PRÜF – Franchise gegen ›Extremismus‹

PRÜF – Franchise gegen ›Extremismus‹

Im ver­gan­ge­nen Herbst grün­dete der Come­dian Nico Sems­rott die PRÜF-Kampagne. Ihre For­de­rung: die Prü­fung aller rechts­extre­men Par­teien durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Auch in Ham­burg wird seit Novem­ber monat­lich für diese For­de­rung demons­triert. Inhalt­lich und orga­ni­sa­to­risch liegt aber eini­ges im Argen.

Die­ses Schild wäre bei PRÜF wohl uner­wünscht. Kund­ge­bung in Ber­lin, 12. Januar 2024. Foto: Leon­hard Lenz/Wikimedia Commons.

Auf Initia­tive des Come­di­ans Nico Sems­rott, von 2019 bis 2024 Euro­pa­par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ter der PARTEI, for­miert sich eine neue poli­ti­sche Bewe­gung in Deutsch­land. Sie nennt sich PRÜF (kurz für »Prü­fung ret­tet übri­gens Frei­heit«) und for­dert, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt alle vom Ver­fas­sungs­schutz als rechts­extre­mer Ver­dachts­fall oder als gesi­chert rechts­extrem beob­ach­te­ten Par­teien auf ihre Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit prü­fen solle – vor allem natür­lich die AfD. Mit den Mit­teln des Rechts­staats und im Ver­trauen dar­auf, »dass es eine sehr große Mehr­heit gibt gegen Rechts­extre­mis­mus in die­sem Land«, wie Sems­rott in einem Youtube-Video vom Okto­ber 2025 bekun­det, möchte die Kam­pa­gne die Demo­kra­tie ver­tei­di­gen, indem man prüft, durch was und wen sie ange­grif­fen wird.

PRÜF ver­folgt das Ziel, im Bun­des­rat eine Mehr­heit für ein Prüf­ver­fah­ren zusam­men­zu­be­kom­men. Darum fin­den nun an jedem zwei­ten Sams­tag eines Monats Demos in (poten­ti­ell allen) Lan­des­haupt­städ­ten statt – das nächste Mal somit am 14. März. Die Kam­pa­gne rekla­miert es als eige­nen Erfolg, dass schon in meh­re­ren Lan­des­par­la­men­ten ent­spre­chende Beschlüsse ver­ab­schie­det wur­den. Zuletzt stimmte die Ham­bur­gi­sche Bür­ger­schaft am 14. Januar einem von SPD und Grü­nen ein­ge­brach­ten Antrag zu, im Bun­des­rat ein abge­stuf­tes Prüf­ver­fah­ren für die AfD zu for­dern. Aktu­ell sind laut Zäh­lung der Kam­pa­gne nun 14 von 35 nöti­gen Stim­men im Bun­des­rat für das Anlie­gen gesi­chert. Das alles klingt zunächst über­zeu­gend. Doch das Bild trübt sich deut­lich, wenn man ein­mal genauer hinschaut.

Antifaschismus ohne Antifa?

Die For­de­rung nach einem Ver­bots­ver­fah­ren gegen die AfD wird seit Jah­ren erho­ben. Im Januar 2024 etwa ver­öf­fent­lichte die Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schis­tin­nen und Anti­fa­schis­ten (VVN-BdA) die For­de­rung nach einem Ver­bots­an­trag. Im Juni 2024 grün­dete ein brei­tes Bünd­nis – von attac über die VVN-BdA und die Omas gegen Rechts bis hin zum Bun­des­ar­beits­kreis kri­ti­scher Jura­grup­pen – die Kam­pa­gne »Men­schen­würde ver­tei­di­gen – AfD-Verbot jetzt!«. Nach­dem der Ver­fas­sungs­schutz im Mai letz­ten Jah­res öffent­lich die Ein­stu­fung des Bun­des­ver­bands der AfD als »gesi­chert rechts­extrem« ver­kün­dete, brachte das der Kam­pa­gne und ihrer For­de­rung nach einem Ver­bot der Par­tei wei­tere Reso­nanz. In Ham­burg schloss sich nun etwa auch die Zweite Bür­ger­meis­te­rin Katha­rina Fege­bank der For­de­rung an. Am 11. Mai 2025 orga­ni­sierte das Ham­bur­ger Bünd­nis gegen Rechts zusam­men mit ande­ren Grup­pen eine Demo für ein AfD-Verbot und im Juli grün­dete sich eine Ham­bur­ger Lokal­gruppe der Kam­pa­gne »AfD-Verbot jetzt!«.

Man sollte erwar­ten, dass eine bun­des­weite Kam­pa­gne wie PRÜF an diese bestehen­den Struk­tu­ren anknüpft. Doch das Gegen­teil ist der Fall. Zwar lädt die Kam­pa­gne offen zum »Mit­ma­chen« in ihren Lokal­grup­pen ein. Doch eine Ver­net­zung mit ande­ren zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akteu­ren in Ham­burg fand und fin­det nicht statt. Einer Per­son aus dem Umfeld der Ham­bur­ger PRÜF-Lokalgruppe zufolge gab es in einem Telegram-Gruppenchat einen Aus­tausch über die mög­li­che Teil­nahme von Anti­fa­grup­pen. Die Organisator:innen spra­chen sich dage­gen aus.

Die PRÜF-Auftaktdemo am 8. Novem­ber 2025 in Ham­burg. Foto: privat

Mitmachen als Simulation

Statt auf die lang­jäh­rige Erfah­rung und die poli­ti­sche Exper­tise anti­fa­schis­ti­scher Initia­ti­ven und Orga­ni­sa­tio­nen wie der VVN-BdA zu set­zen, will man Ein­zel­per­so­nen zur Betei­li­gung akti­vie­ren und so die poli­ti­sche ›Mitte‹ anspre­chen. Weg­wei­send für diese Aus­rich­tung war schon der Beginn der Kam­pa­gne.  Im Juni 2025 fand im Ham­bur­ger Cen­tral­ko­mi­tee die Show Sems­rott & Sems­rott statt, in der die bei­den Brü­dern Arne und Nico Sems­rott die Idee regel­mä­ßi­ger Demos erst­mals thematisierten.

Am 12. Okto­ber 2025 gab es dann, erneut im Cen­tral­ko­mi­tee, einen Auf­tritt Nico Sems­rotts mit dem Titel »Mal was ande­res«, den er selbst auf Insta­gram als eine »Mischung aus Comedy und, wenn ihr Bock habt, auch Frei­wil­li­gen­tref­fen« ankün­digte. Auf ein sati­ri­sches Büh­nen­pro­gramm zum AfD-Verbot folgte dort die Ver­kün­di­gung des Kam­pa­gnen­starts der PRÜF-Demos. Damit begann der Teil »Frei­wil­li­gen­tref­fen« des Events. Ein:e Besucher:in der Ver­an­stal­tung berich­tet gegen­über Untie­fen, dass auf der Bühne meh­rere Schil­der mit QR-Codes und Schlag­wor­ten zu sehen waren. Sinn­ge­mäß waren das: Bünd­nis­ar­beit, krea­tive Ideen, Men­schen bewe­gen, Finan­zen, Social Media und Größenwahn.

Die sechs QR-Codes führ­ten zu den jewei­li­gen Unter­grup­pen der Demo-Planungsgruppe auf Tele­gram, über die sich frei­wil­lige Mitstreiter:innen direkt ver­net­zen soll­ten. Das ver­meint­li­che Par­ti­zi­pa­ti­ons­an­ge­bot ent­puppte sich aller­dings schnell als Schein, denn alle Unter­grup­pen waren einem »Kern­team« von Campaigner:innen unter­ge­ord­net. Wur­den inner­halb der Grup­pen eigene Vor­schläge ein­ge­bracht, wur­den diese oft bewusst aus­ge­bremst und dis­kre­di­tiert, sagt ein ehe­ma­li­ges Mit­glied einer sol­chen Unter­gruppe gegen­über Untie­fen. Inputs und Ideen habe man gerne abge­grif­fen, die Ent­schei­dun­gen habe aber allein das »Kern­team« gefällt. Zu die­ser Intrans­pa­renz passt es, dass eine Anfrage von Untie­fen an PRÜF Ham­burg unbe­ant­wor­tet blieb.

Der zen­tra­lis­ti­sche Franchise-Charakter der Kam­pa­gne redu­ziert die­je­ni­gen, die sich an der Orga­ni­sa­tion der Demos betei­li­gen wol­len, zu aus­füh­ren­den Multiplikator:innen. Das wird auch auf der Mitmach-Website deut­lich: Die Kam­pa­gne prä­sen­tiert Slo­gans und Mitsing-Lieder, bie­tet Sti­cker und »Teil­nah­me­stem­pel­kar­ten« an sowie wei­tere Vor­la­gen im Cor­po­rate Design. Für die Simu­la­tion von Betei­li­gung sorgt die »PRÜF-Community«. Auf die­ser Web­site kann man seine Ideen ein­brin­gen und muss dann dar­auf hof­fen, dass sie von den übri­gen Mit­glie­dern der Com­mu­nity »hoch­ge­vo­tet« wer­den. Am meis­ten Stim­men erhiel­ten zuletzt Vor­schläge wie der, zur Demo am 14. Februar eine Blume mit­zu­brin­gen oder sich Anste­cker und Schil­der in Herz­form zuzu­le­gen, »um zu zei­gen, dass wir die Demo­kra­tie lie­ben – pas­send zum Valentinstag«.

Was hin­ge­gen nicht so gern gese­hen wird, sind poli­ti­sche Ana­ly­sen und expli­zite Kri­tik an der AfD. Ein Musi­ker, der auf der Bühne einer der ver­gan­ge­nen PRÜF-Demos auf­trat und anonym blei­ben will, berich­tete von einer de-facto-Zensur: Er sei vor sei­nem Auf­tritt »gebrieft« wor­den. Dabei habe man ihm expli­zit vor­ge­ge­ben, er solle auf der Bühne die AfD nicht benen­nen. Man will bei PRÜF keine Kam­pa­gne gegen etwas sein, son­dern für etwas: für die Demo­kra­tie, für das Grund­ge­setz, für die Frei­heit und dafür, dass »die Ord­nung ein­ge­hal­ten« wird, wie es ein Mit­glied des Orga­ni­sa­ti­ons­teams in einem Arte-Beitrag sagt. »Ord­nung muss sein« lau­tet einer der Slo­gans der Demos, und es zeigt sich, dass er auch jene anspre­chen soll, die ihn nicht nur augen­zwin­kernd verstehen.

Immer lustig bleiben

Die­sem Wil­len zur Posi­ti­vi­tät ent­spricht auch die Form der Demons­tra­tio­nen. Sie zeich­net sich durch auf­ge­setzte come­dy­hafte Mas­sen­taug­lich­keit aus. Die Demo-Moderation wird oft­mals von Stand-Up-Künstler:innen wie Anna Bart­ling, Flo­ren­tine Osche und Ana Lucía über­nom­men. Die Sprech­chöre – über­wie­gend als von der Demo­mo­de­ra­tion initi­ier­tes Call and Response kon­zi­piert – vari­ie­ren das Prüf-Thema in allen mög­li­chen For­men; Neu­dich­tun­gen auf bekannte Melo­dien sol­len zum Mit­sin­gen und ‑klat­schen ani­mie­ren. Auf die Melo­die von »If you’re happy and you know it« etwa soll man sin­gen: »Wenn du die Prü­fung willst, dann klat­sche bitte jetzt. / Wenn du die Prü­fung willst, dann klat­sche bitte jetzt. / Alles streng nach Pro­to­koll! Ja, das fin­den wir ganz toll! / Wenn du die Prü­fung willst, dann klat­sche bitte jetzt.«

Nico Sems­rott auf der re:publica 2025. Foto: Kaethe17/Wikimedia Com­mons, CC BY-SA 4.0.

Im Gespräch mit der Ham­bur­ger Obdach­lo­sen­zei­tung Hinz & Kunzt begrün­dete Nico Sems­rott diese Stra­te­gie damit, dass »die demo­kra­ti­sche Mehr­heit seit zehn Jah­ren die glei­chen Werk­zeuge nutzt und damit nicht wei­ter­kommt«. Natür­lich spricht nichts dage­gen, neue Wege aus­zu­pro­bie­ren. Allzu oft fol­gen linke Demos ein­ge­fah­re­nen Mus­tern und zei­gen wenig Bereit­schaft, ritua­li­sierte Abläufe kri­tisch zu reflek­tie­ren. Das von Sems­rott aus­ge­ge­bene Ziel, »dass es Spaß macht, an den Demos teil­zu­neh­men«, offen­bart aller­dings eine frag­wür­dige Prio­ri­tä­ten­set­zung ange­sichts der dra­ma­ti­schen poli­ti­schen Lage.

Wenn Sems­rott gegen­über Hinz & Kunzt außer­dem behaup­tet, Faschis­mus setze auf Angst und werde »wir­kungs­los, wenn wir Spaß haben und lachen«, ist das eine ekla­tante Fehl­ana­lyse. Die Rechte setzt min­des­tens ebenso sehr auf ›Spaß‹ wie auf Angst, ob sie nun ras­sis­ti­sche ›Witze‹ erzählt wie der NRW-Fraktionschef der AfD, in sozia­len Medien iro­ni­sche Memes ver­brei­tet oder aber ›lus­tige‹ Lied­texte grölt wie auf der AfD-Wahlparty in Bran­den­burg 2024. Die FAZ hat letz­tes Jahr sogar nach­ge­zählt: »Im Bun­des­tag lacht keine Frak­tion so oft wie die AfD.« Man muss also gar nicht Klaus The­we­leits Stu­die Das Lachen der Täter ken­nen, um zu sehen: Faschis­mus und Lachen gehö­ren zusammen.

Erfolg, wirklich?

An der Auftakt-PRÜF-Demo am 8. Novem­ber 2025 in Ham­burg nah­men rund 5.000 Men­schen teil. Die mediale Reso­nanz war groß – und ist es auch noch vier Monate spä­ter. Doch die Anzahl der Demo­teil­neh­men­den hat sich nicht signi­fi­kant erhöht und sta­gniert laut Poli­zei­an­ga­ben um die 5.000-Marke herum. Das würde Sems­rott aller­dings sicher nicht als Argu­ment gel­ten las­sen. Gegen­über Hinz & Kunzt sagte er über PRÜF: »Eigent­lich ist es Copy-Paste von erfolg­rei­chen Kam­pa­gnen der letz­ten Jahre: Die Bau­ern­de­mos lie­fen auch über Wie­der­ho­lung und an vie­len Orten, ›Fri­days for Future‹ genauso. Das waren erst mal sehr lang sehr wenig Leute und dann ist es groß gewor­den.« Er hätte auch noch PEGIDA erwäh­nen kön­nen, die ab 2014 von Dres­den aus­ge­hende völkisch-rassistische Mobi­li­sie­rung. Dann hätte er aber auch reflek­tie­ren müs­sen, dass PEGIDA und die Bau­ern­pro­teste mit ihren rech­ten For­de­run­gen wirk­sam waren, wäh­rend ‚Fri­days for Future‘ zwar zunächst Erfolge erzielte, inzwi­schen aber poli­tisch über­wie­gend geschei­tert ist.

Ist aber nicht der Beschluss der Ham­bur­gi­schen Bür­ger­schaft ein Erfolg der Kam­pa­gne? Die Schluss­fol­ge­rung der Organisator:innen jeden­falls lau­tet: »PRÜF wirkt«. Doch unab­hän­gig davon, wie groß der Bei­trag der PRÜF-Demos auf den Bür­ger­schafts­be­schluss war, sollte man sich die Frage stel­len, was genau er in der Rea­li­tät bedeu­tet. Der beschlos­sene Antrag ersucht den Senat, sich für eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe ein­zu­set­zen, die mit­hilfe von Unter­la­gen des Ver­fas­sungs­schut­zes prü­fen soll, ob ein Ver­bot der AfD aus­sichts­reich ist. Falls diese Prü­fung ergebe, »dass das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen [für ein Par­tei­ver­bots­ver­fah­ren] trag­fä­hig begrün­det wer­den kann«, solle der Senat sich auch auf Bun­des­ebene für ein Ver­bot einsetzen.

Alles auf Null: Das Kölner Urteil

Aber selbst dafür sind die Bedin­gun­gen inzwi­schen nicht mehr gege­ben. Der Antrag von SPD und Grü­nen war daran geknüpft, dass »das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln den Eil­an­trag der AfD ablehnt und die Ein­stu­fung der AfD als gesi­chert rechts­extrem ohne wei­tere Still­hal­te­zu­sage für ein zweit­in­stanz­li­ches Ver­fah­ren bestä­tigt«. Nun ist aber genau das nicht gesche­hen, dem Eil­an­trag der AfD wurde statt­ge­ge­ben. Der Bür­ger­schafts­be­schluss ist damit hin­fäl­lig. Ein Antrag der Links­frak­tion, der sich an der Bre­mer Bun­des­rats­in­itia­tive ori­en­tiert und den Beschluss nicht vom Köl­ner Urteil abhän­gig gemacht hätte, wurde am 14. Januar mit den Stim­men aller ande­ren Frak­tio­nen abgelehnt.

Was die PRÜF-Kampagne stolz als Erfolg ver­bucht, ist also die Prü­fung der Prü­fung – und selbst die ist durch das Köl­ner Urteil nun noch wei­ter in die Zukunft gerückt. Die Vor­schal­tung eines wei­te­ren Prü­fungs­schritts vor der Prü­fung durch das Ver­fas­sungs­ge­richt kos­tet uns aller­dings nicht nur Zeit, son­dern ver­schwen­det auch zusätz­li­che Res­sour­cen. Denn diese Prü­fung wurde und wird auf unter­schied­li­chen Ebe­nen schon längst durch­ge­führt: zivil­ge­sell­schaft­lich etwa 2023 vom Deut­schen Insti­tut für Men­schen­rechte, vom Zen­trum für poli­ti­sche Schön­heit und von der Gesell­schaft für Frei­heits­rechte; poli­tisch etwa im Rah­men von­Ein­zel­fall­prü­fun­gen und natür­lich in Form des 1.100-seitigen Gut­ach­tens des Ver­fas­sungs­schut­zes. Es bedarf, nach sorg­fäl­ti­ger Prü­fung des Autors, kei­ner wei­te­ren Arbeits­gruppe die­ser Art.

Das Bundesverfassungsgericht prüft

Zieht man die Par­al­lele zu den zwei NPD-Verbotsverfahren (2001–2003 und 2013–2017), fällt auf, dass im öffent­li­chen Dis­kurs damals wesent­lich deut­li­cher von einem geplan­ten Ver­bot gespro­chen wurde. Die Gründe für das Schei­tern der Ver­bots­an­träge lagen im ers­ten Ver­fah­ren ins­be­son­dere bei den vom Ver­fas­sungs­schutz ein­ge­setz­ten V‑Personen. Im zwei­ten Ver­fah­ren stellte das Ver­fas­sungs­ge­richt die Ver­fas­sungs­feind­lich­keit der NPD 2017 zwar fest, lehnte den Ver­bots­an­trag aber trotz­dem ab, weil es »an kon­kre­ten Anhalts­punk­ten von Gewicht« fehle, die es mög­lich erschei­nen lie­ßen, dass die Par­tei ihre Ziele auch erreiche.

Die Indi­zi­en­lage war im Ver­gleich zu heute ähn­lich. Der Grund für das Schei­tern des NPD-Verbots hin­ge­gen fällt bei der AfD ein­deu­tig weg: Die drän­gende Gefahr einer Macht­über­nahme der AfD ist real. Dafür, dass sie ihre ver­fas­sungs­feind­li­chen Ziele errei­chen könnte, gibt es aus­rei­chend »kon­krete Anhalts­punkte«. Das Framing der PRÜF-Kampagne, also die For­de­rung nach einer Prü­fung der Vor­aus­set­zun­gen für ein AfD-Verbot, lenkt somit vom eigent­li­chen Ziel ab und ist irre­füh­rend. Denn auch die For­de­rung nach einem AfD-Verbot beinhal­tet ja not­wen­di­ger­weise eine sol­che Prü­fung durch das Ver­fas­sungs­ge­richt. Daher bedeu­tet die For­de­rung nach einer Prü­fung eine Abschwä­chung der bereits seit Jah­ren von Antifaschist:innen erho­be­nen Ver­bots­for­de­rung. Der erhoffte stra­te­gi­sche Nut­zen solch einer Abschwä­chung, eine gewisse Mas­sen­taug­lich­keit und eine Erwei­te­rung des poli­ti­schen Spek­trums der Unterstützer:innen ins kon­ser­va­tive Lager hin­ein, macht ihre Nach­teile und Gefah­ren bei Wei­tem nicht wett.

Ungeprüfte Hufeisentheorie

Das wohl weit­rei­chendste stra­te­gi­sche Zuge­ständ­nis an die ›Mehr­heits­fä­hig­keit‹ der PRÜF-Demos ist aller­dings der Extre­mis­mus­be­griff, der ihnen unre­flek­tiert zugrunde liegt. Denn ohne den Begriff des (Rechts-)Extremismus kommt eine Kam­pa­gne, deren ein­zige For­de­rung sich allein auf die Ein­ord­nung des Ver­fas­sungs­schut­zes beruft, natür­lich nicht aus. Im PRÜF-FAQ lau­tet daher auch eine Frage: »Warum nicht auch links­extreme Par­teien prü­fen lassen?«

Statt den Extre­mis­mus­be­griff, auf den sich diese Frage beruft, prin­zi­pi­ell zurück­zu­wei­sen, wird die eigene Ant­wort for­mal begrün­det – iro­ni­scher­weise mit exakt dem Argu­ment, das vom Ver­fas­sungs­ge­richt 2017 auf die NPD ange­wen­det wurde: »Aktu­ell gibt es in Deutsch­land nur vier offen links­extre­mis­ti­sche Par­teien, die aber alle­samt bedeu­tungs­los sind, da sie bei Wah­len und im öffent­li­chen Dis­kurs keine Rolle spie­len. Zur­zeit sehen wir in ihnen kein Gefah­ren­po­ten­zial für unsere frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung und damit aktu­ell auch kei­nen Anlass, eine Über­prü­fung zu for­dern.« Das heißt: PRÜF wen­det sich nicht gegen Ver­bote lin­ker Par­teien und Orga­ni­sa­tio­nen, son­dern sieht aktu­ell bloß andere Prioritäten.

Von die­ser Größe ist PRÜF weit ent­fernt: Demons­tra­tion »Ham­burg steht auf«, 19.1.2024. Foto: Gerd-HH/Wikimedia Commons

Man möchte den PRÜF-Verantwortlichen und allen Teil­neh­men­den ein ande­res FAQ emp­feh­len, näm­lich das FAQ des Forums kri­ti­sche poli­ti­sche Bil­dung zum Thema Extre­mis­mus. Die zen­trale Gefahr des Extre­mis­mus­be­griffs und damit auch der PRÜF-Kampagne wird darin prä­zise beschrie­ben: »Behaup­tet wird, ›extre­mis­ti­sche‹ Hal­tun­gen seien ›ver­fas­sungs­feind­lich‹ und daher gegen die Demo­kra­tie oder wahl­weise gegen den Staat gerich­tet. Damit wer­den auch die Unter­schiede zwi­schen Staat, Demo­kra­tie und Gesell­schaft ver­wischt, die ja nicht ein und das­selbe sind.«

Genau diese Ineinsset­zung von Demo­kra­tie, Staat und ›unse­rer freiheitlich-demokratischen Grund­ord­nung‹ betreibt aller­dings die PRÜF-Kampagne, und das mit Sys­tem. Denn um die eigene Behaup­tung einer »gro­ßen Mehr­heit gegen Rechts­extre­mis­mus« zu glau­ben, muss diese Mehr­heit dis­kur­siv her­ge­stellt wer­den: als ›breite Mitte‹ gegen die ›extre­men Rän­der‹. Der gras­sie­rende ›Extre­mis­mus der Mitte‹ gerät so gar nicht in den Blick.

Prüft euch doch selbst

Und so muss man aus anti­fa­schis­ti­scher Per­spek­tive ein ernüch­tern­des Fazit zie­hen. Das Ref­raming der AfD-Verbotsdebatte durch die PRÜF-Kampagne ist ange­sichts der Dring­lich­keit der poli­ti­schen Situa­tion eine kon­tra­pro­duk­tive Ver­zö­ge­rung. Die hier­ar­chi­sche Demo-Organisation und der Aus­schluss poli­ti­scher Bünd­nisse ver­un­mög­li­chen, dass die Demos mehr wer­den als eine Zustim­mung zu ihrer eng gefass­ten For­de­rung. Und der unreflektiert-affirmative Bezug auf das Extre­mis­mus­kon­zept ist gefähr­lich für anti­fa­schis­ti­sches Enga­ge­ment und ver­schließt die Augen vor dem Pro­zess der Faschi­sie­rung, der kein Rand‑, son­dern ein Mehr­heits­phä­no­men ist.

Sti­cker an einem unge­prüf­ten Bau­ge­rüst am Schul­ter­blatt. Foto: privat.

Dabei wäre es gerade ange­sichts die­ser Faschi­sie­rung not­wen­dig, neue Bünd­nisse für eine anti­fa­schis­ti­sche Pra­xis zu schlie­ßen – eine Pra­xis, zu deren Zie­len auch die Zer­schla­gung der AfD gehö­ren sollte. Eine regel­mä­ßige Demons­tra­tion könnte an sich ein geeig­ne­ter Ort dafür sein, sich über unter­schied­li­che Milieus hin­weg ken­nen­zu­ler­nen und sich auch über eine begrenzte Kam­pa­gne hin­aus lang­fris­tig anti­fa­schis­tisch zu orga­ni­sie­ren. Doch die PRÜF-Demos lösen die­ses Poten­tial für die Ent­wick­lung neuer Bünd­nisse nicht ein. Antifaschist:innen jeden­falls kön­nen sich am 14. März und an allen fol­gen­den zwei­ten Sams­ta­gen im Monat eine andere Beschäf­ti­gung suchen.

Nico Paus­tian, März 2026

Der Autor ist Teil der Redak­tion Untie­fen und geht nicht auf Demos, um mit humo­ris­ti­schem Anstrich gegen die gesell­schaft­li­che Ver­schie­bung nach Rechts zu demonstrieren.

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