Antifa: Ein bewegender Blick zurück

Antifa: Ein bewegender Blick zurück

2024 lief der Doku­men­tar­film Antifa – Schul­ter an Schul­ter, wo der Staat ver­sagte im Kino. Jetzt ist er auf DVD erschie­nen. Der Film bie­tet einen Ein­blick in die Geschichte der Antifa-Bewegung der Neun­zi­ger. Die Zeit vor 1990, in die auch Ham­burgs ›Base­ball­schlä­ger­jahre‹ fal­len, kommt dabei jedoch zu kurz.

War das die Antifa-Grundausstattung der Neun­zi­ger? Foto: © Chris­tian Ditsch. 

»Bis zur Wie­der­ver­ei­ni­gung zeig­ten nur Schre­ber­gärt­ner und Neo­na­zis Deutsch­land­fah­nen, dann lie­fen plötz­lich fast alle mit Schwarz-Rot-Gold rum«, erin­nert sich Navid, der sich schon vor­her, in den Acht­zi­gern, als Kind mit Ras­sis­mus aus­ein­an­der­set­zen musste: »Ich bin ja ein Schwarz­kopf.« Dazu wird ein altes Aus­weis­foto ein­ge­blen­det. Navid ist aktiv in der radi­ka­len Lin­ken, war seit dem Grün­dungs­jahr 1990 bis zur Auf­lö­sung der Gruppe 2004 Mit­glied in der Göt­tin­ger Auto­no­men Antifa M, die in den neun­zigre Jah­ren sehr prä­sent war.

Fünf antifaschistische Perspektiven

Navid ist einer von fünf in den neun­zi­ger Jah­ren in staats­fer­nen anti­fa­schis­ti­schen Selbst­or­ga­ni­sie­run­gen Akti­ven, die für den Doku­men­tar­film Antifa – Schul­ter an Schul­ter, wo der Staat ver­sagte inter­viewt wur­den. Alle fünf sind bis heute poli­tisch aktiv, die Inter­views mit ihnen sind das Rück­grat des Films. Sie reden offen dar­über, was sie gemacht haben und warum. Die meis­ten von ihnen sind dabei auch selbst­kri­tisch, alle fünf sind daran inter­es­siert, ihre Erfah­run­gen zu tei­len, und machen sich Gedan­ken über eine Wei­ter­ent­wick­lung anti­fa­schis­ti­scher Aktivitäten.

Da ist Tors­ten, der sich als Jugend­li­cher in Qued­lin­burg in Sachsen-Anhalt gegen die Nazis im Ort orga­ni­sierte, um sich ihrer Angriffe erweh­ren zu kön­nen. Laura ist in Ost­ber­lin auf­ge­wach­sen und »von Geburt an poli­tisch, weil ich in eine jüdi­sche Fami­lie gebo­ren wurde«. Ein paar Monate nach dem Zusam­men­bruch der DDR stand an die Wand des Kon­sums bei ihr im Stadt­teil der Name ihres Groß­va­ters geschrie­ben, mit dem Zusatz: »Ver­ges­sen in Ausch­witz zu ver­ga­sen«. Sie warnte bereits Jahre vor der Selbst­ent­tar­nung des NSU 2011 in einem Arti­kel vor klei­nen Ter­ror­zel­len aus der Neo­na­zi­szene. Kessy ist seit 1998 in Kreuz­berg in den Berei­chen Recher­che und Archi­vie­rung im apa­biz tätig, dem Mitte der acht­zi­ger Jahre in Ber­lin gegrün­de­ten Antifa-Pressearchiv. Auf des­sen Mate­ria­lien grif­fen viele Medien zurück, als der NSU plötz­lich auch in der wei­te­ren Öffent­lich­keit Thema war. Nina war bis 1995 in der schleswig-holsteinischen Kreis­stadt Rends­burg in der Antifa aktiv, auch in der Ver­net­zung im nörd­lichs­ten Bun­des­land. Seit­dem wohnt sie in Ham­burg, und ist dort aktiv. Im Film ist sie auf anti­ras­sis­ti­schen Demons­tra­tio­nen in Ham­burg in der Jetzt­zeit zu sehen: All refu­gees wel­come. Und dann ist da der bereits erwähnte Navid, der von Göt­tin­gen aus auch an der AA/BO betei­ligt war, der ab 1992 von Grup­pen aus elf Städ­ten getra­ge­nen Anti­fa­schis­ti­schen Aktion/Bundesweite Orga­ni­sa­tion.  

Die fünf Inter­view­ten geben gerade durch ihre Unter­schied­lich­keit gute Ein­bli­cke in die Sicht­wei­sen und das Her­an­ge­hen staats­fer­ner Anti­fa­grup­pen in den neun­zi­ger und nuller Jah­ren. Schade ist, dass dabei nicht das gesamte Spek­trum radikal-linker Antifa zu sehen ist – die eigen­stän­dige migran­ti­sche Anti­fa­or­ga­ni­sie­rung rund um Anti­faşist Gen­ç­lik kommt ebenso wenig vor wie die femi­nis­ti­sche Fan­tifa, tra­di­ti­ons­links, gewerk­schaft­lich oder anti­deutsch ori­en­tierte Zusam­men­hänge. Aber das große Ver­dienst des Fil­mes ist es, an die Antifa der Neun­zi­ger zu erin­nern und Protagonist:innen selbst zu Wort kom­men zu lassen.

»dann lie­fen plötz­lich fast alle mit Schwarz-Rot-Gold rum«: Navid (Film­still).

Im Visier von Staat und Nazis

Dar­über hin­aus waren die Film­ma­cher in lin­ken Film-und Video­ar­chi­ven unter­wegs und haben eini­ges auf Magnet­bän­dern in VHS-Kassetten auf­ge­nom­me­nes Mate­rial und ana­loge Schwarz-Weiß-Fotos in ihre Doku­men­ta­tion mon­tiert. Antifa-Aktivitäten ste­hen dabei nicht im Zen­trum – von denen gibt es nur wenig Film­ma­te­rial, weil immer die Ver­fol­gung durch den Staat oder durch als »Anti-Antifa« tätige Neo­na­zis drohte. Die gegen­über Neo­na­zis meist untä­tige Staats­ge­walt fand die Akti­vi­tä­ten lin­ker Anti­fa­grup­pen oft verdächtig.

Navid schil­dert etwa das Ermitt­lungs­ver­fah­ren gegen die Auto­nome Antifa M. Die war in Göt­tin­gen und Süd­ost­nie­der­sach­sen mit ihrer ver­bind­li­chen Orga­ni­sie­rung, offen­si­ven Bünd­nis­po­li­tik und Öffent­lich­keits­ar­beit erfolg­reich und initi­ierte die größte auto­nome Orga­ni­sie­rung der neun­zi­ger Jahre: die AA/BO, ein bun­des­wei­ter Zusam­men­schluss mit Orts­grup­pen in vie­len Städ­ten. Im Juli 1994 wur­den 15 Woh­nun­gen, der linke Buch­la­den Rote Straße (der sich, wie sich gerade gezeigt hat, offen­bar immer noch im Visier des Ver­fas­sungs­schut­zes befin­det) und ein Büro des All­ge­mei­nen Stu­die­ren­den­aus­schus­ses (AStA) in Göt­tin­gen durch­sucht und Unmen­gen von Mate­rial beschlagnahmt.

Zunächst ermit­telte die Poli­zei wegen des halt­lo­sen Vor­wurfs der Bil­dung einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung, der spä­ter in den Vor­wurf der Bil­dung einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung umge­wan­delt wurde. Ermitt­lun­gen nach dem zugrunde lie­gen­den § 129 StGB ermög­li­chen den Ein­satz ver­deck­ter Ermittler:innen und die umfas­sende Aus­for­schung der Ver­däch­tig­ten. Gegen erst 34, dann doch ’nur‹ 17 Anti­fas wurde Anklage erho­ben. Die Ver­fah­ren wur­den aller­dings gegen Zah­lun­gen von Geld­stra­fen ein­ge­stellt. Navid schil­dert die Ermitt­lun­gen und die Anklage als mas­sive Beein­träch­ti­gung anti­fa­schis­ti­scher Arbeit: Man tele­fo­nierte nur noch aus Tele­fon­zel­len, es gab ver­ein­barte Code­wör­ter, schrift­lich wurde so wenig wie mög­lich fest­ge­hal­ten, fotografisch/filmisch über­haupt nichts Internes.

Antifaschistischer Selbstschutz

Die Ost­ber­li­ne­rin Laura ist lei­der nicht selbst zu sehen, son­dern wird von einer Schau­spie­le­rin nach­ge­spro­chen. Denn Laura sagt selbst über sich im nach­ge­spro­che­nen Text: »Wenn ich vor die Tür ging, war ich immer bewaff­net, denn ich war klein und schmäch­tig.« An ande­rer Stelle erklärt sie, dass sie, wenn sie in Bran­den­burg in etwas außer­halb von Ber­lin gele­ge­nen Klein­städ­ten wie Lud­wigs­felde oder Königs­wus­ter­hau­sen aus dem Zug stieg, »sofort 50 Nazis an der Backe hatte«. Sie beschäf­tigte sich selbst damit, Nazi­struk­tu­ren aus­zu­for­schen, ihre Tref­fen zu beob­ach­ten und zu foto­gra­fie­ren. Und sie gab sich unter fal­schem Namen als Nazi­sym­pa­thi­san­tin aus.

Um mit Nazis schrei­ben zu kön­nen, ohne ihre wirk­li­che Adresse preis­zu­ge­ben, klebte sie ihren fal­schen Namen auf unge­nutzte Brief­käs­ten leer­ste­hen­der Woh­nun­gen. Auf die­sem Weg kam sie auch an Lis­ten der Anti-Antifa mit Namen und Anschrif­ten von Nazi-Gegner:innen. Diese Lis­ten waren gefähr­lich – öfters kam es dazu, dass Nazis dort Genannte an ihren Adres­sen angrif­fen, Autos beschä­dig­ten, Woh­nungs­fens­ter einwarfen.

Tors­ten schil­dert die Angriffe von Neo­na­zis in sei­nem All­tag als Jugend­li­cher in den neun­zi­ger Jah­ren in Qued­lin­burg so anschau­lich, dass die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der er vom orga­ni­sier­ten Selbst­schutz spricht, abso­lut nahe­lie­gend ist. Um nicht dar­auf zu war­ten, wie­der ange­grif­fen zu wer­den, fin­gen Tors­ten und andere Anti­fas an, in Grup­pen sofort dort­hin zu fah­ren, wo ihnen ein Über­fall in der Klein­stadt gemel­det wurde, um dort »eine Ansage zu machen«. Ein­mal wurde ein Kon­zert im Nach­bar­ort abge­bro­chen, als eine grö­ßere Nazi­an­samm­lung das Jugend­zen­trum über­fal­len wollte. Alle Konzertbesucher:innen kamen den Über­fal­le­nen zu Hilfe und prü­gel­ten sich mit den Nazis. Diese Gegen­wehr hin­ter­ließ bei den Angrei­fern Ein­druck, »davon konn­ten wir eine Zeit­lang zeh­ren«, meint Torsten.

Kessy, die beim apa­biz Mate­rial über und von Nazis sam­melt und aus­wer­tet, erin­nert sich an eine fan­ta­sie­volle Aktion, mit der sie Daten von Nazis her­aus­be­ka­men, von denen sie bis dahin nicht die Namen, son­dern nur die Wohn­adres­sen kann­ten: Ein Kol­lege war für die Ber­li­ner Mor­gen­post als Abo­wer­ber unter­wegs und kam an deren Wer­be­ja­cken ran. Dann »bas­tel­ten wir uns ein For­mu­lar, wo man für ein hal­bes Jahr ein Gra­tis­abo der Mor­gen­post gewin­nen konnte – und die Nazis gaben in der Hoff­nung auf einen Gewinn ihre Adres­sen an«.

»wei­ter­hin rich­tig, Anti­fa­schis­tin zu sein«: Nina (Film­still).

Die Debatte um Militanz

Kessy spricht aber auch an, dass manch­mal einige Anti­fas »frei dreh­ten«, wenn es um Mili­tanz gegen Nazis ging: »Da fragte ich mich schon, wis­sen die eigent­lich, woge­gen und wofür sie jetzt da ste­hen?« Sie sei froh gewe­sen, wenn sich andere in Kon­fron­ta­tio­nen kör­per­lich weh­ren konn­ten – was sie nicht konnte. Aber die Gewalt­frage, sie ging eben über das Ver­hal­ten zur Selbst­ver­tei­di­gung hin­aus. Navid erzählt, dass sie ein­mal ein Mit­glied aus­schlie­ßen muss­ten – es hatte bei einer Aus­ein­an­der­set­zung noch auf den Kopf eines am Boden lie­gen­den Nazis ein­ge­tre­ten. Er betont den Grup­pen­kon­sens: nie­man­dem einen blei­ben­den Scha­den zufü­gen, nie­man­den kör­per­lich fürs Leben schädigen.

Auch Tors­ten betont die Grenze zwi­schen mili­tan­tem Selbst­schutz und Selbst­ver­tei­di­gung einer­seits, Schä­di­gung und Ernied­ri­gung ande­rer­seits. Als ein­mal ein bereits ent­klei­de­ter Nazi, der ori­en­tie­rungs­los durch ein Gleis­bett lief, wei­ter bewor­fen wor­den sei, sei er dazwi­schen gegan­gen. Tors­ten zieht hier auch eine Linie zu den Vor­wür­fen, die vor Gericht gegen die angeb­li­che Gruppe um die ange­klagte Antifa Lina aus Leip­zig erho­ben wur­den: Nazis angrei­fen um sie zu schä­di­gen. Selbst­jus­tiz. Über­schrei­tet man mit sol­chen kör­per­li­chen Angrif­fen nicht eine Grenze?, fragt sich Thors­ten. Und er erklärt nach­denk­lich: Heute kann ich keine Nazis jagen – dann müsste ich mich ja durch die Stadt prü­geln, bei den gan­zen AfD-Wählern. Lei­der brem­sen die Regis­seure eine Debatte hierzu aus – und schnei­den hin­ter Tors­tens Nach­denk­lich­keit eine von Nina geäu­ßerte Plat­ti­tüde: Natür­lich sei es wei­ter­hin rich­tig, Anti­fa­schis­tin zu sein.

Migrantische Selbstorganisierung

Dass das Thema hier nicht ver­tieft wird, ist eine ver­passte Gele­gen­heit, schließ­lich wurde die Debatte um Gewalt und Gegen­ge­walt in der Antifa der neun­zi­ger Jahre schon inten­siv geführt. Auch des­halb wäre es loh­nend gewe­sen, die Per­spek­tive der dama­li­gen Ber­li­ner Anti­faşist Gen­ç­lik ein­zu­be­zie­hen. Am 4. April 1992 atta­ckier­ten Antifaschist:innen in Ber­lin ein Tref­fen der neo­fa­schis­ti­schen Par­tei Deut­sche Liga für Volk und Hei­mat (DLVH). Im Laufe der Aus­ein­an­der­set­zung wurde deren Funk­tio­när Ger­hard Kaindl ersto­chen. Meh­rere andere Nazis wur­den verletzt. 

Poli­zei und Staats­schutz ermit­tel­ten gegen das Umfeld von Anti­faşist Gen­ç­lik wegen Mor­des und sechs­fa­chen Mord­ver­suchs. Die Gruppe löste sich unter dem Repres­si­ons­druck auf. 1994 wur­den sie­ben Anti­fas ange­klagt; drei wur­den wegen Kör­per­ver­let­zung mit Todes­folge zu jeweils drei Jah­ren Haft ver­ur­teilt, zwei wei­tere zu Bewäh­rungs­stra­fen. »Der ›Fall Kaindl‹ wurde in der auto­no­men Antifa-Bewegung der 1990er-Jahre breit dis­ku­tiert – meh­rere Antifa-Broschüren befass­ten sich inten­siv mit den poli­ti­schen und juris­ti­schen Fol­gen sowie mit ethi­schen Fra­gen von anti­fa­schis­ti­schem Selbst­schutz, von Mili­tanz und ihren Gren­zen«, heißt es dazu prä­gnant auf dem Blog anarchismus.at.

Die Per­spek­tive von Anti­faşist Gen­ç­lik hätte aber auch dar­über hin­aus einen tie­fe­ren Ein­blick in die migran­ti­sche Selbst­or­ga­ni­sie­rung gegen Neo­na­zis und ras­sis­ti­sche Gewalt ermög­licht, die im Film mehr Raum ver­dient gehabt hätte. Eine gute Ergän­zung zum Film ist daher die von Gür­sel Yıl­dırım kura­tierte Wand­zei­tung »Migran­ti­scher Wider­stand im Ham­burg der 90er Jahre«, die auf zwölf Tafeln auch über Ham­burg hin­aus kom­pakt infor­miert und als Wan­der­aus­stel­lung schon in vie­len deut­schen Städ­ten zu sehen war. Akti­vis­ti­scher Anti­ras­sis­mus und Anti­fa­schis­mus sind hier mit­ein­an­der verbunden.

»davon konn­ten wir eine Zeit­lang zeh­ren«: Tors­ten (Film­still).

Recherche oder Kampfsport?

Ein gro­ßes Ver­dienst des Films ist es, die anti­fa­schis­ti­sche Recher­che­ar­beit in den Vor­der­grund zu stel­len, die stets mehr war und ist als müh­same Auf­klä­rung, näm­lich Ana­lyse der Nazin­etz­werke und Kri­tik der Untä­tig­keit des Staa­tes. Im öffent­li­chen Bild der Antifa gerät die­ser meist wenig spek­ta­ku­läre Aspekt fast nie in den Blick. Wenn sich Grup­pen auf Anti­f­a­tref­fen gegen­sei­tig Foto­al­ben zei­gen, um Infor­ma­tio­nen zu den Gesich­tern aus­zu­tau­schen, kann das etwas von Brief­mar­ken­samm­ler­ver­ei­nen haben und ent­spricht nicht dem ver­brei­te­ten Bild vom mili­tan­ten Anti­fa­schis­mus. Antifa-Arbeit ist zum aller­größ­ten Teil gewaltfrei.

Im Film wird aller­dings mehr über Kampf­sport­übun­gen gere­det als über diese wich­tige Frage. Die Dar­stel­lung, dass sich aktive Anti­fas häu­fig an Kampf­sport­trai­ning zur Selbst­ver­tei­di­gung betei­li­gen wür­den, ver­stärkt der Film noch dadurch, dass Navid in einem Kampf­sport­trai­nings­raum inter­viewt wird. So ver­mit­telt der Film den fata­len Ein­druck, dass aktive Betei­li­gung an Anti­fa­grup­pen nur etwas für junge, sport­li­che Leute sei und repro­du­ziert ein vor allem aus femi­nis­ti­scher Per­spek­tive seit Lan­gem kri­ti­sier­tes Selbst- und Fremd­bild der Antifa.

Hamburgs Baseballschlägerjahre

Ärger­lich ist, wie der Film mit Archiv­ma­te­rial lin­ker Medi­en­zen­tren und Aus­schnit­ten aus Dokus umgeht: Da wer­den etwa Auf­nah­men aus dem Film »Red Cops« des selbst­or­ga­ni­sier­ten Medi­en­päd­ago­gi­schen Zen­trums (MPZ) aus Ham­burg hin­ein­mon­tiert. Die Red Cops waren eine Jugend­gruppe aus Ber­ge­dorf, in den acht­zi­ger Jah­ren ein Schwer­punkt der Naziskinhead-Szene. Dage­gen orga­ni­sier­ten sie sich als Gegen­wehr. Die Red Cops waren Teil einer Jugend­be­we­gung in Ham­burg, die sich nach der Ermor­dung Meh­met Kay­mak­çıs im Juli 1985 und Rama­zan Avcıs im Dezem­ber des­sel­ben Jah­res durch Nazis­kins her­aus­bil­dete – und die, anders als die Nazis­kin­be­we­gung, von der Ham­bur­ger Poli­zei noch vor 1989 zer­schla­gen wurde.1An die für die Com­mu­nity der Ein­ge­wan­der­ten aus der Tür­kei bis heute prä­sente Ermor­dung von Rama­zan Avcı erin­nert eine Initia­tive und ein Gedenk­ort, vgl. dazu das Inter­view des Autors mit Peri­han und Ünal Zeran: »Die Ermor­dung von Rama­zan Avcı war ein Wen­de­punkt in der Migra­ti­ons­ge­schichte.« Gras­wur­zel­re­vo­lu­tion 357, März 2011.

Diese Kon­tex­tua­li­sie­rung des Archiv­ma­te­ri­als wäre wich­tig gewe­sen, weil sie zeigt, dass es in West­deutsch­land auch schon vor 1989 Ter­ror von Neo­na­zis gab. Nicht ohne Grund war hier bei Untie­fen und danach auch im Buch von Felix Krebs und Flo­rian Schu­bert von »Ham­burgs Base­ball­schlä­ger­jah­ren« die Rede. Es war der – in Ham­burg beson­ders viru­lente – rechte Ter­ror der acht­zi­ger Jahre, auf den Nazi­ka­der dann im natio­na­len Coming Out nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung und dem Ende der alli­ier­ten Auf­sicht über Deutsch­land aufbauten.

Eine his­to­ri­sche Ein­ord­nung fehlt auch zu den im ers­ten Teil des Films gezeig­ten Film­aus­schnit­ten von Nazi­ver­samm­lun­gen, so dass nicht deut­lich wird, dass Nazi­ak­ti­vi­tä­ten von Beginn an zur Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (und unter­schwel­lig auch zur DDR) gehör­ten. Auch die Antifa-Aktivitäten ins­be­son­dere der sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jahre wer­den nicht benannt, obwohl die Ansätze der Neun­zi­ger im Wes­ten daran anschlos­sen. So ging etwa die Antifa-Aktivität des Kom­mu­nis­ti­schen Bun­des (KB) in Ham­burg in den sieb­zi­ger Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich gegen die von Michael Küh­nen mit sei­nen Adju­tan­ten Chris­tian Worch und Tho­mas Wulff geführte »Han­sa­bande« vor, die 1983 ver­bo­tene »Akti­ons­front Natio­na­ler Sozialisten/Nationale Akti­vis­ten« (ANS/NA). Nach­zu­le­sen ist die­ses wich­tige Kapi­tel der Antifa-Geschichte in der von der Antifa-Kommission des 1991 auf­ge­lös­ten KB 1994 ver­öf­fent­lich­ten Bro­schüre 1974–1994: 20 Jahre Neo­na­zis in Ham­burg.

»wis­sen die eigent­lich, woge­gen und wofür sie jetzt da ste­hen?«: Kessy (Film­still).

Rassistische Pogrome

Den the­ma­ti­schen Ein­stieg des Films bil­den die pogrom­ar­ti­gen Angriffe auf Flücht­lings­un­ter­künfte und Wohn­heime für migran­ti­sche Arbei­tende Anfang der Neun­zi­ger. Zu den Aus­schrei­tun­gen in Hoyers­werda 1991 ist ein Aus­schnitt aus einem Video­in­ter­view mit einem dama­li­gen Bewoh­ner zu sehen: Er schil­dert die Ableh­nung durch die ein­ge­ses­sene Bevöl­ke­rung. Und wie er und die ande­ren Bewohner:innen sich gegen von Nachbar:innen unter­stützte Angriffe von Nazis verteidigen.

Der Film beginnt mit der über Tage andau­ern­den gewalt­tä­ti­gen Bela­ge­rung der Zen­tra­len Auf­nah­me­stelle (ZASt) und dem direkt angren­zen­den Arbei­ter­wohn­heim in Rostock-Lichtenhagen 1992. Gezeigt wer­den auch die scho­ckie­ren­den Bil­der des bren­nen­den Hoch­hau­ses mit der prä­gnan­ten Son­nen­blu­men­sei­ten­fas­sade, wo Nazis unter dem Bei­fall von ver­sam­mel­ter Nach­bar­schaft Molotow-Cocktails in die unte­ren Woh­nun­gen werfen.

Nina erzählt im Inter­view, wie sie im Fern­se­hen die Bil­der der Angriffe gese­hen habe und wie sie mit ein paar Anti­fas in zwei Autos kurz­ent­schlos­sen aus Rends­burg nach Ros­tock gefah­ren seien. Hier wird deut­lich, was prak­ti­sche anti­fa­schis­ti­sche Soli­da­ri­tät bedeu­tet. Was im Film aber völ­lig fehlt, ist die Erfah­rung der Ohn­macht, die sowohl die ört­li­chen Anti­fas vom 1991 gegrün­de­ten Jugend­al­ter­na­tiv­zen­trum (JAZ) als auch die weni­gen Ange­reis­ten machten.

Rostock-Lichtenhagen als Zäsur

Zu die­sen ange­reis­ten Anti­fas gehörte auch der Autor. Mit drei Autos waren Aktive des »Anti­ras­sis­ti­schen Tele­fons« und der Gruppe K aus Ham­burg los­ge­fah­ren. Vor Ort war die Situa­tion nie­der­drü­ckend. Tags­über traute sich kein Antifa, in Rostock-Lichtenhagen zu demons­trie­ren: gegen große Teile der Bevöl­ke­rung, die, auch durch die Pas­si­vi­tät der aus Ham­burg ange­reis­ten Hun­dert­schaf­ten der Poli­zei, des aus Ham­burg stam­men­den Ros­to­cker Poli­zei­prä­si­den­ten und des Innen­mi­nis­ters von Mecklenburg-Vorpommern moti­viert, unge­hemmt ras­sis­tisch agierten?

Für mich war Rostock-Lichtenhagen eine Zäsur. Davor rich­tete sich Antifa gegen Nazi­ka­der­grup­pen und ‑schlä­ger. Danach ging es gegen die natio­nale deut­sche Mehr­heits­mei­nung. Am Sonn­tag­abend, dem 23. August 1992, stan­den rund 3000 Deut­sche vor der ZASt und dem Arbei­ter­wohn­heim, grö­lend und klat­schend, wäh­rend Steine und Molo­tow­cock­tails gewor­fen wur­den. In der Nacht auf Mon­tag, nach­dem die Angriffe abge­flaut waren und die Bela­ge­rung zum Schla­fen unter­bro­chen wurde, gab es dann eine kleine Antifa-Demo, viel­leicht 200 Leute. Die Ein­zi­gen, die von uns Notiz nah­men, war die Poli­zei, die einige Anti­fas ver­haf­tete.2Über die ganze Ent­wick­lung in Rostock-Lichtenhagen hat eine Gruppe aus dem JAZ Ros­tock 1992/93 mit Unter­stüt­zung des alter­na­ti­ven eng­li­schen Fern­seh­sen­ders Chan­nel Four den Film „The Truth Lies in Ros­tock“ gedreht und mon­tiert, der auf You­Tube kos­ten­frei stream­bar ist.

Danach ging es gegen die natio­nale deut­sche Mehr­heits­mei­nung. Rostock-Lichtenhagen, 2013. Foto: Timur Y/Wikimedia Commons.

Rostock-Lichtenhagen nicht als Nie­der­lage gegen die deutsch-nationale, über­mäch­tige Gewalt zu benen­nen, ist ein Feh­ler, durch den die Erzäh­lung des Films zu glatt wird. Für die Her­aus­bil­dung einer anti­deut­schen Ori­en­tie­rung bei vie­len radi­ka­len Lin­ken und Anti­fas in den neun­zi­ger Jah­ren war die Debatte um Kon­se­quen­zen aus die­ser Nie­der­lage prä­gend. Die Debatte um anti­deutsch oder anti­im­pe­ria­lis­tisch grun­dier­ten Anti­fa­schis­mus führte 2004 zur Auf­tei­lung der Göt­tin­ger Auto­no­men Antifa M in zwei Nach­fol­ge­grup­pen.3Beide Grup­pen bestehen bis heute: die anti­na­tio­nale Anti­fa­gruppe redi­cal M und die Anti­fa­schis­ti­sche Linke Inter­na­tio­nal. Schon 2001 hatte sich die AA/BO auf­ge­löst, es folg­ten inhalt­li­che und orga­ni­sa­to­ri­sche Neu­ori­en­tie­run­gen, oft ent­we­der in Rich­tung Inter­ven­tio­nis­ti­sche Linke oder zum eben­falls bun­des­wei­ten Bünd­nis Ums Ganze.

Obwohl der Film man­che Aspekte der Antifa-Geschichte zu glatt zieht und der his­to­ri­schen Genese des rech­ten Ter­rors der neun­zi­ger Jahre zu wenig Auf­merk­sam­keit schenkt, ist er ein loh­nen­der und bewe­gen­der Blick zurück. Dass vie­les im Film nur ange­ris­sen wer­den kann, was sich zu ver­tie­fen lohnt, ist auch den Fil­me­ma­chern des lin­ken Kol­lek­tivs left­vi­sion bewusst. Es ist sehr daran inter­es­siert, den Film für Ver­an­stal­tun­gen in lin­ken Räu­men zu ver­lei­hen, damit er auch im Rah­men von Debat­ten zur Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschichte der Antifa-Bewegung gezeigt wird. Jetzt kann der Film außer­dem auch zur pri­va­ten Nut­zung auf DVD erwor­ben und für wenig Geld als Stream gelie­hen wer­den.

Gas­ton Kir­sche, März 2026

Der Autor bewegte sich seit 1976 bis 1991 orga­ni­siert im Milieu des Kom­mu­nis­ti­schen Bun­des in Ham­burg und war in den neun­zi­ger Jah­ren in der anti­deut­schen Gruppe K aktiv, danach in der gruppe demon­tage, eben­falls in Hamburg.


ANTIFA – Schul­ter an Schul­ter, wo der Staat ver­sagte, Deutsch­land 2024, 97 Min., Regie: Marco Heinig/Steffen Mau­rer, Dreh­buch: Marco Hei­nig, Kamera: Stef­fen Maurer/Arne Büttner/Roman Rohr, Schnitt: Marco Heinig/Luise Bur­chard, Ver­leih: left­vi­sion e.V., FSK: Ab 16, mit War­nung: »Bedro­hung«.
Link zum Strea­ming: https://www.antifa-film.de/stream
Link zur Orga­ni­sa­tion von Vor­füh­run­gen: https://www.antifa-film.de/film-zeigen-plakat-bestellen
Jetzt auch als DVD  mit Bonus­ma­te­rial (Trai­ler und Bil­der­ga­le­rie). Erhält­lich für 12 bis 15 Euro u.a. beim Label des Ver­leihs: https://shop.absolutmedien.de/ANTIFA-Schulter-an-Schulter-wo-der-Staat-versagte-DVD/4884215