Man manö­vriert, man ver­sucht es nicht zu offen­siv anzu­ge­hen, will sich diese The­men aber auch nicht ganz neh­men las­sen, weil es dann doch ein bestimm­tes inter­es­sier­tes Milieu gibt, das CDU wählt oder ver­meint­lich wäh­len könnte.

Bei der Bundes-CDU gibt es dage­gen sehr deut­li­che Zei­chen, dass das anti­fe­mi­nis­ti­sche Ticket stär­ker gezo­gen wer­den wird. Äuße­run­gen von Fried­rich Merz, aber auch die Rede von Clau­dia Pech­stein las­sen das erken­nen. Das ver­sucht einen recht weit ver­brei­te­ten libe­ra­len, bes­ser viel­leicht: liber­tä­ren Anti­li­be­ra­lis­mus zu mobi­li­sie­ren: Hier würde „dem Volk“ von „den Eli­ten“ in Ber­lin etwas auf­ge­drückt und das Leben mies­ge­macht. Wir sehen hier auch wie­der die schon erwähnte Ver­schrän­kung und Ver­mi­schung mit Ele­men­ten ande­rer Res­sen­ti­ments, von Intel­lek­tu­el­len­feind­lich­keit etwa, Ver­schwö­rungs­vor­stel­lun­gen und zumin­dest die Anschluss­fä­hig­keit an einen gewis­sen laten­ten Anti­se­mi­tis­mus. Mar­kus Söder hat schon im Früh­jahr gegen eine „Woke-Ideologie“ gewet­tert und gesagt: „Wir brau­chen keine Gedan­ken­po­li­zei, son­dern mehr Poli­zei auf den Stra­ßen.“ Sol­che Aus­sa­gen zei­gen schon in ihrer For­mu­lie­rung, man mobi­li­siert auto­ri­täre Bedürf­nisse en gros, gegen die Ver­un­si­che­run­gen und Her­aus­for­de­run­gen einer plu­ra­lis­ti­schen, diver­sen, hete­ro­ge­nen Gesellschaft.

Untie­fen: Wes­halb er dann auch die Grü­nen als poli­ti­schen Haupt­feind dar­stellt, statt die AfD, die ja poli­tisch offen­sicht­lich die viel grö­ßere Bedro­hung für die CDU/CSU ist.

Hes­sel: Genau. Und das ist nicht ein­mal stra­te­gisch klug. Die AfD ist mitt­ler­weile eine eta­blierte Par­tei und kann mit einem gewis­sen Erfolgs­ver­spre­chen locken. Gerade wenn Men­schen zwar gefühlt rebel­lie­ren wol­len, aber sich immer von Auto­ri­tä­ten und „der Mehr­heit“, vom „Wir“ gedeckt sehen wol­len, warum soll­ten die in die­ser Kon­stel­la­tion CDU wäh­len statt AfD? Der gefähr­li­che Effekt wird viel­mehr eine wei­tere Nor­ma­li­sie­rung auto­ri­tä­rer Hal­tun­gen und Ideo­lo­gie­frag­mente sein.

Untie­fen: Wenn wir noch­mal auf die Mas­se­ne­bene schauen: Anhand wel­cher Indi­ka­to­ren kann man able­sen, dass Anti­fe­mi­nis­mus als All­tags­phä­no­men zunimmt? Und: Was gibt er eigent­lich den Leu­ten, warum ver­fängt die­ses Res­sen­ti­ment immer wieder?

Hes­sel: Seit der vor­letz­ten Leip­zi­ger Auto­ri­ta­ris­mus­stu­die wer­den zum ers­ten Mal expli­zit anti­fe­mi­nis­ti­sche Ein­stel­lun­gen abge­fragt. Zum Bei­spiel durch Zustim­mung zu Aus­sa­gen wie: „Frauen machen sich in der Poli­tik häu­fig lächer­lich.“ Her­aus­ge­kom­men ist, dass aktu­ell 25 % der Befrag­ten ein zusam­men­hän­gen­des, anti­fe­mi­nis­ti­sches Welt­bild haben, bei Män­nern ist es jeder Dritte. Die Zustim­mung zu ein­zel­nen Items ist teil­weise noch höher. Wir kön­nen das aber auch able­sen an der Zunahme all­täg­li­cher, frauen- oder trans­feind­li­cher Gewalt – über ein paar Zah­len haben wir ja schon kurz gespro­chen – und an der Zunahme bestimm­ter Ver­öf­fent­li­chun­gen und öffent­li­cher Dis­kus­sio­nen, z.B. um gen­der­sen­si­ble Spra­che. Und nicht zuletzt eben am Erfolg der AfD, für die Anti­fe­mi­nis­mus von Beginn an zen­tral war.

Zur Frage, was es den Leu­ten gibt: Wie in allen Res­sen­ti­ments fin­det hier eine Umkeh­rung oder Ver­schie­bung statt. Kon­kret: Statt der Ver­un­si­che­rung und dem Unbe­ha­gen im Geschlech­ter­ver­hält­nis wird die Beschäf­ti­gung damit zum eigent­li­chen Pro­blem erklärt. Zum Bei­spiel in Form der Gen­der Stu­dies, über die Chif­fre „der Femi­nis­mus“, mit den Codes und Schlag­wör­tern, über die wir bereits gespro­chen haben. Es wird also auf eine auto­ri­täre, pro­jek­tive Weise auf gesell­schaft­li­che Wider­sprü­che und Kri­sen­ten­den­zen der moder­nen kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft reagiert. Man benennt angeb­lich Schul­dige und ver­sucht, das ganz reale Unbe­ha­gen durch eine „Rück­kehr“ zu einer Ord­nung zu besei­ti­gen, die es so nie gege­ben hat. Die vor­herr­schen­den Vor­stel­lun­gen von der bür­ger­li­chen Kern­fa­mi­lie – Vater, Mut­ter, gemein­same Kin­der, ver­hei­ra­tet, mit kla­rer Ord­nung von Auto­ri­tät und Macht – ent­spre­chen seit etwa 30 Jah­ren zuneh­mend weni­ger der Rea­li­tät. Fami­li­en­for­men haben sich ver­viel­fäl­tigt. Das hat natür­lich eman­zi­pa­to­ri­sche Momente, ist aber zugleich für uns alle auch höchst ver­un­si­chernd. Dahin­ter steht ja auch eine gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung, oft eine Pre­ka­ri­sie­rung der Arbeits­ver­hält­nisse und Berufs­bio­gra­phien, gene­rell eine Umver­tei­lung von Bil­dungs­res­sour­cen, von Lebens­chan­cen und von Reich­tum auf immer weni­ger Menschen.

Dar­auf reagiert Anti­fe­mi­nis­mus, des­halb sind Men­schen auch jen­seits ultra­kon­ser­va­ti­ver Milieus für ihn emp­fäng­lich. Wie jedes Res­sen­ti­ment kann aller­dings auch der Anti­fe­mi­nis­mus das Ver­spre­chen einer sta­bi­len, beru­hi­gen­den Ord­nung nie erfül­len. Das Geschlech­ter­ver­hält­nis, so hat es Rebekka Blum tref­fend in unse­rem Podi­ums­ge­spräch for­mu­liert, ist ja immer in der Krise, da bleibt also immer eine offene Wunde. Agi­ta­to­ren wol­len diese Wunde auch offen hal­ten, die Unruhe immer wie­der auf­wüh­len und diese Ener­gien dann in ihrem eige­nen Inter­esse lenken.

Untie­fen: Leo Löwen­thal hat das mal so aus­ge­drückt, dass das Unbe­ha­gen wie ein Juck­reiz ist, und statt zu einer hei­len­den The­ra­pie rät der Agi­ta­tor zum Krat­zen, was den Juck­reiz noch steigert.

Hes­sel: Ja, genau!

Untie­fen: Wir haben jetzt über rech­ten und bür­ger­li­chen Anti­fe­mi­nis­mus gespro­chen. Wie steht es mit Anti­fe­mi­nis­mus in migran­ti­schen Com­mu­ni­ties, wo es patri­ar­chale, kon­ser­va­tive Strö­mun­gen des Islam gibt? Das ist sicher von der Zahl der Anhänger:innen und vom Mobi­li­sie­rungs­po­ten­tial her deut­lich klei­ner, zugleich gibt es da doch viel offe­nere und umfang­rei­chere patri­ar­chale Ansprü­che. Wenn wir allein an die Isla­mis­ten vom IZH an der Außen­als­ter den­ken, die das patri­ar­chale Regime im Iran stüt­zen, aber auch hier Iraner:innen bedro­hen, die femi­nis­tisch kämp­fen. Oder an das Al-Azhari Insti­tut in St. Georg mit dem Imam Mah­moud Ahmed, der durch krass patri­ar­chale Pre­dig­ten auf­ge­fal­len ist, und wo es Demos gab mit sepa­ra­ten Frau­en­blö­cken etc. Wie wür­dest Du das im Ver­hält­nis zum rech­ten Anti­fe­mi­nis­mus ein­schät­zen? Ist der zurecht als grö­ße­res Pro­blem stär­ker auf dem Schirm? Oder soll­ten wir uns mehr auch um den isla­mi­schen Anti­fe­mi­nis­mus küm­mern und das im Blick behalten?

Hes­sel: Ich bin lei­der kein wirk­li­cher Ken­ner der isla­mis­ti­schen Szene in Ham­burg. Aber ich glaube, das ist ein gro­ßes Pro­blem. Wenn etwa die Hizb ut-Tahrir oder ihre Front­or­ga­ni­sa­tio­nen es schaf­fen, über Jahre in Ham­burg immer wie­der Demos im drei­stel­li­gen oder gar vier­stel­li­gen Bereich zu orga­ni­sie­ren, dann muss einem das zu den­ken geben. Frau­en­feind­schaft ist ein Kern­be­stand­teil jedes Isla­mis­mus, jedes poli­ti­schen Islam, dazu kommt der Anti­fe­mi­nis­mus, als Ver­län­ge­run­gen des­sen auch Schwu­len­feind­lich­keit, Trans­feind­lich­keit, Res­sen­ti­ments gegen que­ere Men­schen. All das sta­bi­li­siert patri­ar­chale Herr­schaft. Selbst der öster­rei­chi­sche Ver­fas­sungs­schutz hat kürz­lich expli­zit davor gewarnt, dass sich extrem rechte und isla­mis­ti­sche Akteure bis hin zur ter­ro­ris­ti­schen Szene – zusätz­lich zum Juden­hass – genau dar­auf eini­gen kön­nen: auf Queer- und Trans­feind­lich­keit, Schwu­len­feind­lich­keit und Anti­fe­mi­nis­mus. Ich glaube nicht, dass sich da offene Alli­an­zen erge­ben wer­den, zumin­dest nicht in Ham­burg. Aber als ein Hin­ter­grund­rau­schen gibt das zu den­ken. Erst vor eini­gen Mona­ten wur­den ja in Ham­burg isla­mis­ti­sche Anschlags­pläne auf­ge­deckt und ver­hin­dert. Andere, rechts­ter­ro­ris­ti­sche, zumin­dest durch Anti­fe­mi­nis­mus mit grun­dierte Atten­tate konn­ten nicht ver­hin­dert wer­den, etwa der Anschlag auf die Ver­samm­lung der Zeu­gen Jeho­vas in Als­ter­dorf im März. Es kann jeder­zeit zu auch expli­zit anti­fe­mi­nis­ti­schen Anschlä­gen in Ham­burg kom­men. Wer immer sich femi­nis­tisch enga­giert, ist in den Köp­fen von extrem rech­ten, isla­mis­ti­schen und ande­ren Anti­fe­mi­nis­ten ein legi­ti­mes Ziel.

Dage­gen wäre es wich­tig, die gerade statt­fin­den­den Kämpfe gegen patri­ar­chale Herr­schaft aller Art mehr wahr­zu­neh­men und zu unter­stüt­zen, allen voran etwa für mehr Schutz­räume wie Frau­en­häu­ser, aber eben auch den Kampf der Deutsch- und Exil-Iraner:innen in Hamburg.

Untie­fen: Danke für das Gespräch!