Antifa: Ein bewegender Blick zurück
2024 lief der Dokumentarfilm Antifa – Schulter an Schulter, wo der Staat versagte im Kino. Jetzt ist er auf DVD erschienen. Der Film bietet einen Einblick in die Geschichte der Antifa-Bewegung der Neunziger. Die Zeit vor 1990, in die auch Hamburgs ›Baseballschlägerjahre‹ fallen, kommt dabei jedoch zu kurz.

»Bis zur Wiedervereinigung zeigten nur Schrebergärtner und Neonazis Deutschlandfahnen, dann liefen plötzlich fast alle mit Schwarz-Rot-Gold rum«, erinnert sich Navid, der sich schon vorher, in den Achtzigern, als Kind mit Rassismus auseinandersetzen musste: »Ich bin ja ein Schwarzkopf.« Dazu wird ein altes Ausweisfoto eingeblendet. Navid ist aktiv in der radikalen Linken, war seit dem Gründungsjahr 1990 bis zur Auflösung der Gruppe 2004 Mitglied in der Göttinger Autonomen Antifa M, die in den neunzigre Jahren sehr präsent war.
Fünf antifaschistische Perspektiven
Navid ist einer von fünf in den neunziger Jahren in staatsfernen antifaschistischen Selbstorganisierungen Aktiven, die für den Dokumentarfilm Antifa – Schulter an Schulter, wo der Staat versagte interviewt wurden. Alle fünf sind bis heute politisch aktiv, die Interviews mit ihnen sind das Rückgrat des Films. Sie reden offen darüber, was sie gemacht haben und warum. Die meisten von ihnen sind dabei auch selbstkritisch, alle fünf sind daran interessiert, ihre Erfahrungen zu teilen, und machen sich Gedanken über eine Weiterentwicklung antifaschistischer Aktivitäten.
Da ist Torsten, der sich als Jugendlicher in Quedlinburg in Sachsen-Anhalt gegen die Nazis im Ort organisierte, um sich ihrer Angriffe erwehren zu können. Laura ist in Ostberlin aufgewachsen und »von Geburt an politisch, weil ich in eine jüdische Familie geboren wurde«. Ein paar Monate nach dem Zusammenbruch der DDR stand an die Wand des Konsums bei ihr im Stadtteil der Name ihres Großvaters geschrieben, mit dem Zusatz: »Vergessen in Auschwitz zu vergasen«. Sie warnte bereits Jahre vor der Selbstenttarnung des NSU 2011 in einem Artikel vor kleinen Terrorzellen aus der Neonaziszene. Kessy ist seit 1998 in Kreuzberg in den Bereichen Recherche und Archivierung im apabiz tätig, dem Mitte der achtziger Jahre in Berlin gegründeten Antifa-Pressearchiv. Auf dessen Materialien griffen viele Medien zurück, als der NSU plötzlich auch in der weiteren Öffentlichkeit Thema war. Nina war bis 1995 in der schleswig-holsteinischen Kreisstadt Rendsburg in der Antifa aktiv, auch in der Vernetzung im nördlichsten Bundesland. Seitdem wohnt sie in Hamburg, und ist dort aktiv. Im Film ist sie auf antirassistischen Demonstrationen in Hamburg in der Jetztzeit zu sehen: All refugees welcome. Und dann ist da der bereits erwähnte Navid, der von Göttingen aus auch an der AA/BO beteiligt war, der ab 1992 von Gruppen aus elf Städten getragenen Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation.
Die fünf Interviewten geben gerade durch ihre Unterschiedlichkeit gute Einblicke in die Sichtweisen und das Herangehen staatsferner Antifagruppen in den neunziger und nuller Jahren. Schade ist, dass dabei nicht das gesamte Spektrum radikal-linker Antifa zu sehen ist – die eigenständige migrantische Antifaorganisierung rund um Antifaşist Gençlik kommt ebenso wenig vor wie die feministische Fantifa, traditionslinks, gewerkschaftlich oder antideutsch orientierte Zusammenhänge. Aber das große Verdienst des Filmes ist es, an die Antifa der Neunziger zu erinnern und Protagonist:innen selbst zu Wort kommen zu lassen.

Im Visier von Staat und Nazis
Darüber hinaus waren die Filmmacher in linken Film-und Videoarchiven unterwegs und haben einiges auf Magnetbändern in VHS-Kassetten aufgenommenes Material und analoge Schwarz-Weiß-Fotos in ihre Dokumentation montiert. Antifa-Aktivitäten stehen dabei nicht im Zentrum – von denen gibt es nur wenig Filmmaterial, weil immer die Verfolgung durch den Staat oder durch als »Anti-Antifa« tätige Neonazis drohte. Die gegenüber Neonazis meist untätige Staatsgewalt fand die Aktivitäten linker Antifagruppen oft verdächtig.
Navid schildert etwa das Ermittlungsverfahren gegen die Autonome Antifa M. Die war in Göttingen und Südostniedersachsen mit ihrer verbindlichen Organisierung, offensiven Bündnispolitik und Öffentlichkeitsarbeit erfolgreich und initiierte die größte autonome Organisierung der neunziger Jahre: die AA/BO, ein bundesweiter Zusammenschluss mit Ortsgruppen in vielen Städten. Im Juli 1994 wurden 15 Wohnungen, der linke Buchladen Rote Straße (der sich, wie sich gerade gezeigt hat, offenbar immer noch im Visier des Verfassungsschutzes befindet) und ein Büro des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) in Göttingen durchsucht und Unmengen von Material beschlagnahmt.
Zunächst ermittelte die Polizei wegen des haltlosen Vorwurfs der Bildung einer terroristischen Vereinigung, der später in den Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung umgewandelt wurde. Ermittlungen nach dem zugrunde liegenden § 129 StGB ermöglichen den Einsatz verdeckter Ermittler:innen und die umfassende Ausforschung der Verdächtigten. Gegen erst 34, dann doch ’nur‹ 17 Antifas wurde Anklage erhoben. Die Verfahren wurden allerdings gegen Zahlungen von Geldstrafen eingestellt. Navid schildert die Ermittlungen und die Anklage als massive Beeinträchtigung antifaschistischer Arbeit: Man telefonierte nur noch aus Telefonzellen, es gab vereinbarte Codewörter, schriftlich wurde so wenig wie möglich festgehalten, fotografisch/filmisch überhaupt nichts Internes.
Antifaschistischer Selbstschutz
Die Ostberlinerin Laura ist leider nicht selbst zu sehen, sondern wird von einer Schauspielerin nachgesprochen. Denn Laura sagt selbst über sich im nachgesprochenen Text: »Wenn ich vor die Tür ging, war ich immer bewaffnet, denn ich war klein und schmächtig.« An anderer Stelle erklärt sie, dass sie, wenn sie in Brandenburg in etwas außerhalb von Berlin gelegenen Kleinstädten wie Ludwigsfelde oder Königswusterhausen aus dem Zug stieg, »sofort 50 Nazis an der Backe hatte«. Sie beschäftigte sich selbst damit, Nazistrukturen auszuforschen, ihre Treffen zu beobachten und zu fotografieren. Und sie gab sich unter falschem Namen als Nazisympathisantin aus.
Um mit Nazis schreiben zu können, ohne ihre wirkliche Adresse preiszugeben, klebte sie ihren falschen Namen auf ungenutzte Briefkästen leerstehender Wohnungen. Auf diesem Weg kam sie auch an Listen der Anti-Antifa mit Namen und Anschriften von Nazi-Gegner:innen. Diese Listen waren gefährlich – öfters kam es dazu, dass Nazis dort Genannte an ihren Adressen angriffen, Autos beschädigten, Wohnungsfenster einwarfen.
Torsten schildert die Angriffe von Neonazis in seinem Alltag als Jugendlicher in den neunziger Jahren in Quedlinburg so anschaulich, dass die Selbstverständlichkeit, mit der er vom organisierten Selbstschutz spricht, absolut naheliegend ist. Um nicht darauf zu warten, wieder angegriffen zu werden, fingen Torsten und andere Antifas an, in Gruppen sofort dorthin zu fahren, wo ihnen ein Überfall in der Kleinstadt gemeldet wurde, um dort »eine Ansage zu machen«. Einmal wurde ein Konzert im Nachbarort abgebrochen, als eine größere Naziansammlung das Jugendzentrum überfallen wollte. Alle Konzertbesucher:innen kamen den Überfallenen zu Hilfe und prügelten sich mit den Nazis. Diese Gegenwehr hinterließ bei den Angreifern Eindruck, »davon konnten wir eine Zeitlang zehren«, meint Torsten.
Kessy, die beim apabiz Material über und von Nazis sammelt und auswertet, erinnert sich an eine fantasievolle Aktion, mit der sie Daten von Nazis herausbekamen, von denen sie bis dahin nicht die Namen, sondern nur die Wohnadressen kannten: Ein Kollege war für die Berliner Morgenpost als Abowerber unterwegs und kam an deren Werbejacken ran. Dann »bastelten wir uns ein Formular, wo man für ein halbes Jahr ein Gratisabo der Morgenpost gewinnen konnte – und die Nazis gaben in der Hoffnung auf einen Gewinn ihre Adressen an«.

Die Debatte um Militanz
Kessy spricht aber auch an, dass manchmal einige Antifas »frei drehten«, wenn es um Militanz gegen Nazis ging: »Da fragte ich mich schon, wissen die eigentlich, wogegen und wofür sie jetzt da stehen?« Sie sei froh gewesen, wenn sich andere in Konfrontationen körperlich wehren konnten – was sie nicht konnte. Aber die Gewaltfrage, sie ging eben über das Verhalten zur Selbstverteidigung hinaus. Navid erzählt, dass sie einmal ein Mitglied ausschließen mussten – es hatte bei einer Auseinandersetzung noch auf den Kopf eines am Boden liegenden Nazis eingetreten. Er betont den Gruppenkonsens: niemandem einen bleibenden Schaden zufügen, niemanden körperlich fürs Leben schädigen.
Auch Torsten betont die Grenze zwischen militantem Selbstschutz und Selbstverteidigung einerseits, Schädigung und Erniedrigung andererseits. Als einmal ein bereits entkleideter Nazi, der orientierungslos durch ein Gleisbett lief, weiter beworfen worden sei, sei er dazwischen gegangen. Torsten zieht hier auch eine Linie zu den Vorwürfen, die vor Gericht gegen die angebliche Gruppe um die angeklagte Antifa Lina aus Leipzig erhoben wurden: Nazis angreifen um sie zu schädigen. Selbstjustiz. Überschreitet man mit solchen körperlichen Angriffen nicht eine Grenze?, fragt sich Thorsten. Und er erklärt nachdenklich: Heute kann ich keine Nazis jagen – dann müsste ich mich ja durch die Stadt prügeln, bei den ganzen AfD-Wählern. Leider bremsen die Regisseure eine Debatte hierzu aus – und schneiden hinter Torstens Nachdenklichkeit eine von Nina geäußerte Plattitüde: Natürlich sei es weiterhin richtig, Antifaschistin zu sein.
Migrantische Selbstorganisierung
Dass das Thema hier nicht vertieft wird, ist eine verpasste Gelegenheit, schließlich wurde die Debatte um Gewalt und Gegengewalt in der Antifa der neunziger Jahre schon intensiv geführt. Auch deshalb wäre es lohnend gewesen, die Perspektive der damaligen Berliner Antifaşist Gençlik einzubeziehen. Am 4. April 1992 attackierten Antifaschist:innen in Berlin ein Treffen der neofaschistischen Partei Deutsche Liga für Volk und Heimat (DLVH). Im Laufe der Auseinandersetzung wurde deren Funktionär Gerhard Kaindl erstochen. Mehrere andere Nazis wurden verletzt.
Polizei und Staatsschutz ermittelten gegen das Umfeld von Antifaşist Gençlik wegen Mordes und sechsfachen Mordversuchs. Die Gruppe löste sich unter dem Repressionsdruck auf. 1994 wurden sieben Antifas angeklagt; drei wurden wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu jeweils drei Jahren Haft verurteilt, zwei weitere zu Bewährungsstrafen. »Der ›Fall Kaindl‹ wurde in der autonomen Antifa-Bewegung der 1990er-Jahre breit diskutiert – mehrere Antifa-Broschüren befassten sich intensiv mit den politischen und juristischen Folgen sowie mit ethischen Fragen von antifaschistischem Selbstschutz, von Militanz und ihren Grenzen«, heißt es dazu prägnant auf dem Blog anarchismus.at.
Die Perspektive von Antifaşist Gençlik hätte aber auch darüber hinaus einen tieferen Einblick in die migrantische Selbstorganisierung gegen Neonazis und rassistische Gewalt ermöglicht, die im Film mehr Raum verdient gehabt hätte. Eine gute Ergänzung zum Film ist daher die von Gürsel Yıldırım kuratierte Wandzeitung »Migrantischer Widerstand im Hamburg der 90er Jahre«, die auf zwölf Tafeln auch über Hamburg hinaus kompakt informiert und als Wanderausstellung schon in vielen deutschen Städten zu sehen war. Aktivistischer Antirassismus und Antifaschismus sind hier miteinander verbunden.

Recherche oder Kampfsport?
Ein großes Verdienst des Films ist es, die antifaschistische Recherchearbeit in den Vordergrund zu stellen, die stets mehr war und ist als mühsame Aufklärung, nämlich Analyse der Nazinetzwerke und Kritik der Untätigkeit des Staates. Im öffentlichen Bild der Antifa gerät dieser meist wenig spektakuläre Aspekt fast nie in den Blick. Wenn sich Gruppen auf Antifatreffen gegenseitig Fotoalben zeigen, um Informationen zu den Gesichtern auszutauschen, kann das etwas von Briefmarkensammlervereinen haben und entspricht nicht dem verbreiteten Bild vom militanten Antifaschismus. Antifa-Arbeit ist zum allergrößten Teil gewaltfrei.
Im Film wird allerdings mehr über Kampfsportübungen geredet als über diese wichtige Frage. Die Darstellung, dass sich aktive Antifas häufig an Kampfsporttraining zur Selbstverteidigung beteiligen würden, verstärkt der Film noch dadurch, dass Navid in einem Kampfsporttrainingsraum interviewt wird. So vermittelt der Film den fatalen Eindruck, dass aktive Beteiligung an Antifagruppen nur etwas für junge, sportliche Leute sei und reproduziert ein vor allem aus feministischer Perspektive seit Langem kritisiertes Selbst- und Fremdbild der Antifa.
Hamburgs Baseballschlägerjahre
Ärgerlich ist, wie der Film mit Archivmaterial linker Medienzentren und Ausschnitten aus Dokus umgeht: Da werden etwa Aufnahmen aus dem Film »Red Cops« des selbstorganisierten Medienpädagogischen Zentrums (MPZ) aus Hamburg hineinmontiert. Die Red Cops waren eine Jugendgruppe aus Bergedorf, in den achtziger Jahren ein Schwerpunkt der Naziskinhead-Szene. Dagegen organisierten sie sich als Gegenwehr. Die Red Cops waren Teil einer Jugendbewegung in Hamburg, die sich nach der Ermordung Mehmet Kaymakçıs im Juli 1985 und Ramazan Avcıs im Dezember desselben Jahres durch Naziskins herausbildete – und die, anders als die Naziskinbewegung, von der Hamburger Polizei noch vor 1989 zerschlagen wurde.1An die für die Community der Eingewanderten aus der Türkei bis heute präsente Ermordung von Ramazan Avcı erinnert eine Initiative und ein Gedenkort, vgl. dazu das Interview des Autors mit Perihan und Ünal Zeran: »Die Ermordung von Ramazan Avcı war ein Wendepunkt in der Migrationsgeschichte.« Graswurzelrevolution 357, März 2011.
Diese Kontextualisierung des Archivmaterials wäre wichtig gewesen, weil sie zeigt, dass es in Westdeutschland auch schon vor 1989 Terror von Neonazis gab. Nicht ohne Grund war hier bei Untiefen und danach auch im Buch von Felix Krebs und Florian Schubert von »Hamburgs Baseballschlägerjahren« die Rede. Es war der – in Hamburg besonders virulente – rechte Terror der achtziger Jahre, auf den Nazikader dann im nationalen Coming Out nach der Wiedervereinigung und dem Ende der alliierten Aufsicht über Deutschland aufbauten.
Eine historische Einordnung fehlt auch zu den im ersten Teil des Films gezeigten Filmausschnitten von Naziversammlungen, so dass nicht deutlich wird, dass Naziaktivitäten von Beginn an zur Bundesrepublik Deutschland (und unterschwellig auch zur DDR) gehörten. Auch die Antifa-Aktivitäten insbesondere der siebziger und achtziger Jahre werden nicht benannt, obwohl die Ansätze der Neunziger im Westen daran anschlossen. So ging etwa die Antifa-Aktivität des Kommunistischen Bundes (KB) in Hamburg in den siebziger Jahren kontinuierlich gegen die von Michael Kühnen mit seinen Adjutanten Christian Worch und Thomas Wulff geführte »Hansabande« vor, die 1983 verbotene »Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten« (ANS/NA). Nachzulesen ist dieses wichtige Kapitel der Antifa-Geschichte in der von der Antifa-Kommission des 1991 aufgelösten KB 1994 veröffentlichten Broschüre 1974–1994: 20 Jahre Neonazis in Hamburg.

Rassistische Pogrome
Den thematischen Einstieg des Films bilden die pogromartigen Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und Wohnheime für migrantische Arbeitende Anfang der Neunziger. Zu den Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991 ist ein Ausschnitt aus einem Videointerview mit einem damaligen Bewohner zu sehen: Er schildert die Ablehnung durch die eingesessene Bevölkerung. Und wie er und die anderen Bewohner:innen sich gegen von Nachbar:innen unterstützte Angriffe von Nazis verteidigen.
Der Film beginnt mit der über Tage andauernden gewalttätigen Belagerung der Zentralen Aufnahmestelle (ZASt) und dem direkt angrenzenden Arbeiterwohnheim in Rostock-Lichtenhagen 1992. Gezeigt werden auch die schockierenden Bilder des brennenden Hochhauses mit der prägnanten Sonnenblumenseitenfassade, wo Nazis unter dem Beifall von versammelter Nachbarschaft Molotow-Cocktails in die unteren Wohnungen werfen.
Nina erzählt im Interview, wie sie im Fernsehen die Bilder der Angriffe gesehen habe und wie sie mit ein paar Antifas in zwei Autos kurzentschlossen aus Rendsburg nach Rostock gefahren seien. Hier wird deutlich, was praktische antifaschistische Solidarität bedeutet. Was im Film aber völlig fehlt, ist die Erfahrung der Ohnmacht, die sowohl die örtlichen Antifas vom 1991 gegründeten Jugendalternativzentrum (JAZ) als auch die wenigen Angereisten machten.
Rostock-Lichtenhagen als Zäsur
Zu diesen angereisten Antifas gehörte auch der Autor. Mit drei Autos waren Aktive des »Antirassistischen Telefons« und der Gruppe K aus Hamburg losgefahren. Vor Ort war die Situation niederdrückend. Tagsüber traute sich kein Antifa, in Rostock-Lichtenhagen zu demonstrieren: gegen große Teile der Bevölkerung, die, auch durch die Passivität der aus Hamburg angereisten Hundertschaften der Polizei, des aus Hamburg stammenden Rostocker Polizeipräsidenten und des Innenministers von Mecklenburg-Vorpommern motiviert, ungehemmt rassistisch agierten?
Für mich war Rostock-Lichtenhagen eine Zäsur. Davor richtete sich Antifa gegen Nazikadergruppen und ‑schläger. Danach ging es gegen die nationale deutsche Mehrheitsmeinung. Am Sonntagabend, dem 23. August 1992, standen rund 3000 Deutsche vor der ZASt und dem Arbeiterwohnheim, grölend und klatschend, während Steine und Molotowcocktails geworfen wurden. In der Nacht auf Montag, nachdem die Angriffe abgeflaut waren und die Belagerung zum Schlafen unterbrochen wurde, gab es dann eine kleine Antifa-Demo, vielleicht 200 Leute. Die Einzigen, die von uns Notiz nahmen, war die Polizei, die einige Antifas verhaftete.2Über die ganze Entwicklung in Rostock-Lichtenhagen hat eine Gruppe aus dem JAZ Rostock 1992/93 mit Unterstützung des alternativen englischen Fernsehsenders Channel Four den Film „The Truth Lies in Rostock“ gedreht und montiert, der auf YouTube kostenfrei streambar ist.

Rostock-Lichtenhagen nicht als Niederlage gegen die deutsch-nationale, übermächtige Gewalt zu benennen, ist ein Fehler, durch den die Erzählung des Films zu glatt wird. Für die Herausbildung einer antideutschen Orientierung bei vielen radikalen Linken und Antifas in den neunziger Jahren war die Debatte um Konsequenzen aus dieser Niederlage prägend. Die Debatte um antideutsch oder antiimperialistisch grundierten Antifaschismus führte 2004 zur Aufteilung der Göttinger Autonomen Antifa M in zwei Nachfolgegruppen.3Beide Gruppen bestehen bis heute: die antinationale Antifagruppe redical M und die Antifaschistische Linke International. Schon 2001 hatte sich die AA/BO aufgelöst, es folgten inhaltliche und organisatorische Neuorientierungen, oft entweder in Richtung Interventionistische Linke oder zum ebenfalls bundesweiten Bündnis Ums Ganze.
Obwohl der Film manche Aspekte der Antifa-Geschichte zu glatt zieht und der historischen Genese des rechten Terrors der neunziger Jahre zu wenig Aufmerksamkeit schenkt, ist er ein lohnender und bewegender Blick zurück. Dass vieles im Film nur angerissen werden kann, was sich zu vertiefen lohnt, ist auch den Filmemachern des linken Kollektivs leftvision bewusst. Es ist sehr daran interessiert, den Film für Veranstaltungen in linken Räumen zu verleihen, damit er auch im Rahmen von Debatten zur Auseinandersetzung mit der Geschichte der Antifa-Bewegung gezeigt wird. Jetzt kann der Film außerdem auch zur privaten Nutzung auf DVD erworben und für wenig Geld als Stream geliehen werden.
Gaston Kirsche, März 2026
Der Autor bewegte sich seit 1976 bis 1991 organisiert im Milieu des Kommunistischen Bundes in Hamburg und war in den neunziger Jahren in der antideutschen Gruppe K aktiv, danach in der gruppe demontage, ebenfalls in Hamburg.
ANTIFA – Schulter an Schulter, wo der Staat versagte, Deutschland 2024, 97 Min., Regie: Marco Heinig/Steffen Maurer, Drehbuch: Marco Heinig, Kamera: Steffen Maurer/Arne Büttner/Roman Rohr, Schnitt: Marco Heinig/Luise Burchard, Verleih: leftvision e.V., FSK: Ab 16, mit Warnung: »Bedrohung«.
Link zum Streaming: https://www.antifa-film.de/stream
Link zur Organisation von Vorführungen: https://www.antifa-film.de/film-zeigen-plakat-bestellen
Jetzt auch als DVD mit Bonusmaterial (Trailer und Bildergalerie). Erhältlich für 12 bis 15 Euro u.a. beim Label des Verleihs: https://shop.absolutmedien.de/ANTIFA-Schulter-an-Schulter-wo-der-Staat-versagte-DVD/4884215
- 1An die für die Community der Eingewanderten aus der Türkei bis heute präsente Ermordung von Ramazan Avcı erinnert eine Initiative und ein Gedenkort, vgl. dazu das Interview des Autors mit Perihan und Ünal Zeran: »Die Ermordung von Ramazan Avcı war ein Wendepunkt in der Migrationsgeschichte.« Graswurzelrevolution 357, März 2011.
- 2Über die ganze Entwicklung in Rostock-Lichtenhagen hat eine Gruppe aus dem JAZ Rostock 1992/93 mit Unterstützung des alternativen englischen Fernsehsenders Channel Four den Film „The Truth Lies in Rostock“ gedreht und montiert, der auf YouTube kostenfrei streambar ist.
- 3Beide Gruppen bestehen bis heute: die antinationale Antifagruppe redical M und die Antifaschistische Linke International.